ArticlePDF Available

Ein Rückblick auf die "Tortillakrise"

Ein Rückblick auf die „Tortillakrise“
Hintergrund
Anfang des Jahres 2007 stiegen die Tortil-
lapreise in Mexiko als Folge einer angebli-
chen Mais-Knappheit abrupt an: von 6 auf
mindestens 8,5 Pesos, aber zeitweise und
lokal (besonders im Norden und in Mexi-
ko-Stadt) auch höher.
Das mag auf den ersten Anblick nicht
weltbewegend erscheinen, allerdings
spielt der Mais und die daraus erzeugten
Tortilla in der mexikanischen Gesellschaft
eine überaus wichtige Rolle. Laut FAO kon-
sumiert jeder Mexikaner im Durchschnitt
342 g Mais täglich – dies entspricht fast
sieben Mal dem weltweiten Durchschnitt
(50 g pro Tag). Angesichts der geringen
Kaufkraft vieler Konsumenten und der
besonderen Bedeutung der Tortilla als
Grundnahrungsmittel Nummer Eins, lös-
te dies eine landesweite Krise und starke
Proteste in der Bevölkerung aus. Die Paro-
le „Sin maíz no hay país“ (Ohne Mais kein
Heimatland), war in den Straßen allgegen-
wärtig.
Obwohl oft damit in Verbindung gebracht,
waren die steigenden Weltmarktpreise für
Mais und der Ethanol-Boom insb. in den
USA nicht der Hauptauslöser der Tortilla-
Krise. Nichtsdestotrotz ist das Beispiel
symptomatisch: Die starke Liberalisie-
rungspolitik Mexikos seit den 90ern, die
progressive Handels- und Agrarpolitik der
US-Regierung und das Kalkül der interna-
tional agierenden US-Konzerne haben Me-
xiko in eine Abhängigkeit manövriert, die
in der Tat die Befürchtung aufwirft, dass
die steigende Nutzung von Nahrungsmit-
teln zur Energieproduktion im Nachbar-
land negative Effekte auf die mexikani-
schen Verbraucher hat.
System vor der Liberalisierung der Agrar-
märkte
Seit Lazaro Cardenas (1936-41) existierte
die staatliche Institution „CONASUPO“,
verantwortlich für Import, Export, Ankauf
von den Landwirten und Vertrieb an die
Produzenten von Grundnahrungsmitteln.
Somit existierte ein geschlossener, staat-
lich kontrollierter Markt, mit dem Ziel der
Eigenproduktion und Unabhängigkeit
Mexikos im Bereich Grundnahrungsmittel
sowie zur Verhinderung von Spekulation
und Monopolen im Bereich der grundle-
genden Lebensmittelversorgung. Preis-
stützungen garantierten Mindestpreise
für die Landwirte und Höchstpreise für
den Konsumenten, und der Staat verfügte
über ständige Reserven, die die Lebensmit-
telversorgung für mindestens drei Monate
sicherstellten.
Die staatliche Kontrolle über die Preise
wurde noch vor 1994 als Bedingung für die
Teilnahme am Nordamerikanischen Frei-
handelsabkommen – NAFTA – aufgeho-
ben, CONASUPO und die Subventionen für
Tortillas wurden 1999 abgeschafft.
Mit dem Machtwechsel nach 70 Jahren
„PRI“-Einheitspartei durch die neoliberale
„PAN“ und dem Inkrafttreten des Freihan-
delsabkommens NAFTA änderte sich die
Agrarpolitik Mexikos vollkommen. Die fast
bedingungslose Öffnung des Agrarsektors
in den Freihandel hatte positive Folgen für
große Produzenten, die v.a. Gemüse und
Chili in die USA exportieren, aber bedeu-
tete große wirtschaftliche Bürden für hun-
dertausende Kleinbauern („campesinos“)
mit weniger als 5 ha, die das Land mit den
Grundnahrungsmitteln Mais und Bohnen
versorgen.
