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Abstract and Figures

Einleitung Ausgehend von der Definition der Weltgesundheitsorganisation wird eine Konkretisierung der Begriffe psychische Gesundheit und psychische Erkrankung anhand des allgemeinen Krankheitsmodells von Schulte (1998) bereitgestellt. Der Artikel beschäftigt sich anschließend näher mit den aktuellen Veränderungen in der Häufigkeit psychischer Erkrankungen und die damit verbundene Krankheitslast, die deutliche Public-Health-Relevanz besitzt. Die Besonderheiten psychischer Erkrankungen werden herausgestrichen, und es wird die wechselseitig Beeinflussung körperlicher und psychischer Erkrankungen behandelt. Es gibt gute Argumente dafür, seelischem Leid auf verschiedensten strukturellen, gesellschaftlichen bis hin zu ethischen Ebenen mehr Gewicht einzuräumen.
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Doch was wird unter psychischer Gesund-
heit verstanden? Die Weltgesundheitsorga-
nisation (WHO) definiert psychische Ge-
sundheit als ,,Zustand des Wohlbefindens,
in dem der Einzelne seine Fa
¨higkeiten aus-
scho
¨pfen, die normalen Lebensbelastungen
bewa
¨ltigen, produktiv und fruchtbar arbeiten
kann und imstande ist, etwas zu seiner
Gemeinschaft beizutragen‘‘. In dieser Defi-
nition kommt die individuelle und die ge-
samtgesellschaftliche Perspektive zum Tra-
gen: Psychische Gesundheit ist fu
¨r jeden von
uns Voraussetzung dafu
¨r, unser intellektuel-
les und emotionales Potenzial zu entfalten
und unsere Rolle in der Gesellschaft und im
Arbeitsleben finden. Dies wiederum fu
¨hrt
auf gesellschaftlicher Ebene zu wirtschaft-
lichem Wohlstand, Solidarita
¨t und sozialer
Gerechtigkeit. Indem das Individuum im
Hinblick auf ko
¨rperliche, seelisch-geistige
und materielle Faktoren eine Balance erlebt,
kann es erst seinen kleinen, jedoch bedeut-
samen Beitrag zum Mosaik der Gesellschaft
beitragen. Erkranken Individuen jedoch an
psychischen Krankheiten, verursacht dies
nicht nur individuelles Leid und individuelle
Kosten, sondern, neben der Belastung fu
¨r das
Gesundheitssystem, ebenso gesellschaftli-
che Kosten und Verluste.
Diese Erkenntnisse und Entwicklungen sollten
uns eigentlich fu
¨r die Wichtigkeit der psychi-
schen Gesundheit sensibilisieren: Wir, als In-
dividuum und Gesellschaft, sollten sie erhal-
ten, fo
¨rdern und Menschen helfen, sie wieder-
zuerlangen, wenn sie in ihr beeintra
¨chtigt sind.
Doch uns fa
¨llt es oftmals schwer, das aufgrund
der Krankheit vera
¨nderte Verhalten von Mit-
menschen einzuordnen und wir begegnen ih-
nen mit Unversta
¨ndnis und Unsicherheit. So
sind auch heute noch psychisch Kranke Au-
ßenseiter – psychisch krank zu sein, bedeutet
oftmals stigmatisiert zu werden.
Eine Studie der WHO zeigt, dass im Jahr
2030 unter den weltweit ha
¨ufigsten Krank-
heiten in den Industriestaaten fu
¨nf psychi-
sche Erkrankungen sein werden: Depres-
sion, Alkoholabha
¨ngigkeit, bipolare Sto
¨run-
gen, Schizophrenie und Demenz. Also
mu
¨ssen wir weiter lernen, uns mit psychi-
schen Erkrankungen auseinanderzusetzen,
sie zu verstehen, zu akzeptieren, zu lindern.
Diese Ausgabe des Public Health Forums
mo
¨chte dazu einen Beitrag leisten. Die Viel-
falt der Artikel spiegelt auch die Vielgestal-
tigkeit der Thematik wider. Ausgehend von
Betrachtungen zur seelischen Gesundheit im
Kindes- bis hin zum Erwachsenenalter wer-
den die jeweilig kritischen Lebensereignisse
oder Lebensaufgaben, die zum psychischen
Gesund- bzw. Kranksein beitragen, darge-
stellt. So spielen gerade Schutzfaktoren im
Kindesalter eine bedeutsame Rolle beim ge-
sunden Aufwachsen. Ansa
¨tze zur Pra
¨vention
von seelischen Erkrankungen im Jugendalter
werden ebenso aufgegriffen wie Themen der
Arbeitswelt und des sozioo
¨konomischen
Status. Daru
¨ber hinaus gibt diese Ausgabe
einen breiten U
¨berblick zu Strukturqualita
¨t
und Rahmenbedingungen bei der Versor-
gung seelisch Kranker.
http://dx.doi.org/10.1016/j.phf.2013.12.002
Psychische Gesundheit: Definition und Relevanz
Carina Schlipfenbacher und Frank Jacobi
Die Bedeutung der ,,Psychischen
Gesundheit‘‘ ist ein vieldiskutiertes
Thema, dessen Aktualita
¨t vermehrt
in das gesellschaftliche Bewusstsein
ru
¨ckt. Im Folgenden wird ein U
¨ber-
blick u
¨ber Definitionsversuche gege-
ben, um anschließend die Public-
Health-Relevanz beeintra
¨chtigter psy-
chischer Gesundheit – bzw. psychi-
scher Sto
¨rungen – herauszustellen.
Was heißt das – Gesundheit? Bereits
1948 definierte die WHO Gesundheit
aus einem bio-psycho-sozialen Ver-
sta
¨ndnis heraus: ,,Gesundheit ist ein
Zustand vo
¨lligen psychischen, physi-
schen und sozialen Wohlbefindens
und nicht nur das Freisein von Krank-
heit und Gebrechen. Sich des best-
mo
¨glichen Gesundheitszustandes zu
erfreuen, ist ein Grundrecht jedes
Menschen, ohne Unterschied der Ras-
se, der Religion, der politischen U
¨ber-
zeugung, der wirtschaftlichen oder so-
zialen Stellung.’’ (The Preamble of the
Constitution of the World Health
Organisation, 1946-48).
