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Umkämpfte Bedeutungen. Naturkonzepte im Zeitalter der Technoscience.

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Abstract

Contested Meanings: Nature in the Age of Technoscience (Abstract) The concept of nature is analyzed in contemporary epistemology, science studies (Derrida, Luhmann, Latour, Žižek, Haraway) as well as emerging technosciences (Life Science, i.e. Artificial Life, robotics). Diverse, transdisciplinary stories are getting related: The decline of modern philosophy of nature, the critique of the 'metaphysics of presence', the emergence of technoscience as well as the development of new ontological groundings in technosciences themselves. In doing this, related movements of denaturalization, dematerialisation and renaturalization in critical theory and technoscience become visible: Posthumanism and deontologization seems at least as much brought forward by technoscience´s new denaturalized ontology as by contemporary approaches in constructivism, deconstructivism and system theory. With a little help from Donna Haraway as well as others conditions are worked out for a transdisciplinary concept of nature beyond essentialism, sentimentalization as well as abstract negation and hyperproductionism. This aims at a new concept of nature, which neither neglects the enlightening critique of representation politics nor ignores - and thereby supports unintentionally - the new posthuman, technoscientific concept of nature without being aware of its groundings and consequences.
Jutta Weber
Umkämpfte Bedeutungen
Natur im Zeitalter der Technoscience
Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades Dr. Phil.
eingereicht beim Promotionsausschuß für
Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Bremen
März 2001
für Angelika, Andi und den Schlurch
Inhalt
Einleitung 1
1 Der Verfall der Naturtheorie in der Moderne 5
Antike und Mittelalter: evidente Natur 10
Natur in der frühen Neuzeit 11
Natur in der Moderne 15
Niedergang der Naturphilosophie in der Moderne 19
Natur in der Technoscience 21
2 Wer fürchtet sich vor der Natur? Erkenntniskritische Positionen
am fin de siècle 29
I.
Kritik an der `Metaphysik der Präsenz´ 30
Der `aesthetic turn´ im Dekonstruktivismus Derridas 32
Weltlosigkeit als Programm 36
Falsche Leitunterscheidung: Luhmann und die Beobachtung erster Ordnung 38
Realität als verlorenes Paradies 41
II.
Präponderanz des Subjekts, Technoscience und aktuelle Erkenntniskritik 42
Seinsgewißheiten und Seinsaussagen: zur Tabuisierung der Ontologie in der Moderne 44
Denaturalisierung und Entmaterialisierung 47
III.
Die Welt als Netz: Bruno Latours Hybridontologie zwischen
De-/ Konstruktivismus und Empirismus 50
Kopernikanische Gegenrevolution, Ontologie der Netze und die Erfindung
der `Quasis´ 55
Prima philosophia der Hybriden 59
IV.
Ironie der Kritik: radikale Erkenntniskritik als Neo-Pragmatismus? 63
Erneute Subjektivierung, altbekannte Rhetoriken und die Leerstelle des Politischen 68
Positivismus und `De-Ontologisierung der Realität´: Fixierung auf das Subjekt 69
Monologische Autorität und heroische Überwindergesten:
Exorbitante und apokalyptische Erzählstrategien 69
Wie Feuer und Wasser: Epistemologie und Politik 73
3 Wissensproduktion im Zeitalter der Technoscience und die
Bedingungen ihrer Möglichkeit
77
I.
`The Seamless Web´: Gesellschaft, Wissenschaft, Technik et cetera
79
Technisierung der Gesellschaft 80
Transformation des Technischen 80
Big Science 84
Wissenschaft, Industrie und die Tücken der Großtechnologien 85
II.
Technoscience
88
Zur Epistemologie und Ontologie der Technowissenschaften 93
(Selbst-)Inszenierung und Mythos der Technoscience 97
Narrative Strategien und literarische Technologien im `Theater der Repräsentation´ 100
4 Eine lebendige, komplexe Natur und ihre Maschinen: Über den
Transfer von `Lebensprinzipien´ in der Artificial Life-Forschung
107
I.
Totes und Lebendiges: Zur Umdeutung des Lebensbegriffs in der
Technoscience
107
Lebenskraft, negative Entropie und genetischer Code 110
Lebensprinzipien: Selbstorganisation, Information, Code und Emergenz 113
Life Sciences, Life Industry und Life Science 115
Künstliche Intelligenz, Robotik und die neue Körperlichkeit 117
Postmoderne Maschinen 119
Entstehung und Konstituierung von ALife 120
Kleines ABC der AL-Forschung 123
Biomorphe - z.B. Boids 126
Zellularautomaten und ihre Lebensspielchen 128
Genetische Algorithmen 130
Digitale Evolution: Tierra 133
ALife in der Öffentlichkeit 135
II.
Natur als dezentriertes, multiples Subjekt zwischen Chaos und Ordnung
137
Die Natur als `allgegenwärtiges Team von Zimmermädchen´:
Ontologische Annahmen der AL-Forschung
142
Neo-Positivismus oder Arte-Faktizismus?
Erkenntnistheoretische Positionen in der AL-Forschung
145
Künstliches Leben, Superroboter und Gehirn-Hacken:
Apokalyptica & Heilsvisionen der Life Science
149
Lebendige Natur – lebendige Maschinen:
Zum kulturalistischen Fehlschluß in der Technowissenschaft
154
Verlebendigung der Maschinen & die vollendete Modernisierung
der Technowissenschaft
158
5 Anderswo? Postessentialistische Denkweisen von Natur als
situierte Ontologie und transdisziplinäre Erkenntnispolitik 161
I.
Un/Gleich/Zeitigkeiten: Divergente Naturbegriffe im Zeitalter der
Technoscience 161
Naturbegriff in der Technosience 162
Technofakte als gereinigte epistemische Objekte:
Vom molekularbiologischen Labor zu virtual reality 165
Rhetoriken des Natürlichen 166
Essentialismuskritik und `postmoderne´ Naturkonzepte der Technowissenschaften:
Natur als `unbeschreibbar´, `unmarked space´ und `black box´ 169
Die epistemischen Artefakte der Technoscience und die Tabuisierung der Ontologie 171
Natur und Kultur 172
Naturbegriffsverhältnisse im Zeitalter der Technoscience 174
II.
Auf der Suche nach einem `Anderswo´ 176
Natur als Negativität 178
Natur als Widerständigkeit bzw. Eigensinnigkeit 180
Slavoj Žižek und die Quantenphysik:
Natur als unheimliches Universum von Potentialitäten 181
Natur als Trickster: Donna Haraways Netzwerktheorie 188
Eine neue Epoche und ihre Trickster-Ontologie: AgentInnen in der Technoscience 192
Cat´s Cradle oder Die Verlockungen unendlicher Rekombination 194
III.
Postessentialistische Naturkonzepte im Zeitalter der Technoscience 201
Situierte Ontologie 202
Natur `als ob´ und das leidige Leiden der Moderne 204
Entmaterialisierung als Mythos der Technoscience 206
Transdisziplinarität 209
Im `Theater der Repräsentation´ 210
Transdisziplinäre Erkenntnispolitik und Begehren 212
Literaturverzeichnis 215
Danksagung
„Die Natur ist verstummt. Die Beobachter streiten sich.“
Niklas Luhmann
„Sign interpreters are ontologically dirty...“
Donna Haraway
„`Nature´ in fact is a little like a spy's attaché case. It contains lots of
hidden compartments that you have to work hard and carefully to
find; if you are not familiar with the luggage it could blow in your
face. Defusing the case – `de-naturalizing nature´ – is an intricate
procedure.“ Neil Smith
Einleitung
Im Zeitalter der Technoscience erscheint Natur zugleich als zentrale Kategorie und äußerst
prekär. Während Natur auf der einen Seite die wichtigste Legitimationsressource für die
Erkenntnisproduktion der Natur- bzw. Technowissenschaften als auch für politische und gesell-
schaftliche Aushandlungsprozesse darstellt, erscheint im Zuge fortschreitender Amalgamierung
von Lebenswelt und Technik und der beschleunigten Produktion von Technofakten und Hybri-
den immer unklarer, was überhaupt Natur ist bzw. ob es sie überhaupt noch gibt. Doch auch
nach dem Scheitern gegenmoderner Bewegungen wie Ökologie- und Friedensbewegung ist Natur
weiterhin in Alltagskultur, New-Age-Mythologien, Freizeit und Populärkultur ein äußerst be-
gehrtes Objekt. Gleichzeitig insistiert zeitgenössische Erkenntniskritik darauf, daß Natur nichts
sei als ein überholtes identitätslogisches und reifizierendes Konzept des Humanismus, eine fata
morgana und ein ideologischer Trick, der der Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen dient.
Angesichts der beschleunigten und intensivierten technowissenschaftlichen Aneignung von Na-
tur bzw. Produktion von Technofakten warnen wiederum zivilisations- und technikkritische Po-
sitionen vor dem völligen Verschwinden der Natur und allem Lebendigen, vor ihrer Subsumtion
durch die neuen soziotechnischen Entwicklungen und der fortschreitenden Kolonialisierung der
Lebenswelt durch eine flexibilisierte, dynamisierte und dadurch noch effizientere technowissen-
schaftliche Rationalität.
Angesichts dieser und vieler weiterer Verwirrungen der Naturbegriffe, -verhältnisse und -vor-
stellungen in der Gegenwart konnte ich der alteuropäischen Versuchung nicht widerstehen, ein
wenig Licht in dieses Gemenge der Naturen und Natürlichkeiten bringen zu wollen, Pfade und
Wege durch den Begriffsdschungel zu legen in der Hoffnung, die verschiedenen Naturen bzw.
ontologischen Setzungen der jeweiligen Positionen aufzuspüren und in ein Verhältnis zueinander
setzen zu können. Rekursive Schleifen, Affinitäten, aber auch Widersprüche und Ungleichzeitig-
keiten der Naturkonzeptionen in der aktuellen erkenntniskritischen Debatte und den Diskursen,
Praktiken und Rhetoriken der Technowissenschaften zu verfolgen, motiviert sich aus meiner
Überzeugung, daß Natur auch heute eine zentrale, wenn auch vehement umkämpfte Kategorie in
den symbolischen Ordnungen gegenwärtiger Gesellschaften ist. Vor diesem Hintergrund scheint
mir der (angebliche) Agnostizismus erkenntniskritischer Positionen bzgl. jeglicher, immer schon
pejorativ verstandenen `Ontologie´ und die häufig daraus resultierende ablehnende Haltung be-
züglich Naturtheorie im allgemeinen und Naturkonzepten im besonderen, mehr als problema-
tisch. Sie stützen durch ihr Schweigen die Definitionsmacht der technowissenschaftlichen Dis-
kurse und ihrer populärwissenschaftlichen Ableger.
Erkenntniskritik attestiert gerne den Natur- und Technowissenschaften und ihnen verwandte
Weltanschauungen naiv realistische, positivistische oder biologistische Grundlagen und kritisiert
die Ignoranz gegenüber den soziokulturellen, symbolischen und anderen Konstruktionsmecha-
nismen bei der wissenschaftlichen Wissensproduktion. Sie selbst bleibt aber erstaunlich blind
gegenüber den bedeutungsschwangeren Umwälzungen der ontologischen Grundlagen der
1
Technowissenschaften im Übergang von der Spätmoderne zur Technoscience, der daraus resul-
tierenden effizienteren und radikalen Naturaneignung und deren zentraler gesellschaftlichen Be-
deutung.
Die radikalen De-Ontologisierungs- bzw. Entmaterialisierungsstrategien erkenntniskritischer An-
sätze verursachen aufgrund der mit einem Anti-Realismus einhergehenden methodologischen
Schwierigkeiten gleichzeitig zentrale Schwächen in diesen selbst. Damit nähern sie sich an die von
ihnen kritisierten positivistischen und (neo)pragmatischen Positionen an. Nichtsdestotrotz re-
flektiert sich implizit und vielfach gebrochen in der radikalen Erkenntniskritik humanistischer
Konzepte von Natur die posthumanistische Neukonfiguration von Natur durch die Technowis-
senschaften und eröffnet so ein Feld für konstruktive Ansätze, diese Entwicklungen zu begreifen,
kritisch zu reflektieren und alternative Konzepte zum Mainstream der Technokultur zu entwer-
fen. Dies ist ihr genuiner, wenn auch unfreiwilliger Beitrag zu einer kritischen Theorie der Natur
und Technik, den bisher nur wenige TheoretikerInnen und einige WissenschaftsforscherInnen
ausgelotet haben. Er führt aber weiter als eine abstrake Negation der aktuellen soziotechnischen
Entwicklungen in der Technokultur und dem oftmals damit verbundenen Ruf nach einem
Zurück zur humanistischen Natur.
Meine Arbeit geht den diversen Naturbegriffen und Bewegungen der Denaturalisierung, Entma-
terialisierung und Renaturalisierung im erkenntniskritischen Diskurs, in der Wissenschaftsfor-
schung als auch in den neuesten Diskursen, Praktiken und Rhetoriken der Technowissenschaften
am Beispiel der Artificial Life-Forschung und Robotik nach und setzt sie ins Verhältnis zueinan-
der. Dezidiertes Ziel dieser Arbeit ist die kritische Revision des erkenntniskritischen und techno-
wissenschaftlichen Naturbegriffs und die Ausarbeitung einiger Grundlagen für einen postessen-
tialistischen Naturbegriff, der weder technowissenschaftliche Entwicklungen ignoriert noch ab-
strakt negiert.
Das erste Kapitel versteht sich als eine philosophie- und wissenschaftshistorische Rekonstruktion
des modernen und technowissenschaftlichen Naturbegriffs einschließlich eines kurzen Rück-
blicks auf die Naturbegriffe der Antike (Aristoteles), des Mittelalters und der frühen Neuzeit, um
anschließend die radikalen Umschreibungen des Naturbegriffs in der Moderne deutlicher her-
vortreten zu lassen. Für die Moderne wird die Ausbreitung eines zunehmenden Gefühls von
`Weltlosigkeit´ (Hannah Arendt) und des Verlustes von Seinsgewißheiten konstatiert, der ver-
bunden ist mit einer Subjektivierung von Erkenntnis und der Trennung des metaphysischen und
technisch-instrumentellen Naturbegriffs. Diese Entwicklung resultiert im Niedergang der Natur-
philosophie bzw. -theorie in der Moderne. Aufgrund der tiefen Grabens zwischen Naturwissen-
schaften und Naturphilosophie und der zunehmenden Definitionsmacht der Naturwissenschaf-
ten, die allein noch die Kluft zwischen Denken und Seien, Subjekt und Objekt zu schließen ver-
sprechen, wird der bedeutungsmächtige Naturbegriff der Naturwissenschaften und nicht der der
Naturtheorie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Thermodynamik) und vor allem im 20.
Jahrhundert (Molekularbiologie und Cyberscience) skizziert, welcher dann in seiner technowis-
senschaftlichen Gestalt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im vierten und fünften Kapitel
ausführlicher diskutiert wird.
Das zweite Kapitel unternimmt eine Analyse der Naturbegriffe bei Jacques Derrida und Niklas
Luhmann ex negativo, in dem vor allem die Konzepte der `Metaphysik der Präsenz´ wie des
Supplements in Derridas `Grammatologie´ als auch Luhmanns Konzept des `unmarked space´
und seine Argumentation bezüglich der kognitiven Blindheit geschlossener Systeme gegenüber
ihrer Umwelt genauer unter die Lupe genommen werden. Meine These lautet, daß diese Ansätze
2
zwar eine berechtigte Kritik des Essentialismus formulieren, aber ihre eigenen ontologischen
Setzungen – ohne die keine Theorie auskommt – negieren bzw. verkennen. Um dies genauer
explizieren zu können, unterscheide ich zwischen den theoretischen Strategien der Denaturalisie-
rung und Entmaterialisierung, verwerfe die oft pauschale Kritik aktueller Ansätze an der Ontolo-
gie und kontrastiere sie mit einem zeitgenössischen kritischen Begriff von Ontologie.
Als Gegenpol zu den rein erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch orientierten Ansätzen von
Derrida und Luhmann, die sich nur sehr partiell mit neueren soziotechnischen Entwicklungen
auseinandersetzen, unternehme ich im Anschluß daran eine Analyse des Naturkonzepts des Wis-
senschaftsforschers Bruno Latour, der selbst den Anspruch vertritt, einseitige Konzepte von
Diskursivierung, Sozialisierung und Naturalisierung zu überwinden und neueste Entwicklungen
der Technokultur kritisch zu reflektieren.
Aufgrund der – wenn auch unterschiedlich gewichteten – anti-realistischen Tendenzen in allen
drei Ansätzen vertrete ich die These, daß diese Positionen die Subjektivierung der Erkenntnis in
der Moderne weiterhin radikalisieren, insofern das `Außen´, die Natur, das Nichtidentische in
einer weiteren reflexiven Schleife nach innen genommen bzw. teilweise sogar völlig negiert wird.
Ihr ontologischer Agnostizismus führt gleichzeitig zu pragmatistischen und neopositivistischen
Tendenzen. Während die Figur der Denaturalisierung eine Grundlage bietet für eine kritische
Revision des aktuellen definitionsmächtigen Naturbegriffs der Technokultur, wird dies durch die
Tendenzen der Subjektivierung, der Entmaterialisierung und durch den Umschlag in Pragma-
tismus oder Positivismus in diesen Theorien vereitelt. Ein kurzer Ausblick auf Konzeptionen, die
der Denaturalisierung treu bleiben, aber den traditionellen erkenntnistheoretischen Fokus über-
schreiten, insofern sie offensiv Erkenntnispolitik betreiben und für eine Situierung des Wissens
plädieren, eröffnet erste Ausblicke auf einen postessentialistischen Naturbegriff. Die Untersu-
chung dieser Ansätze wird im fünften und letzten Kapitel dann vertieft.
Das dritte Kapitel skizziert die Bedingungen der veränderten Wissensproduktion im Zuge des
Übergangs von den Natur- zu den Technowissenschaften. Es wird ein Begriff von Techno-
science im Kontext der Fusionierung von Technik, Wissenschaft und Industrie im 20. Jahrhun-
dert, der Ausbildung einer `Big Science´ sowie von großen soziotechnischen Systemen und den
damit verbundenen Dynamiken, wie z.B. der Technisierung von Gesellschaft und Wissenschaft,
entwickelt. Die umwälzenden und irreversiblen Entwicklungen und Umstrukturierungen durch
die Technowissenschaft in gegenwärtigen Gesellschaften werden als ausreichender Grund be-
trachtet, Technoscience auch im Sinne einer Epochenbezeichnung zu verwenden. Als eine zen-
trale Grundlage für die epochalen Neuerungen wird die Modernisierung der ontologischen
Grundlagen der Natur- bzw. dann Technowissenschaften herausgearbeitet, die eine Dynamisie-
rung und Flexibilisierung von Natur bedeutet und einer radikalisierte und effizientere
Naturaneignung der organischen Materie, die Homologisierung von Körpern und Maschinen und
die Produktion von Technofakten ermöglicht. Trotz des dynamisierten Naturbegriffs und der
immer offener zutage tretenden konstruktivistischen Verfahren der Technowissenschaften wird
in den rhetorischen Praktiken der Technoscience allerdings weiterhin eine naturalistische Reprä-
sentationspolitik verfolgt, die die neue konstruktivistische und artefaktische Natur wiederum
reifiziert – in einer ähnlichen Bewegung wie die Diskurse aktueller Erkenntniskritik. Die mythi-
sche Selbstinszenierung der Technoscience mit ihren Verheißungen und apokalyptischen Dro-
hungen formiert sich im Kontext der Beschleunigung der Technowissenschaftsentwicklung zu
einem Technosymbolischen bzw. Technoimaginären, nicht zuletzt, weil es zunehmend schwierig
wird, zwischen Science und Fiction zu unterscheiden, die Versprechungen von Transzendenz
und Unsterblichkeit bzw. von omnipotenten Artefakten, von uns überflügelnden `machines out
of control´, noch irgendwie adäquat einzuschätzen.
3
Die im dritten Kapitel im Rahmen epochemachender Bewegungen allgemein nachgezeichnete
Umschreibung des Naturbegriffs in den Technowissenschaften wird im vierten Kapitel anhand der
Artificial Life-Forschung konkretisiert. Im posthumanistischen Naturbegriff der Artificial Life-
Forschung setzen sich die im ersten Kapitel herausgearbeiteten Bewegungen der Dynamisierung
und Flexibilisierung von Natur fort. Diese junge Technowissenschaft, die heute schon in den
unterschiedlichsten Bereichen – wie Militärtechnologie, Softwareprogrammierung, Robotik,
Computeranimation etc. – Anwendung findet, träumt von der Übertragung von Prinzipien der
Natur (`Lebensprinzipien´) auf künstliche Medien. Dies wird nur denkbar bzw. plausibel auf der
Grundlage eines weiter radikalisierten informationstheoretischen Verständnisses von Leben bzw.
