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Fritz Krafft: Das weitverbreitete Andachtsbild 'Christus als Apotheker'. Eine aus Schlesien initiierte Visualisierung der 'Theologia medicinalis'.

Authors:
Das weitverbreitete Andachtsbild ‚Christus als Apotheker‘
Eine aus Schlesien initiierte Visualisierung der
Theologia medicinalis
von Fritz Krafft
Vortrag, gehalten am 7. Februar 2006 innerhalb der Ringvorlesung „Gestalten und
Ereignisse der schlesischen Geschichte, Kultur und Wissenschaft“ des Gerhard-Mö-
bus-Instituts für Schlesienforschung an der Universität Würzburg im
Wintersemester 2005/2006
Preprint
(Eingereichte Fassung, nicht identisch mit der Druckausgabe in:)
Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 50 (2009),
215–260 mit Abb. 7–20
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Fritz Krafft, Schuetzenstrasse 18, D-35096 Weimar (Lahn)
krafft@staff.uni-marburg.de
- 1 -
Krafft-Nr.679
{/
215
} Aus dem Nachlass eines Marburger Sammlers kam 1969 ein fast unscheinbares
Öltafelbild in das Marburger Universitätsmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, das
wegen seiner Nachwirkungen und seines Einflusses zu den ganz großen zu zählen ist
– weniger in der Geschichte der hohen Kunst als in der Volkskunst, und weniger auf-
grund seiner künstlerischen Qualität als mit seinem Vorschlag einer Visualisierung der
christlichen ‚Theologia medicinalis‘ durch eine Verknüpfung mit dem schon von Mar-
tin Luther so genannten Heilandsruf aus dem Matthäus-Evangelium (11, 28): „Kommt
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“
Das Sujet bedient sich dazu nicht des sich vordergründig anbietenden Christus als
Wunderheiler oder heilender Arzt, sondern stellt in Form eines emblematischen Sinn-
bildes erstmals Christus als Apotheker in der Himmelsapotheke dar und eröffnet damit
eine bis in unsere Tage währende Tradition. Inzwischen sind mir bereits über 160
noch erhaltene Beispiele seit diesem Bild von 1619 bekannt geworden; sie haben später
meist die Form eines Andachtsbildes.
Bild 1: Michel Herr: Christus als Apotheker in der Himmelsapotheke (Nürnberg 1619 – Öl
auf Kupfer, 26,6 x 35 cm; Marburg, Universitätsmuseum für Kunst und Kulturgeschichte).
1 H
EIN
Bild Nr. 110 in dem inzwischen überholten Verzeichnis bei Wolfgang-Hagen Hein:
Christus als Apotheker. 2. Auflage, Eschborn 1992 (= Monographien zur pharmazeu-
tischen Kulturgeschichte, 3), S. 15–20; K
RAFFT
Exponat A–01 in dem Katalogband Fritz
Krafft: Christus ruft in die Himmelsapotheke. Die Verbildlichung des Heilandsrufs durch
Christus als Apotheker. Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Museum Alto-
münster (29. November 2002 bis 26. Januar 2003). Mit Beiträgen von Christa Habrich
und Woty Gollwitzer-Voll. Stuttgart 2002 (= Quellen und Studien zur Geschichte der
Pharmazie, 81), S. 136–139. – Erstmals auf das Bild hingewiesen haben Wolfgang-Hagen
Hein / Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Ein Christus als Apotheker-Bild von Michael Herr aus
dem Jahre 1619. Beiträge zur Geschichte der Pharmazie 27 (1975), Nr. 3, 19–21.
- 2 -
Schauen wir uns das Bild näher an (Bild 1)
1
. Dargestellt ist eine an einer Hausecke
gelegene Apotheke. Durch Hochklappen der Fensterläden ist sie nach beiden Straßensei-
ten hin geöffnet. Über die als Abgabetresen {/
216
} dienende Fensterbank hinweg llt der
Blick auf einen dahinter stehenden Apotheker bei einer damals typischen Tätigkeit, dem
Abwiegen einfacher Arzneimittel für eine nach ärztlichem Rezept individuell herzustel-
lende Medizin. Den Hintergrund der Offizin bildet ein sogenanntes Repositorium mit
Standgefäßen, deren Signaturen allerdings nur angedeutet sind. Rechts blickt man durch
beide Fensteröffnungen auf die Renaissance-Fassade des Nürnberger Rathauses.
Was gegenüber anderen zeitgenössischen Apotheken-Darstellungen sofort auffällt,
ist das zahlreiche Publikum, das Offizin und Apotheker regelrecht belagert. Sieht man
von den beiden sich dem Betrachter zuwendenden Personen links im Vordergrund ab
der jungen Frau mit Kind, die ihren Medizintrank bereits erhalten hat, und dem
jungen Mann, der sein Rezept noch in der Hand hält –, so ist dieses Publikum durch
Attribute und Kleidung als ein für die Zeit der Bildentstehung höchst ungewöhnliches
gekennzeichnet: Es sind Arme und Bettler, Kranke, Aussätzige und Krüppel, Perso-
nen, die damals nie hätten einen Arzt für ein Rezept konsultieren und teure Arzneien
in einer Apotheke hätten erwerben können – allerhöchstens in einer der Klosterapo-
theken, die gelegentlich Arzneien auch kostenfrei an Bedürftige abgaben. Aber hier
handelt es sich um eine öffentliche Apotheke in einer lutherischen Stadt.
Das Publikum erwartet denn auch keine ärztliche Behandlung, sondern individuell
bereitete Arzneien, und zwar ohne Rezept; denn der Apotheker ist gleichzeitig der
Arzt. Ein Rezept hat nur der junge Mann aus der kleinen Gruppe links im Vorder-
grund vorzuweisen, die aber einer anderen gesellschaftlichen Schicht angehört. – Das
Rezept weist aber in dieselbe Richtung und enthält eher eine Bitte denn die Auffor-
derung ‚recipe!‘. Es lautet: „Mein Hoffnung zu Gott [...] hilff mir ...“ Auf dieses ‚mir‘
beziehen sich dann die Initialen „M H“, die aufgelöst werden durch das Maler-Signet
auf der Innenseite der von zwei Engelknaben hoch gehaltenen rechten Lade. Hier
folgt einem Vers aus dem Lukas-Evangelium (17, 13b: „Jesus Liber Maister erbarme
dich Unser“) Datierung und Maler-Signet: „Michel Herr hat es gefertigt in Nürnberg
am 7. Februar 1619“.
2 Zu Michel Herr siehe Silke Gatenbröcker (a): Michael Herr. Ein Künstler zwischen Ma-
nierismus und Barock – Katalog der ausgestellten Werke. In: Michael Herr 1591–1661
[Ausstellung anlässlich seines 400. Geburtstages im Rathaus der Stadt Metzingen vom 15.
November bis 4. Dezember 1991], hrsg. von der Stadt Metzingen. Metzingen 1991, S.
11–28 und 57–116, sowie dies. (b): Michael Herr (1591–1661). Beiträge zur Kunstge-
schichte Nürnbergs im 17. Jahrhundert. Mit Werkverzeichnis. Münster 1996 (= Uni Press
Hochschulschriften, 76).
- 3 -
Dieser Michel (oder: Michael) Herr war ein bekannter protestantischer Maler, der
auch als Zeichner und gesuchter Bibelillustrator hervortrat. 1591 im protestantischen
Metzingen bei Reutlingen geboren, war er nach einer Malerlehre in Stuttgart 1610 nach
Nürnberg gekommen, wo er, längere Zeit nur 1614/15 von einer Italienreise unterbro-
chen, bis zu seinem Tod im Jahre 1661 wirkte, zuerst als Geselle, ab 1622 als Meister
und Bürger.
2
{/
217
}
Das Gemälde stellt kein bloßes Genrebild dar, vielmehr ein allegorisches Sinnbild.
Hinter der realen Szenerie der dargestellten Bildebene mit einer jedem Betrachter von
außen bekannten Apotheke ist aus besonderen Symbolen und Zeichen, die ihm eben-
falls geläufig sind, eine zweite, sinngebende Bildebene zu erschließen; und in dieser ist
der jenseits der Fensterbank Agierende nicht mehr ein gewöhnlicher Apotheker. Heili-
genschein und der für Christus-Darstellungen übliche, antikisierte Überwurfmantel in
einer der Herrschaftsfarben kennzeichnen ihn vielmehr als den Heiland Jesus Christus;
und auch der Blick in die Offizin eröffnet Ungewöhnliches, wenn der Betrachter ein-
mal für die Zeichen der zweiten Sinnebene sensibilisiert ist:
Da sind zwar an einem Nagel am Mittelpfosten erledigte Rezepte aufgespießt, da
steht darunter auf dem Tisch ein in vier Fächer unterteilter offener Kasten (mit Löf-
fel), wie er damals zum Anbieten von Gewürz-Proben üblich war, und da befinden
sich auf dem mit grünem Tuch bedeckten altarartigen Seitentisch eine zum Teil ge-
füllte Arzneiflasche, eine Pillenschachtel und Schreibzeug aber auf dem Tisch
stehen auch die mosaischen Gesetzestafeln, die hier die Stelle des für die Rezepturen
zu beachtenden amtlichen Arzneibuchs einnehmen; und auch andere Gegenstände
sind eindeutig in die analoge Sinnebene einer Himmelsapotheke transferiert worden:
So enthalten laut Signaturen die links und rechts auf dem Rezepturtisch an der Fen-
sterbank stehenden hohen Holzbüchsen keine Arzneidrogen gegen leibliche Be-
schwerden, sondern Liebe, Glaube und Hoffnung, die drei christlichen Kardinal-
tugenden der paulinischen Tradition, und somit Seelenarzneien. Auch was der Apo-
theker Christus dem aufgerollten Sack entnimmt und auf die Waage legt, um damit
das apothekenübliche Einsatzgewicht auf der anderen Waagschale aufzuwiegen, sind
keine Kräuter oder sonstigen Drogen, sondern kleine Kreuze, Sinnbilder des eige-
nen, zur Erlösung der an ihn glaubenden Menschen mit seinem Opfertod ertragenen
Leids und des Leids, das dem Gläubigen als dessen eigenes ‚Kreuz‘ zur Prüfung und
3 Die Bibelverse werden hier in der Übersetzung Martin Luthers nach der Ausgabe letzter
Hand von 1545 zitiert, weil nicht feststellbar ist, welche zeitgenössische Ausgabe jeweils
von den Malern benutzt wurde, wenn sie die Texte nicht sowieso einfach ihrer jeweiligen
Bildvorlage entnommen haben. – Siehe Biblia: das ist: Die gantze Heilige Schrifft:
Deudsch Auffs new zugericht. D. Mart. Luth. Begnadet mit Kurfürstlicher zu Sachsen
Freiheit. Gedruckt zu Wittemberg / Durch Hans Lufft. MDXLV; Neu-Ausgabe: D.
Martin Luther, Die gantze Heilige Schrifft Deudsch, Wittenberg 1545. Letzte zu Luthers
Lebzeiten erschienene Ausgabe. Hrsg. von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke.
Textredaktion Friedrich Kur. 2 Bände mit Ergänzungsheft [Anhang und Dokumente],
München und Darmstadt 1972.
- 4 -
Stärkung seines Glaubens auferlegt wird. Gleichzeitig offizinelle und christlich-sym-
bolische Funktion verkörpern dagegen die in einer Glasvase neben den Gesetzestafeln
stehenden Blumen.
Gestützt wird die erschlossene Sinnebene weiterhin durch vier ‚Bilder im Bild‘ mit
Szenen aus Christi Leben und Wirken – links außen die Geburt und rechts außen die
Himmelfahrt, in der Mitte links die Auferstehung, unter {/
218
} die auf den Mittelpfo-
sten Worte Christi aus dem Johannes-Evangelium (12, 25) geschrieben sind: „ich bin
die Auferstehung und das leben / wer an mich glaubet der wird leben [ob er gleich
stürbe].“ In der Fensterlaibung daneben hängt ein Bild des Guten Hirten, Sinnbild für
die Lebenseinstellung und -aufgabe des Heilands und eines jeden christlichen Seelsor-
gers in seiner Nachfolge.
Das wohl auffälligste Kennzeichen dieser ,geistlichen‘ oder ,Seelen-Apotheke‘
Christi als „apothecarius coelestis“ ist jedoch die rot-weiße Triumphfahne, die an
einem frisch ausschlagenden, also zu neuem Leben erweckten hölzernen Kreuzstab
wieder von zwei geflügelten Engelknaben über Christus gehalten wird. Auf ihr wird
der Heiland mit seinem emblematisch in der apothekarischen Handlung zusammen-
gefassten Heilswerk in einer Inschrift charakterisiert, die aus miteinander syntaktisch
verbundenen Bibelzitaten als Versatzstücken zusammengesetzt ist. Der Text lautet [//
bedeutet Zeilenumbruch]:
„Ich Bin der Herr dein // Artzt, dein heiland, // Vnd ein Meister Zuhilf // Der all
dein gebrechen // heilet, Exod 15 // ESA 45, 60, 63 // PSALM 103. // Die starcken
[be]dörffen deß Artztes nicht // Sundern die Krancken, darumb kompt // alle Zu
mir die ihr miehselig Vnd // Beladen seit, Jch will euch erquicken. // Kompt Her
Vnnd kaufft ohne gelt, // Vnnd umb sunst. Math. 9. 11 // Esa 55, // Johan: 7.“
Die vollständigen Texte der Verse und Versteile, die hier natürlich mit anklingen
sollen, lauten in Martin Luthers Übersetzung
3
[die von Herr wörtlich zitierten Passagen
sind unterstrichen]:
(1) Exodus 15, 26: Jch bin der Herr dein Artzt.
(2) Jesaja 45, 5, 6 und 18: Jch bin der Herr / vnd sonst [ist] keiner mehr.
4 Siehe hierzu Margarete Stirm: Die Bilderfrage in der Reformation. Gütersloh 1977, neu-
erdings etwa Johann Anselm Steiger: Martin Luthers allegorisch-figürliche Auslegung der
Heiligen Schrift. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 110 (1999), 331–351; Annelore Rieke-
Müller: Die Rezeption der humanistischen Gedächtnislehre bei Luther: Natur, Kunst und
Konfession. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 26 (2003), 113–128.
- 5 -
(3) Jesaja 60, 16 b: Auff das du erfarest / das ich der Herr bin / dein Heiland /
vnd ich der Mechtige in Jacob / bin dein Erlöser.
(4) Jesaja 63, 1: Ich bins / der Gerechtigkeit leret / vnd ein Meister bin zu helffen.
{/
219
}
(5) Psalm 103, 2/3 [in Luthers Psalmenzählung]: Lobe den Herrn meine Seele /
Vnd vergiss nicht was er mir Guts gethan hat. [3] Der dir alle deine Sünde
vergibt / Vnd heilet alle deine Gebrechen.
(6) Matthäus 9, 12: Die Starcken dürffen des Artztes nicht / Sondern die krancken.
(7) Matthäus 11, 28/29: Kompt her zu mir / alle die jr müheselig vnd beladen seid
/ Jch will euch erquicken. [29] Nemet auff euch mein Joch / vnd lernet von
mir / Denn ich bin Senfftmütig / vnd von hertzen Demütig / so werdet jr Ru-
ge finden fur ewre Seele.
(8) Jesaja 55, 1: Wolan alle die jr Dürstig seid / komet her zum Wasser / Vnd die
jr nicht Gelt habt / kompt her / keuffet vnd esset / Kompt her vnd keufft on
gelt vnd vmb sonst / beide wein vnd milch.
(9) Johannes 7, 37/38: Wen da dürstet / der kome zu mir / vnd trincke. [38] Wer
an mich gleubet / wie die Schrifft saget / von des Leibe werden ströme des
lebendigen Wassers fliessen.
