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Die ›Epistre‹ zu Innocent Gentillets ›Contre-Machiavel‹ und die Vorreden Georg Nigrinus' und Johann Fischarts in ›Regentenkunst oder Fürstenspiegel‹

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Abstract

The article provides an edition with the relevant background and commentary of three Early Modern texts: Innocent Gentillet's ›Epistre‹ of his central work, the widely read anti-Machiavellian treatise ›Contre-Machiavel‹ of 1576; Georg Nigrinus' ›Vorrede‹ to ›Regentenkunst oder Fürstenspiegel‹, his 1580 German translation of the ›Contre-Machiavel‹; as well as Johann Fischart's ›Vorrede‹ included in Nigrinus' book. The texts are edited together due to their high relevance in research concerned with Machiavelli's contemporary reception, especially in German-speaking Europe.
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DIE ›EPISTRE‹ ZU INNOCENT GENTILLETS
›CONTRE-MACHIAVELI‹ UND DIE VORREDEN GEORG NIGRINUS’
UND JOHNANN FISCHARTS IN
›REGENTENKUNST ODER FÜRSTENSPIEGEL‹
Edition mit Hintergrund und Kommentar
The article provides an edition with the relevant background and commentary of
three Early Modern texts: Innocent Gentillet’s ›Epistre‹ of his central work, the
widely read anti-Machiavellian treatise ›Contre-Machiavel‹ of 1576; Georg Nigrinus’
›Vorrede‹ to ›Regentenkunst oder Fürstenspiegel‹, his 1580 German translation of
the ›Contre-Machiavel‹; as well as Johann Fischart’s ›Vorrede‹ included in Nigrinus’
book. The texts are edited together due to their high relevance in research con-
cerned with Machiavelli’s contemporary reception, especially in German-speaking
Europe.
1. Einführung
Eines der kontroversesten Bücher der Frühen Neuzeit, Niccolo
`Machiavellis
bis heute vieldiskutierter ›Fürst‹ (›Il principe‹, verfasst 1513, publiziert 1532),
wurde nach der Verbannung auf den päpstlichen Index 1559 oft über Machia-
vellis Lehren vehement negierende Literatur rezipiert. Eine zentrale Rolle in der
zeitgenössischen Machiavelli-Rezeption kommt dabei der Schrift ›Discours, svr
les moyens de bien govverner et maintenir en bonne paix vn Royaume ou autre
Principaute
´. [. ..] Contre Nicolas Machiauel Florentin [. . .] ‹ (1576)
1
des französi-
schen Hugenotten Innocent Gentillet zu, die landläufig unter dem Namen ›Con-
1
Innocent Gentillet: Discours, svr les moyens de bien govverner et maintenir en bonne
paix vn Royaume ou autre Principaute
´. Divisez en trois parties: asauoir, du Conseil,
de la Religion & de la Police que doit tenir vn Prince. Contre Nicolas Machiauel Floren-
tin. A Treshaut & Tres-illustre Prince Franc
¸ois Duc d’Alenc
¸on, fils & frere de Roy. M. D.
LXXVI. Genf 1576 [Huntington Library, call no. 216181]. Die neuesten Editionen sind
Innocent Gentillet: Anti-Machiavel. Edition de 1576, hg. v. C. Edward Rathe
´, Genf 1968
(Les classiques de la pensee
´politique 5), sowie Innocent Gentillet: Discours contre
Machiavel: A New Edition of the Original French Textwith Selected Variant Readings,
Introduction and Notes, hg. v. Antonio D’Andrea u. Pamela Stewart, Florenz 1974. Wei-
tere, in der vorliegenden Untersuchung nicht hinzugezogene Ausgaben: Innocent Gen-
tillet: Declaration d’Auteur des Discours contre Machiavel, pour satisfaire aux plain-
tiffs d’aucuns Italiens, Genf 1576; Innocent Gentillet: Discours d’estat sur les moyens
de bien gouverner et maintenir en bonne paix un Royaume etc., Lausanne 1585 (Re-
print Leiden 1609), Innocent Gentillet: A Discourse upon the meanes of wel-governing
and maintaining in good peace, a kingdom or other principalitie. Divided into three
parts, namely The Counsell, the Religion, and the Policie, which a Prince ought to hold
and follow. Against Nicholas Machiavell the Florentine, übers. v. Simon Patericke,
London 1602 (2. Aufl. 1608).
DOI 10.1515/bgsl.2011.028
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MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
tre-Machiavel‹ weite Beachtung in der gelehrten Welt fand. In dieser Publika-
tion distanziert sich der hugenottische Jurist Gentillet, wie die Mehrzahl seiner
Zeitgenossen, von den dem mittelalterlichen Herrscherbild diametral entge-
gengesetzten Lehren Machiavellis zu fürstlicher Herrschaft. Gentillets ›Contre-
Machiavel‹ kam europaweit eine zentrale Rolle in der zeitgenössischen Machia-
velli-Rezeption zu. Schnell entstanden Übersetzungen in andere Sprachen;
schon 1577 konnte sich das nicht-frankophone Europa in lateinischer Sprache
ein Bild von Machiavellis Doktrin über das Werk Gentillets machen. In diesem
Jahr erschien nämlich in Genf eine von Lambert Daneau vorgenommene latei-
nische Übersetzung des ›Contre-Machiavel‹.
2
Auch eine deutsche Übersetzung ließ nicht lang auf sich warten. Im Jahre
1580 übertrug Georg Nigrinus (Schwartz) unter dem Titel ›Regentenkunst oder
Fürstenspiegel‹ das Werk Gentillets ins Deutsche.
Wir gehen von einer europaweit zeitgenössisch wichtigen, wenn nicht gar
zentralen Rolle aus, die Gentillets Buch nach seiner Publikation und den rasch
erstellten Übersetzungen in der Endphase des 16. Jahrhunderts innehatte.
Anglo beschreibt die Leistung Gentillets als »impressive, as is evidenced by the
wide success of his book and the reputation it long enjoyed as a convincing
expose
´both of Machiavelli’s doctrines and of the corrupt political state which
must inevitably result from their practice«.
3
Sydney Anglo fasst die Ziele, die
Gentillet mit dem ›Contre-Machiavel‹ verfolgt haben mag, prägnant zusammen:
»to refute Machiavelli’s false tyrannical doctrines; to show how they have cor-
rupted fair France; and to show how states should be governed«.
4
Dieses Kon-
zept sieht Anglo als dem antimachiavellischen Part von Reginald Poles ›Apolo-
gia ad Carolum Quintum Caesarem‹
5
(1539) nahestehend. Bei Anglo wird
jedoch nicht untersucht, inwieweit Gentillet Poles Schriften rezipiert hat. Wo-
rüber Pole seine Kenntnis von Machiavellis Schrifttum bezog, ist umstritten;
für Gentillet scheint dagegen gesichert, dass er Machiavellis Werke im Original,
»with attention«,
6
gelesen hat. Gentillet diskutiert in seinem Werk fünfzig Maxi-
men, die er aus Machiavellis ›Il principe‹ und den ›Discorsi sopra la prima deca
di Tito Livio‹ (1531) extrahiert hat, und ordnet diese nach den Gebieten ›Con-
seil‹ (Rat), ›Religion‹ sowie ›Police‹ (Politik) an.
7
Zu der Annahme von Ratschlä-
gen diskutiert Gentillet insgesamt drei Maximen, zehn zur ›Religion‹; der über-
2
Über Daneau ist nur sehr wenig bekannt; die in der einschlägigen Forschung heraus-
gearbeiteten Fakten finden sich in Sydney Anglo: Machiavelli ÐThe First Century.
Studies in Enthusiasm, Hostility and Irrelevance, Oxford 2005 (Oxford-Warburg Stu-
dies) und der in diesem Zusammenhang angeführten Sekundärliteratur.
3
Anglo [Anm. 2], S. 284.
4
Anglo [Anm. 2], S. 288.
5
Vgl. Michael Szurawitzki: Contra den ›rex iustus/rex iniquus‹? Der Einfluss von Ma-
chiavellis ›Il Principe‹ auf Marlowes ›Tamburlaine‹, Shakespeares ›Heinrich V.‹ und
Gryphius’ ›Leo Armenius‹, Würzburg 2005 (Epistemata Literaturwissenschaft 550),
S. 80Ð83, für eine Analyse dieser Passage von Pole.
6
Anglo [Anm. 2], S. 296.
7
Anglo [Anm. 2], S. 310.
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3
DIE ›EPISTRE‹
wiegende Teil ist der ›Politik‹ gewidmet, hier diskutiert Gentillet insgesamt 37
Maximen Machiavellis.
Im Kontext der Diskussion zum ›Contre-Machiavel‹ haben in der einschlägi-
gen Forschung mehrere Dokumente nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die
sie verdient hätten: Es handelt sich a) um die Vorrede (›Epistre‹) des Autors
Innocent Gentillet an den Herzog von Alenc
¸on (französisch 1576, lateinisch
hier nach der Ausgabe von 1578 ediert). Diese Vorrede enthält zentrale Passa-
gen zur Rezeption Machiavellis als Gegenentwurf zum christlichen mittelalter-
lichen ›rex iustus‹.
8
In der deutschen Ausgabe des ›Contre-Machiavel‹
9
kommen
drei mit der ›Epistre‹ eng verknüpfte Texte hinzu. Dies sind b) die Übertragung
der ›Epistre‹ durch Nigrinus, c) Nigrinus’ selbst verfasste Vorrede sowie d) die
Vorrede Johann Fischarts. Diese Texte sind bisher in der modernen Forschung
weder in ihrem Zusammenhang gesehen noch ediert worden. Von Text d), der
Vorrede Johann Fischarts, existiert eine Ausgabe von Adolf Hauffen, die vor
mehr als 100 Jahren ediert und unter dem Titel ›Der Anti-Machiavell‹
10
publi-
ziert wurde. Wichtig für die Erschließung des zeitgenössischen Publikations-
sowie Rezeptionskontextes ist, dass die Texte in einer Publikation zusammen-
gestellt werden, so dass sie die Grundlage für eine vertiefende Diskussion bie-
ten können.
Der vorliegende Beitrag ist daher wie folgt strukturiert: Einer Einführung
u. a. zu Innocent Gentillet, Georg Nigrinus und JohannFischart folgt eine kurze
Textgeschichte des ›Contre-Machiavel‹ und seiner Übersetzungen in die wich-
tigsten Sprachen der Frühen Neuzeit. Hiernach steht eine inhaltliche Exegese
von Gentillets Vorwort zum ›Contre-Machiavel‹ und Nigrinus’ Übersetzung. Da-
rauf folgen Bemerkungen zur Herausgabe sowie die Beschreibung der Drucke,
bevor schließlich die Editionen der Texte selbst geboten werden. Durch die
Übertragungen von Gentillets Text ins Deutsche ermöglichten Nigrinus und
8
Vgl. Michael Szurawitzki: Machiavelli in Deutschland? Methodologische und konzep-
tionelle Vorüberlegungen zu einer komplexen Studie zum Einfluss der Lehren von ›Il
principe‹ auf Dramatiker von Gryphius bis Schiller, in: Michael Szurawitzki, Christo-
pher M. Schmidt (Hgg.): Interdisziplinäre Germanistik im Schnittpunkt der Kulturen.
Festschrift für Dagmar Neuendorff zum 60. Geburtstag, Würzburg 2008, S. 383Ð397,
hier S. 393 f.
9
Georg Nigrinus: Regentenkunst / oder Furstenspiegel. Gründtliche Erklärung / wel-
cher massen ein Konigreich vnd jedes Furstentumb rechtmessig vnd ruhsam konne
und solle bestellet und verwaltet werden. Abgetheilt in III. Bucher / nach den dreyen
furneinsten vnd notigsten Stucken / welche bey jedem ordentlichen Regiment sollen
wargenommen vnnd fortgesetzt werden. I. Von guten Rathen. II. Von der Religion. III.