Psychische Gesundheit wird hier mit
psychischem Wohlbefinden gleichge-
setzt. Andere Definitionen von psy-
chischer Gesundheit sind jedoch
mo
¨glich und auch in zahlreicher
Form versucht worden. Der Weg zu
einer genaueren Eingrenzung der
psychischen Gesundheit gelingt am
besten durch Abgrenzung zu psychi-
scher Krankheit.
Psychische Krankheit. Zahlreiche
Definitionsversuche ko
¨nnen durch
das Krankheitsmodell von Schulte
(1998) geordnet und systematisiert
werden (siehe Abbildung 1).
Schulte (1998) unterscheidet klar
zwischen Krankheitsursache, Krank-
heit, Kranksein und Krankheitsfol-
gen. Es gibt also verschiedene
Perspektiven, aus welchen der Sach-
verhalt ‘‘Krankheit’’ oder ‘‘krank’
betrachtet werden kann. Der Begriff
Krankheit umfasst hier den ko
¨rperli-
chen Aspekt, er bezeichnet die
Abbildung 1. Die Ebenen des allgemeinen Krankheitsmodells.
Public Health Forum 22 Heft 82 (2014)
http://journals.elsevier.de/pubhef
2.e1
pathologischen Vera
¨nderungen, den
Defekt in einer Person. Kranksein be-
zeichnet den psychologischen Aspekt,
das Erleben von Unwohlsein und Be-
eintra
¨chtigung. Unter den Krankheits-
folgen wird der soziale Aspekt aufge-
griffen. Krankheitsfolgen beziehen
sich auf die vera
¨nderten Rollenerwar-
tungen mit bestimmten Anspru
¨chen
und Privilegien.
Die Folgen einer Krankheit, also die
vera
¨nderten Rollenerwartungen wir-
ken sich ru
¨ckwirkend auf die Be-
schwerden und die wahrgenommenen
Symptome aus, sowie in Folge auch
auf die Krankheit an sich und weitere
pathologische Vera
¨nderungen.
Psychische Gesundheit. Das Krank-
heitsmodell von Schulte (1998) dient
nicht nur der Definition von Krank-
heit, sondern kann ebenso fu
¨r Gesund-
heit angewendet werden. Dementspre-
chend geht er von Gesundheitsursa-
chen, Gesundheit, Gesundsein und
Rolle des Gesunden aus.
Der Begriff der Gesundheit ist dabei
schwerer klar zu umgrenzen. Im Un-
terschied zur Krankheit gibt es keine
spezielle Art der Gesundheit. Gesund-
heit wird von Schulte (1998) daher,
anders als in der Definition der WHO,
als Abwesenheit von Krankheit
verstanden.
Differenziert man zwischen dem ob-
jektiven und dem subjektiven Gesund-
sein bzw. Kranksein, sind diese beiden
Begriffe unabha
¨ngig voneinander zu
verwenden. Ein eigentlich Gesunder
kann sich krank fu
¨hlen, ein eigentlich
Kranker kann sich gesund fu
¨hlen. Psy-
chisches Gesundsein bezeichnet nicht
den Normalzustand, sondern vielmehr
einen psychischen Idealzustand. Psy-
chisches Gesundsein und psychisches
Kranksein ko
¨nnen als die Extrempole
eines Kontinuums verstanden werden.
Im mittleren, neutralen Bereich kann
der durchschnittlich Normale angesie-
delt werden. Das Versta
¨ndnis von Nor-
malita
¨t ist stark kulturabha
¨ngig und
auch nicht als unaba
¨nderlich zu
betrachten.
Die soziale Perspektive nach dem
Krankheitsmodell von Schulte be-
scha
¨ftigt sich mit den unterschiedli-
chen Erwartungsspektren an einen
Kranken und an einen Gesunden.
Ohne sichtbare Hinweise auf Krank-
heit wird einer Person automatisch die
Rolle des Gesunden verliehen. Auch
hier kann man von einem neutralen
Mittelbereich sprechen. Die Rolle
der Mutter, des Partners, etc. kann
unterschiedlich gut erfu
¨llt werden.
Die Kultur ist entscheidend fu
¨r die
Definition und Normierung der
Rollen.
Die Ursachen von Krankheit und Ge-
sundheit ko
¨nnen vielfa
¨ltig sein. Ge-
sundheit kann zum einen durch das
Heilen von Krankheit wiederherge-
stellt werden, zum anderen ist auch
bei Gesunden die Erhaltung und Fo
¨r-
derung der Gesundheit ein Ziel.
Salutogenese. Antonovsky (1997) be-
scha
¨ftigte sich seit den 70er Jahren mit
der Frage: Wie entsteht Gesundheit?
Das Konzept der Salutogenese, ent-
wickelt als Gegensatz zur Pathogene-
se, versteht dabei Gesundheit als Pro-
zess, nicht als Zustand. Einen ganz
Gesunden gibt es nicht, und auch in
einer sterbenskranken Person sind
noch gesunde Anteile zu finden. Jede
Person befindet sich auf einem Konti-
nuum und ist nicht entweder gesund
oder krank, sondern befindet sich im
Prozess von gesund und krank. Zent-
rales Element der Salutogenese ist
das Koha
¨renzgefu
¨hl, ein Gefu
¨hl des
generellen Vertrauens auf die Ver-
stehbarkeit, Sinnhaftigkeit und Hand-
habbarkeit der Stimuli in unserem
Leben. Dieses Koha
¨renzgefu
¨hl stellt
auch einen wichtigen Schutzfaktor
gegenu
¨ber psychischen Sto
¨rungen
dar. Im Zusammenhang mit Saluto-
genese stehen Begriffe wie Resilienz
und Empowerment. Letztendlich
sind dies Konzepte der Pra
¨vention
vor psychischer und ko
¨rperlicher
Erkrankung.
