ArticlePDF Available

Eigenname und Funktion. Zur Entstehung und Tradierung von Toponymen.

Authors:
  • University of Zurich/Schweizerdeutsches Wörterbuch
Eigenname und Funktion. Zur Entstehung und Tradierung von Toponymen
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Wesen und der Funktion von offiziellen
Toponymen. Als offiziell werden hier all diejenigen Eigennamen bezeichnet, die
eine gesamtgesellschaftliche Relevanz haben, die also über einen rein privaten
Gebrauch hinaus durch rechtliche, administrative oder ähnliche Fixierungen zu
allgemein anerkannten proprialen Einheiten der personalen, zeitlichen und
räumlichen Orientierung geworden sind. Van Langendonck (2007:89 u. 189ff.)
beschreibt im Anschluss an John M. Anderson die offizielle Namengebung für
Personen analog zur lateinischen Redensart sine nomine persona non est als einen
Akt, der ein Individuum überhaupt erst zu einer rechtlichen Person werden lässt.
Der offizielle Name steht dabei neben einer Reihe von nichtoffiziellen
Parallelnamen (z.B. Kosenamen), die das Individuum in einer Vielzahl von
unterschiedlichen kommunikativen und sozialen Umfeldern identifizieren helfen1.
Ausser bei den gesellschaftlich in besonderem Maß wichtig gewordenen Personen
ist davon auszugehen, dass ein offizieller Personenname (wie auch die
inoffiziellen Benennungen) mit dem Tod des entsprechenden Referenten langsam
aus der kommunikativen Praxis verschwindet (vgl. dazu Evans 1982:391f.).
Auch bei den Toponymen gibt es oft mehrere parallele Benennungen r eine
Flur, die je von der Perspektive und dem kommunikativen Anlass der
Namengeber abhängig sind. Offiziell werden sie aber erst dann, wenn ein Name
aus besitzrechtlichen oder ähnlichen Gründen auf eine Flur fixiert und als solcher
tradiert wird. Im Gegensatz zu den meisten Personennamen haben offizielle
Toponyme jedoch eine wesentlich längere „Lebensdauer“. Zum einen existiert ihr
Referent als spezifische räumliche Einheit so lang, so lang es eine Einigung über
seine Ausdehnung gibt und diese übermittelt wird. Zum anderen bleibt das ihm
zugewiesene Toponym oft über Jahrhunderte auf ihn fixiert und weist in seiner
formalen Gestalt oft eine hohe Stabilität auf.2
Warum aber ändern sich oder wechseln offizielle Toponyme so wenig und was
1 Vgl.dazu auch Evans’ (1982:381f.) Ausführungen zur „single name-using practice“.
2 Gerade in der Konservativität mancher Eigennamen im Vergleich zu dem durch
Sprachwandelprozesse veränderten Appellativwortschatz besteht ihr Potential für
sprachgeschichtliche Forschungsarbeiten, da in den offiziellen Toponymen häufig ältere
Sprachstufen oder gar Sprachen älterer Siedlungskulturen bewahrt sind. Dadurch können sie
uns Auskunft über siedlungsgeschichtliche Entwicklungen, kulturelle Umbrüche oder aber
europäische Kontinuitäten geben.
genau verhindert gerade eine semantische Anpassung oder Umdeutung?3 Die
Suche nach einer Antwort auf diese Frage führt uns zu der Frage nach den
konstitutiven Merkmalen von Eigennamen und ihrer Funktion innerhalb eines
Sprach- und Kultursystems. Die Debatte um das Wesen von Eigennamen und
deren Bedeutung ist in der neuzeitlichen Philosophie entscheidend von den
Ansätzen John Stuart Mills und Gottlob Freges bestimmt worden, die sich damit
beschäftigen, auf welche Weise sich Eigennamen auf ihre Referenten beziehen,
ob Eigennamen eine Bedeutung haben und falls ja, wie sich diese beschreiben
lässt. Im Besonderen in der angelsächsischen Sprachphilosophie des 20. Jhr.