Von der Regimentsverwaltung oder Policey. Geschriben wider den beschreyten Italie-
nischen Scribenten Nicolaum Machiauellum, Historicum vnnd Secretarium der Statt
Florentz. Nun erstmals dem Vatterlandt zu gutem durch G.N. verteutscht. Gedruckt zu
Franckfurt am Mayn. M.D. LXXX. [Harvard Law School Library, Signatur U G338r 580,
HOLLIS number 004312760]. Wir danken der Herzog-August-Bibliothek zu Wolfenbüt-
tel für die Übersendung einer Fotokopie der im vorliegenden Beitrag edierten Texte
aus Nigrinus’ Buch.
10
Adolf Hauffen: Fischart-Studien. V. Der Anti-Machiavell, in: Euphorion 6 (1899),
S. 663Ð679.
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MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
Fischart dem deutschsprachigen (und latein- sowie französischunkundigen)
Leser, an einer europäischen Diskussion zu Machiavellis Rezeption teilzuneh-
men.
11
2. Innocent Gentillet ÐBiographischer Hintergrund
Der französische Hugenotte Innocent Gentillet
12
(* ca. 1532, Vienne/Ise
`re,
† 1588 Genf) war Jurist. Nach einem Studium der Jurisprudenz und Arbeit als
Advokat in Grenoble und Vienne schloss er sich den Reformierten an; 1561
wurde er Diakon. 1562 wurde Vienne lutherisch, im Zuge dieser Entwicklungen
wurden Kirchen verwüstet und noch im gleichen Jahr die Hugenotten von dort
vertrieben. Für 1568 gibt es Belege für einen Aufenthalt Gentillets in Genf. 1573
war Gentillet bestrebt, nach Vienne endgültig zurückzukehren, verwarf diesen
Plan aber, nachdem der hugenottische Anwalt Gabet ermordet wurde. 1578
dann kehrte er von Genf in seine Heimat, die Dauphine
´, zurück. Als Vertrauter
Lesdiguie
`res’ arbeitete er in der Konfessionspolitik an der Vorbereitung des
Toleranzediktes von Nantes. Ebenso war er in den E
´tats provinciaux tätig, be-
vor er 1585 wiederum nach Genf ging, wo er 1588 verstarb.
Neben seinem bedeutendsten Buch, dem ›Contre-Machiavel‹, verfasste Gen-
tillet noch eine Reihe weiterer Werke zu Geschichte, Politik und Religion
13
und
übersetzte u.a. Werke von Simler.
11
Für die Erforschung der deutschen Machiavelli-Rezeption wäre eine vollständige Edi-
tion von ›Regentenkunst oder Fürstenspiegel‹ wünschenswert.
12
Hier folgen wir der Darstellung in Herbert Jaumann: Handbuch Gelehrtenkultur der
Frühen Neuzeit, Bd. 1: Bio-bibliographisches Repertorium, Berlin, New York 2004,
S. 293 f. Vgl. Irving Ribner: The Significance of Gentillet’s Contre-Machiavel, in: Mo-
dern Language Quarterly 10 (1949), S. 153Ð157; C. Edward Rathe
´: Innocent Gentillet
and the First ›Anti-Machiavel‹, in: Bibliothe
`que d’humanisme et renaissance 27 (1965),
S. 186Ð225; Antonio D’Andrea: The Last Years of Innocent Gentillet: ›Princeps Adver-
sarium Machiavelli‹, in: Renaissance Quarterly 20 (1967), S. 12Ð16; Antonio D’Andrea:
The Political and Ideological Context of Innocent Gentillet’s Anti-Machiavel, in: Re-
naissance Quarterly 23 (1970), S. 397Ð411; Pierre Goumarre: Montaigne et Gentillet,
in: Romance Notes 13 (1971), S. 322Ð325; Claudia Borello Alexander: Gentillet and
Marlowe: A Study of the Historical Origins and Significance of the Machiavel.Disser-
tation Abstracts, Section A. Humanities and Social Sciences: 37: 5839A (1977); Anto-
nio D’Andrea: Geneva 1576Ð1578: The Italian Community and the Myth of Italy, in:
Joseph C. McLelland (Hg.): Peter Martyr Vermigli and Italian Reform, Waterloo 1980,
S. 53Ð63; Margaret Scott: Machiavelli and the Machiavel, in: Renaissance Drama 15
(1984), S. 147Ð174; Victoria Kahn: Reading Machiavelli: Innocent Gentillet’s Dis-
course on Method, in: Political Theory 22 (1994), S. 539Ð60; Randall W. F. Martin:
Anne Dowriche’s ›The French History‹ and Innocent Gentillet’s ›Contre-Machiavel‹,
in: Notes and Queries N. S. 44 (1997), S. 40Ð42; Nigal W. Bawcutt: The ›Myth of Gentil-
let‹ Reconsidered: An Aspect of Elizabethan Machiavellianism, in: Modern Language
Review 99 (2004), S. 863Ð874; Sydney Anglo [Anm. 2]; Szurawitzki [Anm. 8].
13
Vgl. Jaumann [Anm. 12], S. 293: (Anon.): Remonstrance au roy tre
`s-chre
´tien Henri III
sur le faict de deux e
´dicts [...] touchant la ne
´cessite
´de la paix et moyens de la faire,
1574; (Anon.): Brie
`ve remonstrance a
`la noblesse de France sur le faict de la de
´clara-
tion de Mgr le duc d’Alenc
¸on, 1576.
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DIE ›EPISTRE‹
3. Georg Nigrinus u. Johann Fischart ÐBiographischer Hintergrund
3.1. Georg Nigrinus
14
Georg Nigrinus (eigentlich Schwartz oder Schwarz) wurde am 13.9.1530 im hes-
sischen Battenberg geboren und starb am 10.10.1602 in Echzell/Wetterau. Nigri-
nus studierte Theologie in Marburg, war 1553/4 Rektor in Buchau, 1556 Pfarrer
in Homburg an der Ohm und 1565 Pfarrer in Gießen. Ab dem Jahre 1580 fun-
gierte er als Superintendent des Bezirkes Alsfeld und der Grafschaft Nidda,
gleichzeitig arbeitete er als Pfarrer in Echzell. Nigrinus war Lutheraner, Gegner
des Katholizismus und des Calvinismus. Er war Verfasser zahlreicher eigener
Schriften und von Übersetzungen. Während er im Bereich selbständig verfass-
ter Publikationen vor allem mit Polemiken und Streitschriften, u. a. gegen Kas-
par Franck, Jakob Rabe sowie Georg Eder, bekannt wurde,
15
dürfte die Über-
tragung von Gentillets ›Contre-Machiavel‹ seine bedeutsamste translatorische
Leistung darstellen. Nigrinus nimmt in seiner Vorrede kritisch zu Machiavelli
Stellung und stellt fest, er habe im Rahmen der Übertragungsanstrengungen um
Leib und Leben gefürchtet.
3.2. Johann Fischart
Eine biographische Skizze Johann Fischarts erübrigt sich.
16
Die Vorrede Fi-
scharts zur ›Regentenkunst‹ gehört zu den vielen kleinen Schriften, in denen
Fischart Druckwerke begleitete, die in der Offizin seines Schwagers Bernhard
Jobin erschienen. Gleichzeitig ist sie Zeugnis für Fischarts lebenslanges politi-
sches und konfessionelles Engagement auf Seiten der calvinistischen Partei.
4. Die Textgeschichte des ›Contre-Machiavel‹ und seiner Übersetzungen
Die Textgeschichte der Publikation und Verbreitung des ›Contre-Machiavel‹,
seiner weiteren Ausgaben sowie Übersetzungen in die wichtigsten Sprachen
des frühneuzeitlichen Europa wurde von Pamela Stewart dargestellt.
17
Sydney
Anglo gibt einige weitere wichtige Hinweise zur Editions- und Ausgabenlage
18
14
Vgl. Ingrid Bigler, Reinhard Müller: Nigrinus, Georg, in: Deutsches Literatur-Lexikon,
Bd. 11, 1988, Sp. 345Ð347.
15
Vgl. u. a. Friedrich Müller: Georg Nigrinus in seinen Streitschriften: Jüdenfeind, Pa-
pistische Inquisition und Anticalvinismus. Ein Beitrag zur Charakteristik des
Luthertums am Ende des 16. Jahrhunderts, in: Beiträge zur hessischen Kirchen-
geschichte 12 (1941) [Darmstadt: Staatsarchiv], S. 105Ð152; Arthur Venn: Die pole-
mischen Schriften des Georg Nigrinus gegen Johann Nas. Ein Beitrag zur Geschichte
der konfessionellen polemischen Literatur im Zeitalter der Gegenreformation, Egels-
bach 1994 [Mikrofiche-Ausg.; Reproduktion Diss. Heidelberg 1931; Druck Witten:
Venn 1933].
16
Vgl. etwa Ulrich Seelbach: Ludus lectoris. Studien zum idealen Leser Johann Fi-
scharts.Heidelberg 2000 (Beihefte zum Euphorion 39).
17
Pamela D. Stewart: Innocent Gentillet e la sua polemica antimachiavellica, Florenz
1969 (Biblioteca di Cultura 88), S. 29Ð48.
18
Anglo [Anm. 2], S. 323 f., S. 417Ð433 (Kapitel 12).
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6
MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
sowie eine Appendix mit den der Ausgabe des ›Contre-Machiavel‹ von 1585 hin-
zugefügten Maximen
19
. Nach Pamela Stewart ist davon auszugehen, dass die
1576 erschienene, in unserem Beitrag zugrunde gelegte Ausgabe die erste ist.
Stewart widerlegt frühere Forschungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhun-
derts, denen zufolge der ›Contre-Machiavel‹ ursprünglich 1571 in lateinischer
Sprache erschienen sei.
20
Eine von uns durchgeführte Überprüfung
21
konnte
Stewarts Befund bestätigen. Im deutschsprachigen Raum ist die Ausgabe von
1576 in den folgenden Bibliotheken zugänglich:
Staatsbibliothek Berlin, Sig. M: Sf 276
Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, Sig. Pol 8
o
00179/01
Heinrich-Suso-Gymnasium Konstanz, Sig. C 75
Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Sig. Pol.oct. 1133
Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Sig. M: Sf 276
22
Weitere französischsprachige Ausgaben erschienen 1578, 1579, 1585 (auf diese
hebt Anglo im Besonderen ab
23
), 1609 und 1620.
Lateinische Übersetzungen erschienen 1577/78,
24
dann 1590, 1599, 1611,
1630, 1647 sowie 1655.
25
Die lateinischen Ausgaben von 1577 und 1578 werden
aufgrund ihrer großen Verbreitung, ihrer zeitlichen Nähe zum französischen
Originaltext und zeitgenössisch-politisch relevanter Vorreden von der einschlä-
gigen Forschung als die wichtigsten eingestuft.
26
Die Ausgaben von 1577/78
19
Anglo [Anm. 2], S. 431Ð433.
20
Vgl. Stewart [Anm. 17], S. 33, speziell Fn. 16.
21
Karlsruher Virtueller Katalog: http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html; aufgeru-
fen 16.3.2009.
22
Hinzu kommt eine Microfiche-Ausgabe (München [u. a.] 1991 [Biblioteca Palatina
F3342/F3344]), zugänglich z. B. in der Staatsbibliothek Berlin, der Sächsischen Lan-
desbibliothek Dresden, der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, der
Pfälzischen Landesbibliothek Speyer, der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, der Her-
zog-August-Bibliothek Wolfenbüttel sowie den Universitätsbibliotheken Freiburg,
Gießen, Göttingen, Halle/Saale, Heidelberg, Jena, Karlsruhe, Konstanz, Kiel, Mainz,
Mannheim, Marburg, Osnabrück, Rostock, Stuttgart und Tübingen.
23
Anglo [Anm. 2], Kap. 12 sowie Appendix S. 431Ð433.
