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Zimber, A. (2010). Multitasking am Arbeitsplatz – Herausforderung oder Gesundheitsrisiko? Forschungsstand und Ergebnisse einer explorativen Studie. Arbeit, 19 (4), 283-288.

Authors:
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Zimber, A. (2010). Multitasking am Arbeitsplatz – Herausforderung oder Gesundheitsrisiko?
Forschungsstand und Ergebnisse einer explorativen Studie. Arbeit, 19 (4), 283-288.
Multitasking am Arbeitsplatz - Herausforderung oder Gesundheitsrisiko?
Forschungsstand und Ergebnisse einer explorativen Studie
Zusammenfassung:
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Informationsmenge und Arbeitsverdichtung müssen
Beschäftigte angeblich vermehrt „Multitasking“ betreiben. Da sich experimentelle Ergebnisse
nur eingeschränkt auf Arbeitsplätze übertragen lassen, ist die Bedeutung von
Paralleltätigkeiten und den damit verbundenen Belastungen und Beanspruchungen
weitgehend offen. Zur Exploration dieses Forschungsfeldes wurde eine zweiteilige Studie, 21
teilstrukturierte Tiefeninterviews sowie Tätigkeitsbeobachtungen an zehn Büroarbeitsplätzen,
durchgeführt. Multitasking erwies sich dabei als ein hochrelevantes, bezüglich Kosten und
Nutzen ambivalent bewertetes Thema, das dringend weiterer Feldforschung bedarf.
Abstract:
It is supposed that increasingly complex tasks and a high work load often force workers to do
two or more tasks at once (multitasking). The results of experimental studies using dual-task-
paradigms are only restrictedly applicable to real-world-scenarios. As a result, the impact of
multitasking on work and its possible consequences for work load and psychological strain is
yet unclear. To explore the frequency and the consequences of dual-task in office work, a
study was designed consisting of interviews with 21 female secretaries as well as a
standardized observation of ten office work-places. Multitasking revealed as a highly relevant
but also inconsistently assessed job demand. Therefore, further field studies are needed to
bring light on applied issues of multitasking.
Schlagwörter: Multitasking, Informationsüberlastung, Beanspruchung, Stress, Feldstudie
Keywords: multitasking, information overload, strain, distress, field study
1 Hintergrund
Seit etwa zwei Jahrzehnten hat sich die Informationszunahme durch die massive Verbreitung
der Kommunikations- und Informationstechnologien exponentiell vervielfacht
(Eppler/Mengis 2002). Soziologische Studien (z. B. Rosa 2005) beschreiben einen
umfassenden Beschleunigungsschub, der sich auf Handlungs- und Entscheidungssituationen
im Alltag auswirkt. Diese Entwicklung ist auch für die Arbeitswelt hochrelevant und durch
ständig wechselnde Arbeitsanforderungen und -bedingungen für die Beschäftigten mit großen
Herausforderungen verbunden. Wie Studien aus der Telearbeit zeigen, wirken sich die
steigenden Informationsanforderungen in Belastungen wie Zeitdruck, hoher
Arbeitsgeschwindigkeit und Termindruck aus und werfen daher Fragen einer humanen
Arbeitsplatzgestaltung auf (Büssing/Aumann 1996; Richter/Debitz/Schulze 2002).
Eine in diesem Kontext häufig beschriebene Anforderung besteht in dem Multitasking, die
darin besteht, mehrere Aufgaben gleichzeitig oder zeitlich überlappend zu bewältigen. Ob
solche Mehrfachaufgaben tatsächlich simultan oder aber in einem raschen zeitlichen Wechsel
seriell erledigt werden, ist noch nicht abschließend geklärt. Die zahlreichen
Laboruntersuchungen (siehe Koch 2008; Salvucci 2005) erlauben die Entwicklung
experimentell prüfbarer Aussagen zur Beurteilung mentaler Belastungen bei der Bearbeitung
mehrerer Aufgaben. Sie beschäftigen sich vorrangig mit den Störungen und
Minderleistungen, die mit dem Aufgabenwechsel verbunden sein können. Diese einseitige
2
Defizitorientierung beruht auf dem traditionellen Bild begrenzter kognitiver Kapazitäten.