fanden ausgeprägte Debatten um die Frage nach der Bedeutung von Eigennamen
statt.4 Die Mehrzahl der aktuellen Arbeiten halten im Anschluss an Saul Kripke
(vgl. Langendonck 2007:33ff.) fest, dass Eigennamen auf einen Referenten
verweisen, ihn aber im engeren Sinn denotativ weder kennzeichnen noch
beschreiben und nur in einem konnotativen Sinn Bedeutung haben.5 Die
konkreten Vorstellungen, die man mit einem Eigennamen und seinem Referenten
verbindet, sind individueller Natur. Die eineindeutige Identifikation des
Referenten gelingt vor allem über die funktionale Rolle von Eigennamen, die
eben darin besteht, interpersonale Unterschiede bei der Identifikation und
Repräsentation von Referenten mittels einer Art „Formel“ zu überwinden:
“Still, the most important referring devices are proper names. This is so simply because they
are invented precisely to overcome the interpersonal divergence of individual
representantions, and the ensuing guesswork about common elements. Hegel is Hegel, never
mind the very different beliefs you and I may hold about him. Provided, of course, that the
pedigree of the name is authentic. The idea of a proper name arises out of the realization
that is the causal link, and not the content, of a representation that achieves uniqueness. So
even if the descriptive content is reduced to a minimum (or, ideally, to zero), the
representation still can serve, when expressed, to achieve reference. So names are
introduced to neutralize the idiosyncratic differences in our representations of the same
individuals. A name [...] is an overlap by design.“ (Vendler 1984:82f.).
3 Fetzer (Diss. 2009) hat in einer Untersuchung zu volksetymologisch verändertem
Namenmaterial der Berner Forschungsstelle für Namenkunde festgestellt, dass
volksetymologische Umdeutungen in erstaunlich wenigen Fällen auftreten und wenn, dann
meist als phonetische Anpassungen an ähnlich klingende Lexeme. Die Anpassungen zielen
dabei jedoch nicht primär auf eine semantische Remotivierung der Toponyme ab.
4 Die Debatten können an dieser Stelle weder ausführlich dargestellt noch besprochen werden.
Für einen Überblick zur philosophischen Tradition s. Textor (2005:12ff.), und zur speziell
linguistischen Diskussion der sprachphilosophischen Ansätze vgl. Van Langendonck
(2007:24ff.).
5 Zum kognitivistischen Ansatz und zur These einer Überschneidung von proprialer und
appellativischer Information in Mikrotoponymen s. Windberger-Heidenkummer (2008:282ff.).
Wenn wir einen Namen äußern, müssen wir uns also nicht mehr über all die
Eigenschaften und Merkmale mit denen wir den Referenten beschreiben könnten,
einigen, um ihn auf diese Weise in immer wiederkehrenden Gesprächen jeweils
von Neuem identifizieren zu können. Wir sagen z.B. Goethe und jeder, der in den
Gebrauch des Namens Goethe eingeführt ist, wird die genannte Persönlichkeit
sozusagen „vor Augen haben“, ohne dass er sie auf die gleiche Weise wie der
Sprecher „sieht“ oder beschreiben können muss. Die Zuordnung des Referenten
in einem konkreten kommunikativem Anlass braucht dann einiges mehr an
kommunikativem Aufwand („Du meinst Goethe, den Dichter aus Weimar?“ „Ja
schon, aber jetzt habe ich gerade an ihn in seiner Tätigkeit als Bergassessor in
Ilmenau gedacht.“ etc.).
Der Eigenname dient also als ein sprachlicher, formelhafter Verweis. Dies
setzt laut Evans (1982:376ff.) jedoch voraus, dass eine Produzentengruppe
zunächst die Erstbenennung vorgenommen hat, während sie noch in der Lage
war, den außersprachlichen Referenten in einem deiktischen Akt mit dem Namen
in Verbindung zu bringen und somit erstmals von einer bestimmten
Informationsmenge, die uns eine Person oder ein Gegenstand in ihrer Anschauung
entgegenbringt, sprachlich zu abstrahieren. Diese Produzentengruppe führte im
Anschluss Konsumentengruppen in den Namengebrauch ein und fixierte damit
den Namen für den Referenten:
“‚NN’ is a name of x if there is a community C
1. in which it is common knowledge that members of C have in their repertoire the
procedure of using ‘NN’ to refer to x (with the intention of referring to x),
2. the success in reference in any particular case being intended to rely on common
knowledge between speaker and hearer that ‘NN’ has been used to refer to x by
members of C and not upon common knowledge of the satisfaction by x of some
predicate embedded in ‘NN’.” (Evans 1985:18)
Die erfolgreiche Einführung eines Namens setzt die Erfüllung zweier
Bedingungen voraus: der Name muss sprachlich koheränt6 und sozial anerkannt
sein. Gilt die soziale Anerkennung innerhalb eines größeren Gemeinwesens (und
nicht nur in einer privaten Subkultur), ergibt sich daraus die Offizialität eines
Eigennamens.
Auch im Fall von Toponymen braucht es eine Produzentengruppe, die einer
Flur oder Siedlung einen Namen zuweist. Dieser Name wird, falls die
Produzenten die tige gesellschaftliche Akzeptanz dafür erreichen, ihn auf die
6 D.h. ein Eigenname muss in seiner formalen Gestalt als Name identifizierbar sein. Dass dies
nicht nur vom Kontext abhängig ist, sondern notwendig auch von seiner Genese, soll
Gegenstand eines kommenden Artikels sein.
