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Demokratix—Neue Formen studentischer Mitbestimmung an der Hochschule

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Abstract

Demokratix ist eine Online-Plattform zur Beteiligung von Studierenden an der Verbesserung von Studium und Lehre. Das Konzept entstand vor dem Hintergrund des Bildungsstreiks an der Universität Augsburg, bei dem streikende Studierende die digitalen Medien nutzten, um ihre Kritik an der Umsetzung der Bologna-Reform zu artikulieren. Demokratix wurde in der Zeit danach im Rahmen eines IT-Innovationswettbewerbs an der Universität Augsburg entwickelt. Die Online-Plattform dient dazu, Verbesserungspotenziale in Studium und Lehre zu identifizieren, um den demokratischen Meinungsbildungsprozess in bestehenden Gremien zu unterstützen. Studierende weisen auf Probleme hin, schlagen Lösungen aus ihrer Sicht vor oder bewerten bereits in der Online-Plattform eingereichte Lösungen.
Zeitschrift für Hochschulentwicklung ZFHE Jg.6 / Nr.2 (Juni 2011)
www.zfhe.at Werkstattbericht 266
Patrick NOACK1, Jan-Mathis SCHNURR, Thomas SPORER &
Magnus WIRTH (Augsburg)
Demokratix – neue Formen studentischer Mit-
bestimmung an der Hochschule
Zusammenfassung
Demokratix ist eine Online-Plattform zur Beteiligung von Studierenden an der
Verbesserung von Studium und Lehre. Das Konzept entstand vor dem Hintergrund
des Bildungsstreiks an der Universität Augsburg, bei dem streikende Studierende
die digitalen Medien nutzten, um ihre Kritik an der Umsetzung der Bologna-Reform
zu artikulieren. Demokratix wurde in der Zeit danach im Rahmen eines IT-
Innovationswettbewerbs an der Universität Augsburg entwickelt. Die Online-
Plattform dient dazu, Verbesserungspotenziale in Studium und Lehre zu
identifizieren, um den demokratischen Meinungsbildungsprozess in bestehenden
Gremien zu unterstützen. Studierende weisen auf Probleme hin, schlagen
Lösungen aus ihrer Sicht vor oder bewerten bereits in der Online-Plattform
eingereichte Lösungen.
Schlüsselwörter
Studentische Mitbestimmung, Bologna-Reform, Digitale Medien,
Ideenmanagement, Problemidentifizierung
Demokratix – new forms of co-determination by students in
higher education
Abstract
Demokratix is an online tool enabling students to contribute ideas to democratic
decision making processes in institutions of higher education. The project
originated after the student strikes in Augsburg, Germany. During the strikes
participants relied heavily on digital media to communicate their criticism towards
the Bologna Process. Demokratix was subsequently funded through an internal
innovation programme at the University of Augsburg. The goal was to integrate
idea management into the central learning management system. Once activated,
Demokratix allows students to identify problems in their courses, suggest solutions,
and rate solutions suggested by other users. By making the students’ perspective
public, Demokratix supports traditional decision making in in higher education.
Keywords
Student participation, Bologna Process, digital media, idea management, problem
identification
1 E-Mail: noack@limtec.de
P. Noack, J.-M. Schnurr, T. Sporer & M. Wirth ZFHE Jg.6 / Nr.2 (Juni 2011) S. 266-275
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1 Einleitung
Im Bologna-Prozess befindet sich die Universität Augsburg noch immer in einer
Phase des Überganges: Diplom- und Magisterstudiengänge existieren parallel zu
den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen. Wie an zahlreichen anderen deut-
schen Universitäten erfolgte die Einführung der neuen Studiengänge in den ersten
Jahren zurückhaltend und war von genereller Kritik an der Studienreform geprägt.
Seit dem Jahr 2005 zeichnete sich ab, dass an der Umstellung auf die neue Studien-
struktur kein Weg vorbeiführt. In der Folge wurden rasch Bachelor- und Master-
studiengänge aufgelegt. Das Problem dabei war, dass dies vielfach nicht als Mög-
lichkeit zur Neugestaltung der Studiengänge, sondern als bürokratisch verordnete
Umgestaltung der bestehenden Studienprogramme wahrgenommen wurde. Aus
diesem Grund wurde die Reform technisch und formalistisch umgesetzt, ohne die
didaktischen Potenziale u. a. von Modularisierung und Kreditpunktesystem einzu-
lösen.