Weg in die Abhängigkeit
Bereits vor Inkrafttreten von NAFTA, gin-
gen 75,4 % der Exporte des mexikani-
schen Agrarsektors in die USA, und 69 %
des Imports kamen von da. Mit dem Ab-
kommen erhöhte sich diese empfindliche
Abhängigkeit vom ungleichen Nachbarn:
Während es sich bei den mexikanischen
Lebensmittel-Exporten hauptsächlich um
Bier, Tequila, Tomaten, Chili, Gemüse und
Früchte handelt (produziert von etwa
500,000 mittleren und großen Produzen-
ten), konzentrieren sich die Importe auf
die Grundnahrungsmittel wie Mais, Soja,
Reis, Weizen, Milch, Speiseöl, Rind- und
Schweinefleisch sowie Geflügel. Mexi-
ko hat damit nicht nur die Kapazität zur
Selbstversorgung verloren, sondern ander-
seits haben die Importe auch verheerende
Effekte auf die mexikanische Landbevölke-
rung, unter ihnen etwa 3 Mio. Campesinos
(Kleinbauern) die sich dem Maisanbau
widmen.
Ein Ausschnitt aus einem der berühmten monumentalen Wandbilder von Diego Rivera im Palacio Nacional in
Mexiko-Stadt, in denen die Geschichte der Mexikanischen Kultur anschaulich dargestellt ist (Foto: R. Hübner).
VWU-Mitteilungen 111 15
Die NAFTA sah ursprünglich für die Grund-
nahrungsmittel Mais und Bohnen eine
14-jährige Übergangsfrist vor, mit Einfuhr-
beschränkungen und hohen Einfuhrzöllen,
sollten diese überschritten werden. Nichts-
destotrotz beschloss die mexikanische Re-
gierung unter Zedillo 1996 die Erhöhung
dieser Beschränkung auf das 3-fache, ohne
jegliche Schutzzölle. 2008 wurden Zölle
auf Mais, Bohnen, Zucker und Milchpulver
gänzlich abgeschafft.
Die steigenden Importe sind nicht per se
ein Zeichen von fehlender Eigenprodukti-
on oder Preisunterschieden. In manchen
Jahren war der Import-Preis sogar höher
als der Inlandspreis, aber die Initiative der
US-Regierung „Commodity Credit Cor-
poration“ (CCC) ermöglicht verschiedene
finanzielle Mechanismen zur Export-Un-
terstützung, wie z.B. attraktive Kreditan-
gebote mit langen Laufzeiten. Auf mexi-
kanischer Seite dagegen kommt das sog.
„Subventions-Programm zur Vermarktung
von Überschüssen“ durch Unterstützung
von Lagerung, Transport und Export fast
ausschließlich großen Firmen zu Gute.
Die mangelnde Unterstützung durch die
mexikanische Regierung für die Landbe-
völkerung zeigt sich v.a. auch im politi-
schen Bereich, z.B. in der Verneinung ne-
gativer Folgen das NAFTA Abkommens.
Während Länder wie Brasilien, Kanada und
Argentinien vor der WTO gegen die hohen
US-Agrarsubventionen für Maisanbau
klagten, nahm die mexikanische Regie-
rung nie an solcherlei Initiativen teil.
Im Falle der Grundnahrungsmittel wie
Mais, Weizen, Reis und Soja kam es zu
einer ausgeprägten Konzentration von
Marktmacht in Händen weniger multina-
tionaler Firmen die auf beiden Seiten der
Grenze agieren. Diese Firmen fungieren
gleichzeitig als Direkteinkäufer, Händler
und Maismehl-Produzenten.
Die Konzentration einer ressourcen- und
kapitalintensiven Landwirtschaft in we-
nigen Regionen v.a. Nord- und Zentral-
Mexikos resultierte nicht zuletzt aus einer
extremen Übernutzung der lokalen und
regionalen Grundwasserressourcen.
Die Folgen: Künstliche Knappheit durch
Spekulation
Was verursachte also den extremen Preis-
anstieg für Mais, der Anfang 2007 die Tor-
tilla-Krise bewirkte?