Jüngere Ansätze (z.B. Wickens 2002) unterstellen unserem Denkapparat dagegen ein
Potenzial, mehrere Aufgaben parallel erledigen zu können. Wie die experimentelle Forschung
(siehe Müller/Krummenacher 2002) zeigt, ist dies durchaus möglich bei einfachen, durch
Training automatisierbaren Aufgaben, die auf unterschiedliche kognitive Ressourcen
zurückgreifen.
Die Arbeitswissenschaften haben sich dieses Themas bisher nur wenig angenommen. Die
vorliegenden Untersuchungen bestehen fast ausschließlich in Versuchsanordnungen, deren
Übertragbarkeit in Anwendung und Praxis begrenzt ist (Müller/Krummenacher 2002). Eine
Ausnahme stellt die Arbeitsforschung in den Bereichen Luftfahrt (z. B. Loukopolous/
Dismukes/Barshi 2009) und Fahrsicherheit (z. B. Kiefer/Schulz/Schulze-Kissing/Urbas 2006)
dar, in denen das Thema Multitasking intensiver behandelt wird. Es stellt daher eine
Herausforderung für die Multitasking-Forschung dar, Aufgabenstellungen zu entwickeln, die
für alltags- und arbeitsplatznahe Probleme Relevanz haben.
In Befragungen äußern Beschäftigte neben zunehmenden Störungen, Arbeitsunterbrechungen
und Fragmentierungen der Arbeit auch einen Anstieg der Bearbeitung mehrerer Aufgaben
gleichzeitig (z. B. BiBB/BAuA 2006). Allerdings liegen bisher kaum Befunde vor, inwieweit
diese Anforderung auch beanspruchungsrelevant ist. In der erwähnten Repräsentativbefragung
wurde Multitasking als weitaus weniger belastend erlebt als Störungen und Unterbrechungen.
Unklar ist ebenfalls, ob Multitasking eher neutral als Regulationsanforderung oder aber als
Regulationshindernis und damit als Belastung zu werten ist. Ausgehend von Überlegungen
der Handlungsregulationstheorie (siehe Hacker 2005) könnte das Erleben von Multitasking
u.a. von den Möglichkeiten der handelnden Person abhängen, die Art der
Aufgabenüberlappung in Anpassung an die eigenen Ressourcen zu koordinieren. Während
das Gelingen einer solchen Koordination zum Erleben als Herausforderung beitragen könnte,
würde ein Scheitern den Aspekt der Überforderung in den Vordergrund treten lassen. Diese
Überlegungen könnten eine mögliche Ursache für die uneinheitliche Befundlage darstellen,
wonach parallele Tätigkeiten sowohl als beanspruchend als auch als stimulierend erlebt
werden (vgl. Zijlstra/Roe/Leonora/Krediet 1999). Die Kognitionswissenschaften verweisen
auch auf individuelle Merkmale wie mentale Kapazität oder Typ-A-Verhalten, die solche
widersprüchlichen Befunde z. T. erklären könnten (siehe König/Bühner/Mürling 2005).
Ebenso wenig erforscht ist die Bedeutung bestimmter Tätigkeitsmerkmale oder
Arbeitsbedingungen wie z.B. Tätigkeitsspielraum, soziale Unterstützung, Aufgabenvielfalt
und Autonomie. Erkenntnisse hierüber ließen sich nicht zuletzt für eine humane
Arbeitsgestaltung im Sinne „vollständiger Tätigkeiten“ praktisch nutzen.
Befragungsergebnissen zufolge sind Beschäftigte in der Dienstleistungsbranche und in den
Büro- und Kommunikationsberufen besonders stark von Multitasking betroffen (vgl.
BiBB/BAuA 2006). Die Einführung neuer Technologien wirkte sich in dieser Branche
besonders massiv auf die Arbeitsanforderungen aus (vgl. Teske/Witte 2000). Zu den
typischen psychischen Belastungen zählen der Zwang zur Daueraufmerksamkeit, häufige
Arbeitsunterbrechungen, hoher Zeitdruck, zunehmende Abstraktheit der Aufgaben sowie
soziale Isolierung (z. B. Leitner 1999). Über die psychischen Belastungen, die speziell mit
Multitasking bei der Büroarbeit einhergehen, liegen bisher keine Erkenntnisse vor.