(10) (Mittelpfosten zum Bild der Auferstehung) Johannes 11, 25/26: Ich bin die
Aufferstehung vnd das Leben / wer an Mich gleubet / der wird leben / ob er
gleich stürbe / [26] Vnd wer da lebet vnd gleubet an mich / der wird nimer
mehr sterben.
(11) (Bild des Guten Hirten) Johannes 10, 12: Jch bin ein guter Hirte. Ein guter
Hirte lesset sein Leben für die Schafe.
Text und Darstellung sind eng aufeinander bezogen: Nicht die Starken und Rei-
chen, sondern die Schwachen und Kranken strömen herbei und belagern den Heiland
regelrecht. Sie alle erhalten ,Erquickung‘ und Vergebung der Sünden, weil der ,himmli-
sche Apotheker‘ kein Geld nimmt, sondern seine Arzneien kostenfrei abgibt, wie der
letzte Satz auf der Fahne mit Jesaja 55, 1 verkündet.
Das Bild entspricht damit den Forderungen, die Martin Luther an reformatori-
sches Bildgut gestellt hatte und die in der Folge in der protestantischen Orthodoxie
auch weitgehend umgesetzt wurden
4
: Jeweils gestützt auf eine Verbindung von Wort
und Bild, soll danach die Ikonographie Jesus Christus nicht als Schmerzensmann und
Leidenden oder als Weltenrichter darstellen, sondern lieblich und als Freund und Erlö-
ser der Menschen, besonders der Armen und Kranken; sie soll der Illustrierung und
5 Auf katholischen Bildern in einigen Fällen in Anlehnung an die seit Johan Dietenbergers
deutscher Übersetzung (1534, 1540 überarbeitet, dann sehr häufig in dieser Form gedruckt)
kanonische Formulierung der katholischen deutschen Bibel: „Kompt her zu mir alle die ir
mit mühe vnd arbeit belade¯ seyt / [vnd] ich wil euch erquicken.“ Die Bilder sind zu-
sammengestellt in Krafft (wie Anm. 1), S. 38, Fn. 7; zu ergänzen ist das erst später bekannt
gewordene Bild in der Kräuterapotheke des Fränkischen Freilandmuseums Bad Winds-
heim. Siehe Biblia, beider Allt vnnd Newes Testamenten / fleissig / treülich vn¯ Christlich
/ nach alter / inn Christlicher Kirchen gehabter Translation / mit außlegung etlicher dun-
ckeler ort / vnnd besserung viler verrückter wort vnd sprüch / so biß anhere inn anderen
kurtz außgegangnen theutschen Bibeln gespürt vnd gesehen. Durch D. Johan Dietenberger
/ new verdeutscht. Gott zu ewiger ehre / vnnd wolfarth seiner heiligen Christlichen
Kirchen. Mit Röm. König. Ma. Gnad vnd Freyheyt / Getruckt zu Meyntz [Peter Jordan für
Peter Quentel] Im jar nach Christi Gepurt XV
c.
XXXIIII [=1534]; Biblia, beider Allt vnnd
Newes Testamente¯ / fleissig / treülich vn¯ Christlich / nach alter / in Christlicher Kirche¯
gehabter Translation / mit außlegung etlicher dunckeler ort / vnnd besserung vieler ver-
rückter wordt vnd sprüch / so biß anhere in andern kurtz außgegangne¯ theutschen Bibeln
gespürt vnd gesehen. Durch D. Johā Dietenberger / Zum andern mall Corrigeret vn¯
verbessert in sÿnen leben. Anno M.D.XL. Augstmänt. [Köln: Alopecius, 1540]. Ab der
zweiten Ausgabe werden die Psalmen wieder nach der Vulgata gezählt, während die erste
Ausgabe Martin Luthers abweichende Zählung übernommen hatte – und damit verdeut-
licht, wie stark Dietenberger sich in seiner Übersetzung an Luther anlehnte.
- 6 -
Erklärung der Worte {/
220
} Christi und anderer Aussagen der Bibel dienen, damit der
Betrachter sie sich besser einprägen kann; und sie soll schließlich das Alte Testament
als prophetische Hinführung zum Geschehen des Neuen Testaments deuten wie hier
durch die syntaktische Verknüpfung von Jesaja-Vers und Christi Worten aus dem
Matthäus-Evangelium, worauf Luther durch einen Marginalverweis vom Jesaja-Vers
auf den hier nur genannten Vers Johannes 7, 37 bereits selbst hingewiesen hatte.
Der Matthäus-Vers, den die Triumphfahne des Herr-Bildes in der Übersetzung Lu-
thers zitiert, findet sich übrigens, sieht man von einigen selbständig gestalteten Bildern der
letzten fünfzig Jahre ab, mit wenigen technisch bedingten Ausnahmen auf allen Bildern
mit dem Motiv ‚Christus als Apotheker‘, und zwar selbst auf eindeutig katholisch ori-
entierten meist in Martin Luthers Übersetzung
5
. Hierin äußern sich ja auch keine konfes-
sionellen Merkmale, wenn es auch ein Indiz dafür ist, dass die Herkunft des Bildmotivs in
protestantischem Umfeld zu suchen ist. Die in diesem schon von Luther so genannten
Heilandsruf artikulierte Werbung Christi, seiner Gemeinschaft in Gott, seinem Vater, bei-
zutreten, begründete und begründet vielmehr letztlich immer wieder neu das Evangelium
und die Christenheit als diese Gemeinschaft; und zur veranschaulichenden Umschreibung
dessen, was der Gläubige in dieser Gemeinschaft zu erwarten hat, ist schon im Neuen
Testament auf der Grundlage der rational-wissenschaftlichen Medizin des {/
221
} Hellenis-
mus metaphorisch auf das Inhalts- und Begriffsfeld Arzt/Arznei/Apotheke zurück-
gegriffen und Christus in Konkurrenz zum antiken Heilgott Asklepios zum ‚Heilenden‘
schlechthin, zum ‚Heiland‘ gemacht worden.
6 Siehe zuletzt Johann Anselm Steiger: Medizinische Theologie. Christus medicus und
Theologia medicinalis bei Martin Luther und im Luthertum der Barockzeit. Leiden/
Boston 2005 (= Studies in the History of Christian Traditions, Vol. CXXI).
7 Siehe Walter L. Strauss (Hrsg.): Hendrik Goltzius 1558–1617: The Complete Engravings
and Woodcuts. 2 Bände, New York 1977, S. 70/71 (Nr. 25 = Blatt 3 der Serie). Die
anderen Kupferstiche der Serie stellten dar: Annunciatio (1), Infantia Christi (2), Exempla
virtutum (4), Passio Christi (5) und Resurrectio Chri[sti] (6).
8 Tove Jørgensen / Vivi Jensen / Poul Dedenroth-Schou: Skt. Nikolaj Kirke Kolding. Kol-
ding 1987, S. 107–118.
9 Dieter Pust (hg. Kirchengemeinde St. Marien, Flensburg): Der St.-Marien-Altare von
1598. Flensburg 1998.
- 7 -
Die metaphorische Verknüpfung des Heilswerks Christi mit dem genannten Be-
griffsfeld, Theologia medicinalis genannt
6
, erfuhr bei Martin Luther und in der luthe-
rischen Orthodoxie des 16. und 17. Jahrhunderts dann eine neue, detailreich ausge-
schmückte Blüte. Sie fand Eingang in die erklärenden Texte umfangreicher Predigten
und Predigt-Reihen sowie in die Trostbuch- und Erbauungsliteratur einschließlich der
spezifisch lutherischen Literaturgattung der Leichenpredigten, aber auch in Auslegun-
gen des deuterokanonischen Buches Jesus Sirach.
Für ihre sinnbildliche Visualisierung bedurfte es dann natürlich der Vorliebe des
Barock für Emblematik und Allegorese und deren methodischer Perfektionierung. So
verwundert es nicht, dass selbst eine Verbildlichung des schon immer mit dem Be-
griffsfeld der Medizinischen Theologie verbundenen Heilswerks Christi durch ihn als
Arzt trotz der Benennung und trotz seinem Agieren als Heiler im Neuen Testaments
auch erst im 16. Jahrhundert auftrat. Dabei wurde seine Arzt-Eigenschaft, wenn nicht
durch die heilende Tätigkeit selbst, in der Regel durch das ikonographisch als Kenn-
zeichen des Arztes dienende Urinal in einem Tragekorb oder bei der Harnschau in
Christi Hand symbolisiert. Am bekanntesten ist (und war wohl auch) der Stich mit den
‚Miracula Christi‘, den Wunderheilungen, aus einer Serie von sechs emblematisch aus-
geschmückten Kupferstichen mit Darstellungen aus Christi Leben des niederländi-
schen katholischen Kupferstechers und Malers Hendrick Goltzius von 1578 (Bild 2a).
7
Hier stellt die sich um ein Kreuz windende Äskulapschlange die Verknüpfung von
Christus und Arzt dar. Der Stich wurde sogar auf protestantischen Altarbildern in der
Nikolai-Kirche im dänischen Kolding (1589/90)
8
und in der Marien-Kirche in Flens-
burg (1595/98 durch Jan van Enum)
9
kopiert – auf letzterem detailgetreuer mit Geld-
beutel, Schwein (Genusssucht) und Kröte (Habsucht) {/
222
} als Symbolen mensch-
licher Leidenschaften in dem zum gläsernen Herzen stilisierten Urinal (siehe Bild 2b),
während in Kolding die Urinal-Tragetasche weggelassen und die diagnostische Harn-
schau zu einer Prüfung auf „Herz und Nieren“ gemäß Psalm 25, 2 (Vulgata-Zählung)
10 „Scrutans corda [‚Darm‘ für cor /‚Herz‘] et renes deus“; in Psalm 25, 2 heißt es: „Proba
me, Domine, et tenta me; ure renes meos et cor meum.“
- 8 -
Abb. 2: (a) Hendrick Goltzius: Miracula Christi (1578). Kupferstich Nr. 25 bei Strauss (1977);
(b) Jan van Enum: Zentralbild des Marien-Altars der Marien-Kirche zu Flensburg (1595/98)
nach H. Goltzius (1578).
umgedeutet wurde.
10
– Aber dieses Motiv fand keine Nachfolge. Die Harnschau ist
auch ein diagnostisches Instrument, kein therapeutisches, wie es für Christi Heilswerk
erforderlich gewesen wäre.
Wenn auf dem Genrebild Michel Herrs der ‚Heiland‘ dann aber ikonographisch
nicht als Arzt und Heiler (wie ihn das Neue Testament vorgibt), sondern als Arznei
bereitender Apotheker dargestellt wird, dem als Arzneibuch die Bibel dient, so muss
es zuvor zu einer Erweiterung des Begriffsfeld der ‚Medizinischen Theologieum
den Apotheker gekommen sein, weil es zur Zeit der Abfassung der biblischen Bü-
cher den ‚Apotheker‘ als solchen noch gar nicht gegeben hatte. Die Heiligen
Schriften waren zwar schon von dem griechischen Kirchenvater Ioannes Chryso-
stomos im vierten Jahrhundert als „Apotheke der Seelenarzneien“ bezeichnet wor-
den; aber bei ihm war die ποhήκη nαρµάκων, das ‚Pharmaka-Depot‘, noch die
Arzneikammer eines Arztes, hier speziell des Seelen-Arztes Jesus Christus, nicht die
11 Näheres Fritz Krafft: „Die Arznei kommt vom Herrn, und der Apotheker bereitet sie“
– Biblische Rechtfertigung der Apothekerkunst im Protestantismus: Apotheken-Auslucht
in Lemgo und Pharmako-Theologie. Stuttgart 1999 (= Quellen und Studien zur Ge-
schichte der Pharmazie, 76), S. 33–57; Steiger (wie Anm. 6).
12 Siehe Fritz Krafft: „… denn Gott schafft nichts umsonst!“ Das Bild der Naturwissen-
schaft vom Kosmos im historischen Kontext des Spannungsfeldes Gott –Mensch– Natur.
Münster 1888 (= NaturWissenschaft –Theologie. Kontexte in Geschichte und Gegen-
wart, 1), S. 64–74; Ansgar Stöcklein: Leitbilder der Technik. Biblische Tadition und
technischer Fortschritt. München 1969, S. 36–53.
- 9 -
Offizin eines Apothekers.
11
Das sollte sie im Abendland erst nach und nach seit der
Mitte des 13. Jahrhunderts werden, und vorerst auch nur im Bereich größerer Städte.
Zur Zeit Martin Luthers waren die Berufe von Arzt und Apotheker dann aber
bereits getrennt; und ein nahes und wohlbekanntes Beispiel eines Apothekers war für
ihn der befreundete, hoch gebildete und wohlhabende Maler Lucas Cranach d.Ä.,
dessen Reichtum nicht zuletzt auf dem Betreiben einer Apotheke in Wittenberg
beruhte, für die er 1520 ob seiner Verdienste als kurfürstlich-sächsischer Hofmaler ein
Privileg erhalten hatte. So verwundert es nicht, dass Luther, der ja keine historisch kor-
rekte Übersetzung, sondern einen den Zeitgenossen aus ihrem Erfahrungsraum heraus
verständlichen Bibeltext schaffen wollte, 1532 durch eine entsprechende Übersetzung
des 38. Kapitels der Schrift Jesus Sirach anachronistisch den ‚Apotheker‘ in die Bibel
einführte. 1529 war ihm darin sogar der reformierte Protestant Leo Jud vorangegan-
gen; und seit 1534 schloss sich auch die katholische Übersetzung von Johan Dieten-
berger an. Luthers Text von Jesus Sirach 38,7 {/
223
} lautet: „(Der Herr läßt die Arznei
aus der Erden wachsen [das sind also die Heilpflanzen als die Simplicia] ...) Damit heilet
er und vertreibt die Schmerzen, und der Apotheker macht Arznei daraus“. Leo Jud
hatte dagegen den Schluss getreuer übersetzt: „von denen [nämlich bei ihm: den Wun-
dertaten] machet der Apotecker ein vermischung“, während Dietenberger sich noch
enger an die Vulgata halten sollte: „und der Apotecker macht confect der süssigkait /
vnd salben macht er der gesundthait“..
Folglich galten im deutschen Sprachraum seitdem und vor allem dort, wo Luthers
Übersetzung gültig und verbreitet war, nicht mehr nur Arzt und Heilpflanzen, sondern
auch die Kunst des Apothekers durch die Bibel als von Gott erschaffen und dem
Menschen verliehen. Die Apothekerkunst war damit anderen Künsten gleichgestellt,
für deren Anwendung eine entsprechende Rechtfertigung als Ausgleich des durch den
Sündenfall verloren gegangenen Paradieses im Anschluss an Kirchenväter wie Augu-
stinus wieder betont im 16. und 17. Jahrhundert, und da vor allem innerhalb des Prote-
stantismus, vorgenommen wurde.
12
Luther hatte auch von den Kirchenvätern die Vorstellung übernommen, dass die
Heilige Schrift eine Apotheke (geistlicher) Arzneien sei und das Wort Gottes die wich-
13 Belege jetzt bei Steiger (wie Anm. 6), S. 19–23.
14 Steiger (wie Anm. 6), S. 44 f.; Johann Anselm Steiger: Christus als Apotheker bei Martin
Luther. Zugleich ein Beitrag zum Gespräch mit Fritz Krafft. In: Berichte zur Wissen-
schaftsgeschichte 26 (2003), 137–139.
15 WA 23, S. 365, 5-8. – Martin Luther: Werke. Kritische Ausgabe [Weimarer Ausgabe].
Abteilung I: Werke. 61 Bände, Weimar 1883–1983; Abteilung II: Tischreden [bearbeitet
durch Aurifaber]. 6 Bände, Weimar 1912–1921.