24
[Innocent Gentillet]: Commentariorum de regno aut quouis principatu recte
`& tran-
quille
`administrando libri tres. In quibus ordine agitur de Consilio, Religione & Politia,
quas Princeps quilibet in ditione sua tueri & obseruare debet. Aduersus Nic. Machiau-
ellum Florentinum. Ad Potentißimam & Illustriß. Principum, Franciscem Alenc
¸onij
Ducem, filium fratre
´mq. Regium, Genf 1577/1578 [Kungliga Biblioteket Stockholm,
Sig. jeweils 165A].
25
Stewart [Anm. 17], S. 44.
26
Vgl. D’Andrea, Context [Anm. 12], S. 403. Die Ausgaben von 1577/78 sind in den folgen-
den Bibliotheken im deutschsprachigen Raum einsehbar: Ausgabe von 1577:Deutsch-
land: Ostfriesische Bibliothek Aurich/Emden Sig. O 2275, Staatsbibliothek Berlin Sig.
8’’ Fa 4588, 8’’ Bibl. Diez 6827, ULB Bonn Sig. Ka 39, ULB Düsseldorf Sig. STW 87, UB
Göttingen Sig. 8 POL II, 5433, UB Erlangen-Nürnberg Sig. H00/ALTD-I 355, Universi-
täts- und Forschungsbibliothek Gotha Sig. Pol 8
o
00179/03 (01), Erzbischöfliche Diö-
zesan- und Dombibliothek Köln [Titel gilt als vermisst], Universitäts- und Stadtbiblio-
thek Köln Sig. V2/27, Stadtbibliothek Mainz Sig. 577/6, ULB Münster Sig. R+4 1196,
Stadtbibliothek Trier Sig. Ac 106 8’, Herzogin Anna Amalia-Bibliothek Weimar Sig. 8
o
XIII: 105; Österreich:UB Klagenfurt Sig. I ES 4182, Stift Kremsmünster Sig. 8
o
Ea 29,
UB Wien Hauptbibliothek Sig. I-270856; Schweiz: Basel UB Sig. Na IV 15, Bibliothe
`que
de Gene
`ve Sig. BGE DF36, Bibliothe
`que cantonale et universitaire Dorigny, Lausanne
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7
DIE ›EPISTRE‹
stammen von Lambert Daneau. Inhaltlich unterscheiden sie sich nicht, wie
Anglo zeigt, vom eigentlichen ›Contre-Machiavel‹-Text, doch gibt es Zusätze
und Abänderungen innerhalb der Widmungen.
Bereits 1580 wird der ›Contre-Machiavel‹ ins Deutsche übertragen.
27
Georg
Nigrinus benutzt hierfür die lateinische Fassung Daneaus von 1578 als Grund-
lage.
28
Die Übertragung von 1580 wird 1624 in Straßburg bei Johann Carolus
wieder veröffentlicht, mit einer eigenen Vorrede von Carolus.
29
Eine dritte Pub-
likation erfolgt 1646,
30
ebenfalls in Straßburg. Unserer Ausgabe liegt die Edi-
tion von 1580 zugrunde.
Sig. AZ 4290. Ausgabe von 1578:Deutschland: UB Augsburg 02/XI.1.8.13, Ostfriesische
Bibliothek Aurich/Emden Sig. O 3393, Staatsbibliothek Berlin Sig. Fa 4590, ULB Bonn
Sig. Ka 39/10, ULB Düsseldorf Sig. STW 87, UB Freiburg Sig. Po 92/15, UB Göttingen
Sig. 8 POL II, 5434, ULB Halle/Saale Sig. AB52 14/i, 36; AB 67 13/b, 10; AB 37 18/k, 16
(1), ULB Jena Sig. 12 Polit. II, 13, LMU München Sig. 0001/8 Polit. 462, UB Rostock
Sig. JIb-3028, Dt. Hochschule f. Verwaltungswissenschaften Speyer Sig. A III a 883/
Sonderstandort, Stadtbibliothek Trier Sig. Ac 106 8’, UB Tübingen Sig. Ec 29d, Herzog
August Bibliothek Wolfenbüttel Sig. H: O 171.12
o
Helmst.; Österreich: UB Klagenfurt
Sig. I ES 3655, Österreichische Nationalbibliothek Wien Sig. 28.S.104, Österreichische
Nationalbibliothek Wien Sig. 593069-A. Alt Mag.; Schweiz: Bern UB ZB Sig. ZB Klein s
154:1, Bibliothe
`que de Gene
`ve Sig. BGE Su 3946. Mikrofiche-Ausgabe der Ausgabe
von 1578: München [u. a.] 1992 (Biblioteca Palatina G509/G513). Einsehbar u. a. in der
Staatsbibliothek Berlin, der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, der
Pfälzischen Landesbibliothek Speyer, der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, der Her-
zog-August-Bibliothek Wolfenbüttel sowie den Universitätsbibliotheken Dresden,
Freiburg, Gießen, Göttingen, Halle/Saale, Heidelberg, Jena, Karlsruhe, Kiel, Konstanz,
Mainz, Mannheim, Marburg, Osnabrück, Rostock, Stuttgart und Tübingen.
27
Nigrinus’ Übertragung des ›Contre-Machiavel‹ ist in den folgenden Bibliotheken im
deutschsprachigen Raum einsehbar: Deutschland: Staats- und Stadtbibliothek Augs-
burg Sig. Stw 2413, Stw 2413 a, Staatsbibliothek Berlin Sig. Fa 4606, Fa 4606a, UB Er-
langen-Nürnberg Sig. H62/CIM.G4, Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Go-
tha Sig. Pol 8
o
00179/05, UB Freiburg Sig. P3007, h, UB Göttingen Sig. 8 POL II, 5436
(CD-ROM-Ausgabe: Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek
2006, Sig. CD 8 POL II, 5436), UB Greifswald Sig. 523/I: 324, ULB Halle/Saale Sig. Lf 96,
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berg Sig. Her 1040, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Sig. A: 90 Pol. (2), S: Alv:
Ca 27; Österreich: Österreichische Nationalbibliothek Wien Sig. 1463-A. AltMag.; als
Mikrofiche-Ausgabe (München 1991, Biblioteca Palatina F2463/F2467) erhältlich u. a.
in der Staatsbibliothek Berlin, den Universitätsbibliotheken Dresden, Erfurt, Frei-
burg, Gießen, Göttingen, Halle/Saale, Heidelberg, Jena, Karlsruhe, Kiel, Konstanz,
Mainz, Mannheim, Marburg, Osnabrück, Rostock, Stuttgart, Tübingen, der Anna-Ama-
lia-Bibliothek Weimar sowie der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.
28
Stewart [Anm. 17], S. 45; vgl. auch Anglo [Anm. 2], S. 359, Fn. 84, der jedoch nicht an-
gibt, welche Ausgabe, diejenige von 1577 oder die von 1578, Nigrinus benutzte.
29
Zur Vorrede von Carolus vgl. Szurawitzki [Anm. 5], S. 96. Hier wäre gesondert eine
Herausgabe vonnöten, die im Rahmen eines Herausgabeprojektes von Nigrinus’ ›Re-
gentenkunst oder Fürstenspiegel‹ verwirklicht werden könnte.
30
Stewart, [Anm. 17], S. 45.
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
8
MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
5. Innocent Gentillet, ›Epistre‹ und Georg Nigrinus’ Übersetzung in
›Regentenkunst oder Fürstenspiegel‹
In den Vorreden wird der Herzog von Alenc
¸on, der Bruder des französischen
Königs, angesprochen, dem das Buch gewidmet ist. Es soll unter Bezugnahme
auf Machiavellis Lehren der ›Ursprung‹ der Tyrannei erklärt werden, die zum
Zeitpunkt der Publikation des ›Contre-Machiavel‹ 1576 schon fünfzehn Jahre
lang Frankreich quäle. Der Herzog von Alenc
¸on wird für seinen Einsatz gegen
die Tyrannei und für das Vaterland gelobt. Im ›Contre-Machiavel‹ seien zahlrei-
che Beispiele sich vorbildlich verhaltender französischer Könige sowie der
größten Kaiser niedergelegt Ðbei Nigrinus finden wir den Zusatz ›römische‹
Kaiser, der sich auf die Funktion der Kaiser als Herrscher des 4. Weltreiches
bezieht. Zu den wichtigsten Eigenschaften dieser Herrscher gehöre es, weise
Berater zu haben und deren Rat zu berücksichtigen. Eine Gefahr seien
Schmeichler, Machtgierige und ausländische Berater. Die Folge sei Ðdies nur
bei Gentillet Ð, dass der Staat dadurch in Gefahr gebracht oder gar ruiniert
werde sowie die Untertanen verwirrt oder in Leid gestürzt würden.
Zu den wichtigsten Aufgaben des Fürsten gehöre die Pflege und Ausbreitung
der christlichen Religion, ebenso wie nach der Wahrheit der Religion zu for-
schen. Hingegen solle ein Fürst aber nicht die negativen Seiten der Religion zu
seinen Gunsten ausnützen, wie es Machiavelli lehre. Man solle sich an den gro-
ßen Regenten, den Vorgängern auf dem französischen Thron wie den Römi-
schen Kaisern ein Vorbild nehmen, die, wie bei Nigrinus ergänzt wird, fromm
gewesen seien sowie mit Gnade, Sanftmut, Gerechtigkeit, Bescheidenheit und
Güte ihre Untertanen regiert hatten. Die Folgen seien eine glückliche und lang
andauernde Regentschaft sowie Friede im Reich.
Dem werden diejenigen Fürsten gegenübergestellt, die ihre Untertanen grau-
sam, ungerecht und treulos regieren und sie unterdrücken. Die Staaten dieser
Fürsten seien in äußerste Gefahr geraten, den Fürsten selbst sei ein schneller
Fall und Untergang gewiss, so dass ihnen nur eine kurze Lebenszeit bleibe und
sie im Allgemeinen eines gewaltsamen Todes stürben.
Trotz der in Frankreich bereits bekannten und praktizierten machiavelli-
schen Unsitten wird die Hoffnung geäußert, dass der Herzog von Alenc
¸on der
›stinkenden Meinung‹ Machiavellis Einhalt gebieten könne. Zu diesem Zweck
habe er erfahrene Ritter und weise Fürsten um sich geschart, um einen ent-
scheidenden Schlag gegen die Tyrannei zu führen. Hierbei solle ihm Gott zur
Seite stehen.
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass Innocent Gentillet und in
seiner Nachfolge Nigrinus die Argumentation, die zur Disqualifizierung des Ma-
chiavellischen Ansatzes führt, auf die Tradition des rex iustus Ðrex iniquus
(tyrannus) gründen. Nigrinus’ Übersetzung ist darüber hinaus ein Zeugnis
für die Versuche, die volkssprachige Literatur in Deutschland an die gelehrte
Diskussion in Europa anzuschließen.
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
9
DIE ›EPISTRE‹
6. Zur Herausgabe der Vorreden
Die Ausgabe folgt so weit wie möglich dem jeweiligen Druck. Grundsätzlich wurden
daher die oft ungeregelten Groß- und Kleinschreibungen übernommen. Zusammen-
schreibungen und Trennungen sowie Kürzel und Nasalstriche wurden aufgelöst.
Normalisierungen bei der Regelung des Einsatzes von uund vbzw. iund jwurden
nicht vorgenommen. Hingegen werden die verschiedenen s-Typen normalisiert. Su-
perscripte werden ebenfalls als solche dargestellt. Die Zählung der Seiten entspricht
der der Drucke. Ebenfalls ist die Interpunktion dem jeweiligen Druck entsprechend
wiedergegeben.
Beschreibung der Drucke
Gentillet, ›Epistre‹ des ›Contre-Machiavel‹ (1576)
Unter einer schmückenden Girlande wird in vier Zeilen mit drei unterschiedlichen
Drucktypen der Adressat der Vorrede bezeichnet. Mit einer Majuskel über sechs
Druckzeilen, die in ein quadratisches Ornamentfeld eingebettet ist, beginnt der Text-
teil. Die Anrede wird dabei in Kapitälchen fortgesetzt, bevor am Ende der ersten
Zeile der Text in Normalschrift übergeht. Der Text hat auf der ersten Seite 22 Zeilen,
auf der letzten nach der Überschrift 29 Zeilen, sonst 31 Zeilen. Die Blätter sind mit +
und arabischer Zählung bezeichnet. Kürzel werden relativ sparsam eingesetzt.
