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Bewusstsein und Realität. Warum wir einen freien Willen haben

Abstract

Dieser Essayband enthält eine Kurzfassung des Buches "Die Erschaffung der Realität" und ergänzt sie um weitere Perspektiven: "Allgegenwärtiges Bewusstsein und Freier Wille" beschreibt ausführlich eine neue Lösung für das Problem der Entscheidungsfreiheit. "Spirituelle Erlebnisse - eine Frage der Beweisbarkeit?" zeigt an diesem Beispiel, wie wir unsere Realität stabilisieren. "Das Selbst, die Leere und das Gewahrsein" erklärt, warum unser Selbst mehr und nicht weniger ist als wir glauben. "Dynamische Existenz" legt mit geschärften Argumenten dar, wie unvermeidliche Individualität und gemeinsame Realität zusammenpassen. Außerdem: "Individualität und das physikalische Paradigma", "Laws of Form: Warum Spencer-Brown etwas daneben liegt", "Radikaler Konstruktivismus - ein Hohlkörper?", "'Quantenbewusstsein', was soll das?", "The Secret, Glück, und zwar gleich"
Claus Janew
Bewusstsein und Realität
Warum wir einen freien Willen haben
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Über den Autor:
Claus Janew lebt in Dresden, hat 28 Jahre lang unabhängig
philosophische, spirituelle und psychologische Zusammenhänge
erforscht und betrachtet die ständige Arbeit an sich selbst als eine
Lebensaufgabe. Er hat außer den vorliegenden Artikeln, von denen
drei in deutschsprachigen und fünf in englischsprachigen
Zeitschriften erschienen sind, die Bücher Die Erschaffung der
Realität und Bewusstsein als I-Struktur über eine von ihm neu
entwickelte Metaphysik veröffentlicht sowie den lebenspraktischen
Ratgeber Wahrhaftigkeit.
www.sumari-verlag.de
Dritte, erweiterte Ausgabe 2022
Erstveröffentlichungen 1995-2010
Sofern nicht anders angegeben, liegt das Urheberrecht
am Inhalt dieses Buches bei Claus Janew.
Dieser Inhalt ist an Sie lizensiert mit einer
Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International.
Um eine Kopie dieser Lizenz zu sehen, besuchen Sie
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
Claus Janew
Tiergartenstraße 26a
01219 Dresden, Deutschland
clausjanew@sumari-verlag.de
.
CreateSpace Independent Publishing Platform
ISBN-10: 1-4895-5616-8xx x
ISBN-13: 978-1-4895-5616-5
Inhaltsverzeichnis
Allgegenwärtiges Bewusstsein und Freier Wille .........................7
Rückkoppelnde Umschreibung ...................................................8
"Minimales" Bewusstsein ..........................................................10
Struktur und Ganzheit ...............................................................12
Bestimmtes und Unbestimmtes .................................................14
Die freie Entscheidung ..............................................................15
Der größere Zusammenhang .....................................................18
Resümee ....................................................................................20
Spirituelle Erlebnisse – eine Frage der Beweisbarkeit? ...........21
Das Selbst, die Leere und das Gewahrsein ................................27
Die Erschaffung der Realität ......................................................31
Die Relativität der Existenz .......................................................31
Das absolute Universalkontinuum .............................................34
Die Logik der Umschreibung ....................................................37
Einfaltung und Entfaltung .........................................................41
Der Realitätstrichter ..................................................................42
Bewusstsein – die Infinitesimalstruktur ....................................45
Unsere permanente Wahl ...........................................................49
Projektion und Näherungsbildung .............................................51
Die Freiheit zur Unfreiheit ........................................................55
Eine Chance den Idealen ...........................................................58
Das dynamische Bewusstsein ....................................................62
Zur dynamischen Existenz .....................................................64
Erschaffung der Realität ........................................................... 65
Im Spiel mit Wahrscheinlichkeiten ........................................... 68
All-das-was-ist .......................................................................... 71
Das Gewahrsein ........................................................................ 74
Die Freiheit zu Handeln ............................................................ 78
Dynamische Existenz .................................................................. 81
Was ist real? .............................................................................. 81
Was ist Erschaffung? ................................................................ 87
Kurzartikel .................................................................................. 93
Individualität und das physikalische Paradigma ....................... 93
Laws of Form: Warum Spencer-Brown etwas daneben liegt ... 95
Radikaler Konstruktivismus - ein Hohlkörper? ........................ 97
„Quantenbewusstsein“, was soll das? ..................................... 100
The Secret, Glück, und zwar gleich ........................................ 102
Anhang ....................................................................................... 105
Definition der Infinitesimalstruktur ........................................ 106
Realität und Erschaffung ganz kurz ........................................ 107
Literaturempfehlungen ........................................................... 108
Vertrauenskodex für enge Beziehungen ................................. 109
7
Allgegenwärtiges Bewusstsein
und Freier Wille
Dies ist kein Versuch, Bewusstsein im Grunde quantenphysikalisch
oder neurobiologisch zu erklären. Stattdessen möchte ich den Begriff
"Bewusstsein" auf eine breitere Basis stellen. Ich werde daher von
der alltäglichen Realität ausgehen, von eben dort, wo wir uns als
bewusste Wesen erfahren. Ich werde den Begriff so allgemein fassen,
dass sich die Frage auflöst, ob nur der Mensch über Bewusstsein
verfügt oder nicht schon ein Thermostat; der Unterschied ist zwar
beträchtlich, aber nicht fundamental: Jede Wirkung besteht in der
Wahrnehmung eines Bewusstseins. Entsprechend allgemein gehe ich
auf dessen Wahlfreiheit ein, meines Erachtens die wichtigste Quelle
von Kreativität. Die Problematik einer wirklich bewussten Entschei-
dung verschwindet nicht, indem man Determination mit einem
Schuss Zufall mixt. Beide müssen in einer höheren Einheit aufgehen.
Dabei wird sich ergeben, dass ein gewisses Maß an Entscheidungs-
freiheit genauso allgegenwärtig ist wie Bewusstsein - ein inhärenter
Bestandteil der Realität selbst.
Können wir uns frei zwischen mehreren Alternativen entscheiden?
Man ist schnell geneigt zu sagen: "Natürlich! Ich entscheide ja
ständig irgendetwas." Wir alle haben das subjektive Gefühl, in unse-
rer Wahl relativ frei zu sein. Doch kann allein aus dieser Empfindung
eine objektive Tatsache abgeleitet werden? Sind die zur Verfügung
stehenden Varianten wirkliche Alternativen? Oder ist die Fortsetzung
vielmehr schon festgelegt durch die äußeren Umstände, wobei unse-
re sogenannte "Entscheidung" nur eine Täuschung ist? Wird uns der
freie Wille nur vorgegaukelt, wie manche Wissenschaftler und Philo-
sophen behaupten?
8
Um diese uralte Frage beantworten zu können, müssen wir zumin-
dest in Grundzügen verstehen, was Bewusstsein ist. Denn von einer
aktiven Entscheidung können wir nur sprechen, wenn diese bewusst
erfolgt. Alles andere wird ja nicht durch uns, unser bewusstes Sein,
entschieden. Klären wir also zunächst, wie wir uns der alternativen
Möglichkeiten bewusst sind.
Die Art dieser Bewusstheit entspricht interessanterweise unserem
Bewusstsein von einem Gegenstand, dem wir uns daher zuerst zu-
wenden wollen.
Rückkoppelnde Umschreibung
Nehmen wir ein beliebiges Objekt unserer Umgebung, sagen wir
das vorliegende Buch. Wir nehmen es als eine ausgedehnte Fläche
oder einen ausgedehnten Körper wahr. Außerdem stellt es eine Ein-
heit von diversen Texten, Abbildungen und Lücken dar. Wir wissen,
dass diese Einheit relativ ist, denn wir können uns auf einzelne Texte
konzentrieren oder deren Seiten aus dem Buch reißen, während wir
die anderen vergessen. Wir wissen auch, dass jeder Text aus einzel-
nen Buchstaben besteht, die aber erst in ihrem aufeinanderfolgenden
Zusammenhang Sätze ergeben.
Andererseits lesen wir immer nur einen Buchstaben oder ein Wort
zugleich. Und jede Sehzelle unseres Auges kann nur einen winzigen
Teil eines Buchstabens aufnehmen. Diese Sehzelle ist auch keines-
wegs elementar, sondern besteht aus Molekülen und Atomen, die
sich ihrerseits aus Elementarteilchen zusammensetzen. Es gibt auf
diesem (quantenphysikalischen) Niveau gar keine "festen" Teile
mehr, denn die Unbestimmtheit eines "Körpers" gilt dort als Prinzip.
Andernfalls würden wir schließlich bei unendlich kleinen (infinite-
simalen) Teilchen enden - also bei Null.
Doch aus nichts wird auch nichts. Und aus Buchstaben wird kein
Text, wenn sie nicht zu fließenden Sätzen verschmelzen. Obwohl wir
in einem Moment immer nur einen Teil eines Satzes wahrnehmen,
behalten wir letzteren insgesamt im Kopf. Wir haben ihn gespeichert
9
und können seine Worte nun immer wieder nacheinander abrufen,
das heißt den Satz wiederholen. Damit führen wir eine rückkoppeln-
de Bewegung aus, durch die uns der Satz als Ganzes bewusst wird.
Dies tun wir auch, wenn wir ihn nur kurz durch einfaches Lesen er-
fassen, aber seine Gesamtheit nicht in der Summe der Worte, son-
dern in ihrer wechselseitigen Beziehung aufeinander erkennen. Die
Worte umschreiben nur die Ganzheit des Satzes.
Weiterhin ist die schriftliche Form des Satzes weder seine Aussage,
noch spiegelt sie seine Aussage wieder. Diese wird vielmehr intuitiv
erfasst. Die durch die einzelnen Worte im Leser ausgelösten Gedan-
ken, Bilder und Gefühle (Assoziationen) vereinigen sich zu einem
ganzheitlichen Sinn. Der Satz ist daher nur die umschreibende Hülle
seines tieferen Gehaltes. Andererseits könnte keine Aussage Bedeu-
tung erlangen, ohne sich in irgendeiner Hülle auszudrücken. Sie wä-
re nichts.
Genauso verhält es sich auch mit jedem einzelnen Buchstaben, ei-
nem Artikel oder dem ganzen Buch. Unabhängig davon, wie tief die
Assoziationen reichen, nehmen wir die jeweilige Gesamtheit nur
durch bewusste oder unterbewusste Rückkoppelung zwischen den
einzelnen Teilen wahr. Manchmal wird diese Bewegung mit den Au-
gen nachvollzogen und manchmal nur im Kopf ausgeführt. Dort
kann sie auch nur durch die gleichzeitige Wechselwirkung der "ein-
zelnen" Bildinformationen gegeben sein.
Alles betrachten wir so. Ohne umschreibende Rückkoppelung wäre
jede Wirkung verschwindend klein - räumlich und zeitlich. Wir wür-
den "Punkte" statt Flächen und "Momente" statt Zeiträume wahr-
nehmen. So könnten wir nichts erkennen. Es gäbe keine Unterschie-
de, die immer nur durch Vergleich, das heißt Rückkoppelung, ermit-
telt werden können. Es gäbe keinen Raum, der nur durch Objekte
umschrieben wird. Es gäbe keine Struktur, die ja nur durch rückkop-
pelnde Wechselwirkung ihrer Teile zu einer Ganzheit gelangt. Es gä-
be überhaupt nichts "Greifbares", denn "greifen" können wir nur eine
Gesamtheit von Teilen. Allein durch die ständige Umschreibung von
an sich nichts bedeutenden zentralen Nullpunkten und Momenten
nehmen wir Gegenstände wahr.