16 Steiger (wie Anm. 6), S. 85.
17 Caspar Huberinus: Spiegel der Haustzuchs. Jhesus Syrach genant / Samt einer kurtzen
Außlegung. Für die armen Haußväter / vnd jre gesinde / Wie sie ein gottselig leben / ge-
gen menigklich sollen erzeygen... Nürnberg 1555. – Zu diesem Hausbuch der Medizini-
schen Theologie siehe neuerdings Steiger (wie Anm. 6), S. 98–106.
18 Huberinus (wie Anm. 17), fol. 194r.
19 Huberinus (wie Anm. 17), fol. 195r.
- 10 -
tigste Arznei in der göttlichen Therapie
13
; und er bezeichnete gelegentlich auch schon
Christus als den Apotheker
14
, der dieses Arzneidepot verwaltet und Arzneien heraus-
gibt. Aber auf Jesus Sirach 38 nahm er dabei keinen Bezug; allerdings griff er in seiner
Pestschrift auf Formulierungen seiner Übersetzung zurück, wenn er jenen, die im Ver-
trauen auf Gott nichts gegen ihre Krankheit tun, entgegnet: „Solchs heist nicht Gott
trawen, sondern Gott versuchen. Denn Gott hat die ertzney geschaffen und die ver-
nunfft gegeben, dem leibe für zustehen und sein [zu] pflegen, das er gesund sey und
lebe“
15
. Die medizinische Wissenschaft sei, heißt es anderenorts, ein donum Dei, eine
Gabe Gottes, entsprechend sei der Arzt zu ehren. Und „Luthers Erben haben [dann]
viel Kraft daran {/
224
} gewandt, der Verachtung der Heilkunst aus vermeintlich from-
men Gründen entgegenzuwirken“
16
, und haben sich dazu ausgiebig des 38. Kapitels
des Ecclesiasticus bedient.
Die älteste monographische Sirach-Auslegung stammt von Caspar Huberinus
(1500–1553). Sein 1555 posthum in Nürnberg erschienener Spiegel der Haustzucht
Jhesus Syrach genant
17
versteht sich als Ratgeber „für die armen Haußväter“ und spricht
das Wohl von Leib und Seele gleichermaßen an. Zum 38. Kapitel heißt es, der Arzt sei
wie die Arzneikunst „von Gott dem Herrn selber erschaffen / verordnet / begabet unnd
verlihen“, man dürfe sich deshalb nur an einen professionellen Arzt wenden; zudem ha-
be Gott den natürlichen Geschöpfen die Heilkräfte „eingestiftet“, so dass alle „ihre be-
sondere Natur, Art und Wirkung“ hätten.
18
Damit der Mensch diese schlummernden
Kräfte nutzen könne, habe Gott Medizin und Arzneikunde gestiftet; und ein Christ habe
sie deshalb auch zu nutzen. Aber in erster Linie sollten wir „nach der Geystlichen / vnd
hymlischen / artzney trachten / nemlich / nach dem hymlischen artzet / vnnd Apote-
cker“.
19
Hier wird also in Erweiterung der Ausführungen im 38. Kapitel und in Anleh-
nung an Luthers Andeutungen schon ausdrücklich von Christus auch als ‚himmlischem
Apotheker‘ gesprochen.
20 [Johannes Mathesius:] Syrach Mathesij. Das ist / Christliche, Lehrhaffte / Trostreiche
vnd lustige Erklerung vnd Außlegung des schönen Haußbuchs / so der weyse Mann
Syrach zusammen gebracht vnd geschrieben... 3 Teile, Leipzig 1586.
21 Mathesius (wie Anm. 20), II,
fol. 116r.
22 Mathesius (wie Anm. 20),
II, fol. 120v.
23 Siehe Fritz Krafft: Agricola und die Pharmazie, in: Georgius Agricola – 500 Jahre.
Wissenschaftliche Konferenz vom 25.–27. März 1994 in Chemnitz, Freistaat Sachsen.
Veranstaltet von der Technischen Universität Chemnitz/Zwickau und der Georg-Agri-
cola-Gesellschaft zur Förderung der Geschichte der Naturwissenschaften und der Tech-
nik e.V., hrsg. von Friedrich Naumann. Basel/Boston/Berlin 1994, S. 465–476; wieder
abgedruckt in: Geschichte der Pharmazie. DAZ-Beilage 46 (1994), Nr.3, 25–31, und: Die
Technikgeschichte als Vorbild der modernen Technik. Schriftenreihe der Georg-Agri-
cola-Gesellschaft 19 (1995), S. 60–72.
- 11 -
Ausführlicher und fachgerechter sind die Ausführungen des Luther-Schülers und
-Hausgenossen, Rektors der Lateinschule und Predigers in der lutherischen Diaspora
der böhmischen Bergstadt Sankt Joachimsthal Johannes Mathesius (1504–1565) in sei-
nem dreiteiligen, erstmals 1586 posthum erschienenen, dann aber mehrfach gedruck-
ten Syrach Mathesij
20
. Hier wird der Auslegung des 38. Kapitels, Huberinus’ Gedanken-
gang weiter führend, breiter Raum eingeräumt. Da Gott in die Kräuter Heilkräfte ein-
gesenkt habe, sei es auch sein Wille, dass der menschliche Verstand sich der von Gott
verliehenen Wissenschaft bediene, um diese heilsamen Wirkungen aufzuspüren. Wer
Arznei und Ärzte verachte, sündige deshalb, weil er Gottes Schöpfungsplan missachte.
Gott sei jedoch als oberster Arzt durch das Gebet einzubeziehen; {/
225
} „denn wo
Gott nicht selber mit seinem Worte hilffet vnnd heilet / da schreibt vnnd stellet der
Artzt vergeblich Recept / vnd der Apotecker richtet die Artzney vmb sonst vnnd ver-
geblich zu / vnd wenn der Krancke gleich die gantze Apotecke in sich fresse“.
21
Das 38. Kapitel sei nicht nur ein Loblied auf die medizinische Wissenschaft und
den Ärztestand, sondern auch auf die von Gott dem Menschen verliehene Kunst des
Apothekers. Deren Ausübung befolge ein Gebot der Nächstenliebe, verehre dadurch
zugleich Gott den Schöpfer und sei folglich ein Gottesdienst, so dass der Apotheker
selbst Teil dieses göttlichen Geflechts sei: „Das reden wir zum trost den Apoteckern
[sagt er dann ausdrücklich] / denn ein jeglicher frommer Christ sol gewis sein / das er
in einem Göttlichen vnd ehrlichen beruf ist / in welchem er mit gutem gewissen Gott
anruffen vnd andern dienen könne.“
22
– Mit der öffentlichen Anerkennung des Apo-
thekers scheint es also noch nicht weit gediehen gewesen zu sein, trotz Luthers Über-
setzung des Jesus Sirach und trotz der in Sankt Joachimsthal vom Stadtarzt selbst gut
geführten Apotheke, die wenige Jahre zuvor immerhin ein Georgius Agricola in dieser
Eigenschaft betrieben hatte, der sein ganzes Leben über bemüht war, die antiken
Kenntnisse von den mineralischen Heilmitteln wiederzugewinnen.
23
24 Im einzelnen siehe Krafft (wie Anm. 11), S. 59–74.
25 Bruce T. Moran: The Alchemical World of the German Court. Occult Philosophy and
Chemical Medicine in the Circle of Moritz of Hessen (1572–1632). Stuttgart 1991 (=
Sudhoffs Archiv, Beiheft 29), S. 61, Fn. 31 (ohne Angabe der Quelle); Christian Gottlieb
Jöcher: Allgemeines Gelehrten-Lexicon. Vierte Auflage. Band 2, Leipzig 1750, S. 1382.
26 Über die zahlreichen Ausgaben und Übersetzungen siehe Wilhelm Kühlmann / Joachim
Telle (Hrsgg.): Oswaldus Crollius, De signaturis internis rerum. Die lateinische Editio
princeps (1609) und die deutsche Erstübersetzung (1623). Hrsg. und eingeleitet. Stuttgart
1996 (= Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit, 5), S. 251–297.
27 Wilhelm Ganzenmüller: Das chemische Laboratorium der Universität Marburg im Jahre
1615. In: Angewandte Chemie 54 (1941), 209–228; wiederabgedruckt in ders.: Beiträge zur
Geschichte der Technologie und der Alchemie. Weinheim 1956, S. 314–322.
- 12 -
Eine Gleichstellung des Apothekers mit dem Arzt war durch die scheinbar bibli-
sche Rechtfertigung der Apothekerkunst und des Apothekerstandes also offenbar
noch nicht erreicht. Dazu bedurfte es vor allem noch seiner sozialen Aufwertung; denn
ein ‚Cranach‘ macht noch nicht den Apothekerstand aus, und der stand als Mitglied der
Krämerzunft in denkbar schlechtem Ruf. Es bedurfte einer programmatischen Verwis-
senschaftlichung und gleichzeitigen Akademisierung der Kunst des Apothekers, um
ihn auch sozial dem Arzt gleichzustellen; und das erfolgte, ausgehend von Marburg,
erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts.
24
Hier hatte Johannes Hartmann die erste, 1609
auf sein Betreiben hin speziell für ihn vom Landgrafen eingerichtete {/
226
} öffentliche
Professur für Chymiatria inne und lehrte die Medizin gemäß den zwei Wortteilen des
Begriffs ‚Chym-iatria‘ theoretisch und praktisch auf der Basis sowohl galenischer Hu-
moralpathologie als auch paracelsischer chemischer Arzneibereitung, die er miteinan-
der harmonisierte. Sein Motto war deshalb:
25
„Dogmata non juro in Paracelsi aut scita Galeni,
vera utriusque placent, falsa utriusque jacent.“
Für den paracelsischen, chymiatrischen Teil legte Hartmann das zuerst 1609 post-
hum im Druck erschienene Werk Basilica chymica von Oswald Croll zugrunde
26
, in dem
die paracelsische Arzneikunde und Signaturenlehre durch eine Entmystifizierung erst-
mals lehrbar gemacht worden war. Er hat hierzu dann auch aus seinen Unterrichts-
erfahrungen erwachsene Annotationen verfasst, die 1634 der von ihm veranstalteten,
in der Folge mehrfach aufgelegten ‚Editio secunda‘ beigegeben wurden.
Die Einrichtung des ersten chymiatrischen Lehrstuhls wurde nicht nur als vor-
bildlich und nachahmenswert von vielen Seiten gelobt, auch das von Hartmann prak-
tizierte Programm der ‚zwei Medizinen‘ wurde an vielen Universitäten nach seinem
Vorbild eingeführt. Der Marburger Medizinischen Fakultät verschaffte es rasch ein
hohes Ansehen und große Studentenzahlen, wobei, wie einem Protokoll des prakti-
schen Kurses zu entnehmen ist,
27
viele der Inskribenten aus allen Teilen Europas ihr
eigentliches Studium der Medizin bereits abgeschlossen hatten.
28 In Klammern ist die Verszählung aus Jesus Sirach 38 hinzugefügt; Großbuchstaben geben
den auf dem Schriftband zitierten Text wieder, hier ergänzt durch die ausgelassenen Teile
der Luther-Übersetzung. – Durch die bauliche Struktur des Erkers wird die Unterteilung
des Satzgefüges in zwei nochmals unterteilte Hälften betont: [1]: linke Seitenfront, [2]:
linke Hälfte der Vorderfront, [3]: rechte Hälfte der Vorderfront, [4]: rechte Seitenfront.
Zu Einzelheiten siehe Krafft (wie Anm. 11), S. 117–120, zum gesamten Erker und
seinem Fries hier S. 75–116.
- 13 -
Das Programm wurde sogar schon frühzeitig künstlerisch umgesetzt (Bild 3),
nämlich 1611/12 auf dem berühmten Figurenfries an der Rats-Apotheke im lutheri-
schen Lemgo mit seinen Porträts von zwölf Ahnherren der Medizin. Durch die getreue
plastische Umsetzung von vier der sechs Porträts von Schöpfern der neuen Chymiatria
auf dem Titelkupfer zu Crolls Basilica chymica (Bild 4), nämlich Hermes Trismegistos,
Raimundus Lullus, Geber und Paracelsus (rechts an der rechten Schmalseite), beruft er
sich dabei eindeutig auf diese Programmschrift der paracelsisch-chymiatrischen als
einer der beiden Medizinen und wählt dann in einem unter dem Giebel umlaufenden
Schriftband selbstverständlich Verse aus Jesus Sirach 38 in Luthers Übersetzung für die
Rechtfertigung
28
:
Abb. 3: Standerker (Auslucht) der Rats-Apotheke
zu Lemgo (1611/12)
- 14 -
Abb. 4: Titelkupfer
von Aegidius Sade-
ler zu Oswald Croll:
Basilica chymica.
Frankfurt am Main
1609.
[1] (9) WEN[n] DV KRANK BIST, SO verachte dis nicht, sondern BITTE DEN
HER[r]N
[II] (10) VND LAS AB VON SVNDEN, (9) SO WIRD ER DICH GESVND
MACHEN [hier also gegenüber Jesus Sirach umgestellt]
[III] (12) DARNACH LAS DEN ARTZ ZV DIR, DEN[n] DER HOCHST [= Höch-
ste] HAT I[h]N GESCHAFF[en] /
[IV] (2) DIE ARTZNEI KOMPT VOM HER[rn], (7) Damit heilet er vnd vertreibt
die schmertzen, V[n]D DER AP[o]TEKER BEREIT[et] SIE.
Nachdem der ‚Apotheker‘ schon einmal in die Bibel eingegangen und seine Kunst
in der protestantischen Erbauungs- und Hausväterliteratur im Anschluss an Martin
Luthers Jesus Sirach als verehrenswerte Gottesgabe begründet worden war, hat es den
29 Siehe Fritz Krafft: Johann Christian Wiegleb und seine Rolle bei der Verwissenschaftli-
chung der Pharmazie, in: Christoph Friedrich / Wolf-Dieter Müller-Jahncke (Hrsgg.):
Apotheker und Universität. Die Vorträge der Pharmaziehistorischen Biennale in Leipzig
vom 12.–14. Mai 2000 und der Gedenkveranstaltung ‚Wiegleb 2000‘ zum 200. Todestag
von Johann Christian Wiegleb (1732–1800) am 15. und 16. März 2000 in Bad Langen-
salza. Stuttgart 2002 (= Veröffentlichungen zur Pharmaziegeschichte, 2), S. 151–195;
ders.: Apothecarius: idiota sive academicus. Zur Apothekerausbildung. Teil I / II, in:
Pharmazeutische Zeitung 139 (1994), 2445–2453 / 2595–2600.
- 15 -
Anschein, dass vor diesem Focus wissenschafts-, theologie- und frömmigkeitsge-
schichtlicher Entwicklungen der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts als Hinter-
grund das Heilswirken Christi, zu dem er die Gläubigen zu sich ruft, dann in einem
Sinnbildmotiv eher durch ihn als mittels seiner Arzneibereitungen therapierender Apo-
theker denn als diagnostizierender Arzt allegorisch hat visualisiert werden können. Es
scheint sogar, dass nur das relativ kleine Zeitfenster der ersten beiden Jahrzehnte des
Jahrhunderts als komplexer Erfahrungsraum im protestantischen Deutschland das
Sinnbild hat entstehen lassen können. Wenige Jahrzehnte später war die äußerst posi-
tive, fast enthusiastische Einschätzung des neuen, akademisch ausgebildeten Apothe-
kers nämlich schon wieder verloren gegangen: Er war zu selten in den Apotheken ver-
treten, in denen der alte Krämergeist gepaart mit Ignoranz die Oberhand behielt. Erst
seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts sollte die Apothekerausbildung Schritt für
Schritt wissenschaftlich und dann auch mehr und mehr {/
228
} akademisch werden
29
Nicht-Pharmazeuten sagen, sie sei es immer noch nicht geworden. Aber das den Hei-
landsruf visualisierende Sinnbildmotiv war geschaffen; und es hat dann durch seine
Aussagekraft unabhängig von den verloren gegangenen Voraussetzungen eine unge-
heure Wirkung entfalten können.
