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[Hematologic neoplasias and solid tumors in pregnancy. Part 1: diagnosis and principal treatment options].

Article · Literature Review (PDF Available) inDMW - Deutsche Medizinische Wochenschrift 134(7):311-5 · March 2009with6 Reads
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Hämatologische Neoplasien und solide Tumoren in der Schwangerschaft. Teil 1: Diagnostik und grundsätzliche Therapieoptionen

311
Aktuelle Diagnostik & Therapie | Review article
Hämatologische Neoplasien und solide Tumoren
in der Schwangerschaft
Teil 1: Diagnostik und grundsätzliche Therapieoptionen*
Hematologic neoplasias and solid tumors in pregnancy
Part 1: diagnosis and principal treatment options
Autoren H. Popp 1 K. Spiekermann 1 A. Wollenberg 2 C. Spitzweg 3 B. Loehrs 4
Institut 1Medizinische Klinik und Poliklinik III – Großhadern, Klinikum der Universität München
2Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Ludwig-Maximilians Universität München
3Medizinische Klinik und Poliklinik II – Großhadern, Klinikum der Universität München
4Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe – Großhadern, Klinikum der Universität München
Einleitung
5
Die Inzidenz für Krebserkrankungen in der
Schwangerschaft ist niedrig, sie liegt bei ca. 0,1%
(Tab. 1 ). Bei ca. 700 000 Schwangerschaften/Jahr
in der Bundesrepublik Deutschland beträgt die
Zahl der Krebspatientinnen bundesweit mindes-
tens 700/Jahr. Da bereits heute jede 5. Schwan-
gere älter als 35 Jahre ist, wird eine weitere Zu-
nahme von Schwangeren mit Krebserkrankun-
gen erwartet.
Bildgebung
5
Während eine computertomographische Sta-
gingdiagnostik aufgrund der Strahlenbelastung
des Fetus kontraindiziert ist, kann mittels Ultra-
schall (ggf. auch Endosonographie) das TNM-Sta-
dium ohne fetale Gefährdung häufig weiter ein-
gegrenzt werden. MRT-Untersuchungen gelten
ebenfalls als sicher in der Schwangerschaft, da
für die diagnostisch eingesetzten magnetischen
Energien keine schädigenden Auswirkungen auf
den sich entwickelnden Fetus gezeigt wurden
[9, 20]. In der Praxis sollte das MRT bei schwan-
geren Patientinnen dann eingesetzt werden,
wenn der zu erwartende Benefit die theoreti-
schen Risiken überwiegt, im 1. Trimester jedoch
nur mit besonderer Vorsicht [21]. Der Einsatz ga-
doliniumhaltiger Kontrastmittel in der Schwan-
gerschaft gilt als relativ oder absolut kontraindi-
ziert, da eine Plazentapassage möglich ist und
die Langzeitauswirkungen auf den Fetus nicht
bekannt sind. Nach bisherigen Erfahrungen ha-
ben derartige Verbindungen jedoch keine schä-
digenden Auswirkungen auf die fetale Entwick-
lung, so dass ihr Einsatz in der Schwangerschaft
nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden soll-
te [11]. Das erhöhte Risiko einer nephrogenen
systemischen Fibrose bei Verwendung gadolini-
umhaltiger Kontrastmittel und eingeschränkter
Nierenfunktion sollte ebenso wie bei nicht-
schwangeren Patientinnen berücksichtigt wer-
den.
Spezielle Diagnostik
5
Mammakarzinom
Mammakarzinome werden in der Schwanger-
schaft häufig zu einem späteren Zeitpunkt (im
Mittel 5– 7 Monate) und in einem weiter fortge-
schrittenen Stadium als außerhalb einer
Schwangerschaft diagnostiziert. Eine besondere
Schwierigkeit könnte in der Fehlinterpretation
von Symptomen liegen, welche infolge der
Schwangerschaft als physiologisch gewertet
werden. Auffällige Tastbefunde, die länger als 2–
4 Wochen persistieren, sollten durch eine Stanz-
biopsie abgeklärt werden [8]. Histologisch fin-
den sich häufig gering differenzierte duktale
Adenokarzinome mit prognostisch ungünstigen
Eigenschaften (östrogen- und progesteron-re-
zeptor-negativ, erhöhte Expression von HER2/
neu, p53 und Ki67). Diese verhalten sich wie
Mammakarzinome bei nicht-schwangeren Frau-
en in jüngerem Alter meist biologisch aggressi-
ver. Weiterhin liegt auch häufiger eine geneti-
Tab. 1 Inzidenz für Krebserkrankungen in der Schwanger-
schaft.