2 Fragestellungen und Methoden
Am Beispiel von Büroarbeitsplätzen sollte untersucht werden, in welchem Ausmaß
Multitasking praktiziert wird, wie es von den Beschäftigten erlebt wird und mit welchen
Anforderungen, Belastungen und Beanspruchungen es einhergehen kann. Die zweiteilige
explorative Studie sollte dazu dienen, das Themengebiet genauer einzugrenzen und
Arbeitshypothesen für Folgestudien zu erarbeiten.
3
In einer qualitativen Voruntersuchung anhand eines teilstrukturierten Interviews
(Studie 1) wurde die subjektive Sicht auf das Thema Multitasking aufgenommen.
In einer quantitativen Tätigkeitsbeobachtung (Studie 2) wurden die Art und Häufigkeit
von Paralleltätigkeiten und die dabei erlebten Beanspruchungen mit standardisierten
Instrumenten gemessen.
3 Teilstrukturierte Interviews (Studie 1)
Untersuchungsmethoden und -stichprobe
Die Interviews wurden halbstrukturiert anhand eines Gesprächsleitfadens mit sechs
Fragekomplexen und 14 Fragen durchgeführt. Inhaltlich ging es dabei um das subjektive
Erleben von Multitasking, persönliche Vorsaussetzungen und Bewältigungsstrategien sowie
Erfahrungen mit möglichen Grenzen und Folgen.
Die Stichprobe setzte sich aus 21 Frauen zwischen 20 und 61 Jahren (M = 46;6, SD = 13,9)
zusammen. In ihrer Erstqualifikation waren neun Befragte Bürokauffrauen, die restlichen
Personen wiesen ein breites Spektrum an Qualifikationen auf. 17 Befragte hatten eine
gehobene Position, z.B. Chefarztsekretärin, inne. Die Befragten waren im Durchschnitt seit
knapp 22 (SD= 11,2) Jahren in ihrem Beruf und seit etwa neun (SD= 6,2) Jahren auf ihrer
aktuellen Position tätig.
Die überwiegend face to face durchgeführten Interviews dauerten zwischen 30 und über 60
Minuten, wurden von geschulten Interviewer/innen durchgeführt, mit einem Audiogerät
aufgezeichnet und anschließend transkribiert. Diese Transkripte wurden mit Methoden der
qualitativen Inhaltsanalyse (siehe Mayring 2002) folgendermaßen ausgewertet: Zunächst
wurden inhaltstragende Textstellen identifiziert und paraphrasiert. Diese Paraphrasen wurden
reduziert und inhaltlichen Kategorien zugeordnet. Das so gebildete Kategoriensystem wurde
wiederum auf das Ausgangsmaterial rücküberprüft. Zur Sicherstellung einer hohen Interrater-
Übereinstimmung wurde dieses Vorgehen von zwei Personen unabhängig zunächst auf etwa
die Hälfte des Materials angewendet; die übereinstimmend gebildeten Kategorien wurden
anschließend auf die zweite Hälfte des Materials übertragen. Abschließend wurden die
Nennungen zu den Inhaltskategorien ausgezählt.
Ergebnisse
Die überwiegende Anzahl der Befragten hatte ein ähnliches Verständnis von Multitasking als
Bearbeiten mehrerer Aufgaben gleichzeitig. Allerdings fiel es einigen Probandinnen schwer,
diese Anforderung von Störungen und Unterbrechungen abzugrenzen. Von mehreren
Probandinnen wurde Multitasking auch mit dem Umstand gleichgesetzt, (zu) viel Arbeit zu
haben und viele Aufgaben auf einmal erledigen zu müssen.
Das Phänomen Multitasking wurde von den Befragten unterschiedlich bewertet: Zwölf
Personen gaben an, dieses Phänomen eher positiv als Herausforderung zu sehen, bei sechs
Personen stand dagegen die damit verbundene Belastung im Vordergrund. Sechs (gegenüber
drei) Personen gaben an, Aufgaben lieber parallel als seriell zu erledigen, und nannten hierbei
eine Reihe von Vorzügen (siehe Tab. 1). Interessanterweise wurden trotz dieser vorherrschend
positiven Sichtweise insgesamt mehr negative Begleiterscheinungen genannt (Tab. 1). Acht
Personen konnten sich nicht eindeutig positionieren; sie erlebten Multitasking wohl eher als
Erscheinung, die sich in unterschiedlichen Situationen als mehr oder weniger günstig erweist.