Natur, das alte Dichotomien wie Natur-Kultur, Mensch-Maschine transzendiert, aber interessan-
terweise altvertraute Dichotomien wie Inhalt-Form bzw. Information-Materie oder auch Geist-
Körper eher stabilisiert.
In ihren Rhetoriken setzt die Artificial Life-Forschung altvertraute Heils- und Omnipotenzphan-
tasien, aber auch apokalyptische Szenarien par excellence in Szene. Die posthumanistische Natur
selbst wird als flexibles, fragmentiertes, konstruierendes und konstruiertes Subjekt betrachtet, das
mit seinen emergenten Sprüngen `out of control´ den ForscherInnen neue Konzepte, Metaphern
und Ideen liefert. In toto setzt sich aber im posthumanistischen Naturkonzept die alte Idee von
der Homologie von Natur und Mathematik fort, insofern sich Natur – trotz der ihr zugestande-
nen Turbulenzen – auch weiterhin gemäß weniger, simpler Regeln in sinnvollen Mustern
selbstorganisiert. So scheint es nur noch um die letztliche Entzifferung dieser Regeln zu gehen,
damit endlich die Bio-Logik in den Computern zu neuem, intelligenterem und schnellerem Leben
erweckt werden kann. Gemäß der Logik des kulturalistischen Fehlschlusses, der u.a. die jeweilige
aktuelle Technologie auf die Natur projiziert, soll nun die Funktionslogik der neuen postmoder-
nen, chamäleonartigen Maschine namens Computer auch den Organismen zugrunde liegen. Dies
ist wesentliches Konstituens der posthumanistischen Natur der Technoscience.
Im fünften Kapitel wird nach der kritischen Revision der Naturbegriffe bei Slavoj Žižek und
Donna Haraway ein postessentialistisches Konzept von Natur skizziert, das die kritischen Ein-
sichten der Denaturalisierung aufgreift, wie sie in der Erkenntniskritik entwickelt wurden. Gleich-
zeitig sollen mit Hilfe des Konzeptes der `Natur als Negativität´, der `Natur als Widerständigkeit
bzw. partialen Eigensinnigkeit´ (Trickster) und der `situierten Ontologie´ Vorschläge für einen
kritischen Naturbegriff gemacht werden, die dem Mythos von einer de-facto-Entmaterialisierung
der Körper, von Verschwinden der Natur nicht aufsitzt – auch wenn Körper und andere Entitä-
ten in den Diskursen der Technoscience häufig auf Informationsstrukturen reduziert werden.
Gleichzeitig soll dieses Konzept ermöglichen, gängigen erkenntniskritischen Strategien der Ent-
materialisierung und der `platonic fore- and backhand´ (Katherine Hayles) der Technoscience zu
widerstehen. Dies gelingt, indem es nicht das posthumanistische Naturkonzept affirmiert und
unbesehen übernimmt, sondern im Rahmen transdisziplinärer Erkenntnispolitik eine situierte
Ontologie entwickelt, die um die eigenen ontologischen Voraussetzungen genauso weiß wie um
diejenigen der Technoscience, aber auch die eigenen Erzählstrategien kritisch reflektiert, um den
auktorialen Erzählgestus zu vermeiden, der die Situierung unterläuft. Auf der Basis dieser kriti-
schen Reflexion sollen Möglichkeiten eröffnet werden, Natur jenseits von Reifizierung und
Hyperproduktionismus zu denken.
4
„Der Anfang der nachmythischen Einstellung zur Welt hat die Form
des angestrengten Ernstes, der den Aufwand der Nachtruhe und die
Gefährdungen des Lebens demonstrativ hervorkehrt.“
Hans Blumenberg
„Es ist nicht immer einfach, zu entscheiden, was eine spezifische Ver-
änderung in einer Wissenschaft verursacht hat. Was machte eine derar-
tige Entdeckung möglich? Warum erschien dieser neue Begriff? Woher
kam diese oder jene Theorie? Fragen wie diese sind oft sehr verwirrend,
weil es keine endgültigen methodologischen Prinzipien gibt, auf denen
eine solche Analyse zu errichten wäre.“ Michel Foucault
1 Der Verfall der Naturtheorie in der Moderne
Wie und ob sich Natur überhaupt denken läßt, was dieser Begriff bedeutet und wie sich diese
Bedeutungen über die Jahrhunderte immer wieder veränderten – dies sind Fragen, die mich im-
mer wieder beschäftigen. In der vorliegenden Arbeit habe ich mich nun auf Natur- und Erkennt-
nistheorie im Kontext der Technoscience1 konzentriert. Wichtige erkenntnisleitende Fragen waren
hierbei: Ändern sich die Bedeutungen von Natur in den Wissensgesellschaften der Gegenwart
grundlegend? Und wenn ja, in welchem Ausmaß oder über welche Mechanismen wurden und
werden diese Bedeutungen im Zuge und über die Praktiken der Technoscience umgeschrieben?
Insofern ich in dieser Arbeit primär nach dem Konnex von Naturbegriff und Technoscience
frage, werde ich mich vornehmlich auf die Untersuchung des (natur-)wissenschaftlichen Natur-
verständnisses und den damit eng verflochtenen erkenntniskritischen Begriff von Natur be-
schränken. Weitere Dimensionen des Begriffs, hier wäre vor allem auch der ästhetische (als der
hierzu komplementäre) zu nennen, kann ich im Rahmen meiner Arbeit allerhöchstens am Rande
und kursorisch berücksichtigen.
Vor dem Hintergrund beschleunigter wissenschaftlicher und technischer Entwicklung und einer
zunehmenden Verwirrung der Kategorien von Natur und Kultur stellt sich die Frage, ob Natur
überhaupt noch eine relevante Kategorie in unserem heutigen Denken ist. Falls ja, interessiert
mich, was unter diese Kategorie gefaßt, wie Natur vorgestellt wird.
Meine Frage nach der Relevanz der Naturkategorie mag verwundern, denn Natur spielt im alltäg-
lichen Leben eine wesentliche Rolle: Sei es als Glücksversprechen in der Werbung, als Konsum-
artikel in der Freizeit oder als Symbol für gesunde Lebensführung. Aber auch in den Diskursen
von Wissenschaft und Technik erscheint Natur abwechselnd als ubiquitäre Bedrohung oder als
strahlende Heldin, die, wenn wir sie endlich richtig verstehen und vielleicht ein wenig perfektio-
nieren, uns von unseren Gebrechen, Beschränkungen und Problemen erlöst.
Erstaunlicherweise finden sich gleichzeitig im zeitgenössischen theoretischen bzw. erkenntniskri-
tischen2 Diskurs keine oder kaum Auseinandersetzungen mit dem aktuellen Naturbegriff und
1 zum Begriff der Technoscience vgl. Kapitel 3
2 Zeitgenössische Erkenntnistheorien, die in den meisten Theoriedebatten unter dem Begriff `postmodern´ verhan-
delt werden, sind solche, die „auf den gesellschaftlich bedingten ... Zerfall der großen Metaerzählungen“ (Zima 1997,
147), auf die „epistemological crisis“ (Jardine 1986, 23) unseres Jahrhunderts reagieren. Diese Ansätze, die den Anspruch
haben, keine „objektivistische Erkenntnismetaphysik“ (Zima 1997, 146) zu betreiben, denen der Konnex von Begriff und
Sache a priori problematisch ist und die den Anspruch vertreten, konsequent auf ihre eigenen Aussagebedingungen zu
reflektieren, möchte ich im folgenden unter dem Begriff der Erkenntniskritik zusammenfassen. In meinem Verständnis
fallen allerdings diese Ansätze nicht völlig mit dem üblichen Bereich postmoderner Theorie zusammen, insofern ich unter
5
-verständnis der westlichen Wissensgesellschaften – und damit auch kaum Antworten auf meine
wunderfitzigen3 Fragen. Zu meiner Verwunderung stieß ich in Sachen Naturtheorie auf eine
enorme Leerstelle im erkenntniskritischen philosophischen Diskurs der Gegenwart. Selbst bei
jenen TheoretikerInnen, die sich mit den Diskursen und Praktiken der Technoscience auseinan-
dersetzen und dabei entweder Thesen der Radikalisierung der Natur-Kultur-Dichotomie und der
Auflösung des Realen bzw. Körpers vertreten4 oder aber von der Implosion und Amalgamierung
von Natur und Kultur ausgehen5, konnte ich nur selten ausgearbeitete Taxonomien des Naturbe-
griffs bzw. überhaupt einen Bezug auf historisch informierte und kritische Naturtheorien finden.
Reflexion auf den aktuellen Naturbegriff findet sich zwar durchaus im Kontext von Wissen-
schaftsforschung (Science Studies), Technikkritik und den cultural studies6, doch bezieht sich
diese kaum auf die lange und schillernde Geschichte des Naturbegriffs und die klassischen Frage-
stellungen und Probleme der Naturphilosophie.
Je länger ich mich mit den aktuellen Diskussionen auseinandersetzte, desto mehr verstärkte sich
mein Verdacht, daß das mangelnde Interesse am historischen Kontext des aktuellen Naturver-
ständnisses eine Menge überflüssiger (Begriffs-)Verwirrungen, Mißverständnisse und theoreti-
scher Kurzschlüsse im zunehmend internationaler werdenden Theoriediskurs hervorbringt7. Bei-
spielsweise ließe sich die derzeit gefeierte oder gefürchtete Implosion von Natur und Kultur bzw.
Technik8 aus einem Wissen des historischen Verständnisses von physis und techné bei Aristoteles
und den Verschiebungen dieses Verhältnisses mit Beginn der Renaissance weitaus differenzierter
und weniger polarisiert diskutieren – doch dazu später.
Die Fragen der Vorsokratiker nach Wesen und Beschaffenheit der Natur, die in vielen Philoso-
phiegeschichten als Anstoß und Ausgangspunkt des abendländischen philosophischen Diskurses
dargestellt werden9, klingen für unsere heutigen Ohren verstaubt. Die Fragen nach dem Ur-
sprung, der Form und Genese von Natur und die Unterscheidung von physis und techné haben
einen altmodischen Touch oder erscheinen gar als naiv.
Doch wenn auch die Naturphilosophie der Antike oder des Mittelalters für uns befremdlich er-
scheint, insofern sie vornehmlich aus einer ontologischen Perspektive argumentiert, so ist doch ihr
differentes Verständnis von Natur ein wichtiger Bezugspunkt für eine Analyse des aktuellen
Naturverständnisses, welche ein wenig Distanz zu den Selbstverständlichkeiten der eigenen Zeit
gewinnen will. Kontrastiert man z.B. das aristotelische Verständnis von Natur als Seinsweise bzw.
als Inbegriff der Dinge, die „in sich selbst einen Anfang ... von Veränderung und Bestand“
(Aristoteles 1988, 192 b 13f) haben, mit Kants Begriff von Natur als „Inbegriff aller Dinge, so-
fern sie Gegenstände unserer Sinne“ (Kant zit. nach Schäfer 1994, 478) oder gar mit Haraways
dem Label der Erkenntniskritik nicht nur konstruktivistische, dekonstruktivistische, systemtheoretische und diskursanaly-
tische Ansätze versammle, sondern durchaus auch reflektierte realistische oder spätmarxistische Ansätze, sofern sie den
oben genannten Kriterien der Reflexion gerecht werden. Der Terminus `postmodern´ soll im folgenden auf die eher
übliche Zuschreibungspraxis im theoretischen Diskurs verweisen, während der Terminus `Erkenntniskritik´ auf Ansätze
zielt, die den von mir genannten Kriterien entsprechen; vgl. auch Luhmann, der von Ansätzen spricht, die um „die in der
modernen Gesellschaft sich durchsetzende Reflexion ihrer selbst“ bemüht sind (Luhmann 1990a, 667).
3 Fußnote für Norddeutsche: `Wunderfitzig´ bedeutet ungefähr `ausgesprochen neugierig´.
4 vgl. u.a. Baudrillard 1978; Kroker / Kroker 1988; Duden 1991a; Virilio 1994; Sobchak 1995; List 1997
5 vgl. Baudrillard 1978; Haraway 1985; Latour 1995a und 1999
6 vgl. u.a. Cronon 1995; Haraway 1995a und 1995b; Lease / Soulé 1995; Robertson 1996
7 vgl. Gudrun-Axeli Knapp zur „Frage nach dem Stellenwert der Kontextbindung von Theorien“ (Knapp 1998, 34)
und dem Problem der Neuerfindung des Rades infolge historischer Unkenntnis; zur Problematik mangelnder Taxo-
nomisierung vgl. auch Weber 2000a
8 vgl. Haraway 1985; Latour 1995a; Baudrillard 1978; Virilio 1994; Duden 1991a
9 vgl. Mocek 1990; Picht 1989; Schäfer 1982 und 1994
6
Netzwerkmodell10, werden die enormen Differenzen und vielfältigen Möglichkeiten bei der
Betrachtung von und Reflexion auf Natur in Geschichte und Gegenwart deutlich.
Ein – wenn auch nur grobes – Wissen um die Transformationen, die der Naturbegriff im Über-
gang vom Mittelalter zur Neuzeit, von der Neuzeit zur Moderne und dann zur gegenwärtigen
Epoche der Technoscience durchläuft, scheint mir hilfreich für eine Distanzierung vom Com-
mon Sense über Natur und eröffnet damit unter Umständen auch die Möglichkeit für differente
Vorstellungen vom Mensch-Natur-Verhältnis, welches in der Auseinandersetzung um den Na-
turbegriff immer schon involviert ist.
Beim Blick auf den Naturbegriff in aktueller Erkenntniskritik machte mich zudem die Abwehr
oder gar Stigmatisierung ontologischer Ansätze und Fragestellungen – wie sie in der Antike und
im Mittelalter vorherrschten – stutzig, insofern eine rigorose und undifferenzierte Kritik der
Ontologie darauf hinausläuft, die Kopernikanische Wende11 und damit die Hybridisierung des
(Erkenntnis-)Subjekts und den Anthropozentrismus des Humanismus zu perpetuieren, wenn
nicht gar zu radikalisieren, welche in anderen Kontexten heftigst kritisiert werden.12
Während naiv realistische, naturalistische13 oder positivistische14 Ansätze in der Philosophie das
Potential der Erkenntniskritik ignorieren, das jene in der Kritik am archimedisch und individuali-
stisch konzipierten, kohärenten Erkenntnissubjekt, an absoluten Objektivitätsansprüchen oder
bezüglich naiver Repräsentationsmodelle erarbeitet hat, überspitzt die Erkenntniskritik ihrerseits
in der übereifrigen Kritik der `Metaphysik der Präsenz´15 ihre Strategie der Denaturalisierung
oftmals zu einer der Entmaterialisierung. In diesen erkenntniskritischen Theorien wird Natur
dann zur beliebig einsetzbaren Variabel und zum puren individuellen, sozialen oder diskursiven
10 vgl. hierzu Kapitel 5
11 Diese Wende hatte Kant in aller Schärfe zu Beginn der Moderne vollzogen.
12 Dies gilt gerade auch für Ansätze, die Erkenntnistheorie in der Moderne pauschal dafür kritisieren, daß sie angeb-
lich den Geist bzw. das Bewußtsein als „Spiegel der Natur“ (Rorty 1987) konzipiert hätte. Derlei Kritik übersieht
gerade das konstruktive Moment in der modernen Erkenntnistheorie und subsumiert sie in toto und relativ um-
standslos einem naiven Realismus- bzw. Idealismus-Verdacht.
13 Der Begriff des `Naturalismus´ wird hier in der im angelsächsischen Raum üblichen Konnotation benutzt: „Natu-
ralism, in recent usage, is a species of philosophical monism according to which whatever exists or happens is natural
in the sense of being susceptible to explanation through methods which, although paradigmatically exemplified in the
natural sciences, are continuous from domain to domain of objects and events. Hence, naturalism is polemically
defined as repudiating the view that there exists or could exist any entities or events which lie, in principle, beyond
the scope of scientific explanation.“ (Danto 1967, 446); vgl. auch Gawlick 1984, 517f. Weitere Zusatzannahmen sind
zumeist, daß jedes natürliche Objekt raumzeitlichen und kausalen Gesetzen unterworfen ist, daß Natur intellegibel
bzw. die natürlichen Prozesse regelmäßig sind, daß wissenschaftliche Methodik darin besteht, natürliche Prozesse
durch die Identifikation ihrer natürlichen Ursachen zu erklären und diese Erklärungen zu testen – und daß der
Mensch in gleicher Weise diesen Gesetzen unterworfen ist.
14 Positivismus wie er im deutschen Positivismusstreit skizziert wurde, zeichnet sich vor allem durch seine absolute
Präferenz für formale Logik aus als auch durch den Glauben an eine einheitliche wissenschaftliche Methode; vgl.
Adorno et al. 1984. Der Positivismus der angelsächsischen Tradition weist dagegen eher (zusätzlich) folgende
Schlüsselmerkmale auf: „An emphasis upon verification ... Proobservation: What we can see, feel, touch, and the like,
provides the best content or foundation for all the rest of our non-mathematical knowledge. ... Anti-cause: There is no
causality in nature, ... Downplaying explanations: Explanations may help organize phenomena, but do not provide any
deeper answer to Why questions ... Anti-theoretical entities: Positivists tend to be non-realists, not only because they
restrict reality to the observable but also because they are against causes and are dubious about explanations.“
(Hacking 1983, 41f; H.i.O.) Positivismus auf eine Formel reduziert heißt dann: „doctrine that science is the only
form of knowledge and that there is nothing in the universe beyond what can in principle be scientifically known.“
(Stroud 1992, 262)
15 „Es gibt kein Signifikat, das dem Spiel aufeinander verweisender Signifikanten entkäme, welches die Sprache kon-
stituiert, und sei es nur, um ihm letzten Endes wieder anheimzufallen. Die Heraufkunft der Schrift ist die Herauf-
kunft des Spiels“ (Derrida 1994, 17). An einer verbindlichen Relation von Signifikat und Signifikant festgehalten zu
haben, macht für Derrida wesentlich die `Metaphysik der Präsenz´ – „der Sinn-Bestimmung des Seins überhaupt als
Präsenz“ (Derrida 1994, 26; H.i.O.) – aus, wie sie die ganze Philosophiegeschichte bis zur Gegenwart bestimmt; vgl.
auch Derrida 1994, 11f sowie 23ff.
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Konstrukt. Inwieweit es Theorie aber überhaupt möglich ist, auf Seinsaussagen zu verzichten –
und welche Konsequenzen dieser angebliche Verzicht hat – wird dabei meist ausgeblendet.16
Die Stigmatisierung von Naturphilosophie und Ontologie in der Moderne und die Reduktion der
ersteren auf eine Methodologie der Naturwissenschaft im 20. Jahrhundert ist nicht zuletzt auch
Ergebnis und wiederum Voraussetzung des Siegeszuges der neuzeitlichen und vor allem der mo-
dernen Wissenschaften, die in zuvor ungekannter Weise technisches Wissen zur Verfügung stel-
len und die Fragen der praktischen Vernunft aus ihrem Gegenstandsbereich eliminieren (konn-
ten). Wenn auch in den letzten Jahren immer mehr Ansätze in kritischer Wissenschaftstheorie
und -forschung auf die praktischen Konsequenzen der theoretischen, methodologischen und der
oftmals versteckten ontologischen Annahmen der Naturwissenschaften verweisen17, wird doch
nach wie vor nicht nur im technowissenschaftlichen Diskurs selbst, sondern auch im erkenntnis-
kritischen Diskurs meist auf der Abstinenz von jeglichen Aussagen bezüglich Natur oder Welt
bestanden.
Auf der anderen Seite ist die Renaissance der Naturphilosophie bzw. ihr partieller Einzug in den
theoretischen Diskurs18 seit den 70er Jahren kein Zufall. Angesichts der ökologischen Krise und
der beschleunigten technologischen Entwicklung wurden und werden Fragen der praktischen
Vernunft im Kontext von Wissenschaft und Technik wieder zunehmend gestellt. Doch bewegen
sich diese Diskussionen meist nur im Kontext ethischer und ökologischer Problemstellungen und
ignorieren häufig den Stand der erkenntniskritischen Debatte oder auch Fragen nach dem Kon-
nex von praktischer und theoretischer Vernunft, von Technikentwicklung und Natur- bzw.
