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Fritz Krafft: Geleitwort. Zu: Günther Gleiche, Die Apotheke im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg, Hamburg, 1823-1973... Stuttgart 1998, S. V-VI.

Authors:
Krafft-Nr. 400a
Geleitwort zu: Günther Gleiche: Die Apotheke im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg,
Hamburg, 1823–1973. Eine Chronik vor dem Hintergrund des stadtgeschichtlichen, me-
dizinalrechtlichren, medizinischen und naturwissenschaftlichen Geschehens. Mit einem
Geleitwort von Fritz Krafft. Stuttgart 1998, S. V–VI:
Geleitwort
Rechtzeitig zum 175jährigen Jubiläum des ältesten städtischen Großkrankenhauses in Nord-
deutschland, des Hamburgischen Allgemeinen Krankenhauses St. Georg, das seit Anbeginn
eine eigene Apotheke besaß, wird die ‚Chronik‘ eben dieser Apotheke vorgelegt – erarbeitet
aus den Quellen sowie für die Nachkriegszeit zusätzlich aufgrund durch ältere Mitarbeiter
vermittelten und eigenen Erlebens von Günther Gleiche, der 1961 in die Apotheke einge-
treten und in den Jahren von 1974 bis 1984 ihr ‚Chefapotheker‘ gewesen war. Bewußt wur-
de dabei die von ihm als verantwortlichem Leiter mitgeprägte Phase ausgespart, vielmehr
das 150jährige Jubiläum von 1973 als Schlpunkt gewählt, aus dessen Anl der nach-
malige Chefapotheker auch erstmals zu einer historischen Rückschau angeregt wurde.
Dafür wird die ja keinesfalls unabhängige Entwicklung der Apotheke, die gleichzeitig
deutlich den Wandel der Pharmazie und apothekarischen tigkeit während der erften 150
Jahre widerspiegelt, nicht nur mit der Geschichte des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg
und seiner Abteilungen selbst verwoben, sondern auch in die Geschichte der Stadt Hamburg
und ihrer Medizinalgesetzgebung eingebettet, der neben den parallelen Entwicklungen in
Medizin, Pharmazie und Naturwissenschaft breiter Raum gewährt wird.
Da die Quellen zur Krankenhausapotheke St.Georg mit großer interpretatorischer
Zurückhaltung dargestellt, in ihrem Datenbestand ausgewertet und teilweise im Wortlaut
wiedergegeben werden, wird die Chronik darüber hinaus selbst ebenfalls zu einer wichtigen
Quelle für zukünftige Untersuchungen zur Geschichte der Krankenhausapotheke in
Deutschland. Damit ist sie ‚Quelle und ‚Studie‘ zur Geschichte der Pharmazie zugleich und
entspricht so dem Profil der Reihe voll und ganz. Das hat denn auch den Herausgeber nach
einer Anfrage aufgrund einer schon vor vielen Jahren erfolgten Kontaktaufnahme zwischen
dem Autor und dem Begründer dieser Reihe veranlaßt, eine Herausgabe der Chronik zu
übernehmen und ihre Aufnahme in die Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie
ins Auge zu fassen – ist die Reihe doch keineswegs Arbeiten vorbehalten, die am Marburger
Institut für Geschichte der Pharmazie entstanden sind.
Obgleich der XXXII. Internationale Kongreß zur Geschichte der Pharmazie 1995 in
Paris bereits die Geschichte der Krankenhausapotheke (für die man in Paris auf eine fünf-
hundertjährige Geschichte zurückblicken konnte: organià Paris à l’occasion du demi-
millénaire de la création de l’apothicairerie de l’Hôtel-Dieu [1495] et du bicentenaire de la
Pharmacie centrale des hôpitaux [1795]“) zum Generalthema gemacht hatte, um diesen
immer wichtiger werdenden Teil des Apothekenwesens auch auf historischer Ebene ins
rechte Licht zu rücken so daß der Kongr auch gemeinsam mit der ‚Association de
Pharmacie Hospitalière d’Ile-de-France‘ veranstaltet werden konnte –, fehlt es bisher an
übergreifenden Gesamtdarstellungen und für Deutschland selbst an einer solchen Zusam-
menstellung, wie sie für Paris (und Frankreich) aus Anl der oben genannten Jubiläen
erfolgte
1
.
Es ist deshalb zu begrüßen, daß nach Band 11 mit der 1977 bei Rudolf Schmitz ent-
standenen Dissertation von Helmut Becker (Zur Geschichte der Krankenhausapotheke im
1 Cinq Siècles de Pharmacie Hospitalière 1495–1995. Textes réunis par FRANÇOIS CHAST
et PIERRE JULIEN. Paris: Éditions Hervas 1995.
Königreich Bayern: Die Apotheke des Allgemeinen Krankenhauses München links der Isar)
nach zwanzig Jahren hiermit wieder eine wichtige Teilgeschichte, dieses Mal aus dem hohen
Norden, innerhalb der Reihe Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie vorgelegt
werden kann. Damit wird gleichzeitig ein zur Gegenwartsbestimmung wichtiger historischer
Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über eine Aufnahme von Errungenschaften des pa-
tientenorientierten Teiles der modernen Krankenhauspharmazie in die Universitätsausbildung
sämtlicher Pharmazeuten geliefert; denn dieser Beitrag verdeutlicht gleichzeitig aus dem
Inneren der apothekarischen Tätigkeiten heraus die eben nur temporär große Bedeutung des
praktisch-experimentellen Schwergewichts im Bereich des pharmazeutisch-chemischen Teils
der Apothekerausbildung, das in Deutschland durch die als solche gescheiterte, aber in die
nachhaltigst wirkende Approbationsordnung von 1934 eingegangene politische Zielsetzung
einer autarken, von der Industrie unabhängigen ‚deutschen‘ Apothekerschaft und gegen die
Richtung der allgemeinen Entwicklung der Pharmazie und offizinellen Tätigkeit unzeitgemäß
bis in die Gegenwart am Leben erhalten wurde. Unter diesem Gesichtspunkt ist es durchaus
zu bedauern, daß die letzten 25 Jahre innerhalb der Chronik ausgespart blieben, innerhalb
der sich die Entwicklung der Tätigkeiten auch in der Krankenhausapotheke vollends von der
Rezeptur und Defektur entfernte, an deren Stelle neben die verbliebene Versorgung mit und
Bereitstellung von Arzneimitteln und Medizintechnik mehr und mehr die Arzt und Patient
beratende Tätigkeit des Krankenhausapothekers als Arzneifachmann trat welche Aus-
richtung, nachdem Krankenhausapotheker bislang nach wie vor als Offizinapotheker aus-
gebildet wurden, jetzt ja ihrerseits auf die Ausbildungsinhalte des Offizinapothekers Einfl
nehmen soll. So bleibt selbst für die Geschichte der Apotheke des Allgemeinen Kranken-
hauses St.Georg in Hamburg ein Kapitel zu schreiben, das allerdings weniger eines zur
Geschichte der Apotheke als zur Entwicklung der Krankenhauspharmazie an dieser Apo-
theke werden müßte und somit nicht ein weiteres, sondern ein anderes Kapitel aus der
Geschichte der Krankenhaus-Apotheke St. Georg wäre. Der Einschnitt des Jubiläumsjahres
1973 rechtfertigt sich damit auch unter diesen Aspekten.
Marburg, im September 1998 FRITZ KRAFFT
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