4
Positive Aspekte
(21 Nennungen)
N
schnelleres Bearbeiten von Aufgaben bzw. Zeitersparnis 8
abwechslungsreich, nicht langweilig 5
persönliche Weiterentwicklung 3
Bestätigung eigener Leistungsfähigkeit 2
persönliche Neigung, unter Druck oder an mehreren Dingen gleichzeitig zu arbeiten 2
generell positive Bewertung 1
Negative Aspekt
e
(38 Nennungen)
mentale Daueranforderung 8
höhere Fehlerquote, Vergessen von Aufgaben 7
Stress, Reizüberflutung 7
psychische Belastung, negative gesundheitliche Folgen 3
Schwierigkeiten im Privatleben 2
generell negative Bewertung 2
sonstige Aspekte 3
Tabelle 1: Aspekte der Bewertung von Multitasking, geordnet nach Häufigkeit ihrer Nennung
Befragt nach den Inhalten von parallel erledigten Tätigkeiten, unterschieden die Interviewten
zwischen problemlos kombinierbaren (25 Nennungen) und schwer vereinbaren Aufgaben (18
Nennungen). Nach ihrer Erfahrung waren unterschiedliche Aufgabentypen, zum Beispiel
telefonieren und sich gleichzeitig Notizen machen oder am PC arbeiten, eher gut
kombinierbar. Darüber hinaus wurden auch wenig komplexe Tätigkeiten, zum Beispiel
Posteingang sortieren oder Unterlagen in einer Ordner abheften, als gut kombinierbar
empfunden, ebenso Routinetätigkeiten oder Tätigkeiten zum gleichen Sachverhalt. Weniger
gut kombinieren ließen sich solche Aufgaben, die ein hohes Maß an Konzentration oder
intellektuellen Eigenleistungen erfordern, inhaltlich verschieden sind oder an denen Kunden
oder Patienten beteiligt sind. Zwei Personen vertraten den Standpunkt, dass Arbeitstätigkeiten
immer seriell und möglichst nie parallel erledigt werden sollten.
Mussten im Alltag schwer miteinander vereinbare Tätigkeiten kombiniert werden, so
berichteten die Sekretärinnen eine Reihe von ungünstigen Folgen, u.a. erhöhter Blutdruck,
schlechte Konzentrationsfähigkeit, Müdigkeit, innere Unruhe, Affektlabilität, Aggressivität
und Ungeduld. Ein gehäuftes Auftreten solcher Reaktionen kann nach Einschätzung der
Mehrheit der Interviewten auch langfristig Auswirkungen auf die Stimmung, die
Arbeitszufriedenheit und die gesundheitliche Situation haben. Zwei Probandinnen berichteten
von schwerwiegenden, behandlungsbedürftigen Gesundheitsfolgen wie z. B. Burnout.
Personenbezogenen Bedingungen, z.B. der Berufserfahrung, Routine, der verfügbaren
mentalen Kapazität sowie Belastbarkeit, wurde für die Bewältigung von Multitasking
insgesamt eine große Bedeutung beigemessen. Die Mehrheit der Probandinnen war sich auch
darin einig, dass sich der Umgang mit Multitasking gezielt verbessern ließe, wobei der
konkrete Weg zu einer solchen Verbesserung weitgehend unklar blieb. Ebenfalls im Dunkeln
blieb die mögliche Rolle von Arbeitsplatzmerkmalen. Zu den wenigen Äußerungen zählt die
Aussage, dass Multitasking als akzeptabel oder sogar bereichernd empfunden wird, solange es
- im Gegensatz zu Störungen von außen - selbst gesteuert werden kann.