Wissenschaftsbegriff. Der erkenntniskritische Diskurs nimmt diese neuen Naturphilosophien
bzw. die Debatte um den Naturbegriff wiederum kaum wahr oder subsumiert diese Ansätze
prima facie dem Essentialismusverdacht. Auf der Strecke bleibt eine systematische19 und historisch-
kritische Bearbeitung des Naturbegriffs auf dem Stand der erkenntniskritischen Debatte.
Erst in letzter Zeit finden sich im Kontext der kritischen und hier vor allem der feministischen
Wissenschaftsforschung einige wenige Arbeiten, die versuchen, erkenntniskritische Theorien,
Fragen der praktischen Vernunft und ökologische Probleme `zusammenzudenken´20 – auch
wenn der naturphilosophische Aspekt dabei nach wie vor häufig zu kurz gerät.
Den Gründen für diese blinden Flecke in neuerer Erkenntniskritik bezüglich Naturtheorie
möchte ich im folgenden nachgehen. Um den systematischen Leerstellen der Erkenntniskritik
und ihren Konsequenzen nachzuspüren zu können, aber auch, um eventuell Orte im Theoriedis-
kurs aufzuspüren, an denen klassische Fragestellungen unter anderem Namen weitergeführt wer-
den, werde ich zunächst den Aufstieg und Fall der Naturphilosophie in einem großen und des-
halb unvermeidlich grob skizzierten Bogen von der Antike bis zur Gegenwart nachzeichnen.
Aus heutiger Perspektive verliert die Naturphilosophie als systematischer Fragekomplex im Laufe
der Neuzeit zunehmend an Bedeutung und wird spätestens zu Beginn unseres Jahrhunderts bis in
die 70er Jahre hinein auf eine Methodologie der Naturwissenschaften reduziert. Aufgrund dieser
Entwicklung der Naturphilosophie kann ich nicht immer den – den `Verfallsgeschichten´ so
leicht anhaftenden – pessimistischen Ton vermeiden.
In Anbetracht des naturtheoretischen Defizits der Gegenwart möchte ich versuchen, ein wenig
Distanz zu den derzeit dominanten Natur-Diskursen und ihren Selbstverständlichkeiten zu ge-
16 zu den Begriffen der Denaturalisierung und Entmaterialisierung als auch den Begriffsproblemen bzgl. der Ontolo-
gie vgl. Kapitel 2
17 vgl. Haraway 1989; Longino 1990 und 1996a; Picht 1989; Quine 1969
18 vgl. u.a. Blumenberg 1981; Böhme 1992; Holland-Cunz 1994; Lenk 1984; Merchant 1987; Passmore 1974; Mittel-
straß 1981; Picht 1989; Schäfer 1982
19 Mit `systematischer´ Bearbeitung ist hier nicht die Erstellung eines umfassenden philosophischen Systems gemeint,
aber eine komplexe und historisch informierte Bearbeitung einer – in diesem Falle traditionsreichen – Fragestellung.
20 vgl. Haraway 1992 und 1995c; Scheich 1993; Cronon 1995; Hayles 1995a; Soulé / Lease 1995; Soper 1995
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winnen, indem ich mir letztere als kulturelle Vorurteile bewußt mache und halte.21 Es liegt mir
daran, mit meinem kursorischen Rückblick die Ausgrenzung und Diffamierung von gewissen
Taxonomien und Semantiken der Natur, das Verschwinden der traditionellen Naturmetaphysik
und die Etablierung des technisch-instrumentellen Naturbegriffs als dominantem zu verdeutli-
chen, um so ein besseres Begreifen und Benennen der Desiderate und Leerstellen des aktuellen
theoretischen Diskurses zu ermöglichen. Der pessimistische, unheilsschwangere Ton dieser
Rückschau, der mit dem Eintritt in die Neuzeit immer wieder auftaucht, ist bedingt durch diese
Perspektive. Eine Retrospektive der Philosophie der Subjektivität bzw. der Konstitution des
Subjekts in der Neuzeit würde hier sicherlich völlig andere Erzählweisen zur Folge haben. Aber
die Voraussetzung für den Aufstieg des Erkenntnissubjektes in Neuzeit und Moderne ist die
Ablösung von Natur als Garant der Seinsgewißheit oder Manifestation des göttlichen Willens und
ihre Umschreibung zum Material für eine vom Menschen produzierte Welt. Die generelle Un-
durchsichtigkeit des Wesens der Natur und die Einschränkung der wissenschaftlichen Fragestel-
lung auf den Aspekt der Funktionalität ist wiederum Voraussetzung für dieses Projekt. Der Zwei-
fel an der Erkennbarkeit einer Natur an sich ist damit gar nicht so neu, wie die zeitgenössische
Erkenntniskritik in ihrem Eifer oft meint.
Mein Versuch, Leerstellen der Reflexion in der aktuellen erkenntniskritischen Debatte durch den
historischen Rückblick aufzuspüren, motiviert sich also nicht aus dem wehmütigen Wunsch, in
angeblich bessere Zeiten zurückzukehren, sondern geschieht in der Hoffnung, auf diesem Wege
eine adäquatere Auseinandersetzung mit und Annäherung an den Naturbegriff der Gegenwart
leisten zu können. Letztendlich geht es um den Versuch einer `Archäologie´22 der Naturphiloso-
phie – also darum, Erkenntnisse und produktive Fragen dieser Disziplin wieder aufzuwerfen, die
bei der Wende von der ontologischen zur epistemologischen Perspektive in der Neuzeit in an-
dere Bereiche verschoben wurden oder stillgestellt wurden. Vielleicht wäre eine Integration oder
auch nur Berücksichtigung dieser Einsichten und Fragestellungen in der erkenntniskritischen
Debatte ein erster Schritt, die abstrakte Gegenüberstellung von epistemologischer und ontologi-
scher Perspektive hinter sich zu lassen. Ansätze hierzu finden sich unter anderem in feministi-
schen `postepistemologischen´23 Ansätzen bzw. den cultural studies of science.24 Diese arbeiten
sich nicht immer und primär an historischen Fragestellungen ab, aber sie explizieren den Konnex
von theoretischer und praktischer Vernunft, von Erkenntnis und Politik. Auf diese Arbeiten
komme ich später zurück.
21 vgl. Duden zur Bewußtmachung der „eigenen Selbstverständlichkeiten ... als kulturelles Vorurteil“ (Duden 1991b,
10)
22 Während Foucault in seinem Projekt einer Archäologie des Wissens zeigen wollte, daß viele Naturwissenschaftler
aus den verschiedensten Disziplinen innerhalb einer Epoche – hier der Klassik – unbewußt die „gleichen Regeln zur
Definition der ihren Untersuchungen eigenen Objekte, zur Ausformung ihrer Begriffe, zum Bau ihrer Theorien“
(Foucault 1995, 12) benutzten, geht es mir in meiner Archäologie eher darum, einige Mißverständnisse ans Tageslicht
zu befördern, die durch die Stigmatisierung des vorneuzeitlichen Naturbegriffs in bestimmten Traditionen der Mo-
derne verursacht wurden. Eine solche Archäologie muß nicht von einem linearen Geschichtsverlauf ausgehen, aber
von der Möglichkeit, aus der Kontrastierung der Begriffe und Theorien verschiedener Epochen zu lernen.
23 vgl. Rouse 1996
24 vgl. auch Kapitel 2 und 5
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„Der Weg der Erkenntnis ist nach Aristoteles ein Weg, auf dem wir
dahin zu gelangen versuchen, daß das, was in der Physis Priorität hat,
auch für unsere Erkenntnis Priorität hat.“ Georg Picht
Antike und Mittelalter: evidente Natur
In der Antike wie auch im Mittelalter sind die ontologischen Fragen, die sich u.a. auf die ontische
Verfaßtheit von Natur beziehen, ein zentraler Topos des philosophischen Diskurses. Selbstver-
ständliche Ausgangsvoraussetzung der antiken Naturphilosophie ist das Sein einer stabilen und
doch dynamischen, unentstandenen und unvergänglichen Natur. Für Aristoteles bezeichnet etwa
Natur jene Dinge, die – wie schon erwähnt – den Grund ihrer Bewegung in sich selbst haben,
während „künstliche Dinge seiner Auffassung nach den Grund für ihre Bewegtheit von Außen ...,
das heißt von Menschen“ (Schiemann 1998, 146) erhalten – eine Unterscheidung, die bis heute
im theoretischen Diskurs eine zentrale Rolle spielt. Aber wenn sich auch die jeweiligen ontischen
Bestimmungen von Natur in den philosophischen Konzeptionen der Antike sehr wohl unter-
scheiden, so wird doch nicht bezweifelt, daß das Seiende unabhängig vom Menschen ist. Eine der
zentralen Fragen der Metaphysik ist, warum überhaupt Seiendes ist und nicht vielmehr Nichts. Es
wird bestaunt, aber als Selbstverständliches nicht thematisiert25 oder gar in Zweifel gezogen:
Natur `an sich´ ist evident als natürlich gegebene oder als von Gott geschaffene. Die Existenz des
Kosmos, der physis oder der göttlichen Schöpfung sind damit nicht Thema der philosophischen
Diskussion26. Gestritten und disputiert wird in der vorneuzeitlichen Philosophie primär über den
Konnex von Seiendem und Denken – eben Onto-Logie – und die wahrhaftige Weise der Natur-
erkenntnis. Ein genereller Zweifel an der Möglichkeit von Naturerkenntnis oder gar an dem Sein
von Natur27 wird erst in der Neuzeit und dort vor allem in der Moderne28 ein zentraler Topos des
philosophischen Diskurses. Sehr deutlich wird diese Selbstverständlichkeit bei Aristoteles, für den
die Erkennbarkeit von Natur gerade die Grundlage für die Möglichkeit von Wissen überhaupt ist,
insofern er davon ausgeht, daß die Struktur unseres Denkens durch die Struktur der physis vor-
gezeichnet wird: „Er lehrt, daß die thesis setzt, was ist, und deshalb kann er die logischen Formen
unmittelbar als Seinsstrukturen interpretieren. Dieser Zusammenhang von Logik und Sein ist der
Sinn des Wortes `Ontologie´.“ (Picht 1989, 105)29
25 vgl. Gloy 1995; Picht 1989
26 Sieht man von einigen wenigen radikalen Positionen wie z.B. des Vorsokratikers Gorgias ab, den man aufgrund
seiner Behauptung, daß nichts ist, und wenn doch etwas wäre, es nicht erkennbar wäre, wenn aber doch etwas er-
kennbar wäre, dann wäre es nicht kommunizierbar, überpointiert als radikalen Konstruktivisten der ersten Stunde
interpretieren könnte.
27 zum Beispiel bei George Berkeley
28 Der Epochenbegriff der Moderne ist nicht unproblematisch, versteht sie es doch in einer Art `Chronozentrismus´ alles
ihr Vorläufige zur Vorgeschichte zu degradieren; vgl. Grasskamp 1998. Dennoch halte ich eine Differenzierung zwischen
Neuzeit und Moderne, wie sie im deutschsprachigen Bereich üblich ist (die Unterscheidung `enlightenment´ - `moder-
nity´ im Anglophonen scheint mir wesentlich uneindeutiger), für nützlich, um gewisse Dynamiken (bzw. deren Radi-
kalisierung) in Wissenschaft und Erkenntnistheorie verdeutlichen zu können. Mein Begriff von Moderne orientiert sich
hierbei am soziologischen, politischen und philosophischen Kriterien wie etwa ein `dezentriertes Weltverständnis´
(Habermas 1987), der Ausdifferenzierungsprozeß von Gesellschaft und die “Einführung der systemischen Mechanismen
der Vergesellschaftung, Geld und Macht” (Waltz 1993, 279), die Ausbildung einer kognitiven Rationalität von Naturwis-
senschaft und Technik (vgl. Weber 1978), die Auflösung verbindlicher Sinnstiftungen (Theunissen 1982; Waltz 1993)
sowie die Kritik einer zuvor letztlich immer noch theologisch gedachten Vernunft (vgl. Frank 1988).
29 Auch Derrida schreibt diese Interpretation Aristoteles zu: „Zwischen dem Sein und der Seele, den Dingen und den
Affektionen bestünde ein Verhältnis natürlicher Übersetzung oder Bedeutung“ (Derrida 1994, 24). Aus Gründen der
Kontrastierung beziehe ich mich bei der Darstellung antiker Naturphilosophie auf Aristoteles, der mit dem der Vor-
stellung von Natur als Seinsweise, mit seinem Konzept der poiesis oder auch der entelechie in größerem Kontrast
10
„Es ist nicht ein wie immer geartetes Diesseits, das sich dem Menschen
bot, als er die Gewißheit des Jenseits verlor, er wurde vielmehr aus der
jenseitigen und der diesseitigen Welt auf sich selbst zurückgeworfen;
und weit entfernt davon, den Glauben der Antike an eine potentielle
Unvergänglichkeit der Welt zu teilen, war er noch nicht einmal sicher,
daß diese diesseitige Welt, die einzige, die ihm verblieb, überhaupt
wirklich sei.“ Hannah Arendt
Natur in der frühen Neuzeit
Die Erosion der metaphysischen Ordnung am Ende des Mittelalters, die den Verlust der Seins-
gewißheiten, der Sinnsysteme und Wissensgrundlagen bedeutet, hat unter anderem auch radikale
Folgen für die theoretische Perspektive auf Natur. Durch den Verlust eines übergreifenden Ord-
nungsprinzips von Mensch und Natur – wie es zuvor durch die Idee des Kosmos oder der Schöp-
fung garantiert war – radikalisiert sich der Hiatus zwischen Kultur und Natur, Subjekt und Objekt,
Erkenntnis und Seiendem in zuvor ungekannter Weise. Die jeweiligen Begriffspaare werden nun in
einer weitaus polarisierteren Lesweise verstanden. Die oft zitierte Cartesische Dichotomie von res
extensa und res cogitans ist hierfür paradigmatischer Ausdruck.
Während zuvor der Mensch in eine umfassende natürliche und / oder göttliche Ordnung einge-
bettet und als Teil eines sinnvollen Ganzen verstanden worden war, richtet sich das philosophische
Interesse nun zunehmend auf das Subjekt, das als einzig noch möglicher Ordnungsgarant der Welt
erscheint: „An der Schwelle vom geozentrischen zum heliozentrischen Zeitalter ist das Muster ent-
standen: eine tiefgreifende Infragestellung überkommener Wissens-, Sinn- und Seinsgrundlagen
wird beantwortet mit einer radikalen, fast trotzigen Wendung auf das Ich als einzig noch möglicher
Quelle von Gewißheit“ (Klinger 1995a, 107f).
Trotz oder gerade durch den Prozeß der Säkularisation in der Neuzeit entsteht das Gefühl einer –
wie Hannah Arendt es nennt – Weltlosigkeit ohnegleichen30: Denn die Zentrierung auf das Subjekt be-
deutet zugleich die Zentrierung auf Bewußtsein, Erkenntnisvermögen, die menschliche Vernunft
und die methodische – und das meint zusammenhängende und systematische – Untersuchung
nicht etwa der Welt, sondern des menschlichen Verstandes, der als einziger noch eine sichere
Grundlage für Wissen zu bieten scheint. So schreibt Descartes in seinem berühmten `Discours de
la méthode´ von 1637: „Meine Absicht hat sich nie weiter erstreckt als auf den Versuch, meine ei-
genen Gedanken zu reformieren und auf einem Grunde aufzubauen, der ganz in mir liegt.“
(Descartes 1982, 15; H.i.O.)
Die Welt ist nun zu fern und unsicher, um auf sie zu bauen. Eine neue Sicherheit wird deshalb im
Subjekt gesucht: Sie soll sich auf das `Cogito´ gründen, das als ein erkenn- und berechenbares sich
der Kontrolle über eine zunehmend ferner rückende Natur anheischig macht.31 Die Abwendung
von Natur, vom `Außen´, und die Hinwendung zur `Innerlichkeit´ des Subjekts, die Vergewisse-
rung des eigenen, unabhängigen Erkenntnisvermögens und des Verstandes, die sich in der Mo-
derne zur Idee der Individualität32 steigert, ist nicht zuletzt auch Resultat des zunehmenden Zwei-
fels an der Wirklichkeit bzw. Erfahrbarkeit von Welt.
zum (dominanten) neuzeitlichen Denken sich befindet als etwa Platons naturphilosophisches Denken, das durchaus
schon erste konstruktivistische Tendenzen aufweist und das in der Renaissance nicht ohne Grund wieder aufgegrif-
fen wurde; vgl. u.a. Gaidenko 1996.
30 vgl. Arendt 1992, 312f sowie Blumenberg 1981
31 „Die neuzeitliche Philosophie geht nämlich davon aus, daß dem Subjekt nur sein eigenes Sein durchsichtig ist, während
ihm alles, was nicht Subjekt ist, als etwas Fremdes und Undurchsichtiges gegenübersteht.“ (Picht 1989, 120) Zum Vor-
rang des Subjekts im neuzeitlichen Denken und seine Radikalisierung in der Moderne vgl. auch Arendt 1992; Klinger
1995a; Adorno 1982.
32 zur Entstehung des Individualitätsbegriffs in der Moderne vgl. Foucault 1983; Klinger 1995a
11
Die durch den Verfall der umfassenden metaphysischen Ordnung losgelassene und fremd gewor-
dene Natur, die in ihrer Unberechenbarkeit weitaus bedrohlicher erscheint als zuvor33, gilt es nun
unter die Kontrolle des autonom gewordenen Subjekts zu bringen.
Im theoretischen Diskurs herrscht jetzt weniger die Reflexion auf die kosmischen Gesetze bzw. die
göttliche Schöpfung vor, in welche der Mensch – wenn auch auf besondere Weise – eingeflochten
war, sondern nun geht es vornehmlich um die Verfügung oder Operationalisierung von Natur und
die Gewinnung des dazu nötigen Wissens. Das soll nicht suggerieren, daß es in der vorneuzeitlichen
Ära keinen praktisch-instrumentellen Umgang mit Natur gegeben hätte. Neu ist aber die primäre
Ausrichtung auf die instrumentelle Verfügung der Natur in den dominanten theoretischen und
naturwissenschaftlichen Diskursen und das Verständnis von Technik als Schöpfung, nicht als
Nachahmung der Natur.
Die systematische Herstellung dieses Verfügungswissens fällt im Prozeß der Neuzeit den zuneh-
mend analytisch34 verfahrenden Naturwissenschaften zu. Insofern auch diesen – wie der Philoso-
phie der Subjektivität – der Konnex von Mensch und Natur und damit der Zugang zur Natur pro-
blematisch geworden war, bedurfte es eines neuen Weges der Erkenntnis von Natur: Mit der Auf-
lösung der gemeinsamen poietischen Struktur von Mensch und Natur35, des Konnexes von Seiendem
und Denken im Aristotelischen Sinne, aber auch durch die zunehmende Trennung von Wahrheit
und Richtigkeit, von Metaphysik und Physik, wird es möglich, daß sich Erkenntnis auf die Funkti-
onsweise (das Wie) der Natur konzentriert und die Fragen des Sinns, des Was, Warum und Wozu,
also die klassischen Fragen der Ontologie (und Teleologie), vermeidet. Natur wird nun im (wieder-
holbaren) Experiment unter dem Kriterium der Quantität objektiviert und somit als mathemati-
sierte nachkonstruiert, was eine Funktionalisierung und Instrumentalisierung von Natur in zuvor
ungekannter Weise ermöglicht. Der Preis für diese Effizienzsteigerung ist die Unmöglichkeit neu-
zeitlicher Naturwissenschaft, Natur zu erklären.36 Durch diesen Verzicht emanzipieren sich Wissen-
schaft und Technik von der Natur und ermöglichen damit eine zuvor ungekannte Freisetzung von
Produktivität.37
Verschwiegene Grundlage und oftmals unsichtbar gemachte ontologische Prämisse dieses Ver-
fahrens ist allerdings eine einfach umgedrehte `Korrespondenzlogik´: Nicht der menschliche
Logos korrespondiert mit den Seinsstrukturen und kann sie deshalb erfassen, sondern die Natur,
33 Denn im Mittelalter wurde Natur auch schon als bedrohlich interpretiert: “Im Mittelpunkt der organischen Theorie
stand die Gleichsetzung der Natur, zumal der Mutter Erde, mit einer nahrungsspendenden Mutter ... Aber noch ein an-
deres Bild der als weiblich gedachten Natur war weit verbreitet: die wilde, unbezähmbare Natur, die Gewalt und Aufruhr,
Stürme, Trockenzeiten und allgemeine Auflösung bringen konnte.” (Merchant 1987, 17f )
34 Die analytische Methode ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern geht bis auf Aristoteles´ `Analytica Posteriora´
zurück. Doch während bei Aristoteles die Naturerkenntnis auf das Engste mit dem Ewig-Göttlichen und der Frage
nach der Wahrheit verknüpft war – und das heißt mit der Frage nach dem Konnex jeder einzelnen Erkenntnis mit allen
übrigen, verengt sich der erkenntnistheoretische Anspruch neuzeitlicher Wissenschaft auf Verifizierbarkeit, Wiederhol-
barkeit und Einfachheit; vgl. Picht 1989, 13ff.