Tumorentität Inzidenz/100000
Schwangerschaften
Zervixkarzinom 10– 1 000
Malignes Melanom 14– 100
M. Hodgkin 10– 50
Mammakarzinom 10– 40
Schilddrüsenkarzinom 14
Ovarialkarzinom 2–8
Non-Hodgkin-Lymphom 1–5
Kolorektales Karzinom 2
Akute myeloische Leukämie (AML) < 1
Akute lymphatische Leukämie (ALL)
< 1
Geburtshilfe,
Hämatologie,
Onkologie
Schlüsselwörter
qhämatologische Neoplasien
qsolide Tumoren
qSchwangerschaft
Keywords
qhematological neoplasias
qsolid tumours
qpregnancy
eingereicht 6.8.2008
akzeptiert 2.12.1008
Bibliografie
DOI 10.1055/s-0028-1123998
Dtsch Med Wochenschr 2009;
134: 311–315 · © Georg Thie-
me Verlag KG Stuttgart · New
York · ISSN 0012-0472
Korrespondenz
Dr. med. Henning Popp
Medizinische Klinik und
Poliklinik III
Klinikum der Universität
München – Großhadern
Marchioninistr. 15
81377 München
eMail Henning.Popp@
med.uni-muenchen.de
*Teil 2: „Spezielle Therapie“ er-
scheint im folgenden Heft
(Nr. 8).
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Dtsch Med Wochenschr 2009; 134: 311–315 · H. Popp et al., Hämatologische Neoplasien und …
sche Brustkrebs-Prädisposition vor. So werden Mutationen im
BRCA2-Gen, welches eine wichtige Rolle bei der Reparatur von
DNA-Doppelstrangbrüchen spielt, in diesen Patienten signifi-
kant häufiger gefunden [30]. Auch Trägerinnen einer BRCA1-
Mutation haben ein erhöhtes Risiko in der Schwangerschaft an
einem Mammakarzinom zu erkranken [14].
Ovarialkarzinom
Raumforderungen der Ovarien werden in ca. 0,2–2% aller
Schwangerschaften diagnostiziert. In der Mehrzahl der Fälle
handelt es sich um benigne Zysten und nur in 1–6% der gefun-
denen Raumforderungen liegt ein Ovarialkarzinom vor [15]. Mit
dem weit verbreiteten Einsatz des pränatalen Ultraschalls wer-
den Raumforderungen des Ovars häufig in der 1. Hälfte der
Schwangerschaft diagnostiziert. Raumforderungen, die bis in
das 2. Trimester persistieren und einen Durchmesser von 5–
10 cm aufweisen oder sonographisch maligne Charakteristika
zeigen, sollten reseziert werden. Die Bestimmung des CA125 zu
diagnostischen Zwecken hat nur begrenzten Wert, da eine phy-
siologische Bildung im Endometrium erfolgt. Dennoch weisen
CA125-Werte zwischen 1000– 10 000 U/ml ab der 15. Schwan-
gerschaftswoche (SSW) häufig auf eine maligne Genese hin.
Zervixkarzinom
Im Gegensatz zu den meist weiter fortgeschrittenen Mamma-
karzinomen werden Zervixkarzinome im Rahmen der Routine-
untersuchungen während der Schwangerschaft häufig in frühe-
ren Stadien erkannt. Die zyto- und histopathologische Diagnos-
tik kann sehr anspruchsvoll sein, da beispielsweise Trophoblast-
anteile der Plazenta für Dysplasien der Zervix gehalten werden
können. Bei auffälligem zytologischem oder kolposkopischem
Befund sollte immer eine histologische Abklärung und ein HPV-
Test durchgeführt werden.