Gesto
¨rte psychische Gesundheit:
Ha
¨ufigkeit und Krankheitslast psychi-
scher Erkrankungen. Die psychische
Gesundheit zu erhalten ist eine der
gro
¨ßten Herausforderungen unserer
Gesellschaft. Nicht umsonst lautet
eine zentrale Botschaft der Europa
¨-
ischen Kommission (2005) ,,Keine
Gesundheit ohne psychische Gesund-
heit‘‘. Eine versta
¨rkte Bescha
¨ftigung
mit psychischer Gesundheit dra
¨ngt
sich auch durch immer wieder neue
Diskussionen u
¨ber ,,Burn-Out‘‘ in
den Medien auf. Durch den – im Grun-
de konzeptuell problematischen – Be-
griff ,,Burn-Out‘‘ hielt die psychische
Sto
¨rung Einzug in die Arbeitswelt. Die
Dringlichkeit, psychische Gesundheit
als gesellschaftliche Aufgabe wahrzu-
nehmen und ernst zu nehmen, ergibt
sich vor allem durch die hohen Kosten
bzw. die extrem hohe Krankheitslast,
die psychische Erkrankungen mit sich
bringen. Wenn nicht-u
¨bertragbare, d.h.
auch wesentlich durch soziale und
Verhaltensfaktoren mit beeinflusste
Krankheiten aufgrund ihrer großen
Verbreitung und ihrer großen wirt-
schaftlichen Auswirkungen (Behand-
lungskosten, Arbeitsunfa
¨higkeit, Fru
¨h-
berentung) sozial ins Gewicht fallen
und somit Public-Health-Relevanz er-
langen, werden sie als ,,Volkskrankhei-
ten‘‘ bezeichnet. Psychische Sto
¨run-
gen verursachen ho
¨here Krankheits-
kosten als chronische ko
¨rperliche
Erkrankungen wie Krebs, Diabetes
oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen
(Gustavsson et al., 2011; Wittchen
et al., 2011) und ko
¨nnen also nach
dem aktuellen Kenntnisstand zu den
,,Volkskrankheiten‘‘ geza
¨hlt werden.
Ursache und Wirkung. Interessant
bleibt die Frage nach Ursache und
Wirkung psychischer Erkrankungen.
Zum Beispiel finden wir bei Arbeits-
losen deutlich erho
¨hte Krankheitsra-
ten. Macht nun Arbeitslosigkeit
Public Health Forum 22 Heft 82 (2014)
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2.e2
psychisch krank, oder landen vor al-
lem psychisch Kranke in der Arbeits-
losigkeit? In Anbetracht des multifak-
toriellen Geschehens im Bereich psy-
chischer Sto
¨rungen verwundert es
nicht, dass beide Aspekte eine Rolle
spielen.
Angesichts der Tatsache, dass ver-
mehrt Diagnosen fu
¨r psychische Sto
¨-
rungen vergeben werden (Versor-
gungsdaten der Kostentra
¨ger), liegt
die Vermutung nahe, dass immer
mehr Menschen unter psychischen
Sto
¨rungen leiden. Andererseits
scheint aber die Pra
¨valenz psychischer
Sto
¨rungen in der Allgemeinbevo
¨lke-
rung im Zeitverlauf nicht zugenom-
men zu haben (Jacobi et al., 2014).
Der Anstieg diagnostizierter psychi-
scher Verhaltensauffa
¨lligkeiten oder
psychischer Sto
¨rungen la
¨sst sich den-
noch erkla
¨ren.
Wie in der Abbildung 2 anhand der
Erwerbsunfa
¨higkeitsrenten-Statistik
zwischen 1993 und 2011 deutlich
wird, sind wir heute mo
¨glicherweise
einfach ,,anders krank‘‘. Die absoluten
Zahlen zeigen, dass die Rentenzuga
¨n-
ge aufgrund von Krankheiten im All-
gemeinen zuru
¨ckgegangen sind. Pro-
zentual zeigt sich, dass sich das Ver-
ha
¨ltnis psychischer und ko
¨rperlicher
Erkrankungen stark in Richtung psy-
chischer Erkrankungen verschoben
hat. Dies hat insbesondere damit zu
tun, dass psychische Probleme heutzu-
tage eher erkannt und benannt werden
und somit auch A
¨rzte die Diagnose
eher vergeben als fru
¨her. Dies bedeutet
aber keinen Artefakt (,,Psychische Sto
¨-
rungen werden heute u
¨berdiagnosti-
ziert, weil sie in Mode sind.‘‘), sondern
eher ein Aufholen an den wahren Er-
kenntnisstand (,,Psychische Sto
¨rungen
wurden fru
¨her ha
¨ufiger u
¨bersehen bzw.
Betroffene wurden, obwohl eine psy-
chische Sto
¨rung vorlag, eher wegen
anderer ko
¨rperlicher Diagnosen krank-
geschrieben.‘‘)
Relevanz psychischer Erkrankungen.
Es gibt seit einiger Zeit Ansa
¨tze,
,,Krankheitslast‘‘ nicht mehr nur
u
¨ber Sterblichkeitsziffern zu quantifi-
zieren, sondern auch u
¨ber die Lebens-
zeit, die Menschen mit Beeintra
¨chti-
gungen und Behinderung verbringen
(z.B. ,,Years lived with disability‘‘,
YLD). Psychische Erkrankungen
machen in Bezug auf diese YLD
u
¨ber 40% Prozent der Krankheitslas-
ten aller Erkrankungsgruppen aus
(Wittchen et al., 2011) – und dennoch
fließen nur etwa 10% der Gesund-
heitsausgaben in die Versorgung psy-
chischer Sto
¨rungen. Scha
¨tzungen der
direkten und der indirekten Kosten fu
¨r
psychische Sto
¨rungen und neurologi-
sche Erkrankungen zusammen erga-
ben den Betrag von 800 Milliarden
Euro fu
¨r die gesamte Europa
¨ische
Union (standardisiert auf das Jahr
2010; Gustavsson et al., 2011). Dies
ist mehr als die Kosten fu
¨r Herz-Kreis-
lauf-Erkrankungen, Krebs und Diabe-
tes zusammen. Diese enormen Kosten
lassen sich vor allem durch die Beson-
derheiten psychischer Erkrankungen
gegenu
¨ber ko
¨rperlichen Erkrankun-
gen erkla
¨ren: Die hohe Erkrankungs-
rate – etwa jeder dritte Frau und jeder
vierte Mann sind betroffen (Jacobi
et al., 2014) – spielt selbstversta
¨ndlich
eine maßgebliche Rolle. Selbst bei
geringen Kosten im Einzelfall ist die
Summe der Behandlungskosten psy-
chischer Erkrankungen beachtlich.