35 Der Aristotelische Begriff der Poiesis scheint zwar auch die Frage nach dem `Wie´ der Natur zu implizieren, aber
dieses `Wie´ wird nicht rein funktionalistisch verstanden. Während Aristoteles Natur durchaus als ein System von Pro-
duktionsvorgängen bestimmt und die Fähigkeit zum herstellenden Handeln, zur Poiesis, sowohl Mensch wie Natur
zurechnet, legt er doch die Priorität bezüglich der Poiesis auf die Natur, die das Prinzip der Bewegung in sich selbst hat (vgl.
Mittelstraß 1991, 40) und deren Vorgänge durch menschliches Handeln durch Nachahmung zu Ende gebracht werden
(vgl. Picht 1989, 56; Aristoteles 1988, B 8.199a 12-17; Mittelstraß 1991). Poiesis ist hier nicht als Schöpfung durch den
Demiurgen Platons (vgl. Schäfer 1994; Gloy 1995), durch den biblischen Gott oder gar durch den in der Renaissance
mit göttlicher Schöpfungskraft ausgestatteten Menschen verstanden; vgl. Gaidenko 1996.
36 „In bewußter Opposition zu Aristoteles rückt Galilei von der Betrachtung der Bewegungsproblematik unter dem
Gesichtspunkt des Wesens ab. Er erhebt die Forderung, auf die Was-Frage ebenso zu verzichten wie auf die teleologi-
sche Frage des Wozu und statt dessen ausschließlich der Frage nach dem Wie nachzugehen.” (Gloy 1995, 191)
37 „Der Bruch mit dem Nachahmungsprinzip der Natur setzt ein Moment vorbildloser Produktivität frei, für das es
im Tableau der Repräsentationen kein Äquivalent gibt, was nicht repräsentiert, auf das es zurückweisen könnte.“
(Gamm 1997, 98)
12
die mit mathematischen Regeln beschrieben werden kann, folgt den objektiven und zeitlosen
Gesetzen der Logik: „Logik ist also jene Wissenschaft, deren Wahrheit die Identität des Reiches
der Gedanken und des Reiches der Natur impliziert. Auf dieser, in der Logik stets vorausgesetz-
ten Identität aller der Logik gehorchenden Gedanken mit allen der Logik gehorchenden Sachver-
halten beruht die Möglichkeit jener Übereinstimmung von Theorie und Sachverhalt, die in dem
Glauben der Naturwissenschaften an ihre eigene Positivität stillschweigend stets vorausgesetzt
wird.“ (Picht 1989, 82) Die Natur ist einheitlich und folgt den Regeln einer universal anwendba-
ren Mathematik. Dies ist die Grundlage der wissenschaftlich-technischen Naturbeherrschung und
„beginnt mit der sogenannten `wissenschaftlichen Revolution´ – mit Galilei und Descartes,
Kepler, Leibniz und Newton. Im Begriff `Naturbeherrschung´ ist ein Verhältnis zwischen Herr
und Knecht, Subjekt und Objekt, vorausgesetzt und eine einheitliche Natur. So steht es bei
Galilei ..., der die wahre Philosophie im Buch des Universums findet, das in der Sprache der
Mathematik geschrieben sei. Ein Universum, eine Natur, eine Sprache, ein Buch, und vor allem: ein
Autor und ein Leser. Man muß, schreibt Galilei, diese Sprache kennen, um das Buch lesen zu
können.“ (Mehrtens 1990b, 606; H.i.O.)
Auf der Grundlage dieser ontologischen Setzung versichert sich der Naturwissenschaftler der
Natur, indem er sozusagen als Demiurg die Natur im Experiment38 noch einmal hervorbringt,
denn nur, wenn die Natur re-konstruiert oder gar produziert werden kann, erscheint – nach der
Logik des Experiments – ihre Beschreibung als überzeugend: „Der Versuch wiederholt den Na-
turprozeß, und zwar so, als handele es sich darum, die Dinge der Natur selbst noch einmal herzu-
stellen.“ (Arendt 1992, 288). Die zugrundeliegende Idee ist, daß sich nur das erkennen läßt, was
prinzipiell auch vom Menschen hergestellt werden kann – oder hergestellt wird.39
Diese Idee von Erkenntnis durch Rekonstruktion bzw. Konstruktion und Produktion von Natur
über ihre von Mathematik und Logik geregelte Objektivation verändert den Begriff von Natur in
der Theorie der Neuzeit auf fundamentale Weise. Während zuvor der Mensch und äußere Natur
über eine poietische Struktur verbunden waren40 und an einer vollkommenen und göttlichen Ord-
nung partizipierten, wird die nun mathematisch-instrumentell konzipierte Natur von der `Experi-
mentalphilosophie´ – den Naturwissenschaften – und häufig auch in der Philosophie der Subjekti-
vität als abstraktes Gegenüber, als tote und geschichtslose Materie41 mit ehernen Naturgesetzen, die
denen der Logik korrespondieren, verstanden.
Die ontologisch gedachte Affinität zwischen Mensch und Natur ist damit aufgelöst. Sowohl der schon
erwähnte Bruch zwischen res extensa und res cogitans, der von Descartes allein durch einen Gott
noch notdürftig geflickt werden kann42, als auch der zwischen dem vorgeblich unbeteiligten Natur-
wissenschaftler als `anspruchslosen Zeugen´ oder auch strengen Richter43 und seinem in beiden
38 zur zentralen Rolle des Experiments in der Theorie der Neuzeit vgl. Gloy 1995, 184-199; Haraway 1997; Picht 1989;
Shapin / Schaffer 1985
39 vgl. auch Luhmann 1992, 164 sowie 1990a, 259f. Die Vorstellung von Erkenntnis durch Re-Konstruktion und
Produktion durchzieht die ganze Neuzeit und radikalisiert sich in der Moderne. Ein gutes Beispiel hierfür ist der
Versuch, im Gefolge der Wissenschaftseuphorie in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts positivistische
Wissenschaftsideale auch auf die Sozialwissenschaften anzuwenden oder aber Giovanni Battista Vicos geschichts-
philosophische Argumentation aus dem 18. Jahrhundert, die die Möglichkeit von Geschichtsphilosophie damit be-
gründet, daß sie schließlich einen kulturellen und damit vom Menschen hervorgebrachten Gegenstand habe.
40 vgl. Gamm 1997; Mittelstraß 1991; Picht 1989; Schröder 1994
41 vgl. Böhme 1992; Gaidenko 1996; Merchant 1987
42 Um das „Problem der Vermittlung zweier independenter, ineinander nicht konvertierbarer Substanzarten“ (Gloy 1995,
46), von res cogitans und res extensa zu lösen, ging Descartes von „einer übergeordneten göttlichen Substanz“ (ebd.) aus,
die permanent vermittelt.
43 Zur Konzeption des Naturwissenschaftlers als `anspruchslosem Zeugen´ vgl. Shapin / Schaffer 1985; Haraway
1996; 1997; zur Konzeption des strengen Richters bei Kant: „Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, ... in einer
13
Fällen gegenüberstehenden, zu befragenden Objekt sind dafür beredte Beispiele. Die verschärfte
Polarisierung im Mensch-Natur-Verhältnis zeigt sich in der zwischen dem ermächtigten männ-
lichen Subjekt44 und einer mechanistisch interpretierten Natur genauso wie in der Umdeutung
schöpferischer Potenz bzw. Poiesis in der Renaissance als einer genuin menschlichen, welche zuvor
als eine – über die techné vermittelte – Nachahmung der Natur verstanden worden war.
Effekt dieser Polarisierung ist auch, daß die `alten´ Fragen des `Was´ und `Wozu´, nach Wesen,
Form und Finalität der Natur zwar noch nicht völlig verschwinden, aber doch aus den Naturwis-
senschaften entfernt und an die Metaphysik delegiert werden. Francis Bacon beschreibt diese Ar-
beitsteilung folgendermaßen: Die Physik ist „diejenige [Wissenschaft], welche das Wirkende und die
Materie, die Metaphysik, welche die Form und Endzwek untersucht“ (Bacon 1783 zit. nach
Gaidenko 1996, 71). Diese Freistellung von jeglichen Sinnfragen aber ist eine der Voraussetzungen
neuzeitlicher Naturwissenschaft für ihre gesteigerte Effektivität und ironischerweise auch Bedin-
gung für die gesellschaftliche Machtposition, die sie in den letzten zwei- oder dreihundert Jahren
zunehmend gewinnen konnte.45
Während also in der Philosophie selbst bzw. in der Metaphysik durchaus noch Antworten auf die
Fragen des Was und Wozu der Natur bzw. Entwürfe der Einheit von Welt versucht werden – prä-
gnantes Beispiel hierfür wäre etwa die Monadologie von Leibniz, aber auch Descartes´ Gottes-
beweis –, so ermöglichte die subjektzentrierte Perspektive der Neuzeit mit ihrem Dualismus von
Seiendem und Denken, mit der Cartesischen Trennung von Körper und Geist die Austreibung der
Sinnfrage aus den Naturwissenschaften.46
Trotz dieser Auflösung des übergreifenden Zusammenhangs von Mensch und Natur bleibt je-
doch das Vertrauen in eine mögliche Ordnung der Welt erhalten, wenn es auch als im Subjekt
begründetes brüchiger geworden ist.47 Nun soll die menschliche Vernunft – und das heißt die
Gesetze der Logik und der Mathematik – diesen Zusammenhang stiften, den zuvor Gott oder die
Natur selbst garantierten.
Hand, und mit dem Experiment, ... in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber
nicht in der Qualität eines Schülers, ... sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt auf die Fragen zu
antworten, die er ihnen vorlegt.“ (Kant 1998, BXIII)
44 Frauen werden über weite Strecken in der Neuzeit naturalisiert bzw. in der Logik der Kultur-Natur-Dichotomie auf
die Seite der Natur reduziert. So hat Kant z.B. den Zweck des weiblichen Geschlechts als Reproduktion der Gattung
bestimmt, während sich (männliche) Subjekthaftigkeit bei ihm gerade durch den Entwurf der eigenen Zwecke bes-
timmt. Hegel ordnet die Frauen der `natürlichen Sittlichkeit´ zu, um sie zu Bewahrerinnen derjenigen vormodernen Ei-
genschaften zu stilisieren, die im Prozeß der Industrialisierung und Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften ver-
loren gegangen sind; vgl. u.a. Annerl 1991; Bennent 1985. Zur Naturalisierung von Frauen aus einer werttheoretischen
Perspektive vgl. Saupe 1997b und 2000; Scheich 1993.
45 vgl. Klinger 1996
46 Durch diese Trennung wird auch die für die Moderne typische Geringschätzung der Metaphysik eingeleitet, die
aufgrund ihrer Ablösung von den Naturwissenschaften zunehmend in den Ruf der puren Spekulation gerät, während
die impliziten metaphysischen Grundannahmen der Naturwissenschaften – wie etwa die Mathematisierbarkeit der
Natur – kaum thematisiert werden.
14
„Gebet mir Materie, ich will eine Welt daraus bauen! das ist, gebet mir
Materie, ich will euch zeigen, wie eine Welt daraus entstehen soll.“
Immanuel Kant
„Nachdem die objektive Ordnung der Natur als Vorurteil und Mythos
sich erledigt hat, bleibt Natur als Masse von Materie übrig.“
Max Horkheimer / Theodor W. Adorno
Natur in der Moderne
Zweifel an den Segnungen und Versprechungen der aufgeklärten Vernunft entstehen fast gleich-
zeitig mit ihrer Propagierung. Die Gesellschaftskonzeptionen von Hobbes oder Machiavelli ma-
chen schnell deutlich, wie wenig sie dieser – von vielen so emphatisch begrüßten – Vernunft zu-
trauen. Doch von wenigen skeptischen Theoretikern einmal abgesehen, werden vehemente Zwei-
fel und Kritik an dieser nahezu omnipotent imaginierten Vernunft48 und an den Möglichkeiten
der (spekulativen) Metaphysik, eine umfassende Einheit von Welt beziehungsweise einen ver-
bindlichen Sinn von Seiendem und Geschichte zu garantieren, bei den Spätaufklärern laut.
Marquis de Sade analysiert gegen Ende des 18. Jahrhunderts in hellsichtiger Weise und mit
beißender Ironie die problematischen Effekte und radikalen Konsequenzen einer subjektivisti-
schen und instrumentellen Rationalität, die beliebig gesetzte Zwecke mit äußerst effektiven Mit-
teln zu verfolgen weiß. In einer Welt, die keine gesamtgesellschaftlich verbindlichen Seins- und
Sinngewißheiten mehr kennt, führt er konsequentes rationales Handeln im ethischen Vakuum
vor – in einer Welt, in der es irrational ist, sich von mehr leiten zu lassen als dem eigenen Inter-
esse und dem Kalkül.49
In ganz anderer, aber nicht weniger radikaler Hinsicht formuliert Kant seine Zweifel an den un-
umschränkten Möglichkeiten der Vernunft und die Unzulänglichkeiten der Metaphysik in der
Vorrede zur zweiten Auflage der `Kritik der reinen Vernunft´: „Bisher nahm man an, alle unsere
Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori etwas
durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser
Voraussetzung zu nichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Meta-
physik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer
Erkenntnis richten“ (Kant 1998, BXVI).
Mit Kants berühmter Kopernikanischer Wende wird der Gedanke konstruierender Erkenntnis in
aller Deutlichkeit ausgesprochen. Die von ihm als intersubjektiv verbindlich und ahistorisch vor-
gestellten apriorischen Verstandeskategorien legen den Rahmen möglicher Erkenntnis strikt fest.
Mit dieser Konzeption von Vernunft, die es nicht vermag, über die `Sache an sich selbst´ etwas
zu sagen, ist die Einschätzung ihres Vermögens im Vergleich zur frühen Neuzeit doch wesentlich
reduziert. Der Hiatus zwischen Mensch und Welt, Subjekt und Objekt, Erscheinung und Ding an
sich wird dagegen bestätigt bzw. verfestigt. Der Subjektivismus bzw. der Anthropozentrismus der
neuzeitlichen Erkenntniskonzeption wird in aller Deutlichkeit erkannt – und durch die Behaup-
tung seiner überhistorischen Faktizität zementiert50: Die Unerkennbarkeit des Nicht-Ich, der Ge-
genstände als Dinge an sich selbst, macht die Frage nach der Natur der Natur, Fragen nach ihrem
Was und Wozu unmöglich. Woher diese Form der Argumentation übernommen wurde, ist un-
47 wie es etwa in den Konnotationen der Begriffe `subjektiv´ und `objektiv´ bis heute mitschwingt...
48 zum Konnex von biblischer und menschlicher Schöpfungsphantasie in der Renaissance vgl. Gaidenko 1996
49 vgl. hierzu das Kapitel `Juliette oder Aufklärung und Moral´ in der `Dialektik der Aufklärung´ von Horkheimer
und Adorno (1987)
50 vgl. Adorno 1982
15
schwer zu erkennen: Kant selber verweist darauf, daß seine `veränderte Methode der Denkungs-
art´, die davon ausgeht, „daß wir nämlich von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in sie
legen“ (Kant 1998, BXVIII; H.i.O.), den experimentellen Verfahren der Naturforscher abgeguckt
ist.51
Bei Kant legitimiert sich Naturphilosophie aus ihrer Fähigkeit, Naturwissenschaft erkennt-
nistheoretisch zu begründen. Dennoch findet sich auch bei ihm noch die von Bacon ins Spiel
gebrachte Differenzierung zwischen naturwissenschaftlichem und metaphysischem bzw. kosmo-
logischem Naturbegriff. Sein naturwissenschaftlich orientierter Naturbegriff bestimmt Natur in
erster Linie als `Gegenstand der Erfahrung vor dem äußeren Sinne´ – und damit als Gegenstand
der Physik52, dem die Gesetze im wissenschaftlichen Experiment vorgeschrieben werden, der also
über die Gesetze der Logik und Mathematik objektiviert wird. Der metaphysische Naturbegriff,
der von einer Zweckmäßigkeit der Natur ausgeht, soll den stillschweigend vorausgesetzten
Gesetzeszusammenhang der Natur plausibel machen: „Wir haben nämlich unentbehrlich nötig,
der Natur den Begriff einer Absicht unterzulegen, wenn wir ihr auch nur in ihren organisierten
Produkten durch fortgesetzte Beobachtung nachforschen wollen; und dieser Begriff ist also
schon für den Erfahrungsgebrauch unserer Vernunft eine schlechterdings notwendige Maxime.“
(Kant 1987, B 334)
Zudem soll dadurch die Idee der Einheit von Welt zumindest im Kontext der praktischen Philo-
sophie gesichert werden. Die in der Kritik der Urteilskraft entwickelte teleologische Konzeption
von Natur, welche Kant in den theoretischen Schriften etwa mit Bezug auf Aristoteles wegen
ihrer mangelnden Erklärungskraft kritisiert hatte53, bleibt allerdings ambivalent: Kant versucht,
sich aus der schwierigen Situation hinauszuwinden, indem er behauptet, daß wir zwar nicht von
an sich zweckmäßigen Naturformen ausgehen können, daß aber, wenn sich der Erfahrung solche
Formen zeigen, wir sie diesen auch zuschreiben dürfen.54 Diese Ambivalenz Kants bezüglich
eines naturwissenschaftlichen Naturbegriffs, der dennoch des metaphysischen bedarf, zeigt sich
in seiner Abschwächung des teleologischen Gedankens durch das `Als ob´, seine Einkleidung in
eine regulative Idee, um dem Vorwurf spekulativer Metaphysik zu entgehen. Gleichzeitig ist es
ihm so möglich, eine (wenn auch wacklige) Idee von Ganzheit und Sinn (von Welt) zu geben –
und somit nicht vor der fortschreitenden Fragmentierung von Welt zu kapitulieren.
Kants Stellung an der Schwelle zur Moderne wird deutlich an seiner ambivalenten Konstruktion
eines naturwissenschaftlichen und metaphysisch bzw. teleologisch begründeten Naturbegriffs.
Zwar behält er noch den Begriff der Metaphysik der Natur bei, da er sich der Unvermeidbarkeit
der metaphysischen Grundlegung naturwissenschaftlicher Verfahren bewußt ist (im Gegensatz zu
vielen NaturwissenschaftlerInnen), doch seine fraglose Fundierung der Naturlehre in der Mathe-
matik, die Idee der Entwicklung – wenn nicht gar Selbstorganisation – der Natur55 und die Rela-
tivierung des metaphysischen Naturbegriffs durch das `Als ob´ weisen deutlich in die Moderne.
Kants ambivalente Stellung zwischen naturphilosophischen Konzeptionen der frühen Neuzeit
und der Moderne – mit Favorisierung der Moderne – mag sich zudem der Tatsache verdanken,
daß er einer der letzten Philosophen ist, der nicht nur gute Kenntnisse der naturwissenschaftli-
chen Diskussion aufwies (wie etwa Schelling nach ihm), sondern der selbst noch umfassende
naturwissenschaftliche Studien unternommen hat.56
51 vgl. Kant 1998, BXVIII, Fußn. 1
52 vgl. Böhme 1992, 30
53 vgl. Schäfer 1994, 500
54 vgl. Ritsert 1996, 268f
55 vgl. Krohn / Küppers 1989, 17; Ritsert 1996, 269f
56 vgl. Kant 1999
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Die Ausdifferenzierung der Wissenschaften und Disziplinen, die endgültige Trennung der
Geistes- und Naturwissenschaften sowie die Auflösung einer `interdisziplinären´ Ausbildung sind
Aspekte der zunehmenden Fragmentierung einer entzauberten Welt, in der ein umfassend konzi-
pierter Naturbegriff nicht mehr möglich ist und zur Aufspaltung des Naturbegriffs in viele
Aspekte führt. Während Naturbegriffe der Naturwissenschaft im Kontext der positivistisch ori-
entierten Wissenschaften und Disziplinen vorherrschen, finden sich ontologisch konzipierte Na-
turbegriffe – wie sie in der traditionellen Metaphysik üblich waren – nun zunehmend losgelöst
von den naturwissenschaftlichen Diskussionen im Bereich der Ästhetik und Ethik.57
Schien die emphatisch konzipierte Vernunft der frühen Neuzeit noch eine gewisse Form von
einheitlicher Welterkenntnis zu garantieren, wird angesichts einer Kritik der reinen Vernunft, der
Unerkennbarkeit der Natur an sich selbst und trotz oder gerade wegen des Kantischen `Als ob´
einer teleologischen Natur das sich abzeichnende ethische Vakuum der Moderne, die Auflösung
allgemein verbindlicher Seinsgewißheiten in all ihrer Deutlichkeit58 sichtbar: „Die Zerstörung des
Rahmens – d.h. dieser Welt ... – bringt eine Orientierungslosigkeit ganz anderer Art hervor, als es
die war, die etwa die untergehende Antike angesichts des aufdämmernden christlichen Mittelalters
oder die Naturforscher der Neuzeit angesichts der Auflösung des Mittelalters ergreift: In beiden
Epochenwenden ist der Sinn von Sein – d.h. das globale Weltverständnis ... nicht mit zerstört, son-
dern ein Kandidat von Seinsinn ist durch einen anderen abgelöst worden, sagen wir pauschal,
`Gott´ durch `Vernunft´. Aber selbst die Vernunft war im Grunde noch theologisch gedacht“
(Frank 1988, 21)59.