Bei einer Analyse der internen Konsistenz der Aussagen zeigte sich bei fast drei Vierteln der
Befragten ein uneinheitliches, zum Teil widersprüchliches Bild: So wurde Multitasking zum
Beispiel als Herausforderung bewertet, gleichzeitig wurden seine Nachteile und negativen
Folgen betont. Eine weitgehend widerspruchsfreie Position bezogen dagegen jeweils drei
Personen, die sich als überzeugte Befürworterinnen bzw. Gegnerinnen präsentierten. Diese
Probandinnen hatten sich vorher eingehender mit dem Thema auseinandergesetzt.
5
4 Tätigkeitsbeobachtung und Beanspruchungsmessung (Studie 2)
Untersuchungsmethoden und -stichprobe
Die quantitative Untersuchung diente dem Ziel, Paralleltätigkeiten und einhergehende
Beanspruchungen möglichst objektiv zu erfassen. Die Häufigkeit serieller vs. paralleler
Aufgabenbearbeitung wurde anhand eines standardisierten Instruments erfasst, dessen
Konstruktion sich an Verfahren der arbeitswissenschaftlichen Feldforschung (z. B. Held,
2004) orientierte. Nach Ergebnissen eines Prätests mit zwei unabhängigen Beobachtern
erwiesen sich acht Tätigkeitskategorien (siehe Abb. 1) als inhaltlich trennscharf und als
reliabel erfassbar (die Übereinstimmung betrug r = .99; p<.01). Mithilfe des Instruments
wurde dokumentiert, welche Tätigkeiten pro Zeiteinheit von 30 Sekunden jeweils verrichtet
und ob diese seriell oder parallel bearbeitet wurden. Daneben fand eine Selbsteinschätzung
der erlebten Beanspruchung mit dem „Fragebogen zum Beanspruchungserleben (FBE)“
(Hemmann/Merboth/Richter 2001) und der „Anstrengungsskala“ (Eilers/Nachreiner/Hänecke
1986) statt. Die Beobachtungszeit betrug pro Person 120 Minuten. Die Anstrengungsskala
wurde jeweils nach 20 Minuten, der FBE dagegen nur zweimal, am Anfang und am Ende,
eingesetzt. Als Signifikanzniveau der statistischen Analysen wurde p<.05 (im Text
gekennzeichnet mit „*“, p<.01 = **) festgelegt. Die Untersuchung wurde an zwei öffentlichen
Ämtern zwischen 10 und 12 Uhr und zwischen 13 und 15 Uhr durchgeführt. Die Stichprobe
bestand aus 10 Verwaltungsangestellten (neun Frauen, ein Mann).
Ergebnisse
In etwa 37 Prozent aller Beobachtungsintervalle, in denen Tätigkeiten protokolliert wurden,
fand eine Informationsaufnahme überwiegend am PC statt. Der Anteil der Dateneingabe lag
bei 20 Prozent, jener der Kommunikation mit Anwesenden bei 16 Prozent, der
Kommunikation am Telefon bei 13 Prozent, der manuellen Tätigkeiten bei, neun Prozent und
des Gehens bei vier Prozent. Pausen und Phonodiktat spielten dagegen fast keine Rolle (siehe
Abb. 1).
0
10
20
30
40
50
60
parallel
seriell
6
Abbildung 1: Anteil (%) beobachteter paralleler und serieller Tätigkeiten an N=2.400
Beobachtungsintervallen
Etwa 26 Prozent aller Beobachtungsereignisse wurden überlappend zu anderen Tätigkeiten
ausgeführt (siehe Abb. 1). Bei einer Differenzierung nach Tätigkeiten zeigten sich deutliche
Unterschiede in den jeweiligen Anteilen paralleler Bearbeitung:
Kommunikation am Telefon (42%),
Gehen (36%),
Kommunikation mit Anwesenden (33%),
manuelle Tätigkeiten (33%),
Informationsaufnahme (20%),
Dateneingabe (17%).
Bestimmte Tätigkeiten traten in den Beobachtungsintervallen überzufällig häufig gemeinsam
auf. Signifikante Kontingenzkoeffizienten ergaben sich bei Informationsaufnahme und
Dateneingabe (p<.05), Informationsaufnahme und Kommunikation am Telefon (p<.05),
Informationsaufnahme und manuelle Tätigkeiten (p<.05) sowie manuelle Tätigkeiten und
Gehen (p<.05).