2 Bildungsstreik an der Universität Augsburg
Da die neue und alte Studienstruktur parallel zueinander existierten, waren unmit-
telbare Vergleiche der beiden Studiensysteme möglich. Während die Vorteile der
neuen Studiengänge kaum wahrgenommen wurden, rückten die Probleme bei den
neuen Bachelor- und Masterstudiengängen dagegen in den Mittelpunkt der Auf-
merksamkeit. Die Kritik richtete sich vor allem gegen die kontinuierliche Unterfi-
nanzierung einzelner Fächer, gegen bürokratische Hürden bei der Studiengestal-
tung sowie gegen einen gesteigerten Prüfungsdruck. Auf dieser Grundlage entwi-
ckelte sich in den vergangenen Jahren immer wieder Protest der Studierenden ge-
gen die Umsetzung der Studienreform und gegen die von ihnen wahrgenommenen
Folgen der Bologna-Erklärung aus dem Jahr 1999.
Öffentliche Kritik artikulierten Studierende an der Universität Augsburg zunächst
in den Gremien der gewählten Studierendenvertretung. Eine Protestbewegung au-
ßerhalb der Hochschulpolitik bildete sich im Jahr 2005. Sie bestand aus Studieren-
den, die zuvor die Mitarbeit in den Gremien zurückgewiesen hatten. Der Eindruck
dieser radikalisierten, sich von der Studierendenvertretung im Laufe der Zeit im-
mer stärker abspaltenden Gruppe war es, dass sie ihre Ziele mit der Beteiligung in
den Gremien der Universität nicht als erreichbar betrachtete. Darüber hinaus er-
schienen angemeldete Demonstrationen als unwirksam, da sie über einen Zeitraum
von mehreren Jahren immer weniger Studierende aktivierten.
Diese Erfahrungen mündeten in die Hochschulbesetzungen in Augsburg. Nach dem
Beginn der Studierendenproteste in Österreich im Oktober 2009 besetzten etwa 150
Studierende das Audimax der Universität Augsburg. Die Gruppe war heterogen
zusammengesetzt aus politisch aktiven Studierenden und ehemaligen studentischen
Gremienvertretern bis hin zu Erstsemestern. Diesem harten Kern schloss sich in-
nerhalb kurzer Zeit eine fluktuierende Peripherie mehrerer hundert Unterstützer an.
Der Gruppe gelang es, für mehrere Wochen den Raum besetzt zu halten. Die Uni-
versitätsleitung vermied einen Konfrontationskurs und nahm Gesprächs-angebote
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der Besetzer an. Einzelne Dozenten erklärten sich öffentlich mit den protestieren-
den Studierenden solidarisch.
Kritik an der Besetzung kam aus den Reihen der Studierenden selbst: Die Mehrheit
der 14.000 immatrikulierten Studierenden beteiligte sich nicht an der Besetzung.
Vor allem zu Beginn der Aktion wurden in den Medien, im Internet, aber auch in
Diskussionen vor Ort immer wieder Stimmen laut, dass die Besetzung nicht ange-
bracht sei. Sie behindere unrechtmäßig und unverhältnismäßig die Lehrveranstal-
tungen derjenigen Studierenden, die mit dem bestehenden Studiensystem zufrieden
seien. Die Ansichten zwischen der Protestbewegung und den übrigen Studierenden
darüber, wie gravierend die Probleme an der Hochschule seien, unterschieden sich
deutlich.
In den Diskussionen war zwar spürbar, dass eine generelle Unzufriedenheit mit
dem Bologna-Prozess die Studierenden verband, die Auswirkungen in den einzel-
nen Studiengängen wurden jedoch unterschiedlich bewertet. Im Verlauf der Hoch-
schulbesetzung zeigten sich Informationsdefizite (a) zwischen Protestierenden und
Studierenden, die die Proteste ablehnten, weil sie die bestehenden Probleme anders
wahrnahmen sowie (b) innerhalb der Protestbewegung in Augsburg selbst. Da die
Protestierenden aus verschiedenen Studiengängen mit unterschiedlichen Problemen
konfrontiert waren, mussten sie in langen Diskussionen ermitteln, welche sie ge-
meinsam für die drängendsten hielten, unabhängig von den spezifischen Bedingun-
gen in ihren jeweiligen Studiengängen.