Wenn auch die Moderne durch die umfassende Auflösung dieser metaphysischen Gewißheiten
gekennzeichnet ist, die sich in der Philosophie durch die radikale Infragestellung der traditionel-
len Metaphysik formuliert, so ist doch mit Blick auf den Naturbegriff die Destabilisierung der Seins-
gewißheiten schon zu Beginn der Neuzeit nicht aus den Augen zu verlieren, der sich auch im
Wechsel von der ontologischen Perspektive einer natürlich und / oder göttlichen Ordnung zur
subjektphilosophischen bzw. erkenntnistheoretischen Perspektive ausdrückt. Die Auflösung des
Konnexes von Mensch und Natur60, die Hypostasierung der Vernunft und die radikale Polarisie-
57 „Zur Geschichte des Menschen in der Natur bzw. der Natur in der Geschichte des Menschen aber gehört neben
einer Geschichte der Naturforschung auch eine Geschichte der Naturvorstellung. Jene zeigt, was eine Wissenschaft von
der Natur weiß, diese, was Natur lebensformbezogen ist. ... Erst mit der unheilvollen Abkoppelung der Naturwissen-
schaften von den Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert fallen beide Geschichten, auch institutionell, auseinan-
der, werden Naturvorstellungen zum bloßen Bildungsgut ansonsten auf die Naturwissenschaften setzender techni-
scher Kulturen.“ (Mittelstraß 1991, 50; H.i.O.)
58 Matthias Waltz hat darauf aufmerksam gemacht, daß „der Prozeß der Modernisierung im 18. und 19. Jahrhundert
nicht so durchgreifend war, wie es den Anschein hat; das Bürgertum bewahrt aus der Alten Welt ... fundamentale
Strukturen“ (Waltz 1993, 267). Allerdings sind diese kaum noch gesamtgesellschaftlich verbindlich und liefern selbst
für die bürgerlichen Subjekte kaum mehr Sinngewißheiten. Die Postmoderne bzw. das Zeitalter der Technoscience
ist dann womöglich diejenige Epoche, in der sich die klassischen Momente gesamtgesellschaftlicher Verbindlichkeit
komplett auflösen; vgl. Waltz 1993, 277.
59 vgl. hierzu auch Theunissen:„Dieser Sinnverlust steht in der Menschheitsgeschichte einzig da. Sinnstiftende Welt-
bilder sind zwar auch in früheren Zeiten immer wieder zerbrochen. Aber an ihre Stelle traten doch stets neue. Das
christliche Weltbild hingegen, das vor 150 oder 200 Jahren seine Kraft zu einer allgemein verbindlichen Sinnstiftung
verlor, hat eine Leerstelle zurückgelassen.“ (Theunissen 1982, 9)
60 Dem widerspricht auch nicht die Naturalisierung des Menschen durch den Aufschwung von Medizin, Anthropo-
logie und Biologie, wie er von Foucault beschrieben wurde, denn die Konstellation Natur-Mensch ist jetzt nicht
mehr in einen Sinnhorizont eingebettet und der Bruch Natur-Mensch wird nun nach innen genommen, in den Men-
schen verschoben. Dies zeigt sich etwa in der Polarisierung von Physischem und Psychischem oder aber der kom-
plementären Funktion der Geschlechter, wobei die Natur dem Weiblichen und die Kultur dem Männlichen zuge-
ordnet wird. Die dritte Variante, um diesen Bruch zu kompensieren, ist die Möglichkeit, den Menschen komplett der
Natur zu subsumieren, womit auch der Konnex Mensch-Natur aufgegeben wird, insofern das eine mit dem anderen
identifiziert wird (etwa in extremen Varianten von Biologismus, Naturalismus etc.). Als Kontrast hierzu vgl. die diffe-
renzierte Vorstellung Aristoteles (1980, 1103a7) bzgl. der Partizipation des Menschen an Natur.
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rung von Denken und Seiendem, Technik und Natur61, Subjekt und Objekt sind schon Funda-
mente neuzeitlicher und nicht nur der modernen Wissenschaft. Allerdings ermöglicht die radikale
Kritik der Metaphysik sowie die Aufwertung naturwissenschaftlicher Erkenntnis einen extremen
Machtgewinn der Naturwissenschaften in der Moderne62: Im neu entstandenen ethischen Va-
kuum, das sich durch die Abwesenheit jeglicher gesamtgesellschaftlich verbindlicher Seinsgewiß-
heiten und Werte auszeichnet, in dem nicht einmal mehr der Glauben an eine emphatische Ver-
nunft zur Verfügung steht, erscheint die angeblich wertfreie und objektive Wahrheit der Natur-
wissenschaft als einzige Orientierungshilfe in einer entzauberten und fragmentierten Welt. Daß
allerdings gerade die Effektivität und Funktionalität der Naturwissenschaften mit der Stigmatisie-
rung und Tabuisierung metaphysischer bzw. ontologischer Fragen erkauft worden war und insofern die
Wissenschaften nicht nur nicht für normative Fragen kompetent waren, sondern sozusagen ihre
eigenen Grundlagen im Dunkeln lassen, wird bis heute häufig verschwiegen.63 Der Versuch, ge-
sellschaftliche Fragen durch die Naturwissenschaften zu beantworten, führt deshalb unweigerlich
zu naturalistischen Fehlschlüssen: Die Beschreibung der Natur aus einer funktionalistischen Per-
spektive, die zur absoluten postuliert wird, wird wiederum übertragen auf normative Probleme.
Die Grundlage für die Aussagen der Naturwissenschaften sind Erkenntnisse über eine quantifizier-
bare und damit ganz spezifisch objektivierte Natur. Zieht man Erkenntnisse heran, die auf dieser
Grundlage produziert wurden, um gesamtgesellschaftlich relevante ethische, politische oder soziale
Fragen zu klären, führt dies wiederum zu einem paradoxen Zerrbild: „Die modernen Wissenschaf-
ten für einen `Wahrheitsdiskurs´ zu funktionalisieren, führt zu ihrer systematischen Verzerrung, da
sie in diesem Sinne nicht wahrheitsfähig sind, sondern gerade umgekehrt ihren gewaltigen Auf-
schwung in der Moderne der Freisetzung aus dem `Wahrheitsdiskurs´ von Theologie und Philoso-
phie verdanken. Die empirischen Wissenschaften beantworten instrumentelle Fragen, aber weder
Norm-, Wert-, Bedeutungs-, Sinn- oder Zielfragen“ (Klinger 1996, 115).64
61 Allerdings führt extreme Polarisierung auch wieder zur Implosion der Pole – wie man (auch ganz ohne den meta-
physischen Ballast) bei Hegel lernen kann; zur Polarisierung und Implosion speziell von Natur und Technik im Laufe
der technowissenschaftlichen Entwicklung in der Moderne vgl. Haraway 1985, 1995a und b; Gloy 1995; Latour
1995a sowie Kapitel 3.
62 Luhmann konstatiert zwar die Wende von der ontologischen zur epistemologischen Perspektive im Wisssen-
schaftssystem, kann aber die Fortdauer (und, wie ich meine, Expansion) der Autorität von Wissenschaft allein indivi-
dualpsychologisch erklären, insofern er davon ausgeht, daß die Wende selbst zu einem `Autoritätsverzicht´ der Wis-
senschaft führt, allerdings die Lehrenden aus Gründen des Erfolgs gezwungen seien, diese Autorität ihren Schüler-
Innen weiter vorzuspielen; vgl. Luhmann 1990a, 627ff.
63 Spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts gab es zumindest in den Geisteswissenschaften Theoretiker wie
Friedrich Nietzsche oder Max Weber, die auf diese Problematik hinwiesen: „Alle Naturwissenschaften geben uns
Antwort auf die Frage: Was sollen wir tun, wenn wir das Leben technisch beherrschen wollen? Ob wir es aber technisch
beherrschen sollen und wollen, und ob das letztlich Sinn hat: – das lassen sie ganz dahingestellt oder setzen es für ihre
Zwecke voraus.“ (Weber 1988, 599f.)
64 „Hier bewirkt das Resultat dieser Teilung der Vernunft in eine kognitive oder theoretische einerseits und eine
praktische andererseits einen Angriff auf die Legitimität des Diskurses der Wissenschaft, und zwar nicht direkt, son-
dern indirekt, indem es aufzeigt, daß es ein mit seinen eigenen Regeln ausgestattetes Sprachspiel ist ..., doch ohne
jede Berufung, das praktische ... Spiel zu reglementieren.“ (Lyotard 1986, 118); vgl. auch Horkheimer / Adorno
1987.
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„Ich werde niemals glauben, daß `die Seele der Götter in den Pflanzen
wohnt´, und selbst wenn sie dort wohnte, würde mich das nicht sonder-
lich beeindrucken und würde ich meine eigene Religion als ein höheres
Gut schätzen als die der geheiligten Gemüse. Ich habe vielmehr immer
gedacht, daß die blühende, sich erneuernde Natur etwas Schamloses und
Widerwärtiges an sich habe.“ Charles Baudelaire
Niedergang der Naturphilosophie in der Moderne
Mit dem Zusammenbruch der Metaphysik und der Theologie in der Moderne, jene Instanzen, die
als letzte weiterhin versucht hatten, die von den Naturwissenschaften aufgegebene Einheit der Welt
zu konzipieren und den damit einhergehenden Bruch zwischen Mensch und Natur, Geist und Kör-
per, Verstand und Gefühl zu überwinden, ist Naturphilosophie im traditionellen emphatischen Sinne
nahezu unmöglich geworden. Die Fragen nach Form, Genese und Wesen der Natur, nach der Natur
der Natur, werden als antiwissenschaftlich tabuisiert. Durch die strikte Trennung von Naturwissen-
schaften und Philosophie und der Diskreditierung der Metaphysik als spekulativ und damit unwis-
senschaftlich ist das Schicksal der Naturphilosophie besiegelt: Im 19. Jahrhundert finden sich konse-
quenterweise kaum noch umfassende naturphilosophische Entwürfe. Die Naturphilosophien Hegels
und Schellings lassen sich als letzte Versuche lesen, die durch Kant festgeschriebende Dichotomie
von Mensch und Natur, Subjekt und Objekt noch einmal – und auf sehr unterschiedliche Weise –
zu glätten und Welt als System bzw. All-Einheit zu denken.
Hegel versucht, Seiendes und Erkennen als miteinander verbunden zu denken, doch er bestimmt
Natur als das Andere des Geistes, das im Denken zu überwinden sei – und perpetuiert damit in
letzter Instanz den Bruch65 bzw. die Hierarchie zwischen Erkennen und Seiendem. Zudem gerät
seine – fest in sein System eingefügte – Konzeption der Natur des öfteren in „Spannung gegenüber
der Naturwissenschaft“ (Mocek 1990, 526).
Schelling dagegen will Natur zwar subjektiv wie objektiv fassen, sowohl als Produkt der Natur
(natura naturata) als auch selbst als ein Hervorbringendes (natura naturans), doch schon zeitge-
nössische Kritiker werfen seinem System zum einen – ähnlich wie Hegels – „eine Nicht-Überein-
stimmung mit der Weiterentwicklung der Naturwissenschaften“ (Schröder 1994, 247) vor, aber
auch ein „letztlich in metaphysischem Irrationalismus endendes Programm“ (ebd.). Mit dem
Scheitern dieser letzten großen Versuche einer Naturphilosophie im Deutschen Idealismus wird
der Bruch zwischen der Naturphilosophie und der Naturwissenschaft deutlich und zugleich fest-
geschrieben. Die systematische Bearbeitung des Feldes der Naturphilosophie, welche die Pro-
blematik des wissenschaftlichen wie metaphysischen Naturbegriffs und deren Vermittlung be-
denkt – bricht ab.66 Und so schreibt Engels nicht viel später: „[H]eute ist die Naturphilosophie
endgültig beseitigt. Jeder Versuch ihrer Wiederbelebung wäre nicht nur überflüssig, er wäre ein
Rückschritt.“ (Engels 1962, 295)
Auch wenn die Fragestellungen der Naturphilosophie nicht völlig von der Bildfläche verschwin-
den67 und sich bis zur Gegenwart (und in den letzten drei Jahrzehnten wieder verstärkt) immer
wieder (dezidierte) Auseinandersetzungen mit naturphilosophischen Themen im theoretischen
Diskurs finden – etwa im Spätmarxismus (u.a. bei Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Herbert
Marcuse), in der Lebens- und Existenzphilosophie (Henri Bergson, Martin Heidegger), in der
65 „Die Natur ist dem Menschen als ein Problem aufgegeben, zu dessen Auflösung er sich ebensosehr angezogen
fühlt, als er davon abgestoßen wird. Der Natur draußen entgegen steht sein Gemüt und sein Geist, ein Einfaches.
Die Natur ist mir, dem Ich, widerstrebend. Diesen Gegensatz soll man zur Einheit, die ich selbst bin, zurückführen.
Also einerseits Einheit, dagegen Trennung.“ (Hegel 1982, 3)
66 vgl. auch Böhme 1992, 29
67 vgl. Mocek 1990, 526
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Ökologiedebatte (Hans Jonas, Gernot Böhme) oder im Feminismus (Evelyn Fox Keller, Carolyn
Merchant, Donna Haraway) – als auch in den Naturwissenschaften selbst (Ernst Mach, Werner
Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Humberto Maturana), so haftet ihr doch seit dem 19.
Jahrhundert als Disziplin der Nimbus des Verstaubten und ein wenig Lächerlichen an.
Aus der Perspektive der Naturphilosophie erscheint im Rückblick die neuzeitliche bzw. moderne Theo-
riegeschichte primär als eine des Verlustes. Während die Loslösung aus den traditionellen und star-
ren metaphysischen Ordnungen der Vergangenheit für das Subjekt mit neuen Freiheiten verbunden
ist, das sich nun autonome Ziele setzen und Ordnungen entwerfen kann, da seine Handlungen aus
dem Zwang zur Nachahmung der Natur herausgelöst sind, wird Natur zum Ort seiner Projektio-
nen und diesseitigen Projekte degradiert, zum Material für eine vom Menschen erschaffene Welt.
Durch den Vorrang des Subjekts verliert Natur rapide an Bedeutung und das Potential für mögliche
Sinnstiftung. Die Dignität der Natur als unentstandene oder göttliche Schöpfung, ihr poietischer
Charakter oder auch die Einbettung des Menschen im Kosmos sind ad acta gelegt und die Sinn-
stiftung wird privatisiert.68 Der Naturbegriff spaltet sich in der frühen Neuzeit in einen naturwissen-
schaftlichen und einen metaphysischen. Die Naturwissenschaften schreiben Natur zur unbelebten,
mechanischen Materie oder – dann in der Technoscience69 – zur beliebig zu prozessierenden Ener-
gie oder Material70 bzw. zur Inkorporation von Informationsstrukturen71 um.
Die Inthronisierung des modernen (Erkenntnis-)Subjekts bzw. die Kopernikanische Wende von
einer ontologischen zur erkenntnistheoretischen Perspektive sowie die Tabuisierung metaphysi-
scher Fragestellungen in den Naturwissenschaften sind die Bedingung für die Umschreibung der
Natur im Sinne von Konstruktion und Produktion, welche eine gesteigerte Effektivität der Natur-
wissenschaften zur Folge hat.
Seit dem 19. Jahrhundert entwickeln sich angesichts dieser normativ nicht festgelegten Vernunft,
die Handlungs-, aber kein Orientierungswissen liefern kann, starke Tendenzen, die Sinnstiftung, die
nun dem ermächtigten Subjekt zukommt, wiederum der Natur zuzuschreiben. Die zuvor durch die
Naturwissenschaften depotenzierte und zum toten, sinnlosen Material degradierte Natur wird nun
auf ganz neue Weise zum Schlachtfeld im Kampf um gesellschaftliche Macht stilisiert. Erzählstrate-
gien wie Naturalismus, Biologismus72 oder Positivismus sind Anleitungen für die bauchredneri-
schen73 Versuche (vor allem in den Naturwissenschaften), Natur als entscheidende oder gar einzige
Grundlage für gesellschaftliche Normen und Werte zu deklarieren und damit Gesellschaft und In-
dividuen von der Verantwortung freizusprechen. Diesen Bedeutungs- und Machtzuwachs der
Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert im Zuge der zunehmenden Ausbreitung des Positivismus,
Biologismus und Naturalismus hat Foucault neben anderen an der wissenschaftlichen Diskursivie-
rung der Sexualität, der Krankheit oder des Wahnsinns gezeigt.74 Feministische Theoretikerinnen
haben desweiteren die Legitimierung und Stützung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses
durch die Naturwissenschaften explizit gemacht und umfassend analysiert.75
68 vgl. Klinger 1995a
69 vgl. Kapitel 3
70 vgl. Haraway 1985, 1995d und 1997; Seltzer 1992; Weber 1999b und 2001a
71 vgl. Kapitel 4
72 Biologismus in seiner radikalen Form definiert Sayer folgendermaßen: „Biological reductionism ... assumes a one-
to-one correspondence between causal powers (including essences), and behaviour, and treats social phenomena as
reducible without residue to a biological substratum. It therefore shifts everything onto the nature side of the society
/ nature distinction“ (Sayer 1997, 476).
73 vgl. Haraway 1996
74 vgl. Foucault 1969, 1973 und 1983
75 vgl. u.a. Fausto-Sterling 1985; Griffin 1987; Haraway 1989, 1995a, 1995b und 1997; Honegger 1991; Hubbard et al.
1979; Longino / Doell 1983; Scheich 1993; im Überblick vgl. Gill / Grint 1995; Bath 2000; Saupe 2000
20
Durch die zunehmende Durchdringung aller Lebensbereiche mit wissenschaftlichem Wissen
breitet sich der positivistische oder gar naturalistische Weltzugang als gesellschaftlich folgenrei-
cher immer mehr aus: Die Naturwissenschaften mit ihrem spezifisch objektivierten Begriff von
Natur werden immer häufiger zum Schiedsrichter gesamtsellschaftlicher Fragen bestellt, während
zugleich die differenzierte Auseinandersetzung mit naturtheoretischen Fragen im erkenntniskriti-
schen Diskurs der Moderne eher verpönt ist und die Leerstellen naturwissenschaftlicher Arbeit
kaum benannt werden, sondern allerhöchstens romantische, lebens- oder existentialphilosophi-
sche Entwürfe76 dem zunehmend um sich greifenden Positivismus abstrakt entgegengesetzt wer-
den. Diese Ansätze bearbeiten wiederum kaum die spezifischen Probleme des dominanten
naturwissenschaftlichen Weltbildes und argumentieren selbst zwar nicht in positivistischer, aber
doch häufig in naturalistischer oder gar biologistischer Manier. Die definitive Trennung von Phi-
losophie und Naturwissenschaften an der Wende zum 19. Jahrhundert, die rigidere Arbeitsteilung
zwischen dem Bereich der Naturmetaphysik und naturwissenschaftlicher Naturreflexion und die
Stigmatisierung der Naturmetaphysik als unwissenschaftlich und spekulativ führt zur schon
erwähnten Aufgabe systematischer Naturreflexion.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts gilt Naturphilosophie dann in so unterschiedlichen Strömungen
wie Neukantianismus, Kritischem Rationalismus oder Logischem Positivismus nur noch möglich
als Philosophie der Naturwissenschaften, die sich ausschließlich mit der „Analyse der logischen und
methodologischen Strukturen der Naturwissenschaften“ (Böhme 1992, 33) zu beschäftigen hat und
sich der materialen Aussagen über Natur enthält.77
Durch die beschleunigte Ausdifferenzierung der Wissenschaften und die rapide Entwicklung wis-
senschaftlichen Wissens und neuer Technologien im 20. Jahrhundert – die unter anderem durch die
zunehmende Fusionierung von industriellen und wissenschaftlichen Praktiken78 sowie durch den
Übergang vom mechanistischen zum kybernetischen Naturbegriff ermöglicht wird – wird die sy-
stematische Reflexion auf Natur, die ohne Kenntnis der aktuellen Entwicklungen in den Naturwis-
senschaften nicht denkbar ist, immer schwieriger – wenn nicht gar unmöglich.
