Liebe zum Wissen – Das studentische Projekt Knowledgebay zwischen Institution und Initiative

Chapter (PDF Available) · January 2007with 60 Reads
In book: Online Communities als soziale Systeme. Wikis, Weblogs und Social Software im E-Learning, Edition: Medien in der Wissnschaft, Chapter: Liebe zum Wissen – Das studentische Projekt Knowledgebay zwischen Institution und Initiative, Publisher: Waxmann Verlag, Editors: Ulrich Dittler, Michael Kindt, Christine Schwarz, pp.199-213
Abstract
Das Projekt Knowledgebay ist ein an der Universität Regensburg gestartetes studentisches Projekt, zur Entwicklung und Bereitstellung multimedialer Lernme- dien. Im Jahr 2005 war es Finalist beim Multimedia Transfer Wettbewerb des Re- chenzentrums der Universität Karlsruhe im Rahmen der Learntec. Mit Hanna Knäusl und Thomas Sporer, zwei am Aufbau von Knowledgebay aktiven Studierenden führten Christine Schwarz und Ullrich Dittler ein Interview über die Hintergründe und die Zielsetzung des Projektes. Das Interview wurde in Form eines Wikis geführt, um allen – zum Interviewzeitpunkt an verschiedenen Stellen in Deutschland und den USA tätigen – Interviewbeteiligten die Chance zum Austausch und zum Mitarbeiten zu geben.
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Knäusl, H. & Sporer, T. (2007). Liebe zum Wissen – Das studentische Projekt Knowledgebay zwischen Institu-
tion und Initiative. In: U. Dittler, M. Kindt & C. Schwarz (Hrsg.). Online Communities als soziale Systeme.
Wikis, Weblogs und Social Software im E-Learning. S. 199-213. Münster: Waxmann.
Interview mit Hanna Knäusl und Thomas Sporer.
Liebe zum Wissen: Das studentische Projekt
Knowledgebay zwischen Institution und Initiative
Zusammenfassung
Das Projekt Knowledgebay1 ist ein an der Universität Regensburg gestartetes stu-
dentisches Projekt, zur Entwicklung und Bereitstellung multimedialer Lernme-
dien. Im Jahr 2005 war es Finalist beim Multimedia Transfer Wettbewerb des Re-
chenzentrums der Universität Karlsruhe im Rahmen der Learntec. Mit Hanna
Knäusl und Thomas Sporer, zwei am Aufbau von Knowledgebay aktiven Studie-
renden führten Christine Schwarz und Ullrich Dittler ein Interview über die Hin-
tergründe und die Zielsetzung des Projektes. Das Interview wurde in Form eines
Wikis geführt, um allen – zum Interviewzeitpunkt an verschiedenen Stellen in
Deutschland und den USA tätigen Interviewbeteiligten die Chance zum Aus-
tausch und zum Mitarbeiten zu geben.
Dürfen wir Euch zunächst Bitten da ggf. nicht jedem Leser euer Projekt prä-
sent ist – Knowledgebay und seine Besonderheiten kurz darzustellen?
Thomas Sporer: Wir verfolgen mit Knowledgebay einen einfachen und pragmati-
schen Ansatz. Das Projekt basiert auf der Idee Studierende die mit moderner
Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) aufgewachsen sind – zu
motivieren, sich aktiv an der Gestaltung der elektronischen Bildungsangebote von
Hochschulen zu beteiligen. Wir gehen bei diesem Ansatz von einem starken Inte-
resse der Studierenden am Lernen mit Internet und digitalen Medien aus und wol-
len dieses Interesse und die Kompetenzen der Studierenden im Umgang mit IKT
so nutzen, dass Studierende die Institution Hochschule konstruktiv mitgestalten.
Hanna Knäusl: Ich möchte das mal etwas konkretisieren: Knowledgebay ist ein
Internetportal, über das wissenschaftliche Inhalte aus der Hochschule in Form von
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www.knowledgebay.de
gerader Kopfzeilentext
2
digitalen Wissensmedien angeboten werden. Bei den Inhalten des Portals handelt
es sich zum einen um audiovisuelle Dokumentationen von wissenschaftlichen
Vorträgen und Vorlesungen der Präsenzlehre. Diese werden von Studierenden
während den Veranstaltungen mitgeschnitten und mit Metadaten, Foliensätzen
und Inhaltsangaben angereichert. Zum anderen werden aber auch Internetradio-
Beiträge von Studierenden erstellt, die beispielsweise über das Studium und Cam-
pusleben informieren oder auch Inhalte aus dem eigenen Fachstudium wissen-
schaftsjournalistisch aufbereiten. Dabei nutzen wir eine Vielzahl von Medientypen
(z.B. Text, Audio, Video etc.) und reichern die fertigen Beiträge mit Metadaten
und Hintergrundinformationen an. Alle Inhalte sind für jeden Nutzer frei und ein-
fach über das Internet zugänglich selbstverständlich auch außerhalb des Hoch-
schulbetriebs.
Thomas Sporer: Ja, genau dieser letzte Punkt war uns besonders wichtig. Wir hat-
ten von Anfang an die Idee den Zugang zum Wissen von Hochschulen durch die
Nutzung von Internet und digitalen Medien zu vereinfachen und so den Wir-
kungskreis des Bildungsangebots unserer Hochschule auszuweiten.
2 Aber wir hat-
ten nicht nur altruistische Motive, sondern auch selbst großen Nutzen vom Mit-
schneiden der Präsenz-Vorlesungen: Bei mir hatte das beispielsweise zur Folge,
dass ich in dem Semester meines Studiums, in dem ich kaum Vorlesungsveranstal-
tungen an der Uni besucht hatte, weil ich meine ganze Energie in das Projekt in-
vestierte, trotzdem an den Prüfungen am Semesterende teilnehmen konnte. Ich hab
mir einfach die Mitschnitte auf meinen MP3-Stick gezogen und dann beim Joggen
angehört. Das hat sehr gut geklappt. Aber das eigentlich Besondere an Knowled-
gebay ist für mich etwas anderes nämlich, dass Studierende das Portal und das
Projekt selbstorganisiert betreiben.
Hanna Knäusl: Ja, dieser Punkt ist auf den ersten Blick nicht gleich erkennbar;
zumindest nicht, wenn man nur das Portal besucht und sich nicht anschaut, was in
der realen Lerngemeinschaft abläuft. Wesentlich an Knowledgebay ist ja, dass für
die Produktion der Inhalte des Portals Studierende verantwortlich sind. Das heißt,
alle Inhalte werden von den Studierenden in eigener Regie erstellt und auf dem
Portal veröffentlicht. An der Universität Regensburg haben wir diese Aktivitäten
der Studierenden durch ein Seminarangebot in das Studium eingebunden. Das
Seminar ist eine gemeinsame Veranstaltung des Lehrstuhls für Informationswis-
senschaft und der Projektgruppe von Knowledgebay und wird von Studierenden
organisiert und durchgeführt3. Ziel des Seminars ist, dass das Wissen und Können,
2
Sporer, T., Riecks, A., Walter. G., Erbacher, C. Köstlbacher, A. & Jahnke, T. (2006). Knowledge-
bay - Informationsdienst einer digitalen Hochschule von Studierenden für Studierende. In: R.