Um den Einwand der Dramatisierung
vorwegzunehmen, zum Vergleich:
70% aller Erwachsenen unter 65 Jah-
ren haben im Laufe eines Jahres
zumindest eine ko
¨rperliche Diagnose
– von der Allergie bis hin zur Krebs-
erkrankung. Warum sollten Gehirn
und Nervensystem weniger ha
¨ufig be-
troffen sein als andere, weit weniger
komplexe Organbereiche?
Die Dauer psychischer Erkrankungen
ist zudem ha
¨ufig episodisch oder chro-
nisch, so dass Betroffene viel Zeit mit
ihrer Sto
¨rung verbringen. Außerdem
sind von psychischen Erkrankungen
zumeist Personen betroffen, die sich
im leistungsfa
¨higsten, mittleren Le-
bensalter befinden, was wirtschaftlich
sta
¨rker ins Gewicht fa
¨llt als beispiels-
weise Erkrankungen im Rentenalter.
Abbildung 2. Absolute und relative Ha
¨ufigkeiten von psychischen und ko
¨rperlichen Diagno-
sen bei Rentenzuga
¨ngen von 1993 - 2011.
2.e3
Public Health Forum 22 Heft 82 (2014)
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Die Anforderungen in unserer heuti-
gen Arbeitswelt sind ha
¨ufig kommuni-
kativer, psycho-mentaler und emotio-
naler Art, was sich mit den Einschra
¨n-
kungsprofilen psychischer Sto
¨rungen
u
¨berschneidet. Bei ehemals eher ko
¨r-
perlichen Anforderungen spielten Ein-
schra
¨nkungen, die durch psychische
Sto
¨rungen hervorgerufen wurden, nur
eine nachgeordnete Rolle.
Psychische Sto
¨rungen und ko
¨rperli-
che Erkrankungen. Ein weiterer
wichtiger Aspekt im Zusammenhang
mit psychischer Gesundheit ist die
ko
¨rperlich-psychische Komorbidita
¨t
(gleichzeitiges Vorliegen mehrerer
Erkrankungen): psychisch erkrankte
Personenweisenha
¨ufiger ko
¨rperliche
Beschwerden auf und umgekehrt.
Hierfu
¨r gibt es vielfa
¨ltige Erkla
¨rungs-
hypothesen. Mo
¨glicherweise fehlt ei-
ner depressiven Person zum Beispiel
die notwendige Compliance, um eine
ko
¨rperliche Erkrankung durch konse-
quente Medikamenteneinnahme und
aktives Gesundheitsverhalten zu
kontrollieren. Man muss somit von
einer wechselseitigen Beeinflussung
ausgehen. Studien zeigen zum Bei-
spiel, dass ko
¨rperliche Erkrankungen
schlechter verlaufen, wenn eine psy-
chische Erkrankung hinzukommt. So
ist die Mortalita
¨t bei Herzerkrankun-
gen ho
¨her, wenn auch eine Depres-
sion diagnostiziert wurde (Barth
et al., 2004). Eine weitere Mo
¨glich-
keit, das geha
¨ufte Auftreten psychi-
scher Sto
¨rungen mit ko
¨rperlichen Er-
krankungen zu erkla
¨ren, betrifft ko
¨r-
perliche Folgescha
¨den durch die
chronischen Stressreaktionen, wie
sie zum Beispiel bei posttraumati-
schen Belastungssto
¨rungen hervorge-
rufen werden.
Verdeutlicht wird die Wechselwir-
kung auch durch den ko
¨rperlichen Ri-
sikofaktor U
¨bergewicht: wenn auch in
hohem Maße genetisch determiniert,
tragen doch psychologische bzw. Ver-
haltensfaktoren sowie soziale Einflu
¨s-
se entscheidend zu krankhaftem U
¨ber-
gewicht bei. Allerdings sind psychi-
sche Sto
¨rungen nicht mit erho
¨hten
Raten an Adipositas assoziiert (Hach
et al., 2007).
Seelischem Leid mehr Gewicht geben.
Es ist Zeit, die Gesundheitsdefinition
der WHO erneut aufmerksam zu pru
¨-
fen und Maßnahmen anzupassen, zu
aktualisieren und neue Schwerpunkte
zu setzen. Der bestmo
¨gliche Gesund-
heitszustand wird hier als Grundrecht
des Menschen proklamiert, unabha
¨n-
gig von seiner sozialen Stellung. Der
Notwendigkeit, diese Chancenun-
gleichheit zu verringern, sollte auf
allen Ebenen mehr Nachdruck verlie-
hen werden. Da wir heute ,,anders
krank‘‘ sind, mu
¨ssen auch die
Schwerpunkte im Gesundheitsbe-
reich neu gesetzt werden. Dies be-
trifft u
¨brigens nicht nur das Gesund-
heitssystem im engeren Sinne, son-
dern auch andere Instanzen (z.B.
Schule, berufliches Umfeld, soziale
Tra
¨ger, etc.). Dem psycho-sozialen
Teil der Gesundheit sollte den aktuel-
len Untersuchungen entsprechend
mehr Gewicht zugewiesen werden,
um eine Anpassung der Versor-
gungs-, Angebots- und Pra
¨ventions-
struktur im Sinne des Public Health-
Nutzens zu erzielen. Die gewissen-
hafte Umsetzung der Gesundheitsde-
finition der WHO ist vielleicht eine
der herausforderndsten, aber auch
vielversprechendsten Aufgaben einer
Gesellschaft.