„Hier wäre zudem die Aristotelische These realisiert, daß vollendete
Technik und Natur letztlich auf dasselbe hinauslaufen, die Technik die
natürlichen Prozesse vollzieht und die Natur die technischen.“
Karen Gloy
„Wenn der Technos vom Bios belebt wird, erhalten wir komplexe mecha-
nische Systeme, die sich anpassen, lernen und sogar entwickeln können.
Die Belebung des Leblosen ist das Fundament des künstlichen Lebens und
der genetischen Kunst.“ Kevin Kelly
Natur in der Technoscience
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert reduziert sich Naturreflexion im Rahmen akademischer
Philosophie zunehmend auf die Methodologie der Naturwissenschaften. Ontologische Fragen nach
der Beschaffenheit von Welt werden nun – wenn überhaupt – in erster Linie von den Naturwissen-
schaftlerInnen selbst gestellt, die im Zuge neuerer theoretischer Entwicklungen in der Physik – wie
etwa der Relativitäts- und Quantentheorie – nach den Konsequenzen dieser Theorien für die Be-
76 vgl. u.a. Adornos Kritik an der Existentialphilosophie Heideggers (Adorno 1982, 69ff)
77 vgl. auch Schäfer 1994, 501f
78 vgl. Haraway 1997; Saupe 1997a; Weber 1998c
21
schaffenheit der Natur in toto fragen.79 (Meist werden diese Fragen aber nicht als naturwissenschaftlich
bzw. als relevant für die Methodologie der Naturwissenschaften betrachtet oder einfach nicht in
den Lehrkanon aufgenommen.)
Das Desinteresse des philosophischen Diskurses für die Naturphilosophie dauert gerade in
Deutschland – nicht zuletzt bedingt durch die Emigration vieler naturwissenschaftlich gebildeter
PhilosophInnen in den 30er Jahren – bis in die 70er Jahre hinein an. Aufgeschreckt durch die öko-
logischen Debatten erwacht das Interesse am Thema Natur wieder, und es werden fachinterne Ar-
beiten zu diesen Themen publiziert und sogar Lehrstühle für Naturphilosophie eingerichtet.
In der Zeit aber, in der sich die akademische Philosophie aus dem Bereich der Naturphilosophie
zurückgezogen bzw. diese auf eine Philosophie der Naturwissenschaften reduziert hatte, finden sich
schon erste Anfänge der radikalen Umschreibung und `Neuerfindung der Natur´ (Haraway 1995b)
bzw. ihres Begriffs durch die natur- bzw. technowissenschaftlichen Diskurse.80 Der spätmodernen
Naturphilosophie, die meistenteils mit epistemologischen Grundsatzfragen, mit Logik und Metho-
dologie der Naturwissenschaften beschäftigt ist, entgeht größtenteils diese neuere Entwicklung.
Um diese aktuellen Veränderungen fassen zu können, kann ich mich deshalb kaum auf den philo-
sophischen Diskurs stützen, da er die aktuellen Entwicklungen des naturwissenschaftlichen Natur-
verständnisses der Technoscience bis heute nicht in adäquater Weise aufgearbeitet hat.81 Im folgen-
den muß ich mich deshalb auf Quellen heterogener Herkunft beziehen – die nicht nur in der Philo-
sophie, sondern genauso in der Kybernetik wie in der Literaturwissenschaft, der Wissenschaftsfor-
schung, den Biowissenschaften oder in der Wissenschaftsgeschichte angesiedelt sind.
Eine wesentliche Neuerung des naturwissenschaftlichen Begriffs der Natur der Technoscience be-
zieht sich auf seine Historisierung, die schon Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzt. Zur Erinnerung:
In der Antike wurde Natur als unvergängliche und sinnvolle Ordnung verstanden, welche der
Mensch durch die Technik nur nachahmte oder zur Vollendung brachte. In der Neuzeit galt Natur
im dominanten naturwissenschaftlich orientierten Diskurs als tote Materie, die den ewigen Regeln
formaler Logik gehorchte, als Unerkennbares, dem der Mensch seine transzendentalen Prinzipien
der Vernunft vorschreibt, die in den Gesetzen der Natur ihren Widerhall finden und die ihm die
Konstruktion und Produktion von Natur erlauben.
Diesen beiden Naturverständnissen ist trotz ihrer deutlichen Differenz die Vorstellung von Natur
als konstante und unwandelbare Größe gemein. Auch wenn in der Neuzeit zunehmend Zweifel an
der Erkennbarkeit von Natur aufkommen, wurde sie dennoch – entweder ganz pragmatisch und
stillschweigend oder auf der Grundlage eines `Als ob´ – als stabil und kohärent angenommen. An-
derenfalls wäre die Anwendung der überzeitlichen Regeln formaler Logik nicht plausibel gewesen.82
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gewinnt aber sowohl im geisteswissenschaftlichen wie im
naturwissenschaftlichen Diskurs immer mehr ein historisch-prozessuales und genetisches Denken
an Boden. Im theoretischen Diskurs legen Strömungen wie Historismus und Marxismus, in der
naturwissenschaftlichen Diskussion Theorien der Evolution und der Thermodynamik die Idee der
Wandel- und Veränderbarkeit von Natur nahe: „Eine diachrone Betrachtungsweise hat die syn-
79 vgl. Bartels 1996, 12
80 Und auch technikkritische Ansätze in der Philosophie nehmen die radikalen Umwälzungen im Naturverständnis
etwa durch die Thermodynamik noch kaum wahr. Heidegger bezieht sich genauso wie Adorno in seiner Technikkri-
tik vornehmlich auf das klassische mechanistische Naturverständnis der neuzeitlichen Naturwissenschaften und
registriert kaum die radikalen Veränderungen im klassisch mechanistischen Verständnis.
81 Mir ist bis heute keine naturphilosophische Darstellung bekannt, die aus einer soziohistorischen, kritischen Perspek-
tive die neueren Entwicklungen des Naturbegriffs in den Naturwissenschaften bzw. zumindest für die Bio- und
Informationswissenschaften ausführlich und im Überblick analysiert.
82 Erste Vorstellungen der Historizität der Natur finden sich – wie gesagt – schon bei Kant. Bezüglich der Naturer-
kenntnis erwächst für ihn daraus kein Problem, insofern die „oberste Gesetzgebung der Natur in unserem Verstand
liegt.“ (Neuser 1995, 123) Im nachhinein müssen wir dann annehmen, daß die Einheit der ahistorischen Verstandes-
kategorien auch einer Einheit der Natur korrespondiert – das berühmte `als ob´.
22
chrone, strukturanalytische abgelöst; in ihrer Folge tritt die Natur als Naturgeschichte auf, als
gewordene und sich wandelnde. Nicht mehr wird sie als perfektes, absolutes System angesehen,
sondern als offener, relativer Prozeß; denn was garantiert, daß das angeblich konstante, ...
Sonnensystem – Paradima des geschlossenen, invarianten Systemtyps – nicht in Wahrheit das
Endprodukt einer Entwicklung oder auch nur die Durchgangsphase eines permanenten Verände-
rungsprozesses des Universums ist.“ (Gloy 1995, 223f)
Historisierung der Natur in Moderne und Technoscience bedeutet vor allem, daß die materiellen
bzw. energetischen Objekte als einem permanenten Wandel unterworfen vorgestellt werden. Die-
ser Wandel, der zuvor auch schon Thema der Naturwissenschaft war, wenn auch in einer kleine-
ren Größenordnung, wird nun als in eine Richtung verlaufend und irreversibel gedacht.83 Das
Konzept aber von unveränderlichen Naturgesetzen wird beibehalten: Die Naturwissenschaft geht
nun dazu über, auch das Prozessuale und die Veränderung gesetzmäßig zu beschreiben und zu
mathematisieren.
Durch neuere Entwicklungen in den Naturwissenschaften wie etwa der Thermodynamik und der
Evolutionstheorie, die mit dem neuen Verständnis einer prozessualen und historisch sich wan-
delnden Natur arbeiten, werden zudem die Grenzen zwischen Lebewesen und Dingen, zwischen
Mensch und Tier, zwischen Belebtem und Unbelebtem instabil oder zumindest instabiler als
zuvor.84
Der erste thermodynamische Hauptsatz besagt, daß Materie bzw. Energie immer nur
umgewandelt, aber niemals zerstört werden kann.85 Damit werden unter anderem die ersten
Fundamente für den später sich durchsetzenden kybernetischen Naturbegriff gelegt, denn mit
diesem Verständnis läßt sich Seiendes als grenzenlos miteinander kompatibel denken, als ein aus
ähnlichen oder gleichen Bausteinen oder Komponenten Gefügtes, das sich wandeln und immer
wieder neue Formen annehmen kann, ob in organischer oder anorganischer Form, da die Energie
auf jeden Fall erhalten bleibt86: „The concepts of thermodynamics completely upset the notion of a
rigid separation between beings and things, between the chemistry of the living and laboratory
chemistry. With the concept of energy and that of conservation, which united the different forms
of work, all the activities of an organism could be derived from its metabolism ... the same elements
compose living beings and inanimate matter; the conservation of energy applies equally to events in
the living and in the inanimate world.“ (Jacob zit. nach Seltzer 1992, 173) Und auch der zweite
Hauptsatz der Thermodynamik, der von der Entropie in allen geschlossenen Systemen ausgeht,
relativiert die Differenz zwischen lebendiger und toter Materie.87
Aus diesem Verständnis von Materie folgt eine Konzeption von Produktion, die letztere nicht als
Schöpfung, Hervorbringung oder Generierung denkt, sondern als Akt der Umwandlung und
Konvertierung – der unter anderem auch zwischen Mensch und Maschine ablaufen kann: „[I]t is
the understanding of work as conversion that makes bodies and machines interconvertible. What
this entails, above all, is a shift in the very category of production: from the understanding of produc-
tion as generation, that is, as creation, to the understanding of production as conversion, that is, as proces-
sing.“ (Seltzer 1992, 172; H.i.O.)
83 Vgl. den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, daß die Entropie des Universums zunimmt, d.h. die
Energieumwandlung läuft immer nur in eine Richtung - nämlich auf immer `entwertetere´ Energie hinaus.
84 vgl. Haraway 1985, 1991a und 1997; Latour 1995a; Seltzer 1992; Singer 1996; Scheich 1993 und 1997
85 vgl. Seltzer 1992, 173
86 Grundlegende Differenz zwischen der modernen Thermodynamik und der antiken Atomtheorie besteht darin, daß
die Zusammensetzung der einzelnen Teile in der Antike nicht beliebig war, sondern dem Prinzip der Entelechie
folgte. Die moderne Variante von Funktionalität hat völlig andere Konnotationen. In der Antike wäre die Vorstel-
lung eines Organismus als Zusammensetzung biotischer Komponenten nicht vorstellbar gewesen.
87 vgl. Bartels 1996; 112ff; Osietzki 1998 und 1999; ausführlicher hierzu vgl. auch Kapitel 4
23
Während also schon um die Jahrhundertwende – durch die `control revolution´ des Taylorismus88
und die Neudefinition von Natur als wandelbare und umformbare Größe – die Grenzen zwischen
Organischem und Anorganischem, zwischen Tier und Mensch verschwimmen, wird mit der Ent-
wicklung der Kybernetik und Systemtheorie in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts auch die
Grenze zwischen Physischem und Nichtphysischem fließend. Auf system- und kommunika-
tionstheoretischer Grundlage werden nun organische wie anorganische, materiale wie immaterielle
Prozesse als durchaus kompatible Formen von Kommunikation beschrieben. Eine erste Grundlage
dafür hatte schon in den 40er Jahren der Biologe Ludwig von Bertalanffy durch seine `allgemeine
Systemlehre´ geschaffen, in der er lebendige Organismen im Rahmen des Systembegriffs zu verste-
hen sucht: Organismen werden von ihm als Systeme konzipiert, die im Austausch mit der Umwelt
stehen und die „Tendenz haben, ihre Struktur und Funktion gegen die Umwelt zu behaupten, zu
regenerieren und zu reproduzieren“ (Gloy 1995, 244).
Zu Beginn der 50er Jahre prophezeit dann der Kybernetiker Norbert Wiener: „[T]he distinction
between material transportation and message transportation is not in any theoretical sense perma-
nent and unbridgeable.“ (Wiener 1954, 136) Diese Idee spitzt er in einer Vision zu, die das
`Beamen´ lange vor der `Raumschiff Enterprise´ als reale technische Möglichkeit sieht. Schon 1964
behauptet Wiener, daß es theoretisch möglich ist, einen Menschen durch eine Telegraphenleitung
zu schicken.89 Doch die Umschreibung des Organismus zur biotischen Komponente in einem
(kybernetisch modellierten) Netzwerk90 setzt sich vor allem mit dem Aufstieg und Erfolg der
Molekularbiologie91 in den `life sciences´ durch. Diese operiert auf submikroskopischer Ebene,
arbeitet vornehmlich auf der Ebene allgemein physisch-chemischer Gesetze und legt ihren Fokus
weniger auf die Interaktionen von Organismen bzw. Organismus und Umwelt92 als auf zellinterne
Prozesse. Dadurch werden ideale Bedingungen für die Durchsetzung der Mathematisierung und
Physikalisierung der Untersuchungsgegenstände in der Biologie geschaffen.93
Ich möchte mit meiner groben Skizze nicht suggerieren, daß die Entwicklung der Bio- und
Kommunikationswissenschaften von den 40er bis zu den 90er Jahren parallel und stimmig mitein-
ander verlaufen ist. Evelyn Fox Keller (1996) hat sehr deutlich die Unterschiede der Entwicklungen
in diesen Technowissenschaften – gerade auch im Hinblick auf die Metaphorik des Organischen –
herausgearbeitet: Auf der einen Seite findet in der Kybernetik und Systemtheorie unter dem Para-
digma der zirkulären Rückkoppelung eher eine Wiedereinführung des teleologischen bzw. vitalisti-
schen Vokabulars der Naturmetaphysik bzw. der prämolekularen Biologie statt, wie es an Begriffen
der `Absicht´, der `Intention´ oder der `Selbstorganisation´ deutlich wird94 – ohne allerdings dabei
das mechanistische Paradigma eindeutig zu überschreiten.95 Die Molekularbiologie bemüht sich da-
gegen sehr, die traditionelle vitalistische Metaphorik der Biologie hinter sich zu lassen und auf den
`verläßlichen´ Pfaden der klassisch mechanistischen Denkweise, wie sie in den anderen Naturwissen-
schaften praktiziert wird, zu wandeln. Dabei orientiert sie sich an hierarchischen und kausalen Mo-
88 vgl. Seltzer 1992
89 vgl. Wiener 1964
90 vgl. Haraway 1985 und 1995d
91 In den 90er Jahren verwenden schon über 60 Prozent aller biologischen und biomedizinischen Untersuchungen
molekularbiologische oder genetische Verfahren; vgl. Haraway 1997, 57; zu den Mechanismen der Vereinheitlichung,
Verallgemeinerung und Minimalisierung in der Molekularbiologie vgl. Kay 1994 und 1996; Keller 1995 und 1996.
92 vgl. Kay 1996, 89
93 vgl. Jahn et al. 1982; Kay 1996
94 „Funktion, Koordination, wechselseitige Abhängigkeit, Zielgerichtetheit sind für diese Autoren die zentralen Ei-
genschaften eines Systems, alle verkörpert par excellence durch den biologischen Organismus. Und zirkuläre Rück-
koppelung war der Weg, um diese Eigenschaften nachzubilden.“ (Keller 1996, 323)
95 vgl. Saupe 1997b und 1997c; Scheich 1993
24
dellen, welche aufgrund der Mathematisierung und Physikalisierung der Biologie nun endlich für die
`life sciences´ fungibel wurden.96
Während also in der Kybernetik längst mit Modellen zirkulärer Rückkoppelung – d.h. mit Vorstel-
lungen von der gegenseitigen Abhängigkeit der Teile – und von Zielgerichtetheit gearbeitet wird,
besteht der Mainstream der Molekularbiologie mit seinem Modell vom `Mastermolekül´ DNA bis in
die 70er Jahre hinein auf der Idee von einer hierarchisch organisierten und zentralen Steuerungsein-
heit, die allen anderen Teilen vorgeordnet ist. Dennoch finden sich schon seit den 50er Jahren erste
Versuche, kybernetische und kommunikationstheoretische Modelle auf den systemtheoretisch mo-
dellierten biologischen Körper bzw. Organismus zu übertragen.
Ein klassisches Beispiel der erfolgreichen Umsetzung kybernetischer Modelle in den Biowissen-
schaften ist die Ende der 60er Jahre von dem chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana
entwickelte Autopoiesistheorie. Maturana erweitert die systemtheoretischen Modelle um den ky-
bernetischen Begriff der Organisation bzw. der Selbstorganisation und definiert Leben bzw. ein
lebendes System als „[e]in autopoietisches System, das im physikalischen Raum existiert,“ (Ma-
turana 1985, 141). Damit grenzt er sich von Definitionen des Lebendigen ab, die das `Leben´
nach den Merkmalen der Fortpflanzung und Evolutionsfähigkeit bestimmen.97 Leben soll nun
weder über einzelne Merkmale oder über `vitalistische´ Bestimmungen von inneren Lebenskräf-
ten definiert werden98 – auch wenn einzelne anscheinend teleologische Bestimmungen bzw. Me-
taphern wesentlicher Bestandteil dieser neuen systemtheoretischen Auffassung von Organismen
waren und sind.99 Durch die Autopoiesistheorie gelingt Maturana, der „Leben als Maschine nicht
nur definiert, sondern auch den Beweis erbringt, daß die Struktur von Leben (lebendigen Orga-
nismen) als (lebendige) Organisation, also als technologisch-informationstheoretisch konstitutiert
angesehen werden kann“ (Saupe 1997b, 168, Fußn. 74), eine Transformation, die letztendlich
auch die technische Nachkonstruktion von Leben ermöglicht.
Die Neudefinition von Organismen – gleich welcher Größe – als offene Systeme und die Paralleli-
sierung von physikalisch-mechanischen und organischen Prozessen ist somit die Grundlage der
technowissenschaftlichen Praktiken zur biologisch-technischen Konstruktion und Produktion von
lebendigen Organismen100. Hierin liegt auch der `qualitative´ Sprung in der Technikentwicklung
bzw. die neue Qualität der technowissenschaftlichen Praktiken: Während zuvor die Kybernetik auf
rein physikalisch-mechanistische Weise die Organismen imitierte, wird nun durch die Fusion von
Kybernetik bzw. Informationswissenschaften und Biowissenschaften – z.B. in der Gentechnologie
– das Design und die Produktion von lebendigen Organismen möglich101.
In den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wird durch die erfolgreiche Übertragung sy-
stem- und informationstheoretischer Vorstellungen auf biologische Vorgänge und die Öffnung der
Molekularbiologie für eine Terminologie der Wechselwirkung, des Austausches und der Interde-
pendenz102 eine Synthetisierung oder zumindest radikale Annäherung dieser Technowissenschaften
möglich. Die Konsequenzen dieser Synthetisierung mit Blick auf die Modellierung von Organismen
skizziert Donna Haraway folgendermaßen: „Jede beliebige Komponente kann mit jeder anderen
96 vgl. Keller 1996, 322
97 vgl. Saupe 1997b, 32
98 Gleichzeitig werden von Prigogine, Eigen und Haken physikalische Selbstorganisationstheorien entwickelt, die u.a.
auf die Selbstorganisationsfähigkeit von Materie abheben und damit den Ursprung des Lebens erklären wollen; vgl.
Krohn / Küppers 1989; Saupe 1997b, 33, Fußn. 7.
99 zur Stellung von Maturanas Theorie zwischen bzw. jenseits von Vitalismus oder Mechanismus vgl. Saupe 1997b,
68-80
100 vgl. Scheich 1997
101 Nicht zufällig wurde die Metapher der genetischen Information schon in den 50er Jahren von Watson und Crick,
den Erfindern der Doppelhelix, geprägt. Zu den Schwierigkeiten, die kybernetischen bzw. informationstheoretischen
Metaphern in die Molekularbiologie zu übersetzen, vgl. Kay 1998
102 vgl. Scheich 1997, 31; Haraway 1995d
25
verschaltet werden, wenn eine passende Norm oder ein passender Kode konstruiert werden kön-
nen, um Signale in einer gemeinsamen Sprache auszutauschen. Vor allem besteht kein Grund für
eine ontologische Entgegensetzung des Organischen, des Technischen und des Textuellen.