Lateinische Version der ›Epistre‹, 1578
Unter einer schmückenden Girlande wird in sechs Zeilen mit drei unterschiedlichen
Drucktypen der Adressat der Vorrede bezeichnet. Mit einer Majuskel über fünf
Druckzeilen, die in ein quadratisches Ornamentfeld eingebettet ist, beginnt der Text-
teil. Das erste Wort (›Quum‹) wird dabei in Kapitälchen fortgesetzt, wonach der Text
in Normalschrift übergeht.
Der Texthat auf der ersten Seite 12 Zeilen, auf der vorletzten 23 und auf der letzten
vier Zeilen. Der Text dazwischen besitzt jeweils 24 Zeilen proSeite. Die Blätter sind
mit Zählung ab ,ii‘ bis ,iiij‘ (jeweils recto) bezeichnet. Danach gibt es keine Zählung
mehr. Kürzel werden relativ sparsam eingesetzt. Abschließend ist eine kleine
schmückende Girlande gesetzt.
Nigrinus’ Übersetzung der ›Epistre‹
31
Die deutsche Übersetzung präsentiert die Zueignung an den Adressaten ebenfalls in
vier Zeilen. Hier wird jedoch die gleiche Drucktype verwendet, wobei allerdings die
Größe der Buchstaben in Zeile 2 und 3 gegenüber der ersten Zeile abnimmt. Die Zei-
len 3 und 4 haben dann die gleiche Größe.
Die Majuskel zieht sich über fünf Zeilen und steht ebenfalls in einem quadrati-
schen Ornamentfeld. Sie bezeichnet jedoch nicht die Anrede an den Regenten, son-
dern markiert den Beginn des Verfassertextes. Der Text der ersten Seite nach der
Überschrift umfasst 24 Zeilen, der der letzten 27. Die Blätter dazwischen werden
nach der Überschrift mit 31 Zeilen gefüllt.
Die syntaktische Markierung geschieht durch /und Punkt mit Großschreibung.
Es finden sich aber auch Fälle von /und Großschreibung, so dass periodus-artige
Inhaltseinheiten entstehen. Zur Strukturierung des Textes werden ferner Doppel-
punkt und Klammer gelegentlich verwendet. Kürzel finden sich reichlich.
31
In den Beschreibungen der nachfolgenden deutschen Drucke werden nur die Phäno-
mene besprochen, die von dem französischen Druck abweichen.
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
10
MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
Nigrinus’ und Fischarts Vorreden
Die Ausrichtung des Druckes entspricht in vielem der des oben beschriebenen Dru-
ckes der Nigrinus-Übertragung der Epistre. Die Zueignung an den Adressaten be-
trägt jedoch fünf Zeilen, die in jeder Zeile an Größe abnehmen.
Die Majuskel entspricht in Form und Funktion der des vorausgehenden Textes. Die
erste Seite hat jeweils 25 Zeilen, die folgenden Seiten je 30 und die letzte bei Nigrinus
sieben, bei Fischart elf Zeilen. Die Übergänge zwischen den Seiten und Blättern fol-
gen dem für den vorherigen Druck beschriebenen Prinzip.
Auf den ersten Blick scheint auch die syntaktische Markierung identisch zu sein,
da die gleichen Zeichen verwendet werden. Eine nähere Analyse zeigte jedoch, dass
die Kombination /+ Großschreibung systematisch durch :+ Großschreibung abge-
löst worden ist, wobei die Funktion identisch mit der in Nigrinus’ Übertragung ist.
7. Edition der Texte
Innocent Gentillet, ›Epistre‹ des ›Contre-Machiavel‹
Discours, sur les moyens de bien govverner et maintenir en bonne paix vn
Royaume ou autre Principaute
´. Divisez en trois parties: asauoir, du Conseil, de la
Religion et de la Policeque doit tenir vn Prince. Contre Nicolas MachiauelFloren-
tin.A Treshaut et Tres-illustre Prince Franc
¸ois Duc d’Alenc
¸on, fils et frere de Roy.
M. D. LXXVI. Epistre [Fol. 2 r] A TRESHAUT ET TRES-ILLVSTREPRINCE, Fran-
c
¸ois Duc d’Alenc
¸on, fils et frere de Roy. MONSEIGNEVR, estant sur le poinct
d’exposer en lumiere ces Discours contre Machiauel, pour descouurir aux gens
d’entendement de nostrenation Franc
¸oise la source et les autheurs de la tyrannie
qui est exercee en France depuis quinze ans et plus, par ceux qui ont trop abuse
tant de la minorite
´quedelabonte
´naı
¨fue des Roys: il est aduenu, par la grace
de Dieu, que vostre Excellence a pris la protection des loix et du bien public du
Royaume, contre ceste tyrannie. Qui m’a occasionne
´prendre la hardiesse de
vous dedier cest’ œuure, et de la mettre en veue
´publique sous la faueur de vostre
tresillustre nom, come chose du tout accordante et correspondante a
`vos heroi-
ques et magnanimes desseins. Car s’il plaist a
`vostre Excellence vous faire lire
quelque fois, par maniere de plaisir, quelque chapitre des matieres qui sont icy
traitees, vous y trouuerez beaucoup de points [fol. 2 v] qui non seulement sont
conformes a
`vos genereux et louables desseins, mais aussi approuuez et authori-
sez par plusieurs raisons et exemples remarquables. Vous y pourrez voir, Mon-
seigneur, plusieurs beaux exemples des Roys de France vos ancestres, et de
plusieurs grands Empereurs, qui ont prospere
´en leurs Estats, et qui ont heureu-
sement gouuerne
´leurs Royaumes et Empires, pour auoir eu gens de bien et sages
en leur Conseil. Comme par le contraire, ceux qui se sont seruis de mauuais con-
seillers, et gouuernez par flateurs, ambitieux, auares, et sur tout par estrangers,
se sont tousiours precipitez en quelque grand malheur, et ont mis leur Estat en
bransle et en ruine entiere, et leurs suiets en confusion et misere. Qui est vne
faute ou
`les Princes se laissent bien souuent et facilement tomber, de laquelle
neantmoins ils se deussent plus garder: veu qu’il est certain qu’en toutes choses
le mauuais conseil est cause de maux infinis, et principalement es afaires d’vn
Prince et d’vne Republique. C’est la principale et plus griefuemaladie dont la pau-
ure France est auiourdhuyaffligee, qui la mine et ruine le plus: tellement qu’elle a
bien besoin que vostre Excellences’employe a
`appliquer les remedesnecessaires
pour la guerir. Vous pourrez aussi voir icy, Monseigneur, comme le deuoir d’vn
bon Prince est d’embrasser et soustenir la Religion Chrestienne, et de cercher &
s’enque- [fol. 3r] rir de la pure verite
´d’icelle, et non pas approuuer ni maintenir
la faussete
´en la Religion, comme Machiauel enseigne. Et quant a
`la Police, vostre
Excellence y pourra voir aussi plusieurs notables exemples de vos progeniteurs
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
11
DIE ›EPISTRE‹
Roys de France, et des plus grands et anciens Empereurs Romains, par lesquels
appert que les Princes qui se sont gouuernez par douceur et clemence coniointe
a
`iustice, et qui ont vse
´de moderation et debonnairete
´enuers leurs suiets, ont
tousiours grandementprospere
´, et longuement regne
´. Mais au contraire,les Prin-
ces cruels, iniques, perfides,et oppresseurs de leurs suiets, sont incontinent tom-
bez eux et leur estaten peril, ou en totale ruine, et n’ont guereslong temps regne
´,
et le plus souuent ont finy leurs iours par mort sanglante et violente. Et dautant
que les exemples de bongouuernement sont la pluspart prins de la noble maison
de France, dont vostre Excellence est issue, ie m’asseure, Monseigneur, qu’ils
vous esmouueront tousiours de plus fort a
`resusciter et faire reluire en vous les
vertus heroiques de vos ayeuls: et a
`chasser hors de France les vices infames qui
s’y enra cinent, asauoir cruaute
´, iniustice, perfidie, et oppression, ensemble les
estrangers qui les y ont apportez, et les Franc
¸ois degenereux et abastardis leurs
adherans, qui fauorisent a
`leurs tyrannies et oppressions, lesquelles trainent
apres elles la subuersion de l’Estat du [fol. 3v] Royaume. Cela mesme poussera
vostre Excellence a
`remettre sus la manie
`re de gouuerner vrayement Franc
¸oise,
vsitee par vos deuanciers, et a
`bannir et renuoyer celle de Machiuelen Italie, dont
elle est venue a
`nostre tresgrand malheur et dommage. Dequoy tout le Royaume,
nobles, ecclesiastiques, marchans et roturiers, voire les Princes et grands Seig-
neurs, vous seront a
`iamais grandement tenus et obligez: comme est le pauure
malade languissant, qui est en peril euident de mort, au prudent medecin que le
guerit. Et d’abondant, la posterite
´n’oubliera iamais vnsi grand bienfait, mais ce-
lebrera vos heroiques et magnanimes vertus par histoires et louages immortelles.
Et semble bien que Dieu voulant auoir pitie
´de la pauure France, et la voulant
deliurer de la sanglante et barbare tyrannie des estrangers, vous a suscite
´comme
le fatal liberateur d’icelle, vous (di-ie) Monseigneur, qui estes Prince Franc
¸ois, de
la maison de France, Franc
¸ois de nation, Franc
¸ois de nom, et Franc
¸oisdecœur
et d’effect. Cara
`qui pourroit mieux appartenir l’entreprise de deliurer la France
de tyrannie, et le los et honneurd’vn si haut et heroique exploit, qu’a
`vostre Excel-
lence, qui n’a rien qui ne soit Franc
¸ois? A qui peut la pauu
`re France mieux auuoir
son recours en son extremeperil et necessite
´, qu’a
`celuy qui est vn vray tigeissu
du bon Roy Louys XII. pere du peuple, et du grand Roy Fran- [fol. 4r] c
¸ois, Prince
fort amateur de ses suiets, et du debonnaire Roy Henry second?. Nous auons
donc grandement a
`louer la bonte
´de Dieu, qui vous a suscite
´et touche
´le cœur,
pour vne si excellente et necessaire entreprise. De laquelle tout le monde doit
bien esperer, parce qu’elle est fondee sur causes si iustes et raisonnables qu’il
n’est possible de plus: de sorte que Dieu (qui maintient tousiours le party de la
raison et du droit) la fauorisera par sa grace. D’ailleurs, vostreExcellence estant
acompagnee de grands et illustres Princes, et de tant de vaillans Cheualiers et
sages Seigneurs (qui n’ont point souille
´les vertus de leurs ancestres en la puante
sentine de Machiauel et de ceux de sa nation) nous deuons bien esperer que
nostre Seigneur ramenera, par sa grace, vos conseils et enterprises a
`vne bonne,
saincte, et heureuse issue.
MONSEIGNEVR, ie prie le Createur qu’il vous en face la grace, et que la pauure
France puisse bien tost ressentir la deliurance de la tyrannie qui l’oppresse, et le
fruict d’vne bonne reformation (que nous attendons de la fauorable clemence de
Dieu, par le moyen de vostre heroique et genereuse entreprise) et qu’il maintienne
et acroisse vostre Excellence en toute grandeur et prosperite
´. Ce premier de Mars,
M.D. LXXVI.
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
12
MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
Innocent Gentillet, lat. ›Epistola‹ des ›Contre-Machiavel‹
und Georg Nigrinus’ deutsche Übersetzung
Die Editionen stehen in Paralleldruck nebeneinander, um den unmittelbaren
Vergleich zwischen Gelehrtensprache und deutscher Volkssprache zu ermögli-
chen und so einen Beitrag zur Erforschung der Entwicklung des Deutschen zur
Literatur- und Wissenschaftssprache zu leisten.