3 Rolle digitaler Medien beim Bildungsstreik
Zum Austausch von Ideen nutzten die Studierenden im Bildungsstreik neben den
Plenumsdiskussionen im Audimax vermehrt digitale Medien: Blogs und Twitter
sowie Foto- und Videoportale. Der Umfang, in dem diese Dienste herangezogen
wurden, unterscheidet diese Generation von früheren Protestbewegungen.
Abb. 1: Visualisierung des Bildungsstreiks 2009 auf Twitter im Zeitverlauf2
Trotz der großen Bedeutung digitaler Medien während des Bildungsstreiks sah sich
die Protestbewegung mit drei zentralen Schwierigkeiten konfrontiert:
2 Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=oWDSdvEE4a8
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Erstens wissen Studierende, die sich mit einem Problem in Bezug auf Lehre und
Studium konfrontiert sehen, bislang nicht, auf welchem Wege sie ihr Anliegen am
besten vorbringen und damit zu einer schnellen Lösung des Problems beitragen
können. Es gibt in der Regel keine Plattform, um Studierenden die Partizipation an
universitären Entscheidungsprozessen zu ermöglichen. Der Weg über die Hoch-
schulpolitik erscheint ihnen zu langwierig.
Zweitens fehlt es bislang an einem Kommunikationsweg, der eine Brücke zwi-
schen informellen und institutionellen Partizipationsräumen herstellt und von bei-
den Seiten gleichermaßen genutzt und wahrgenommen wird. Meinungen und For-
derungen, die im Internet publiziert werden, werden von den Entscheidern an den
Hochschulen oftmals nicht oder nur oberflächlich wahrgenommen, weil sie in den
digitalen Medien nicht „beheimatet“ sind.
Drittens nutzte die Breite der Studierenden die digitalen Medien erst nach Beginn
der Hochschulbesetzung. Dies war eindeutig ein zu später Zeitpunkt, um den Ver-
besserungsbedarf in finanziell und strukturell höchst unterschiedlich organisierten
Studiengängen der Hochschule zu ermitteln.
Der Bildungsstreik in Augsburg zeigte, dass die Studierenden mit intransparenten
und schwer nachvollziehbaren Entscheidungsprozessen unzufrieden waren. Dies
betraf insbesondere die Entwicklungen und Restrukturierungsmaßnahmen im
Rahmen des Bologna-Prozesses. Die Unzufriedenheit der Studierenden wurde
durch zwei strukturelle Probleme verstärkt: erstens durch einen zu geringen Infor-
mationsfluss unter den Studierenden selbst und zweitens durch einen zu geringen
Austausch zwischen Studierenden und zuständigen Hochschulgremien.
4 E-Partizipation durch „Demokratix“
Im Rahmen des Innovationswettbewerbs „betacampus“3 (PILLAY & SPORER,
2009) ging in der Zeit nach dem Bildungsstreik in Augsburg aus einer offenen
Bildungsinitiative (vgl. SPORER, 2011) das Konzept für eine elektronische Parti-
zipationsplattform hervor, die Studierende in die Identifizierung und Lösung von
Problemen in Studium und Lehre miteinbezieht: „Demokratix“.
Die studentische Initiative, die sich an dem Innovationswettbewerb betacampus
beteiligte, setze sich aus Patrick Noack (Studiengang Informatik & Multimedia)
und Jan-Mathis Schnurr (Studiengang Medien & Kommunikation) zusammen. Bei
der Bewerbung wurden sie von Vertreterinnen und Vertretern des Instituts für Me-
dien und Bildungstechnologie sowie von Vertreterinnen und Vertretern des Allge-
meinen Studierendenausschusses der Universität Augsburg unterstützt. An der
Programmierung der ersten Version von Demokratix war darüber hinaus Benjamin
Urban (Studiengang Informatik & Multimedia) beteiligt.