Geier & A. Kretzer (Hrsg.). Information und Entertainment. Studentische Medientage Chem-
nitz 2005. Schriften zur Medienwissenschaft, Bd. 12. S. S. 153-164. Hamburg: Kovak Verlag.
3
Sporer, T. (in Arbeit). Studentische Lerngemeinschaften als Vehikel zur Hochschulentwicklung mit
neuen Medien: Wunschdenken oder Wirklichkeit. Manuskript eines Vortrags auf der Internati-
ungerader Kopfzeilentext
3
das benötigt wird, um die Inhalte des Internetportals zu erstellen, untereinander
weiter zu gegeben und zu erweitern. Wissen untereinander weiter zu geben, be-
deutet hier von den älteren (im Sinne von: längere Zeit im Projekt) an die neueren
Mitglieder der Lerngemeinschaft. Auf diesem Weg werden durch die neuen Pro-
jektmitglieder ständig die bisherigen Praktiken innerhalb der Lerngemeinschaft
auf den Prüfstand gestellt. Somit schaffen wir es, dass einerseits das bestehende
Wissen in der Projektgruppe erhalten bleibt und andererseits die von den Studie-
renden im Seminar erstellten Medienprodukte das inhaltliche Angebot des Portals
erweitert.
Was war für Euch der Impuls bzw. das Motiv an Knowledgebay mitzuarbeiten?
Thomas Sporer: Wir haben mit Knowledgebay gestartet, weil uns bestehende An-
gebote zum E-Learning nicht wirklich in unseren Lernbedürfnissen und Vorstel-
lungen zum Lernen mit neuen Medien angesprochen haben. Wir wollten interes-
sante audiovisuelle Inhalte wie zum Beispiel die Fernsehformate wie „News &
Stories“ von Alexander Kluge oder „Alpha Centauri“ von Harald Lesch – über das
Netz abrufen und nicht nur so langweilige `PDF-Download-Plattformen mit
Kennworteingabe´ nutzen. Weil es solche Angebote aber im Jahr 2000 kaum gab,
haben wir ein eigenes Projekt begonnen, das etwas anderes E-Learning macht. Ich
denke, in diesem Punkt liegt das Besondere an studentischen Initiativen wie
Knowledgebay: Es geht nicht nur darum sich theoretisches Wissen anzueignen.
Und es geht auch über den praxisnahen Kompetenzerwerb hinaus. Es geht eben
auch um die ‚Ausbildung’ von persönlichen Einstellungen. In unserem Fall die
Einstellung nicht bloß über suboptimale Studienbedingungen herumzulamentie-
ren, sondern die Sache in die Hand zu nehmen und aktiv auf Besserung der zum
Teil prekären Situation an unseren Hochschulen hinzuarbeiten. Wir haben das
"einfach mal gemacht" und wollten sehen was rauskommt. Knowledgebay hat uns
dabei eine sehr lehrreiche Gelegenheit geboten, um herauszufinden, was wir mit
der Theorie aus unserem Studium praktisch machen können.
Hanna Knäusl: Ja, wie Thomas Sporer grade sagte: Auch ich hatte den Wunsch
während meines Studiums an einem interessanten Projekt mitzumachen und die
fachlichen Impulse aus meinem Studium in der Praxis anzuwenden. Mit Know-
ledgebay war es dann bei mir so, dass ich in meinem zweiten Studiensemester am
"Praxisseminar für digitale Medien" teilgenommen hab, das von Thomas Sporer
und den anderen Projektgründern veranstaltet wurde. Da wir im Seminar viel dis-
kutiert haben und unser Ziel eine ständige Verbesserung der Internetplattform und
der Projektorganisation war, hab ich durch die Mitarbeit bei Knowledgebay viele
eigene Ideen bekommen. Von Anfang an war ich fasziniert von der Einfachheit
onalen Tagung „Learning Communities: Der Cyberspace als neuer Lern- und Wissensraum“ an
der Universität Klagenfurt. (Erscheint 2007 als Tagungsband)
gerader Kopfzeilentext
4
der Idee und deren hervorragender Umsetzung für ein studentisches Projekt. Mich
haben besonders die Qualität der Ergebnisse und die Zusammenarbeit der Mitglie-
der beeindruckt. Durch meine Begeisterung für das Projekt hatte ich schließlich
den Wunsch, meine eigenen Ideen mit einzubringen und hab begonnen aktiv an
der Lerngemeinschaft mitzuarbeiten. Besonders genial fand ich die Grundidee
dass Studierende eine digitale Hochschule im Netz schaffen und sie scheint mir
bis heute realisierbar.
Thomas Sporer: Das tue ich auch. Allerdings nicht so einfach, wie wir uns das
zuerst vorgestellt hatten. Es ist nämlich so, dass Knowledgebay an der Universität
Regensburg mittlerweile zum Stillstand geraten ist. Dafür gibt es eine Reihe von
Gründen, die es sich lohnt näher zu betrachten und auf die wir in diesem Interview
näher eingehen könnten: Die Gründe lagen auf der einen Seite innerhalb des Pro-
jekts und andererseits auch an den äußeren Rahmenbedingungen. Vielleicht be-
ginnen wir zunächst bei der wichtigsten internen Einflussgröße: Den Leuten, die
am Projekt mitmachen.
Was sind das für Personen, die im Projekt Knowledgebay aktiv waren und was
motivierte diese Personen zur Mitarbeit?
Thomas Sporer: Den Gründern von Knowledgebay waren besonders zwei Dinge
wichtig: Unsere Neugierde, die Möglichkeiten der neuen Medien zu nutzen und
ein gewisser Unternehmergeist aller Beteiligten. Und dann kam noch dazu, was
wir gelegentlich ‚Liebe zum Wissen’ nannten. Entsprechend bestand unsere Pro-
jektgruppe aus Leuten, die eine Wertschätzung und Freude an audiovisuellen Bil-
dungsmedien und guten Vorträgen teilten. Man könnte wahrscheinlich auch sagen,
die Leute, die bei uns mitgemacht haben, zeichneten sich durch ein hohes Maß an
Idealismus aus. Wir haben allerdings auch nicht nur philosophiert und diskutiert
was theoretisch wünschenswert wäre, sondern haben dann auch Taten folgen las-
sen. Ich würde daher sagen, wir sind wohl eher pragmatische Idealisten. Es gibt
übrigens einen interessanten Beitrag auf dem Portal von Knowledgebay, der die-
sen Punkt schön zum Ausdruck bringt.