Der es geschaffen hatte, der Lutheraner Mich(a)el Herr, war 1610 nach Nürnberg
gekommen. Als Stadt eines selbstbewussten, durch den Handel auch mit eigenen Er-
zeugnissen des Metallhandwerks reich gewordenen und gebildeten Bürgertums hatte
sich die freie Reichsstadt und Handelsmetropole im Süden Deutschlands bereits 1524
auf Beschluss des Rates der lutherischen Reformation angeschlossen und war ihr trotz
aller gegenreformatorischen Erfolge im lokalen Umfeld treu geblieben. Auf einem im-
mer schmaler werdenden protestantischen Korridor zwischen Kursachsen und dem
Herzogtum Württemberg gelegen, gleichsam in der Diaspora, entwickelten sich hier
ein deutliches Gespür für die konfessionellen Unterschiede und die Notwendigkeit zur
Verteidigung des ‚rechten‘, und das hieß hier: des orthodox-lutherischen Glaubens. Im
16. und 17. Jahrhundert konnte Nürnberg daraufhin das selbst zur Zeit des Dreißig-
jährigen Krieges nicht eingeschränkte süddeutsche Zentrum des protestantischen Ver-
lagswesens werden, in dem neben Volks- und Schulbüchern umfangreiche Trost-, Er-
bauungs- und Emblemliteratur, nicht nur der Nürnberger Geistlichkeit, gedruckt wur-
de; und die großen, zum Teil mehrfach aufgelegten und kommentierten Bibelausgaben
30 Biblia, Das ist Die gantze H. Schrifft, Altes vnd Newes Testament Teutsch / D. Martin
Luthers: Auff gnädige Verordnung deß Durchleuchtigen / Hochgebornen Fürsten vnd
Herrn / Herrn Ernsts / Herzogen zu Sachsen [...] Von etlichen reinen Theologen, dem
eigentlichen Wort=Verstand nach erkläret... Nürnberg: Wolfgang Endter, 1641. 3 Teile
mit gesonderter Paginierung in 1 Band (Teil II: Die Propheten alle. Gedruckt vnd verlegt
Durch Wolff Endter Jm Jahr 1641. Teil III: Das Newe Testame¯t Jesu Christi: Vnd in
demselben die vier Evangelisten... Teutsch D. Mart: Luth: Nürnberg: Wolfgang Endter
A[nn]o 1641).
31 Biblia, Das ist: Die gantze H. Schrifft, Altes und Neues Testaments / Teutsch / Herrn
Doct. Martin Luthers S. Mit den Summarien Herrn Johann Sauberti S. und beygefügtem
vielfältigem lehrreichem Nutzen aller und jeder Capiteln / von Herrn D. Salomon Glas-
sen etc. gezeiget / auch mit gantz neuen schönen Figuren / und unterschiedlichen Re-
gistern / gezieret: Sambt einer Vorrede / Herrn Johann Michael Dilherrns. Mit Chur
Fürstl. Sächsischem Privilegio. Nürnberg / In Verlegung Wolffgang Endters des Aeltern
/ Buchhändlers. Anno MDCLVI [= 1656]. Es sind bis 1706 14 Ausgaben nachge-
wiesen. In dem Ausstellungskatalog von Heimo Reinitzer: Biblia deutsch. Luthers Bibel-
übersetzung und ihre Tradition. Wolfenbüttel und Hamburg 1983 (= Ausstellungs-
kataloge der Herzog August Bibliothek Nr. 40), S. 228, Exponat 135, sind nur die Holz-
schneider genannt, zu den (erhaltenen) Zeichnungen Michel Herrs siehe Gatenbröcker
(wie Anm. 2/b), S. 179–182 und 603–606.
32 K
RAFFT
Exponat A–02. Siehe Krafft (wie Anm. 1), S. 140 f. und 119 (Farbtafel 3), sowie
Fritz Krafft: Christus als Apotheker. Ursprung, Aussage und Geschichte eines christ-
lichen Sinnbildes. Marburg 2001 (= Schriften der Universitätsbibliothek Marburg, 104),
S. 199–201.
- 16 -
des 17. Jahrhunderts erschienen keineswegs im sächsischen Wittenberg oder Leipzig
oder in Frankfurt, sondern hier im kapitalkräftigen Nürnberg so neben der reich illu-
strierten Merian-Bibel in mehreren Auflagen die vom sächsischen Kurfürsten geför-
derte und deshalb ‚Kurfürstenbibel‘
30
genannte und die ‚Dil{/
229
}herr-Bibel‘ .
31
Für die
beiden letzteren schuf Michel Herr jeweils Illustrationen. – Man kann deshalb sicher-
lich davon ausgehen, dass schon seine frühen Bilder und Zeichnungen mit christlichen
Inhalten etwas von der theologischen Diskussion in den bürgerlichen Kreisen Nürn-
bergs widerspiegeln.
So hat umgekehrt auch sein kleines Bild offensichtlich im zeitgenössischen Bür-
gertum Nürnbergs einiges Aufsehen erregt und in verschiedenen Kunstsparten meh-
rere direkte Nachahmungen erfahren – die direkteste in einer Miniatur. Die Bildaus-
sage hatte den hochgebildeten und angesehenen Meister der Nürnberger Zunft der
Barbiere und Wundärzte Conrad Schortz (1575–1632) offenbar so zu überzeugen ver-
mocht, dass er das Gemälde 1626 als Titelbild für das Geschworenen-Buch, das er der
Zunft schenkte, auf Kosten seines Schwagers, des jungen Nürnberger Amtmanns Mel-
chior Meschker, kopieren ließ.
32
Zu dem Innenraum einer Offizin ist die Bildvorlage umgestaltet worden in dem
doppelseitigen Titelkupferstich zur Seelen-Aotheck des Predigers von St. Lorenz in
33 H
EIN
Bild Nr. 29; siehe Krafft (wie Anm. 1), S. 89–91, und (wie Anm. 32), 221 f.
34 H
EIN
Bild Nr. 130; Krafft (wie Anm. 1), S. 104 f.
35 Siehe etwa K
RAFFT
Exponat A–10b und A–07a/b.
- 17 -
Nürnberg Johann Jacob Rüd, einem fast 700 Seiten starken Werk, das 1653 in Nürn-
berg erschien (Bild 5, die thematischen, kompositorischen und ikonographischen
Übereinstimmungen sind nicht zu übersehen).
33
Bild 5: Christus als Apotheker in der Seelen-Apotheke mit Bittsuchenden. Titelkupferstich
von Peter Trocvhel nach einer Zeichnung von Georg Strauch (13,5 x 17,5 cm) zu Johann
Jacob Rüd: Seelen-Apoteck (Nürnberg 1653)
In einer um 1630 entstandenen, fälschlich Wilhelm Baur zugeschriebenen Ölmi-
niatur (Bild 6)
34
werden die beiden Bildebenen in Herrs Bild ikonographisch zu einer
Gegenüberstellung von ‚leiblicher‘ und ‚geistlicher‘ Apotheke in einer Doppelapotheke
umgestaltet, wie sie dann noch im 17. Jahrhundert ikonographisch nachzuweisen ist.
35
Auch hier ist die ‚geistliche‘ Apotheke links mit Christus jenseits und der Personen-
36 Beispiele bei Krafft (wie Anm. 1), S. 102–106, und (wie Anm. 32), S. 226–229.
- 18 -
gruppe diesseits des Verkaufstresens deutlich dem Herrschen Bild nachempfunden.
Als einziger Text ist links am Pfeiler der Heilandsruf auf einem Pergamentbogen ange-
schlagen. – Weiteres muss ich mir hier ersparen, insbesondere die Gegenüberstellung
in Form eines Emblems, wie sie mehrfach auftritt.
36
Abb. 6: W. B. [nicht Wilhelm Bau(e)r]: Geistliche und Weltliche Apotheke (Ölminiatur um
1630; 8,6 x 14,4 cm)
Abb. 7: Geistliche Apothe-
ke Christi. Kolorierter
Holzschnitt (8,6 x 12 cm)
aus einem protestantischen
Erbauungsbuch (um 1650)
37 H
EIN
Bild Nr. 15; K
RAFFT
Exponat A–07a, dazu Krafft (wie Anm. 1), S. 152–155 und
120 (Farbtafel 4a/b).
- 19 -
Aus einem um 1650 erschienenen, noch nicht identifizierten protestantischen
Erbauungsbuch stammt ein Holzschnitt (Bild 7)
37
, auf dem die nach zwei Seiten offene
Offizin gegenüber dem Ölbild um 90° gedreht ist, so dass Christus durch das Fenster an
der linken Seitenwand seinen Segen erteilt und seine Arznei abgibt. Die seitliche Tür-
öffnung gewährt einen Blick in die Offizin – und nicht in eine Arztpraxis, obgleich über
dem Bogen in Martin Luthers Übersetzung der Exodus-Vers „Ich bin der Herr dein
Arzt“ steht. Der hiermit illustrierte Text, der auf der Rückseite dieses und eines zweiten
Holzschnitts steht, vergleicht denn auch eine durchaus „ehrenhafte“ irdische Leibes-
Apotheke mit der „geistlichen Apotheck Christi, des rechten unfehlbaren Arztes“.
In diesem Falle ist die ikonographische Anlehnung an Herrs Bild vielleicht nicht so
offensichtlich; aber Herr hat im selben Jahr 1619 einen Frontispiz-Entwurf gezeichnet
(Bild 8), der das Sinnbildmotiv ikonographisch anders, nämlich mehr wie dieser Holz-
schnitt, löst und von dem Ringen des Künstlers um eine adäquate Darstellung zeugt.
Hier findet sich auch das im Holzschnitt auf eine Person reduzierte Publikum des Bil-
Abb. 8: Michel Herr: Frontispiz-
Entwurf (1619) (Lavierte Feder-
zeic hnung 19,3 x 1 4,5 c m;
Staatliche Museen Preuß. Kultur-
besitz, Berlin, Kupferstichkabinett
)
38 K
RAFFT
Exponat A–03; fehlt bei Hein (wie Anm. 1). Obige Interpretation gegen andere
Deutungen des Frontispiz erstmals bei Fritz Krafft (a): Eine ‘neue’ Christus-als-Apotheker-
Darstellung von Michael Herr. Überlegungen zur Herkunft des Bild-Motivs. In: Geschichte
der Pharmazie DAZ-Beilage 52 (2000), Nr.1/2, 2–15; siehe jetzt ders. (b): Bergbau, Pharma-
zie oder Theologie: Zu einem Titelblatt-Entwurf von Mich(a)el Herr von 1619. In: Manfred
Rasch / Dietmar Bleidick (Hrsgg.): Technikgeschichte im Ruhrgebiet Technikgeschichte
für das Ruhrgebiet. Festschrift für Wolfhard Weber. Essen 2004, S. 232–252 .
39 Lateinische Begriffe für die christlichen Tugenden (Seelenarzneien) benutzt das Decken-
Stuckrelief der ehemaligen Hausapotheke des Benediktinerinnen-Klosters Hohenwarth
bei Pfaffenhofen von 1739; siehe K
RAFFT
(wie Anm. 32), S. 153–155.
40 Bei diesen vier handelt es sich in drei Fällen aber um eindeutig von einem deutschen
Bildtyp (Christus in der Himmelsapotheke mit reumütigem/r Sünder/in) angeregte schwedische
Bilder, in denen lediglich die Begriffe und Zitate nach der neuen schwedischen Bibel-
Übersetzung von 1747 umgeformt wurden: H
EIN
Bilder Nr. 124, 125 und 131, sowie
- 20 -
des wieder. Ich kann in diesem Zusammenhang nicht näher auf die bisher anders,
nämlich als Frontispiz eines Bergbaubuchs oder eines Arzneibuchs gedeutete Zeich-
nung eingehen, die Deutung im Sinne des Sinnbildmotivs ‚Christus als Apotheker‘
bietet sich aus der Kenntnis des Bildmaterials auch fast von selbst an.
38
Die drei bild-
lichen Darstellungen rings um das Schriftfeld spielen auf den Dreifaltigen Gott an:
Oben ist die Schöpfung dargestellt, mit der Inschrift „vivificat“: er erweckt zum
Leben, nämlich Gott-Vater als Schöpfer der Welt. Links wird ein Mensch „geheiligt“
(sanctificat) durch den Heiligen Geist. Rechts wird das Publikum vor einer Apotheke
„geläutert und erlöst“ (purificat) von Gottes Sohn Jesus Christus, der, wie wir von Herrs
Bild schon wissen, seine Seelenarzneien kostenfrei abgibt, wie dort auf der Triumph-
fahne mit dem zuletzt zitierten Vers Jesaja 55,1 gesagt wurde: „Wohlan alle, die ihr
durstig seid, kommt her zum Wasser, und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kauffet
und esset; kommt her und kaufft ohn Geld und umsonst, beide Wein und Milch.“ Das
fasst eine Inschrift über dem Fensterbogen in der Alliteration „gratia gratis“ zusam-
men: „[Christi] Gnade ist umsonst“, kostenfrei, wird ohne Gegenleistung gewährt. (Die
bisherige Übersetzung „Dank ist umsonst“ ergibt natürlich überhaupt keinen Sinn.)
Aufgrund der Konzentrierung der Bildaussage auf die beiden Worte „gratia gratis“
wird die Aussage des Jesaja-Verses, der auf der Triumphfahne den Schlusspunkt und da-
mit das Ziel der vom Exodus-Vers ausgehenden bibelgerechten Argumentation bildete,
zur wichtigsten Botschaft des Sinnbildmotivs, zu seiner message.
Bestätigt wird diese Deutung auch durch die nachhaltigste und umfassendste
Nachwirkung des Sinnbildmotivs in der dann vorerst weitgehend unverändert tradier-
ten Form eines Andachtsbildes – die mehr als 150 der bekannten Beispiele ausmacht,
die bis auf vier alle aus dem deutschsprachigen Raum stammen, und diese enthalten
wiederum fast ausschließlich deutsche
39
Begriffe und Bibelzitate.
40
einen russischen Kupferstich mit kyrillischen Inschriften nach demselben Bildtyp. Siehe
hierzu Fritz Krafft: Christus in der Himmelsapotheke mit reumütigem/r Sünder/in. Die
pietistische Erweiterung eines protestantischen Andachtsbildmotivs, in: Christoph Fried-
rich / Sabine Bernschneider-Reif (Hrsgg.): Rosarium litterarum. Beiträge zur Pharmazie-
und Wissenschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Peter Dilg. Frankfurt
am Main 2003, S. 161–182.
41 H
EIN
Bild Nr. 97; K
RAFFT
Exponat A–05; siehe auch K
RAFFT
(wie Anm. 32), S. 31–36.
42 H
EIN
Bild Nr. 117; siehe K
RAFFT
(wie Anm. 32), S. 15–22.
43 H
EIN
Bild Nr. 113; K
RAFFT
Exponat A–04; siehe die vergleichende Beschreibung bei
K
RAFFT
(wie Anm. 32), 13–22.
- 21 -
Die ältesten erhaltenen, einander sehr ähnlichen Beispiele hierfür stammen aus der
Zeit um 1630 und sind bereits weit über die deutschsprachigen Gebiete verstreut. Es
sind zwei Glasbilder aus dem protestantisch-reformierten Konstanzer Raum, von denen
das Rundbild aus dem Schweizerischen Landesmuseum in Zürich von Michael Weltz
im Jahre 1630 gestiftet worden war
41
, und ein fast identisches Paar in den evangeli-
schen Kirchen von Werder
42
und Plötzin
43
bei Potsdam (Bild 9). Die Bildwerke sind so
ähnlich, dass sie nur durch eine gemeinsame Vorlage als Multiplikator angeregt worden
sein können, einen Kupferstich.
Abb. 9: Christus als Apo-
theker (um 1630), Ölbild
auf Leinen (107 x 97 cm,
i m O r i gina l ra h me n ) .