3 http://www.betacampus.de
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Abb. 2: Lehr-Lernplattform „Digicampus“4 mit „Demokratix“
Bei Demokratix handelt es sich um ein niederschwelliges Werkzeug zum Ideenma-
nagement und zur Unterstützung von Entscheidungen. Es ist als Plugin in die zent-
rale Lehr-Lernplattform „Digicampus“ (vgl. NOACK, ROSINA & STREHL,
2009) der Universität Augsburg eingebunden. Demokratix verfolgt das Ziel, die
Sicht der Studierenden mit Hilfe von digitalen Medien zu erfassen und neue Prob-
lemlösungen in die an Hochschulen bestehenden Entscheidungsstrukturen zu integ-
rieren. Dies erfolgt in vier Phasen:
Phase „Sammeln“: In der ersten Phase reichen Studierende Probleme und
passende Lösungsvorschläge ein. Ein Beispiel könnte lauten: „Die Biblio-
thek führt zu wenige Bücher über die Thematik der Einführungsvorlesung
in meinem Studiengang.“ Ein dazu passender Lösungsvorschlag lautet:
„Die folgenden Bücher aus der Einführungsveranstaltung in meinem Stu-
diengang sollten im Präsenzbestand der Bibliothek vorhanden sein [...]“
Demokratix erkennt in dieser Phase automatisch, ob ähnliche Probleme
oder Lösungsvorschläge bereits eingereicht wurden und zeigt den Studie-
renden diese gegebenenfalls an.
Phase „Abstimmen“: In der zweiten Phase erfolgt eine Abstimmung über
die eingereichten Probleme und Lösungsvorschläge. Studierende haben 10
Stimmen, die sie auf diejenigen Probleme verteilen, die ihnen am drän-
gendsten erscheinen. Per Mausklick lassen sich die Probleme anschließend
nach Anzahl der Stimmen priorisieren. Demokratix zeigt anhand der
Stimmenzahlen die wichtigsten Problemfelder in Studium und Lehre an,
die Studierende aktuell beschäftigen. Die Stimmenanzahlen können nach
Einrichtungen und Studiengängen getrennt betrachtet werden. Dadurch ge-
hen Problemfelder in kleineren Studiengängen nicht unter. Außerdem er-
möglicht es die Online-Plattform, subjektive Einschätzungen zur Relevanz
und zur Tauglichkeit von Lösungsvorschlägen zu den einzelnen Problemen
4 http://www.digicampus.de
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mit einem bis vier Sternen zu bewerten. Die Bewertungen erfolgen ano-
nym, mit gleichen Stimmrechten für alle Teilnehmer/innen und ohne zent-
rale Kontrollinstanz, die den offenen Prozess beeinflussen könnte.
Phase „Zwischenbericht“: In der dritten Phase fasst Demokratix die in den
ersten beiden Phasen gesammelten Informationen in einem Reporting zu-
sammen. Die Dokumente enthalten alle eingereichten Probleme mit ihrer
jeweiligen Stimmenanzahl und die bewerteten Lösungsvorschläge. Die In-
formationen bleiben jederzeit online abrufbar, können aber auch in der
Form eines übersichtlichen Ausdrucks von Personen herangezogen wer-
den, die die Online-Plattform selbst nicht nutzen. Studierende, Universi-
tätsmitarbeiter/innen, Vertreter/innen in Hochschulgremien oder Mitglieder
der Hochschulleitung können gezielt Informationen aus einzelnen Fakultä-
ten, Einrichtungen oder Studiengängen auswerten und für Diskussionen
oder Entscheidungen heranziehen.
Phase „Überprüfen“: In der vierten Phase haben die Studierenden die
Möglichkeit, den Status von offenen Problemfeldern zu melden. Ist das
Problem mittlerweile gelöst, wurden Verbesserungen vorgenommen oder
besteht das Problem weiterhin? Probleme, die im Verlauf des Reviewpro-
zesses mehrheitlich als ungelöst klassifiziert werden, tauchen in der nach-
folgenden Abstimmungsphase wieder auf. Die umfassende Beteiligung der
Studentinnen und Studenten von der Ideenfindung bis hin zur Erfolgskon-
trolle bei der Umsetzung begünstigt transparente Entscheidungsprozesse
innerhalb der Universität und trägt zur kontinuierlichen Verbesserung von
Studium und Lehre bei.