Der korrespondierende Autor erkla
¨rt, dass
kein Interessenkonflikt vorliegt.
http://dx.doi.org/10.1016/j.phf.2013.12.012
Prof. Dr. Frank Jacobi
Psychologische Hochschule Berlin
(PHB)
Am Ko
¨llnischen Park 2
10179 Berlin
f.jacobi@psychologische-hochschule.de
Literaturverzeichnis
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Einleitung
Ausgehend von der Definition der Weltgesundheitsorganisation wird eine Konkretisierung der Begriffe psychische
Gesundheit und psychische Erkrankung anhand des allgemeinen Krankheitsmodells von Schulte (1998) bereitgestellt.
Der Artikel bescha
¨ftigt sich anschließend na
¨her mit den aktuellen Vera
¨nderungen in der Ha
¨ufigkeit psychischer Er-
krankungen und die damit verbundene Krankheitslast, die deutliche Public-Health-Relevanz besitzt. Die Besonderheiten
psychischer Erkrankungen werden herausgestrichen, und es wird die wechselseitig Beeinflussung ko
¨rperlicher und
psychischer Erkrankungen behandelt. Es gibt gute Argumente dafu
¨r, seelischem Leid auf verschiedensten strukturellen,
gesellschaftlichen bis hin zu ethischen Ebenen mehr Gewicht einzura
¨umen.
Abstract
Based on the definition of health by the WHO, mental health and mental illness are put into concrete terms by Schulte’s
(1998) disease model. Furthermore, the article deals with current changes in prevalence of mental disorders and the
associated burden of disease which has significant public-health-relevance. The peculiarities of mental disorders are
highlighted and the mutual interaction of mental and somatic diseases is addressed. There are good reasons for providing
more resources for disturbed mental health on various structural, social and ethical levels.
Schlu
¨sselwo
¨rter:
Psychische Gesundheit = mental health, psychische Sto
¨rung = mental disorders, Public-Health-Relevanz = public-health-
relevance, Pra
¨valenz = prevalence, Komorbidita
¨t = comorbidity
2.e5
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... In der Gesellschaft wird hingegen ein immer höherer Wert auf die Erbringung von Leistungen gelegt und die Förderung einer gesunden Entwicklung wird zu häufig vernachlässigt (Böhme, 2010). Es wird angenommen, dass im Jahr 2030 unter den weltweit häufigsten Krankheiten in den Industriestaaten fünf psychische Erkrankungen sein werden: Depression, Alkoholabhängigkeit, bipolare Störungen, Schizophrenie und Demenz (Schlipfenbacher & Jacobi, 2014). Aus diesem Grund ist es wichtig, die psychische Gesundheit bereits frühzeitig zu fördern. ...
Article
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Wenige Heranwachsende bewegen sich gemäß der Empfehlung von Graf et al. (2013) mit einer Aktivitätszeit von 90min täglich (Bucksch & Finne, 2013). Kinder sind durch alternative Freizeitmöglichkeiten zu selten in der Natur (Bös, 2009). Eine hohe allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) erhöht die Teilnahme an außerschulischen Sportangeboten (Desharnais, Bouillon & Godia, 1986). Golfen ist ein Outdoorsport, von dem angenommen werden kann, dass er sich positiv auf die Ausbildung der SWE von Kindern auswirkt (Heuler, 2002). Deswegen wurde in der vorliegenden Stu-die ein systematisches Golftraining, das im Sinne der Gesundheitsförderung durch die mentale Trainingsform der Progressiven Muskelrelaxation (PMR) unterstützt wurde, als Interventionsmaßnahme eingesetzt, um die SWE der Kinder zu erhöhen. Die Kontrollgruppe (KG; N=25) spielte über drei Monate Fußball, die Interventionsgruppe 1 (IG1; N=25) trainierte Golf und die Interventionsgruppe 2 (IG2; N=24) erhielt Golfunterricht in Verbindung mit PMR. Zu Beginn und am Ende der Intervention wurden die Daten zur allgemeinen SWE erhoben. Beim Intergruppenvergleich resultierte ein signifikanter Unterschied in der SWE-Entwicklung zwischen der KG und der IG2 (F=9,426; p=,004; Eta²=,167), wobei die Kinder der IG2 die größten Verbesserungen zeigten. Es ist anzunehmen, dass Golftraining in Verbindung mit PMR einen positiven Einfluss auf die Ausbildung der allgemeinen SWE von SchülerInnen ausübt. Folgestudien sollten die langfristige Wirkung dieser Effekte untersuchen, um die Einbindung von Golfsport und PMR in den Schulsport zu begründen.
Chapter
Die konsequente Betrachtung der sportiven Trainingsprozesse im Kindes- und Jugendalter als proaktiv zu gestaltender, pädagogisch intendierter Ausbildungsprozess mit wechselseitiger Abhängigkeit von Zielen, Inhalten, Methoden und Organisationsformen ist an bestimmte Prämissen gebunden, die eng mit dem Verständnis von Bildsamkeit und Selbstorganisation sowie mit der biokulturellen und biopsychosozialen Einheit Mensch und dessen Entwicklung zusammenhängen. Vor dem Hintergrund der außerordentlich komplexen und widerspruchsvollen Begriffe Training und Bildung kommt der Sportpädagogik die Aufgabe zu, fachspezifische Integrations- und Syntheseleistungen zu erbringen, die in Bezug auf die Trainingsziele, Trainingsinhalte, Trainingsmethoden und Bedingungen für die Analyse, Planung und Gestaltung des Ausbildungsgeschehens zu konstruktiven inhaltlichen Lösungen führen. Im vorliegenden Beitrag werden diese Aufgaben vor dem Hintergrund eines offenen Trainings- und Lernverständnisses für die sportpädagogische Prozessgestaltung im Kindes- und Jugendalter betrachtet.
Chapter
Unter die häufigsten Störungsbilder psychiatrischer Krankheiten, die im Kindesalter auftreten können, fallen Ängste, Depressionen, die allgemeine Störung des Sozialverhaltens, ADHS, Essstörungen sowie aus neurologischer Sicht Epilepsie. Das Kapitel widmet sich den Symptomen und Prävalenzraten dieser Störungen sowie den möglichen Auswirkungen von körperlicher Aktivität und Sport auf die Symptome. Darüber hinaus wird auf die Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Förderung der körperlichen Aktivität und/oder Sport von Kindern mit diesen Störungsbildern verwiesen.