Flur festzuschreiben, an Konsumenten weitergegeben. In der Folgezeit verweist
der Name auf die bezeichnete Flur, so lange die Konsumenten ihn weiter tradieren
und somit als Toponym anerkennen und so lange die betroffene Flur existiert.7
Namengebung und Fixierung kann dabei unmittelbar von einem namengebenden
Produzenten ausgehen (siehe Beispiel 1) oder über die Proprialisierung eines
Appellativs oder einer anderweitigen Identifizierung einer Flur (z.B. durch den
Besitzernamen) im Rahmen eines rechtlichen Beurkundungsaktes in den
gemeinschaftlichen Namengebrauch übergehen (Beispiel 2):
Beispiel 1: Karl der Große gibt 797 einem Winterlager bei Lüttich den Namen
Niwi Haristalli: usque ad locum, cui nomen imposuit Niwi Haristalli
(Haubrichs 2006:9)8. Die Weise der höchstautoritären Namengebung sollte als
eine, nicht alltägliche Weise der Einführung eines Namengebrauchs im Rahmen
eines herrschaftlicher Aktes verstanden werden.
Beispiel 2: Der aktuelle Flurname Pfruendmatte aus Zweisimmen im Kanton Bern
bezeichnet heute eine baumbestandene Wiese mit einer Scheune. Der Name ist
1548 in folgendem Kontext belegt: kumpt das houptgut har von den verkoufften
pfrundmatten zu zweÿsimnen (BENB I/4); und dokumentiert damit eine
appellativische Beschreibung der Wiesen (!) als Unterhaltsquelle für einen
geistlichen Amtsträger. Zu einem in den Quellen nicht sichtbar werdenden
Zeitpunkt ist die historische Funktionsbeschreibung des Flurstücks zum Namen
einer reorganisierten Flur geworden, ohne dass der Name weiterhin die
ursprüngliche Bedeutung beinhaltet, da die Wiese wahrscheinlich nicht mehr zur
namengebenden Pfrund gehört. Die Namenwerdung der Pfruendmatte steht im
Zusammenhang mit einer rechtlichen oder besitzorganisierenden Relevanz der
Flur.
Indem ein Name in eine Urkunde, einen Plan oder in eine andere überindividuelle
räumliche Organisations- und Verwaltungsstruktur übernommen wird, wird er zu
einem offiziellen Toponym. Die von einer Gemeinschaft anerkannten
urkundlichen oder auch gewohnheitsrechtlichen und mehrheitsfähigen Nennungen
7 So ist es z.B. vorstellbar, dass ein Flurstück, das einen eigenen Namen hatte, im Rahmen einer
Güterzusammenlegung Teil einer größeren Flur wird, und dass es somit keine Veranlassung
mehr gibt, den ursprünglichen Namen weiter zu tradieren.
8 Die Namengebung wird in den Annales Mosellani in der liturgischen Terminologie der Taufe
nomen imposuit wiedergegeben (Haubrichs 2006:9), was Kripkes Beschreibung der
Namengebung als einen „baptismal act“ exemplarisch illustriert (s. Van Langendonck 2007:92).
werden somit zu der Autorität, die neue Konsumentengruppen in den
Namengebrauch einführt und ihn für diese etabliert.
Da die Toponyme in einem Kultursystem einen orientierungsrelevanten und oft
auch besitzrechtlichen Zugriff auf einen außersprachlichen Referenten gewähren,
müssen sie in immer wiederkehrenden interpersonalen Identifizierungsverfahren
neu bestimmt und fixiert werden („Die Paulswiese reicht bis zum Mühlenacker“;
Zu diesem Hang sagen wir Hörderrand“ etc.).
Es ist zu vermuten, dass die offiziellen Toponyme zu Zeiten eines noch wenig
ausgebauten schriftlichen Verwaltungswesens in ihrer Formelhaftigkeit als eine
Art vertraglicher Größe behandelt wurden, die nur durch die Intervention einer
neuen weisungsfähigen Produzentengruppe oder durch gemeinschaftlich
abgestimmte Neuorganisation der Boden- und Nameneinteilung geändert werden
konnte. Bestehende und in ihrer usuellen Autorität unangefochtene Siedlungs-
und Flurnamen unterlagen dagegen der Anforderung, über die Zeiten und
Konsumentengenerationen hinweg wiedererkennbar zu sein. In den schriftlichen
Belegen äußert sich dies u.a. im Rückbezug auf Vorgängerurkunden und ist oft an
der archaischen Lautgestalt der Namen ablesbar.9
Innerhalb einer Sprachgemeinschaft mit ununterbrochener Produzenten-/
Konsumentengruppe ist es relativ einfach vorstellbar, dass offizielle Toponyme
über einen sehr langen Zeitraum weitergegeben werden konnten. In historischen
Sprachkontaktzonen, in denen es zu einer Ablösung einer Sprach- und
Kulturgemeinschaft durch eine andere kam, stellt sich indes die Frage, welche
Voraussetzungen für die Übernahme fremdsprachiger Toponyme durch neue
Konsumentengruppen angenommen werden müssen.
