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Der Meteorit „Steiermark“ – ein Meteoritenfall durch Übersetzungsfehler.

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Abstract

The so-called “Steiermark“ meteorite-fall, which has been present in the literature since 1816, has never existed and should be deleted from the catalogues. The critical study of contemporary original sources has proved that the “Steiermark“ meteorite found its way into the literature resulting from the misinterpretation of a report about the Odranec (Moravia) meteorite, which fell on June 11, 1619.
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Joannea Min. 2: 83–86 (2004)
Der Meteorit „Steiermark“ –
ein Meteoritenfall durch Übersetzungsfehler
Gábor PAPP
Zusammenfassung: Der in der Fachliteratur seit 1816 erwähnte, angebliche Meteori-
tenfall in der Steiermark wird auf Grund von Vergleichen der Urquellen als nicht existie-
rend erklärt und soll aus den Katalogen gestrichen werden. Der „Steiermark“-Meteori-
tenfall wurde in die Fachliteratur infolge der Fehlinterpretation eines Berichtes über
einen Meteoritenfall bei Odranec in Mähren am 11. Juni 1619 übernommen.
Abstract: The so-called “Steiermark“ meteorite-fall, which has been present in the lite-
rature since 1816, has never existed and should be deleted from the catalogues. The
critical study of contemporary original sources has proved that the “Steiermark“ mete-
orite found its way into the literature resulting from the misinterpretation of a report
about the Odranec (Moravia) meteorite, which fell on June 11, 1619.
Schlüsselworte: Steiermark, Meteorit, Odranec, Mähren.
1. Der Ursprung der Erwähnung des Meteoritenfalls „Steiermark”
In dem als internationales Handbuch gebrauchten Meteoritenkatalog Catalogue of me-
teorites (neueste Ausgabe: GRADY, 2000), herausgegeben vom Museum of Natural His-
tory in London, ist bis heute ein zweifelhafter Meteoritenfall in der Steiermark aus dem
siebzehnten Jahrhundert registriert. Der Meteorit „Steiermark“ gelangte durch den
Gründer der modernen Meteoritenkunde, Ernst Florens Friedrich CHLADNI, in die Fachli-
teratur. Der Fall wird auf S. 220 des – in seiner Art allerersten – Meteoritenkatalogs in
dem berühmten Buch Über die Feuer-Meteore von CHLADNI (1819) angeführt. CHLADNI
übernahm diese Angabe von dem bekannten österreichischen Orientalisten Joseph von
HAMMER-PURGSTALL, der wiederum entnahm die von ihm mitgeteilte Angabe aus der
handgeschriebenen Chronik (Tārīh) des türkischen Geschichtschreibers Mustafa NAIMÂ
(1655–1716, die 1. gedruckte Ausgabe seiner Chronik erschien posthum im Jahr
1749). HAMMER (1816) hat folgende Übersetzung publiziert:
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Der Befehlshaber von Ofen Karakasch Mohammed Pascha berichtete, dass in
der Mitte des Mondes Schaaban i. J. d. H. 1028 (1618) an der Gränze Ungarns im
deutschen Distrikte der Mur eine schwarze Wolke sich gezeigt, aus der Blut regnete,
dass dann mit einem grossen Donnerschlag ein kreutzförmiges Meteor erschien, wo-
rauf sich vieler Rauch verbreitete. Ein zweyter ungemein starker Donnerschlag be-
täubte Menschen und Thiere so sehr, dass diese auf die Knie fielen, ihre Köpfe gen
Himmel hoben und dann scheu entflohen, so dass man sie nicht fand. Hierauf fielen
drey andere starke Donnerschläge, und mit denselben aus der oben beschriebenen
Wolke Steinkugeln, welche sich anderthalb Ellen tief in die Erde senkten. Man wog
einige derselben, die drey Centner hatten.
2. Steiermark oder Mähren?
Selbst NAIMÂ (1655–1716) hat diesen Teil seiner Chronik aus einem etwas früheren
historischen Werk übernommen, beinahe Wort für Wort. Die Urquelle der Angabe über
den Meteoritenfall war das Werk von Kâtip ÇELEBIFedleke“. Man hat einige Teile der
Chronik von ÇELEBI (1609–1657) ins Ungarische übersetzt, auch den Abschnitt über
die „vom Himmel fallenden Steine“. In der Übersetzung von KARÁCSON (1916) stimmt
zwar die Beschreibung des Meteoritenfalls beinahe genau mit der Übersetzung von
HAMMER (1816) überein, als Ort des Falls kommt aber nicht die Gegend der Mur, son-
dern die der March vor. Wenn wir NAIMÂ’s Originaltext betrachten (Abb. 1), können wir
davon überzeugt sein, dass er selbst Mähren („Mūrawa ülkesi“) geschrieben hat.