Evangelkische Pfarrkirche
Plötzin
44 H
EIN
Bild Nr. 44; K
RAFFT
Exponat A–06; zu dem Bild siehe auch Fritz K
RAFFT
:
Pharmazie und Theologie. Von den verschiedenen Sinnebenen eines Andachtsbildes. In:
Astrid Schürmann / Burghart Weiss (Hrsg.): Chemie – Kultur – Geschichte. Festschrift
für Hans-Werner Schütt zum 65. Geburtstag. Diepholz 2002, S. 245–255.
- 22 -
In dieser fast schematisierten Form eines Andachtsbildes mit Christus als einzigem
Gegenüber des Betrachters wird der allegorisierende Inhalt des Motivs aus Herrs Bild
in einem radikalen Abstraktionsschritt auf das Wesentliche verkürzt, auf Christus als
Seelenarznei bereitenden Apotheker. Die Sinnebene der Bildaussage blieb aber für den
Zeitgenossen aus den beigegebenen Bibelversen und aus den vermehrten Standgefäßen
und Büchsen mit den Signaturen christlicher Tugenden und Seelenarzneien eindeutig
erkennbar. (Schon in den ältesten Beispielen finden sich neben den paulinischen Tu-
genden Liebe, Glaube, Hoffnung, die Herr allein nannte, etwa: Geduld, Beständigkeit,
Friede, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Demut usw.). Die vordergründige Bildebene der
Apotheke wird hier zwar durch den Wegfall des Repositoriums im Hintergrund ver-
kürzt, doch im Gegenzug auch wieder dadurch verdeutlicht, dass der Sack mit den
kleinen Kreuzen die Aufschrift ,Kreuzwurz(el)‘ erhält; denn das ist der Name einer
auch offizinellen Heilpflanze, die der Volksmedizin als Allheilmittel diente und deshalb
auch Heil aller Schäden genannt wurde, des Madelger oder Kreuz-Enzians. Dieser erhielt
seinen Namen von dem kreuzförmigen Spalt, der bei einem Querschnitt durch die
Wurzel entsteht – und zählte daraufhin auch zu den symbolischen Pflanzen des christ-
lichen Volksglaubens.
Auf dem mit grünem Tuch bedeckten, altarartigen Rezepturtisch stehen neben
einem Schalengewichtssatz und gelegentlich einzelnen Gewichtsschälchen Standgefäße
mit Seelenarzneien, einfache Holzbüchsen oder, wie auf dem Plötziner Bild (Bild 9),
wertvolle Fayencen. Auch die Schriftträger für die Bibelverse variieren von an einer
Kreuzstandarte hängenden Schildern, wie auf dem Plötzin/Werder-Bildpaar, zu Re-
zeptbögen oder weißen Tüchern, die, wie auch auf diesem Bildpaar, gleich einem
Altartuch oder Antependium vom Rezepturtisch herabhängen, bis hin zu Anschlag-
briefen und Kartuschen. Die Inschriften können aber auch, wie bei Renaissance-Por-
träts üblich, links und rechts vom Kopf Christi direkt auf dem neutralen, dunklen Hin-
tergrund oder einer Wand angebracht sein, wie der Jesaja-Vers auf einem Bild von
1647 aus dem südwestdeutschen Raum (Bild 10)
44
– der Matthäus-Vers steht hier wie
auch auf dem Bildpaar von Plötzin und Werder, wo der Jesaja-Vers als erster auf den
Schild geschrieben ist, zu oberst auf dem Altartuch. Auf dem genannten Glasbild
stehen beide Verse in der oberen Rundung untereinander.
Nachdem ich festgestellt hatte, dass mit wenigen Ausnahmen auf allen Andachts-
bildern der Matthäusvers des Heilandsrufes steht, war es für mich jedenfalls ein
überraschendes Ergebnis aus dem Überblick über das gesamte Bildmaterial, dass zum
einen überall dort, wo der Jesaja-Vers zitiert wird, dieser mindestens gleichwertig mit
45 Zu den Kriterien einer konfessionellen Zuweisung siehe K
RAFFT
(wie Anm. 1), S. 37–46.
46 H
EIN
Bild Nr. 83; K
RAFFT
Exponat A–11.
47 H
EIN
Bild Nr. 91; K
RAFFT
Exponat A–12 (abgebildet ist hier das sehr ähnliche, besser
erhaltene Bild aus Gerstetten-Gussenstadt, H
EIN
Bild Nr. 81.
48 Zu dieser Bildgruppe siehe K
RAFFT
(wie Anm. 32), S. 38–44.
- 23 -
Abb. 10: Christus als Apotheker (1647),
Ölbild auf Fichtenholz (31,5 x 21,5 cm).
Martin von Wagner Museum der Univer-
sität Würzburg.
dem Matthäus-Vers an hervorragender Stelle steht, und dass – was vorerst noch über-
raschender war dieser Jesaja-Vers nur auf solchen Bildern zitiert wurde, die sich auch
durch andere Kriterien als protestantisch erweisen,
45
so dass dann umgekehrt das
Vorhandensein dieses Verses als sicherstes Kriterium für eine protestantische Herkunft
und sein Fehlen als ein Indiz für katholische Herkunft dienen konnte. Zwei Beispiele
mögen das belegen:
Ein um 1680 entstandenes Andachtsbild aus der evangelischen Nikolaikirche zu
Isny (Bild 11)
46
zitiert sogar lediglich diese beiden Verse auf zwei die bildliche Dar-
stellung einrahmenden Kartuschen – für diesen ikonographischen Typ ist bisher
kein zweites Beispiel bekannt, während
eine um 1670/80 entstandene Totentafel aus der ehemals evangelischen Hospital-
kirche in Stuttgart (Bild 12)
47
Vertreter einer ganzen Gruppe
48
ähnlicher Bildwerke
aus dem württembergischen Raum einschließlich eines 1668 gestifteten 1,60 m ho-
hen Wandfreskos in der evangelischen Pfarrkirche St. Peter zu Kirchheim-Jesingen
- 24 -
ist. Auf den Ölbildern stehen die beiden Verse dann jeweils links und rechts von
Christi Kopf an oberster Stelle (links der Jesaja-, rechts der Matthäus-Vers), und
auf dem Wandfresko werden in einem zweigeteilten Schriftfeld unterhalb der bild-
lichen Darstellung wie in Isny nur diese beiden Verse zitiert.
Abb. 11: Die Gaistliche Apendeck (um 1680) Abb. 12: Christus als Apotheker (um 1670)
Ölgemälde (64 x 48 cm) im Archiv der Niko- Öltafelbild (55,7 x 43,2 cm), Totentafel aus
lai-Kirche der Evangelischen Kirchen- und dem Kreuzgang der evangelischen Hospi-
Hospitalpflege Isny talkirche Stuttgart (Stadtarchiv Stuttgart)
Sie werden also eindeutig als die wichtigsten empfunden, wobei die Bedeutung des
Jesaja-Verses in dieser Bildgruppe auch noch ikonografisch betont wird (was später
auch in anderen Bildtypen häufig wieder aufgegriffen wurde): In Ergänzung der Holz-
büchsen mit Seelenarzneien auf dem Rezepturtisch stehen zur Rechten Christi drei
Gefäße für Flüssigkeiten, eine Deckelkanne mit der Aufschrift Wein, ein Krug mit der
Aufschrift Milch sowie eine Glasflasche mit der Aufschrift Wasser; und diese drei Flüs-
signahrungen in dafür jeweils spezifischen Gefäßen entsprechen genau der wörtlichen
Ausdeutung des Jesaja-Verses: „Wolan alle die jr dürstig seid / kommet her zum Was-
ser / vnd die jr nicht Gelt habt, [...] Kompt her vnd keufft on gelt vnd umb sonst /
beide wein vnd milch.“
49 Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Im Auftrag
der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands velkd
hrsg. vom Lutherischen Kirchenamt. Bearbeitet von Horst Georg Pöhlmann. 4., über-
arbeitete Auflage, Gütersloh 1986.
50 Hartmut Hövelmann (a): Kernstellen der Lutherbibel. Eine Anleitung zum Schriftver-
ständnis. Bielefeld 1989 (= Texte und Arbeiten zur Bibel, 5); ders. (b): Tabellen zu den
Kernstellen der Lutherbibel. Bielefeld 1989.
51 Catechismus Oder Christlicher Vnderricht / wie der in Kirchen vnd Schulen der Chur-
fürstlichen Pfaltz getrieben wirdt. Heidelberg: J. Mayer 1563; zitiert nach: Heidelberger
Katechismus, hrsg. von Otto Weber. Hamburg 1963; 4. Auflage, Bielefeld 1990.
52 Zitiert nach Johann Arnd’s Sechs Bücher vom wahren Christentum nebst dessen Para-
dies-Gärtlein. Mit der Lebensbeschreibung des seligen Mannes und seinem Bildnis. Biele-
feld 1996.
53 Johann Gerhard: Meditationes Sacrae (1606/07). Lateinisch-deutsch. Kritisch hrsg.,
- 25 -
Irgendetwas muss es mit dem Jesaja-Vers auf sich haben; er muss innerhalb des Pro-
testantismus des frühen 17. Jahrhunderts eine wichtige Rolle gespielt haben, nachdem er
weder in Luthers noch in Melanchthons Bekenntnisschriften genannt worden war
49
und
auch nicht vor der Mitte des 18. Jahrhunderts zu den Kernstellen gehört hatte, die seit
Luther von den Bibelherausgebern jeweils als für den Leser besonders wichtig durch den
Druck hervorgehoben werden
50
. Aber seit dem beginnenden 17. Jahrhundert wurde der
Vers immer häufiger als biblisches Grundzeugnis für die unter Berufung auf die Paulus-
Briefe von Martin Luther entwickelte Rechtfertigungslehre eingesetzt. Danach genügt ja
allein der Glaube an Christus als Gottes Sohn, den Liebe und Hoffnung sowie andere
christliche Tugenden stützen und bestärken, für die Vergebung der Sünden. Seelennahrung
und -arznei werden demgemäß von Christus an die Gläubigen jederzeit ohne Gegenlei-
stung, kostenlos und umsonst, abgegeben.
Das wird besonders deutlich im Heidelberger Katechismus von 1563, wo auf die 60.
Frage „Wie bist du gerecht vor Gott“ (nicht: ‚wie wirst du gerecht vor Gott‘) erwidert
wird
51
: Allein durch wahren Glauben in Jesum Christum; also daß [...] Gott ohn alle
meine Verdienste, aus lauter Gnaden, mir die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit
und Heiligkeit Christi schenket und zurechnet, als hätte ich nie eine Sünde began-
gen...“: gratia gratis.
Das wohl wirksamste Werk protestantischer Erbauungsliteratur, Johann Arndts
Vier Bücher vom wahren Christentum, kleidete 1610 das ‚sola fide‘-Prinzip lutherischer
Reformation in die Worte (III, 2): „… der Glaube tut alles, was zu tun ist, aus freiem
Geiste: das ist, er überlässet sich Gott, der alles aus Gnaden in uns wirket. Und das ist’s
auch, davon Jesajas prediget, daß wir zum Herrn kommen sollen, Ihn zu hören und
umsonst kaufen, beide Wein und Milch. Jes. 55, 1.“
52
Und auch in dem damaligen -
„Bestseller der geistlichen Literatur“, den Meditationes Sacrae ad veram pietatem excitandam
Johann Gerhards von 1606
53
, die schon im Folgejahr in deutscher Übersetzung und
kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Johannes Anselm Steiger. 2 Bände,
Stuttgart-Bad Cannstatt 2000 (= Doctrina et pietas. Abteilung 1: Johann-Gerhard-Archiv,
3). Einen weiteren Beleg bietet das von Polykarp Leyser (d. Ä.) weitergeführte Werk von
Martin Chemnitz: Harmonia qvatuor evangelistarum ... Frankfurt am Main/Hamburg
1652, S. 744a (zuerst erschienen 1604–1611); siehe Steiger (wie Anm. 6), S. 61, Fn. 185.
54 Zu frühen Zeugnissen siehe auch Krafft (wie Anm. 32), S. 23–38.
- 26 -
insgesamt in etwa 220 Druckausgaben erschienen, widmen sich unter anderen die Me-
ditationen 18 und 19 diesem Punkt der Rechtfertigungslehre unter Berufung auf eben
diesen Jesaja-Vers.
Es hat sicherlich großer Überzeugungsanstrengungen bedurft, bis von den über
Jahrhunderte tradierten und geübten und beim katholischen Nachbarn weiterhin gülti-
gen Vorstellungen von den ‚guten Werken‘, den zu verehrenden Heiligen und dem
Ablass, die nach altem und katholischem Glauben für den Menschen verdienstlich und
heilsnotwendig sind und ob einer Belohnung und Anrechnung beim Weltgericht ge-
leistet werden, Abschied genommen wurde zugunsten der unter dem Schlagwort ‚sola
fide‘ zusammengefassten lutherischen Rechtfertigungslehre. Und das Sinnbildmotiv
‚Christus als Apotheker‘ ist besonders in der Form des Andachtsbildes zumindest auch
als propagandistisches Werkzeug für die Verbreitung und Verteidigung lutherischer
Überzeugungen vor allem bezüglich der völlig gegensätzlichen Rechtfertigungslehren
in Dienst genommen worden.
Das hängt sicherlich auch mit den Glaubensauseinandersetzungen im Zentrum
Europas zusammen, die ja mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 nicht beru-
higt wurden, sondern schließlich zum Dreißigjährigen Krieg eskalierten. Vor dem
Westfälischen Frieden von 1648 hatte Glaubensfreiheit ja weitgehend nur für die
Reichsstände gegolten, so dass Obrigkeiten gemäß dem Grundsatz „eius regio, cuius
religio“ der Bevölkerung ihrer Territorien jeweils ihr eigenes Bekenntnis aufzwingen
konnten. Und die kriegerischen Auseinandersetzungen hatten so auch schon vor dem
Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges immer wieder zu Verschiebungen der Konfessi-
onsgrenzen über die Bevölkerung hinweg geführt. Die ständige Konfrontation der gro-
ßen Konfessionen war durch den Wegfall starrer politischer Grenzen vorprogrammiert
und sie beinhalteten stets auch eine vehemente Verteidigung des jeweils eigenen ‚rech-
ten‘ Glaubens. Kurz nach Ausbruch des Glaubenskrieges entstanden, hat sich so auch
unser Andachtsbildmotiv rasch über die lutherischen Teile Deutschlands ausgebreitet.
54
Dass die mit dem Andachtsbildmotiv noch stärker als mit dem recht einflussreichen
Herrschen Genrebild verbundene programmatische Stoßrichtung zur Propagierung des
lutherischen Glaubensbekenntnisses ihre Wirkung nicht verfehlte, geht nicht nur aus den
zahlreichen Bildbeispielen im Protestantismus hervor, sondern auch aus der bald in
Deutschland erfolgenden Reaktion seitens der Gegenseite des römischen Katholizismus,
indem dieser ein gleichsam gegenreformatorisches Gegenbild entwarf, dessen Wirkung
55 H
EIN
Bild Nr. 98; K
RAFFT
Exponat A–22 (wie Anm. 1, S. 208–212). Zur Deutungsge-
schichte der lavierten Federzeichnung siehe Krafft (wie Anm. 32), S. 117–124.
56 H
EIN
Bild Nr. 63; K
RAFFT
Exponat A–23.
57 H
EIN
Bild Nr. 10; K
RAFFT
Exponat A–26 (siehe auch dort Farbtafel 9 auf S. 125); zu
diesem und verwandten Bildern (siehe Anm. 58) vgl. K
RAFFT
(wie Anm. 32), S. 103–108.