COMMENTARIORVM DE REGNO Regentenkunst / oder Fu
yrstenspie-
AVT QVOVIS PRINCIPATV RE-cte
`gel. Grundtliche erkle
yrung / welcher
et tranquille
`administrando, LIBRI massen ein Ko
ynigreich vnd jedes
TRES. Fu
yrstentumb rechtmessig vnd ro
|h-
sam ko
ynne und solle bestellet und
verwaltet werden.
In quibus ordine agitur de Consilio, Abgetheilt in III. Bu
ycher / nach den
Religione et Politia, quas Princeps dreyen fu
yrnemsten vnd no
ytigsten
quilibet in ditione sua tueri et obse- Stucken / welche bey jedem ordent-
ruare debet. lichen Regiment sollen wargenom-
men vnnd fortgesetzt werden.
I. Von guten Ra
ythen.
II. Von der Religion.
III. Von der Regimentsverwaltung
oder Policey.
Aduersus Nic. Machiauellum Floren- Geschriben wider den beschreyten
tinum. Ad Potentißimum et Illus- Italienischen Scribenten / Nicolaum
triß. Principum, Franciscum Alenc
¸o- Machiauellum,Historicum vnnd
nij Ducem, filium fratre
´mq. Regium. Secretarium der Statt Florentz. Nun
M.D.LXXVIII. erstmals dem Vatterlandt zu gutem /
durch G.N. verteutscht.
Epistola Vorrede
[fol. ii r] POTENTISSIMO ET IL- [fol. 1r] Dem mechtigsten vnd
LVSTRISSIMO Principi, Francisco, durchleuchtigsten Fu
yrsten / Fran-
Alenconij Duci, filio fratrı
´que Regio. cisco von Alencon / u. dem ko
ynigli-
chen Son vnd Bruder.
Qvvum cogitarem, Princeps illustris- Als ich fo
|r hatte / durchleuchtigster
sime, hosce Commentarios aduer- Fu
yrst / diese Erkla
yrung wider Ma-
sus Machiavellum in lucem emitter, chiauellum an tag zu geben / daß
vt Gallis nostris qui acutioris sunt ich vnsern Frantzosen / so noch ei-
iudicij patefacerem autores et origi- nes scherpffern vnd guten Ver-
nem tyrannidis, qua Gallia nostra stands / entdecke die Vrsacher vnd
iam per tria et amplius lustra ve- den vrsprung der Tyranney / da-
xata est, eorum audacia qui nimium durch vnser Vatterland / Franck-
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
13
DIE ›EPISTRE‹
Regum nostrorum infirma ætate [ii reich / jetzt mehr als vber die 15.
v] et mansuetudine abusi sunt, ecce jar ja
ymmerlich geplagt ist / durch
Dei summi beneficio euenit vt Celsi- die Ku
ynheit der jenigen / so allzu-
tudo tua, aduersus hanc eandem ty- viel der Jugend vnd sanfftmuht
rannidem, legum patriarum et boni vnserer Ko
ynige mißbraucht haben:
publici tuitionem susceperit. Sihe / da begibt sichs eben auß son-
derlicher schickung deß ho
ychsten
Gottes / daß E.D. eben wider diesel-
bige Tyranney / den schutz vo
ytterli-
cher Gesetz vnd deß gemeinen nut-
zes/fu
yrgenommen hat.
Quae res plane
`me coegit has nost- Welche Sach mich gentzlich bewegt
ras vigilias sub splendore et fauore hat / dise vnsere arbeit vnter dem
illustrissimi nominis tui in publicum glantz vnd gunst euwers durch-
edere, quum omnino idem argumen- leuchtigsten Namens offentlich auß-
tum verbis tractent, quod re ipsa et zulassen / Weil hie eben gentzlich
factis heroicis animi tui magnitude mit worten davon gehandelt / wel-
exsequi parat. ches euwer großmu
ytigkeit mit der
that vnd mannlichen wercken zu
verrichten fu
yrhat.
Nam si quando Celsitudo tua a
`Dann wann E.D. von wichtigern
grauioribus curis distracta, capita Sorgen erlediget / etliche stuck die-
aliqua istorum Commentariorum ser Erklarung zu durchlesen vnbe-
perlegere dignabitur, in illis multa schwerdt seyn wirdt / so wirdt sic
laude dignissimis consiliis tuis con- darinn befinden viel dinge / gantz
sentanea, plurimis tum rationibus gemeß [fol. 1v] vnd eben jren aller
tum exemplis comprobata, anima- lo
yblichsten anschlegen / so mit sehr
duertet. vielen / beide / vernu
ynfftigen
Schlußreden oder Gru
ynden / vnd
auch Exempeln / besta
ytiget sind.
Ac imprimis agnoscere poterit Vnd zu fo
yderst wirdt sie erkennen
plurima egregia exempla Regum vnd warnemmen sehr viel herrlicher
Franciæ maiorum tuorum, necnon Exempel der Ko
ynige in Franck-
plurimorum Imperatorum Ro[iii reich / euwrer Vorfahren / vnd auch
r]manorum qui fœliciter Regno aut viler Ro
ymischen Keyser / welche
Imperio suo praefuerunt, freti sapi- sehr wol jrem Reich / oder dem
entum et proborum virorum consi- Keyserthumb / fu
yrgestanden / weil
lio. sie weiser vn fromer Mo
ynner Rahts
gepflegt haben.
Sicut et contra, non paucos inspi- Wie jr dargegen auch jrer nicht we-
cere possis, qui male Regni vel Im- nig sehen mo
yget / so dem Ko
ynig-
perij gubernacula tenuerunt, quique reich oder Keyserthumb v
ybel fu
yrge-
se præcipites egerunt, statu
¯mque standen / sich gar vertiefft / vnd
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
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MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
suum et subditorum penitus euer- beide jren vnd der Vnterthanen
terunt, quod malis consiliariis, adu- standt gantz umbgekehrt haben /
latoribus, ambitiosis, et maxime
`pe- Weil sie bo
yser Ro
yhte / so Schmeich-
regrinis, vterentur. ler / Ehrsu
ychtig / vnd sonderlich
außlandische / gebrauchten.
In quem errorem facile solent Prin- Jn welchen jrrthumb grosse Herrn
cipes delabi, a
`quo tamen in primis leichtlich zu fallen pflegen / den sie
cauere debuissent, cu
`m certissimum doch fu
yr allen dingen meiden sol-
sit malum consilium omnibus qui eo ten / Weil gantz gewiß ist / daß ein
vtuntur solere esse pessimum, sed bo
yser rahtschlag allen so sich sein
pre
˛sertim Principibus, et rerum gebrauchen sehr scho
ydlich ist / son-
publicatum administratoribus. derlich aber den Fu
yrsten vnd Re-
genten /
Hoc potissimu
`m siue errore siue Vnd es ist fu
yrnemlich entweder mit
culpa hodie misere
´afflicta est Fran- diesem jrrthumb / oder schuld / vnser
cia nostra, illo
´que malo propemo- Franckreich jemmerlich geplaget /
dum ruinam minari videtur, nisi Cel- vnd lest sich ansehen / als wann es
situdo tua huic lethali morbo [iij r] durch diß vngesell zu grunde gehn
remedium aliquod præsentaneum werde / Wo nicht E.D. disem scho
ydli-
afferat. chen vbel bald raht schafft.
Præterea in hisce Commentariis ani- Vber das wirdt E.D. auch auß disem
maduertere etiam Celsitudo tua pote- Bericht vernemmen / daß das fu
yr-
rit, præcipuam boni Principis of- nembste Ampt eines frommen Fu
yrs-
ficium in eo versari, vt amplectatur ten darinn bestehe / daß er annemme
et foueat Religionem Christianam, et vnd befodere die Christliche Reli-
eius puram et genuinam veritatem in- gion / vnd nach jrer reinen vnd ei-
quirat, non autem vt falsitatem in Re- gentlicher Warheit forsche / nicht
ligione approbet et tueatur, sicuti im- aber das er [fol. 2r] die falschheit in
pie
`docet Machiauellus. der Religion billiche / vnd schu
ytze /
wie der Machiauellus vnrecht lehret.
Quod autem pertinent ad politiam Was aber die eusserliche Policey an-
externam, Celsitudo tua non insuaui- belangt / wirt E.D. mit lust vernem-
ter deprehendet nobiliora quæque men allerley herzliche Exempel auß
exempla, ex domo maiorum tuorum dem Geschlecht euwerer Vorfahren /
Franciæ regum petita, necnon ex der Ko
ynige in Franckreich / genom-
præstantioribus et antiquioribus Ro- men / Darzu auch auß den fu
yrtreff-
mani Imperij Principibus, quibus lichsten vnd eltesten Fu
yrsten deß Ro
y-
liquido
`constat optimos quosque mischen Reichs / darauß offentlich
Principes, qui duce clementia, man- am tage / daß fast alle fromme Fu
yrs-
suetudine, et iustitia, imperium suum ten / welche mit gnade / sanfftmuht /
exercuerunt, quı
´que moderatione et vnd gerechtigkeit / jrem regiment fu
yr-
benignitate erga subditos vsi fue- [iiij gestanden / vnd gegen jren Vndertha-
r] runt, prosperos semper successus, nen allerley bescheidenheit vnd gu
ytig-
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
15
DIE ›EPISTRE‹
quieta tempora, et diuturnum impe- keit gebraucht haben: Allezeyt glu
yck-
rium habuisse. selige wolfahrt / ruhsamme zeyt / vnd
langwiriges Regiment /gehabt haben:
At contra
`, Principes crudeles, ini- Dargegen aber / daß die greulichen /
quos, perfidos, subditorum euerso- vngerechten / treulose Fu
yrsten / jre
res, protinus seipsos suu
´mque sta- Vnderthanen verwu
yster / so bald sich
tum in extremum periculum, aut selbst vnd jren standt / in die eus-
certe
`in pre
˛cipitem et apertam rui- serste gefehrligkeit / oder je warlich
nam deduxisse, breue
´mque vitam in schnellen vnd o
yffentlichen fall vnd
vixisse, ea
´mque sæpissime
`morte vntergang / gebracht / daß sie kurtze
cruenta finiisse. zeyt gelebt / vnd gemeiniglich einen
blutigen außgang jres Lebens gehabt
haben.
Quoniam autem boni Principatus Weil aber die herrlichsten Exempel
exempla pre
˛stantiora vt plurimu
`ma
`eines guten Regiments meinstlich
nobis petita sunt ex nobilissima von vns genommen sind auß dem al-
domo Francica, ex qua Celsitudo tua ler edelsten Hause / vnd der Chron
originem ducit, non dubito quin illa Franckreich / darauß E.D. jren vr-
te moueant magis ac magis ad res- sprung haben / zweiffel ich nicht / es
taurandas in te auitas virtutes, plane
`werden dieselbigen euch je lenger je
heroicas et magnanimis Principibus mehr bewegen / zu erwecken in euch
dignissimas, te
´que accendant ad ex- die altva
ytterliche Tugendt / so gantz
pellanda ex Francia tot immania vi- Herrisch / vnd großmu
ytigen Fu
yrsten
tia, quæ in ea iam nimis altas radices sehr wol anstehen / vnd euch anzu
yn-
ege
ˆre, puta crudelitatem, iustitiam, den auß Franckreich zu treiben so
perfidiam, plebis [iiij v] euersionem: greuliche Laster / wel- [fol. 2v] che
necnon peregrinos talium vitiorum jetzund darinn allzu sehr eyngewurt-
aduectores, et Francos degeneres il- zelt / ich meyne den Blutdurst / die
lorum tyrannidi fauentes: cu
`m tanta vngerechtigkeit / mißtreuw vnd mey-
malorum congeries plane
`huic Fran- neidt / deß Volcks verwu
ystung /darzu
cico Regno certum interitum minite- auch die außlandischen / so solche
tur. Laster mit sich bracht / sampt den
vnartigen Frantzosen / die jrer Tyran-
ney gu
ynstig / weil die mennige so vi-
les bo
ysen disem Frantzo
ysischen Ko
y-
nigreich gewisses verderben vnd
vntergang dra
yuwet.