Die erlebte Anstrengung schwankte individuell stark von 20 (kaum anstrengend) bis über 170
(stark bis sehr stark anstrengend). Die mittlere Anstrengung pro Intervall lag zwischen 60 bis
70 (SD=32,6 bis 50,2) und schwankte im Beobachtungszeitraum unsystematisch.
Veränderungen im Beobachtungszeitraum fanden bei der Anstrengung ebenso wenig statt wie
bei den mit dem FBE erfassten psychischen Beanspruchungen.
Zur Analyse möglicher Beziehungen zwischen dem Beanspruchungserleben und der
Häufigkeit von Paralleltätigkeiten wurden die Durchschnittswerte der Anstrengung und der
Beanspruchungen mit den Anteilen überlappender Tätigkeiten getrennt nach
Tätigkeitskategorie korreliert. Hierbei zeigten sich überwiegend leichte bis mäßige negative
Korrelationen: Statistisch signifikant waren die Korrelationen bei der erlebten Anstrengung
und parallel erledigter Dateneingabe (r = -.67
*
), Stress und Gehen (r = - .72**) sowie Stress
und manuellen Tätigkeiten (r = -.62*), d.h. je häufiger diese Tätigkeiten parallel ausgeführt
wurden, umso weniger Beanspruchungen wurden erlebt.
5 Diskussion
Multitasking erwies sich als ein für die Beschäftigten hochaktuelles Thema. Speziell bei
Sekretärinnen hat der tägliche Umgang mit vielen Information eine besondere Brisanz, gehört
es doch zu deren Aufgaben, den Vorgesetzten vor Informationsüberlastung zu schützen. Das
subjektive Verständnis von Multitasking der Interviewten entsprach allerdings nur zum Teil
der gängigen Definition. Ein substanzieller Anteil setzte es mit quantitativen Überforderungen
gleich, d.h. zu viele Aufgaben in einem begrenzten Zeitraum erledigen zu müssen.
Auch bei der Tätigkeitsbeobachtung konnte nicht sichergestellt werden, dass es sich
tatsächlich um Multitasking handelte. Es konnten lediglich Zeiteinheiten festgelegt werden, in
denen mehrere Tätigkeiten verrichtet wurden. An den zehn Arbeitsplätzen wurden auf diese
Weise etwa 26 Prozent Doppeltätigkeiten beobachtetet. Dieser Anteil lag deutlich unter der
subjektiven Einschätzung der Teilnehmer/innen.
Die Befragten verknüpften nach eigenen Aussagen häufig kognitive Aufgaben mit leicht
automatisierbaren Aufgaben, was dem allgemeinen Kenntnisstand entspricht (siehe
Müller/Kummenacher 2002). Abweichend hiervon wurden bei den Tätigkeitsbeobachtungen
häufig auch mehrere kognitive Tätigkeiten überlappend ausgeführt. Vermutlich spielt hier der
Grad der erreichten Automatisierung eine Rolle.
7
Die von den Interviewten berichteten psychischen Folgen decken sich mit den Reaktionen auf
Informationsüberlastung (Eppler/Mengis 2002). Allerdings gingen bei der
Tätigkeitsbeobachtung häufigere überlappende Tätigkeiten nicht mit einer höheren, sondern
mit einer geringeren Beanspruchung einher. Diese Beziehungen fielen mehrheitlich zwar
nicht statistisch signifikant aus, wegen ihrer Konsistenz über unterschiedliche Instrumente
hinweg sind sie dennoch als substanziell einzustufen. Ob hierbei etwa zeitliche Effekte
(Zijlstra/Roe/Leonora/Krediet 1999), Abwechslung oder erlebte Arbeitseffizienz eine Rolle
spielen, bleibt spekulativ. Ebenso lässt sich aufgrund der Daten auch die umgekehrte
Verursachungsrichtung – freiwilliges Multitasking in Situationen mit geringer Beanspruchung
- nicht ausschließen. Dieser Fragestellung sollte, gemeinsam mit der möglichen Bedeutung
des Handlungsspielraums, in weiteren Untersuchungen mit differenzierterer Methodik
nachgegangen werden.