- 27 -
dann vor allem im süddeutschen Raum bis nach Tirol fast noch erfolgreicher, vor
allem aber nachhaltiger als das protestantische Vorbild, bis ins ausgehende 19. und
teilweise bis ins 20. Jahrhundert gewesen ist:
Um 1650 entstand dazu eine Federzeichnung als Vorlage für einen bisher nicht
durch ein erhaltenes Exemplar nachgewiesenen Kupferstich, der rasch breitgestreut in
Bildwerke umgesetzt wurde (Bild 13
55
): Von den etwa 40 nachgewiesenen fast identi-
schen Ölbildern diesen Bildtyps ist das 1657 für das Sankt Pöltener Bürgerspital ge-
stiftete das früheste bekannte datierte Beispiel, dessen Stiftungsjahr gleichzeitig terminus
ante quem für den Kupferstich ist.
56
Bilder wie das im Diözesanmuseum Freising (Bild
14
57
) sind dagegen vorlagengetreuer; es gibt sie mit und ohne den Zusatztext am Fuße.
Abb. 13: Christus als segnender Apotheker Abb. 14: Christus als segnender Apotheker
(um 1650). Lavierte Federzeichnung (18 x mit Gedichttext (um 1750). Ölbild auf Leinen
14,6 cm), die katholische Musterzeichnung. (83 x 65 cm) im Diözesanmuseum Freising.
Schweizerisches Landesmuseum Zürich.
58 Die Dornenkrone (als ‚Kreutzwurzl‘) tritt auf in der Bildgruppe H
EIN
Bild Nr. 10 (siehe
auch oben Anm. 57), 53, 54 und 70, die jetzt zu ergänzen ist durch ein bei H
EIN
(wie
Anm. 1) noch fehlendes Bild in der Kräuterapotheke des Fränkischen Freilichtmuseums
in Bad Windsheim, sowie auf H
EIN
Bild Nr. 61, 104 und einem bei H
EIN
(wie Anm. 1)
ebenfalls noch fehlenden Bild in Wedeler Privatbesitz.
- 28 -
Katholische Glaubenslehre hatte sich seit dem Tridentinischen Konzil von 1551
ausdrücklich gegen die sofortige Erlösung des sündigen, aber gläubigen Menschen von
seinen Sünden allein durch das Leid und den Gnadenakt Christi und den Glauben an
ihn als Gottes Sohn ausgesprochen. Da schon in der Musterzeichnung daraufhin
nichts mehr ab- oder aufgewogen wird, sind auch keine Kreuze mehr erforderlich, kein
Sack, sie aufzunehmen, und keine Gewichte, sie abzuwägen. All das fehlt deshalb auf
den katholischen Andachtsbildern; und die Waage erhält als Symbol der Gerechtigkeit
eine neue, nicht in eine Apotheke passende Funktion, weshalb wohl auch ‚Gerechtig-
keit‘ häufig wie auf der Musterzeichnung dazu geschrieben wird. Die Kreuze sind real
zu dem geworden, was der Allegorese auf den protestantischen Bildern zugrunde lag,
zur pflanzlichen Trockendroge ‚Kreuzwurz‘, die auf dem Tisch liegt, dann aber auch
symbolisch überhöht unter Beibehaltung der Beischrift „Kreuzwurz(el)“ zu einer Dor-
nenkrone geflochten wird.
58
Die auf den protestantischen Bildern zum Wägen miteinander koordinierte Hand-
lung beider Hände Christi wird aufgegeben. Seine freigewordene Rechte ist vielmehr
zum Segnen erhoben, und zwar weniger zum Segnen des Betrachters als zur sakra-
mentalen Konsekration der Eucharistie als der eigentlichen, hier von Christus selbst
bereiteten Arznei. Entsprechend erstrahlt die über dem in der Mitte vor Christus ste-
henden Kelch schwebende Hostie in fahlem hellgrünen Licht und ist oft zusätzlich mit
einer Aureole umgeben. Sie wird dadurch gleichsam zum optischen Zentrum eines Bil-
des. – Das ist das vom Tridentinischen Konzil erlassene Gegenprogramm.
Bis hierher galt das Augenmerk den Fragen, was aus Michel Herrs Sinnbildmotiv
‚Christus als Apotheker‘ geworden ist und was es bewirkt hat. Schon von dieser
gewaltigen Nachwirkung her ist kaum anzunehmen, dass der junge 28jährige Maler die
theologische Bildung besessen hat, um allein und von sich aus bildlich ausdrücken zu
können, wozu gelehrte lutherische Orthodoxie selbst verbal noch nicht in der Lage
war. Arndt und Gerhard waren ja nur Belege dafür, dass der Jesaja-Vers 55,1 als bi-
blisches Zeugnis für die lutherische Rechtfertigungslehre herangezogen wurde. Aber
die übrigen Bibelverse des Herr-Bildes und der Andachtsbilder, auch der Heilandsruf,
wurden im Umfeld dieser Belegstellen ebenso wenig angeführt wie die Metaphorik der
Theologia medicinalis. Natürlich hat es für Herr der Vermittlung deren Inhalte durch
Nürnberger Pfarrer und Theologen bedurft; und die spätere Zusammenarbeit mit
hochgestellten und angesehenen protestantischen Kirchenmännern aus Anlass seiner
59 Zu Leichenpredigten generell siehe etwa Rudolf Lenz: Leichenpredigt. In: Walter Killy
(Hrsg.): Literatur Lexikon. Band 13: Begriffe, Realien, Methoden, hrsg. von Volker Meid.
Güthersloh / München 1992, S. 509–511; Cornelia Niekus Moore: Das erzählte Leben
in der lutherischen Leichenpredigt. Anfang und Entwicklung im 16. Jahrhundert. In:
Wolfenbütteler Barock-Nachrichten 29 (2002), 3–32.
- 29 -
Bibelillustrierungen legt nahe, dass anregende Gespräche mit ihnen auch auf seine
frühen christlichen Bilder und Zeichnungen Einfluss genommen haben. Aber es haben
sich bisher in der umfangreichen Nürnberger Buchproduktion von Erbauungs- und
Predigttexten vor 1619 keine Anhaltspunkte für eine direkte inhaltliche Berührung er-
geben, auch nicht innerhalb der für die Medizinische Theologie so wichtigen Ausle-
gungen des Jesus Sirach. Und selbst der bislang bekannte erläuternde Text auf der
Rückseite des gezeigten Holzschnitts mit Christus als Apotheker von etwa 1650, der
die Himmlische Apotheke mit einer leiblichen vergleicht, ergibt keine Bezüge zwischen
Ikonografie und Textinhalten, und unter den vielen hier herangezogenen Bibelversen
befindet sich auch keiner von den auf den Bildern zitierten – der Text hätte ja wie die
Illustrierung auf einen älteren zurückgreifen können. Auch Theologie- und Kirchen-
historiker haben mir bisher in dieser Frage nicht weiter helfen können.
Am ehesten schienen mir schließlich nach diesen vergeblichen Anläufen Leichen-
predigten erfolgversprechend zu sein, und hier vielleicht solche auf Ärzte oder Apo-
theker, die immerhin gelegentlich Jesus Sirach 38 heranziehen. Diese kleinen Druck-
schriften aus dem Bereich genuin lutherischer Trost- und Erbauungsliteratur erfuhren
im ausgehenden 16. Jahrhundert ja durch das Bedürfnis der lutherischen Kirche, zu
zeigen, dass auch in ihrem Schoße im Rahmen der Rechtfertigungslehre nach einem
gottgefälligen Leben ein seliges Sterben möglich ist, eine Erweiterung um die Biografie
des Verstorbenen, um seine ‚Personalia‘. Messkataloge aus Leipzig und Frankfurt zei-
gen, dass solche Personal- und Trostschriften keineswegs nur für die Hinterbliebenen
gedacht waren, sondern durchaus einen buchhändlerischen Markt besaßen. Haupt-
sächlich wurden die kleinen Druckwerke aber zur gegenseitigen Anregung durch
Tausch unter den Verfassern, meist den örtlichen Pfarrern und Theologen, verbreitet,
wozu eine Auflagenhöhe bis zu 300 Stück diente. Gesuchte Autoren fassten ihre Lei-
chenpredigten auch in Sammelbänden zusammen, die in größeren Auflagen und zum
Teil mehrfach aufgelegt wurden, also eine weite Verbreitung fanden und in allen
deutschsprachigen Zentren lutherischen Bekenntnisses greifbar waren.
59
Leider wurde die Suche in dieser Literaturgattung durch die Arbeitsmaterialien der
Marburger Forschungsstelle für Personalschriften nicht erleichtert, da ihre Erfassungen
sich über die Aufnahme von Titelblättern hinaus auf biografische und soziologische
Fragestellungen beschränken. Aber immerhin ließen sich daraufhin Leichenschriften
auf Ärzte und Apotheker erschließen, was immerhin einige Zitationen von Exodus 15,
26 „Ich bin der Herr dein Arzt“ erbrachte. Erfolgversprechend schienen die beiden
60 <http://www.vd17.de>.
61 Zu Valerius Herberger siehe Friedrich Wilhelm Bautz: Herberger, Valerius. In: Bio-
graphisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band 2, Sp. 729–732 (auch http://www.
bautz.de/bbkl/h/herberger_v.shtml); Ilse Buchholz: Valerius Herberger, Prediger am
Kripplein Christi zu Fraustadt in Polen. Berlin 1965; NDB Band 8, S. 576 f.
- 30 -
Leichenschriften auf den Liegnitz-Briegschen Hofarzt Flaminius Gasto, der am 5. Fe-
bruar 1618 verstarb. Über diese informierte dann detaillierter das Verzeichnis der Drucke
des 17. Jahrhunderts (VD 17), das neben dem Titelblatt auch Schlüsselseiten ins Internet
stellt.
60
Die eine stammt von dem Guhrauer Pfarrer Martin Etner und erschien bei Johann
Gormann in Wittenberg. Sie enthielt die Christliche Leichpredigt [...] Bey Ansehnlicher
Volckreicher Leichbegängnis / Des weyland [...] Herrn Flaminii Gastonis, Phil[osophiae] &
Medicinae Doctoris, Fürdstl[icher] Gnad[en] zur Lignitz / vnd Brig / Rathes / vnd LeibMedici,
vnd der Stadt Guhr[au] Physici Ordinarij... Wie die Eingangsseite zeigt, geht sie nicht
über das Übliche einer relativ unpersönlichen Leichenpredigt als Trost für die Hinter-
bliebenen hinaus.
Sehr viel mehr versprach da schon der Titel der zweiten Leichenschrift, die keine
Predigt enthält, sondern eine nachträglich aus Anlass des Todes des Liegnitz-Brieg-
schen Leibarztes veröffentlichte dreiteilige Gedenkschrift. Der Titel ist in Kurzform
für die gelehrten Theologen lateinisch und ausführlich deutsch, in der Sprache der
lutherischen Leichenpredigten abgefasst: Jesus omnium medicorum princeps et dominus.
Sanator fidelium aegrorum & aegrotorum, ipsorum quoque medicinae doctorum / „Jesus, der Fürst
aller Ärzte, der Heiler aller [ihm] getreuen Kranken und Leidenden, auch selbst der
Doktoren der Medizin“ – und im deutschen Teil: JESUS, Der HERR mein Artzt / der
fürnehmeste / klügeste vnd allerglückseligste Doctor, welchem keiner vnter seinen Patienten ist gestor-
ben. Beschawet aus der letzten Zeil / Exod[i] 15. Ich bin der HERR dein Artzt.
Die Schrift ist im Frühjahr 1618 kurz nach der Beisetzung Gastos in Fraustadt und
nochmals mit kurfürstlich-sächsischem Privileg in Leipzig bei Thomas Schürers Erben
erschienen – in dem Verlag, bei dem ihr Autor schon seit längerem (etwa mit den zwei
Foliobänden HertzPostilla von 1613) und auch später seine zum Teil recht umfangreichen
Werke herausbrachte, Predigten und Predigtreihen sowie voluminöse Erbauungs- und
Trostschriften, und darunter auch Leichenschriften. Der Verfasser ist nämlich kein Ge-
ringerer als Valerius Herberger (1562–1627), der von den Zeitgenossen ‚zweiter (oder
kleiner) Luther‘ genannt wurde, sich in seinen Druckwerken selbst aber bescheiden „Pre-
diger beym Kriplin Christi zur Frawenstadt“ nennt. Bekannt ist er noch heute als Dichter
des Kirchenliedes „Valet will ich dir geben / Du arge falsche Welt ...“
61
Mein nächster Besuch in der Herzog-August-Bibliothek, aus der Angaben und
Schlüsselseiten zum VD 17 stammen, schien einen zusätzlichen inhaltlichen Schwer-
62 Die Ergebnisse der von mir erbetenen Recherche bezüglich des gemeinsamen Auftretens
von Jesaja 55, 1 und Matthäus 11, 28 finden sich bei Steiger (wie Anm. 6), S. 60 f., Fn.
185; die Stellen finden sich größten Teils erst in später erschienenen Schriften. Am inter-
essantesten für unseren Zusammenhang ist dabei Salomo Glasius’ 1642 in Nürnberg er-
schienener Prophetischer Spruch=Postill (I. Teil, S. 242 f.), wonach beide Verse „kommen
eigentlich vberein“ und ergänzt werden durch Johannes 7, 37, und Offenbarung 22, 17.
63 Geistlich Trawrbrodt Aus der vollen Speisekammer der heiligen Schrifft auffgetragen /
viel geistlich=hungrige und matte Hertzen damit zu stercken: Das ist / Das Fünffte Theil
der Trawrbinden / Aus tröstlichen Leichpredigten / und Ehrengedechtnissen gewircket
/ Durch Valerium Herbergerum, Predigern by dem Kripplin Christi zur Frawensatdt.
Gedruckt Zu Leipzig Im Jahr 1618. In verlegung Thomae Schürers S. Erben. Mit Churf.
Sächs. Privilegio.
64 Bei Steiger (wie Anm. 6), S. 257–321; die Zitierung erfolgt unter Nennung der dort ver-
zeichneten Originalpaginierung.
65 Zu Flaminius Gasto (09.09.1571 Schwiebus – 05.02.1618 Guhrau, 1615 geadelt: Gasto
von Gastenau), der in Wittenberg, Altorf, Prag und Italien (Bologna, Rom, Neapel,
Padua) studiert hatte und am 06.09.1597 in Basel zum Dr. med. promoviert worden war,
- 31 -
punkt erhalten zu haben. Da schickte mir der Hamburger evangelische Kirchenhistoriker
Johann Anselm Steiger, mit dem ich im Zusammenhang mit Recherchen zum Sinnbild-
motiv in engerem Kontakt stehe
62
, vorab das Manuskript seines neuesten, inzwischen bei
Brill in Leiden erschienenen Buches, mit der Bitte, es kritisch zu lesen und Bildvorlagen
beizutragen. Es trägt den Titel Medizinische Theologie: Christus medicus und theologia medicinalis
bei Martin Luther und im Luthertum der Barockzeit und enthält die Edition dreier Schriften,
darunter auch eben dieser Schrift Herbergers. Er hatte gar nicht bemerkt, welchen Schatz
er mir damit unterbreitete. Ihr Studium hat meine Erwartungen dann auch erfüllt, han-
delt es sich bei der Schrift doch um einen kompakten programmatischen Höhepunkt der
lutherischen Theologia medicinalis. Das kleine Werk wurde auch was für ihre Verbreitung
in den lutherischen Zentren wichtig ist – darüber hinaus als erste Schrift in den fünften
Teil seiner siebenbändigen Sammlung Trauerbinden aufgenommen
63
, der noch 1618 im
selben Leipziger Verlag erschien. Die ganze Sammlung wurde 1622 und 1670 ebendort
erneut gedruckt.