3. Die Identifizierung des in den türkischen Chroniken beschriebenen
Meteoritenfalls
Bei der Identifizierung des in den türkischen Chroniken beschriebenen Meteoritenfalls
müssen wir berücksichtigen, dass HAMMER (1816) auch bei der Umrechnung des Da-
tums ein Fehler unterlaufen war. Das in der türkischen Chronik nach mohammedani-
scher Zeitrechnung angegebene Datum entspricht nicht dem Monat August 1618, son-
dern dem Monat Juli 1619, (siehe RÉTHY, 1962 und GRAHAM & al., 1985). Um diese
Zeit hatte man tatsächlich einen Meteoritenfall nahe dem Dorf Odranec in Mähren be-
obachtet. Obgleich im Catalogue of meteorites (GRAHAM & al., 1985; GRADY, 2000)
dieser Fall nicht erwähnt wird und auch die gefundenen Meteoritenstücke offenbar ver-
loren gegangen sind, wird dieses Ereignis jedoch in mehreren zeitgenössischen mähri-
schen Notizen bestätigt (angeführt in SOCHOR, 1929; BURKART, 1953; HEINLEIN, 1990).
Neben der guten Übereinstimmung der Datumsangaben gibt es in den zeitgenössischen
Notizen noch mehrere Angaben, die auch in fast allen Einzelheiten mit der kurzen Er-
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wähnung des türkischen Chronisten gut übereinstimmen (z. B. das kreuzförmige Zei-
chen am Himmel, das Verhalten der Haustiere, drei Donnerschläge vor dem Fall der
Stücke). Dagegen aber können wir den Hinweis auf die anderthalb Zentner schweren
Steine der proverbiellen östlichen Übertreibung zuschreiben. HEINLEIN (1990) publizier-
te eine deutsche Übersetzung eines zeitgenössischen Gedichtes in tschechischer Spra-
che (Originaltext siehe SOCHOR, 1929) über den Meteoritenfall von Odranec. Die nach-
folgend angeführten Details (HEINLEIN, 1990) sind sinngemäß auch in den türkischen
Chroniken zu finden:
Am Dienstag vor St. Veit‘s, zur Vesperstunde, im mährischen Dorfe Vodrance er-
schreckte ein plötzlich auftretendes Ereignis die Leute, welche dort auf dem Felde
ihrer Arbeit nachgingen. Eine Wolke, geformt wie ein Tisch oder Mühlrad, in der sich
ein merkwürdiges Getümmel abspielte, entsetzte sie. … Davon lösten sich drei Kreu-
ze von blutiger Farbe und entsetzlich anzuschauen, so dass alle davon sprachen. …
Es wallte viel Rauch aus einer kleinen Wolke, die Umstehenden harrten, was da wei-
ter geschah. Schrecklicher Lärm war zu vernehmen, Schiessen und Donner, als ob
eine grosse Heeresschlacht im Gange wäre. … Zugleich ertönte Trommelfeuer, so
dass manche sich schon zur Flucht anschickten. Angsterfüllt fielen sie auf die Erde
nieder, Gottes furchtbaren Zorn erblickend, sie fürchteten sich alle sehr. Ebenso wie
die Menschen, so wird berichtet, schaute das Vieh auf den Feldern, die Augen zum
Himmel gerichtet, das schreckliche Wunder. Das Getöse hörend, sank es, wie wohl
jede hilflose Kreatur, Gottes Tat erkennend, zu Boden. … Denn von überall her war
ein furchtbares Gepolter und Tosen zu hören, gleichsam als hätte ein dreifacher Ka-
nonenschuss eingeschlagen … als drei Stücke irgendeines ganz sonderbaren Metalls
herausflogen.
Der vollständige Text der Beschreibung des Meteoritenfalls bei Odranec wurde von
SOCHOR (1929, in Tschechisch) und HEINLEIN (1990, in deutscher Übersetzung) veröf-
fentlicht.