10
"Minimales" Bewusstsein
Wenn wir annehmen, dass die Außenwelt objektiv existiert, s-
sen wir auch all den von uns verschiedenen Dingen eine solche um-
schreibende "Wa hrnehmung" zugestehen, denn sie wirken offenbar
real aufeinander ein.
Ein Körper entsteht bekanntlich durch die Wechselwirkung seiner
Moleküle miteinander. Das ist Rückkoppelung, also Umschreibung
infinitesimaler Zentren in und zwischen den Teilchen, in allen Teil-
gesamtheiten sowie im Ganzen. Jede als Körper umschriebene
Ganzheit wechselwirkt mit anderen solchen, so dass sie zusammen
eine höhere rückkoppelnde Ganzheit bilden usw., wobei keine auf
etwas Elementares reduziert werden kann, sondern immer nur auf
andere Umschreibungen. Auch ein umschriebener Gegenstand um-
schreibt seinerseits etwas anderes usf.
Zu beachten ist noch, dass erst die vergleichende Wechselbezie-
hung mit der Umgebung eine konkrete Ganzheit ermöglicht, die sich
so auf bestimmte Weise von ihrem Umfeld unterscheidet, aber mit
ihm zugleich eine andere Ganzheit bildet.
Vergegenwärtigen wir uns nun, dass Rückkoppelung ebenfalls un-
serem Bewusst-Sein zugrunde liegt. Denn was sonst ist sein bestim-
mendes Merkmal, wenn nicht die rückkoppelnde Wahrnehmung ei-
nes vermeintlich äußeren Gegenstandes? Dessen Sein wird uns be-
wusst. Ebenso wenn ein Gegenstand nur vor unserem geistigen Auge
erscheint. Wir nehmen scheinbar etwas anderes als uns selbst wahr,
mit dem wir wechselwirken. Ohne diese Rückkoppelung gäbe es
keine geistigen Inhalte. Die Bewusstheit umschreibt so die Ganzheit
unseres Verhältnisses zu dem betrachteten physischen oder geistigen
Gegenstand. Auch wenn wir unser Ego als Gegenstand nehmen
(Selbstbewusstsein), ist es nicht anders.
11
Abb. 1: Die Frau erkennt den Hubschrauber nur im umschreibenden Ver-
gleich seiner Details. Diese Wahrnehmung stellt selbst eine rückkoppelnde
Beziehung zwischen der Frau und dem Hubschrauber dar, eine somit um-
schriebene Ganzheit. Wenn sich die Beobachterin abwendet, verbleibt das
Bild in einer Rückkoppelungsschleife ihres Geistes. Auch die Wechselwir-
kung zwischen Helikopter und Erdboden beruht auf Rückkoppelung und
Umschreibung. Desgleichen deren Unterscheidung voneinander.
Da jede Wechselwirkung für die beteiligten Seiten eine rückkop-
pelnde Wahrnehmung der jeweils anderen Seite bedeutet und insge-
samt eine Ganzheit umschreibt, kommt ein zumindest einfaches Be-
wusstsein jedem existierenden Ding zu, das ja immer eine solche
Umschreibung darstellt.
Was heißt das? Etwa dass jedes durch Schwingungen umschriebe-
ne Elementarteilchen denken - "Reflexionen erfahren" - kann? Of-
fenbar ja. Natürlich auf seine Weise und nicht so komplex wie wir.
Vielmehr sollen uns hier elementare Denkvorgänge zeigen, wie Ent-
scheidungsfreiheit grundsätzlich zustande kommt.
12
Bevor wir jedoch darauf eingehen können, müssen wir uns noch
mit einer weiteren fundamentalen Eigenschaft der Realität befassen,
die von der Rückkoppelung nicht zu trennen ist.
Struktur und Ganzheit
Wir haben bereits gesehen, dass Wechselwirkung nur in ihrer Ge-
samtheit etwas bedeutet. Sie ist wesentlich die umschriebene Ganz-
heit selbst, weil sie nicht vollständig auf Teile reduziert werden kann
- im Endeffekt auf nichts. Erst die Umschreibung hebt ein Objekt aus
dem Infinitesimalen in die Existenz.
Die umschreibende Bewegung bedingt allerdings relativ ungewisse
beziehungsweise unscharfe Grenzen des Objektes. (Wenn wir das
Ufer eines großen Sees abgehen, sehen wir nie den ganzen See zu-
gleich und können folglich nicht beweisen, dass er eine geschlossene
Oberfläche besitzt. Nur in der Rückkoppelung mit unserer Erinne-
rung an die anderen Uferseiten erhalten wir die ganze Wasserfläche.)
Doch die Gesamtheit der Rückkoppelung zeichnet das Objekt als
Ganzes vor dem Hintergrund des weiteren Unbestimmten aus (vor
der Umgebung des Sees, die eine kahle Wüste, ein blühender Garten
oder etwas beliebiges anderes sein kann, so lange es nicht von dem
See überspült und verschluckt wird).
Indessen unterscheidet die umschreibende Wechselwirkung auch
vergleichend ihre Seiten. Gegenüber dieser umschreibenden Struktur
wirkt die integrierende Ganzheit relativ diffus beziehungsweise kon-
tinuierlich. (Im Vergleich zu den unterschiedlichen Uferseiten ist die
Gesamtheit des Sees eine relativ gleichförmige Erscheinung.)
Die so beschriebene Einheit von Bestimmung und Unbestimmtheit
betrifft sowohl quantenphysikalische als auch gewöhnliche mensch-
liche Beobachtungen. Es ist hier völlig gleich, ob es sich um die
Ganzheit eines physikalischen Körpers oder die eines komplizierte-
ren Bewusstseins handelt. Beide können nicht ohne diese Einheit
existieren.
13
Jede Struktur ist eine Ganzheit und setzt sich aus solchen zusam-
men, doch Ganzheiten werden auch nur durch Strukturen - die ihrer
Umschreibung und die ihres unterscheidenden Vergleichs mit ande-
rem - gebildet. (Nur eine bestimmte Verbindung von Sesseln, Motor,
Blech und Rädern vermittelt uns die Ganzheit eines Autos, und wenn
wir es nicht deutlich von einem Schrotthaufen unterscheiden, kom-
men wir nie auf die Idee, mit ihm zu fahren.)
Struktur und Ganzheit stehen also in einer Wechselbeziehung zuei-
nander und zwar schließlich an jedem Punkt der Realität. Erst deren
bis ins unendlich Kleine reichende Einheit kann eine Realität erzeu-
gen. Die Realität ist infinitesimalstrukturiert. Es ist wichtig, dass auf
diese Weise alle scheinbar getrennten Dinge miteinander verbunden
sind, denn die Wahrnehmung ihrer Trennung ist bereits die Um-
schreibung ihrer Verbindung, welche die relative Trennung beinhal-
tet. Die Infinitesimalstruktur verbindet außerdem auch alles mit dem
nicht Erkannten. Wie, das werden wir noch sehen.
Aus dem Bisherigen ergibt sich Folgendes: Immer wenn wir eine
Ganzheit, das heißt einen Gegenstand oder ein Verhältnis, wahrneh-
men, dann nehmen wir dessen Infinitesimalstruktur wahr. (Andern-
falls würden wir nichts wahrnehmen.) Dabei ist es nicht nötig, seine
Zusammensetzung bis ins unendlich Kleine zu erkennen. Die relative
Kontinuität seiner Ganzheit ist bereits ausreichender Ausdruck einer
unendlich feinen Struktur. Freilich umgehen wir auch diese in der
Regel, indem wir uns keine Rechenschaft darüber ablegen, worin
sich Ganzheit und Struktur unterscheiden. Wir nehmen beide an je-
der Stelle zusammen, eben infinitesimal vereint, wahr!
Das integrierende Gefühl, das mit jeder Wahrnehmung verbunden
ist, lässt dies vielleicht deutlicher werden. Ohne dieses können wir
nichts wahrnehmen. Wenn Sie aufmerksam sind, werden Sie erken-
nen, dass sogar der Anblick eines abstrakten Striches noch eine Emp-
findung in Ihnen auslöst, die sein Bild "enthält".
14
Bestimmtes und Unbestimmtes
Aber auch eine Infinitesimalstruktur kann mehr oder weniger
strukturiert sein, denn sie beschreibt ja unterschiedlich stark geglie-
derte Realitätsbereiche, die sie wiederum infinitesimalstrukturiert
miteinander verbindet. Nur so sind Übergänge zwischen relativ dis-
kontinuierlichen und mehr kontinuierlichen Teilen der Realität er-
klärbar, wie zum Beispiel zwischen wechselwirkenden Objekten und
deren vermittelnder Bewegung. Und aus dem gleichen Grund (aber
es ist nicht das Gleiche) können wir zwischen einer strukturierten
Umschreibungsbewegung und der umschriebenen gleichförmigeren
Ganzheit relativ unterscheiden. Beide sind unendlich fein gewoben
und ihre Verbindung beziehungsweise Ganzheit ebenfalls. Aus dem
unendlich feinen Strukturnetz heben sich die mehr oder weniger
strukturierten Gebilde unserer Realität hervor, die ihrerseits mitei-
nander zu einer einzigen verschiebbaren Masche verknüpft sind.
Diese Beschaffenheit erst lässt uns innerhalb einer Ganzheit Unter-
schiede, insbesondere intuitiv verschiedene Konzentrationen, erken-
nen. Je bedeutender das Ganze gegenüber den unterschiedenen Tei-
len ist, desto mehr konzentriert es sich zentral in seiner Umschrei-
bung, da seine äußeren Details geringerer Beachtung bedürfen. Die
Gesamtheit "kondensiert" sozusagen in der Mitte und extrem gestei-
gert in einem unendlich kleinen Punkt. Das "Kondensat" verkörpert
die Bestimmtheit innerhalb des diffusen Eingeschlossenen und der
unbestimmten rückkoppelnden Bewegung. Indessen bestimmt die-
selbe Bewegung das Ganze gegenüber der äußeren Unbestimmtheit.
Das immer ableitbare infinitesimale Zentrum, in das die Umschrei-
bung übergeht, verbindet jedoch auch direkt mit der unbestimmten
Identität aller nicht umschreibend gewahrten Infinitesimalitäten, so-
wie mit den umschriebenen "an sich".
15
Abb. 2: Die umschriebene Ganzheit einer Struktur konzentriert sich vorran-
gig in deren Zentrum. Feine und grobe Struktur, Bestimmtheit und Unbe-
stimmtheit fließen ineinander.
All dies erfassen wir zusammen. Nur die untrennbare Einheit von
Identität und Unterscheidung, von Unschärfe und Kontrast, von Be-
stimmung und Unbestimmtheit ergibt eine realistische Wahrneh-
mung. Letztere ist aus dem gleichen Grund hauptsächlich intuitiv. Es
ist die Wahrnehmung der infinitesimalstrukturierten (einschließlich
infinitesimalen) Einheit von Wechselbeziehungen und deren Kernen.
Die freie Entscheidung
So verhält es sich auch, wenn wir zwischen mehreren Alternativen
abwägen.
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Jäger, der ein Rudel Wild (oder
einen Haufen Wilderer) verfolgt. Die Fährte gabelt sich plötzlich,
und Sie müssen sich für einen der beiden Wege entscheiden. Zu-
nächst versuchen Sie, die Fährte genauer zu lesen, sowie die bekann-
ten Gewohnheiten der Verfolgten und Ihren eigenen möglichen Nut-
zen zu berücksichtigen, das heißt, Sie versuchen Ihre Entscheidung
logisch abzuleiten. Wenn Sie dabei zu einer eindeutigen Schlussfol-
16
gerung gelangen, liegt die Fortsetzung Ihres Weges auf der Hand. Sie
ist vorbestimmt (determiniert), und Sie brauchen nicht zu wählen.