Chapter
Schwere Erkrankungen und Bewegung schließen sich nicht grundsätzlich aus. Vielmehr ist es bei Vorliegen einer onkologischen oder hämatologischen Erkrankung ratsam, Kindern und Jugendlichen während aller Therapiephasen sowie in der Nachsorge den Zugang zu Bewegung zu ermöglichen. Dies umfasst allgemeine körperliche Aktivitäten wie auch gezielte sportliche Aktivitäten. Während onkologischer Behandlungen besuchen Betroffene für bis zu zwei Jahre nicht die Schule, den Sportverein und sind im Alltag inaktiver als gesunde Gleichaltrige. Neben einer Förderung von Alltagsaktivitäten ist die Anleitung einer gezielten Bewegungstherapie angeraten, um Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination zu erhalten, unerwünschte Therapiewirkungen zu minimieren und möglichen Spätfolgen präventiv entgegenzuwirken. In diesem Kapitel werden die Potenziale und Rahmenbedingungen von Sport mit dem Schwerpunkt Bewegungstherapie für Kinder und Jugendliche mit und nach onkologischen Erkrankungen zusammengefasst. Anschließend werden am Beispiel Hämophilie die Risiken und Potenziale von Sport bei einer hämatologischen Erkrankung beschrieben.
Presentation
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Umfassender Vortrag zu Bedeutung, Größenordnung und Trends psychischer Störungen; Forschungskolloquium der Psychologischen Hochschule Berlin, 6.11.2018
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Ist Golf eine Sportart, die die psychische Gesundheit von Kindern stärken kann? Kinder sind durch biologische Veränderungen, Identitätsentwicklung, hohe schulische Anforderungen, die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen und soziale Konflikte einem hohen Stresslevel ausgesetzt. Zwar zählen Kinder zur gesündesten Altersgruppe, dennoch befinden sich in einer sensiblen Entwicklungsphase, die entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung und die Realisierung zukünftiger beruflicher Möglichkeiten ist. Zu selten nutzen Kinder die schützende Wirkung von Natur und Sport, um herausfordernde Lebensereignisse zu bewältigen. In Deutschland erreichen weniger als ein Drittel der Kinder die empfohlene Bewegungszeit von 90 min moderater Intensität täglich. Aufgrund der nachgewiesenen positiven Einflüsse von Sport und Bewegung, sollten junge Menschen ermutigt werden, ein langfristiges Interesse an Outdoor-Sportarten zu entwickeln, um eine hohe Lebensqualität bis ins Erwachsenenalter zu erreichen. Die Erhaltung und Förderung der psychischen Gesundheit ist ein wichtiger Baustein für die erfolgreiche Entwicklung und eine hohe Lebensqualität im Alter. Zwei der wichtigsten gesundheitsförderlichen Ressourcen sind die der Resilienz und der Selbstwirksamkeitserwartung. Durch die Kombination von Aktivität an der frischen Luft, einem geringen Verletzungsrisiko und den nachgewiesenen positiven Effekten auf die psychische Gesundheit von Erwachsenen, ist Golfen eine geeignete Sportart, die zur Verbesserung der Resilienz und Selbstwirksamkeitserwartung beitragen kann. Bislang fehlen empirische Untersuchungen, die die positive Wirkung von Golfen auf die Gesundheit von Kindern bestätigen. Deshalb wurde der Einfluss von Golfen auf die Resilienz und die Selbstwirksamkeitserwartung von Kindern in dieser Studie untersucht.
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Die ,,Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS1) und ihr Zusatzmodul ,,Psychische Gesundheit“ (DEGS1-MH) erlauben erstmals seit dem 15 Jahre zurückliegenden Bundesgesundheitssurvey (BGS98) aktuelle Abschätzungen zu Morbidität, Einschränkungsprofilen und Inanspruchnahmeverhalten der deutschen Erwachsenen. Es werden die wichtigsten Ergebnisse zu Prävalenzen psychischer Störungen, zu damit assoziierten Beeinträchtigungen sowie zu Kontaktraten mit Gesundheitsdiensten berichtet.Der Studie liegt eine bevölkerungsrepräsentative Erwachsenenstichprobe (18–79 Jahre, n = 5317) zugrunde, die überwiegend persönlich mit ausführlichen klinischen Interviews (Composite International Diagnostic Interview; CIDI) untersucht wurde.Die 12-Monats-Prävalenz psychischer Störungen beträgt insgesamt 27,7 %, wobei große Unterschiede in verschiedenen Gruppen (z. B. Geschlecht, Alter, sozialer Status) zu verzeichnen sind. Psychische Störungen stellten sich als besonders beeinträchtigend heraus (erhöhte Zahl an Einschränkungstagen). Weniger als die Hälfte der Betroffenen berichtet, aktuell wegen psychischer Probleme in Behandlung zu stehen (10–40 % in Abhängigkeit von der Anzahl der Diagnosen).Psychische Störungen sind häufig. Die im Vergleich zu Personen ohne aktuelle psychische Diagnose deutlich erhöhte Rate an Beeinträchtigungstagen signalisiert neben dem individuellen Leiden der Betroffenen eine große gesellschaftliche Krankheitslast – auch verglichen mit vielen körperlichen Erkrankungen. Trotz des in Deutschland vergleichsweise gut ausgebauten Versorgungssystems für psychische Störungen ist Optimierungsbedarf hinsichtlich der Behandlungsrate zu vermuten.
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The German health interview and examination survey for adults (DEGS1) with the mental health module (DEGS1-MH) is the successor to the last survey of mental disorders in the general German population 15 years ago (GHS-MHS). This paper reports the basic findings on the 12-month prevalence of mental disorders, associated disabilities and self-reported healthcare utilization. A representative national cohort (age range 18-79 years, n = 5,317) was selected and individuals were personally examined (87.5 % face to face and 12.5 % via telephone) by a comprehensive clinical interview using the composite international diagnostic interview (CIDI) questionnaire. The overall 12-month prevalence of mental disorders was 27.7 % with substantial differences between subgroups (e.g. sex, age, socioeconomic status). Mental disorders were found to be particularly impairing (elevated number of disability days). Less than 50 % of those affected reported to be in contact with health services due to mental health problems within the last 12 months (range 10-40 % depending on the number of diagnoses). Mental disorders were found to be commonplace with a prevalence level comparable to that found in the 1998 predecessor study but several further adjustments will have to be made for a sound methodological comparison between the studies. Apart from individual distress, elevated self-reported disability indicated a high societal disease burden of mental disorders (also in comparison with many somatic diseases). Despite a relatively comprehensive and well developed mental healthcare system in Germany there are still optimisation needs for treatment rates.