Das Belegmaterial der Forschungsstelle für Namenkunde an der Universität
Bern, die alle urkundlich überlieferten Toponyme des deutschsprachigen Teils des
Kantons Bern erfasst, enthält sowohl abgegangene als auch historische, bis in die
heutige Zeit belegte Toponyme (aktuelle Mundartlautungen und schriftliche
Belege). Der zweisprachige Kanton Bern, für den man bis zum Übergang von der
Spätantike in das Frühmittelalter noch eine durchgängig galloromanische
Bevölkerung annehmen muss, wurde seit dem 7./8. Jhr. zunehmend von
zuwandernden Alemannen besiedelt. Seit dieser Zeit ist das Gebiet geprägt von
Sprachkontaktprozessen. Aufgrund von politischen und siedlungsgeschichtlichen
9 Abhängig von der gemeinschaftlichen Relevanz der Flur und ihrer schriftlichen
Dokumentierung begegnen uns hier Toponyme mit mehr oder weniger starken lautlichen
Verschleifungen. Seit dem Ausbau des Verwaltungssystems in der Neuzeit und der Zunahme
der schriftlichen Dokumentation sind Namenwechsel häufiger und einfacher möglich geworden
(vgl. zum Beispiel Strassennamenwechsel), da die Behörden sich auf mehrere referentielle
Identifikatoren (Koordinaten, Kataster) berufen können.
Entwicklungen verschob sich die sogenannte Sprachgrenze zwischen den
Romanen und Alemannen immer weiter westwärts. Der heutige Kanton Bern
besteht aus einem deutschsprachigen und einem französischsprachigen
Kantonsteil (vgl. Werlen 2000). Im Berner Material finden sich nun neben sehr
alten voralemannischen und auf die gallorömische Zeit zurückgehenden
Siedlungsnamen auch jüngere frankoprovenzalische Flurnamen, die die
Alemannen bei ihrer Ansiedlung übernommen und tradiert haben müssen. Zu
unterschiedlichen Zeiten wurden also fremdsprachige Toponyme in ein neues
Sprach- und Namensystem übernommen und tradiert. Ist dies bei Namen von
größeren Siedlungen über eine urbane Organisationsstruktur und eine
ungebrochene Überlieferung innerhalb einer kontinuierlichen, klösterlichen
Verwaltungspraxis vorstellbar, so bleiben für die über einen langen Zeitraum
zumeist nur mündlich tradierten Flurnamen die genauen Hintergründe für die
jeweilige Übernahme offen. Die historischen Belegreihen sind für diese
Flurnamen meist sehr lückenhaft und reichen nur in den wenigsten Fällen in den
Zeitraum zurück, in dem das entsprechende Gebiet noch eine aktive
Sprachkontaktzone war.
Nimmt man nun für einen gewissen Zeitraum eine zweisprachige
Besiedlungsphase an, so ist es vorstellbar, dass die ansässigen Romanen die
zusiedelnden Alemannen partiell in ihren Namengebrauch eingeführt haben, bzw.
dass es durch besitzrechtliche Transaktionen zu einer Fixierung romanischer
Flurnamen innerhalb der alemannischen Bodenneuorganisation kam. Diese
Neuorganisation muss jedoch auch von überregionalen Verwaltungsträgern
toleriert worden sein, da bei fehlender Kommunikation innerhalb eines
entsprechenden rechtlichen Umfeldes eine Nameneinführung kaum möglich
erscheint.