Kommen Sie dagegen nicht zu einem eindeutigen Ergebnis, kön-
nen Sie auch eine Münze werfen und den Zufall "entscheiden" las-
sen. Auch das ist keine bewusste Wahl. (Es ist höchstens der Ent-
schluss, nicht selbst zu wählen.)
Wenn das eine nicht möglich ist und das andere Ihnen nicht zusagt,
werden Sie Ihre Entscheidung "gefühlsmäßig" oder "instinktiv" tref-
fen. Ist das nun zufällig oder determiniert? Oder vielleicht beides?
Sollte Ihnen zum Beispiel aufgrund Ihrer Bemühungen zufällig
noch ein wichtiges Merkmal an der Fährte auffallen, sind Zufall und
Determination beteiligt. Ihre logisch folgerichtigen Anstrengungen
führen zu zufälligen Entdeckungen, die dann in Ihre nächsten Über-
legungen einfließen usw.
Doch jedes zufällige Zusammentreffen ist, von einem anderen, um-
fassenderen Standpunkt aus betrachtet, eindeutig vorherbestimmt.
Andererseits lässt sich jede Kette von Ursache und Wirkung nur so
weit zurückverfolgen, bis sie in etwas Unüberschaubarem "endet".
Auch die Mischung von Determination und Zufall in einem Prozess
wie dem Vorgang des bewussten Suchens ergibt noch keine Wahl.
Denn obwohl sie sich gegenseitig beeinflussen, bleiben sie doch sie
selbst. Das Ergebnis ist abschnittsweise vorhersehbar und dazwi-
schen von Unbekanntem bestimmt, aber keinesfalls frei gewählt.
Ebenso wenig bei dem Zusammenwirken zwischen Logik und Zufall
während Sie überlegen.
Ihre abwägende geistige Tätigkeit beschreibt dagegen eine Rück-
koppelung zwischen den alternativen Wegen. Erinnern wir uns, was
das bedeutet: Es wird eine Ganzheit umschrieben, bis hin zu einem
infinitesimalen Zentrum. Die umschreibende Wechselbeziehung un-
terscheidet auch die Alternativen, und äußerste Struktur und inners-
ter Kern bilden eine infinitesimalstrukturierte Einheit.
Diese vereint Bestimmtheit und Unbestimmtheit auch total. In ei-
ner solchen Einheit sind beide nicht mehr sie selbst, nicht einmal
teilweise voneinander trennbar. Erst aus diesem neuen Zustand her-
17
aus kann eine bewusste Entscheidung, eine wirklich freie Wahl er-
folgen. Völlig willkürlich getroffen wäre sie aber keine solche mehr,
sondern der pure Zufall. Eine bewusste Entscheidung muss für den
Entscheidenden sinnvoll sein, das heißt, seine Willkür und die rück-
koppelnd sinngebenden Zusammenhänge, welche die Ganzheit um-
schreiben, müssen intuitiv zusammenfließen. Sie sind im Moment
der Wahl identisch.
Abb. 3: Alle für den Entscheidungsvorgang wichtigen Faktoren fließen zu-
nächst in den abwägenden Überlegungen des Jägers zusammen - hier als
nach unten dunklere Schattierung dargestellt. Doch ihre vollständige Verei-
nigung in ihm ist nicht der Moment seiner freien Wahl, sondern dieser ent-
steht aus der totalen Einheit des Identitätspunktes mit der Unterscheidung
aller Faktoren, mit ihrer strukturierten Beziehung aufeinander, welche die-
sem Punkt erst Bedeutung verleiht. Ein solcher Zustand lässt sich bildlich
nicht mehr darstellen: Der Übergang zu ihm wird durch die mittleren Drei-
ecke nur angedeutet.
18
Als Jäger erfassen Sie also die zweifelhafte Situation intuitiv und
entscheiden intuitiv. Logische Überlegungen und zufällige Einflüsse
flankieren diese Entscheidung, indem sie notwendigerweise zum
Moment der Wahl hinführen. Beide sind an diesem Moment betei-
ligt, da infinitesimal (-strukturiert) mit ihm verbunden.
Allerdings können Sie nur die linke oder die rechte Fährte als Fort-
setzung wählen, welche dann die Rückkoppelung öffnet. Ihre freie
Entscheidung bedeutet deshalb sinnvolle Bestimmung innerhalb der
Unbestimmtheit des weiteren Weges. Sie erschaffen diese Bestim-
mung aus der Identität mit dem durch infinitesimale Eingrenzung be-
stimmten, aber neutralen Punkt im Zentrum der Gesamtheit Ihrer
Möglichkeiten. So kann die Entscheidung für keinen Standpunkt
schon vorher festliegen. Erst nachdem die Unbestimmtheit der alter-
nativ zu verfolgenden Fährte und die ganzheitlichen Beziehungen to-
tal mit der neutralen "unbefangenen" Bestimmtheit vereint wurden,
können sie in eine reale Bestimmung zurückkehren - Ihren frei ge-
wählten Weg.
Damit ist die Entscheidung gefallen, und Wahlmomente wie dieses
sind in der infinitesimalstrukturierten Welt überall und jederzeit ge-
genwärtig, durch uns und alle anderen bewussten Ganzheiten. Ein
gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit ist also ein wesentliches
Merkmal allen Bewusstseins.
Der größere Zusammenhang
Der jeweilige Freiheitsgrad hängt natürlich von den gegebenen
Möglichkeiten ab. Und hier bietet sich den komplexeren, sozusagen
kollektiven Bewusstseinen mit ihren vielfältiger verzweigten Bezie-
hungen ein größerer Spielraum als den einfachsten, bei denen wir
überhaupt keine Alternativen zu erkennen glauben. Doch jede Rück-
koppelung tastet die Wege ihrer Öffnung ab. So sucht auch das pri-
mitivste Bewusstsein Wahlmöglichkeiten, die durchaus nicht illuso-
risch sind.
19
Denn scheinbare Einfachheit ist noch kein Grund, an der Aktivität
eines Bewusstseins zu zweifeln. Die Chaostheorie lehrt uns, dass
sich keine Rückkoppelung streng wiederholt, da alles mit allem ver-
bunden ist und sich wechselseitig beeinflusst. Nach holistischen
Theorien, die Beziehungen in ihrer Ganzheit untersuchen, sind alle
Erscheinungen in jeder einzelnen verschlüsselt. Beides bedeutet,
dass ein Bewusstsein den Informationsgehalt seiner unendlichen,
komplexeren und scheinbar nur äußeren Umgebung einbezieht - als
sein Inneres. Im Grunde kann es also gar nicht so einfach sein. Eben-
so wenig können seine verfügbaren Möglichkeiten eindeutig festlie-
gen. Jeder bestimmende Einfluss von außen wirkt nur kooperativ mit
dem betroffenen Bewusstsein, das sich so immer an der Entschei-
dung über seine weitere Entwicklung beteiligt.
Die Informationen über seine unendliche Umgebung, die es (um
einen Begriff David Bohms zu gebrauchen) einfaltet, bleiben weit-
gehend verborgen. Sie gehen in eine infinitesimale Einfaltung über.
Die Infinitesimalstruktur beschreibt also keineswegs nur die Einheit
der jeweils vordergründigen Existenzformen, sondern die winzigste
Umschreibung schließt schon die Informationen zur Entfaltung des
ganzen Universums ein. Allerdings entfaltet sie deren Gesamtheit
immer nur in mehr oder weniger beschränkter Form, als relativ ein-
fache Erscheinung in unserer Realität.
Das bedeutet nicht, dass die größtenteils unterbewusst bleibende
komplexe Ganzheit alles für ihre einfacheren Verkörperungen ent-
scheidet. Und auch nicht, dass der Entscheidungsprozess eines Be-
wusstseins über einen unendlichen verborgenen Weg vollzogen wird.
Die Infinitesimalstruktur der Welt zeigt uns in allen Dingen die
Identität des ganzen unendlichen Universums - vermittelt über des-
sen Struktur und (zwei Worte sind schon zu viel!) unmittelbar als
Identität aller Punkte an jedem Punkt. So nutzt jedes konkrete Be-
wusstsein individuell und unter Einschluss seiner bestimmten Um-
gebung das an sich unbestimmte Potential der nahen unendlichen
Gesamtheit in ihm. Es wählt wirklich selbst, ohne sich völlig auf
Entscheidungen anderer oder des ihm Unterbewussten berufen zu
müssen. Sein relativ freier Wille ist real.
20
Resümee
Fassen wir hierzu noch einmal das Wichtigste zusammen:
Rückkoppelung und Infinitesimalstruktur sind Merkmale jeder
Existenzform und begründen sie als Bewusstsein. Zugleich bilden sie
den "Mechanismus", der zu kreativen Entscheidungen führt, welche
deshalb jedes Bewusstsein pausenlos im Rahmen seiner gegebenen
Möglichkeiten trifft. Der unendliche Zusammenhang aller Bewusst-
seine geht auch in die Infinitesimalstruktur jedes einzelnen ein, hält
dadurch den jeweiligen Möglichkeitsrahmen offen und trägt zum
Entscheidungsprozess bei, ohne ihn vollständig zu bestimmen.
Bereits jeden der unendlich dicht liegenden Punkte, der sich durch
eine rückkoppelnd vergleichende Unterscheidung von relativ Ge-
trenntem auszeichnet, umgibt ein eigenes selbständiges Bewusstsein.
Realität bedeutet somit ein unendlich komplex verflochtenes Gewe-
be von Bewusstseinen, die als Ursache und Folge aufeinander abge-
stimmter, aber relativ freier universeller Kreativität hervortreten.
Sicher ist vieles von dem Gesagten letztlich nur intuitiv erfassbar.
Und die Verhältnisse, die wir in eine relativ getrennte Form aufge-
schlüsselt haben, verlangen zu ihrem Verständnis eine andere Denk-
weise als die gewohnte. Wie uns die Infinitesimalstruktur der Welt
zeigt, ist insgesamt eine tiefere Einheit von analytischer und intuiti-
ver Erkenntnis erforderlich, um über eingleisige Beschränkungen
sowie aus diesen resultierende Scheinwidersprüche in unserer Erfah-
rung hinaus zu gelangen. Dann werden wir auch die zugrunde lie-
gende Gemeinschaft und persönliche Verantwortung in all unseren
Beziehungen wiederentdecken.
21
Spirituelle Erlebnisse
eine Frage der Beweisbarkeit?
Skeptiker fordern oft einen hieb- und stichfesten Beweis für die
objektive Gültigkeit spiritueller Erfahrungen. Nehmen wir
zum Beispiel die sogenannten außerkörperlichen Zustände, während
denen Sie - meist schlafend - in Ihrem "feinstofflichen" Körper
schweben, herumfliegen und sogar Ihren physischen Körper unter
sich liegen sehen - und dies alles wachbewusst.
Na schön, sagt der Skeptiker, Sie haben eben geträumt, ein rein
subjektives Erlebnis. Und schon sehen Sie sich vor einer anschei-
nend unüberwindbaren Hürde: Wie sollen Sie jemanden von der tie-
fen Realität solcher individuellen Erlebnisse überzeugen, dem diese
noch nicht zuteilwurden? Wer träumt nicht ab und zu vom Fliegen?
Natürlich auch der Skeptiker, und so ordnet er das Erlebnis seines
Gesprächspartners sofort in das eigene Erfahrungsmuster ein. Fertig.
