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Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin
2013, 34 (2), 201-203
highlights der psychotherapieforschung 201
Heeren et al. (2011) beschäftigten sich
mit der Frage, auf welcher Weise ein
Aufmerksamkeitstraining sozial-ängst-
lichen Personen helfen kann, die Auf-
merksamkeit weniger auf bedrohliche
Hinweisreize zu richten. In einer Dop-
pel-Blind-Studie untersuchten sie, ob das
Aufmerksamkeitstraining seine Wirkung
vor allem daraus bezieht, dass Personen
lernen, ihre Aufmerksamkeit auf nicht
bedrohliche Hinweisreize zu richten an-
statt sie lediglich von bedrohlichen Hin-
weisreizen abzulenken. Zunächst wer-
den Studien zitiert, welche anhand des
Probe-Detektion- bzw. des Probe-Diskri-
mination-Task zeigen können, dass sozi-
al phobische Personen im Vergleich zu
Gesunden ihre Aufmerksamkeit verstärkt
auf bedrohliche Reize richten. Insgesamt
legen diese Studien nahe, dass eine Ver-
ringerung der Aufmerksamkeitsverzer-
rung auch die soziale Angst reduziert.
Die verwendeten Trainings zielen darauf
ab, Aufmerksamkeitsverzerrungen, die
vielen psychischen Störungen zugrunde
liegen –insbesondere der spezischen
und der sozialen Phobie – zu modi-
zieren. Wobei sich die Autoren im vor-
liegenden Artikel auf sozial-phobische
Personen konzentrierten. In vier ver-
schiedenen Aufmerksamkeitsbedingun-
gen untersuchten sie, welche Wirkung
die An- bzw. Abwesenheit der Ablen-
kung von bedrohlichen Reizen und die
Lenkung der Aufmerksamkeit auf nicht
bedrohliche Hinweisreize hat. Die Pro-
banden wurden dazu zufällig einer der
nachfolgenden Trainingsbedingungen
zugeteilt: (1) Ablenkung der Aufmerk-
samkeit von bedrohlichen Reizen, (2)
Lenkung der Aufmerksamkeit auf nicht
bedrohliche Reize, (3) Ablenkung der
Aufmerksamkeit von bedrohlichen Rei-
zen und Lenkung auf nicht bedrohliche
Reize und (4) Kontrollbedingung (kei-
ne Aufmerksamkeitslenkung). Erwartet
wurde, dass Probanden, welche lernten,
ihre Aufmerksamkeit von bedrohlichen
Reizen abzulenken und Probanden, wel-
che lernten, ihre Aufmerksamkeit von
bedrohlichen Reizen abzulenken und auf
nicht bedrohliche Reize zu lenken, eine
höhere Angst-Reduktion zeigen sollten
im Vergleich zu den Probanden der an-
deren beiden Gruppen (Ablenkungshy-
pothese).
Zur Prüfung dieser Hypothesen wur-
den 79 Probanden rekrutiert, welche die
Kriterien einer sozialen Phobie erfüllten.
Für das Aufmerksamkeitstraining wurden
als Hinweisreize Gesichtspaare der Ka-
rolinska Emotional Directed Faces Da-
tenbank (KDEF) verwendet (Lundqvist,
Flykt & Öhman, 1998). Darunter nden
sich Gesichter, welche Ekel oder neutrale
Gesichtsausdrücke zeigen. Basierend auf
dem Posner Paradigma (Posner, 1980)
wurden zur Messung der Aufmerksam-
keitsverzerrung acht sozial bedrohliche
und acht neutrale Worte benutzt. Dabei
wurden die Probanden zufällig einer von
vier der vorher genannten Trainingsbe-
aufmerksamkeitstraining
bei sozialer Ängstlichkeit
202 highlights der psychotherapieforschung
dingungen zugewiesen. Vor dem eigent-
lichen Training und im Anschluss daran
führten die Probanden jeweils Posners
Spatial Cueing Task durch, als letztes er-
folgte die Rede-Aufgabe.
Die Ergebnisse zeigen, dass nur die
Probanden der ersten und dritten Bedin-
gung von dem Training protierten und
ihre Fähigkeiten signikant verbesserten.
Bei den anderen beiden Gruppen zeig-
ten sich keine signikanten Veränderun-
gen. Die Probanden der ersten und drit-
ten Bedingung berichteten insbesondere
bei der Rede-Aufgabe weniger Angst ge-
habt zu haben.
Außerdem zeigten die Teilnehmer
der ersten und dritten Bedingung nach
dem Training eine stärkere Verringerung
der Reaktionszeit für die Identizierung
im zweiten Cueing Task. Daraus konnte
gefolgert werden, dass die Modikati-
on von Aufmerksamkeitsverzerrungen
erfolgreich war und den Aufmerksam-
keitsbias veränderte. Die Ergebnisse sind
somit konsistent mit der Ablenkungshy-
pothese.
Die Autoren führten eine Mediati-
onsanalyse durch, um den Einuss der
Aufmerksamkeitsveränderung durch das
Training auf mögliche Symptomverän-
derungen zu bewerten. Diese Analyse
ergab, dass das Aufmerksamkeitstraining
einen indirekten Effekt auf der Verhal-
tensebene bei der Redeaufgabe hatte.