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Background: The spectrum of disorders of the brain is large, covering hundreds of disorders that are listed in either the mental or neurological disorder chapters of the established international diagnostic classification systems. These disorders have a high prevalence as well as short- and long-term impairments and disabilities. Therefore they are an emotional, financial and social burden to the patients, their families and their social network. In a 2005 landmark study, we estimated for the first time the annual cost of 12 major groups of disorders of the brain in Europe and gave a conservative estimate of €386 billion for the year 2004. This estimate was limited in scope and conservative due to the lack of sufficiently comprehensive epidemiological and/or economic data on several important diagnostic groups. We are now in a position to substantially improve and revise the 2004 estimates. In the present report we cover 19 major groups of disorders, 7 more than previously, of an increased range of age groups and more cost items. We therefore present much improved cost estimates. Our revised estimates also now include the new EU member states, and hence a population of 514 million people. Aims: To estimate the number of persons with defined disorders of the brain in Europe in 2010, the total cost per person related to each disease in terms of direct and indirect costs, and an estimate of the total cost per disorder and country. Methods: The best available estimates of the prevalence and cost per person for 19 groups of disorders of the brain (covering well over 100 specific disorders) were identified via a systematic review of the published literature. Together with the twelve disorders included in 2004, the following range of mental and neurologic groups of disorders is covered: addictive disorders, affective disorders, anxiety disorders, brain tumor, childhood and adolescent disorders (developmental disorders), dementia, eating disorders, epilepsy, mental retardation, migraine, multiple sclerosis, neuromuscular disorders, Parkinson's disease, personality disorders, psychotic disorders, sleep disorders, somatoform disorders, stroke, and traumatic brain injury. Epidemiologic panels were charged to complete the literature review for each disorder in order to estimate the 12-month prevalence, and health economic panels were charged to estimate best cost-estimates. A cost model was developed to combine the epidemiologic and economic data and estimate the total cost of each disorder in each of 30 European countries (EU27+Iceland, Norway and Switzerland). The cost model was populated with national statistics from Eurostat to adjust all costs to 2010 values, converting all local currencies to Euro, imputing costs for countries where no data were available, and aggregating country estimates to purchasing power parity adjusted estimates for the total cost of disorders of the brain in Europe 2010. Results: The total cost of disorders of the brain was estimated at €798 billion in 2010. Direct costs constitute the majority of costs (37% direct healthcare costs and 23% direct non-medical costs) whereas the remaining 40% were indirect costs associated with patients' production losses. On average, the estimated cost per person with a disorder of the brain in Europe ranged between €285 for headache and €30,000 for neuromuscular disorders. The European per capita cost of disorders of the brain was €1550 on average but varied by country. The cost (in billion €PPP 2010) of the disorders of the brain included in this study was as follows: addiction: €65.7; anxiety disorders: €74.4; brain tumor: €5.2; child/adolescent disorders: €21.3; dementia: €105.2; eating disorders: €0.8; epilepsy: €13.8; headache: €43.5; mental retardation: €43.3; mood disorders: €113.4; multiple sclerosis: €14.6; neuromuscular disorders: €7.7; Parkinson's disease: €13.9; personality disorders: €27.3; psychotic disorders: €93.9; sleep disorders: €35.4; somatoform disorder: €21.2; stroke: €64.1; traumatic brain injury: €33.0. It should be noted that the revised estimate of those disorders included in the previous 2004 report constituted €477 billion, by and large confirming our previous study results after considering the inflation and population increase since 2004. Further, our results were consistent with administrative data on the health care expenditure in Europe, and comparable to previous studies on the cost of specific disorders in Europe. Our estimates were lower than comparable estimates from the US. Discussion: This study was based on the best currently available data in Europe and our model enabled extrapolation to countries where no data could be found. Still, the scarcity of data is an important source of uncertainty in our estimates and may imply over- or underestimations in some disorders and countries. Even though this review included many disorders, diagnoses, age groups and cost items that were omitted in 2004, there are still remaining disorders that could not be included due to limitations in the available data. We therefore consider our estimate of the total cost of the disorders of the brain in Europe to be conservative. In terms of the health economic burden outlined in this report, disorders of the brain likely constitute the number one economic challenge for European health care, now and in the future. Data presented in this report should be considered by all stakeholder groups, including policy makers, industry and patient advocacy groups, to reconsider the current science, research and public health agenda and define a coordinated plan of action of various levels to address the associated challenges. Recommendations: Political action is required in light of the present high cost of disorders of the brain. Funding of brain research must be increased; care for patients with brain disorders as well as teaching at medical schools and other health related educations must be quantitatively and qualitatively improved, including psychological treatments. The current move of the pharmaceutical industry away from brain related indications must be halted and reversed. Continued research into the cost of the many disorders not included in the present study is warranted. It is essential that not only the EU but also the national governments forcefully support these initiatives.