Ein entscheidender Grund für die Weitertradierung romanischer Toponyme
innerhalb der alemannischen Gemeinschaft ist aber wohl vor allem darin zu
sehen, dass die Flurnamen den Neusiedlern in ihrer Funktion als Eigenname als
denotativ bedeutungslose „Formeln“ begegnen. Da im primären Sinn keine
Bedeutung von ihnen erwartet wurde, konnten sie unter moderater phonetischer
Anpassung an den alemannischen Lautbestand übernommen werden.10
10 Nur wenn Toponyme aus häufig und in der agrarischen Welt funktional wichtigen
Appellativen entstanden sind, darf man erwarten, dass die fremdsprachigen Konsumenten die
ursprüngliche romanische Bedeutung mit realisierten, wobei in vielen dieser Fälle aus dem
Quellenkontext nicht genau erschlossen werden kann, ob die romanische Vorlage erst durch die
Integration ins alemannische System proprialisiert worden ist. Zu beachten sind hier auch die
transferentiellen Übernahmen häufiger und spezieller Appellative, die dann als Lehnappellative
oder etwa auch als Lehnnamen (vgl. etwa gallorom. *balma > schweizerdt. Balm f. ‹Felshöhle,
Die nameneinführende Autorität gingen dabei nicht immer von der
Ausspracheform der vermittelnden Gemeinschaft aus, sondern knüpften sich im
Besonderen bei siedlungsgeschichtlich wichtigen Orten auch an wichtige
Urkundenformen, die älterere oder ggf. latinisierte Formen des Toponyms
wiedergeben. So finden sich z.B. bei Siedlungen, die über eine längere Zeit vom
romanisch-alemannischen Sprachkontakt geprägt waren, parallele Belegreihen,
die lautgeschichtlich unterschiedliche Varianten eines Namens dokumentieren.
Während sich die Alemannen oft an eine ältere, zumeist schriftlich fixierte
Variante den Namens anschliessen und diese in eine eigene Tradition überführen,
finden sich in romanischen Quellen Namenvarianten, die die lautgeschichtlichen
Schwundstufen der frankoprovenzalischen Sprache aufweisen und an die
jeweiligen Ausspracheformen angepasst sind (vgl. das unten besprochene Beispiel
Pieterlen).
Der Bezug der Alemannen auf ältere offizielle Urkundenformen trägt in
manchen Fällen möglicherweise auch den Charakter eines deferentiellen Aktes
(vgl. Evans 1985:19f.) und verweist als solcher auf einen Namengebrauch, der
seinen Anfang in einem respektvollen Rückbezug auf eine ältere, auch schriftliche
Namenüberlieferung nimmt und diesen bewusst gegen eine im aktuellen
romanischen Gebrauch stehende gewandelte Namentradition behauptet. Die
Prozesse bei der Übernahme eines galloromanischen Namens in den
alemannischen Namengebrauch sollen im folgenden Abschnitt noch an zwei
Beispielen illustriert werden.
Der Ortsname Bargen bezieht sich auf ein Dorf im Kanton Bern (Schweiz) am
westlichen Hang über der Aare. Im Material des BENB (I/4) gibt es eine
Belegstrecke (siehe 1.), die die ältesten Belege für den heutigen Ort angibt und
eine weitere Belegstrecke (siehe 2.), die einen bis zum 12. Jhr. dokumentierten
Grafschaftsnamen aufführt, der möglicherweise nach dem historischen Kernort
der Grafschaft11 im Bereich der heutigen Siedlung benannt worden ist:
stark überhängender Fels, der Schutz und Obdach bietet, Felswand›, auch ‹felsiger oder kahler
Hügel›; s. BENB I/4) produktiv wurden. Vgl. zu den Lehnappellativen Glatthard (1977:281ff.)
und zum speziellen Fall der Namenübersetzungen (1977:271).
11 Die ehemalige Grafschaft Bargen ist vom 10. bis zum 12. Jhr. in einer geographischen
Ausdehnung vom Jura bis zur Stockhornkette der Berner Alpen belegt. Vor ihrer Erstnennung
im 10. Jhr. wird die Grafschaft im 9. Jhr. für die Gegend von Nugerol noch mit dem älteren
Namen comitatus Pipinensis bezeichnet. Nachdem der Herrschaftsbereich wahrscheinlich
innerhalb des zweiten Königreichs Burgund (888-1032) geografisch und politisch reorgansiert
worden war, kam der alte Grafschaftsname in der neuen Verwaltung ausser Gebrauch und der
neue Name comitatus Bargensis wurde eingeführt.