Der interne Preisanstieg innerhalb Mexi-
kos hatte sich deutlich vom Weltmarkt-
preis abkoppelt. Die angebliche plötzliche
Knappheit des Getreides war jedoch nicht
nachvollziehbar: Stattdessen verzeichnete
Mexiko 2006 eine Rekordproduktion von
21,9 Mio. t Mais, und zusätzlich ein Rekord-
Import-Volumen von 10,3 Mio t (davon
254.000 t Körnermais).
Ein Aspekt könnte sein, dass Firmen mit
großer Marktmacht auf steigende Welt-
marktpreise unter anderem aufgrund
des sich abzeichnenden Ethanol-Booms
in den USA – spekuliert haben. Sie kauf-
ten die Ernte der Maisproduktion 2005/06
zu günstigen Preisen (1.450 1.760 Pesos)
und beließen diese in den Lagerhäusern.
Im Zuge der gestiegenen Weltmarktprei-
se und einer künstlichen Verknappung
durch sie selbst verursacht – verkauften
sie diesen Mais Anfang 2007 zu Höchst-
preisen von 3.000 – 3.500 Pesos, und fuh-
ren so Milliarden-Gewinne ein. Zur selben
Zeit exportierten jene Firmen, gestützt
durch Subventionen der mexikanischen
Regierung, mexikanischen Körnermais zu
günstigen Preisen an ihre Produktionsstät-
ten in den USA und nach Südamerika (z.B.
1,5 Mio. t Mais der Herbst-Winter-Ernte aus
dem Bundesstaat Sinaloa), ausnutzend,
dass in den USA der gestiegene Bedarf an
Ethanol-Mais die Körnermais-Produktion
verringert hatte. Auch die Verquickungen
der Grundnahrungsmittel- und Energie-
produktion wirken zum Teil abenteuerlich:
Zwei der ganz Großen auf dem mexikani-
schen Mais-Markt sind ganz maßgeblich
im US-Ethanol-Business involviert.
Die Reaktion der mexikanischen Regierung
auf die Tortillakrise war exemplarisch:
Zwar profilierte sich die Regierung, indem
sie einen vorübergehenden Höchstpreis
für Tortillas festlegte, aber das Notfallpa-
ket des Präsidenten sah vor allem auch ge-
steigerte Importe aus den USA vor.
Die spärlichen Hütten einer Bauernfamilie schmiegen sich idyllisch an den Berghang – der Alltag der Campe-
sinos ist geprägt von harter Arbeit und hungrigen Mägen (Foto: R. Hübner).
16 VWU-Mitteilungen 111
Mittelfristige Folgen für Konsumenten
und Landwirte
Die Gewinner der Krise sind ihre Verursa-
cher, sogar im doppelten Sinne: Neben den
Rekordgewinnen die sich die transnatio-
nalen Firmen „erspekulierten“, brachte das
Jahr 2007 nebenbei auch einen größeren
Marktanteil für die zwei großen Mais-
mehlproduzenten des Landes. Während
die etwa 3.000 kleinen und traditionellen
Produzenten von Maismasse (nixtamal)
für Tortillas gezwungen waren, ihre Prei-
se drastisch zu erhöhen (viele von ihnen
kaufen von den großen Maismehlprodu-
zenten), werden die aus Maismehl her-
gestellten Tortillas vorwiegend in großen
Supermärkten wie Walmart verkauft. Da
diese über eine weit breitere Gewinnspan-
ne verfügen, konnten sie die Tortillas wäh-
rend der Krise deutlich unter dem festge-
legten Höchstpreis verkaufen. In der Folge
stieg der Anteil abgepackter Fertig-Tortil-
las (d.h. nicht traditionell durch Nixtama-
lisation hergestellt) am Gesamtverbrauch
deutlich an.
Für die Campesinos bedeutete die Krise
einen handfesten Anstieg der Kosten für
Betriebsmittel, wie Samen, Dünger, Pflan-
zenschutz, da ihre Zulieferer mit dem Ar-
gument der hohen Maispreise auch selbst
ihre Preise erhöhten. Stattdessen fiel der
Erzeugerpreis für Mais durch den Weg-
fall der Schutzzölle und Importbeschrän-
kungen für Mais und Bohnen im Rahmen
von NAFTA. Die Erzeugerpreise für Mais
verringerten sich von 1993 bis 2007 um
51 %. Der Verbraucherpreis von Tortillas
stieg um 126 %. Die Konsumenten sind
die Leidtragenden, denn neben teureren
Tortillas mussten auch Fleisch-, Milch- und
Geflügelproduzenten ihre Preise erhöhen.