Illa eadem exempla Celsitudini tuæ Eben dieselbigen Exempel werden
iniicient stimulos restituendo huius E.D. anreitzen wider auffzurichten
Regni statu in pristinam auorum tuo- den Standt dieses Ko
ynigreichs / auff
rum gubernandi rationem, et ad euel- die alte Manir vnd Weise euwerer
landam releganda
´mque nouam in Ita- Vorfahren zu regiren / vnd die jetzige
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
16
MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
liam, vnde a
`Machiauello ad nos neuwe Weise außzurotten vnd zu
magno nostro malo deducta est. verweissen in Italiam, von dannen
sie vom Machiauello zu vns / mit
vnserm grossen schaden / bracht ist.
Quo tanto beneficio non solu
`m huius Fu
yr welche so grosse Wolthat wer-
amplissimi regni indigenæ, nobiles, den nicht allein dises gewaltigen Ko
y-
Ecclesiastici, mercatores, et ceteri nigreichs Eynwoner / die Edlen / die
plebeij, sed etiam ipsi Principes et Geistlichen / die Kauffleut / vnd der
Regni proceres perpetuo
`Celsitudini gemeine Mann / sondern auch die
tuæ se deuinctos agnoscent: non se- Fu
yrsten selber / vnd fu
yrneme Herrn
cus qua
`m æger languidus, in extreme deß Ko
ynigreichs / E.D. sich in alle
vitae discrimine constitutus, pru- wege verpflicht / vnd zu dancken
denti Medico, cuius curatione in- schuldig erkennen: Nicht anderß als
tegræ [v r] sanitati restituitur. ein sehr krancker Mensch / so in der
eusserste gefahr seines Lebens gewe-
sen/ einem verstendigen Artzt / durch
welches Cur vnd fleiß er wider zur
vorigen gesundtheit kommet / sich
danckbar erzeiget.
Adhæc nunquam tanti beneficij me- Darzu werden die Nachkommen ei-
moria posteritati excidet, quinimo ner solchen wolthat nimmermehr
historiis, et laudum tuarum luculen- vergessen / ja es wu
yrde die zierde eu-
tis præconiis, Regiarum tuarum vir- wer Ko
yniglichen tugend durch Histo-
tutum decus immortalitati consecra- rien vnd heitere klare Lobspru
yche
bitur. vnsterblich gemacht werden.
Et certe
`nemo non videt, Deum Vnd fu
yrwar / es mercket ein jeder
tandem misertum calamitatum wol / daß sich Gott [fol. 3r] endtlich
Franciæ, sacro te quodam afflatu erbarmet habe deß elends in Franck-
impulisse ad eam vindicandam a
`pe- reich / vnd E.D. durch einen guten
regrinorum cruenta et barbara tyran- Geist getrieben / es von der greuwli-
nide, te inquam, Princeps poten- chen vnd Barbarischen Tyranney der
tissime, quasi fatalem patriæ libe- Außlo
yndischen zu erretten. Euch /
ratorem, Francum Principem, de sage ich / allermechtigster Fu
yrst / hat
domo Francica ortum, natione Fran- vns Gott bescheret zum Erretter deß
cum, necnon nomine, re et animo Vatterlands / der jr seyt ein Fro
yncki-
Francum. scher Furst / vom Fro
ynckischen
Stamm geborn / deß Vatterlands ein
Frantzoß / darzu mit dem Namen /
mit der that vnd gemu
yht / ein Frant-
zoß.
Cui enim tante
˛molis consilium exse- Dann wem ko
yndte so ein wichtiger
quendum iustius competere possit, Anschlag zu verrichten billicher ge-
aut cui liberandæ Franciæ a
`tyran- bu
yren / oder wem stehet es ru
yhmli-
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
17
DIE ›EPISTRE‹
nide Gloria conuenientius deberi po- cher an / das Franckreich von der Ty-
test, qua
`m Celsitudini tuæ, quæ nihil ranney zu erlo
ysen / als E.D. so mit
a
`Francico nomine et ingenio habet dem Namen vnd art ein rechter Fran-
[v v] alienum? ciscus.
Cuius opem misera Francia tot peri- Welches hu
ylffe kan das elende Franc-
culis afflicta æquius implorare po- kreich / mit so vielen gefo
yhrden ge-
test, qua
`m eius qui quasi virens sur- plagt / billicher anruffen / dann deß /
culus, proauo Rege Ludouico XII. der also ein gru
ynes Sto
ymmlein vom
populi parente, auo Francisco I. sub- Vhraltvatter Ko
ynig Ludwig dem XII.
ditorum amantissimo, et patre cle- deß Volcks Vatter / vnd dem Groß-
mentissimo Henrico II. genitus est? vatter Francisco primo,soden
Vnderthanen sehr herzlich lieb / vnd
dem aller gnedigsten Vatter Henrico
II. geborn ist.
Nostrum est igitur magnas et immor- Darumb wil vns gebu
yren / daß wir
tales Deo Optim. Max. gratias agere, dem gu
ytigsten vnd allerho
ychsten
quo
`d Celsitudini tuæ in animum in- Gott grossen vnd ewigen Danck sa-
duxerit patrias leges, libertatem, et gen / daß er E.D. in sinn gegeben
bonum publicum, tueri. hat / die vo
ytterliche Gesetz / freyheit
vnd gemeinen nutzen / zu schu
ytzen.
Nam omnibus bene
`sperandum est Dann wir sollen alle in guter hoff-
hoc tuum tam salubre consilium nung stehen / es werde dieser ewer
bene
`cessurum, cu
`m iustissimis et heylsamer anschlag wol hinauß ge-
æquissimis rationibus innitatur: adeo
`hen / Weil er auff den aller rechtmes-
vt secundos euentus consequuturos sigsten vnd billichsten vrsachen be-
exspectandum sit a
`Deo, cu
`m sem- stehet / also daß ein glu
yckseliger
per ipse rationis et æquitatis partes Außgang von Gott zu gewarten ist /
tueatur et foueat. weil er [fol. 3v] allezeit hilfft vnd be-
fo
ydert das theil / so der billichkeit ge-
neigt.
Porro
`cu
`m Celsitudo tua ad consi- Endtlich weil E.D. den Anschlag zu
lium suum exsequendum paratissi- vollnfu
yhren gantz willig vnd bereit
mos ha- [vi r] beat adiutores multos hat zu gehu
ylffen viel durchleuchtige
illustres Principes, necnon rei milita- Fursten / darzu in Kriegsleufften ein
ris peritissimos equites, et prudentis- gantz wol erfahrne Ritterschafft / vnd
simos proceres (qui virtutum a
`ma- die allerweisseste Regenten (welche
ioribus suis acceptarum tenaces, an den Tugenden / so sie von jren
seipsos, nondum conspurcarunt in Vorfahren empfangen / fest haltend /
fœtida Machiauelli sentina) spes sich noch nicht vervnreiniget haben
quasi certa affulget, Dominum suo in der stinckenten meinunge deß Ma-
fauore daturum consiliis et cœptis chiauelli) so erscheinet gleich ein ge-
Celsitudinis tuæ, ad gloriam nominis wisse hoffnung / Es werde der H
ERR
sui, optatos et fœlices exitus. durch sein Gnad zu den anschlegen
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
18
MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
vnd furhaben E.D. zu seines Namens
lob vnd ehre gewu
ynschten vnd glu
yck-
seligen Außgang geben.
Rogo igitur Deum creatorem, Celsi- Bitte derhalben Gott den allmechti-
tudinis tuæ consilia ita fœliciter se- gen Scho
ypffer / er wolle E.D. an-
cundare, vt per te tuisque auspiciis schlege also glu
yckseliglich begnadi-
misera Francia possit quamprimu
`m gen / daß durch euch vnd euwern
tyrannidis iugo liberari, et pristino glu
yckseligen angriff das elende
suo splendori restitui (quae tanta be- Franckreich auff daß aller fo
yder-
neficia nos a
`Dei clementia, tuarum lichste vom joch der Tyranney ko
ynne
Regiarum virtutum ministerio, ex- erlo
yset / vnd zu seiner vorigen alten
spectamus) et vt tuam Celsitudinem wirden widerumb bracht werden
seruet, et cumulatissime
`[vi r] omni (welche so grosse wolthat wir von
fœlicitatis et sublimitatis genere ex- der gnade Gottes durch den dienst
pleat. Kalendis Martiis, Anno Christi euwerer ko
yniglichen Jugendt erwar-
D. Nostri M. D. LXXVI. ten) Bitten auch daß er E.D. wolle
erhalten / vnd auffs aller reichlichste
erfu
yllen mit allerley glu
yckseligkeit
vnd herrlichkeit. Den ersten tag deß
Mertzens / im jar Christi vnsers
H
ERRN
/ 1576
Georg Nigrinus, ›Vorrede‹ zu ›Regentenkunst oder Fürstenspiegel‹
Dem Wolgebornen Graffen vnd Herrn / Herrn Johann Ludwigen / Graffen
zu Nassauw / Herren zu Wißbaden vnd Jtzsteyn / u. meinem gu
yedigen
Herrn / u.
Fol. ii r: WJ
EWOL
/ wolgeborner Graff / gnediger Herr / diß Bu
ychlein vor
dreyen jaren allererst von einem sehr erfahrnen vnd gelehrten Mann / in
Frantzo
ysischer Sprach / den bedrengten vnd vbelgeplagten Frantzosen zur
lehr vnnd trost geschriben worden / auff welcher Regierung es auch mehrt-
heils gericht / weil jetzundt die Machiauellische Satzung bey jhnen den
platz eynbekommen / welche so grosse zerru
yttung etliche jar her darinn
vervrsacht haben: Jst es doch von frommen vnd gelehrten Leuten fur
wirdig gehalten vnd geacht / daß es auch andern Nationen mitgetheilet
werde. Darumb es so bald hernach / fu
yr zweyen jaren nemlich / auch von
einem gelehrten wolberedten Mann / in die Lateinische Sprach bracht
worden ist / vnnd von vielen Gelehrten in Teutscher Nation / denen es zu
theil worden ist / so begierlich gelesen / daß von andern / welchen jene
Sprach nit so wol bekannt / gewu
ynscht vnd begert worden ist / daß es
auch in vnsere Teutsche Sprach mo
ychte gebracht werden: Nicht weil es
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
19
DIE ›EPISTRE‹
etwas neuwes / oder seltzame vnerho
yrte ding / so zuvor gar vnbekannt /
(wie etliche meynen) auff die Ban bringe: Sonder weil es ein nu
ytzliches
vnd notwendigs Werck / [fol. ii v] zu guter Policey dienlich / bo
ysen anschle-
gen vnnd fu
yrnemmen zu begegnen / vnd nach warer Ehr vnd Tugenden zu
streben. Dann diß Buch gleich einem Schatz guter vnnd nutzlicher Lehren /
Historien vnd Exempeln / auß den allerbesten alten vnd neuwen Geschicht-
schreibern / ordentlich zusammen getragen / billich nicht sollte verborgen
gehalten werden. Was nun den ersten Authorem bewegt hat / diß Buch
wider die Gottlose Lehrpuncten vnd Satzungen Machiauelli deß Florenti-
ners vnd Lehrmeisters aller tyrannischen Bubenstu
yck zu schreiben / kan
man auß seiner Vorrede wol abnemmen / vnnd ist sonder not / daß ich
etwas davon hie widerhole. Was aber mich bewegt hat / weil es mehrerteils
Politische Hendel / vnd meiner Profession nit gemeß scheinet / dasselbige
ins Teutsche zu bringen / will ich ku
yrtzlichen bericht thun. Erstlich bin
ich von guten Freunden darzu erbetten vnnd bewegt worden / welche bey
mir eines solchen ansehens vnnd vermo
ygens / daß ich jhnen solche Bitt
nicht wußt abzuschlagen / in betrachtung deren vrsachen / die sie darzu
bewegt / vnter welchen auch dise nit die geringste: Es were von no
yten /
daß alle Regenten / hohes vnd nidrigs Standts / sampt jren Ra
yhten vnd
Dienern / diß Bu
ychlein / so gleich als ein Regentenkunst oder Fu
yrstenspie-
gel mo
yge genennet werden / fleissig durchlesen vnnd wol betrachteten.