Nein, sagen Sie, der Flug Ihres "Astralkörpers" habe über eine
ganz real existierende Umgebung geführt und sei von exotischen
Empfindungen begleitet gewesen, für die es keine Entsprechung im
Wach- oder Traumerleben gebe. Also müsse es sich um etwas ande-
res, Drittes, gehandelt haben.
Der Skeptiker glaubt zunächst gar nichts und nimmt Sie mit ins
Schlaflabor. Dort sollen Sie, sofern Sie behauptet haben, dies zu
können, einen außerkörperlichen Zustand willentlich herbeiführen.
In verdeckter Lage hat der Skeptiker Zahlen angebracht, die Sie
während Ihres Erlebnisses lesen sollen, um sie hinterher wiederzu-
geben. Gleichzeitig will er Ihre Gehirnwellen messen.
Sie sind einverstanden, es geht los. Nach einigen fehlgeschlagenen
Versuchen gelingt Ihnen tatsächlich die Ablösung vom physischen
Körper. Doch Sie können den Flug so schlecht steuern, dass Sie bei
sich zu Hause landen, statt an der vorgegebenen Stelle im Labor.
Beim nächsten Mal glückt zwar der Zielanflug - die Zahlen indes er-
scheinen irgendwie verzerrt. Nach der Rückkehr in den physischen
22
Leib können Sie also nicht mit der korrekten Ziffernfolge aufwarten,
aber immerhin wurden seltsame Gehirnwellenmuster registriert. Inte-
ressant, aber kein Beweis. (Auch wenn Sie die Ziffern hätten nennen
können, wäre dies noch kein Beweis dafür, dass Sie mit irgendeinem
"Körper" dort waren.)
Damit ein experimentelles Ergebnis als richtig gelten kann, muss
es unter gleichen Bedingungen wiederholbar sein, besagt eine Regel
wissenschaftlicher Beweisführung. In diesem Fall jedoch entstehen
bei Ihnen und anderen Probanden lediglich ähnliche Zickzack-Linien
auf dem Millimeterpapier. Der vollständige Vorgang ist bei jedem
Versuch und jeder Versuchsperson zu individuell, als dass er für ein
allgemein auftretendes Phänomen gelten könnte.
Was machen Sie nun? Sie geben dem Skeptiker eine Anleitung für
das Erreichen eigener außerkörperlicher Zustände. Er nimmt sie ent-
gegen, doch er zweifelt stark daran, dass es funktionieren wird. Er
übt dennoch recht ausdauernd - und erlebt nichts. Seine Erwartungen
bestätigen sich. Und er ist empört, wenn Sie ihm sagen, dass er
schon daran glauben müsse, damit es klappt. Schließlich sei es ein
Gebot wissenschaftlichen Vorgehens, unvoreingenommen zu be-
obachten, "was ist". Dass seine Art der "Unvoreingenommenheit"
auch auf bestimmten Annahmen beruht, merkt er nicht.
Denn seine Vorstellungen über die Realität werden von einer Viel-
zahl anderer Menschen geteilt, von ihnen bestätigt: Das, was wir alle
zusammen wahrnehmen, worüber wir uns verständigen und einigen
können, ist real, ist objektiv. So wie das Glas auf dem Tisch oder un-
sere Blutdruckmesswerte. Dagegen besitzt ein individuelles Erlebnis
höchstens für den Erlebenden Bedeutung. Darüber hinaus erscheint
es so irrelevant wie ein Traum. ("Träume sind Schäume.")
Aus den offensichtlichen Zusammenhängen des für objektiv Er-
klärten werden nun logische Schlussfolgerungen gezogen, wie die,
dass der Geist nur im Gehirn wohnen kann. Reale außerkörperliche
Erfahrungen sind dann einfach widersinnig. (Das berüchtigte "Es
kann nicht sein, was nicht sein darf".) So schränkt man schließlich
die Realität auf den gemeinsam erfahrenen Bereich physischer Exis-
tenz ein. Die aus einseitigen kollektiven Erfahrungen gewonnene
23
Logik (wobei wiederum die Logik der Kommunikation diese Erfah-
rungen erst kollektiv macht) bestimmt die künftigen Wahrnehmun-
gen und schließt den Bereich "gültiger" Realität ab. Es gibt keine
geistigen Zustände außerhalb des physischen Körpers, denn sie wer-
den nun sogar aus der persönlichen Erfahrung ausgeblendet. Der
Skeptiker zensiert sich selbst.
Verstärkend wirkt noch die Suggestivkraft der wiederholten Ein-
drücke, die auch das Unterbewusstsein auf die zulässige Realität
"programmieren". Viele Menschen sind zum Beispiel so auf ihr Le-
ben im wachen Zustand fixiert, dass sie sich nicht an ihre nächtli-
chen Träume erinnern können. Der Übergang vom Abend zum Mor-
gen ist nur ein Moment. Bekanntlich kommt aber die Erinnerung von
allein, sobald man sich nur genug für seine Träume interessiert. Hin-
sichtlich anderer Bewusstseinszustände kann das Unterbewusstsein
dagegen so stark blockiert sein, dass sich sogar der interessiert Su-
chende verzweifelt fragen mag, was ihm denn entgeht. Frustriert -
oder auch befriedigt - verliert er sein Interesse.
24
Da ihm die offiziellen Gedankengänge über die Realität logisch
konsistent erscheinen, aber einen wesentlichen Teil der von anderen
Menschen erfahrenen Realität ausklammern, muss diese Logik
Sprünge machen - schön gesetzmäßig über die Lücken des akzeptier-
ten Wissens hinweg. Sie erscheint nur deshalb so glatt, weil die Brü-
che nicht bewusst wahrgenommen werden. Dieselben kommen je-
doch immer schnell zum Vorschein, wenn man eine solch "abge-
schlossene" Theorie weit genug hinterfragt: Warum ist das so? Und
wie kommt dann das zustande? Kinder haben dieses spielerische Er-
gründen der "letzten" Ursachen noch nicht abgelegt. So sollte sich
auch jeder zu bodenständige Wissenschaftler dieses Spiel von Zeit zu
Zeit gönnen, um sich nicht im selbst gesponnenen Netz zu verfangen
oder um die Grenzen der offiziellen Weltanschauung auszuloten.
Vielleicht wird er dann anderen Vorstellungen (und eigenen Erfah-
rungen) gegenüber offener.
Das sollte zu denken geben: Allein schon die (sogar mathematisch
bewiesene) Möglichkeit, über ein bestimmtes logisches System hin-
auszugehen (wie auch immer) muss in unserer eigenen tieferen Ver-
bundenheit mit der Welt wurzeln, in einer umfassenderen Wirklich-
keit. Erschließen wir diese Wirklichkeit, indem wir unsere Vorstel-
lung von Logik erweitern! Springen wir versuchsweise über unseren
Schatten - indem wir die Lichtquelle, mit der wir ihn erzeugt haben,
verschieben. Die Verbindung zum alten (Welt-) Bild bleibt dabei al-
lemal gewahrt. Es genügt völlig, deren genaue Logik hinterher zu
entschlüsseln.
Angenommen unser Skeptiker hat diesen Ratschlag befolgt und
schließlich selbst bewusste Erfahrungen außerhalb seines physischen
Körpers gemacht. Er weiß dann auch, dass sich der authentische Zu-
stand nicht mit gewöhnlichen Träumen oder unter Hypnose hervor-
gerufenen Erlebnissen vergleichen lässt. Er vermag zwar das Erlebte
kaum in Worte zu fassen, doch er kann nun die ähnlichen Erfahrun-
gen anderer als real akzeptieren. Und das am Morgen anhaltende un-
beschreibliche Gefühl des Glücks und der Harmonie mit der Welt
bestärkt ihn darin, auch denjenigen Menschen zu vertrauen, die Er-
25
fahrungen gemacht haben, von denen er noch weit entfernt ist. Er
wird sich gewahr, dass wir alle eine tiefe Wahrheit teilen.
Braucht es dann noch Beweise? Ja, schon. Nur folgt ihre Notwen-
digkeit jetzt nicht mehr aus primärem Misstrauen, weil sie nicht auf
einer einzigen für gültig erklärten Realität beruhen müssen. Wir
können die individuelleren Aspekte fremder Erfahrungen respektie-
ren und, da wir nun offen für sie sind, ähnliches selbst erleben. "Be-
weisen" heißt dann nur noch, die Erlebnisse anderer Menschen be-
wusst mit den eigenen verknüpfen. Vielleicht lernen wir, uns in die
Welt eines anderen hineinzuversetzen und dadurch dessen Stand-
punkt nachzuempfinden. Neue Formen der Kommunikation bahnen
sich an, es entsteht eine neue gemeinsame Wirklichkeit.
Wohl verstanden: Ich meine nicht, dass jeder individuellen Erfah-
rung die gleiche kollektive Bedeutung zukommt. Doch auch unsere
scheinbar ausschließlich subjektiven Wahrnehmungen gründen auf
einer tiefen Gemeinschaft, die durch offenere Formen des gegensei-
tigen Verstehens in den Bereich der kollektiv bewussten Erfahrung
gehoben wird. Diese Bewusstseinserweiterung ist der Schlüssel zur
Lösung unserer gegenwärtigen Verständigungsprobleme. Lieber
Skeptiker, erfahren Sie den Beweis für diese Behauptung!
26
Interessanterweise unterscheiden sich die Wahrheitsansprüche von
physikalischer und spiritueller/psychischer Wissenschaft gar nicht
grundsätzlich, sondern höchstens in der Betonung:
Physikalische Wissenschaft
Psychische Wissenschaft
Jeder soll unter gleichen Vo-
raussetzungen gleiche Ergebnis-
se erhalten können.
Jeder soll bei gleicher Herange-
hensweise miteinander harmo-
nierende Ergebnisse erhalten
können.
Subjektive Beliebigkeiten sind
weitestgehend auszuschließen
(durch Reduzieren der Wahr-
nehmung auf die äußeren Sin-
ne).
Subjektive Beliebigkeiten sind
weitestgehend auszuschließen
(durch Reduzieren der Phantasie
in der Meditation oder durch
ausgeklügelte Fragebögen).
Beobachtung geschieht dabei
aber kaum noch "direkt", son-
dern über Instrumente, deren
Anzeigen interpretiert werden
müssen.
Beobachtung erfolgt über die
Anzeige innerer Bilder und
Empfindungen, sozusagen des
inneren Instrumentariums, so-
wie deren Interpretation.
Es sollte eine stimmige, besser
noch allgemein anerkannte The-
orie (Erklärung) zu den Ergeb-
nissen vorliegen. Sonst werden
sie nicht ernst genommen.
Es sollte eine stimmige, besser
noch allgemein anerkannte The-
orie zu den Ergebnissen vorlie-
gen. Sonst sind sie ebenfalls
nicht einordenbar.
Täuschungen durch die Sinne
und Fehlinterpretationen sollen
ausgeschlossen werden.
Täuschungen durch innere Sin-
ne und deren Fehlinterpretation
(Verzerrung) sollen ausge-
schlossen werden.
27
Das Selbst, die Leere und
das Gewahrsein
Wer sind wir? Wohin gehen wir? Warum gehen wir dorthin? Derar-
tige Fragen beschäftigen uns seit Jahrtausenden. Und irgendwie
scheinen sie alle mit dem zusammenzuhängen, was wir das Selbst
nennen: mit dem Gefühl, ein bestimmtes, unverwechselbares Indivi-
duum zu sein. Ob ich etwas für mich oder jemand anderen tue, ob
mit allen anderen oder allein - immer bin ich es, der handelt oder
duldet.