Ebensowenig gibt es einen Grund dafür, einen Gegensatz zwischen dem Mythischen und dem Or-
ganischen, Textuellen und Technologischen zu konstruieren. Die Überschneidungen dieser Be-
reiche überwiegen die verbleibenden Gegensätze. ... Körper sind zu Cyborgs geworden, zu ky-
bernetischen Organismen, in denen sich technoorganische Körperlichkeit und Textualität auf
hybride Weise verbinden.“ (Haraway 1995d 175f; H.i.O.)
Der neue kybernetische Naturbegriff ermöglicht ungekannte neue Möglichkeiten radikaler Natur-
beherrschung bzw. -produktion. Diese neuen Modelle und Techniken erlangen aber ihre äußerst
effektive technologische Umsetzung zudem im Rahmen eines neuen Managements von Wissen-
schaft, die zunehmend mit der Technik und der Industrie fusioniert wird. Diese Entwicklung setzt
schon am Ende des 19. Jahrhunderts ein und beschleunigt sich im 20. Jahrhundert. Diese Ent-
wicklungen veranlassen Donna Haraway und Bruno Latour neben anderen Wissenschaftsforscher-
Innen dazu, die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart nicht als Postmoderne,
Amoderne oder sonstige Präfix-Moderne, sondern als Technoscience103 zu bezeichnen, wobei dieser
Begriff auch auf die Kontinuitäten zwischen den sich ablösenden Epochen abhebt.
In dieser Zeit, in der sich der kybernetische bzw. systemtheoretische Begriff von Natur immer
mehr durchsetzt, sind nicht nur die Grenzen von Technik und Wissenschaft, sondern auch von
Kultur und Natur, von Organismus und Maschine, von Physischem und Nichtphysischem durch-
lässiger geworden als jemals zuvor. Einige TheoretikerInnen sprechen daher von der `Implosion´
(Baudrillard 1978) dieser Kategorien104 im Zeitalter der Technoscience, in der die technologische
Produktion neuer `natürlicher´ Elemente und Organismen möglich ist.105
Die zunehmende Verwissenschaftlichung und Technisierung des Alltags führt heute zur rapiden
Umschreibung und Neudefinition des Naturverständnisses und zu seiner effektiven Verbreitung
sowohl in technowissenschaftlichen als auch lebensweltlichen Diskursen.106 Gerhard Gamm skiz-
ziert die ubiquitäre Rolle von Technik und Technologie als Medium, ihre umfassende Vermittlungs-
funktion in gegenwärtigen westlichen Gesellschaften folgendermaßen: „Das Medium normiert und
normalisiert, es ist eine Vorschrift, ein Zwang, die Dinge so herzurichten, daß sie in ihm transpor-
tiert werden können, aber so, daß der Anteil, den das Medium daran hat, unsichtbar wird. ... Tech-
nik ist daher vor allem Medium, weil sich in ihr der gesellschaftlich-geschichtliche Handlungs-
zusammenhang verkörpert und verfestigt hat. ... Kurz, Technik ist Medium aufgrund der Gesell-
schaftlichkeit der Technik und der Technisierung der Gesellschaft, um zwei gängige Formeln der gegenwär-
tigen Technikdiskussion aufzunehmen.“ (Gamm 1997, 105; H.i.O.)
Es liegt nahe, daß in Gesellschaften, in denen Technik einen solch elementaren Status hat, die ubi-
quitäre und doch häufig unsichtbare Technik die ihr zugrundeliegende Naturvorstellung in umfas-
sender Weise und doch auch auf fast unsichtbare Weise transportiert und verbreitet. Der kyberneti-
sche Naturbegriff der Technoscience ist sicherlich nicht der einzige relevante in gegenwärtigen
westlichen Gesellschaften, insofern gerade zwischen ökonomischen, soziotechnischen, gesell-
schaftlichen und symbolischen Strukturen häufig Ungleichzeitigkeiten zu finden sind und Schräg-
lagen in ihrer Verflechtung auftreten. Aber zugleich vermute ich, daß einige der `ganz anderen´
103 ausführlicher zum Begriff der Technoscience vgl. Kapitel 3
104 vgl. Haraway 1985, 1991a und 1997; Latour 1995a
105 vgl. Kapitel 4
106 zu den rasanten Umschreibungen von Körperdefinitionen und –verständnissen durch die neuen Bio- und Infor-
mationswissenschaften vgl. u.a. Duden 1991a und 1991b; Bordo 1993; Haraway 1995d; Martin 1994; Becker /
Schneider 2000
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aktuellen Naturvorstellungen in Alltag und (Populär-)Wissenschaft sentimentale und romantische
Naturvorstellungen sind, die in einer Komplementärfunktion zum kybernetischen Naturbegriff
stehen107. Diesen Vieldeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten kann ich im Rahmen dieser Arbeit
nicht in extenso nachgehen. Ich hoffe aber, daß es mir bei meiner Auseinandersetzung mit dem in
der Technoscience dominanten kybernetischen Naturbegriff immer wieder gelingt, diese Wider-
sprüchlich- und Ungleichzeitigkeiten bewußt zu halten.
Aufgrund der mangelnden Auseinandersetzung der akademischen Philosophie mit dem techno-
wissenschaftlichen Naturbegriff und die zu vermutende implizite Auseinandersetzung mit diesem
im epistemologischen Diskurs der Philosophie, erscheint es mir wichtig, diese impliziten Naturvor-
stellungen und ontologischen Setzungen des aktuellen erkenntniskritischen Diskurses zu verfolgen.
Spannend ist dabei zum einen, ob die naturtheoretischen Vorstellungen diverser Theorien mit ihren
epistemologischen Ansätzen korrespondieren, d.h. ob sich bestimmte ontologische und naturtheo-
retische Vorstellungen – zumindest grob – generellen aktuellen Strömungen wie etwa Konstrukti-
vismus, Realismus, Dekonstruktivismus, Systemtheorie etc. zuordnen lassen.
Jenseits dieser metatheoretischen Frage interessiert mich aber vor allem, inwieweit diverse erkennt-
niskritische Ansätze der Gegenwart implizit oder explizit eine Perpetuierung, (abstrakte) Negation
oder auch Kritik aktueller und dominanter technowissenschaftlicher Vorstellungen unterstützen.
Die kritische Sichtung erkenntniskritischer Positionen erfolgt in der Hoffnung, Hinweise und An-
regungen zu finden (und sei es nur ex negativo), wie sich Natur und andere Weisen des Naturum-
gangs vorstellen lassen, die weder dem Paradigma des `Hyper-Produktionismus´ (Haraway 1995e,
15) der Natur- bzw. Technowissenschaften folgen, noch den komplimentären sentimentalen Kon-
zepten von Natur, wie sie sich etwa in der Ökologiebewegung oder konservativen wiederbelebten
Varianten der alten Naturmetaphysik finden.
So lautet meine Frage: Wie läßt sich Natur denken jenseits des totalen Machbarkeitswahns und der
Visionen absoluter Verfügbarkeit und Kontingenzbewältigung und jenseits abstrakter Technik-
feindlichkeit und naiver Sentimentalisierung bzw. Exotisierung des ganz Anderen?
107 zum komplemetären Verhältnis des wissenschaftlichen und ästhetischen Naturbegriffs in der Moderne vgl.
Klinger 1995a und 1998a
27
28
„Die Höhenflüge des Nachdenkens über das Problem der Referenz
weisen eindeutig die Flugbahn eines Bumerangs auf. Niemand scheint
es so recht loswerden oder daraus – wie Fichte sagt – `heraustreten´ zu
können.“ Jürgen Ritsert
2 Wer fürchtet sich vor der Natur? Erkenntniskritische
Positionen am fin de siècle
Bei meiner Auseinandersetzung mit der aktuellen Umdeutung und Neuformierung von Natur stellte
ich mit Erstaunen fest, daß in neueren erkenntniskritischen Positionen des Konstruktivismus,
Dekonstruktivismus oder auch der Systemtheorie der Begriff der Natur völlig ausgeblendet oder –
als ein a priori der Metaphysik verdächtiger – negiert wird. Während sich in den Diskursen der Me-
dien, der Technoscience oder der Politik geradezu eine Hochblüte diverser `Natur-Geschichten´
beobachten läßt und der Begriff der Natur in diesen Diskursen nach wie vor als zentrale Legitimati-
onsgrundlage, als Kampfbegriff bzw. ubiquitäres Glücksversprechen fungiert1, findet sich in der
zeitgenössischen Erkenntniskritik beklemmendes Schweigen. Ein jeglicher Begriff von Natur wird
ängstlich vermieden und Nichtdiskursives2 durch scheinbar unverfänglichere Begriffe wie `Außen´,
`Umwelt´, `Materialität´ etc. umschrieben und umgeschrieben. Im aktuellen erkenntniskritischen
Diskurs wird Natur immer schon verdächtigt, nichts anderes als das Resultat fragwürdiger Reprä-
sentationspolitik zu sein. Frederik Jameson drückt das Verhältnis erkenntniskritischer Theorie be-
züglich (des Begriffs) der Natur so aus: „To do away with the last remnants of nature and with the
natural as such is surely the secret dream and longing of ... postmodern thought – even though it is a
dream the latter dreams with the secret proviso that `nature´ never really existed in the first place
anyhow.“ (Jameson 1994, 45)
Diese Beschreibung Jamesons, die die Sehnsucht nach der Überwindung der Kategorie Natur und
die dabei oftmals verwendete theoretische und rhetorische Figur ihrer radikalen Dekonstruktion
poiniert formuliert, trifft sicherlich in ihrer Radikalität nicht ausnahmslos auf alle postmodernen
Erkenntniskritiken zu. Nichtsdestotrotz skizziert sie doch die ausgeprägte Tendenz der aktuellen
theoretischen Debatte treffend, beim Thema Naturtheorie sehr schnell die – der Dekonstruktion
zugehörigen – Momente der Konstruktion bzw. Rekonstruktion3 zu vergessen.4
1 vgl. u.a. Böhme 1992; Klinger 1996 und 1998a
2 Wichtig erscheint mir in diesem Kontext zwischen vordiskursiv und nicht- bzw. außerdiskursiv zu unterscheiden. Die Defi-
nition von Natur als eines Vordiskursiven wurde sicherlich zu recht von postmodernen Positionen als Wiederholung
alter naturalistischer oder ursprungsphilosophischer Kurzschlüsse moniert. Diese problematische Setzung eines Vordis-
kursiven ist aber nicht mit der jeglicher Bezugnahme auf Nicht- bzw. Außerdiskursives (oder Anders-Diskursives?)
gleichzusetzen. Letzteres bedeutet nur eine theoretische Position, die davon ausgeht, daß Natur nicht allein durch
(menschliche) Diskurse, durch Kultur hergestellt wird. Sie bemüht sich darum, Objekte nicht „auf die Kurzlebigkeiten
diskursiver Produktion und sozialer Konstruktion“ (Haraway 1995h, 210, Fußn 16) zu reduzieren. Mit der Stigmatisie-
rung eines jeglichen Begriffs von Natur als Perpetuierung eines mythischen Vordiskursiven wird aber vorschnell ein
zentraler Begriff westlichen Denkens preisgegeben, in der nicht ganz neuen Hoffnung, die Dichotomien westlichen
Denkens durch die Eliminierung ihres unangenehmen materialistischen Teils endlich zu überwinden.
3 vgl. Wartenpfuhl 1996
4 Verena Andermatt Conley stellt dagegen in ihrem Buch „Ecopolitics“ die These auf, daß poststrukturalistisches
Denken wesentlich von ökologischen Überlegungen motiviert sei. Allerdings definiert sie diesen Bezug dann sehr
allgemein und etwas inflationär als „a critical relation with the world at large“ (Conley 1997, 7). Ein historisch situ-
ierter Naturbegriff findet sich bei ihr genausowenig wie einer von `Umwelt´. Die angeblich `alternativen´ Naturvor-
29
Im weiteren möchte ich drei sehr unterschiedliche erkenntniskritische Ansätze näher betrachten, um
folgende Frage zu beantworten: Kommt es in diesen Theorien zur Ausgrenzung der Kategorie
Natur und der Behauptung ihrer rein ideologischen Funktion? Und wenn ja, wie und warum kommt
es zur Vergessenheit oder gar Idiosynkrasie gegenüber Natur?
Die beiden ersten Ansätze sind der frühe dekonstruktivistische Ansatz Jacques Derridas und die
Systemtheorie Niklas Luhmanns. Die dritte Position ist der de/konstruktivistische Ansatz des
Wissenschaftsforschers Bruno Latour. Letzterer setzt sich im Gegensatz zu Derrida und Luhmann
explizit mit dem Naturbegriff im Zeitalter der Technoscience auseinander und sucht nach Möglich-
keiten für Theoriebildung, die sich jenseits von purer `Naturalisisierung`, `Sozialisierung´ oder
`Diskursivierung´ bewegen.
„Der theoretische und praktische Kampf gegen Einheit durch Herr-
schaft oder Einheit-durch-Vereinnahmung untergräbt ironischerweise
nicht nur die Legitimationsgrundlagen von Patriarchat, Kolonialismus,
Humanismus, Positivismus, Essentialismus, Szientismus und anderen –
ismen, denen wir keine Träne nachweinen, sondern alle Ansprüche auf
einen organischen oder natürlichen Standpunkt.“
Donna Haraway
I. Kritik an der `Metaphysik der Präsenz´
Die Kritik an Repräsentationspolitik ist ein – wenn nicht das – zentrale Moment zeitgenössischer
Erkenntniskritik, das allen `Spielarten des Konstruktivismus´ (Knorr-Cetina 1990), des Dekonstruk-
tivismus, der Systemtheorie, der Diskursanalyse und anderen spät- bzw. postmodernen Varianten
gemein ist. Die Dekonstruktion des allwissenden göttlichen Blicks (`god eye´s view´), der archimedi-
schen Zeugenschaft des unbeteiligten Beobachters sowie die Einsicht in die „Unüberbrückbarkeit
der Distanz zwischen Begriff und Ding, in die Unmöglichkeit vollständiger Repräsentation“ (Klinger
1998b, 245; H.v.m.) findet sich im Mainstream des zeitgenössischen Theoriediskurses genauso wie in
kritischen5 Versionen des Feminismus, des Postkolonialismus6, des Spätmarxismus oder der queer
studies. Wenn auch diese Ansätze den unterschiedlichsten theoretischen Strömungen zugehören, so
stellungen von Michel Serres, Ilya Prigogine und Isabelle Stengers, die sie vorstellt, reproduzieren dann auch – mehr
oder weniger deutlich – das herrschende modernisierte Paradigma des kybernetischen Naturbegriffs; vgl. Kapitel 4.
5 Einer alten machiavellistischen Erzählstrategie folgend unternehme ich die Unterscheidung in kritische und tradi-
tionelle Theorie. Erkenntnispolitisch motivierte Ansätze in Feminismus, Postkolonialismus, Spätmarxismus, queer
theory rechne ich hierbei zu den kritischen Varianten, insofern diese im Unterschied zum Mainstream postmoderner
Theorie eine (dezidierte) politische, gesellschaftskritische Orientierung aufweisen, die zu anders akzentuierten
Problemstellungen und –lösungen führen. Diese differenten Herangehensweisen ermöglichen immer wieder – gerade
auch mit Blick auf den etablierten akademischen Betrieb – aufgrund ihrer differenten Problemstellungen und episte-
mologisch-kognitiven Werte (vgl. Longino 1990, Ritsert 1996) differenziertere Reflexionen, innovative Anstöße
aufgrund größerer Unkonventionalität und Offenheit und insofern auch `bessere Erzählungen´; vgl. Haraway 1995j;
Rouse 1996.
6 „`Post´-kolonial bezieht sich ... weder auf eine vergangene historische Periode, noch beinhaltet der Begriff eine
regionale `Dritte-Welt´-Beschränkung; vielmehr wird zum Ausgangspunkt von Kritik eine historische Erfahrung –
die des Kolonialismus –, deren Fortwirken sich in der Auseinandersetzung um westlich geprägte sozio-kulturelle
Hegemonie und Interpretationsmuster niederschlägt.“ (Küster 1998, 179)
30
motiviert sich die Entlarvung absoluter Repräsentation, das Infragestellen des Erklärungspotentials
westlicher `Meistererzählungen´ aus der Wendung gegen jegliche Absolutheits- und Totalitäts-
ansprüche – Absolutsheitsansprüche wie sie in den (Natur-)Wissenschaften7 bzw. der Techno-
science8, den philosophischen9, und / oder politischen Diskursen10 vertreten werden.
Die Kritik der `Metaphysik der Präsenz´11 und die damit verbundene Problematisierung des
Konnexes von Denken und Seiendem, Subjekt und Objekt12 radikalisiert sich auf jeden Fall
spätestens in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erheblich.
Diese Radikalisierung ist – unter anderem – vor dem teilweise sehr differenten theoriegeschicht-
lichen Hintergrund der jeweiligen erkenntniskritischen Ansätze zu verstehen.13 Die Erkenntniskritik
eines Quine oder Putnam formuliert sich in Abgrenzung von den – im angloamerikanischen Theo-
riediskurs vorherrschenden – Strömungen des Logischen Positivismus, Empirismus und Kritischen
Rationalismus, während eher historisch und soziologisch argumentierende Arbeiten Kuhns oder
Hardings zusätzlich gegen Funktionalismus und Behaviourismus der us-amerikanischen Sozial-
wissenschaften Stellung beziehen.14
Ungefähr zeitgleich mit der angloamerikanischen Kritik formiert sich die neue frankophone
Erkenntniskritik von Foucault, Derrida, Kristeva und vielen anderen primär in Frontstellung zu den
in Frankreich dominanten Strömungen der Phänomenologie, der Existentialphilosophie, des
Marxismus und Strukturalismus.
Im deutschsprachigen Raum wiederum schließt die Systemtheorie Luhmanns am amerikanischen
Funktionalismus Talcott Parsons an, vertritt aber zugleich eine stark konstruktivistische Perspektive,
die sich an den `neueuropäischen´ Theorien des Neurophysiologen Humberto Maturana, des
Kybernetikers Heinz von Foerster und anderen orientiert. Luhmanns Theorie richtet sich gegen
`alteuropäische´, seiner Meinung nach ontologisch orientierten Theorien wie etwa Marxismus und
Kritische Theorie, die in seinen Augen keine adäquaten Selbstbeschreibungen von Gesellschaft lie-
fern können15, insofern sie an der Idee von allgemein verbindlichem Wissen, an Vorstellungen von
Totalität und ontologischen Leitunterscheidungen festhalten.
Kleinster gemeinsamer Nenner dieser divergenten erkenntniskritischen Positionen ist die – sich
durchaus sehr unterschiedlich gestaltende – Essentialismus- und Totalitätskritik, die sowohl gegen
szientifisch-realistische, biologistische und materialistische, aber auch rationalistische wie idealistische
Ansätze gewendet wird. Abgelehnt wird jegliche Bestimmung eines Seienden als wesenhaft – sei es
die Natur, Gott, Vernunft, die Geschichte, das Cogito oder andere zentrale Pfeiler abendländischer
Philosophie. Aufgrund des Verlustes der Seinsgewißheiten, des zunehmenden Mißtrauens gegenüber
7 kritisch hierzu vgl. u.a. Cartwright 1983; Mehrtens 1990a, b; Foucault 1995; Harding 1986; Kuhn 1973; Longino
1990
8 vgl. Lyotard 1986; Knorr-Cetina 1991; Latour / Woolgar 1979; Latour 1995a; Haraway 1985, 1991a und 1997
9 vgl. Derrida 1994; Lyotard 1986; Irigaray 1980; Butler 1995; Luhmann 1990b und 1990c; Klinger 1998; Waltz 1993
10 vgl. Butler / Scott 1992; Trinh 1989; Hall 1994; Bhabha 1990
11 Unter `Metaphysik der Präsenz´ faßt Derrida folgende ontologischen Setzungen: „Man ahnt bereits, daß der
Phonozentrismus mit der historischen Sinn-Bestimmung des Seins überhaupt als Präsenz verschmilzt, im Verein mit
all den Unterbestimmungen, die von dieser allgemeinen Form abhängen und darin ihr System und ihren historischen
Zusammenhang organisieren (Präsenz des betrachteten Dinges als eidos, Präsenz als Substanz/Essenz/Existenz
[ousia], Präsenz als Punkt [stigme] des Jetzt oder des Augenblicks [nun], Selbstpräsenz des cogito, Bewußtsein, Subjek-
tivität, gemeinsame Präsenz von und mit dem anderen, Intersubjektivität als intentionales Phänomen des Ego usw.).