Die hier gewählte Kombination qualitativer und quantitativer Methoden diente dem Vergleich
mit unterschiedlichen Forschungsansätzen gewonnener Ergebnisse. Aufgrund einiger
methodischer Einschränkungen (Zimber/Thunsdorff/Hellweg/Freiesleben/Gallist/Jesch 2010)
sind die Befunde als vorläufig einzustufen und bedürfen weiterer empirischer Vertiefung.
Hierzu bedarf es u.a. einer Methode, die eine „Zerlegung“ von Tätigkeiten in ihre einzelnen
Bearbeitungsschritte erlaubt. Ebenso sind längere Beobachtungszeiträume erforderlich, um
Beanspruchungsverläufe identifizieren zu können. Nicht zuletzt bedarf auch die Bedeutung
der Arbeitsbedingungen sowie der Bearbeitungspräferenzen und Persönlichkeitsmerkmale der
Arbeitnehmer/innen dringend einer weiteren Klärung.
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... In general, multitasking behaviour can be understood as a coping strategy to deal with (work-related) stressors (Zimber & Rigotti, 2015). For example in the service sector, multitasking of office workers included communicating with colleagues, phoning, working and reading on the computer (Zimber, 2010). Defining characteristics of multitasking behaviour are independence between the different tasks (each task can stand on its own) and temporal overlap in their execution (Benbunan-Fich, Adler, & Mavlanova, 2011). ...
Article
Multitasking behaviour is a prevalent coping strategy to deal with stressful work-demands. There is evidence from laboratory studies that multitasking behaviour decreases performance quality and shows an inverted u-shaped relationship with performance quantity. Based on the Brixey Model of Interruption and on assumptions of the Zeigarnik Effect, we postulate that reduced flow experience mediates negative effects of multitasking behaviour on performance. To investigate this assumption, we conducted a field study (Experience Sampling Method, 60 participants, 494 points of measurements). Using multilevel analysis, we found evidence for the postulated negative linear relationship between multitasking behaviour and flow. Flow had positive effects on performance. Also as postulated, we found a negative indirect effect of multitasking behaviour via flow on performance. However, the direct effect of multitasking behaviour on performance was positive. Our study provides the first evidence that flow transmits negative effects of multitasking behaviour on performance. At the same time, and confirming earlier research, there seem to be other mechanisms (possibly increased arousal) transmitting positive effects of multitasking behaviour on performance.
Chapter
Dieses Kapitel präsentiert die Grundlagen zum Thema. Sollte Ihnen das vielleicht etwas zu trocken und praxisfern scheinen, überblättern Sie es einfach und beginnen Sie bei Kapitel 2, das wie die Folgekapitel Handlungsstrategien aufzeigt. Das Einstiegskapitel soll klären, was Multitasking ist, welche Rolle es bei der Arbeit spielt, welche Folgen sich daraus ergeben können und welche Kompetenzen man zur Bewältigung von Multitasking braucht. Es beleuchtet zunächst Veränderungen in der Arbeitswelt, definiert Multitasking und beschreibt, wann und wie häufig es auftritt. Es schildert die geistigen Prozesse, die an Multitasking beteiligt sind, und geht auf persönliche Neigungen, Fähigkeiten sowie kurz- und langfristige Folgen ein. Das Kapitel schließt mit drei zentralen Ansätzen zur Bewältigung von Multitasking. Zahlreiche Beispiele aus der Arbeitswelt und Fragen zur Selbstprüfung sollen zur Selbstreflexion anregen.
Article
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This study explored predictors of multitasking performance. Based on cognitive psychology research, attention and working memory were assumed to be predictors. Fluid intelligence, polychronicity (as the preference for multitasking and the belief that their preference is the best way to handle things), and Extraversion were argued to be additional predictors. Multitasking performance was measured with the scenario "Simultaneous capacity/Multi-tasking (SIMKAP)" (n = 122). Hierarchical multiple regression analyses revealed that working memory was the most important predictor in addition to attention and fluid intelligence. The latter two constructs contributed significantly to the explained variance, but to a lesser extent. Polychronicity was not a significant predictor, nor was Extraversion. Implications for personnel selection and for time management are discussed.