4
Hanna Knäusl: Ich würde auch sagen, dass es vor allem engagierte Studierende
sind, die Spaß daran haben, etwas Neues zu entwickeln und gemeinsam mit ande-
ren Ideen umzusetzen. Das ist definitiv der Grundstock von jedem guten Projekt.
Bei näherem hinsehen, gibt es allerdings sehr unterschiedliche Motivationen, auf
Grund deren Studierende an Initiativen wie Knowledgebay mitarbeiten. Das zeigt
sich vor allem an der Art und Weise, wie sich die unterschiedlichen Personen in
das Projekt einbringen: Manche wollten einfach einen Schein in einem praxisori-
entierten Seminar erwerben, andere – wie ich – fanden die Idee super und brachten
4
http://www.knowledgebay.de/beitrag/248
ungerader Kopfzeilentext
5
sich deswegen nach dem Seminar in die Organisation des Projekts ein. Innerhalb
des Kernteams von Knowledgebay gab es dann zum einen Leute, die wollten
Knowledgebay größer machen und so ausbauen, dass auch Studierende anderer
Hochschulen an der Initiative mitmachen. Und zum anderen Leute, die meinten,
dass Knowledgebay ein kleines, aber feines Studentenprojekt in Regensburg blei-
ben sollte, dass über Generationen von Studierenden am Leben erhalten wird.
Letztlich ist beides etwas anders gekommen.
Thomas Sporer: Ja, das war eine eigenartige Geschichte! Ich erzähle das mal kurz:
Im Frühjahr 2002 lernte wir (also das spätere Kernteam von Knowledgebay) uns
kennen und hatten die ersten Ideen zu dem Projekt. Wir entwickelten eine grobe
Projektskizze und setzten im selben Semester erste Beitragsproduktionen im
Knowledgebay-Format um. Mit diesen Zwischenergebnissen wendeten wir uns
dann an verschiedene Stellen an der Uni Regensburg, die sich mit E-Learning be-
fassten, um mögliche Kooperationen mit bereits bestehenden Aktivitäten zu er-
möglichen. Allerdings wurden keine Möglichkeiten zu einer Zusammenarbeit ge-
sehen und man empfahl uns, das Projektvorhaben besser gleich sein zu lassen, da
unsere Idee ohnehin ziemlich wenig Erfolgsaussicht habe. Dass sahen wir nicht so
und nach einige weiteren ergebnislosen Anläufen zur Kooperation, haben wir uns
entschieden, das Projekt auch ohne offizielle Unterstützung durch die Uni zu ma-
chen. Obwohl wir keine unmittelbaren Mittel für unser Projekt hatten, konnten wir
uns durch die Hilfe einzelner Personen, die unsere Idee gut fanden an ver-
schiedenen Orten auf dem Campus die benötigten Ressourcen für unsere Projekt-
arbeit organisieren. Ein Jahr später - im Sommersemester 2003 - konnten wir auf
diesem Weg den Prototypen von Knowledgebay fertigstellen. Das Portal ging on-
line und wir verananstalteten mit dem Lehrstuhl für Informationswissenschaft das
Seminar, durch das Hanna Knäusl in das Projekt eingestiegen ist. Zu dieser Zeit
haben wir viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben,
5 aber trotz aller Bemühungen inte-
ressierten sich inner- und außerhalb der Uni nur wenige Leute für Idee und Ziele
unseres Projekts. Als wir dann gegen Ende September begannen das Durchhalte-
vermögen zu verlieren, wurden wir unvorhergesehen zur Vorstellung unseres Pro-
jekts auf der Hamburger "Campus Innovation" eingeladen.6 Diese Projektvorstel-
lung war ein toller Erfolg und plötzlich begann man sich von verschiedensten Sei-
ten für unser Projekt zu interessieren – nun auch in Regensburg. Dieser Erfolg hat
allerdings bald die Wirkung eines trojanischen Pferdes entfaltet und zu einigen
Schwierigkeiten innerhalb der Projektgruppe geführt.
Wie hat der Erfolg des Projekts die Zusammenarbeit verändert? Und was hat
das mit den Beteiligten bei Knowledgebay gemacht?
5
http://video.uni-regensburg.de:8080/ramgen/Fakultaeten/M_Link/sonstige/kb_tva.rm
6
Vortragsmitschnitt unter http://www.knowledgebay.de/beitrag/407
gerader Kopfzeilentext
6
Thomas Sporer: Naja, ich denke wir konnten nicht so gut mit dem Erfolg umge-
hen. Eventuell haben einige im Projekt inklusive mir - etwas überkompensiert.
Plötzlich kamen von allen Seiten anfragen zur Kooperation - einige wollten uns
sogar „einkaufen“. Da wir nicht mit dieser Entwicklung gerechnet hatten, war in-
nerhalb unserer Gruppe überhaupt nicht klar war, wie wir mit dieser Situation um-
gehen sollten. Jeder wollte jetzt zwar am Projekt „teilhaben“, aber leider stand das
„Erfolg haben“ nun vor dem „Ideen teilen“. Das machte sich in mehrer Hinsicht
bemerkbar: Einerseits wurden manche Leute, die sich zuvor nur sehr am Rande in
das Projekt eingebracht hatten, zu zentralen Projektakteuren – ohne allerdings
konsequent die Verantwortung für das Projekt zu übernehmen. Und andererseits
entwickelte sich bei den Leuten, die das Projekt zuvor mit einem gigantischen Ar-
beitsaufwand betrieben haben, ein erheblicher Unmut über diese Situation. Das
führte dazu, dass auf einmal Fragen wie „Wem gehört Knowledgebay jetzt eigent-
lich?“ in den Vordergrund rückten und dadurch die Wirksamkeit unserer Gruppe
erodierte. In dieser Situation gab es zwei Fraktionen: Die einen wollten Knowled-
gebay professionalisieren und zu eine Firma machen und die anderen wollten ein-
fach so weiter machen wie bislang - nur eben mit dem Bonus des Erfolgs. Ich hat-
te lange Zeit einen Spagat zwischen diesen zwei Lagern gemacht, weil ich glaubte,
dass ein „Sowohl-als-auch“ möglich ist. Aber ich wurde eines Besseren belehrt:
Denn beides funktionierte nicht. Die einen haben sich nicht voll auf das Projekt
konzentriert, weil für sie eben viele andere Dinge neben dem Projekt auch noch
wichtig waren. Die anderen haben irgendwann nicht mehr eingesehen die ganze
Arbeit zu machen und am Ende, wie diejenigen anderen, die nebenbei noch andere
Projekte laufen hatten, einfach nur dabei gewesen zu sein.