Doch wer oder was eigentlich dieses Ich ist, darüber gehen die
Meinungen auseinander. Wir können unser Gesicht im Spiegel be-
trachten, aber nicht das Original. Wir können über unseren Geist
nachdenken, aber nicht über den, der gerade nachdenkt. Wir können
vielleicht zwischen Betrachter und Betrachtetem wechseln, aber of-
fenbar nie das Ganze umfassen. Diese Schwierigkeit, der sogenannte
unendliche Regress des Beobachters, hat manche Philosophen dazu
veranlasst, das ständige Hin und Her aufzugeben und zu behaupten,
wir seien eben wer wir sind. Punkt. Sie sprechen beispielsweise vom
Selbst als dem "blinden Fleck" im Bewusstsein, dem Punkt, der sich
nicht selbst bewusst werden kann und doch immer vorhanden ist,
welchen Beobachtungsstandpunkt wir auch einnehmen.
In der Tat können wir in tiefer Meditation eine grundlegende Iden-
tität erfahren, deren Empfindung von keiner äußeren Wahrnehmung
abhängt und auch nach der Meditation erhalten bleibt. Ihre bekann-
teste Deutung besagt, dass wir eigentlich über gar kein Selbst verfü-
gen, sondern dass alles, was wir dafür halten, nur eine Konstruktion
unseres ruhelosen Geistes darstellt. Wenn wir unabhängig von allen
wahrzunehmenden Strukturen sind, könnten wir schließlich auch
keine unterscheidbare Identität "besitzen". Haben wir damit den
Stein der Weisen gefunden?
Richtig ist sicher, dass wir zum Beispiel Entscheidungen treffen,
ohne jedes Mal zu reflektieren, ob die Verwirklichung dieser oder je-
28
ner Möglichkeit für uns gut wäre. Wir handeln aus einem freien Ge-
wahrsein der ganzen Situation heraus, welche auch unser mehr oder
weniger authentisches Identitätsempfinden beinhaltet. In diese Situa-
tion gehen unterbewusste Impulse und bewusste Ideale ebenso ein
wie einander ausschließende Alternativen, Aktivitäten anderer Quel-
len und... Doch halt! Andere, das heißt Unterschiede, soll es ja ge-
mäß obiger Auslegung im Grunde nicht geben, allenfalls Illusionen
von Unterschieden. Warum aber entscheiden wir dann überhaupt?
Warum setzen wir uns nicht hin und erstarren? Oder verflüchtigen
uns ins Leere? Hat die Illusion eine Bedeutung?
Wir erleben eine Welt physischer und psychischer Gestalten, die
recht eigenwillig handeln. Das Individuum wählt zudem ständig an-
dere Situationen, ändert also die individuelle Erfahrung bis zu einem
gewissen Grad, meint allerdings im Rahmen dieser Veränderung eine
Konstante zu bleiben. Es erfährt ein Zentrum. Doch dieses ist zu-
mindest mit den Unterschieden der Welt verwoben, spiegelt sie und
spiegelt sich in ihnen. So erfährt es "sich selbst" oder ein konkretes
Selbst - und zwar umso reichhaltiger, in je mehr (Spiegel-) Bildern
es erscheint. Es schält sich ein Kern aus dem Unbewussten, der von
immer mehr durchlaufenen Bewusstseinsfokussen umschrieben
wird. Ein Selbst ohne ihn wäre tatsächlich Nichts...
Bitte beachten Sie, dass wir uns noch nicht über die unmittelbare
Beziehung zwischen Selbst und Umwelt hinausbegeben haben. Wir
sind in die individuelle Erfahrung eingebettet. Das Selbst konden-
siert vielmehr im Innern einer veränderlichen Ganzheit.
Gehen wir nun einen Schritt weiter, kann sich das Selbst von un-
terschiedlichen Standpunkten aus selbst beobachten. Erst jetzt bildet
sich das klassische Selbstbewusstsein, die reflexive Selbstbetrach-
tung.
Genau genommen aber fasse ich meine durchlaufenen Bewusst-
seinsfokusse als dynamische Vielfalt, als Individuen zusammen, in
Form eines Gewahrseins unterschiedlicher Erfahrungszentren, die in
meinem gegenwärtigen kulminieren. Ich nehme also eine Hierarchie
von Einstellungen wahr, zwischen denen ich wählte beziehungsweise
(wieder) wählen kann. Dabei bin ich mir nur meiner individuellen
29
Gipfelposition in ihr selbstbewusst, mehr eines erreichten Punktes
als eines Objektes.
Dieses Gewahrsein können wir auch auf "fernere" Individuen aus-
dehnen, indem wir uns in deren Standpunkte hineinversetzen und aus
ihnen zurückkehren; wir schauen mit den Augen der Mitgeschöpfe
und integrieren ihre Sicht in einer neuen, eigenen. Eine solche Wahr-
nehmung kann nicht in erster Linie egoorientiert sein, da sie sich aus
den Erfahrungswelten der anderen - wenn auch zu einem letztlich
diffuseren Ergebnis - zusammensetzt. Was etwa den anderen Schaden
zufügt, schadet unmittelbar dem eigenen Befinden. Oder anders for-
muliert: In den anderen erkennen wir unterschwellige Aspekte unse-
rer selbst.
Damit haben wir eine Wirklichkeitseinstellung erlangt, die uns
vom vielgeschmähten Egoismus befreit - trotzdem wir unsere Eigen-
art keineswegs leugnen. Auch wenn das Individuum irgendwann aus
seinem bisherigen Bewegungsspielraum ausbricht, verliert es sich
nicht. Es erkennt lediglich, dass seine Individualität tiefer wurzelt,
als es annahm. Können solche Wurzeln ins Nirgendwo führen?
Kaum. Gleichwohl ist es ebenso wenig plausibel, sie in einen absolut
festen Grund hineinzuspekulieren. Wie der Weg, auf dem wir lernen,
sollte sich die Dynamik des Bewusstseinsfokus im unterbewussten
(nicht unbewussten) Innern fortsetzen. Sie mag dort in einem Objekt
gerinnen oder einen infinitesimalen Gipfel konstituieren - auf einen
endgültigen Boden treffen wir sicher nicht. Insofern behalten die
Theoretiker der letztendlichen Selbst-Leere recht. Doch Leere ohne
strukturierte Erfahrung und ein wesenhaftes Gewahrsein ist ohne alle
Bedeutung.
Lässt sich aus dem Gewahrsein erklären, warum wir bestimmte
Ziele anstreben? Wenn wir nicht notwendig auf ein objekthaftes Ego
fixiert sind - was treibt uns dann? Woher kommen jene Impulse und
Ideale, denen wir folgen?
Wie ich in meinem Buch Die Erschaffung der Realität begründet
habe, entspringen sie dem dynamischen Ineinandergreifen unzähliger
Bewusstseinseinstellungen, die eine Ergänzung ihrer stets einseitigen
Erfahrung ersehnen, welche zugleich die Gesamtheit und jedes Indi-
30
viduum bereichert. Diese liebevolle Werterfüllung (Jane Roberts) ist
ihr eigener Zweck und kann durchaus ein Ego-Objekt einbeziehen,
gleichsam als Symbol der eigenen Individualität. Nur wenn dieses
Ego Vorherrschaft beansprucht, schränkt es das Gewahrsein unver-
hältnismäßig ein, verzerrt die ursprünglichen Impulse und verwan-
delt enttäuschte Erwartungen der Liebe bisweilen in Hass.
Fassen wir zusammen: Das Selbst ist nicht unbedingt ein Objekt,
sondern das empfundene Zentrum einer Reihe von individuellen
Standpunkten, in denen es sich selbst überschreitet. Dementspre-
chend entscheiden wir uns für bestimmte Wege, um uns auf neue
Weise zu erfahren. Sind aber diese Entscheidungen egoistisch moti-
viert, beschränken wir unser Ziel und damit uns selbst. Das Indivi-
duum ist von Natur aus nicht begrenzt und schon gar nicht leer: Es
ist unerschöpflich.
31
Die Erschaffung der Realität
- Auf 1/6 gekürzte Fassung -
Vor einer Kurzfassung meines gleichnamigen Buches bin ich lange
zurückgescheut. Zu verwoben sind die Themen und Argumente, als
dass sie sich zu einem kurzen Faden aufspinnen ließen. Doch "Un-
möglich" hätte der Grundthese des Buches widersprochen, nach der
wir unsere Realität selbst erschaffen. Also ging letztlich doch etwas.
Allerdings hatte es einen Preis. Da ich alles Unwesentliche bereits
bei der "Langfassung" weggelassen hatte, mussten jetzt ganze The-
menbereiche wegfallen wie auch weiterführende Perspektiven, Ar-
gumente, Details und Vertiefungen. Entstanden ist eine Abhandlung,
die Ihnen die durchgreifendsten Ergebnisse und ihren jeweiligen
Hauptgrund darlegt und, so hoffe ich, zu einer tieferen Beschäfti-
gung mit der Realität anregt. Ich wünsche Ihnen damit nachdenkli-
che Freude und subtiles Vergnügen.
Die Relativität der Existenz
Die erste Frage, die wir uns stellen müssen, ist wohl die, warum
überhaupt etwas existiert und nicht einfach nichts ist.
Zweifelsohne wäre dieses Nichts gleichbedeutend mit einem Zu-
stand, in dem alles existiert. Denn alles könnte sich nicht voneinan-
der unterscheiden, da jeder Unterschied gerade die Nichtexistenz des
jeweils anderen an der betrachteten Stelle bedeutet. Untersuchen wir
das an einem konkreten Beispiel:
Nehmen Sie eine Vase und stellen Sie dieselbe vor sich auf den
Tisch. Sie schauen sie an und können sie nur identifizieren, weil sie
oben und unten, links und rechts irgendwo zu Ende ist. Ihre charak-
teristische Form wird durch Grenzen umrissen. Doch wie zeichnet
sich eine Grenze ab? Indem auf der anderen Seite etwas Neues be-
ginnt, etwas, das sich in diesem Fall von der Vase unterscheidet. Man
32
kann sagen, dass die Vase von einem unverzichtbaren Hof, einem
Halo aus anderen Dingen, umgeben ist.
Sowohl die Vase als auch die sie umgebenden Gegenstände erken-
nen Sie, weil deren (meist reflektiertes) Licht von Ihren Augen emp-
fangen und von Ihrem Bewusstsein registriert wird. Die Objekte der
Umgebung differieren dabei in Farbe, Form und Standort, sie wirken
also verschiedenartig auf Sie ein. rden das alle auf die gleiche
Weise tun, erhielten wir ein nebulöses Kontinuum, das immer noch
zur Unterscheidung der Vase genügt. Es ist zwar nicht egal, aber un-
wesentlich, ob die Vase auf einem gedeckten oder leeren Tisch steht.
Denn nichts anderes wirkt so spezifisch auf Sie wie diese Vasenform,
ob es sich nun auch voneinander unterscheidet oder nicht. In der
Umgebung existiert die Vase nicht, sie wird von einem Halo ihrer
Nichtexistenz gesäumt, von dem sie sich mittels charakteristischer
Wirkung abhebt.