Malignes Melanom
Melanomverdächtige Pigmentherde können aus der Vielzahl
harmloser Naevuszellnaevi durch ein laiengeeignetes Scree-
ningverfahren mit recht guter Sensitivität, jedoch nicht beson-
ders hoher Spezifität herausgefiltert werden: Die ABCD-Regel
identifiziert melanomverdächtige (A) asymetrische Pigmentma-
le, die eine (B) unregelmäßige, oft mehrbogige Begrenzung, eine
(C) Vielfarbigkeit verschiedener Braun- und Schwarztöne und
(D) einen Durchmesser über 5 mm aufweisen. Diese sollten um-
gehend dem Dermatologen zur weiteren Abklärung überstellt
werden, weil die frühzeitige Diagnose die Prognose eines Mela-
noms günstig beeinflusst. Eine hohe Tumordicke und Ulzeration
sind prognostisch ungünstig [5].
Im Verlauf einer Schwangerschaft kommt es zur Aktivierung
und erhöhten Pigmentproduktion der Melanozyten, was regel-
mäßig zu einer stärkeren Pigmentierung der Mamillenregion
und der abdominalen Mittellinie (Linea fusca), sowie zu einer
fleckigen Gesichtspigmentierung (Melasma) führt. Trotz zahl-
reicher Einzelfallbeobachtungen von Melanomentwicklung im
Rahmen einer Schwangerschaft ist die wissenschaftliche Dis-
kussion, ob die hormonellen Veränderungen in der Schwanger-
schaft einen Einfluss auf die Entwicklung und Progression eines
Melanoms haben, noch nicht abgeschlossen. Bestimmte Mela-
nomzellinien können Testosteronrezeptoren exprimieren, die
bei Stimulation zu einer Zellproliferation führten, während Öst-
rogenrezeptoren in diesen Zell-Linien nicht nachweisbar waren
[19], was jedoch keine bekannte klinische Konsequenz hat. Ein
klinisch relevanter Einfluss der Therapie mit oralen Kontrazep-
tiva oder Hormonersatztherapien auf das Melanomrisiko ist
nicht bekannt.
Kolorektales Karzinom
Eine frühe Diagnose gestaltet sich schwierig, da initiale Sympto-
me eines kolorektalen Karzinoms wie abdominelle Beschwer-
den, Unterleibsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Obstipati-
on häufig einer normalen Schwangerschaft zugeschrieben wer-
den. Kolorektale Karzinome werden daher meist erst in einem
weiter fortgeschrittenen Stadium während der Schwanger-
schaft diagnostiziert. Diagnostisch wegweisend können die rek-
tal-digitale Untersuchung, der Test auf okkultes Blut im Stuhl
und schließlich die Endoskopie sein. Die Ultraschalluntersu-
chung ist die Methode der Wahl zum Ausschluss einer hepati-
schen Metastasierung und die Endosonographie ist eine wichti-
ge Methode zur Stadieneinteilung des Rektumkarzinoms.
Wenngleich der Anteil erblicher kolorektaler Karzinome (z.B.
hereditäres non-polypöses Kolonkarzinom (HNPCC), Familiäre
adenomatöse Polyposis (FAP), Gardner Syndrom, Peutz-Jeghers
Syndrom) unter den in der Schwangerschaft an einem kolorek-
talen Karzinom erkrankten Patientinnen gering ist [18], sollte
dennoch eine humangenetische Evaluation im Verlauf erfolgen.
kurzgefasst
Mammakarzinome werden in der Schwangerschaft häufig
erst zu einem späten Zeitpunkt und in einem fortgeschrit-
tenen Stadium diagnostiziert. Auffällige Tastbefunde, die
länger als 2–4 Wochen persistieren, sollten durch eine
Stanzbiopsie weiter abgeklärt werden.
kurzgefasst
Durch den pränatalen Ultraschall können Raumforderun-
gen der Ovarien, bei denen es sich meist um benigne Zys-
ten handelt, frühzeitig in der Schwangerschaft diagnosti-
ziert werden. Sonographisch malignitätssuspekte Raum-
forderungen sollten reseziert werden. Zervixkarzinome
können im Rahmen der Routineuntersuchungen häufig in
einem frühen Stadium erkannt werden. Bei zytologisch
und kolposkopisch auffälligem Befund sollte eine histologi-
sche Abklärung erfolgen und ein HPV-Test durchgeführt
werden.
kurzgefasst
Auch in der Schwangerschaft ist die ABCD-Regel ein laien-
geeignetes Screeningverfahren zur Identifizierung mela-
nomverdächtiger Pigmentherde, die frühzeitig durch eine
dermatologische Untersuchung weiter abgeklärt werden
sollten.
kurzgefasst
Die klinische Symptomatik des Kolonkarzinoms ist häufig
unspezifisch und wird meist einer normalen Schwanger-
schaft zugeschrieben. Wie bei Nicht-Schwangeren können
die rektal-digitale Untersuchung, der Test auf okkultes
Blut und schließlich die Endoskopie diagnostisch wegwei-
send sein.