Hanna Knäusl: Ich denke mal, das ist gar nicht so sehr nur "unser Problem" gewe-
sen. Es gibt doch immer manche, die sind stets zur Stelle und reißen sich echt ein
Bein aus, um alles zu erledigen! Und manchmal scheitert es einfach an der Unlust
mancher – das darf eigentlich nicht sein! Gerade, solange alles freiwillig passiert.
Es muss möglich sein, sich zeitweise von anderweitigen Verpflichtungen frei zu
sprechen. Wenn man vorgibt, für ein Projekt da zu sein, dann sollte man sich auch
darauf verlassen können. Da muss man auch mal auf einen Abend im Kino oder
den Kneipenbesuch mit den Freunden verzichten. Solange es aber keine ‚handfes-
te Belohnung’ für bestimmte Arbeiten gibt und der Erfolg von Projekten nicht ab-
zusehen ist, gehört einfach eine große Portion Idealismus dazu. Da ist es mitunter
schwer die richtigen Leute zu finden. Ist dann so ein Projekt erfolgreich am Lau-
fen, wollen natürlich alle dabei sein. Aber damit überhaupt was ins Rollen kommt,
muss es ausreichen, dass die Arbeit selbst und das Ergebnis (also das Projekt und
die Erweiterung des eigenen Wissens) die Leute zum Mitmachen bringen. Sehr
interessant fand ich jedenfalls, wie schwierig es sein kann, manche Leute für so
ein Projekt zu motivieren und warum selbst viele, die fast schon neidisch auf unse-
re Arbeit waren, dennoch nicht auf die Idee kommen, sich selber zu engagieren.
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Was für eine Form von Gemeinschaft zeichnet die Knowledgebay-Community
aus? Wie unterscheidet sie sich von anderen (traditionellen) Gemeinschaften
wie Clique, Studienklasse, Arbeitsgruppe?
Thomas Sporer: Ich würde sagen, eine Clique waren wir eher nicht, weil wir nicht
in jeder freien Minute zusammenhingen. Aber wir haben uns auch nicht nur zu
einer projektorientierten Lehrveranstaltung getroffen, wie eine Studienklasse. Und
eine Arbeitsgruppe waren wir insofern nicht, als dass wir zunächst keine feste
Aufgabe gemeinsam bearbeitet haben. Wir waren eine Gruppe von Studierenden
verschiedener Studienfächer, die ein gemeinsame Idee hatten und ein Projekt ge-
macht haben. Am Anfang stand dabei ein gemeinsames Interesse aller Teilnehmer
an den Möglichkeiten neuer Medien für das Lernen. Es war aber noch völlig un-
klar, in welche Richtung unser Projekt gehen sollte. Wir hatten nur eine vage Idee
und die ist dann im Verlauf der Projektumsetzung immer klarer geworden. Sie hat
sich gewissermaßen erst herauskristallisiert. Mit Blick auf den „Konstruktionis-
mus“ von Seymour Papert könnte man sagen, dass diese Entwicklung von Know-
ledgebay unseren Lernprozess widerspiegelt: Beim Bau des Internetportals und
der Erstellung der auf dem Portal angebotenen Wissensmedien haben alle Projekt-
beteiligten viel gelernt. Beispielsweise im technischen Bereich über (Internettech-
nologien, Medienformate, Softwareprogramme, etc.), aber auch im organisatori-
schen Bereich (Redaktionssitzungen, Seminarorganisation, Ressourcenbeschaf-
fung, etc.). Das alles war uns zunächst alles gar nicht so wirklich bewusst. Denn
bis etwa im Juli 2003, hatten wir primär auf die Fertigstellung des Prototypen für
das Portal hingearbeitet. Erst später hatten wir dann Zeit zur Reflektion darüber,
was wir eigentlich mit Knowledgebay auf die Beine gestellt hatten. Da wurde uns
dann bewusst, dass wir nicht nur ein von Studierenden betriebenes Portal für Wis-
sensmedien im Netz aufgebaut hatten, sondern sich unserer Projektgruppe auch zu
einer so genannten `Community of Practice´ entwickelt hatte. In dieser Zeit hat
sich nicht zuletzt durch die Schwierigkeiten, die mit dem Projekterfolg einher-
gingen die Perspektive mancher Projektteilnehmer verändert. Der Fokus wech-
selte vom Produkt auf den Prozess der Realisierung unseres Projekts. Wir haben
dann begonnen die Organisationsstrukturen, die während der Projektarbeit ent-
standen waren zu dokumentieren und theoretisch zu fundieren. Diese Reflektion
des Projekts hab ich dann zum Thema meiner Magisterarbeit gemacht. Einige Tei-
le dieser Arbeit konnten wir als „Work-in-Progress“ auf einer Reihe wissenschaft-
licher Fachveranstaltungen vorstellen und wir haben die Zwischenergebnisse auch
bei einigen Hochschulwettbewerben eingereicht. So haben wir bei der Entwick-
lung unseres Projektkonzepts vielfältiges Feedback von Experten bekommen.
Auch wenn unser Projekt nicht von allen Experten verstanden worden zu sein
scheint, denke ich, dass uns das sehr geholfen hat, zu Lernen unsere Ideen, die
durch die Verschiedenheit der an Knowledgebay beteiligten Studierenden entstan-
gerader Kopfzeilentext
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den sind, als schlüssiges Konzept zusammenzufassen und wissenschaftlich fun-
diert zu kommunizieren.
Was ist das besondere an interdisziplinären Lerngemeinschaften wie Knowled-
gebay? Wie wurde in euerem Projekt mit der Diversität der Teilnehmer umge-
gangen?