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Aims: To provide 12-month prevalence and disability burden estimates of a broad range of mental and neurological disorders in the European Union (EU) and to compare these findings to previous estimates. Referring to our previous 2005 review, improved up-to-date data for the enlarged EU on a broader range of disorders than previously covered are needed for basic, clinical and public health research and policy decisions and to inform about the estimated number of persons affected in the EU. Method: Stepwise multi-method approach, consisting of systematic literature reviews, reanalyses of existing data sets, national surveys and expert consultations. Studies and data from all member states of the European Union (EU-27) plus Switzerland, Iceland and Norway were included. Supplementary information about neurological disorders is provided, although methodological constraints prohibited the derivation of overall prevalence estimates for mental and neurological disorders. Disease burden was measured by disability adjusted life years (DALY). Results: Prevalence: It is estimated that each year 38.2% of the EU population suffers from a mental disorder. Adjusted for age and comorbidity, this corresponds to 164.8million persons affected. Compared to 2005 (27.4%) this higher estimate is entirely due to the inclusion of 14 new disorders also covering childhood/adolescence as well as the elderly. The estimated higher number of persons affected (2011: 165m vs. 2005: 82m) is due to coverage of childhood and old age populations, new disorders and of new EU membership states. The most frequent disorders are anxiety disorders (14.0%), insomnia (7.0%), major depression (6.9%), somatoform (6.3%), alcohol and drug dependence (>4%), ADHD (5%) in the young, and dementia (1-30%, depending on age). Except for substance use disorders and mental retardation, there were no substantial cultural or country variations. Although many sources, including national health insurance programs, reveal increases in sick leave, early retirement and treatment rates due to mental disorders, rates in the community have not increased with a few exceptions (i.e. dementia). There were also no consistent indications of improvements with regard to low treatment rates, delayed treatment provision and grossly inadequate treatment. Disability: Disorders of the brain and mental disorders in particular, contribute 26.6% of the total all cause burden, thus a greater proportion as compared to other regions of the world. The rank order of the most disabling diseases differs markedly by gender and age group; overall, the four most disabling single conditions were: depression, dementias, alcohol use disorders and stroke. Conclusion: In every year over a third of the total EU population suffers from mental disorders. The true size of "disorders of the brain" including neurological disorders is even considerably larger. Disorders of the brain are the largest contributor to the all cause morbidity burden as measured by DALY in the EU. No indications for increasing overall rates of mental disorders were found nor of improved care and treatment since 2005; less than one third of all cases receive any treatment, suggesting a considerable level of unmet needs. We conclude that the true size and burden of disorders of the brain in the EU was significantly underestimated in the past. Concerted priority action is needed at all levels, including substantially increased funding for basic, clinical and public health research in order to identify better strategies for improved prevention and treatment for disorders of the brain as the core health challenge of the 21st century.
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Prospective studies on physically healthy subjects have shown an association between depression and the subsequent development of coronary heart disease (CHD). The relative risk in meta-analytic aggregation is 1.64 (confidence interval [CI], 1.29-2.08) for any CHD event. However, the adverse impact of depression on CHD patients has not yet been the subject of a meta-analysis. To quantify the impact of depressive symptoms (eg, BDI, HADS) or depressive disorders (major depression) on cardiac or all-cause mortality. We analyzed the strength of the relationship, the time dependency, and the differences in studies using depressive symptoms or a clinical diagnosis as predictors of mortality. English and German language databases (Medline, PsycInfo, PSYNDEX) from 1980 to 2003 were searched for prospective cohort studies. Sixty-two publications were identified. The inclusion criteria were met by 29 publications reporting on 20 studies. A random model was used to estimate the combined overall effect as crude odds ratios (OR) or adjusted hazard ratios (HR [adj]). Depressive symptoms increase the risk of mortality in CHD patients. The risk of depressed patients dying in the 2 years after the initial assessment is two times higher than that of nondepressed patients (OR, 2.24; 1.37-3.60). This negative prognostic effect also remains in the long-term (OR, 1.78; 1.12-2.83) and after adjustment for other risk factors (HR [adj], 1.76; 1.27-2.43). The unfavorable impact of depressive disorders was reported for the most part in the form of crude odds ratios. Within the first 6 months, depressive disorders were found to have no significant effect on mortality (OR, 2.07; CI, 0.82-5.26). However, after 2 years, the risk is more than two times higher for CHD patients with clinical depression (OR, 2.61; 1.53-4.47). Only three studies reported adjusted hazard ratios for clinical depression and supported the results of the bivariate models. Depressive symptoms and clinical depression have an unfavorable impact on mortality in CHD patients. The results are limited by heterogeneity of the results in the primary studies. There is no clear evidence whether self-report or clinical interview is the more precise predictor. Nevertheless, depression has to be considered a relevant risk factor in patients with CHD.
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A systematic approach to examining associations among obesity and socio-demographic determinants, psychological problems, and mental disorders in epidemiological samples is missing. Within the representative German Health Interview and Examination Survey and its Mental Health Supplement (GHS-MHS), 4181 subjects (age 18-65 years) took part in a physical examination (including measurement of body weight and height) and a standardized psychological interview (M-CIDI). Obesity (BMI > 30 kg/m(2)), somatic diseases, socio-economic variables, health-related quality of life (SF-36), and mental disorders (DSM-IV) were assessed. Data were analysed by logistic regression analyses. Prevalence of obesity was 18.5%. There was a strong association between obesity and somatic conditions, as well as to low socio-economic status (SES). No psychosocial disadvantages (e.g. regarding social relationships, impairment due to mental health problems, depressed feelings) for the obese individuals were found. With the exception of a higher prevalence of anxiety disorders in obese men (12.5 versus 8.5%, OR = 1.53, CI = 1.06-2.21, disappearing when controlled for number of somatic conditions), obese persons showed no elevated rates of mental disorders. Discussion: Obesity is associated with a low SES and some somatic disadvantages but not with other social or emotional disadvantages that have been often assumed to be very prevalent in that group. From the population-based perspective, obesity per se seems not to be associated with a higher risk for suffering from mental disorders, whereas relations between specific aspects of obesity and specific types of psychopathology still need further study.
jacobi@psychologische-hochschule.de Literaturverzeichnis Antonovsky A. Salutogenese -Zur Entmystifizierung der Gesundheit In: (Deutsche erweiterte Herausgabe von Alexa Franke) Tübingen: dgvt
  • Berlin F
10179 Berlin f.jacobi@psychologische-hochschule.de Literaturverzeichnis Antonovsky A. Salutogenese -Zur Entmystifizierung der Gesundheit. In: (Deutsche erweiterte Herausgabe von Alexa Franke). Tübingen: dgvt; 1997.
Frank Jacobi Psychologische Hochschule Berlin (PHB) Am Köllnischen Park
  • Prof
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Prof. Dr. Frank Jacobi Psychologische Hochschule Berlin (PHB) Am Köllnischen Park 2