Die vier Phasen von Demokratix sind weitgehend selbstmoderierend: Wenn eine
bestimmte Anzahl von Nutzerinnen und Nutzern unpassende oder doppelte Einträ-
ge als solche markiert, verschwinden diese automatisch aus der Datenbank. Die
technische Betreuung für Demokratix übernimmt das Medienlabor der Universität
Augsburg. Dieses verantwortet auch den Digicampus, in dessen Architektur De-
mokratix eingebettet ist. Bei der inhaltlichen Betreuung ist zwischen Administrati-
on und Umsetzung zu unterscheiden. Die administrative Kontrolle des Inhalts ob-
liegt dem Medienlabor. Es entfernt Inhalte, die gegen die Nutzungsrichtlinien ver-
stoßen, geht Beschwerden anderer Stellen nach. Im Umsetzungsprozess existiert
keine inhaltliche Verantwortung per se. Hier ist nochmals auf den selbstorganisie-
renden Charakter von Demokratix zu verweisen.
5 Chancen und Grenzen von Demokratix
Da alle Verbesserungsvorschläge an zentraler Stelle gesammelt werden und zu-
gleich öffentlich für alle Universitätsangehörigen einzusehen sind, wird zum einen
eine höhere Zahl von Problemen erfasst als mit gängigen Methoden der Befragung,
zum anderen steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Probleme von Personen
wahrgenommen werden, die entweder eine kreative Lösung kennen könnten oder
dafür zuständig sind und dieses Problem beheben können.
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Ein weiterer Mehrwert von Demokratix besteht darin, dass die Nutzer/innen der
Plattform nicht nur Probleme ermitteln, sondern auch mögliche Lösungswege äu-
ßern und diese bewerten können. Mitglieder von Gremien, Ausschüssen oder ande-
ren Gruppierungen in der Hochschulverwaltung sind somit nicht darauf angewie-
sen, selbst die Lösung für ein Problem bereitzustellen, von dem sie nicht persönlich
betroffen sind. Sie können bei der Entscheidungsfindung auf bereits gesichtete und
akzeptierte Lösungswege zurückgreifen.
Verbesserungspotenziale, die aufgrund einer geringen Relevanz oder aufgrund
fehlender Mittel aufgeschoben werden, gehen nicht verloren. Einmal erfasst, ver-
bleiben sie solange in der Online-Plattform, bis sie entweder als gelöst oder als
verworfen markiert werden. Bei anderen Wegen der Problemidentifizierung an der
Hochschule bestand bislang die Gefahr, dass Probleme erst lange aufgeschoben
und dann vergessen oder einfach in Kauf genommen werden. Erreicht Demokratix
eine kritische Masse von Nutzern, so steigt auch der Druck auf die Entscheider,
bestehende Verbesserungspotenziale aufzugreifen.
Es liegt in der Entscheidungsfreiheit der Vertreter/innen demokratischer Gremien
an der Hochschule, nach einer Prüfung der Vorschläge dennoch zu einer Lösung
für ein Problem zu greifen, die eine vergleichsweise geringe Akzeptanz besitzt.
Auch unter Studierenden sind mehrheitsfähige Lösungen möglicherweise in der
Praxis nicht umsetzbar: bedingt durch Begrenzungen des Budgets, wegen beste-
hender Verträge oder aus anderen Gründen. Demokratix kann so auch Unterschie-
de zwischen Lösungsideen aus Sicht der Studierenden und realpolitischen Notwen-
digkeiten in der Hochschulpolitik aufzeigen und den Diskurs darüber, warum die
Hochschulen bestimmte Entscheidungen anders treffen würden als sich dies die
Studierenden wünschen, mit transparenten Meinungsbildern unterstützen. Dies ist
ein gewichtiger Mangel, der in der Hochschulpolitik an der Schnittstelle zwischen
Studierenden und Hochschulleitungen in Augsburg stets zu spüren war.
Neben den Vorzügen, die Demokratix bietet, bleibt festzustellen, dass Erfolg und
Misserfolg dieses Ansatzes vor allem von der Akzeptanz seiner Nutzer/innen ab-
hängen. Eine aktive Nutzung der Online-Plattform ist sowohl auf Seiten der Studie-
renden als auch auf Seiten der Hochschulleitung erforderlich, damit das Vorhaben
gelingen kann. Generelle Vorbehalte gegen das Verfahren einer Online-
Abstimmung, sei es aus Sicherheitsbedenken oder aufgrund mangelnder Medien-
kompetenz, schließen unter Umständen einen Teil der Nutzerschaft aus. Ebenso
kann ein als zu gering empfundener Nutzen die Teilnahme verhindern. Kontinuier-
liche Öffentlichkeitsarbeit und die direkte Ansprache von besonders aktiven Stu-
dierenden sind notwendig, um diesen Herausforderungen zu begegnen.