Hanna Knäusl: Da ich erst nach fast einem Jahr zu der Gruppe gestoßen bin, ken-
ne ich die Dynamik der ursprünglichen Gruppe nicht so genau. Über die ganze
Zeit meiner Teilnahme am Projekt aber war die Unterschiedlichkeit der Beteilig-
ten sehr hoch. Diese Diversität ist natürlich zum einen auf die verschiedenen Stu-
dienfächer und fachlichen Hintergründe zurückzuführen, aber auch die Persön-
lichkeiten spielen eine wichtige Rolle. Das wurde vor allem für mich deutlich, da
ich ja im Sommer 2003 neu in das Projekt hinzukam und erst meine Rolle inner-
halb der Gruppe finden musste. Für mich gab es damals verschiedene Typen im
Kernteam z.B. den ‚kreativen Kopf’, den ‚Pragmatiker’, den ‚Theoretiker’, den
‚Disziplinierten’. Es ist immer schwierig, sich da in eine bestehende Gruppe ein-
zufügen, denn: wenn eine dieser Rollen nicht besetzt ist oder auch eine Doppelbe-
setzung vorliegt, ist es problematisch. Und natürlich gibt es in einer derartigen
Gruppe kontroverse Diskussionen und immense Meinungsverschiedenheiten – vor
allem, da das Projekt eigentlich keine standardisierten Vorgehensweisen hatte,
sondern der gemeinsame Nenner lediglich darin bestand, aus den unterschiedli-
chen Perspektiven (als unterschiedliches Vorwissen, Ideen und Erfahrungen der
Beteiligten) das Projekt bestmöglich weiterzuentwickeln. Aber trotz vieler und
offener Kritik scheint es mir so, dass sich alle Gruppenmitglieder gegenseitig ak-
zeptieren und respektieren (vielleicht auch gerade wegen der Unterschiedlichkei-
ten?). Allerdings ist auch nicht jede(r) Studierende der dies versuchte, ein Teil der
Community of Practice geworden. Manche Studierende haben einige Zeit mitge-
arbeitet, sind aber nie ein Teil der Gruppe geworden. Dies ist, da denke ich anders
als Thomas Sporer, schon ein bisschen auf das Verhalten und die Dynamik einer
Clique zurück zu führen (vielleicht auch wegen des "Rollenproblems"). Andere
haben aber durchaus eine Zeit als Teil der Community mitgearbeitet, allerdings
eben nur so lange bis ein bestimmtes Teilprojekt abgeschlossen war und eine stu-
dienwirksame Leistung (sprich: Schein) erreicht war. Die Gruppe ist also letztlich
auch von der Motivation sehr heterogen. Aber ich denke, das ist auch eine ihrer
Stärken.
Thomas Sporer: Wenn auch der Umgang mit der Diversität der Teilnehmer nicht
immer ganz leicht war, denke ich dennoch, dass dies ein besonders spannender
Aspekt unseres Projekts ist. Wie Hanna Knäusl zuvor sagte, lag in der Mischung
verschiedener Arbeits-, Denk- und Lernstile die Umsetzungsstärke unseres Pro-
jektteams! Beispielsweise: Immer wenn sich einige Projektteilnehmer in endlosen
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Details zu verlieren drohten, haben andere im Team die Handbremse gezogen und
ganz konkrete Handlungsschritte zum Erreichen unserer Ziele gefordert. Aber
wenn es um die Herstellung geteilter Zielvorstellungen und die gemeinsame Inten-
tion der Projektgruppe ging, dann wurde durchaus reflektiert gehandelt, so dass es
durch die vorangegangene Bedeutungskonstruktion bei den Treffen der Projekt-
gruppe selten zu blindem Aktionismus kam. Rückblickend auf den Verlauf unse-
res Projekts hab ich mich mit diesem Thema intensiver auseinandergesetzt. Bei
meinen Recherchen hab ich beispielsweise die Lerntypen von David Kolb ent-
deckt, mit denen sich die Zusammensetzung unserer Gruppe ganz gut beschreiben
lässt. Kolb unterscheidet ja im Wesentlichen vier Lerntypen, die sich durch ihre
Präferenzen für divergierendes, assimilierendes, konvergierendes und adaptieren-
des Denken unterscheiden. Mein Eindruck ist, dass sich diese Präferenzen bei den
Teilnehmern unseres Projekts sehr gut die Waage hielten und wir gewissermaßen
komplementäre Eigenschaften hatten, die uns als Gruppe effektiv gemeinsam ler-
nen und arbeiten ließen. Hinsichtlich der von Hanna Knäusl angesprochenen Mo-
tivation war der Umgang mit den Unterschieden in der Gruppe dagegen schwieri-
ger.
Das viel beschworene „Selbstorganisierte Lernen“ ist ja im E-Learning-Kontext
hoch gehandelt worden. Wie geht ihr mit diesem Label um? Passt es auf Euch?
Hanna Knäusl: Ich hab eigentlich bei Knowledgebay nie anderes als selbstorgani-
siert gelernt und gearbeitet. Daher ist es für mich auch kein Label, sondern eine
Selbstverständlichkeit. Denn: ein studentisches Projekt wie Knowledgebay ist von
Grund auf selbstorganisiert, sonst würde es gar nicht existieren! Selbstorganisiati-
on findet allerdings in unserem Fall auf zwei unterschiedlichen Ebenen statt: Zum
einen durch die Nutzung des Projektergebnisse (d.h. die Wissensmedien auf dem
Portal). Also quasi die eigenständige Befassung mit didaktisch aufbereitetem
Lehr-Lernmaterial, welches über eine Lernplattform angeboten wird. Diese Form
von Selbstorganisation ist eigentlich nichts wirklich Neues. Im Grunde ist das
doch so wie auch Bücher benutzt werden, nur, dass E-Learning eben andere Mög-
lichkeiten bietet. Bei der zweiten Ebene geht es um die Selbstorganisation, die
stattfinden muss, um solche Medienprojekte überhaupt zu realisieren. Hier gab es
innerhalb der Gruppe natürlich eine Aufgabenverteilung und zumindest partiell
auch Hierarchie (basierend auf der Projekterfahrung). Somit kann man ganz klar
sagen, dass innerhalb der Gruppe nicht ausschließlich selbst (im Sinne von Selbst
= Individuum) stattfindet, allerdings (im Sinne von Selbst = die Projektgruppe)
sehr wohl. Auf der einen Seite sind die neuen Medien also eher das Mittel und auf
der anderen Seite eher der Zweck der Selbstorganisation im Projekt.
Thomas Sporer: Das trifft es ziemlich genau! Leider wurde aus meiner Sicht der
Begriff "Selbstorganisation" im E-Learning-Kontext manchmal etwas verkürzt
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verstanden. Hierzu war unsere Teilnahme am MedidaPrix 2005 ein Beispiel. Dort
stand in unserer Bewerbung, dass der Fokus auf dem Lernen durch die Medienar-
beit in der Projektgruppe liegt! Im Gutachten zu unserer Einreichung ist dann zu
lesen: „Blendet man die bei diesem Vorhaben zentrale Ebene der aktiven Medien-
arbeit aus [sic!], ist knowledgebay jedoch nicht mehr als eine solide elektronische
Seminar- und Vorlesungssammlung, die in den Bereichen Didaktik, Interaktion
und Technik keine innovativen oder gar preisverdächtigen Lösungen bereithält"
[Medidaprix-Gutachter, 2005]. Damals haben wir uns schon gefragt, ob man das
Projekt richtig verstanden hatte. Heute denke ich, dass es nicht verstanden wurde,
weil zu dieser Zeit das Verständnis von Interaktion und Selbstorganisation im E-
Learning-Kontext schlichtweg ein Anderes war. Das lässt sich übrigens auch an
den Evaluationskriterien erkennen, die überwiegend für multimedial aufwändig
gestaltete Lernumgebungen gemacht waren und man nachweisen musste, dass die
Lernumgebungen auch in das Curriculum der Studienfächer eingebunden waren.