Zu jedem Gegenstand und jedem Objekt seiner Umgebung gehört
so ein "Schatten" der eigenen Existenz. Diese Halos überschneiden
sich mit dem Teil ihrer Flächen, von dem sich alle betrachteten Ge-
genstände abheben und formieren einen gemeinsamen Hintergrund
kollektiver Nichtexistenz. Aber auch ein gemeinschaftlicher Halo
existiert immer noch als solcher, dessen Schatten nun die vielfälti-
gen Objekte bilden. Ein für alle gemeinsamer Hintergrund der
Nichtexistenz muss immer verborgen bleiben. Er ist ein Kontinuum,
aus dem sich das Existierende erhebt. Dennoch kann ein relativ kon-
tinuierlicher und allgemeiner Halo, wie zum Beispiel eine kahle
Wand, den Eigenschaften dieses Hintergrundes ausreichend nahe
kommen und so als dessen wahrnehmbare Entsprechung dienen. Ich
werde deshalb der Einfachheit halber in allen Fällen, in denen solch
ein diffus existierender Halo für den allseits verborgenen, imaginä-
ren Hintergrund stehen kann, nur vom "imaginären Halo" sprechen.
Ohne auf Sie in bestimmter Weise zu wirken, kann für Sie nichts
existieren. Und ohne Wirkung auf jemand anderen auch für keinen
solchen.
33
Wenn Sie mit dem Rücken zu der Vase stehen, könnte sie also ein-
fach verschwinden. Ob das "wirklich" geschieht, können Sie nur
überprüfen, indem Sie, während Sie abgewandt stehen, eine zweite
Person nach dem Zustand der Vase fragen.
1
Diese Person, nennen
wir sie Hans, sieht die Vase wahrscheinlich und sagt es Ihnen. Für
Hans existiert sie und indem er Ihnen das mitteilt auch für Sie. Denn
Sie vermuten (!), dass Hans die Wahrheit sagt.
Schauen Sie die Vase nun wieder an. Sie existiert für Sie beide und
besitzt deshalb einen größeren Existenzumfang, denn es schadet ihrer
Existenz kaum, wenn sie einer von Ihnen nicht wahrnimmt, solange
der andere ihm von ihr erzählt. (Es bleibt nur ein leiser Zweifel, ob
er nicht schwindelt.) Sie existiert immer noch für beide gemeinsam.
Ein Objekt existiert überdies stärker, wenn es für uns wesentlicher
ist; entweder nur im Rahmen ausgewählter Wirkungen (zum Beispiel
Lichtreflexion in Form einer Vase) oder sogar aller erkennbaren Ein-
flüsse (zum Beispiel Vase fliegt mit 80 km/h auf unseren Kopf zu).
Diese Wesentlichkeit, die es gegenüber seinem Halo hervortreten
lässt, möchte ich auch als Existenzstärke bezeichnen, um auszudrü-
cken, dass etwas Unwesentliches zugleich weniger ist. Ein Objekt
geht zwar selten so allmählich in seine Umgebung über wie eine Ne-
belschwade, so dass sich meist ein qualitativer Unterschied zwischen
Objekt und Halo abzeichnet. Da aber der Beobachter alle Wirkungen
auf sich vereint, also auch von ihren qualitativen Unterschieden abs-
trahiert, kann ein Objekt innerhalb dieser Gesamtheit nicht nur sein
oder nicht sein, sondern auch mehr oder weniger existieren.
Fassen wir unsere Überlegungen zusammen, ist die Existenz jedes
Dinges relativ. Sie hängt vom Standpunkt des Beobachters ab. Ein
bestimmtes Objekt wie die Vase kann nur für einen bestimmten Be-
obachter existieren; ihre Existenz für mehrere Beobachter wird da-
gegen erst möglich, wenn diese miteinander querverbunden sind -
miteinander kommunizieren - um sie gemeinschaftlich festzustellen.
1
Spiegel und ähnliche Ersatzbeobachter würden die Situation nicht
grundsätzlich ändern, wie Sie leicht feststellen.
34
Für die Gesamtheit der Beobachter besitzt das Objekt dann einen
größeren Existenzumfang und daher mehr Existenz. Selbst für den
einzelnen Beobachter wächst seine Existenzstärke, da es über die
Verbindung mit den anderen Beobachtern intensiver auf ihn wirkt.
Nichtsdestoweniger wird die nur auf Sie heranschießende Vase in-
tensiv existieren und durch Ihre Ausweichreaktion, bei der Sie
schlimmstenfalls den Hans umstoßen, auch diesen nicht unbeein-
druckt lassen, sozusagen auf ihn durchwirken und dadurch an Exis-
tenzumfang gewinnen. Innerhalb des beide Beobachter einschließen-
den, das heißt sie verbindenden Beobachtungsstandpunktes, bedeutet
größerer Existenzumfang in der Regel auch größere Existenzstärke
und umgekehrt.
Jetzt kann man wiederum verschiedene Beobachtungsstandpunkte
miteinander vergleichen, was einen neuen, gesamten schafft. Der
Unterschied zwischen "Realerem" und "weniger Realem" ist somit
ein Unterschied des Existenzumfangs innerhalb dieses größeren
Standpunktes.
Das absolute Universalkontinuum
Eine Veränderung der Existenz wird durch eine Verschiebung des
Beobachtungsstandpunktes nach bestimmten Regeln erreicht, welche
sich aber mit dieser Verschiebung ebenfalls wandeln können. Ob-
wohl wir zum Beispiel unseren Aufenthaltsort gewöhnlich fahrend
verlagern müssen, bietet sich uns, sobald wir einen Flughafen errei-
chen, die Möglichkeit zu fliegen.
Indem wir den Gesetzen der Standpunktverlagerung folgen, wer-
den wir zu zunehmend unbekannten Beobachtungsstandpunkten ge-
langen. Wir können in einem zusammenhängenden unendlichen
Universum unendlich weit "gehen". Irgendwann müssen wir dann
auch in der Lage sein, einen Beobachtungsstandpunkt zu erreichen,
an dem nichts für uns existiert. Stellen wir uns dort einen extrem di-
cken Nebel vor, der uns nichts in der Umgebung erkennen lässt,
nicht einmal unseren eigenen Körper. Er schluckt ebenso allen
35
Schall. Nun schalten wir noch unsere restlichen Sinnesorgane aus.
Schließlich lassen wir den dichten Nebel unsere Gedanken durch-
dringen und voneinander isolieren. Sie können sich nicht mehr auf-
einander beziehen und werden auch "einzeln" immer mehr zerfasert.
Wir wissen nicht einmal mehr, wer wir sind, wir sind von uns selbst
getrennt. Es gibt nichts mehr. Absolute Diskontinuität, absolute Kon-
tinuität, absolute Identität. (Dennoch sollten Sie weiterlesen.)
Von der unendlichen Vielfalt im Universum scheinen wir ohnehin
weitgehend getrennt zu sein - in dem Sinn, dass sie nicht als solche
mit uns in Verbindung steht, so nicht für uns existiert. Es hat daher
nicht lange gedauert, sich von dem Rest auch noch zu trennen.
Der Weg in die andere Richtung ist dagegen unendlich lang. Er
bedeutet zunehmende Existenz aller möglichen Dinge. Doch da
dieser Weg über unendlich vielfältige Erfahrungen führt, ist er
weitaus interessanter. Am "Ende" wartet indessen, wie wir gleich
sehen werden, ebenfalls absolute Kontinuität = absolute Identität.
Nehmen wir einen Bleistift und zeichnen auf einem leeren Blatt
Papier einige ausgemalte Quadrate. Wir haben somit eine Welt, einen
Beobachtungsstandpunkt geschaffen. Die jeweils äußersten Quadrate
kennzeichnen die Grenzen unseres Standpunktes. Nun können wir
nacheinander alle Quadrate wegradieren, und auch alles von dem
letzten bis auf einen Punkt, wodurch sich das Volumen unseres
Standpunktes auf Null reduziert. Das ist der Punkt an dem nichts
mehr existiert.
Stattdessen können wir aber auch immer mehr Quadrate hinzufü-
gen, die sich hier nur durch ihren Ort voneinander unterscheiden.
Das ursprüngliche Volumen wird schließlich kontinuierlich mit
Quadraten gefüllt sein, außer seinem Rand keine Bezugspunkte mehr
bieten und sich nun unendlich ausdehnen, um weitere Quadrate auf-
zunehmen.
2
In dieser Unendlichkeit gibt es letztlich keine Bezugs-
2
Auch nicht ausgemalte Quadrate würden gefüllt, sobald sie einander
überlagern. Sie beschränken die Unendlichkeit in keiner Weise. Unend-
lich dünne Linien hingegen ergäben kein einziges existierendes Quadrat.
36
punkte mehr, das heißt, alles ist identisch. Diese Identität wird zwar
nie erreicht, aber nachweislich angestrebt.
Ähnlich verhält es sich mit der größeren Realität: In einer vielfälti-
gen und zusammenhängenden Welt wird eine Ausdehnung, der man
folgt, auch zur Erweiterung des Zusammenhangs mit anderen Din-
gen führen und dadurch zu deren Ausdehnung, die wiederum andere
Dinge erfasst usw. So wird ein wachsendes Wirtschaftsunternehmen
auch die Zusammenarbeit mit seinen Kooperationspartnern auswei-
ten und zu deren Wachstum beitragen. Das Unternehmen wird zu-
dem neue Partner finden und auf gleiche Weise einbeziehen. Es gibt
hier keinen Grund für irgendeine unüberwindbare Grenze in einer
unendlichen Welt. Sogar wenn nur einer der unendlich vielen mögli-
chen Wege eine unendliche Ausdehnung verkörpert, genügt dies für
die Feststellung, dass der imaginäre Halo lückenlos gefüllt sein wird,
denn dieser Weg erfasst dann auch alle anderen Wege. Er erreicht al-
les Beliebige, auch das Unwahrscheinlichste, denn im Unendlichen
ist letztlich alles möglich, innen wie außen. Deshalb ist dieser un-
endlich entfernte Beobachtungsstandpunkt ein absolutes Kontinuum.
Es verbirgt sich hinter dem Existierenden und offenkundig hinter
dessen jeweiligem Halo, wo es seiner Realisierung harrt. Wir kennen
nicht den ganzen Weg, doch wir kennen das Ziel - die absolute Iden-
tität alles Existierenden und damit zugleich Nichtexistierenden.
An sich ist diese Identität nichtssagend und gleich einem infinite-
simalen (unendlich kleinen) Punkt ohne Unterschiede. Nur für eine
diskrete (relativ diskontinuierliche) reale Welt kann sie existieren, sie
reflektiert nach ihrem "Erreichen" sofort wieder auf irgendeine Tei-
lung. Da die absolute Identität nun in jeder Richtung liegt (siehe
oben), ist sie in letzter Konsequenz an jedem beliebigen Punkt unse-
rer Welt zugegen.
Mit Blick auf seine Herleitung möchte ich diesen Punkt als absolu-
tes Universalkontinuum bezeichnen. Der unendliche Weg seiner An-
näherung beschreibt, worum es sich dabei handelt; aber es gibt, wie
schon angedeutet, auch kürzere. Ein Punkt an sich ist immer gleich.
Nur die Wege zu ihm unterscheiden sich, weshalb ihm nur mit ihnen
konkrete Bedeutung zukommen kann. Und diese ist hier enorm, wie
37
wir noch sehen werden. Schon jetzt ahnen wir eine Verbindung zwi-
schen unendlich Großem und unendlich Kleinem.
Bisher sprachen wir über die Einwirkungen der Umgebung auf den
Beobachter. Umgekehrt ist aber auch jeder Beobachter nicht nur für
andere ein Objekt, er wirkt auf andere Beobachter ein, sondern er be-
steht seinerseits aus aufeinander bezogenen Objekten, existiert also
für sich selbst, indem er die Ganzheit seiner inneren Wechselwirkun-
gen verkörpert. Er ist ein Beobachtungsstandpunkt. Wenn er seine
Umgebung wechselwirkend einbezieht, erweitert er diesen nur. Die
Selbstexistenz des Beobachters ist zumindest in ihm.