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Aktuelle Diagnostik & Therapie | Review article
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Schilddrüsenkarzinom
Während die Prävalenz von Schilddrüsenknoten bei schwange-
ren Frauen insgesamt relativ hoch ist, nimmt sie mit der Zahl
der vorausgegangenen Schwangerschaften noch weiter zu (Prä-
valenz ohne vorherige Schwangerschaft 9,4% vs. 25,1% bei Frau-
en mit vorausgegangenen Schwangerschaften) [29]. Schilddrü-
senknoten entwickeln sich häufig während einer Schwanger-
schaft und nehmen im Laufe der Schwangerschaft nicht selten
auch an Größe zu [12]. Wieviele der in der Schwangerschaft
nachgewiesenen Schilddrüsenknoten maligne sind, bleibt auf-
grund der unsicheren Datenlage umstritten. Die diagnostische
Abklärung von Schilddrüsenknoten in der Schwangerschaft un-
terscheidet sich nicht vom diagnostischen Vorgehen außerhalb
einer Schwangerschaft. In der Differentialdiagnostik spielt ne-
ben der Anamnese, der Palpation der Schilddrüse sowie der Be-
stimmung der Schilddrüsenfunktion (TSH, fT4, fT3) die Schild-
drüsen-Sonographie eine ganz zentrale Rolle, wobei sich malig-
ne Knoten häufig echoarm und unscharf begrenzt darstellen
und häufig Mikrokalzifikationen sowie eine erhöhte intranodu-
läre Hypervaskularisation aufweisen [22]. Darüber hinaus sollte
auf ggf. vorhandene pathologische Halslymphknoten geachtet
werden. Eine Schilddrüsenszintigraphie ist in der Schwanger-
schaft kontraindiziert. Jeder sonographisch malignitätssuspek-
te Knoten sollte auch in der Schwangerschaft mittels Feinnade-
laspirationszytologie in den Händen eines erfahrenen Untersu-
chers sowie Zytologen weiter abgeklärt werden.
Morbus Hodgkin
Häufig können B-Symptome (Fieber, Nachtschweiß, Gewichts-
verlust > 10% in 6 Monaten) in der Schwangerschaft fehlen oder
erst zu einem späten Zeitpunkt auftreten [33]. Die Diagnose
wird im Median um die 22. SSW durch eine Lymphknotenex-
stirpation gestellt und histologisch findet sich eine Prädomi-
nanz des nodulär-sklerosierenden Typs. Die Stadienverteilung
bei schwangeren Patientinnen unterscheidet sich nicht signifi-
kant von nicht-schwangeren Patientinnen.
Leukämien
Akute oder chronische Leukämien in der Schwangerschaft sind
ein sehr seltenes Ereignis. Die Diagnose kann verzögert gestellt
werden, wenn Symptome wie Abgeschlagenheit und Dsypnoe
oder Blutbildveränderungen wie Anämie und Leukozytose als
physiologische Veränderungen in der Schwangerschaft inter-
pretiert werden. Die Diagnostik unterscheidet sich nicht von an-
deren Patienten mit Leukämie und beinhaltet eine zytomorpho-
logische, immunphänotypische, zytogenetische und molekular-
genetische Untersuchung des Knochenmarks.
Allgemeine Therapiemaßnahmen
5
Strahlentherapie
Das Risiko einer Strahlenschädigung des Fetus ist abhängig vom
Entwicklungsstadium des Fetus, der absorbierten Dosis und der
Effektivität zellulärer DNA-Reparaturmechanismen. Das 1. Tri-
mester ist eine besonders empfindliche Phase und in Woche 1
und 2 nach Implantation treten bereits ab einer Grenzdosis von
0,1 Gy gehäuft spontane Aborte auf. Während der Organogene-
se in Woche 3– 8 ist das Risiko für Fehlbildungen und Wachs-
tumsretardierung ab einer Dosis > 0,1 Gy erhöht. In Woche 8–
25 besteht eine erhöhte ZNS-Sensitivität, wobei IQ-Minderun-
gen ab einer Grenzdosis von 0,1–0,2 Gy auftreten. Bei einer
Strahlenexposition von 1,0 Gy ist in über 40% der Fälle von ei-
ner schweren mentalen Retardierung auszugehen.