Dann ob wol Machiauelli Schrifften in Teutschlanden nicht vil bekannt /
so sehen doch leider seine Gebott vnd [fol. iii r] Practicken nicht so gar
frembd vnd vnbekannt / vnnd seyen wol bey etlichen in besserer vbung /
dann sie Machiauellus je auff die Ban bracht hat. Dann der alte Lehrmeis-
ter aller Tyranney vnnd unrechtes Gewalts / aller Lu
ygen vnnd Mordts / hat
nit allein diesen Welschen Schreiber erweckt / der vnter dem schein der
Regentenkunst / die gro
yste Tyranney vnnd Bubenstu
yck seine Nachfolger
gelehrt hat: Sondern er hat vnd erweckt zu allen zeiten / fast in allen
Potentaten vnnd Herrenho
yfen / solche Rahtgeber vnnd Danckverdiener /
so dem Haman / Doeg / Ziba / Achitophel / vnnd vielen jhres gleichen /
darvon diß Buch handelt / nachfolgen: Wider welche Gott auch seine
Mardocheos / Danieles / Obadias / Josephos / Husai / vnnd gute / weise /
Gottselige Ra
yht gen Hof bringt / daß also dannoch das weltliche Regiment /
als Gottes Werck vnnd Ordnung / in so grossem Wust vnnd Vnordnung
der Welt / wider deß Satans List vnd Practicken erhalten wirdt. Dieweil
nun nicht alle / denen diß Bu
ychlein von no
yten / die Frantzo
ysische oder
Lateinische Sprach lesen vnnd verstehen ko
ynnen / daß es denselbigen zu
gut vnnd nutz in vnser Muttersprach bracht wu
yrde. Damit sie in den
angezogenen Historien vnnd Exempeln / gleich als in einem Spiegel / sich
vnd jre Hendel besehen / vnnd wann sie auff bo
yser Ban / vmbwenden /
oder bey zeit auffho
yren mochten / eh sie von Gott / der allen tyrannen
feindt / gestu
yrtzt [fol. iii v] werden. Es sind vor der zeit auch Regentenbu
y-
cher vnd Fu
yrstenspiegel geschrieben worden: Aber es sind in diesem auß
alten vnd neuwen Historien so vil feiner Exempel / darzu gute Spru
ych
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
20
MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
vnnd Lehrpuncten / ordentlich zusammen bracht / daß meines erachtens /
allen anderen zubevor thut. Er hat deß Machiauelli vermeynte Gru
ynde
vnnd falsche Ku
ynst dargegen gesetzt / nicht daß er das bose lehre /
sondern daß er das gute desto scheinlicher mache. Der Artzt beschreibt
das Gifft auch / nicht daß mans brauchen soll / sondern daß man desto
begierlicher die Artzeney ohne sorgen annemme. Also werden in Gottes
Wort allerhand Laster beschriben / vnd mit Namen genannt / nicht daß
man sie darauß lehrne (dann die Welt kan alles bo
yse vorhin) sondern daß
sie gestrafft vnd gemeidet werden. Vnd ist diß die ander vrsach / die mich
bewegt / ein wenig zeit / so viel ich beneben meinen Amptsgeschefften
der Muß haben kondte / daran zu wenden / weil es fast eitel Historien
vnd Exempel sind / in welchen ich one das zu jeder zeit mich zu vben
vnd zu belu
ystigen bißher gepflegt habe. Dann es ist diß Studium vnnd
vbung der Historien nicht allein lieblich vnd lustig / sondern auch nu
ytz
vnd nohtwendig / so wol denen / welche im Predigampt der Kirchen / als
denen so in Politischen Emptern dem Regiment dienen. Darumb ich diese
Arbeit meiner Profession nit zuwider / sondern gemeß geacht habe. Dieweil
auch der Author nit allein von der Policey / son- [fol. iv r] dern auch
etwas von der Religion meldung thut / vnnd sonderlich die Papisten etwas
ho
yflich anzu
ypfft / vnd auch von Bapsten Exempel fu
yrbracht / auß Machiau-
ello eyngefu
yhrt / darauß jre Tyranney / Kriegssucht / vntrew / vnd Anti-
christisch wesen / desto baß an tag kommet / hab ich die Version desto
lieber an die hand genomen / weil ich on das eben in der Arbeit bin / der
Ba
ypsten Historien zu samlen vnd an tag zu bringen / nit etliche jrer
Practicken / wie hie geschicht / sonder die meisten zu entdecken. Darumb
hab ich mich auch wenig gescheuwet vnd gefu
yrcht mein Namen bey der
Dolmetschung zu bekennen / dann die vorigen / so es in andern Sprachen
geschrieben / weil dieselbigen an solchen orten vnd enden leben / da sie
jhres Leibs vnnd Lebens / der Ba
ypstlichen Tyranney halben ta
yglich in
gefahr seyn mu
yssen. Jst aber etwas darinn / so andern ein weiters nach-
dencken machet / oder scheinen mo
ycht / daß es unfu
yglicher geredt / vnnd
einer andern vnnd besseren erkla
yrung in Regiments oder Religions sachen /
wie ich selber wol anzeigen ko
yndte / bedo
yrfft hette / der solle wissen /
daß mir solches dieses orts nicht hat wollen gebu
yren / dann ich nur ein
Dolmetscher vnnd kein Außleger oder Richter aller dingen so darinnen
fu
yrfallen / bin / Hat mir derhalben weder darzu oder abzusetzen geziemet /
davon ich doch / wann es die noht erfordert / meinen bericht zu thun /
kein scheuwens tragen wil: Gehet aber solches das gantze Buch / vnd den
zweck deß Wercks mit [fol. iv v] nichten an/ welchem sein lob doch
bleiben wirdt. Thut aber nicht von no
yten daß ichs mit vielen / wie man
pflegt in Vorreden / lobe vnnd ru
yhme / weil ich noch niemandt geho
yrt /
der es gescholten: Sondern alle die es gelesen / bezeugen / das Werck
lobe den Meister: Wiewol ich mich nicht ru
yhmen kan / daß ichs eben so
wol vnnd fein in der Dolmetschung / wie es scho
yn / wol vnd lieblich in
der Frantzo
ysischen vnnd Lateinischen Sprach lautet / getroffen habe / Vnnd
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
21
DIE ›EPISTRE‹
das Werck wol eines Geschicktern bedu
yrfft hette / vnd ist auch etwan
darzu in eyl zugangen / daß wol etwas versehen worden / doch habe ich
mein bestes gethan / vnnd wirdt der gu
ynstige Leser / wo mangel ist /
denselbigen verbesseren / vnnd nicht zum a
yrgsten deuten. Dieweil ich mich
aber nach einem Patrono / dem ich diese meine Arbeit / wie bra
yuchlich /
decidiren vnnd zuschreiben mo
yge / vmbgesehen / habe ich vnter vielen
anderen E.G. darzu erwehlet / wie es auch in den anderen Sprachen jungen
auffgehenden Herren / wie die Vorreden außweisen / zugeschrieben. Dann
ob wol E.G. in der blu
yhenden Jugendt zu allerley guten Ku
ynsten vnnd
Sprachen vnter den treuwen Pflegern vnnd Freundtschafft so wolgeborner
verstendiger Graffen und Herrn / angewiesen werden / vnnd ohn zweiffel
diß Bu
ychlein schon gelesen haben / oder noch lieber lesen werden / in
Frantzo
ysischer oder Lateinischer Sprache / daß die Dolmetschung E.G.
nicht von no
yten / dannoch habe [fol. v r] ich es nicht lassen ko
ynnen /
E.G. damit zu verehren / dann ich weiß daß E. G. Præceptor Argumenta
vnnd vbung deß Styli darauß nemmen wirdt / darmit nicht allein die
Sprachen wol gelehrnet / sondern auch gute Exempel von jugendt eyngebil-
det werden. Es geho
yrt ja diß Buch eigentlich fu
yr junge Leute / denen von
jugendt auff die Regentenkunst eynzupflantzen / daß sie aller Tugendt
gewohnen / vnnd allen Lastern feindt werden / vnd sich nit von Schmeich-
lern eynnemmen vnd verfu
yhren lassen. Es seyn zwar E.G. in guter zucht
vnd versehung vnter den Pflegern / sonderlich bey dem wolgebornen Graff
Albert / meinem G.H. So hat Gott auch E.G. treuwe verstendige Amptleut
vnnd Ro
yhte bescheret / die Edlen vnd Ehrnvesten auch Ehrnhafften /
Wilhelm von Stockheim / D. Conrad Leschen / deßgleichen den hochgelehr-
ten Doctor Graffen / meinen alten Herrn vnnd bekannten / u. Dannoch
seyn solche Lehrbu
ycher nit zu verachten / weil man solche Leut nit allezeit
haben kan / damit ein junger Herr auch von jugendt selber wol vnnd recht
regieren lehrne / u. Weil aber davon sonder not ferrnern zusagen / vnnd
das Buch nach der lenge dasselbige handelt / will ich hie nichts widerho-
len. Bitt allein / E.G. wo
yllen jr diese Dedication gefallen lassen / vnd
meinen vnbekannten dienst vnd willigen gehorsam nicht verschmehen.
Wu
ynsch vnd bitte / der barmhertzige Gott wo
ylle E.G. mit Verstandt /
Weißheit vnd Gesundheit begaben / [fol. v v] daß sie heut oder morgen
nicht allein jren Landen vnd Leuten wol vnnd Christlich ko
ynne fu
yrstehen /
sondern auch andern Potentaten vnd dem Ro
ymischen Reich mit raht vnd
that dienen: Vnnd befehle hiermit auch E.G. Pfleger / vnd alles was sie
lieb hat / in schutz deß allmo
ychtigen Gottes / u. Datum Giessen / den 20.
Junij / Anno / u. 80. E.G. Dienstwilliger / Georgius Nigrinus / Pfarrherr zu
Giessen.
Johann Fischarts ›Vorrede‹ in Nigrinus’ ›Regentenkunst‹
[Fol. 1r]: An den guthertzigen Leser. D.J.F.G.M. [Doctor Johann Fischart
genannt Mentzer] Gleicher massen / wie der frembd Florentinisch Policey-
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
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MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
scribent / Nicolaus Machiauell / wider welchen diß Buch / seiner vnrichtig
vnd widersinnigkeit halben / geschriben worden / im Tracto
ytlin / genant
Ritratti delle Cose dell’ Alamagna, auß Iulij Cæsaris Historien schreibt
vnnd bewahrt / daß die Teutschen durch Zufuhr oder Eynfu
yhrung frembder
ferrgeholter / kostbarer / zartlicher / muhtwilliger vnd zu Wollust dienstli-
cher Kauffmanswaar / vnd vnnotiger Gereytschafft / seyen dadurch allge-
machlich vn zusehenlich / auch zarter / vnartiger / lustsichtiger / pro
ychti-
scher / Weibischer vnd gar verfrembdet / ja von standthafftiger Mannheit
vnnd redlicher Tapfferkeit / mit der weil beynahe entfrembdet worden.