Reine Selbstexistenz eines anderen Dinges natürlich bedeutet das
gleiche wie dessen Nichtexistenz, das heißt, es geht im Imaginären
auf. Denn nur selbstexistierend kann alles Beliebige sein. Das "Ima-
ginäre" ist somit eine Fülle selbstexistierender Dinge, "reines Sein"
unabhängig von einem fremden Beobachter. Und die Relativität der
Existenz beschreibt den Übergang zu ihm.
Die Logik der Umschreibung
Worin genau besteht die Ganzheit eines existierenden Objektes?
Offenbar nicht nur in diesem Objekt, sondern sie schließt das Ver-
hältnis zu seinem Halo, eine Wechselbewegung, ein. Um etwas
wahrzunehmen, müssen Sie ständig zu einem anderen hinüberwech-
seln, wobei Sie die Veränderung des gerade Beobachteten bemerken
und in einem vorrangigen, mehr oder weniger scharfen Unterschied
festschreiben - demjenigen, welcher das Objekt Ihrer Aufmerksam-
keit abgrenzt. Beispielsweise können Sie ein Auto nur im Vergleich
mit seiner Umgebung erkennen.
Doch auch unabhängig von Ihnen als Beobachter wechselwirkt das
Auto mit seiner Umwelt: Es saugt Luft an und stößt Abgase aus, es
steht oder rollt auf dem Boden, wird gelenkt, reagiert darauf usw.
Ohne diese Vermittlung mit der näheren und ferneren (Tankstelle,
Bohrinsel, Herstellerwerk) Umgebung wäre es kein Auto oder zu-
38
mindest nicht dieses Auto. In diesem Objekt manifestiert sich eine
Vielfalt von Wechselwirkungen und anderen Objekten, es kann nicht
auf ein bestimmtes Ding zurückgeführt werden.
3
Allerdings erkennen wir nie die ganze zugrunde liegende Vielfalt.
Was wir jeweils als Auto bezeichnen - typische Karosserie, rollendes
Transportmittel, stinkender Benzinverbraucher - kann also nur eine
Annäherung an jene Totalität sein, die sich in ihm verkörpert.
Nun tritt ja schon diese Näherung selbst nicht als formlose Masse
auf, sondern zusammengesetzt aus vielen verschiedenen Teilen, wie
Sessel, Räder, Motor. Nur in deren charakteristischer Verbindung, in
einer Menge eingrenzender Wechselverhältnisse, erkennen wir den
wesentlichen Kern. Während wir zwischen den Teilen hin und her
schwanken, sie vergleichend zueinander ins Verhältnis setzen bezie-
hungsweise ihre Wechselwirkungen nachvollziehen, umschreiben die
dabei stattfindenden Bewegungen ein Auto. Ohne diese seitlichen
Bewegungen verbliebe nur eine undifferenzierte, infinitesimale
"Wirkung". Das "Auto an sich" gibt es nicht, denn es besteht nur in
seinen Details. Nichtsdestoweniger ist es mehr als sie: ihre Einheit.
Was bedeutet das "Mehr" dieser Einheit? Neue Funktionen (fahren,
befördern usw.), die nur dem ganzen Auto und nicht seinen Frag-
menten zukommen? Gewiss. Doch auch sie sind ja eine Umschrei-
bung. Selbst jede einzelne Funktion - wie "fahren" - umschreibt und
ist ihrerseits eine Umschriebene. Sie steht für Wechselwirkung.
Dabei wäre es ein Widerspruch in sich, das Auto auf irgendeine
Seite (oder - als weiteren Schritt - auf alle Seiten in ihrer Summe
oder den Wechsel zwischen ihnen) zu reduzieren. Sobald wir einen
Aspekt der Ganzheit festhalten wollen, entgleiten uns die anderen,
nun fehlenden, und so pendeln wir konstant zwischen mehreren
Momenten - ein relativ geschlossener Vorgang. Genau auf dieser
3
Anfangs betrachteten wir die Existenz eines Objektes als unabhängig
von der Struktur seines Halos (nicht aber von seiner eigenen). Hier be-
rücksichtigen wir nun auch seine mannigfaltige Nichtexistenz in den nicht
nur anders, sondern relativ selbständig existierenden Gegenständen der
Umgebung. Diese unterscheiden sich zunächst voneinander und werden
für das Objekt erst wesentlich, wenn sie sich in ihm verbinden.
39
Rückkoppelung - nicht auf einer "Substanz" - beruht die relative
Stabilität der Wahrnehmung. Es entsteht ein Kondensat der
komplizierten Wechselbewegungen, das natürlich als solches, als
Näherung des vollständigen Gegenstandes, genügt.
Geben wir uns trotzdem weder mit dieser Näherung noch mit dem
ständigen Hin- und Herschwingen zwischen Teilen und Funktionen
zufrieden, bleibt uns nur übrig, auf ein(ig)e Seite(n) zu verzichten
(der "Widerspruch in sich" führt zur Trennung) oder, soll das Fahr-
Zeug erhalten bleiben, die verflochtenen Kreise zu durchdringen, um
jene umfassendere Struktur zu entdecken, welche zu ihnen hinführt.
Wir können zum Beispiel die Motorhaube öffnen, die Konstruk-
tionspläne einsehen oder den Produktionsprozess studieren. Sicher
stellt die tiefere Struktur ebenfalls eine Näherung dar, wenn auch ei-
ne detailliertere. Sie enthält eigentlich noch mehr Wechselbewegung
als die Ausgangsoberfläche. Doch relativ zu der letzteren kann sie
statischer wirken, so wie die ferne Montage von Motor und Lichtma-
schine gegenüber dem wirbelnden Keilriemen vor unserer Nase.
Das Tiefste, auf das wir stoßen können, ist das absolute Universal-
kontinuum. Einerseits mögen wir es als vollständig entfaltetes Ge-
heimnis ansehen, das letztlich alles verbindet. Andererseits finden
wir seine absolute Identität, wie im vorhergehenden Kapitel begrün-
det, an jedem infinitesimalen Punkt der realen Welt. Einerseits ist je-
de Umschreibung eine individuelle Verkörperung des universellen
Ganzen, andererseits zeichnet sie ein bestimmtes Zentrum aus. In-
dem wir eine bestimmte Umschreibung konzentrisch immer mehr
verengen, wird sie immer diffuser, bis hin zu jenem unendlich klei-
nen Punkt, welcher der infinitesimalen undifferenzierten "Wirkung"
entspricht, die wir ohne seitliche rückkoppelnde Bewegungen
"wahrnehmen" würden (dem "Auto an sich"). Und da wir immer nur
ein beschränktes Rückkoppelungsverhältnis erkennen, fällt für uns
das Universalkontinuum zunächst mit dessen infinitesimalem Zent-
rum zusammen.
Wir sprachen bisher fast ausschließlich davon, dass sich das Uni-
versalkontinuum unendlich hinter jedem diskreten Objekt erstreckt.
40
Hier aber sehen wir es komplett in der "greifbaren" Nähe des
Zentralpunktes. Wie harmoniert das miteinander? Nun: Bis zum
Universalkontinuum müssen wir eine unendliche Strecke zurückle-
gen, auf der die wahrgenommene Vielfalt ins Unendliche wächst.
Doch gerade die Unendlichkeit dieser Entfernung erlaubt die Über-
lagerung des Vielfältigen zu einer einfachen Erscheinung, die wir in
unserer begrenzten Welt erfassen können. Beschränken wir uns auf
einen bestimmten Beobachtungsstandpunkt, nimmt die Vielfalt eines
Wechselverhältnisses zur Mitte hin ab, so dass wir den zugrunde lie-
genden Reichtum nicht erkennen. Die für uns noch wahrnehmbare
Vielfalt verschmilzt, die Dinge konvergieren. Letzter Treffpunkt und
letztes Detail beim Blick in die Umschreibung ist die zentrale Infini-
tesimalität.
Erst wenn wir eine Durchdringung hin zu erweiterten Beobach-
tungsstandpunkten gestatten, also in das Zentrum hinabtauchen, ent-
falten wir die dort miteinander identifizierten Dinge und streben
sozusagen divergent nach dem Absoluten.
4
Verwirklichen können wir
es nur in unendlicher Entwicklung. Dennoch nehmen es beschränkte
Objekte, Beobachter oder Beobachtungsstandpunkte mit ihren Zent-
ralpunkten insgesamt vorweg. Obwohl das absolute Universalkonti-
nuum an sich nichts aussagt, sondern nur in seiner Reflexion exis-
tiert, erhält es in diesen konkreten Standpunkten eine individuelle
Bedeutung.
Jede weitere Entfaltung verborgener Strukturen verändert zwar
diese Bedeutung, enthält aber das Universalkontinuum weiterhin in
Form der neu umschriebenen Infinitesimalpunkte, wie auch den un-
verwüstlichen imaginären Halo. Wir werden die Identität des Konti-
nuums einfach nicht los: Speziell von deren Infinitesimalität können
wir sagen, dass sie durch alles potentiell Entfaltbare hindurchreicht -
in unendliche Tiefe.
Und genauso unablässig wirkt sie. Mit diesen Wirkungen werden
wir uns bald beschäftigen.
4
Was genau das in existentieller Hinsicht bedeutet, wird klar werden,
wenn wir die dynamische Existenz besprechen.
41
Einfaltung und Entfaltung
Hinterfragt man die erkannten Bezüge nicht ganz so weit, gelangt
man zu dem, was David Bohm die "implizite Ordnung" nannte, die
verborgene Beziehung aller Dinge zu allen anderen.
Wir haben gesehen, wie ein Objekt seinen vielfältigen Hintergrund
einfaltet, wie es aus einer Überlagerung oder Verflechtung kompli-
ziertester Wechselwirkungen hervorgeht. Wir beobachten eine um-
schriebene Ganzheit, deren verborgene Reichhaltigkeit wir bei "ge-
nauerem Hinsehen" entfalten können.
Andererseits faltet sich jene komplizierte Ordnung in unterschied-
liche Formen (Unterganzheiten) ein. Wir beobachten mehrere Objek-
te. Die implizite Ordnung des Hintergrundes entfaltet also deren
Vielfalt, eine explizite Ordnung.
Nach dieser Entfaltung vom Verborgenen ins Offenbare muss das
Explizite seinerseits das Implizite beeinflussen, denn die von den
expliziten Formen ausgehenden Wirkungen sollten in einer letztlich
allseitig zusammenhängenden Welt auch die implizite Ordnung er-
reichen. Zum Beispiel beeinflusst die entfaltete Wirkung eines Auto-
typs auf die Käufer die darin eingefaltete Produktion; und bereits vor
dem Kauf setzen wir das Auto zum Hersteller in Beziehung (Marke,
Nationalität usw.).
Insgesamt haben wir es mit einem permanenten wechselseitigen
Übergang von einer Ordnung in die andere zu tun, wobei jede Seite
(auf der einen der Produktions- beziehungsweise Konstruktionsplan
und auf der anderen das produzierte Fahrzeug) durch diese Dynamik
erhalten wird: der Konstruktionsplan durch die positiven Fahrberich-
te und das Fahrzeug durch die Erfüllung des geplanten Zwecks. Jede
Seite faltet die andere auf bestimmte Weise ein (enthält, kodiert, ver-
arbeitet sie) und entfaltet sie wieder in veränderter Form. Es ist eine
Ganzheitsbewegung (Holobewegung).