1. ba:rg, ds, (aktuelle Ausspracheform)
facta sunt apud Bargen confirmata 1228, Barges 1228, Uol. plebanus in Bargen 1265, her
Burkhart kilchher ze Bargen 1271, dominus Bur. plebanus in Bargen 1275, una scoposa sita
apud Bargen 1278, curatus de Barges 1285, Curatus de Barges 14.Jh., curatus ecclesie in
Bargen 1308, dК gДter in den dЎrfern von Bargen und von Kappellen 1320, von Bargen
nider untz in die Are 1323, ze Bargen 1335, in twinge und in banne der dorfmarch ze
Bargen 1357, 1361, curatus de Barges 1361, Bargen 1367, Bargen 1377, ze Bargen 1380,
1384, 1388, 1390, in villa de bargen um1398, (ab hier Auswahl:) die tafern zИ bargen 1409,
Clewi Ratolfinger von Bargen 1413, visitaverunt ecclesiam parrochialem de Barges
1416/17, die güter ze Bargen, von dem ofen ze Bargen 1427, ze Bargen 1464, Ab einem gИt
zИ Bargenn 1531, Bargen, cuius templum collicuo impositum haud multum ab Arolae
sinistra ripa 1577, Zbargen enet Arbärg 1583, Bargen (Pfarrdorf) 1838
2. in comitatu Bergas et in pago Nogorolense 944(?), villa in Bargensi comitatu, que Nugerolis
dicitur 968(?), in loco qui dicitur Malum Pratum in comitatu Bargensi 983-993, in comitatu
Bargense, in loco qui dicitur Nuerolus 993-996, in comitatu Bargense et in villa Anesterie
1009, in commitatu Bargense in villa que dicitur Corlinginus 1000-1031, in comitatu
Bargense in loco qui dicitur Nuerolus 1001-1031, in commitatu Bargense et in villa
Chunicis 1011-1025, in comitatu Bargensi sive in valle Nugerolensi 1016, in comitatu
Bargensi 1019, in comitatu qui dicitur Bargen in villa Lanha dimidia colonia 1040, in pago,
qui nuncupatur Species, et in comitatu Bargense Anf. 12.Jh. (auf 662 datierte Fälschung), in
pago nomine Vffgowe in comitatu Bargensi Anf. 12.Jh. (auf 1076 datierte Fälschung), in
pago nomine Uffgowe in comitatu Bargensi 1147, in pago nomine Ufcowe in comitatu
Bargensi 1152, 1161.
Wenn man für beide Toponyme, den Grafschafts- und den Ortsnamen, von der
selben etymologischen Grundlage ausgeht, so lässt sich ein Zusammenhang mit
einem galloromanischen Appellativ *berga, *barga ‹Abhang, Uferböschung
herstellen, welches sich im Frz. zu berge f./m. ‹Böschung, Uferwegentwickelt
hat (BENB I/4, dort auch eine ausführlichere lautgeschichtliche Diskussion). Der
Übergang vom Appellativ zum Toponym hat bereits innerhalb der
galloromanischen Gemeinschaft stattgefunden. Die Grafschaftsbelege geben
überwiegend eine lateinisch adjektivierte Variante des Toponyms wieder. Unter
den Ortschaftsbelegen (siehe 1.) finden sich die Varianten Barges und Bargen,
wobei Bargen dominiert. Barges, so der lautliche und quellenkundliche Befund,
ist die romanische Namenform, Bargen die alemannische. Darüber, ob es sich bei
der Endung -(e)n um eine Feinanpassung der romanischen Endung -(e)s an das
alemannische Sprachsystem handelt, lässt sich nur spekulieren.
Die Gegend um Bargen weist römische Funde und ein frühmittelalterliches
Gräberfeld auf, dessen Beigaben auf eine bis ins 7. Jh. anhaltende romanische
Besiedlung hindeuten. Die zur Zeit der Besiedelung durch die Alemannen
relevante Herrschaftsgruppe waren die burgundischen Rudolfinger, ein
westfränkisches, möglicherweise germanophones Herrschergeschlecht, das
sowohl das romanisch besiedelte Gebiet um Genf, Lausanne und Sitten, als auch
das zunehmend von Sprachkontakt- und Umverteilungsprozessen geprägte Gebiet
östlich des Juras bis zur Aaregrenze beim heutigen Bern verwaltete (vgl. Lexikon
des Mittelalters VII:1086). Die Nameneinführung des historisch wichtigen
Siedlungnamens Barges/Bargenr die alemannischen Neusiedler ist wohl als ein
Zusammenspiel von sprachlichem Direktkontakt mit den ansässigen Romanen
und zugleich herrschaftlicher Absicherung des Namengebrauchs innerhalb der
Verwaltung zu verstehen.
Während mit Bargen ein mit nur geringen formativen Änderungen
einhergehender Übernahmevorgang in ein anderes Sprachsystem beschrieben
wurde, zeigt sich beim zweiten Beispiel ein anderer Tradierungsfall. Pieterlen ist
ein Dorf am südlichen Jurahang, für das auf der Grundlage von archäologischen
Funden (frühmittelalterliche Reihengräber) für das 7.-8. Jhr. auf die gleichzeitige
Ansiedlung einer romanischen und alemannischen Population geschlossen werden
kann. Die Belegreihe im Material des BENB ergibt bis ins 15. Jhr. folgendes Bild:
romanische Formen
alem./schwzdt. Formen
Perla 1228
duas colunnias terre sitas apud Perla
1255
de Peterlo, de Beterlon 1255
Bertholdus de Pelle 1258
dominus Berhtoldus de Bieterlon 1259
B. dominus de Perla 1258
pro bonis in Bieterlo 1262
Berchtoldus dominus de Beterlon 1267
B. Domini de Perla 1269
dominus Ber. Nobilis, dictus de Bietherloch,
Ber. dominus de Bieterlon 1269
B. domini de Perla 1270
Ber. de Bieterloch1270
de Bieterlo, de Bietello 1273
Curatus de Pelle 1275
de Bietirlo 1275
de Pella 1276
her Berchtold von Bietterlen 1278
umbe Bieterlo, ze Bieterlo 1282
de Pelle 1285
de Bitello 1284
Curatus de Pella 14.Jhr.