Grund waren wiederum gestiegene Mais-
Kosten.
Resümee und Ausblick
Im Beitrag wurden die Auswirkungen ei-
nes Freihandelsabkommens zwischen
zwei sehr unterschiedlichen Nachbarn dis-
kutiert. Es ist offensichtlich, dass die 3 Mio.
mexikanischen Campesinos (< 5 ha Fläche,
2,5 – 5,6 t/ha), die sich trotz Landflucht
noch dem Maisanbau widmen, unmöglich
mit den hoch-technisierten und subven-
tionierten US-Landwirten (270 ha Fläche,
8,6-10 t/ha) konkurrieren können.
Darüber hinaus gebieten der zunehmende
Druck auf die Ressourcen, insbesondere
durch die Degradation der Böden und die
Übernutzung der Wasservorkommen, die
Armut der Landbevölkerung, der Traditi-
onsverlust und nicht zuletzt die gestie-
genen Herausforderungen im Zuge des
Klimawandels, zusätzlichen Handlungsbe-
darf. Letztlich stehen die angesprochenen
Probleme in den ländlichen Regionen Me-
xikos stellvertretend für die Probleme in
vielen Ländern der so genannten „Dritten
Welt“.
Aber es gibt durchaus auch Erfolge der
Protestbewegung zu vermelden. So wur-
den 2011 von den Provinzregierungen der
beiden Bundesstaaten Tlaxcala und Mi-
choacán Gesetze zur Förderung und zum
Schutz der einheimischen Maissorten ver-
abschiedet.
Rico Hübner, M.Sc., und Stefanie Kralisch, M.Sc.
Anmerkung:
Rico Hübner beschäftigt sich mit internationalen
Aspekten der Bioenergienutzung. Im Rahmen
seiner Zeit am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des
Landbaues konnte er mehrfach eigene Erfahrungen
in Mexiko sammeln. Stefanie Kralisch untersucht
die Gründe für die Übernutzung von Grundwasser-
ressourcen in Mexiko und arbeitet am Karlsruher
Institut für Technologie (KIT).
Quellen
Cruickshank, S. (2008): TLCAN – Amenaza u oportu-
nidad para millones de agricultores? La Jornada del
Campo, Suplemento Informativo de La Jornada, No.
4, S.6.
de Ita, A. (2007): Catorce Años de TLCAN y la Crisis de
la Tortilla. Centro de Estudios para el cambio en el
Campo Mexicano, Ceccam.
FAO (2009): La FAO en México – Más de 60 años de
cooperación, 1945-2009.
Rudiño, L. E. (2008): Un hecho, los estragos de a libe-
ralización maicera del TLCAN. La Jornada del Campo,
Suplemento Informativo de La Jornada, No. 4, S. 18.
Eine Mais-Händlerin in einer Markthalle in Mexiko-Stadt hofft auf ein gutes Geschäft. Mais ist ein integraler
Bestandteil der mexikanischen Kultur. Keine Mahlzeit ist komplett ohne eine Tortilla, selbst in den großen
Städten (Foto: R. Hübner).
VWU-Mitteilungen 111 17
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Un hecho, los estragos de a liberalización maicera del TLCAN. La Jornada del Campo
  • L E Rudiño
Rudiño, L. E. (2008): Un hecho, los estragos de a liberalización maicera del TLCAN. La Jornada del Campo, Suplemento Informativo de La Jornada, No. 4, S. 18.
Keine Mahlzeit ist komplett ohne eine Tortilla, selbst in den großen Städten
  • Bestandteil Der Mexikanischen Kultur
Bestandteil der mexikanischen Kultur. Keine Mahlzeit ist komplett ohne eine Tortilla, selbst in den großen Städten (Foto: R. Hübner).