Eine Strahlenexposition im 2. und 3. Trimester hat eine erhöhte
Inzidenz für hämatologische Neoplasien und solide Tumoren in
der 1. Lebensdekade zur Folge. Eine Strahlentherapie mit Dosen
von 40– 70 Gy während der Schwangerschaft führt bei einem
Abstand des Fetus von > 30 cm zur bestrahlten Region zu einer
fetalen Strahlenexposition von 0,04– 0,2 Gy. Mit zunehmendem
Uterushochstand ist von einer noch höheren Strahlendosis aus-
zugehen. Während bei einer fetalen Dosis < 0,1 Gy keine medi-
zinische Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch besteht,
muss dieser ab einer fetalen Dosis > 0,2 Gy innerhalb der ersten
15 Wochen nach Implantation in Erwägung gezogen werden.
Chirurgische Eingriffe
Operationen im 1. Trimester können in Abhängigkeit des Ein-
griffs zu einer Fehlgeburtenrate von bis zu 10% führen [24]. Al-
lerdings ist mit dem Einsatz moderner Operations- und Anäs-
thesieverfahren das Risiko relativ gering, so dass kein signifikan-
ter Anstieg der natürlichen Fehlgeburtenrate beobachtet wird.
Bei Aufschieben einer dringlichen Operation kann das Risiko der
Mutter rasch das potentielle fetale Komplikationsrisiko über-
steigen.
Grundsätzliches Vorgehen bei der Chemotherapie
Aufgrund ihrer niedrigen molaren Masse können die meisten
zytotoxischen Substanzen die Plazenta passieren und den Fetus
erreichen [7]. In der Schwangerschaft können die gesteigerte
hepatische und renale Clearance, das erhöhte Plasmavolumen
und die Bildung eines „dritten Raumes“ durch die Amnionflüs-
sigkeit zu veränderten Wirkstoffkonzentrationen führen. In
Tierversuchen zeigen praktisch alle Chemotherapeutika ein te-
kurzgefasst
Die Prävalenz von Schilddrüsenknoten bei Schwangeren
ist hoch. Jeder sonographisch malignitätssuspekte Knoten
sollte auch in der Schwangerschaft mittels Feinnadelaspi-
rationszytologie weiter abgeklärt werden.
kurzgefasst
Eine B-Symptomatik kann beim Morbus Hodgkin in der
Schwangerschaft häufig fehlen. Die Diagnose wird – wie
bei Nicht-Schwangeren – durch eine Lymphknotenexstir-
pation gestellt.
kurzgefasst
Akute Leukämien in der Schwangerschaft sind zwar sehr
selten, müssen aber – ebenso wie bei Nicht-Schwangeren
– besonders rasch einer hämatologischen Diagnostik
zugeführt werden.
kurzgefasst
Bei zu erhaltender Schwangerschaft ist eine Strahlen-
therapie in der Regel nicht möglich. Operative Therapie
und Chemotherapie können in Abhängigkeit vom Gesta-
tionsalter angewandt werden. Für die Targeted Therapy
fehlen bislang noch Daten.
314 Aktuelle Diagnostik & Therapie | Review article
Dtsch Med Wochenschr 2009; 134: 311–315 · H. Popp et al., Hämatologische Neoplasien und …
ratogenes Potential, wobei Antimetabolite besonders schädi-
gend wirken (Ta b. 2 ). Im 1. Trimester können zytotoxische Sub-
stanzen zu spontanen Aborten und während der Organogenese
in Woche 2– 8 zu schweren Fehlbildungen führen. Das Risiko
wird auf 1020% geschätzt [32]. Verschiedene Organsysteme
wie die Augen, das ZNS, das hämatopoetische System und die
Keimzellen bleiben auch nach der Organogenese weiter vulne-
rabel. Im 2. und 3. Trimester nimmt das Risiko für Fehlbildungen
deutlich ab, jedoch können zytotoxische Substanzen zu intrau-
teriner Wachstumsretardierung (IUWR), mentaler Retardie-
rung, Früh- und Totgeburt führen. Als Langzeitfolgen sind insbe-
sondere Karzinogenese sowie Gonadentoxizität mit Infertilität
und Keimbahnmutationen zu bedenken.