Dagegen ist natürlich auch grundsätzlich nichts einzuwenden, aber ich finde halt
dafür die Bezeichnung ‚Fremdorganisation’ treffender zumindest wenn man es
mal ‚lernerzentriert’ betrachtet. Seit dem Jahr 2005 scheint sich im Kontext von E-
Learning 2.0 die Perspektive auf diesen Sachverhalt allerdings zu verändern.
Als Teil des E-Learning 2.0 sind zurzeit „Online-Communities“ in aller Munde.
Wie schätzt Ihr die Bedeutung dieser Communities mittelfristig ein?
Hanna Knäusl: Im Moment rufen alle „Web 2.0“ und „Social Software“ und es
werden hohe Erwartungen mit der Bedeutung von Communities verknüpft! Die
gesteigerte Aufmerksamkeit für diese Themen finde ich grundsätzlich super, habe
aber gleichzeitig den Verdacht, dass es sich teilweise um eine Modeerscheinung
handelt, die nicht primär das Lernen zum Ziel hat. Wenn wir uns beispielsweise
Web 2.0-Dienste wie YouTube anschauen, dann geht es da ja eher um Unterhal-
tung als um Information. Bei einem Besuch auf solchen Seiten findet man ja we-
nig Substantielles. Es ist fast ein wenig wie Bildzeitung lesen. Nur interessant,
wenn man dem `Volk aufs Maul schauen´ will. Mehr kann ich dort nicht lernen.
Auch die Motivation dort Inhalte einzustellen scheint mir eher davon geprägt zu
sein, dass sich Leute dort Selbst produzieren möchten. Für eine echte Community
fehlt hier für mich eine gemeinsame Zielsetzung oder Vision. Das ist bei der Wi-
kipedia anders. Die hat ja zum Ziel das Wissen der Menschheit zu vereinen und
die "Bibliothek von Alexandria" im Netz aufzubauen. Im Unterschied zu YouTube
entsteht hier so etwas wie eine gemeinsame Identität der am Projekt beteiligten
Personen – den so genannten "Wikipedianern". Andererseits scheint die Wikipedia
gerade in jüngster Zeit mit ihrem Erfolg auch Schwierigkeiten zu haben, da das
mitmachen dort Prestige ist und einige Leute einfach dabei sein wollen ohne sich
von dieser grundlegenden Idee angesprochen zu fühlen. Dadurch gibt es offenbar
ungerader Kopfzeilentext
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auch dort zunehmend viele `Wichtigtuer´ und `Besserwisser´, die die Organisation
von offenen Projekten und Gemeinschaften belasten können.
Thomas Sporer: Das liegt für mich an dem nervigen „Lemminge-Denken“ (wobei
ich jetzt laut Wikipedia wohl diesen armen Tierchen unrecht tue). Deutlich wird
das auch, wenn man sich Marketingworte wie `Podcasts´ anschaut. Da könnte man
glatt meinen, dass es sich um eine Revolution des Lernens handelt. Aber so neu
wie man bei dem ganzen Hype meinen könnte, ist das doch gar nicht! Ich denke,
insofern ein Interesse zum eigenständigen Lernen mit Medien, wie beispielsweise
Vorlesungsmitschnitten und Audio-Büchern, vorhanden ist, kann dadurch sicher-
lich der Wissenserwerb angeregt werden. Allerdings würde ich dann nicht von
Selbstorganisation, sondern eher von Selbstgesteuertem Lernen sprechen. Voraus-
gesetzt natürlich, dass diese Medien hinreichend inhaltliche Qualität haben und
man auch versteht, um was es in den Inhalten geht. Aber das wird leider seltener
thematisiert. Stattdessen kann man aber zur Zeit auf manchen Fachveranstaltungen
feststellen, wie die Grenzen zwischen Wissenschaft und Marketing verschwim-
men. Da kennt man nach einem 20-minütigen Vortrag sämtliche Produktvarianten
des iPod von Apple! Worte wie Lernprozess oder Selbstorganisation kommen da
vergleichsweise selten vor.
Ich will hier wirklich nicht Schwarzmalen. Ich befürworte die aktuelle Entwick-
lung rund um das E-Learning 2.0 generell schon sehr und glaube auch, dass das
Internet ein ideales Medium für pädagogische Reformen ist. Aber ich befürchte,
dass irgendwann „vor dem Hype nach dem Hype“ sein wird! Hier weist uns Pa-
pert deutlich darauf hin, dass dies in den vergangen 30 Jahren mit „Educational
Technology“ schon sehr oft der Fall war.
7 Im Grunde sind doch all diese Dinge,
die wir derzeit wieder diskutieren, schon seit über 100 Jahren bekannt. Unabhän-
gig von Technologien haben John Dewey und andere Reformpädagogen diese
Prinzipien, wie Erfahrungslernen, Selbstorganisation und Eigenaktivität, schon
empfohlen! Ich finde, man sollte darüber nachdenken, warum sich trotz immer
neuer Technologien im Alltag des Lernens seither relativ wenig verändert hat.
Medienpropagandisten wie Erik Möller – dies beschreibt er in seinem Buch
„Die heimliche Medienrevolution“ sehr anschaulich – glauben, dass das Inter-
net eine extreme Kraft zur Demokratisierung aller Lebensbereiche hat – wie
weit könnt Ihr diesen Überlegungen zustimmen?