Zusammenfassend können wir feststellen, dass Joseph von HAMMER-PURGSTALL
(1816) durch einen Irrtum bei der Übersetzung des Begriffes „Mūrawa ülkesi“ den Me-
teoritenfall, ursprünglich beschrieben von NAIMÂ, der Gegend der Mur in der Steiermark
Abb. 1: Detail aus der Beschreibung des Meteoritenfalls auf Seite 173 des zweiten Bandes von
NAIMÂ’s Tārīh (2. Ausgabe, Istanbul, 1281 [1864]). Umrahmt ist das Wort „Mūrawa“.
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zuordnete. Der tatsächliche Ort des Meteoritenfalls war hingegen Odranec in Mähren
(Moravia). Der Meteoritenfall in Steiermark im Jahre 1618 (oder richtiger 1619) gehört
also in die Reihe der Legenden.
Dank
In Bezug auf den Meteoritenfall bei Odranec haben Dr. Marcela BUKOVANSKÁ (Nationalmuseum,
Prag), Dieter HEINLEIN (Stuttgart) und Dr. Stanislav HOUZAR (Mährisches Landesmuseum, Brünn)
Kopien von Originalliteratur beigesteuert. Die entsprechende Stelle von NAIMÂ’s Publikation hat
mir Prof. Géza DÁVID (Eötvös Loránd Universität, Budapest) zur Verfügung gestellt.
Literatur
BURKART, E. (1953): Moravské nerosty a jejich literatura/Mährens Minerale und ihre Literatur. –
ČSAV, Praha, 521.
CHLADNI, E. F. F. (1819): Über Feuer-Meteore und über die mit demselben herabgefallenen Mas-
sen. – Heubner, Wien, 220.
GRADY, M. M. (2000): Catalogue of meteorites. 5th rev. enl. ed. – Cambridge University Press,
Cambridge, 474.
GRAHAM, A. L., BEVAN, A. W. R. & HUTCHISON, R. (1985): Catalogue of meteorites. 4th rev. enl. ed.
– BM(NH), London, 227.
HAMMER, J. von (1816): Luftsteine in der Steyermark gefallen i. J. 1618 aus der osmanischen
Reichsgeschichte Naima’s B.I. S. 326. – in: Fundgruben des Orients. 5. Bd., 163.
HEINLEIN, D. (1990): Der Odranec Meteoritenfall von 1619. – Meteor 5(1), Sonderdruck mit 3
Seiten.
KARÁCSON, I. (1916): Török történetírók III. Török-magyarkori történelmi emlékek,V. – MTA, Buda-
pest, 373.
RÉTHY, A. (1962): Időjárási események és elemi csapások Magyarországon 1700-ig. – Akadémiai
Kiadó, Budapest, 139.
SOCHOR, S. (1929): Povětroň, který spadl léta 1619 u Odrance. – Horácké besedy 1(2), 2–7.
Anschrift des Verfassers:
Dr. Gábor PAPP
Magyar Természettudományi Múzeum (Ungarisches Naturhistorisches Museum)
Ásvány- és Kőzettár (Abteilung für Mineralogie und Petrologie)
Budapest, Postfach 137
H-1431 Ungarn
pappmin@ludens.elte.hu
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Luftsteine in der Steyermark gefallen i. J. 1618 aus der osmanischen Reichsgeschichte Naima's B.I. S. 326
  • J Hammer
  • Von
HAMMER, J. von (1816): Luftsteine in der Steyermark gefallen i. J. 1618 aus der osmanischen Reichsgeschichte Naima's B.I. S. 326. -in: Fundgruben des Orients. 5. Bd., 163.
Der Odranec Meteoritenfall von 1619
  • D Heinlein
HEINLEIN, D. (1990): Der Odranec Meteoritenfall von 1619. -Meteor 5(1), Sonderdruck mit 3 Seiten.
Török történetírók III. Török-magyarkori történelmi emlékek
  • I Karácson
KARÁCSON, I. (1916): Török történetírók III. Török-magyarkori történelmi emlékek,V. -MTA, Budapest, 373.
Időjárási események és elemi csapások Magyarországon 1700-ig
  • A Réthy
RÉTHY, A. (1962): Időjárási események és elemi csapások Magyarországon 1700-ig. -Akadémiai Kiadó, Budapest, 139.