Der Logozentrismus ginge also mit der Bestimmung des Seins des Seienden als Präsenz einher.“ (Derrida 1994, 26;
H.i.O.)
12 Diese Kritik findet sich durchaus schon in der nachhegelianischen Philosophie – etwa bei Nietzsche, Heidegger,
Adorno oder Wittgenstein; vgl. auch Klinger 1998b; Luhmann 1995; Welsch 1995; Zima 1997.
13 zu ausführlichen Diskussionen der Genese der Postmoderne bzw. erkenntniskritischen Denkens siehe Welsch
1995; Zima 1997, 1-29
14 vgl. Ritsert 1996; Knapp 1998; Putnam 1993a, 204ff; zur schon sehr frühen Kritik feministischer Theorie am Bio-
logismus bzw. Determinismus vgl. Jaggar 1988, 106-113
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den positiven Wissenschaften und im Gefolge radikaler Vernunftkritik steht das „Problem der Refe-
renz heute im Mittelpunkt der Diskussion. Selbst von `Semiotik´ spricht man inzwischen in einem
Sinne, der keine festen, zeitlich und intersubjektiv beständigen Beziehungen zwischen Zeichen und
Referenten mehr voraussetzt. Tendenziell verschiebt sich damit der Ausgangspunkt von Kor-
respondenztheorien zu konstruktivistischen Theorien. Der für den logischen Positivismus geltende
Definitionszusammenhang von (Fremd-)Referenz, Sinn und Wahrheit ist durch die wirksame Kritik
von Quine erschüttert.“ (Luhmann 1990a, 96)
„Für diese zukünftige Welt und für das, was die Werte von Zeichen,
gesprochenem Wort und Schrift in ihr erschüttert haben wird, was uns hier
vollendete Zukunft setzen läßt, gibt es noch keine Devise.“
Jacques Derrida
Der `aesthetic turn´16 im Dekonstruktivismus Derridas
In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich die nachhegelianische Erkenntniskritik zu einer vielfälti-
gen theoretischen Strömung, die die Reflexion der Doppelstruktur von Aussage und Aussagebedin-
gungen unternimmt.17 Diese Ansätze rücken sowohl die sprachliche und logische Bedingtheit von
Erkenntnis als auch die Historizität, Kontextualität und – vor allem in den kritischen Varianten – die
soziokulturelle Situiertheit von Erkenntnis ins Blickfeld. Luhmanns Verweis auf das veränderte Ver-
ständnis von Semiotik deutet schon an, daß sich die Erkenntniskritik nochmals radikalisiert – dieses
Mal im Rahmen eines `aesthetic turn´. Der `linguistic turn´ läßt sich ja durchaus noch als eine radi-
kalisierte Fassung des Nominalismusstreits lesen18, der letztendlich in seiner Trennung von Sprache
und Welt, Denken und Seiendem, Natur und Kultur die jeweiligen Pole durch ihre rigide Trennung
affirmiert. Dagegen konzentriert sich der `aesthetic turn´ – wie er vor allem im Dekonstruktivismus
zu Hause ist – auf das Problem der Materialität bzw. Eigenlogik von Schrift, Diskurs und Text und
verweist auf die Eigendynamik von Sinn, welche in radikaler Weise klassische Konzeptionen von
Wahrheit in Frage stellt: „Nicht daß das Wort `Schrift´ aufhörte, den Signifikanten des Signifikanten
zu bezeichnen; in einem ungewohnten Licht aber wird deutlich, daß `Signifikant des Signifikanten´
nicht länger eine akzidentelle Verdopplung und abgefallene Sekundarität definiert. `Signifikant des
Signifikanten´ beschreibt im Gegenteil die Bewegung der Sprache – in ihrem Ursprung; ... Das Signi-
fikat fungiert darin seit je als ein Signifikant. Die Sekundarität, die man glaubte der Schrift vorbehal-
ten zu können, affiziert jedes Signifikat im allgemeinen, affiziert es immer schon, ... Es gibt kein
Signifikat, das dem Spiel aufeinander verweisender Signifikanten entkäme“ (Derrida 1994, 17). Das,
worauf Schrift verweist, konstituiert sie auch gleichzeitig immer (mit). Deshalb konzentriert der
Dekonstruktivismus seine Untersuchungen auf den Raum der Schrift – welcher neben vielem ande-
ren auch die Sprache einschließt. Der Fokus der Theorie wird auf die Materialität und Eigendynamik
der Schrift selbst gelenkt. Es geht nicht mehr darum, die Eigendynamik und Eigenlogik von Sprache
in Hinblick „auf eine gesonderte Realität ihrer Objekte“ (Gehring 1994, 34) – auch nur ansatzweise
15 vgl. Luhmann 1990b, 1990c und 1992
16 zum `aesthetic turn´ siehe Pritsch 1997; Welsch 1995, 507ff
17 vgl. ausführlich hierzu Welsch 1995
18 vgl. Wendel 1998
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– zu transzendieren19, sondern in und durch die Schrift selbst einer „absichts- und gegenstandslosen
Sensibilisierung für das Historisch-Anonyme ihrer [der Schrift; J.W.] selbst: als Instanz oder auch als
Institution“ (Gehring 1994, 34) zuzuarbeiten. Angesichts des materialen Gegebenseins von Text und
damit von Wahrheit selbst, die ein `Anderes des Sinns´ her- und darstellen, wird die Bearbeitung des
Konnexes von Sprache und außersprachlicher Materialität aufgegeben, das Nichtdiskursive und das
Diskursive20 werden über die Logik des Supplement miteinander verschmolzen: „Durch diese Ab-
folge von Supplementen hindurch wird die Notwendigkeit einer unendlichen Verknüpfung sicht-
bar, die unaufhaltsam die supplementären Vermittlungen vervielfältigt, die gerade den Sinn
dessen stiften, was sie verschieben: die Vorspiegelung der Sache selbst, der unmittelbaren Prä-
senz, der ursprünglichen Wahrnehmung. Die Unmittelbarkeit ist abgeleitet. Alles beginnt durch das Ver-
mittelnde, also durch das, was `der Vernunft unbegreiflich´ ist.“ (Derrida 1994, 272; H.v.m.)
Mit dieser Haltung radikalisiert sich die `Weltlosigkeit´ (Arendt) des Erkenntnissubjekts, denn dieses
zieht sich nun nicht mehr auf das Cogito, die Vernunft oder intersubjektive Kommunikation zurück
und stellt daraufhin in mühsamer Rekonstruktionsarbeit wieder den Konnex zur Welt her, sondern
mit dem `aesthetic turn´ beschränkt es sich auf den Bereich der Diskursivität, Textualität und Schrift.
So schreibt Petra Gehring: „Wo die Sprache am Werk ist, da steht für Foucault, Derrida und Lyotard
das reale Außen ..., der sprichwörtlich cartesianische Bezug des Transcensus auf Außenwelt, bereits
nicht mehr zur Diskussion.“ (Gehring 1994, 34).
Das `Außen´ der Sprache kann – wenn überhaupt – im Innen der Sprache wiederaufgefunden wer-
den. Dem liegt die Annahme zugrunde, daß sich das Nichtdiskursive21 – wie auch immer vermittelt –
immer schon im Diskursiven befindet und nur im Rahmen seiner Logik nachvollziehbar ist: „Man
sucht also nicht danach, vom Text zum Denken, ... vom Äußeren zum Inneren, ... von der ober-
flächlichen Vielfalt zur tiefen Einheit überzugehen. Man bleibt in der Dimension des Diskurses.“
(Foucault zit. nach Gehring 1994, 48) Was den Schluß nahelegt: „Das Außen des Innen ist immer
schon innen.“ (Gehring 1994, 48) Die Schrift scheint nun als ein material verfaßter Raum, der einzig
zugängliche, der dem Denken (wessen?) noch bleibt.
Wenn es aufgrund der divergenten Konzeptionen von `Diskurs´, `Text´ oder `Schrift´ in den ver-
schiedenen dekonstruktivistischen und diskursanalytischen Ansätzen22 zum Teil auch erhebliche
Unterschiede in den erkenntniskritischen Konzeptionen gibt, ist ihnen doch die Preisgabe des
Bezugs auf Nichtdiskursives bzw. ein Textäußeres gemein. Die alten Dualismen von Sprache und
Materialität, Subjekt und Objekt, Natur und Kultur etc. werden als dem Text immanent postuliert.
Die Spannung, die gerade aus den Schwierigkeiten der Vermittlung von Kultur und Natur, Ich und
Nicht-Ich entstehen, werden tendenziell getilgt. Ein Bezug auf Nichtdiskursives wird allein gemäß
der Logik des symbolischen Systems, der Supplemente als möglich betrachtet. So bemerkt Derrida
19 Adornos Programm einer `Negativen Dialektik´ – ungefähr zur gleichen Zeit wie die `Grammatologie´ geschrie-
ben – läßt sich als ein solcher Versuch lesen: „Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen auf-
zutun, ohne es ihnen gleichzumachen.“ (Adorno 1982, 21)
20 Diskurs und die Funktion des Textes `definiert´ Derrida folgendermaßen: „Diskurs als die aktuelle, lebendige und
bewußte Repräsentation eines Textes in der Erfahrung der Schreibenden oder Lesenden ..., und ... der Text [der] mit
Hilfe des ganzen Systems der ihm verfügbaren Mittel und der ihm eigentümlichen Gesetze diese Repräsentation
immer wieder sprengt“ (Derrida 1994, 178).
21 Es ist wichtig, hier zwischen Nichtdiskursivem und Prä- bzw. Vordiskursivem zu unterscheiden. Die Definition
von Natur als vordiskursiv sowohl durch die Naturwissenschaften als auch manche philosophische Diskurse ist zu
recht von postmodernen Positionen kritisiert worden. Diese problematische Setzung eines Vordiskursiven ist aber
nicht mit dem Bemühen begrifflicher Arbeit zu identifizieren, die Bezug nehmen möchte auf Seiendes ohne zu
unterstellen, daß dieses den Gesetzen der symbolischen Ordnung, wie z.B. der Logik der Supplemente, (in gleicher
Weise?) unterliegt. Dies bedeutet einen theoretischen Ansatz, der Seiendes oder Objekte nicht „auf die Kurzlebig-
keiten diskursiver Produktion und sozialer Konstruktion“ (Haraway 1995h, 92) reduzieren und womöglich auch die
Möglichkeit eines `nie aufgehenden Rests´ (Žižek 1996) im materialen Sinne ins Auge fassen möchte; vgl. auch
Weber 1998a, S.711, Fußn. 16 und vor allem Kapitel 5
22 Zum Unterschied von Diskursanalysen und Dekonstruktionen vgl. Kaprenstein-Eßbach 1995
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konsequenterweise: „Ich bin nicht einmal sicher, daß es da einen `Begriff´ für das absolute
Draußen geben könnte.“ (Derrida 1986, 127). Doch bleibt die Frage, warum es, auch wenn wir
keinen direkten Zugang zum `Draußen´ haben, absolut unmöglich sein sollte, dieses `Draußen´
annäherungsweise zu denken?
Zurecht kritisiert Derrida klassische Positionen der abendländischen Philosophie, die eine `Meta-
physik der Präsenz´, die Verklärung des Seienden oder der Natur zum Ursprung, zum Natür-
lichen und Ersten betreiben und das Problem der Repräsentation negieren: „[V]on da an besteht
die Metaphysik darin, die Nicht-Präsenz dadurch auszuschließen, daß sie das Supplement als ein-
fache Exteriorität, als reine Addition oder als reine Abwesenheit bestimmt. ... Was hinzugefügt wird, ist
nichts, da es einer erfüllten Präsenz hinzugefügt wird, welcher es äußerlich ist. Das gesprochene Wort fügt
sich an die intuitive Präsenz (des Seienden, des Wesens, des eidos, der ousia usw.); die Schrift fügt
sich an das lebendige und sich selbst gegenwärtige Wort; die Masturbation fügt sich an die soge-
nannt normale sexuelle Erfahrung; die Kultur fügt sich an die Natur, das Böse an die Unschuld,
die Geschichte an den Ursprung usw.“ (Derrida 1994, 286; H.i.O.)
Die `Metaphysik der Präsenz´ – die Derrida großzügig mehr oder weniger der kompletten
abendländischen Philosophie diagnostiziert – setzt gewisse Entitäten wie z.B. Natur, das Seiende,
aber auch Bewußtsein oder Geist, als stabil, primär und wesenhaft. Diese bilden den Ursprung
und sind damit per se das Vorgängige, dem sich im Nachhinein das `Andere´ einschreibt (die
Schrift der Sprache, die Kultur der Natur etc.), welches aber die `Tiefenstruktur´ dieser Entitäten
nicht wirklich berührt.23 Derrida selbst geht davon aus, daß das Nichtdiskursive mit dem Diskur-
siven, die Sprache mit der Schrift, die Natur mit der Kultur zutiefst verwoben sind in der Spur,
die nur über den Text lesbar (!) wird. Dieses Konzept von der alleinigen Lesbarkeit der Spur im
Text, welche sowohl Momente von Natur wie Kultur, von Subjekt wie Objekt ununterscheidbar
in sich trägt, soll die klassischen Dichotomien abendländischen Denkens überwinden. Dabei wird
allerdings weder die unaufhebbare Schräglage in jeglicher Repräsentation und damit das hierar-
chische Moment in der Vermittlung von Subjekt-Objekt, Natur-Kultur etc. reflektiert, noch die
Konsequenzen einer solchen ontologischen Setzung expliziert. Das Konzept der Spur wird im
Gegenteil als Überwindung überlieferter begrifflicher Gegensatzpaare verstanden.
Die Frage ist jedoch, ob letztendlich nicht die alten Dualismen durch neue (Stimme-Schrift, Prä-
senz-Absenz, Signifikat-Signifikant etc.) ersetzt werden – und deren klassische Besetzung umge-
kehrt wird, die Vorrangstellung des einen Pols durch den anderen (der Schrift, des Diskurses, des
Supplements) ersetzt wird: „Was wir zu beweisen beabsichtigen, in dem wir den Leitfaden des
`gefährlichen Supplements´ folgten, war, daß es in dem, was man das wirkliche Leben dieser
Existenzen `aus Fleisch und Blut´ nennt, jenseits dessen, was man glaubt als das Werk Rousseaus
umschreiben zu können, und hinter ihm immer nur Schrift gegeben hat. Es hat immer nur Supplemente,
substitutive Bedeutungen gegeben, die ihrerseits nur aus einer Kette von differentiellen Verweisen hervorgehen
konnten, zu welchen das `Wirkliche´ nur hinzukam, sich lediglich anfügte, wenn es – ausgehend von einer
Spur und einem Ergänzungszeichen usw. – Bedeutung erlangte. Und so bis ins Unendliche, denn
wir haben – in dem Text – gelesen, daß die absolute Gegenwart, die Natur, das was die Wörter `wirkliche
Mutter´ bedeuten, sich immer schon entzogen, niemals existiert haben; daß der Sinn und die Sprache diese
Schrift als das Verschwinden der natürlichen Präsenz freilegen.“ (Derrida 1994, 274f; H.v.m.)
Die Metaphysik der Präsenz wird durch eine Metaphysik des Supplements bzw. der Schrift er-
setzt, denn Derrida geht nicht nur davon aus, daß die absolute Gegenwart, die Natur, das `Wirk-
liche´ (auch des Bewußtseins, des Geistes) sich uns immer schon entziehen und sie insofern in
23 Wie problematisch eine solche Diagnose ist bzw. daß es hier einer differenzierteren Argumentation bedürfte, wird
deutlich, wenn man sie vor dem Verfall der Naturphilosophie der Moderne wie ich ihn im ersten Kapitel skizzierte,
betrachtet.
34
`Reinform´ (für uns) nicht existieren24. Er geht einen Schritt weiter in seinem Bemühen, die
Reifizierungen der traditionellen Philosophie zu überwinden: Er setzt die Schrift, das Supplement
und damit den Mangel an die Stelle der Präsenz – und erklärt sie zum Ursprung: „In der Tat gab
es eine erste Gewalt zu benennen. Benennen, die Namen geben, die es unter Umständen unter-
sagt ist auszusprechen, das ist die urspüngliche Gewalt der Sprache, die darin besteht, den abso-
luten Vokativ in eine Differenz einzuschreiben, zu ordnen, zu suspendieren. Das Einzige im Sy-
stem zu denken, es in das System einzuschreiben, das ist die Geste der Ur-Schrift: Ur-Gewalt,
Verlust des Eigentlichen, der absoluten Nähe, der Selbstpräsenz, in Wahrheit aber Verlust dessen,
was nie stattgehabt hat, einer Selbstpräsenz, die nie gegeben war, sondern erträumt und immer
schon entzweit, wiederholt, unfähig, anders als in ihrem eigenen Verschwinden in Erscheinung
zu treten.“ (Derrida 1994, 197)
Gegen die traditionelle Präponderanz der Präsenz setzt Derrida offensichtlich den Vorrang der
Absenz, des Supplements und des Mangels. Damit wird aber die Gewichtung der jeweiligen Pole
in den Dualismen von Präsenz-Absenz, Natur-Kultur, Objekt-Subjekt letztendlich nur umgekehrt
– eine `Lösung´, die für die Spät/Moderne nicht untypisch ist.
Auf sublime Art werden die Ebenen verschoben: Wenn Präsenz und Absenz, Natur und Kultur,
Signifikat und Signifikant auf untrennbare Weise miteinander verwoben sind, der Bezug auf eine
reine Präsenz, auf wesenhaft Seiendes, das Signifikat unmöglich ist, dann, so behauptet Derrida
weiter, ist das Nichtdiskursive, die Natur, das `Draußen´, welches in der Metaphysik der Präsenz
als das `Natürliche´ und Ursprüngliche gilt, allerhöchstens in der Spur `aufgehoben´. Eine Spur,
die sich nur auffinden läßt in „einer originären Differenz, die weder Absenz noch Präsenz, weder
negativ noch positiv ist“ (Derrida 1994, 286), die offensichtlich gedacht ist als etwas zwischen
den Polen Oszillierendes. Die Repräsentantin dieser Spur(en) ist wiederum die Schrift: „Die
Schrift ist ein Repräsentant der Spur im allgemeinen, sie ist nicht die Spur selbst. Die Spur selbst
existiert nicht. (Existieren ist sein, ein Seiendes, ein Anwesend-Seiendes sein, to on).“ (Derrida 1994,
287) Insofern es kein Außen des Textes gibt, alles von der Logik der Schrift durchdrungen zu
sein scheint, können Natur wie Kultur, Materialität wie Bewußtsein allein im Text, als Spuren in
der Spur aufgefunden werden. Res extensa wie res cogitans sind begriffliche Fiktionen, die aller-
höchstens als Fragmente der Spuren zu denken sind. Die Eigenlogik der Schrift, ihre Iterabilität,
die die Verschiebungen bedingt, die Materialität des Textes sind wesentlich für die Repräsentation
der Spur, in die auf vielfach vermittelte Weise eingeschrieben ist, was in der Metaphysik der Prä-
senz als `Natur´ oder `Bewußtsein´ galt. Der einzige Ursprung (und zugleich ontologische
Grundlegung) ist nun die Logik der Schrift, des Supplements und des Mangels, der sich nichts
entwindet.25
24 Fraglich bleibt auch, ob nicht historische Konstellationen denkbar wären, in denen die Erfahrungen direkter Prä-
senz gemacht wurden, aber im Rahmen modernen Denkens bzw. in modernen Gesellschaften unplausibel (wenn
auch begehrenswert) erscheinen. Es geht nicht um den Verlust einer bestimmten Denkweise, sondern eventuell um
eine radikale Andersheit, über die allerhöchstens spekuliert, aber kaum rekonstruiert werden kann. Nehmen wir an,
die Vorstellung eines Kosmos und von Natur als einer stabilen und ewigwährenden Entität, an der der Mensch parti-
zipiert, hatte in der Antike Relevanz. Dann liegt der Schluß eines Denkens der Präsenz nahe, der in dem von Derrida
gemeinten Sinne Metaphysik wäre – allerdings allein als eine Rückprojektion, die aus der Sicht der Moderne vorge-
nommen wird.
25 vgl. Sylvia Pritsch zur „Unendlichkeit der Différance“ (Pritsch 1999a, 28) als „metaphysische Setzung“ (ebd.) bei
Derrida
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Weltlosigkeit als Programm