Thomas Sporer: Teilweise gehe ich da klar mit. Neue Technologien nehmen si-
cherlich einen starken Einfluss auf die soziale Realität auch außerhalb des ei-
gentlichen Mediums. Aber: Die Technologie ist ja zunächst mal neutral. Erst wir
Menschen geben der Technologie durch unsere Nutzungsgewohnheiten eine be-
7
Vgl.: http://www.papert.org/articles/diversity/DiversityinLearningPart1.html
gerader Kopfzeilentext
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stimmte Richtung. Beim Internet basiert die Nutzung der Netzwerktechnologie
von Anfang an auf einem partizipativen Gedanken, der sich auch technisch im so
genannten "End-to-End-Prinzip" widerspiegelt. Es freut mich, dass das Internet
nach dem Platzen der „New-Economy-Blase“ von einem Medium zur Verteilung
von Information wieder zu einer Kommunikationsplattform wird über die Infor-
mation nicht nur von Sendern zu Empfängern, sondern wechselseitig fließt. Jeder
kann prinzipiell in diesem Mitmach-Web zum Autor werden und sich in einen öf-
fentlichen Diskurs einbringen. In diesem Punkt geht Möller davon aus, dass dies
zu einer Demokratisierung aller Lebensbereiche führt. Das sehe ich auch so! In
der Frage, ob dies allerdings auch in der gesellschaftlichen Breite wirksam wird,
bin ich skeptischer. Meiner Ansicht nach reicht es nicht aus einfach zu sagen:
"Willkommen, Freunde! Wir haben auf euch gewartet." Damit möglichst viele
Menschen positive Erfahrungen mit diesen neuen Möglichkeiten der „Medienre-
volution“ machen, halte ich die bewusste Gestaltung der gesellschaftlichen ins-
besondere bildungspolitischer Rahmenbedingungen für zentral. Denn die Kraft
von der Möller schreibt muss man erleben, um sie zu verstehen: Da sehe ich unse-
re Bildungsinstitutionen in der Pflicht, nicht nur über diese Potenziale zu lehren,
sondern auch jungen Menschen lebensnahe Lernräume anzubieten, wo derartige
Erfahrungen möglich sind. Und da wären wir dann über hundert Jahre später
wieder bei einer Idee, wie sie John Dewey in der Chicagoer Laborschule realisiert
hat. Ich würde mir sehr wünschen, wenn wir uns an diese innovativen Bildungs-
konzepte erinnern und sie auf das Zeitalter von Web 2.0 adaptieren also quasi
beginnen digitale Laborhochschulen zu bauen, in denen Lehrende und Studierende
mit Freude gemeinsam Lernen und Forschen. Das MIT MediaLab in Boston wäre
wahrscheinlich ein gutes Beispiel.
Hanna Knäusl: Ich denke, Moeller hat zwar grundsätzlich nicht unrecht, meiner
Meinung nach sieht er aber vieles, speziell das Internet, zu positiv: als Plattform
für eine künftige gerechte und demokratische Weltgesellschaft. Betrachtet man
aber die, wie er es nennt, `Weltgesellschaft´ dann lässt sich noch keinerlei Gerech-
tigkeit, die durch das Internet erreicht worden wäre, feststellen. Es ist durchaus
richtig, dass in einer Gesellschaft wie der unseren das Internet eine Basis zu mehr
Gerechtigkeit bei der Informationsverteilung sein kann. Und, wie Thomas Sporer
das bereits gesagt hat, durch den Informationsfluss in beide Richtungen ergeben
sich unzählige Möglichkeiten zum Diskurs und zur Demokratisierung. Dennoch
befähigt nur das Vorhandensein dieser Technologien noch lange nicht jeden dazu,
diese auch zu nutzen! Und gerade mit Web 2.0 und dem rasanten Fortschritt der
Hardware wird die Einstiegsstufe immer höher. Deshalb erscheint es mir umso
wichtiger, dass unsere Bildungsinstitutionen, wie Dewey es nennt, die Erziehung
zum Demokratischen Buerger in einer "Embryonic Society" fördern. Er sprach
zwar hier nicht explizit von den neuen Technologien, aber der Grundsatz ist der
selbe: Die Gefahr den Anschluss an die schnelle Entwicklung und die Fähigkeit,
ungerader Kopfzeilentext
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neue Chancen auch zu nutzen zu verlieren, wird immer größer. Selbst an unseren
Hochschulen, ist doch das unterschiedliche Maß an Informations- und Medien-
kompetenz und somit der Fähigkeit, an der von Möller proklamierten Demokrati-
sierung aller Lebensbereiche teilzuhaben, deutlich. Ich denke aber, dass man gera-
de im Mikrokosmos einer Hochschule viele Möglichkeiten hat, die Nutzung neuer
Medien zum demokratischen Diskurs zu fördern. Und ich denke, ein Projekt wie
das unsere, mit den geringen Einstiegsbedienungen und der Dynamik einer offe-
nen Gemeinschaft kann einen guten Teil dazu beitragen.
Wie würdet Ihr denn abschließend die Chancen und Probleme von studenti-
schen E-Learning-Projekten einschätzen?
Hanna Knäusl: Wir haben mit unserem Projekt viele Erfahrungen gemacht, von
denen wir jetzt sagen "... hätten wir das nur vorher gewusst". Haben wir aber
nicht! Wir haben etwas den Idealismus mancher Leute überschätzt und vielleicht
auch ein bisschen unsere eigenen Kapazitäten. Dennoch hat sich während der gan-
zen Laufzeit des Projekts gezeigt, dass das Konzept, wie wir es entwickelt und
umgesetzt haben, auf jeden Fall gut funktionieren kann. Allerdings spielen für den
Erfolg solcher Projekte auch Faktoren eine Rolle, auf die Studierende nur wenig
Einfluss haben. Beispielsweise: Gibt es an einer Hochschule ausreichend techni-
sche Infrastrukturen und haben Studierende Zugang zu diesen? Ermöglichen die
Studienstrukturen ein extracurriculares Engagement von Studierenden oder folgt
das Studium einem festen „Stundenplan“ mit wenigen Freiräumen? Sind diese
grundlegenden Rahmenbedingungen gegeben, liegt es an den Studierende, ob sie
bereit sind eigenaktiv und selbstorganisiert zu handeln und lernen. Dann stellt sich
„nur“ noch die Frage, ob sie auch eine Gruppe bilden können, die einerseits dy-
namisch genug ist, um sich schnell auf neue Situationen einzustellen und neue
Möglichkeiten zu realisieren. Die aber andererseits auch stabil genug ist, um ein-
zelne Projektschritte zu vollenden und diese an nachfolgende Generationen des
Projekts weiterzugeben. Hier können eventuell Angebote zum Mentoring und Co-
aching von Projektgruppen helfen. Dies, um nur einige wichtige Punkte zu nen-
nen. Hier sieht man schon, welches die Probleme eines studentischen Projektes
sein können – wobei diese Probleme gar nicht zwangsläufig E-Learning spezifisch
sind. Wie groß die Chancen für ein studentisches Projekt dann wirklich sind, hängt
vor allem auch von der Dimension des Vorhabens ab. Wichtig ist auf jeden Fall
sich von Anfang an darüber bewusst zu sein, dass die Zeit von Studierenden an
der Universität begrenzt ist. Deswegen sollte solche Projekte nicht zuletzt so kon-
zipiert sein, dass nach einer gewissen Schaffenszeit einer Gruppe das Projekt an
eine neue Gruppe weitergeben werden kann. Bei uns war es sehr gut, dass die an
Knowledgebay beteiligten Personen in einem Seminar auch einen Schein erwer-
ben konnten. So war es ja auch bei mir. Ich hab zuerst am Seminar teilgenommen
und dann hat es mir so gut gefallen, dass ich auch über diese Veranstaltung hinaus
gerader Kopfzeilentext
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bei Knowledgebay mitgemacht hab. Leider ist es aber häufig so, dass wenn die
Leistung, die zum Erwerb eines Scheins notwendig ist, erbracht wurde, zum
nächsten Kurs übergegangen wird.