Die Studierenden müssen motiviert werden, ihre Probleme in der Online-Plattform
zu veröffentlichen. Demokratix soll für sie einen spürbaren Beitrag zur Transpa-
renz liefern. Daher muss öffentlich bekannt gemacht werden, welche eingebrachten
Lösungsvorschläge in die Überlegungen der Hochschulgremien eingingen und
welche davon umgesetzt wurden. Dadurch wird sichtbar, ob die von den Studie-
renden veröffentlichten Verbesserungspotenziale ernst genommen werden. Nur
wenn es gelingt, diesen Prozess in der Institution zu verankern, leistet Demokratix
einen nachhaltigen Beitrag zur Hochschulentwicklung.
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Obgleich Demokratix im Innovationswettbewerb betacampus von leitenden Mitar-
beiterinnen und Mitarbeitern der Universität beauftragt wurde und damit gewollt
ist, hängt der Erfolg des Projekts von der Akzeptanz der Zielgruppen ab: Einerseits
muss die Nutzung von Demokratix unter den Studierenden angeregt und gefördert
werden, andererseits müssen die Gremien der Universität vom Nutzen der generier-
ten Berichte überzeugt werden. Um die Annahme von Demokratix zu unterstützen,
wurden Kontakte zu Lehrenden, zur Universitätsleitung, zum Konvent der Studie-
renden, zum Allgemeinen Studierendenausschuss sowie zu Fachschaften der Uni-
versität Augsburg geknüpft. Für die Bewerbung der Online-Plattform bei den Stu-
dierenden kommen Flugblätter und Podcasts zum Einsatz. Demokratix ist darüber
hinaus für die 16.000 aktiven Nutzer/innen des Digicampus unübersehbar in der
Hauptnavigation platziert. Die Berichte aus Demokratix sollen indessen auf
schwarzen Brettern der Studierenden sowie auf der Hauptseite des Digicampus
öffentlich gemacht werden.
6 Ausblick
Die in diesem Werkstattbericht skizzierte Mitbestimmungsplattform Demokratix
wird im Sommersemester 2011 in die zentrale Lehr-Lernplattform „Digicampus“
der Universität Augsburg integriert. Alle Studierenden und Mitarbeiter/innen der
Universität besitzen ein persönliches Passwort und eine eindeutige Rechenzent-
rumskennung, mit der sie auf die Lehr-Lernplattform und damit auch auf „Demo-
kratix“ zugreifen. Durch die Verknüpfung der Rechenzentrumskennung mit der
Online-Plattform ist ein Missbrauch, beispielsweise durch mehrfache Stimmabgabe
unter verschiedenen Benutzeridentitäten, weitgehend ausgeschlossen. Dadurch
haben potenziell alle Hochschulangehörigen zukünftig die Möglichkeit, ihre Stim-
me zur Verbesserung der Situation in Lehre und Studium ergänzend zur traditionel-
len Gremienarbeit einzubringen. Ziel ist es, die Kommunikation und den Informa-
tionsfluss zwischen Hochschulverwaltung, Lehrenden und Studierenden zu verbes-
sern sowie Studierende mit Hilfe digitaler Medien in die Hochschulentwicklung
einbeziehen. Im Unterschied zu den Studierendenprotesten soll so nicht nur das
Wissen der protestierenden Studierenden, sondern das aller Studierenden gehört
und in einem demokratischen Meinungsbildungsprozess abgebildet werden.5
„Innovationen brauchen freien Zugang zum Wissen“ (DROSSAU, KREMPL &
POLTERMANN, 2006). An deutschen Hochschulen wird das Wissen der Studie-
renden über Verbesserungspotenziale für Studium und Lehre immer noch zu wenig
genutzt. Mit Demokratix vergleichbare Angebote, die ebenfalls in die zentralen
Lehr-Lernplattformen von Hochschulen integriert sind, existieren bislang nicht.
Das Projekt erschließt damit eine neue Form studentischer Mitbestimmung an der
5 Diese Ziele liegen nahe an Konzepten der E-Demokratie. Demokratix versteht sich jedoch
nicht als Projekt der E-Demokratie. Die Online-Plattform ist keine Alternative zur Partei-
en- und Gremienarbeit. Sie sieht keine Online-Wahlen vor. Sie ist ein Werkzeug für eine
Unterstützung der bestehenden demokratischen Entscheidungsprozesse in der Hochschu-
le.