Also kan man auß to
yglicher leydiger Erfahrung / auch von seinen / deß
Herrn Machiauelli vnd allen andern o
yrgerlichen Buchern / schreiben vnd
halten / daß sie durch Eynfu
yhrung / Fu
yrspigelung / Vorthun vnd Ostenti-
rung sonderer eygensinniger Meinungen vnd frembder Opinionen / nicht
allein in benachbarten Ko
ynigreichen / sondern auch bey vnsern Teutschen /
die in solchen frembden Landen / sondere Gemeinschafft vnd Kundtschafft
suchen / vnd jhnen ohne diß gern was frembdt ist / gefallen lassen / fast
viel die alten auffrichtigen Sitten / Recht vnd Gebro
yuch / verkehren /
vergifften vnd beschmeissen / ja zu frembden vngewohnten / vnlo
yndtlichen
Rechten vnnd Moribus anleytung vnd fu
yrschub / geben vnd thun.
So doch zu gleicher weiß / wie Gott ein jedes Land / mit sonderen Gewach-
sen / Samen / Fruchten / Gelegenheiten vnnd Vortheilen / die sich gantz eben zu
außbringung desselbigen Landts Eynwohnern schicken / pflegt zu begaben /
vnd zu segnen. Also auch durch hochverstendige darzu begabte Leut / eben der-
gleichen Ordnungen / [fol. 1v] Gesatz vnnd gute Gewohnheiten / die sich zur
selben Landtsart schicken / pflegt zu pflantzen vnd in vbung zu bringen.
Welche ja billich auch / als zu jeder Landsart geartet / in vbung vnd brauch
solten erhalten werden / Wo nicht mit guten lo
yndtlichen Gesatzen vnd Gebro
yu-
chen es ebenmessiger weiß pflegte zu zugehn / wie mit den angezogenen
Kauffmanswaaren / gewachsen vnd Landfru
ychten / das gleich wie von wegen
seltzamkeit vnd auß muhtwillen / die frembden vnno
ytigen vnglantzartigen
Waaren vnnd Species alsdann am allermeysten begert vnd gesucht werden /
wann ohne diß aller vberfluß vnnd die genu
yge der eynheimischen Fru
ychten
vorhanden.
Also auch wo der lo
yblichen Alten vnnd Vorfahren gute Gesatz / Gebro
yuch
vnnd gute Lehren / beydes in Schrifften vnd Exempelsweiß gnugsam vor-
scheinbar fur Augen / vnd menniglichen an der Handt / jhnen doch die Leut
auß verneuwerung jedes mahl was frembd / vngewohnt vnd seltzam ist / daß
liessen gefallen vnd gelieben.
Daru
yber jnen dann gleichsfals pflegt zu begegnen / wie diesen / welche
viel mehr frembde / vnbekannte / jhnen vngewachsene / vnd ihrem Magen
vntu
ygliche vnd vnverdo
yuliche / dann jre Einlo
yndige / gemeine /ordenliche /
angewohnte / vnd jnen nach jrer Landtsart anmuhtige Landtgewo
ychß vnd
Speisen / wo
yllen zur Narung eynnemmen vnd gebrauchen: Aber durch sol-
chen muhtwillen / jnen nicht viel Rahts schaffen / sondern allerley vngesundt-
heit / ja den leydigen Todt zu letzt selbs vervrsachen.
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
23
DIE ›EPISTRE‹
Ebenmessiger gestalt gehets noch gefehrlicher mit diesen zu / welchen jre
sittliche Landtsatzungen vnd Regimentsbestellungen daheym oder zu Landt
anfangen zu erleiden / vnnd gleichsam nicht mehr schmacken noch anstehn
wo
yllen / sondern auff das sie gescheidter dann jre [fol. 2r] Vorfahren angese-
hen seyen / frembder Nationen Gebrauch / Gesatz / Opinionen / Schrifften
vnd Exempel fu
yrsuchen vnnd eynfu
yhren / darmit sie die alten auff sie lo
yblich
geerbte Gewohnheiten vnd gestifft Ordonantzen / entweder gantz vnd gar
auffheben / vnd in vergeß bringen / oder ein solche verwirrung vnnd Misch-
masch von allerley gesuchten Ordnungen / sie reymen sich zum Landt oder
zur Policey wie sie wollen / anrichten / das es weder der alten noch neuwer
Bestellung gleich sihet / sondern niemandt weyß zu erkennen / wie man
spricht / wo Kopff oder Schwantz stehe / ob es Teutsch gehauwen oder
Welsch gestochen heisse. Auß welcher zerru
yttung dann / wann nicht alles in
seinem gewohnten Paß gehet / endtlich der gewisse vntergang muß erfolgen.
Derwegen vnnd so dann die zuschleyffung oder zuschmeichelung frembder
Policeyordnung / sampt den bo
ysen Berichten vnnd Meynungen von Regirung
der Regimenten / obgeho
yrter massen gefehrlich abgehet / so hat zwar nicht
vnbillich gegenwertiger Scribent oder Widerweiser der Florentinischen Regi-
mentslehren / als ein Patriot oder Liebhaber lo
yblicher Gesatz vnnd Gebro
yuch
seines Vatterlands / dieser bo
ysen scho
ydlichen weise / frembde / undienliche
vnd widersinnische Anstellungen der Policeyen zu hegen vnnd zu pflegen /
sich sehr wolbefu
yglich angenommen / vnd mit gutem grund denselbigen sich
widersetzt / vnd sie außgemustert.
Sonderlich da er gesehen / welcher vnmassen die Machiauellersect hin vnd
wider anfo
yngt eynzureissen vnnd vberhandt zu gewinnen / Also das auch
allbereyt auß wircklicher vollziehung deß Machiauelli o
yrgerlicher Fu
yrschrei-
bung / Vnfu
yrstlich oder Vnpolitisch zu regieren / grosse Zerru
yttungen vnnd
Empo
yrungen in benachbarten Ko
ynigreichen sich haben ereuget.
Gott gebe die Gnad / das wir Teutschen doch zum wenigsten / wann wir je
das Tyrannisch Gifft / welches unter den verfußten Lehrpuncten deß Machia-
uelli ver [fol. 2r] borgen / noch zur zeyt / von wegen zimlich auffrechter
Freyheit / nicht erkennen wo
yllen / gleichwol auß der benachbarten Exempel
vnd schaden / eine zeitige warnung ziehen vnd scho
ypffen: Jn erwegung / das
was einer herrlichen wehrhafften Nation hat ko
ynnen widerfahren / das dieses
einer anderen / die in gleicher vnachtsamkeit fortschreytet / vnd den vorlauf-
fenden Lastern die Ban nicht zeitlich ablauffet / gleichsfalls ko
ynne begegnen.
Sonderlich wo man so leichtlich / wann man nur durch ein Landt / wie ein
Katz durch den Regen / geloffen / alle frembde Leichtfertigkeiten vnnd Sitten
annimpt / vnd dieselbigen alsdann gleichsam fur ein ko
ystlich Palladium vnd
frembd Heyligthumb heimbringet vnd auffmutzet.
Derhalben allen guthertzigen getreuwen Liebhabern deß Vatterlands / vnnd
seines Heyls eifferigen zu rahten / das sie dergleichen herrliche nu
ytzliche
Bu
ycher / gleich wie diß gegenwertige / welches die Not zu schreiben angege-
ben / fleissig durchlesen vnd erwegen / vnd darauß / was jhnen in jhren
Regimentsbestellungen vnd Regirungen to
yglich fo
yhlen oder abgehn sehen /
BEI133 $U27 Niemeyer -Beiträge 133/2 Ð1. Bel. -27-04-11 16:17:14 - Rev 17.02
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MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
lehrnen verbesseren. Wie ich dann hoff / das solches Werck der gu
ynstige
Leser geho
yrter gestalt jhme werd wissen nutz zu machen / vnd die Mu
yhe vnd
Arbeit / so der Vertent dieses Buchs angewendet / sampt deß Truckers fleiß
im besten vnd zu danckbarkeit erkennen: Vnd darmit vrsach geben / jm ferr-
nere nu
ytzliche Opera tayeglich in Truck mitzutheilen.
ENDE.
PD Dr. Michael Szurawitzki, Universität Siegen, Fachbereich 3, Germanistik/Ange-
wandte Sprachwissenschaft, Adolf-Reichwein-Str.2, D-57068 Siegen;
szurawitzki@germanistik.uni-siegen.de,
in Verbindung mit
Prof. Dr. Dagmar Neuendorff, Universität A
˚bo Akademi, Germanistik, Fabriksgatan 2,
FI-20500 A
˚bo; dagmar.neuendorff@abo.fi.
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DIE ›EPISTRE‹
Abb. 1
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MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF
Abb. 2
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Article
Scholars directly or indirectly interested in the history of Machiavelli's reputation tend now to regard as exaggerated the importance attributed, in the nineteenth century, to Gentillet's Discours. .. Contre Nicolas Machiavel Florentin. Nobody, for instance, would be prepared today to share Edward Meyer's view that Gentillet was, ‘beyond a doubt, the source of all Elizabethan misunderstanding’ of Machiavelli. 'The grotesque Machiavel-figure of Elizabethan-Jacobean drama' —to quote from one of the most recent works on the subject—'is firmly within the acceptance/rejection theme of reaction to Machiavelli, and not an external phenomenon generated by Gentillet's Contre-Machiavel. Gentillet, despite Simon Patericke's translation, was never of any importance in England.
Article
The role played by Innocent Gentillet's notorious attack on Machiavelli, published in 1576, in the Elizabethan response to Machiavelli's writings has been much debated. The recent tendency, notably in Felix Raab's 'The English Face of Machiavelli', has been to dismiss Gentillet's influence altogether. The present article puts together a number of allusions to, and borrowings from, Gentillet in the last quarter of the sixteenth century, some hitherto unpublished, which show clearly that a number of Elizabethan readers used Gentillet's book, and responded to him in a variety of ways.
Article
Machiavelli's controversial reputation secured an easy, though ambiguous, success to the Discours … Contre Nicolas Machiavel Florentin. While the author, the Huguenot jurisconsult Innocent Gentillet, remained virtually unknown outside of Geneva and the Dauphiné even to his contemporaries, his work, first published anonymously in 1576, was for a long time widely read and discussed in the light of the controversy stirred up by Machiavelli's doctrines. As early as 1580, Montaigne very likely alludes to Gentillet's work and puts it alongside Machiavelli's Discourses on Livy.
Article
L'A. analyse le commentaire de Gentillet sur Machiavel a la Renaissance («Discours contre Machiavel») pour montrer qu'il faut lire Machiavel sous l'angle de la rhetorique pour comprendre les rapports entre celle-ci et la politique
Commentariorum de regno aut quouis principatu rectè & tranquillè administrando libri tres Religione & Politia, quas Princeps quilibet in ditione sua tueri & obseruare debet. Aduersus Nic. Machiauellum Florentinum. Ad Potentißimam & Illustriß. Principum, Franciscem Alenç onij Ducem, filium fratré mq
  • Innocent Gentillet
Innocent Gentillet]: Commentariorum de regno aut quouis principatu rectè & tranquillè administrando libri tres. In quibus ordine agitur de Consilio, Religione & Politia, quas Princeps quilibet in ditione sua tueri & obseruare debet. Aduersus Nic. Machiauellum Florentinum. Ad Potentißimam & Illustriß. Principum, Franciscem Alenç onij Ducem, filium fratré mq. Regium, Genf 1577/1578 [Kungliga Biblioteket Stockholm, Sig. jeweils 165A].
Appendix mit den der Ausgabe des ›Contre-Machiavel‹ von 1585 hinzugefügten Maximen 19
  • Michael Szurawitzki
  • In Verbindung
  • Dagmar Neuendorff Sowie Eine
MICHAEL SZURAWITZKI IN VERBINDUNG MIT DAGMAR NEUENDORFF sowie eine Appendix mit den der Ausgabe des ›Contre-Machiavel‹ von 1585 hinzugefügten Maximen 19. Nach Pamela Stewart ist davon auszugehen, dass die 1576 erschienene, in unserem Beitrag zugrunde gelegte Ausgabe die erste ist.
Innocent Gentillet e la sua polemica antimachiavellica
  • Pamela D Stewart
Pamela D. Stewart: Innocent Gentillet e la sua polemica antimachiavellica, Florenz 1969 (Biblioteca di Cultura 88), S. 29Ð48.