Die Entscheidung, in der Schwangerschaft eine Chemotherapie
anzuwenden, muss abgewogen werden gegen die Auswirkung
einer Therapieverzögerung auf die mütterliche Prognose. Nach
Möglichkeit sollte eine Chemotherapie erst ab dem 2. oder frü-
hen 3. Trimester erfolgen, während bei Notwendigkeit einer
Chemotherapie im 1. Trimester in der Regel eine Abruptio gravi-
didatis indiziert ist. Ab der 32. SSW (in Einzelfällen auch früher)
kann nach durchgeführter Lungenreife eine vorzeitige Entbin-
dung erfolgen. Peripartal sollte nach Möglichkeit keine Chemo-
therapie appliziert werden, um aufgrund der verminderten re-
nalen und hepatischen Metabolisierungskapazität des Neugebo-
renen prolongierte Zytopenien und Geburtskomplikationen zu
vermeiden. Wird die Chemotherapie postpartal fortgesetzt,
sollte die Mutter abstillen, da Zytostatika in die Muttermilch
übertreten können.
Targeted Therapy. Neue innovative Medikamente werden in
der Regel in den Markt eingeführt bevor ausreichende Daten zur
Sicherheit in der Schwangerschaft vorliegen. Sie müssen daher
mit Vorsicht angewandt werden und für einige Substanzen ist
der Einsatz aufgrund des Wirkmechanismus obsolet (Tab. 3).
Tab. 2 Komplikationen zytotoxischer Substanzen in der Schwangerschaft.
Substanz Beschriebene Komplikationen
Alkylierende Agentien
Cyclophosphamid Panzytopenie, niedriges Geburtsgewicht, IUWR,
Fehlbildungen (u.a. Klumpfuss) [3],
Down-Syndrom [13]
Anti-Metabolite
Cytarabin Fehlbildungen (u.a. Brachycephalus, Radius-
aplasie, Fingeranomalien), Chromosomen-
anomalien, IUWR, Panzytopenie [25]
5-Fluoruracil IUWR, Fehlbildungen (u.a. Klumpfuss), Abort [7],
Down-Syndrom [13]
Methotrexat Aminopterin-Syndrom, Panzytopenie, Skelett-
anomalien, Abort [10]
DNS-interkalierende
Agentien
Cisplatin Innenohrschwerhörigkeit, Herzinsuffizienz,
IUWR, Frühgeburt, Abort [13]
Doxorubicin Fehlbildungen, Herzinsuffizienz, IUWR [4, 16],
Down-Syndrom
Mitose-Inhibitoren
Vincristin Kiefer-Gaumen-Spalte, IUWR, Hydrocephalus,
Panzytopenie, Abort
IUWR =intrauterine Wachstumsretardierung
Tab. 3 Sicherheit zielgerichteter Therapeutika in der Schwangerschaft.
Medikament Angriffspunkt Anwendung Sicherheit
während der
Schwangerschaft
Rituximab
(Mabthera®)
Monoklonaler
anti-CD20-
Antikörper
Non-Hodgkin-
Lymphome
Keine negativen
Auswirkungen
bekannt [23]
Trastuzumab
(Herceptin®)
Monoklonaler
anti-Her2/neu-
Antikörper
Mamma-
karzinom
Oligo-/Anhydram-
nion [31]
Cetuximab
(Erbitux®)
Blockade des
EGF-Rezeptors
Kolonkarzinom
Kopf-Hals-Tumore
Keine Daten
Bevacizumab
(Avastin®)
Blockade des
VEGF-Rezeptors
Kolonkarzinom Schwere Neben-
wirkungen möglich
Imatinib
(Glivec®)
Tyrosinkinase-
inhibitor
CML
GIST
Teratogenes
Potential [2, 26]
Tab. 4 Sicherheit supportiver Therapeutika in der Schwangerschaft.