P. Noack, J.-M. Schnurr, T. Sporer & M. Wirth ZFHE Jg.6 / Nr.2 (Juni 2011) S. 266-275
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Hochschule. Ziel ist es, die Umsetzung so erfolgreich zu machen, dass sie als Mo-
dell auch von anderen Hochschulen übernommen werden kann.
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Autoren
M.Sc. Patrick NOACK || LimTec GmbH || Münchnerstraße 3,
D-82256 Fürstenfeldbruck
www.limtec.de/de/Team
noack@limtec.de
M.A. Jan-Mathis SCHNURR  Universität der Bundeswehr Mün-
chen, Professur für Lehren und Lernen mit Medien  Werner-
Heisenberg-Weg 39, D-85577 Neubiberg
lernen-unibw.de/jan-mathis-schnurr
jan-mathis.schnurr@unibw.de
M.A. Thomas SPORER  Universität Augsburg, Institut für Medi-
en und Bildungstechnologie, Medienlabor  Universitätsstraße 10,
D-86159 Augsburg
www.imb-uni-augsburg.de/thomas-sporer
thomas.sporer@phil.uni-augsburg.de
P. Noack, J.-M. Schnurr, T. Sporer & M. Wirth ZFHE Jg.6 / Nr.2 (Juni 2011) S. 266-275
www.zfhe.at Werkstattbericht
275
Magnus WIRTH || Universität Augsburg, Stud. Ältestenrat Univer-
sität Augsburg || Universitätssttraße 10, D-86159 Augsburg
www.asta.uni-augsburg.de/aeltestenrat/
magnus.wirth@phil.uni-augsburg.de
... We searched the literature for studies that evaluated participatory online processes that have been employed in universities. 3 The University of Augsburg tested Demokratix, a platform that allows students to voice suggestions for improvements and vote upon them (Noack, Schnurr, & Sporer, 2011). However, these suggestions are not integrated into any formal decision-making procedure, and the platform seems to be rarely used (seven proposals in the period 2012-16). ...
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This article focuses on the potential of online participation to enable the cooperative development of norms by affected stakeholders, investigating whether such processes can produce norms of both high quality and legitimacy. To answer this question, we designed, implemented, and evaluated an online norm setting process that goes beyond the scope of those usually described in the literature. Taking as a case study a process to redraft the examination regulations for doctoral degrees at a science faculty of a German university, we show that such instances of online deliberation can integrate the diversity of opinions of all affected stakeholders. The result was a norm that implemented previously controversial external recommendations for doctoral dissertation procedures and that was met with high satisfaction from both those who participated as well as those who remained passive. While we believe that the university context in which this process was conducted is particularly promising for such efforts because of its organization, its members, and the issue that was at stake, we argue that similar conducive conditions exist, for example, for political parties. As such, the findings can be instructive for understanding the potential and limits of successful online participation in other contexts.
Der Kampf um die Innovationsfreiheit: Der Bit Bang des Wissens und seine Sprengkraft
  • O Drossau
  • S Krempl
  • A Poltermann
Drossau, O., Krempl, S., & Poltermann, A. (2006). Der Kampf um die Innovationsfreiheit: Der Bit Bang des Wissens und seine Sprengkraft. In O. Drossou, S. Krempl, & A. Poltermann (Hrsg.), Die wunderbare Wissensvermehrung. Wie Open Innovation unsere Welt revolutioniert (S. 1-10). Hannover: Heise.
Ziel ist es, die Umsetzung so erfolgreich zu machen, dass sie als Modell auch von anderen Hochschulen übernommen werden kann
  • Hochschule
Hochschule. Ziel ist es, die Umsetzung so erfolgreich zu machen, dass sie als Modell auch von anderen Hochschulen übernommen werden kann.
betacampus-Förderung des campusweiten Innovationsprozesses durch einen Wettbewerb
  • S Pillay
  • T Sporer
Pillay, S. & Sporer, T. (2009). betacampus-Förderung des campusweiten Innovationsprozesses durch einen Wettbewerb. In: R. Kuhlen (Hrsg.), Information: Droge, Ware oder Commons? Proceedings des 11. Internationalen Symposiums für Informationswissenschaft (S. 561-566). Konstanz: Universitätsverlag.