Die Schrift
64
, die laut Titelblatt „zu Ehren seiner [nämlich Gottes beziehungsweise
Christi] großen Treu“, „allen Doctoribus medicinae“ zu Gefallen und dem Gedenken
an Flaminius Gasto verfasst wurde, enthält drei „Stücke“ (S. 15–17): „I. Welchs der
beste Artzt, der klügeste Doctor sey?“, „II. Was er für edle, thewre Artzneyen in seiner
Apotheken brauche?“ und „III. Wie wir[,] seine Patienten, uns das alles sollen zu nütz
machen.“
Im ersten Stück werden die großen Ärzte seit der Bibel und den Griechen nach
Theodor Zwingers Theatrum vitae humanae von 1565 aufgezählt und ihre Geschichte
fortgeführt bis hin zu dem „weltkündigen Theophrastus Paracelsus“ und Flaminius
Gasto
65
, dem Leibarzt und Rat des Herzogs Georg Rudolph von Liegnitz-Brieg, von
siehe Claudia Zonta: Schlesische Studenten an italienischen Universitäten. Eine prosopo-
graphische Studie zur frühneuzeitlichen Bildungsgeschichte. Stuttgart 2004, S. 228; Mi-
chael Sachs: Historisches Ärztelexikon für Schlesien. Biographisch-bibliographisches
Lexikon schlesischer Ärzte und Wundärzte (Chirurgen). Band 2, Wunstorf 1999, S. 233
f.; Melchior Adam: Vitae Germanorum medicorum: qui seculo superiori, et quod ex-
currit, claruerunt.. Frankfurt am Main / Heidelberg 1620, S. 437–442 (digitalisiert, aber
nicht korrigiert von Rüdiger Niehl: http://www.uni-mannheim.de/mateo/camnaref/
adam/adam2/books/adamvitae2.html); sowie die bei Herberger (wie Anm. 63), S.
133–177 (Ausgabe Steiger [wie Anm. 64], S. 298–314) mit abgedruckte stark biografisch
orientierte Leichenpredigt von Matthaeus Vechner.
66 Siehe etwa Joachim Telle (a): Johann Huser in seinen Briefen. Zum schlesischen Para-
celsismus im 16. Jahrhundert. In: Joachim Telle (Hrsg.) (b): Parerga Paracelsica. Paracel-
sus in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart 1991 (= Heidelberger Studien zur Natur-
kunde der frühen Neuzeit), S. 159–248; vergleichbar ist sicherlich die Situation in der
Oberlausitz, dazu siehe Erika Hickel: Kaiserliches Privileg für einen Apotheker-Gehilfen
im Jahre 1612: Johannes Büttner (1571–1634) in Görlitz, frühester Apotheker-Chemiker
in Deutschland. In: Geschichte der Pharmazie – DAZ-Beilage 53 (2001), 25–35.
67 Er studierte wie auch andere schlesische Medizinstudenten in Basel und promovierte
hier, als sich die anfänglichen Vorbehalte gegen den Querkopf Paracelsus und seinen
Propagator Adam von Bodenstein (1528–1577), der 1564 aus der Fakultät ausgeschlossen
worden war, lange gelegt und einer wohlwollenden Mitberücksichtigung paracelsischer
Chymiatrie Platz gemacht hatten, so dass in Basel durchaus beide Medizinen vertreten
wurden, wenn auch die chymische nicht praktisch; vgl. etwa Robert Seidel: Caspar Dor-
nau und der Paracelsismus in Basel. Schulhumanismus und Medizin im frühen 17. Jahr-
hundert. In: Telle (wie Anm. 66/b), S. 249–276. – Zu Gastos Medizin siehe vor allem M.
Vechner (wie Anm. 65), S. 144 f. („Jngleichen hat ers in Philosophia vnd Medicina mit
seinem wissen vnnd können durch Gottes gnädige erleuchtung so hoch gebracht / daß
jhn vielleicht niemand vbersteigen / wenige erreichen werden. Jn deme er jhme alle partes
Philosophiae, alle sectas Medicorum, alle recessus naturae nicht allein familiar gemacht / sondern
auch opera Physica mit dem Igne Naturae oder Vulcano Alchymistarum zu repraesentiren, aemu-
liren, vnd perficiren sich wol vnterstanden hat.“) und S. 147–151 („In facienda Medicina [... hat
er] sehr artig vnd weißlich die gantze Philosophiam, ja alle verborgene Schätze der Natur ad
forum Medicum traduciren können. Hierinnen gefolget dem praescripto Hippocr[atis] vnd Ga-
leni, als Principium Medicinae. Deren Principia in Pathologicis vnd methodo er zwar meistentheils
/ aber doch liberaliter, sine mancipij lege amplectiret; Darneben andere Authores, Graecos,
Arabos, Latinos vnnd Germanos evolviret, vnd also gleich einer arbeitsamen Bienen / aus
allen Blümlen zusammen getragen ein gesundes Honig / damit er hernach feliciter seiner
Krancken Schmertzen vnd ängsten zu edulcoriren gewust. Wie er nun in Methodo vor-
nemlich auff den Indicationibus curativis beruhet / beyneben auff allerley observationes vnnd
- 32 -
dem es heißt (S. 26): „Was vnser jetzo selige Herr Flaminius Gasto für ein trefflicher
vnd zugleich in Galenischer vnnd Paracelsischer Medicin erfahrner Mann gewesen,
wird [...] in diesen vnd benachbarten Orten nicht leicht vergessen werden.“ Die zwei-
geteilte Medizin ist im gegenüber dem Paracelsismus durchaus aufgeschlossenen Schle-
sien für die praktische Medizin auch anderweitig belegt.
66
Gasto scheint also gleich-
zeitig ein sehr moderner Arzt gewesen zu sein.
67
Aber, fährt Herberger fort, wenn er
Analogismum achtung geben / hiemit dexterrime Rationem cum Experientia copuliret; also hat
er in praeparandis pharmacis nechst den gemeinen Apozematibus vnd Syrupis jhme auch der
Hermeticorum Magisteria vnd arcana, Essentias vnd Tincturas gelieben lassen / vnd hiemit den
Paracelsum Galeno, bona ratione, meliori successu subjungiret vnd zugespannen.“).
- 33 -
noch lebte, würde auch er anerkennen, „wir haben den fürnehmesten [damit] noch
nit“. Dann geht er der Frage nach, wer dies denn sei (S. 28–30: zum Vergleich mit den
auf der Triumphfahne des Bildes Michel Herrs zitierten Versen wird in eckigen Klam-
mern auf die oben angebrachte Numerierung verwiesen):
„Der klügeste, der glückseligste, der scharffsinnigste, der thewreste vnter allen ist
Jesus Christus. Der Herr mein Artzt ist der beste. Er bekennts selber allhier durch Mo-
sen [Exodus 15, 26]: [Nr. 1/2/3] Jch bin der HERR dein Artzt. [...] Drumb rühmet er
sich auch, er sey Magister Salvationum, [Nr. 4] er sey gar ein Meister drauff, wenn vns
soll geholfen werden / Esa 63. Seine künstliche Magisteria sind nicht zu zehlen. Jere-
m[ias] 30. Vers 13. vnd 17. spricht er: Es kan Dich niemand heilen. Aber jch wil dich
wieder gesund machen. Matth[äus] am 9. Cap[itel] nennt er sich ausdrücklich einen
Artzt, da er sagt: [Nr. 6] Die Starcken dürffen des Artztes nicht, sondern die Krancken.
[...] vnd Matth[äus] 11. [28] sitzet er als ein allgemeiner Land Doctor, vnnd ruffet alle
Krancken zu sich: [Nr. 7] Kommet her zu mir, alle, die jhr müheselig vnd beladen
seyd, Ich wil euch erquicken.“
Das wird dann in zwanzig Punkten einer ‚Deontologia medica‘, einer ärztlichen
Sittenlehre, vergleichend zu den besten menschlichen Leibesärzten ausgeführt. Unter
Punkt 11 heißt es dort (S. 46 f.): „Ein ehrlicher Artzt muß ohne falsch seyn, er muß
nicht den Schaden grösser machen wie etliche vntrewe Wundärtzte, damit sie desto
länger zu heilen haben. [...] Er ist vnd bleibet trew, wenn gleich die gantze Welt wolte
vntrew werden [...] Er meynet nicht das Geld [= er denkt nicht an das Geld], sondern
seines Namens Ruhm / vnd vnsere gewisse Wolfarth. Geitz vnd eigner Nutz ist fern
von jhm. Drumb sagt er / Esa[ia] 55. [1]: [Nr. 8] Kommet her / vnd käuffet / ohne
Geld / vnd vmbsonst.“
Unter Punkt 14 steht (S. 51 f.): „Vnd das ist der einzige Artzt vnter allen, welchem
kein Patient, so lange die Welt gestanden, ist gestorben. [... Denn Jesus sage im Jo-
hannes-Evangelium 11, 25 f.]: [Nr. 10] Jch bin die Aufferstehung vnd das Leben / wer
an mich gläubet / der wird leben / ob er gleich stürbe / vnd wer da lebet vnnd gläubet
an mich / der wird nimmermehr sterben.“
Christus habe nicht in Paris, sondern „im himlischen Paradiß“ studiert, heißt es
unter 17 (S. 57/59), und so könne er sagen: [Nr. 4] Jch bins, der Gerechtigkeit lehret,
vnnd ein Meister bin zu helffen. [...] Unter 18 führt Herberger nach Lukas 17,17 aus
(und wir müssen uns dazu Herrs Publikum in Erinnerung rufen) (S. 59 f.): „Vnser
Artzt kan nicht allein einer oder kleiner Kranckheit rahten, sondern eine Noth ist jhme
wie die ander. Da jhm zehen aussätzige Männer auff einmal begegnen, da ist jhm
68 Siehe oben Anm. 39.
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zehenfache Wunder thun eben so leicht, als wenn ein einfach Vnglück fürhanden we-
re.“ Und unter 19 wird resümiert (S. 64–66): „Je mehr Patienten einem Doctor nach-
ziehen, je höher wird er gehalten, wie denn der jetzo selige D[octor] Flaminius deß-
halben celeberrimus vnd nobilissimus gewesen. Wer wil aber die Summam der Patienten
Jesu Christi berechnen? Er hat die allermeisten. [...] Drum saget er hier zu dem gantzen
Jsraelitischen Volck: [Nr. 1 und 7] Jch bin der HERR dein Artzt. [...] Drum rufft er vns
auch alle / Matth[äus] 11./ Kommet her zu mir alle, die jhr müheselig vnd beladen
seyd, Jch will euch erquicken.“
Das zweite Stück handelt über die himmlischen Arzneien und beginnt mit der
Frage (S. 71 f.): „Was brauchet denn der Herr vnser Artzt für köstliche Artzneyen?
Darauff giebet S[anctus] Johannes Antwort / 1. Cap[itel] 1. Das Blut Jesu Christi des
Sohnes Gottes macht vns rein von allen vnsern Sünden. Wiltu seine wolbestelte Apo-
theken visitiren, so beschawe jhn, wie er am Creutz mit Händen vnnd Füssen ist auß-
gespannt. Sein allerheiligster Leib ist voll thewrer Apotheker=Büchsen vnd Kräuselin,
da sind lauter [...] Wunden, daraus rinnet, sickert vnnd fleusset eitel edler Balsam für
vnsere beschädigte Seelen; seine allerheiligste Blutströpfflin sind die preciosae medicinae,
die hochwichtigen Artzneyen, die vns zu ewiger Gesundheit helffen.“ So besage Sapi-
entia 16, 12: „Es heilet sie weder Kraut noch Pflaster, sondern dein Wort, das alles
heilet.“ „Vnd dieser Artzt muß ein[z]ig vnd allein das beste bey dir thun. Höre seine
eigene Wort. Jerem[ias] 30 [17]. Es kan dich niemand heilen, Aber, ich wil dich wieder
gesund machen. Aus dem Wörtlein / Dein / mache mit frölichem gleubigem Hertzen
ein tröstliches / Mein / vnd sage: HERR JESU, du bist mein Artzt. Allein zu dir Herr
Jesu Christ / mein Hoffnung steht auff Erden / Jch weis daß du mein Tröster bist /
kein Trost mag mir sonst werden.“
Die letzten Sätze sind ein Zitat aus dem Anfang eines Chorals des bis 1563 in Straß-
burg als Pfarrer an St. Thomas wirkenden lutherischen Kirchenlieddichters Konrad Hu-
ber (1507–1577) entnommen. Er wurde in Wittenberg vertont, erschien schon 1540 in
einem Nürnberger Liederdruck und fand 1545 erstmals Aufnahme in ein Gesangbuch,
nämlich das Straßburger. Ein protestantischer Leser wird es deshalb in der Regel gekannt
haben. Dieses Zitat Herbergers schlägt nun aber gleichzeitig den Bogen an das zeitliche
Ende der Geschichte des Sinnbildmotivs im Protestantismus. Es wird nämlich in der
letzten, bereits pietistisch geprägten lutherischen Umformung
68
des Motivs zitiert, übri-
gens erstmals als ein nicht aus der Bibel stammender Text.
Von diesem Bildtyp sind insgesamt 19 Beispiele bekannt; das älteste, heute ver-
schollene stammt aus dem Jahre 1716, während die drei schwedischen Bilder, mit
denen das Sinnbildmotiv erstmals den deutschen Sprachraum verlässt, die 1747 ge-
druckte, sich an die lutherische anlehnende schwedische Bibelübersetzung benutzten.
Drei Bemerkungen möchte ich zu diesem Bildtyp wenigstens noch machen dürfen
69 H
EIN
Bild Nr. 115 (nach der Weihe der von ihm gestifteten Kirche am 26.06.1736 von
Johannes Dicel nach einem Kupferstich gemalt); siehe zur Bildgruppe Krafft (wie Anm.
1), S. 188–196, und (wie Anm. 39).
70 Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe 1992, Nr. 232; Gesangbuch der Evangelisch-refor-
mierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz. Ausgabe 1998, Nr. 208.
- 35 -
Abb. 1 5: Joh a n nes D icel:
Christus in der Himmelsapothe-
ke mit reumütigem Sünder (nach
1736). Ölbild auf Leinen (82,6 x
66 cm), Evangelische Kirche in
Seebach, Thüringen
(siehe Bild 15
69
): In ihm tritt erstmals nach Michel Herrs Genrebild auf einem pro-
testantischen Bild ein Gegenpart zu Christus auf. Durch das Spruchband, das die
Person auf die Waagschale legt, erweist sie sich als reuiger Sünder oder wohl eher als
Sünderin (nämlich Maria Magdalena). Die Sünden wiegen so schwer, dass es einer
besonderen, nur für Schwergut benutzten Waagenform bedarf (was allerdings bei den
Malern meist unverstanden blieb); dennoch werden sie durch das Christi Opfertod am
Kreuz darstellende Kruzifix leicht aufgewogen, obgleich eine Teufelsgestalt die Seite
der Sünden noch herabzuziehen versucht.
Der auf dem Spruchband zitierte Anfang der zweiten Strophe des Huber-Chorals
nimmt das Ende der ersten („Dich ruf ich an, dem ich allein vertrauen kann“) auf und
lautet
70
: „Mein Sünd’ sind schwer und übergroß / und reuen mich von Herzen“; die
Strophe fährt fort: „derselben [der Sünden] mach mich frei und los / durch deinen
71 Rechnet man den Februar des Normaljahres 1618 zu 30 Tagen, wäre es exakt der
Jahrestag.
- 36 -
Tod und Schmerzen; / und zeige deinem Vater an, / daß du hast g’nug für mich getan,
/ so werd ich los der Sünden Last. / Erhalt mich fest / in dem, was du versprochen
hast.“
Es ist also ein gewisser innerer Wandel im Sinnbildmotiv festzustellen, insofern
hier der sündige Mensch auftritt und die Rechtfertigung regelrecht fordert, im Unge-
wissen darüber, ob die Stärke seines Glaubens für die Vergebung der Sünden ausrei-
chen würde, während das Andachtsbild bis dahin Christi Angebot einer ohne Gegen-
leistung gewährten Rechtfertigung enthielt.