Article
Full-text available
This paper describes the origins and hisotry of multiple resource theory in accounting for difference in dual task interference. One particular application of the theory, the 4-dimensional multiple resources model, is described in detail, positing that there will be greater interference between two tasks to the extent that they share stages (perceptua/cognitive vs response) sensory modalities (auditory vs visual), codes (visual vs spatial) and channels of visual information (focal vs ambient). A computational rendering of this model is then presented. Examples are given of how the model predicts interference differences in operational environments. Finally, three challenges to the model are outlined regarding task demand coding, task allocation and visual resource competition.
Book
Der Autor entwickelt die These, dass die zunächst befreiende und befähigende Wirkung der modernen sozialen Beschleunigung, die mit den technischen Geschwindigkeitssteigerungen des Transports, der Kommunikation oder der Produktion zusammenhängt, in der Spätmoderne in ihr Gegenteil umzuschlagen droht. Das Tempo des Lebens hat zugenommen und mit ihm Stress, Hektik und Zeitnot, so hört man allerorten klagen – obwohl wir auf nahezu allen Gebieten des sozialen Lebens mithilfe der Technik enorme Zeitgewinne durch Beschleunigung verzeichnen können. Wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen. Dafür, so die leitende These der Arbeit, ist es erforderlich, die Logik der Beschleunigung zu entschlüsseln.
Book
Despite growing concern with the effects of concurrent task demands on human performance, and research demonstrating that these demands are associated with vulnerability to error, so far there has been only limited research into the nature and range of concurrent task demands in real-world settings. This book presents a set of NASA studies that characterize the nature of concurrent task demands confronting airline flight crews in routine operations, as opposed to emergency situations. The authors analyze these demands in light of what is known about cognitive processes, particularly those of attention and memory, with the focus upon inadvertent omissions of intended actions by skilled pilots. © Loukia D. Loukopoulos, R. Key Dismukes and Immanuel Barshi 2009. All rights reserved.
Article
As cognitive architectures move to account for increasingly complex real-world tasks, one of the most pressing challenges involves understanding and modeling human multitasking. Although a number of existing models now perform multitasking in real-world scenarios, these models typically employ customized executives that schedule tasks for the particular domain but do not generalize easily to other domains. This article outlines a general executive for the Adaptive Control of Thought-Rational (ACT-R) cognitive architecture that, given independent models of individual tasks, schedules and interleaves the models' behavior into integrated multitasking behavior. To demonstrate the power of the proposed approach, the article describes an application to the domain of driving, showing how the general executive can interleave component subtasks of the driving task (namely, control and monitoring) and interleave driving with in-vehicle secondary tasks (radio tuning and phone dialing).
Article
Based on literature from the domains of organization science, marketing, accounting, and management information systems, this review article examines the theoretical basis of the information overload discourse and presents an overview of the main definitions, situations, causes, effects, and countermeasures. It analyses the contributions from the last thirty years to consolidate the existing research in a conceptual framework, to identify future research directions, and to highlight implications for management.
Article
Zusammenfassung. Wenn man zwei Aufgaben gleichzeitig bearbeitet, dann kommt es im Vergleich zur Bearbeitung nur einer Aufgabe zumeist zu einer Leistungsverschlechterung (Interferenz). Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Mechanismen der Doppelaufgaben-Interferenz bei der zeitlich überlappenden Bearbeitung von recht elementaren kognitiven Aufgaben (z.B. auf einen Ton eine Taste drücken). Diese Mechanismen werden typischerweise mit dem “Psychologische Refraktärperioden“ (PRP)-Paradigma untersucht. Traditionelle Erklärungen für Doppelaufgaben-Interferenz gehen von einem zentralen Verarbeitungsengpass auf der Ebene der Entscheidung und Reaktionsauswahl aus. Neuere empirische Befunde legen jedoch nahe, dass Doppelaufgaben-Interferenz auch in bezug auf andere Verarbeitungsprozesse auftritt, wie etwa das Enkodieren und Abrufen von Information im Kurzzeitgedächtnis sowie die kognitive Steuerung der Aufgabenabfolge. Diese Vielfalt der Mechanismen der Doppelaufgaben-Interferenz erfordert eine deutliche Erweiterung traditioneller theoretischer Rahmenvorstellung. Diese Erweiterung lässt auch den Umgang mit angewandten Doppelaufgaben-Problemen (z.B. Telefonieren beim Autofahren) in einem neuen Licht erscheinen.