Medikament Sicherheit in der Schwangerschaft
Antiemetika [1]
Metoclopramid Kein Hinweis für Teratogenität
Antihistaminika Kein Hinweis für Teratogenität
Ondansetron Kein Hinweis für Teratogenität
Antibiotika [17]
Penicillin Kein Hinweis für Teratogenität
Cephalosporine Kein Hinweis für Teratogenität
Erythromycin Kein Hinweis für Teratogenität
Cave:
Aminoglykoside Innenohrtoxizität, Nephrotoxizität
Chinolone Arthropathie
Tetracycline Störung des Knochenwachstums und der
Zahnentwicklung
Sulfonamide Herzfehlbildungen, Neuralrohrdefekte
Antimykotika
Amphotericin B Ggf. erhöhtes Risiko für Aborte und IUWR,
jedoch kein Hinweis für erhöhtes Fehlbildungsrisiko
Fluconazol Multiple Fehlbildungen bei hoher Dosierung
(400– 800 mg/Tag) möglich, wahrscheinlich sicher
bei Dosis < 150 mg/Tag, nur bei zwingender
Indikation und möglichst nicht im1. Trimester
Posaconazol Keine Erfahrungen in der Schwangerschaft
Schmerzmittel [27]
Paracetamol Kein Hinweis für Teratogenität
NSAR Vorzeitiger Verschluss des Ductus arteriosus Botalli,
Oligohydramnion
Opiate Kein Hinweis für Teratogenität
Wachstumsfaktoren
Erythropoetin Kein Hinweis für Teratogenität
G-CSF Unzureichend untersucht, wahrscheinlich nicht
teratogen
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Aktuelle Diagnostik & Therapie | Review article
Dtsch Med Wochenschr 2009; 134: 311–315 · H. Popp et al., Hämatologische Neoplasien und …
Supportive Therapie
Die Durchführung einer Chemotherapie erfordert in der Regel
den Einsatz eines breiten Spektrums an supportiven Medika-
menten. Die jeweiligen Wirkstoffe zeigen eine unterschiedliche
Sicherheit beim Einsatz in der Schwangerschaft (Tab. 4) [6, 28].
In diesem Zusammenhang sei ausdrücklich darauf hingewiesen,
dass die Anwendung entsprechender Medikamente in der
Schwangerschaft in jedem Fall einer strengen Indikationsstel-
lung und Nutzen-Risiko-Abwägung bedarf.
Autorenerklärung: Die Autoren erklären, dass sie keine finanzi-
ellen Verbindungen mit einer Firma besitzen, deren Produkt in
diesem Artikel eine wichtige Rolle spielt (oder mit einer Firma,
die ein Konkurrenzprodukt vertreibt).
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cy. Leuk Lymphoma 1990; 2: 151–161
Konsequenz für Klinik und Praxis
3Bei entsprechender Symptomatik muss auch in der
Schwangerschaft frühzeitig eine Tumorerkrankung differen-
tialdiagnostisch in Erwägung gezogen werden.
3Potentiell kontraindizierte Maßnahmen (wie z.B. Chemo-
therapien) sind im Einzelfall genau zu prüfen und in der
Schwangerschaft unter sorgfältiger Abwägung der Risiken
durchführbar.
3Je nach Gestationsalter sind die Risiken für das Ungeborene
mit einzubeziehen und ggf. eine frühzeitige Entbindung
(
nach Lungenreifeinduktion mit Betamethason) zu diskutieren.
This Literature review covers publications from Hematology, Pregnancy, Solid Tumors, Hematologic Neoplasms, Maternal Age.
Project
After approval for Atopic Dermatitis, complete Phase 3 programs in asthma and nasal polyposis and obtain world-wide regulatory approval
Article
February 2009 · DMW - Deutsche Medizinische Wochenschrift · Impact Factor: 0.54
    Article
    June 2009 · Hormone and Metabolic Research · Impact Factor: 2.12
      A variety of promising gene therapy approaches have been examined for treatment of follicular cell-derived and medullary thyroid cancer, including corrective gene therapy, cytoreductive gene therapy as well as immunomodulatory gene therapy. In addition, cloning of the NIS gene has provided us with a powerful cytoreductive gene therapy strategy based on targeted NIS gene transfer followed by... [Show full abstract]
      Article
      January 2003 · Der Internist · Impact Factor: 0.31
        Der Natrium-Jodid-Symporter (NIS) vermittelt als intrinsisches Membranprotein den aktiven Transport von Jodid nicht nur in die Schilddrüse sondern auch eine Reihe weiterer Organe, insbesondere die laktierende Brustdrüse. Aufgrund seiner zentralen Rolle beim thyreoidalen Jodtransport öffnete die Klonierung des NIS-Gens vor 6 Jahren ein neues, spannendes und breit gefächertes Kapitel in der... [Show full abstract]
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