Dass der Ausgangspunkt für die ungeheuer fruchtbare Wirkungsgeschichte dieses
Andachtsbildes, das Genrebild von Michel Herr aus dem Jahre 1619, durch den vor-
gestellten, dem Gedenken des Liegnitz-Briegschen Hofarztes Flaminius Gasto gewid-
meten Traktat zur Theologia medicinalis von Valerius Herberger aus dem Jahre 1618 di-
rekt oder durch Vermittlung eines Theologen angeregt worden ist, scheint mir sehr
wahrscheinlich zu sein, zumal wenn man bedenkt, dass die Verse in beiden Fällen auch
in derselben Reihenfolge auftreten – und die bei Herr sonst fast nur auf Stammbuch-
blättern notierte Tagesangabe in der Maler-Inschrift (7. Februar) fast genau auf den
ersten Jahrestag des Todes von Flaminius Gasto (5. Februar) fällt.
71
Es wäre jedenfalls ein gewaltiger kultur- und frömmigkeitsgeschichtlicher Impuls,
der aus dem von Deutschen besiedelten deutschsprachigen Niederschlesien unter pol-
nischer Krone heraus mentalitätsbildend auf die von Konfessionsauseinandersetzun-
gen geprägten und geschädigten deutschen Lande eingewirkt hätte. Dabei war die kon-
fessionelle Situation im Nürnberg Michel Herrs und im Fraustadt Valerius Herbergers
vergleichbar; beide mussten gegen den wieder erstarkten Katholizismus standhaft
bleiben.
Bereits im 12. Jahrhundert hatte in Schlesien durch Anwerbung von Bauern und
Gründung von Städten nach deutschem Recht die deutsche Besiedlung der Herzog-
tümer seinen Anfang genommen; sie wurde zum Träger der kulturellen Verbindungen
der polnischen Kronländer nach Westeuropa und blieben bis zur Beendigung des
Zweiten Weltkrieges mehrheitlich deutsch besiedelt, allerdings unter wechselnder
Oberherrschaft: Nachdem Niederschlesien mit Fraustadt durch König Kasimir den
Großen endgültig erobert worden war, wurde es polnisch, geriet jedoch in der Folge-
zeit unter böhmische und ab 1532 unter habsburgische Monarchen, bis Schlesien nach
der zweiten polnischen Teilung preußisch wurde. Als königliche Stadt unterstand
Fraustadt im 16. Jahrhundert einem königlich-polnischen Starosten. Die wandelnde
Oberherrschaft nahm eigentlich keinen großen Einfluss auf die von Deutschen getra-
gene Kultur und prosperierende Wirtschaft Schlesiens, weil es noch keine National-
staaten gab.
- 37 -
Die Stelle der natürlichen Nationalstaatlichkeit nahm im 16. und in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts vielmehr die aus Überzeugung getroffene konfessionelle
Entscheidung ein. Herbergers Geburtsort Fraustadt (polisch Wschowa, heute mit
15000 Einwohnern Kreisstadt des Landkreises Wschowski) war wie viele andere
niederschlesische Städte und Gebiete 1552, als der Tod des katholischen Propstes eine
Wiederbesetzung der Pfarrstelle erforderte, zum Luthertum übergetreten – wie auch
die Starosten-Familie Gorka. Somit blieb auch nach 1552 Fraustadt im Gegensatz zu
den südlichen Teilen Schlesien vorerst vor den gegenreformatorischen Bestrebungen
der Habsburger verschont, ja Fraustadt und das Fraustädter Ländchen avancierten
regelrecht zu einer der Hochburgen des Luthertums in Polen.
Die Gegenreformation stellte sich allerdings auch in Fraustadt ein, als die Familie
Gorka durch Katholiken als Starosten abgelöst wurde. Die Bevölkerung, auch des
Umlandes, blieb zwar vorerst weitestgehend lutherisch, aber die Pfarrkirche St. Marien
musste 1604 nach einem Gerichtsentscheid an die katholische Kirche ab- oder viel-
mehr zurückgegeben werden; und die Auseinandersetzungen um ehemals katholische
Besitzungen und Entschädigungen für Einnahmeausfälle seit 1552 zogen sich über
Jahre zum Schaden des trotz heftigen Widerstandes unterlegenen Magistrats hin. Da-
mals war Valerius Herberger der lutherische Prediger gewesen.
Nach dem Besuch der Lateinschule in Fraustadt sollte er, nachdem sein Vater 1571
verstorben war, auf Wunsch seines Stiefvaters Schuhmacher werden. Doch nahm sich
sein Pate, ein Pastor, seiner an und schickte ihn 1579 auf die Lateinschule ins nieder-
schlesischen Freystadt, wo er sich Kost und Logie durch Unterricht der Wirtskinder
erwerben konnte. 1582 bis 1584 studierte er dann Theologie in Frankfurt an der Oder
und in Leipzig, bevor er vom Fraustädter Magistrat zum Prediger und Lehrer an die
heimische Lateinschule berufen wurde. 1590 wurde er zum Diakon an der Pfarrkirche
ernannt und heiratete die Ratsherrentochter Anna Rüdinger (1568–1629). Nach dem
Tod des Oberpfarrers Leonhard Krentzheim wurde er schließlich zum ersten Prediger
von Fraustadt gewählt. Das blieb er auch nach der erstrittenen Rückgabe des Got-
teshauses an die katholische Kirche; denn er konnte den Magistrat bewegen, Ersatz für
die ja fast ausschließlich lutherische Bevölkerung zu schaffen. Dazu wurden zwei
Wohnhäuser erworben und rasch zu einem Bethaus ausgebaut, so dass trotz der kurz-
fristig anberaumten Übergabe zum Weihnachtsfest auch die Lutheraner die Geburt
Christi gebührend feiern konnten. Herberger nannte den entstandenen Andachtsraum
daraufhin das ‚Kripplein Christi‘.
Berühmt wurde Herberger später als Pestpfarrer von Fraustadt, als er während der
verheerenden Epidemie des Jahres 1613 nicht wie andere die Stadt verließ, sondern
häufig allein die Pestkranken und Sterbenden betreute und sie auch persönlich bestat-
tete, wobei er auf dem Geleit zum Grab, den er allein mit dem Totengräber führte, das
genannte Lied sang, das er aus solchen Anlässen gedichtet hatte.
Beide voller Gottvertrauen gemeisterten Geschehnisse haben ihn in seinem Den-
- 38 -
ken und in seiner Frömmigkeit entscheidend geprägt; und sie spiegeln sich auch in
seiner Analyse der Theologia medicinalis wider, der wahrscheinlich das weitverbreitete
Sinnbildmotiv ‚Christus als Apotheker‘ seine Entstehung verdankt.
Anschrift des Verfassers: Prof. Dr. Fritz Krafft, Schützenstraße 18, D-35096 Weimar (Lahn)
... 05.02.1618), the municipal physician from Guhrau and court physician of Liegnitz-Brieg, was described in his funeral oration by Valerius Herberger, the Lutheran clergyman in Frau- stadt, whom he had befriended, as 'a man experienced at once in Galenic and Paracelsian medicine', something that brought him particular dis- tinction. 129 Vechner. Marburg and Silesia thus cemented friendships, over and above the teacher-student relationship in medicine, and a true network of those who had formerly studied medicine at Marburg ap- pears to have formed in Silesia. ...
Article
Full-text available
The number of medical students at the University of Marburg in the early 17th century was so far thought to amount scarcely to a handful, tending towards zero. In contrast to that, this paper identifies for the time from 1600 to 1620 80 students of medicine, 73 just for the twelve years from 1608 to 1620. Almost a third of these, 23, also received their doctorate in Marburg, whereas most of the others went to other universities for this purpose (Basel in particular) or ended their studies as a candidatus medicinae. The highest total number of students of a single year amounts to 28 in 1616. The reason for this rise to one of the most attractive medical faculties in the German-speaking countries was a completely new beginning with the professors Nicolaus Braun, Johannes Hartmann (till 1618), and Heinrich Petraeus (till 1620) following the vacancy of all three professorships of medicine. Of these professors Braun represented the traditional Galenic medicine, whereas Hartmann and Petraeus acted as academic protagonists of the modem chymiatria (the chemical, paracelsian or hermetic medicine), that they made their task to harmonize with the conventional medicine. To that purpose teaching was supplemented by Petraeus with a cleverly devised intensive system of disputing and responding of the college of Nosologia and by Hartmann with a practical training of the students in a chemical laboratory. The new kind of teaching attracted students from many other German and European countries, primarily from Silesia, whereas the number of local students from Hessia remained at its previous very low level.
KRAFFT Exponat A-26 (siehe auch dort Farbtafel 9 auf S. 125); zu diesem und verwandten Bildern (siehe Anm. 58) vgl. KRAFFT (wie Anm. 32
  • Nr Hein Bild
HEIN Bild Nr. 10; KRAFFT Exponat A-26 (siehe auch dort Farbtafel 9 auf S. 125); zu diesem und verwandten Bildern (siehe Anm. 58) vgl. KRAFFT (wie Anm. 32), S. 103-108.
Prediger am Kripplein Christi zu Fraustadt in Polen
  • Ilse Buchholz
Ilse Buchholz: Valerius Herberger, Prediger am Kripplein Christi zu Fraustadt in Polen. Berlin 1965; NDB Band 8, S. 576 f.
) studiert hatte und am 06.09.1597 in Basel zum Dr. med
  • Gasto Zu Flaminius
Zu Flaminius Gasto (09.09.1571 Schwiebus -05.02.1618 Guhrau, 1615 geadelt: Gasto von Gastenau), der in Wittenberg, Altorf, Prag und Italien (Bologna, Rom, Neapel, Padua) studiert hatte und am 06.09.1597 in Basel zum Dr. med. promoviert worden war, -31 -
Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit), S. 159-248; vergleichbar ist sicherlich die Situation in der Oberlausitz
  • Joachim Siehe
  • Telle
Siehe etwa Joachim Telle (a): Johann Huser in seinen Briefen. Zum schlesischen Paracelsismus im 16. Jahrhundert. In: Joachim Telle (Hrsg.) (b): Parerga Paracelsica. Paracelsus in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart 1991 (= Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit), S. 159-248; vergleichbar ist sicherlich die Situation in der Oberlausitz, dazu siehe Erika Hickel: Kaiserliches Privileg für einen Apotheker-Gehilfen im Jahre 1612: Johannes Büttner (1571-1634) in Görlitz, frühester Apotheker-Chemiker in Deutschland. In: Geschichte der Pharmazie -DAZ-Beilage 53 (2001), 25-35.
Vnser Artzt kan nicht allein einer oder kleiner Kranckheit rahten, sondern eine Noth ist jhme wie die ander. Da jhm zehen aussätzige Männer auff einmal begegnen, da ist jhm zehenfache Wunder thun eben so leicht, als wenn ein einfach Vnglück fürhanden were
  • Denn Jesus Sage Im
Denn Jesus sage im Johannes-Evangelium 11, 25 f.]: [Nr. 10] Jch bin die Aufferstehung vnd das Leben / wer an mich gläubet / der wird leben / ob er gleich stürbe / vnd wer da lebet vnnd gläubet an mich / der wird nimmermehr sterben." Christus habe nicht in Paris, sondern "im himlischen Paradiß" studiert, heißt es unter 17 (S. 57/59), und so könne er sagen: [Nr. 4] Jch bins, der Gerechtigkeit lehret, vnnd ein Meister bin zu helffen. [...] Unter 18 führt Herberger nach Lukas 17,17 aus (und wir müssen uns dazu Herrs Publikum in Erinnerung rufen) (S. 59 f.): "Vnser Artzt kan nicht allein einer oder kleiner Kranckheit rahten, sondern eine Noth ist jhme wie die ander. Da jhm zehen aussätzige Männer auff einmal begegnen, da ist jhm zehenfache Wunder thun eben so leicht, als wenn ein einfach Vnglück fürhanden were." Und unter 19 wird resümiert (S. 64-66): "Je mehr Patienten einem Doctor nachziehen, je höher wird er gehalten, wie denn der jetzo selige D[octor] Flaminius deßhalben celeberrimus vnd nobilissimus gewesen. Wer wil aber die Summam der Patienten Jesu Christi berechnen? Er hat die allermeisten. [...] Drum saget er hier zu dem gantzen Jsraelitischen Volck: [Nr. 1 und 7] Jch bin der HERR dein Artzt. [...] Drum rufft er vns auch alle / Matth[äus] 11./ Kommet her zu mir alle, die jhr müheselig vnd beladen seyd, Jch will euch erquicken." Das zweite Stück handelt über die himmlischen Arzneien und beginnt mit der
Wunden, daraus rinnet, sickert vnnd fleusset eitel edler Balsam für vnsere beschädigte Seelen; seine allerheiligste Blutströpfflin sind die preciosae medicinae, die hochwichtigen Artzneyen, die vns zu ewiger Gesundheit helffen
  • Frage
Frage (S. 71 f.): "Was brauchet denn der Herr vnser Artzt für köstliche Artzneyen? Darauff giebet S[anctus] Johannes Antwort / 1. Cap[itel] 1. Das Blut Jesu Christi des Sohnes Gottes macht vns rein von allen vnsern Sünden. Wiltu seine wolbestelte Apotheken visitiren, so beschawe jhn, wie er am Creutz mit Händen vnnd Füssen ist außgespannt. Sein allerheiligster Leib ist voll thewrer Apotheker=Büchsen vnd Kräuselin, da sind lauter [...] Wunden, daraus rinnet, sickert vnnd fleusset eitel edler Balsam für vnsere beschädigte Seelen; seine allerheiligste Blutströpfflin sind die preciosae medicinae, die hochwichtigen Artzneyen, die vns zu ewiger Gesundheit helffen." So besage Sapientia 16, 12: "Es heilet sie weder Kraut noch Pflaster, sondern dein Wort, das alles heilet." "Vnd dieser Artzt muß ein[z]ig vnd allein das beste bey dir thun. Höre seine eigene Wort. Jerem[ias] 30 [17].
115 (nach der Weihe der von ihm gestifteten Kirche am 26.06.1736 von Johannes Dicel nach einem Kupferstich gemalt)
  • Nr Hein Bild
HEIN Bild Nr. 115 (nach der Weihe der von ihm gestifteten Kirche am 26.06.1736 von Johannes Dicel nach einem Kupferstich gemalt); siehe zur Bildgruppe Krafft (wie Anm.
Band 2, Wunstorf 1999, S. 233 f.; Melchior Adam: Vitae Germanorum medicorum: qui seculo superiori, et quod excurrit, claruerunt
Theodor Zwingers Theatrum vitae humanae von 1565 aufgezählt und ihre Geschichte fortgeführt bis hin zu dem "weltkündigen Theophrastus Paracelsus" und Flaminius Gasto 65, dem Leibarzt und Rat des Herzogs Georg Rudolph von Liegnitz-Brieg, von siehe Claudia Zonta: Schlesische Studenten an italienischen Universitäten. Eine prosopographische Studie zur frühneuzeitlichen Bildungsgeschichte. Stuttgart 2004, S. 228; Michael Sachs: Historisches Ärztelexikon für Schlesien. Biographisch-bibliographisches Lexikon schlesischer Ärzte und Wundärzte (Chirurgen). Band 2, Wunstorf 1999, S. 233 f.; Melchior Adam: Vitae Germanorum medicorum: qui seculo superiori, et quod excurrit, claruerunt.. Frankfurt am Main / Heidelberg 1620, S. 437-442 (digitalisiert, aber nicht korrigiert von Rüdiger Niehl: http://www.uni-mannheim.de/mateo/camnaref/ adam/adam2/books/adamvitae2.html); sowie die bei Herberger (wie Anm. 63), S. 133-177 (Ausgabe Steiger [wie Anm. 64], S. 298-314) mit abgedruckte stark biografisch orientierte Leichenpredigt von Matthaeus Vechner.