Thomas Sporer: Ja, genau darin liegt für mich ein qualitativer Unterschied von
studentischen Projekten im Vergleich zu projektorientierten Lehrveranstaltungen.
An der Universität Augsburg, meinem neuen Lern- und Arbeitsort, befassen wir
uns verstärkt mit der Frage, welche Kontextbedingungen (z.B. Lerninfrastruktu-
ren, Studienkonzeptionen) die Entstehung von selbstorganisierten Lerngemein-
schaften fördern und wie sich solche offenen Lernformen in die neuen Curricula
der BA-/MA-Studiengänge integrieren lassen. Mit dem so genannten Begleitstu-
dium „Problemlösekompetenz“ hat die Augsburger Medienpädagogik bereits eine
ganze Reihe ähnlicher Erfahrungen mit Studierendenprojekten gemacht. Vor die-
sem Hintergrund haben wir einen Artikel
8 zu diesem Thema geschrieben und ich
möchte mich in meiner Promotion ausführlicher mit Studienkonzeptionen befas-
sen, die Studierenden die benötigten Freiräume für eigene Projekte geben. Dies ist
für mich die wichtigste Fragestellung, die ein Projekt wie Knowledgebay aufwirft.
Auf dem Panel der Jahrestagung der GMW hat die Alltagstauglichkeit von studen-
tischen Projekten erstmal kontroverse Diskussionen angeregt. Das ist sehr gut!
Und die Verleihung des MedidaPrix an das Projekt E-Lib ist für mich ein wichti-
ges Signal. Ich wünsche mir, dass dieses Thema in der E-Learning-Community
noch mehr zum Thema wird: Wie lässt sich an Hochschulen eine Lernkultur
schaffen, bei der Studierende (mit-)forschen, (mit-)lehren und (mit-)entwickeln?
Das Interview mit Hanna Knäusl und Thomas Sporer führten Christine
Schwarz und Ullrich Dittler im Dezember 2006.
8
Reinmann, G., Sporer, T. & Vohle, F. (in Druck). Bologna und Web 2.0: Wie zusammenbringen,
was nicht zusammenpasst? In Kerres, M. & Keil, R.(Hrsg.) eUniversity - Update Bologna. E-
ducation Quality Forum. Bd. 3, Münster: Waxmann.
  • ... Allerdings lassen sich solche Szenarien nicht ohne Probleme in das formale Universitätsstudium integrieren. Selbstorganisierte Projekte von Studierenden können zwar durch die Gestaltung förderlicher Lernkontexte unterstützt, aber nicht wie traditionelle Lehre organisiert werden (Knäusl & Sporer, 2007). Um es Studierenden unter den Rahmenbedingungen der Bologna-konformen Studiengänge zu erleichtern, sich außerhalb des regulären Fachstudiums in Projekten im Umfeld der eigenen Hochschule zu engagieren, wurde an der Universität Augsburg im Rahmen des DFG-geförderten Projekts "Aufbau eines IT- Servicezentrums" ein neues Studienangebot konzipiert, implementiert und evaluiert. ...
    Conference Paper
    Full-text available
    Dieser Beitrag stellt ein Modell zur Einbettung informellen Lernens in das Universitätsstudium vor. Es handelt sich dabei nicht um informelles Lernen im Sinne der Nutzung des Internets durch die Studierenden, sondern um Lernen in selbstorganisierten Projekten, das außerhalb des normalen Fachstudiums stattfindet. Es wird gezeigt, wie die Mitarbeit der Studierenden in extra-curricularen Projektgruppen in das Studienangebot "Begleitstudium Problemlöse- kompetenz" (kurz: Begleitstudium) eingebunden wird. Im Fokus des Beitrags steht dabei die Erläuterung technischer und organisatorischer Aspekte des Begleitstudiums. Nach einer kurzen Beschreibung des Studienangebots werden die Organisation, die IT-Unterstützung bei der Projekt- und Portfolioarbeit sowie die curriculare Einbettung des Begleitstudiums in den Studiengang "Medien und Kommunikation" (MuK) der Universität Augsburg erläutert.
  • ... ch denken und handeln (vgl. Baumgartner, 1998; Käufer & Scharmer, 2000). Schnittstelle zwischen den Feldern der primären und sekundären Erfahrungen stellt das Augsburger Begleitstudium dar., 2005 ) und eine Lernkultur an Hochschulen zu entwickeln , die es ermöglicht, studentische Initiativen dauerhaft in die Institution Hochschule einzubinden (vgl. Knäusl & Sporer, 2007), ist das in diesem Beitrag vorgestellte Begleitstudium Problemlösekompetenz ein erster Schritt. ...
    Chapter
    Full-text available
    Extra-curriculares Engagement von Studierenden wird in Zeiten der eng organisier- ten Bachelor- und Master-Studiengänge, der Einführung von Studiengebühren und der Notwendigkeit, im Studium bereits Praxiserfahrungen gesammelt zu haben, immer schwieriger. Um Studierenden unter diesen Rahmenbedingungen weiterhin die Möglichkeit zu bieten, sich außerhalb des Fachstudiums zu engagieren, wurde an der Universität Augsburg das Begleitstudium „Problemlösekompetenz“ konzi- piert. Der vorliegende Beitrag stellt diesen co-curricularen Lern- und Arbeitsraum für Studierende vor und fundiert dieses Studienkonzept theoretisch. Am Beispiel des Begleitstudiums wird eine Infrastruktur für das Lehren und Lernen an der Hochschule vorgeschlagen, welche Theorie und Praxis eng miteinander verknüpft.
  • Chapter
    Full-text available
    Ausgangspunkt des Beitrags bildet die Open-Bewegung, die zunehmend Eingang in den Bildungsbereich findet. Es wird hinterfragt, welche Rolle Studierenden in dieser Bewegung zukommt, und gezeigt, mit welchen Herausforderungen sich offene Bildungsinitiativen konfrontiert sehen. Anschließend werden drei konkrete Ansätze zur Einbindung von Studierenden an Hochschulen vorgestellt und deren Chancen und Probleme thematisiert. Dabei wird deutlich, dass offene Bildungsinitiativen nur Erfolg haben werden, wenn sich Bildungsinstitutionen als lernende Organisation begreifen und eine geeignete Balance zwischen Bottom-up-Bewegung und Top-down-Management gefunden wird.
This research doesn't cite any other publications.