curati in Byetterlon 1310
illis de Beyterlen 1332
kilchherre ze Bieterle 1335
ze Bieterle in dem dorfe 1361
zu Peterlon 1354
ze Byetterlen, Bitterlen, von Byeterlon 1384
ecclesiam parrochialem de Pelles
1416/17
der keyser zИ Bietterlon um1430
Parles alias Pieterlen 1453
pe:rl (im ca. 20 km entfernten
französischsprachigen Ort Prêles
erhobene Patoisform)
pitrl, ds (aktuelle Ausspracheform)
Der Siedlungsname wird ausgehend von der romanischen und der alemannischen
Überlieferungsform auf das galloromanische Appellativ *petrula, eine
Diminutivableitung von lateinisch petra ‹Fels, Stein›, zurückgeführt. Der
ursprüngliche Flurname soll sich auf eine bei der Siedlung liegende Felswand
bezogen haben und später auf die Siedlung übertragen worden sein (s. BENB I/4).
Die rom. Parallelformen Perla, Perles entsprechen der frankoprovenzalischen
Lautentwicklung von gallorom. *petrula > *pedrula > *perula > perla/pella,
während die alemannischen Formen den alten Dental vor -r- bewahren.
Wenn nun die Alemannen zum Zeitpunkt ihrer Zuwanderung in den damaligen
Namengebrauch der Romanen eingeführt worden sind, müssten sie von da an
innerhalb ihres Namensystems die sprachgeschichtlich ältere Lautung konserviert
haben, ohne in der Folge die Veränderung in der Namenpraxis der ebenfalls noch
bis zum Übergang vom Früh- ins Hochmittelalter dort ansässigen und
benachbarten romanischen Bevölkerung mitgetragen zu haben. Eine wesentliche
Rolle hierfür kann in der Orientierung an urkundichen Fixierungen der jeweils
zuständigen Verwaltung gelegen haben. Es entwickelten sich also auf engstem
Raum zwei Namengebräuche mit zwei Konsumentengruppen. Die Quellen geben
je nach Quellenkontext und Ausstellungsort den romanischen oder alemannischen
Namen an. Zum Teil findet sich im Urkundentext die deutsche Schreibung,
während die Siegel die rom. Lautung tragen (Belege von 1269 und 1270), was auf
den gleichzeitigen parallelen Gebrauch der Namenformen verweist und darauf,
dass es in der von Zweisprachigkeit geprägten Gegend ein zumindest
administratives Bewusstsein für die jeweils übliche offizielle Namenform gab.
Dieses Bewusstsein für die ebenfalls im Gebrauch stehende Namenform findet
sich noch im Visitationsbericht des zweisprachigen Bistums Lausanne von 1453,
welcher Pieterlen in der Doppelangabe Parles alias Pieterlen anführt.
Quellen:
BENB (2008ff.): Ortsnamenbuch des Kantons Bern. [Alter Kantonsteil] Begründet von Paul
Zinsli †, weitergeführt von Peter Glatthard. I. Dokumentation und Deutung:
Dritter Teil (BENB I/3): L-M. Herausgegeben von Thomas Franz Schneider und Erich
Blatter. Erarbeitet vom Redaktorenteam der Forschungsstelle ‹Berner Namenbuch›: Erich
Blatter, Erika Derendinger et al. unter der Leitung von Elke Hentschel. Francke Verlag
Basel und Tübingen, 2008.
Vierter Teil (BENB I/4): N-B/P. Herausgegeben von Thomas Franz Schneider und Erich
Blatter. Erarbeitet vom Redaktorenteam der Forschungsstelle ‹Berner Namenbuch›.
Francke Verlag Basel und Tübingen, im Druck.
Lexikon des Mittelalters (VII). Band 7. – München/Zürich, 1980–1999, Stuttgart/Weimar 1999.
Literatur:
Bach, Adolf (1953/54): Deutsche Namenkunde. Band II: Die deutschen Ortsnamen. 2 Tle.