Durch das Aufmerksamkeitstraining
wurde die Ablenkung der Aufmerksam-
keit von sozial bedrohlichen Reizen ver-
stärkt. Diese Ergebnisse unterstützen die
Implikation, dass die beobachtete Ver-
haltensänderung in dieser Studie der se-
lektiven Aufmerksamkeits-Verarbeitung,
die durch das Training bewirkt wurde,
zugeschrieben werden kann. In Bezug
auf die kognitiven Modelle der sozialen
Phobie unterstützt die vorliegende Stu-
die, dass selektive Aufmerksamkeit auf
bedrohliche Reize eine kausale Rolle bei
der Aufrechterhaltung dieser Störung hat.
Darüber hinaus zeigte die Studie, dass
das Training von sozial ängstlichen Per-
sonen, sich von sozialen Bedrohungen
abzulenken, zu einer signikanten Re-
duktion der Angst führte.
Die vorliegende Studie zeigt, dass
ein Aufmerksamkeitstraining hinsicht-
lich bedrohlicher Hinweisreize Angst
reduziert. Dieser Befund unterstützt das
kognitive Modell für Angststörungen,
das postuliert, dass Aufmerksamkeit auf
Bedrohung eine Rolle bei der Aufrechter-
haltung der Symptome spielt. Die Unfä-
higkeit, Aufmerksamkeit von Bedrohung
abzulenken, erhöht die Tendenz sozi-
al ängstlicher Personen, maladaptives
Grübeln zu zeigen. Das Grübeln kann
wiederum Erinnerungen an Erfahrungen
negativer Bewertung aktivieren, was zu
andauernder Angst führen kann. Daher
wurde von den Autoren angenommen,
dass ein Aufmerksamkeitstraining die
Neigung zum Grübeln verringern kann.
Schlussfolgernd deuten die Ergebnis-
se der Studie darauf hin, dass Patienten
insbesondere dann von einer klinischen
Intervention protieren, wenn diese da-
rauf abzielt, die Aufmerksamkeit von
bedrohlichen Reizen abzulenken. Zu
diesem Zweck können computerbasierte
Trainings wie in der vorliegenden Studie
verwendet werden.
Diese Studie liefert weitere Unterstüt-
zung der Annahme, dass kognitives Trai-
ning in der Therapie wirksam sein kann.
Da diese Art von Doppel-Blind-Studien
konstant gute Ergebnisse erzielen, könn-
ten ABMT (Hakamata et al., 2010) oder
andere computerbasierte Aufmerksam-
keitstrainings als Behandlungsmethode
für Patienten Anwendung nden, die aus
verschiedenen Gründen nicht für eine
kognitive Verhaltenstherapie in Frage
kommen. Insbesondere scheint es sich
dabei um eine neuartige Behandlungs-
möglichkeit für Personen mit Angststö-
highlights der psychotherapieforschung 203
rungen zu handeln, welche bei Kindern
und Erwachsenen zum Einsatz kommen
könnte. Allerdings sollte trotz der um-
fangreichen Nachweise für die Effektivi-
tät von Aufmerksamkeitstrainings nicht
außer Acht gelassen werden, dass derar-
tige Programme die Patienten zu einem
Vermeidungsverhalten animieren. Damit
stehen die Aufmerksamkeitstrainings im
Gegensatz zur Expositionstherapie, wel-
che derzeit die Therapiemethode der
Wahl darstellt, wenn es um die Behand-
lung von Angststörungen geht.
Heeren, A., Lievens, L. und Philippot,
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work in social phobia: Disengagement
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KDEF [CD-ROM]. Department of Clinical
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Berdica , elisa, M.sc. &
Kavcioglu, Fatih ceMil, M.sc.
LehrstuhL für KL inische und BioLogi-
sche PsychoLogie und PsychotheraPie
universität MannheiM
L13, 15-17
68131 MannheiM
eBerdica@MaiL.uni-MannheiM.de
fKavciog@MaiL.uni -MannheiM.de
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Attention Bias Modification Treatment (ABMT) is a newly emerging, promising treatment for anxiety disorders. Although recent randomized control trials (RCTs) suggest that ABMT reduces anxiety, therapeutic effects have not been summarized quantitatively. Standard meta-analytic procedures were used to summarize the effect of ABMT on anxiety. With MEDLINE, January 1995 to February 2010, we identified RCTs comparing the effects on anxiety of ABMT and quantified effect sizes with Hedge's d. Twelve studies met inclusion criteria, including 467 participants from 10 publications. Attention Bias Modification Treatment produced significantly greater reductions in anxiety than control training, with a medium effect (d = .51 [corrected] (p < .001). Age and gender did not moderate the effect of ABMT on anxiety, whereas several characteristics of the ABMT training did. Attention Bias Modification Treatment shows promise as a novel treatment for anxiety. Additional RCTs are needed to fully evaluate the degree to which these findings replicate and apply to patients. Future work should consider the precise role for ABMT in the broader anxiety-disorder therapeutic armamentarium.
The Karolinska Directed Emotional Faces -KDEF
  • D Lundqvist
  • A Flykt
  • A Öhman
Lundqvist, D., Flykt, A., & Öhman, A. (1998) The Karolinska Directed Emotional Faces -KDEF [CD-ROM]. Department of Clinical Neuroscience, Psychology Section, Karolinska Institute: Stockholm.