Heidelberg: Carl Winter.
Blanár, Vincent (2001): Theorie des Eigennamens. Status, Organisation und Funktionieren der
Eigennamen in der gesellschaftlichen Kommunikation. – Hildesheim: Georg Olms Verlag.
De Stefani, Elwys; Pepin, Nicolas (im Druck): “Eigennamen in der gesprochenen Sprache. Eine
Einführung.” In: De Stefani, Elwys; Pepin, Nicholas (Hrsg.): Eigennamen in der
gesprochenen Sprache. – Tübingen und Basel: Francke (im Druck), 4-40.
Debus, Friedhelm (1985): „Zur Pragmatik von Namengebung und Namengebrauch.“ – In:
Beiträge zur Namenforschung 20 (Neue Folge), 305- 343.
Evans, Gareth (1982): The Varieties of Reference. – Oxford: Clarendon Press.
Evans, Gareth (1985): „The causal theory of names.” In: Evans, Gareth: Collected papers.
Oxford: Clarendon Press, 1-24.
Fetzer, This (Diss. 2009): Aspekte toponymischer Volksetymologie. Das Beispiel des Kantons
Bern (deutschsprachiger Teil). Universität Bern.
Glatthard, Peter (1977): Ortsnamen zwischen Aare und Saane. – Bern: Haupt.
Haubrichs, Wolfgang (2006): „Verortung in Namen: Deskriptive Namengebung, Königsgut und
das Interessenspektrum des agrarischen Menschen des frühen Mittelalters.” In:Kasten,
Brigitte (Hrsg.): Tätigkeitsfelder und Erfahrungshorizonte des ländlichen Menschen in der
frühmittelalterlichen Grundherrschaft (bis ca. 1000). – Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 3-36.
Laur, Wolfgang (1989): Der Name. Beiträge zur allgemeinen Namenkunde und ihrer
Grundlegung. – Heidelberg: Carl Winter.
Nicolaisen, Wilhelm Fritz Hermann (1995): „Name and appellative“. – In: Ernst Eichler et al.
(Hrsg.), Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Band 1. – Berlin/New
York: de Gruyter, 384-393.
Sonderegger, Stephan (1987): „Die Bedeutsamkeit der Namen.“ In: Zeitschrift für
Literaturwissenschaft und Linguistik 17, 11-23.
Textor, Mark (2005): Über Sinn und Bedeutung von Eigennamen. – Paderborn: mentis.
Van Langendonck, Willy (2007): Theory and Typology of Proper Names. Berlin/New York:
de Gruyter.
Vendler, Zeno (1984): The matter of minds. – Oxford: Clarendon Press.
Werlen, Iwar (Hrsg.) (2000): Der zweisprachige Kanton Bern. – Bern: Haupt.
Windberger-Heidenkummer, Erika (2008): „Mikrotoponyme im Spannungsfeld onomastischer
Konzeptionen.“ – In: Ernst, Peter (Hrsg.): Namenarten in Österreich und Bayern. Vorträge der
4. Tagung des Arbeitskreises für bayerisch-österreichische Namenforschung am 28. und 29.
September in Wien. – Wien: Praesens Verlag, 273-299.

Supplementary resource (1)

ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Verortung in Namen: Deskriptive Namengebung, Königsgut und das Interessenspektrum des agrarischen Menschen des frühen Mittelalters
  • Wolfgang Haubrichs
Haubrichs, Wolfgang (2006): " Verortung in Namen: Deskriptive Namengebung, Königsgut und das Interessenspektrum des agrarischen Menschen des frühen Mittelalters. " – In:Kasten, Brigitte (Hrsg.): Tätigkeitsfelder und Erfahrungshorizonte des ländlichen Menschen in der frühmittelalterlichen Grundherrschaft (bis ca. 1000). – Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 3-36.
Aspekte toponymischer Volksetymologie
  • This Fetzer
  • Diss
Fetzer, This (Diss. 2009): Aspekte toponymischer Volksetymologie. Das Beispiel des Kantons Bern (deutschsprachiger Teil). Universität Bern.
Theorie des Eigennamens. Status, Organisation und Funktionieren der Eigennamen in der gesellschaftlichen Kommunikation
  • Vincent Blanár
Blanár, Vincent (2001): Theorie des Eigennamens. Status, Organisation und Funktionieren der Eigennamen in der gesellschaftlichen Kommunikation. – Hildesheim: Georg Olms Verlag.
Zur Pragmatik von Namengebung und Namengebrauch
  • Friedhelm Debus
Debus, Friedhelm (1985): "Zur Pragmatik von Namengebung und Namengebrauch." -In: Beiträge zur Namenforschung 20 (Neue Folge), 305-343.