Der Austausch zwischen eingefalteter und entfalteter Ordnung ist
freilich nicht immer sichtbar und kann die verschiedensten Wege
nehmen. In der Quantenphysik funktioniert er - Bohm zufolge - sehr
viel direkter als über die klassischen Wechselwirkungen. Allgemein
42
ist jedoch klar, dass jedes Teil auch dann mit der umfassenden Ge-
samtheit verbunden ist, wenn dies durch entfaltete Bewegungsfor-
men nicht so scheint. So wie die implizite Ordnung verbergen sich
auch die Wirkungsübermittler irgendwann auf dem Weg zu ihr.
Schließlich muss selbst jede Vermittlung den Hintergrund "quer"
einfalten; das heißt, die implizite Ordnung umgibt die realen Objek-
te: Sie entfaltet deren Wechselwirkung als Ganzes. Denn infolge ih-
rer grundsätzlichen Entfaltbarkeit steht die Grenze des Beobachtba-
ren für den Rest des Universums. Ja, die verborgene Nähe von des-
sen letztendlich allseitiger (!!!) Vielfalt begründet die Nähe einer
verborgenen Komplexität - unabhängig davon, in wie viele bekannte
Zwischenstufen sie sich einfaltet.
Der Realitätstrichter
Eine sich entfaltende Umschreibung "hebt" ein Objekt aus dem In-
finitesimalen. Sie gibt ihm eine Bedeutung, indem sie sein Inneres
aufeinander und auf das Äußere bezieht. Die Beziehung zwischen
dieser Rückkoppelung und ihrem infinitesimalen Zentrum ver-
schweißt das Objekt zu einer Ganzheit, die sich daher auch als sol-
che einfaltet und die nächste Entfaltung mitbestimmt.
Das Wechselverhältnis zwischen Zentrum und Peripherie ist also
im Grunde ein Wechselverhältnis zwischen Tiefe und Oberfläche. Es
ist die Holobewegung des Einfaltens und Entfaltens, die selbst teil-
weise entfaltet (aufgefächert) ist. Während die Vielfalt an einer Art
Krater- oder Trichterrand, den sie umschreibend formt, ihr Maxi-
mum erreicht, nimmt sie nach innen und weiter außen ab. Der obere
Rand umschreibt das Zentrum, zu dem hin man in die Tiefe des Ver-
borgenen "rutscht" und aus welcher sich die Trichterform öffnet.
5
Obwohl wir eine eingefaltete Struktur in das Zentrum hinein
schlussfolgern, bleibt uns die größere Tiefe verborgen; denn was wir
5
Ferner umschreibt die Schwingung zwischen Tiefe und Oberfläche ihre
eigene Ein- und Entfaltung.
43
dort erkennen, ist lediglich eine Weiterführung des Bekannten. Füh-
ren wir diese ständig enger werdende Spekulation durch, nähern wir
uns asymptotisch einem Nullpunkt, das heißt, wir beschreiben
schnell aufeinander zulaufende Grenzlinien (den "Trichterkanal"),
die sich exakt erst im Unendlichen treffen - dort wo wir auch das ab-
solute Universalkontinuum vermuten.
Gleichwohl kann es nur eine Identität des absoluten (!) Universal-
kontinuums geben. Das bedeutet, jedes Objekt muss auch durch sein
Inneres (Zentrum) mit dem Äußeren (Halo) verbunden sein!
Diese Einheit ist noch nicht realisiert (nicht "gesetzt", wenn es
nach Hegel ginge). Das wird sie aber gerade mit der Holobewegung,
welche in die Umschreibung durch wechselwirkende äußere Objekte
beziehungsweise den existierenden Halo übergeht und die deren Ein-
faltung/Entfaltung in/aus der verborgenen Tiefe des Ganzen um-
fasst.
6
Insgesamt "atmet" ein Individuum seine vernetzte Umgebung
immer tiefer ein und verbreitet sich in ihr durch seine (Re-) Aktio-
nen. Diese Bewegung formt einen vollständigen Trichter und hält
dessen Mitte asymptotisch offen hin zum tiefen Unendlichen, wobei
diese Unendlichkeit in letzter Konsequenz die gleiche ist, wie jene,
der wir außerhalb der Umschreibung zustreben mögen. Alles Innere
kommt über alles Äußere mit sich selbst zusammen und umgekehrt.
(Abb. 6)
6
Der imaginäre Hinter- beziehungsweise Untergrund liegt im Innern des
Existierenden, wenn wir den existierenden Halo konsequenterweise zur
Umschreibung zählen. In mancher Hinsicht kann er als "Raum" aller Infi-
nitesimalpunkte betrachtet werden.
44
Abb. 6: Der Rand des Kraters symbolisiert die vordergründigste Um-
schreibung, während der existierende Halo nach außen abfällt und
den imaginären Hintergrund mit verdeckt. Im Innern kondensiert die
umschriebene Ganzheit, bis hin zum infinitesimalen Zentrum des
Trichters, das in der Tiefe des immer mehr Eingefalteten mit dem ab-
soluten Universalkontinuum zusammenfällt. Letzteres umgibt den
Beobachtungsstandpunkt als "Vision".
45
Bewusstsein die Infinitesimalstruktur
Wenden wir uns nun den Prozessen zu, die zur Entscheidung zwi-
schen mehreren möglichen Entwicklungswegen eines Systems h-
ren. Sie haben zunächst mit der "waagerechten" Ebene des Realitäts-
trichters zu tun, mit der Umschreibung einer Ganzheit durch ihre
Struktur.
Wie die Holobewegung ist die Umschreibung eines Objektes
Schwingung. Sie fährt die Bezüge zu anderen Objekten ab und damit
auch die Tendenzen, einige dieser Beziehungen zu verstärken und in
deren Richtung neue Beziehungen einzugehen. Sie tut dies sowohl
außen, im Kontakt mit der Umgebung, als auch innen, denn sogar
die innere Umschreibung (des Zentrums) dreht sich um Vorstufen zu
weiter entfaltbaren Beziehungen.
Was bedeutet dabei "bewusst"? Das grundlegende Merkmal der
Bewusstheit ist die Rückkoppelung auf etwas Wahrgenommenes,
zum Beispiel die besagte Vase, die somit in einer Bewusstheitsschlei-
fe zirkuliert. Diese Schleife reicht über den Beobachter hinaus, wenn
er die Vase in der Hand hält - dann haben wir eine Wechselwirkung
mit einem äußeren Objekt - oder bleibt ausschließlich innerhalb des
Beobachters, wenn er sie verschenkt.
Eine infinitesimale Wirkung verschwände aber im selben Augen-
blick, in dem sie "wirkt". Sie könnte schwerlich bewusst werden.
Das heißt, zum einen muss die bewusste Wirkung in Form einer um-
schriebenen Ganzheit zirkulieren. Es wird das Bild eines Objektes
gespeichert. Zum anderen umschreibt jene konservierende Wieder-
holung eine Ganzheit aus wahrnehmendem Teil und dessen Gegen-
stand: Sie begründet einen Beobachtungsstandpunkt.
Auf die gleiche Weise vergegenwärtigen wir uns der Tendenzen,
zwischen denen wir abwägen. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Jäger,
der einen Haufen Wilderer (irgendwie ist mir die Jagd nach solchen
lieber!) verfolgt. Plötzlich gabelt sich die Fährte, und Sie müssen
sich für einen der beiden Wege entscheiden. Sie springen geistig
zwischen linker und rechter Fährte hin und her. Beide selbst ausrei-
46
chend umschriebenen Wege sind Ihnen in einer Gesamtrückkoppe-
lung bewusst. Diese Rückkoppelung beschreibt den Rahmen der für
Sie gerade bedeutungsvollen Möglichkeiten.
Ihre Bewusstheitsschleife erlaubt freilich nur die Wahl zwischen
der einen oder der anderen Fährte. Obschon sich die Schwingung als
solche gegenüber der äußeren Unschärfe abgrenzt, sucht sie nach ei-
ner weiteren Bestimmung, nach einer Ent-Scheidung. Diese Bestim-
mung innerhalb des noch Ungewissen löst die Schleife auf, indem
sie eine Alternative stärker als bisher realisiert und mit der Fortset-
zung Ihres Weges zu neuen Möglichkeiten führt. Eine bewusste Wahl
muss dabei der Ganzheit der Rückkoppelung selbst entspringen. Sie
muss die Unbestimmtheit der zu wählenden Alternative und die Be-
stimmtheit der Entscheidung total vereinen - und nicht nur bekannte
Zweifel mit unbekannter Gewissheit mischen, wobei im Grunde alles
festläge.
Die totale Einheit ist gegeben, sofern wir das Rückkoppelungsver-
hältnis nicht in Einzelteile zerlegen. Eine solche Zerlegung ist auch
gar nicht möglich, wenn wir seine volle Bedeutung erfassen wollen.
Ein derartiges Erfassen nennen wir intuitiv. Das Rückkoppelungs-
verhältnis ist bereits Totalität - nämlich die untrennbare Einheit der
alternativen Seiten mit dem eindeutig umschriebenen und daher be-
stimmten, aber neutralen Kern in der Mitte. Zugleich unterscheidet
es jedoch all diese Teile in der Struktur der Totalität. Deshalb wollen
wir statt von einer totalen Einheit lieber von einer infinitesimalen
Einheit sprechen, die nur an jeweils einer Stelle der Ganzheit total
ist: Im Zentrum des jeweils untersuchten Verhältnisses, so wie hier in
der Mitte zwischen dem Kern der Ganzheit und ihrer Peripherie. Da-
raus schließlich entsteht ein Impuls: Dieser eine Weg ist der richtige
- und kein anderer. Wir haben die Situation nicht nur intuitiv erfasst,
sondern auch frei gewählt.
Die infinitesimale Einheit der konkreten Rückkoppelungsschleife
mit ihrer Neutralität in der Mitte ist das Bewusstsein. Es ist bewusst
kreativ. Seine freien Entscheidungen bestimmen, was sich weiter aus
dem imaginären Halo verwirklicht. Aber so wie das Universalkonti-
47
nuum die Gleichberechtigung begrenzt, indem es auf eine beschränk-
te Welt reflektiert, tut dies in strengerer Form der unbefangene Kern
des Bewusstseins: Nur mit relativ determinierten Strukturverände-
rungen kann er Freiheit ausüben, Beschlüsse umsetzen. Seine an sich
diffuse Ungezwungenheit gibt sich deshalb einen Rahmen aus wahr-
scheinlichen Handlungssträngen.
Das erklärt noch einmal, warum wir die Wahl nicht allein dem an
sich nichtssagenden Kern zuschreiben, sondern seiner infinitesima-
len Einheit mit der Rückkoppelung zwischen den Alternativen. Nur
diese hat etwas zu wählen. Und sie schließt die relative Trennung der
Möglichkeiten ein.
Überdies beteiligen sich auch zufällige Einflüsse und sinngebende
Zusammenhänge am Entscheidungsprozess. Wie die logischen Über-
legungen des Jägers führen sie zum Moment der Wahl hin und wer-
den dort identisch mit ihrer Einheit. Die Entscheidung ist nicht be-
liebig - sie hat für den Jäger eine Bedeutung innerhalb seines umfas-
senderen Kontextes, ohne durch diesen streng bestimmt zu werden.
Dessen permanente Beteiligung an der infinitesimalen Einheit kann
immerhin zu völlig unerwarteten Lösungen führen: Plötzlich fällt
uns ein, dass wir den Wilderern auf ganz andere Weise folgen könn-
ten: Durch die Luft! Doch dies müssen wir mit einem der bekannten
Hilfsmittel tun. Wir beginnen zu überlegen, wie wir schnellstmöglich
einen Hubschrauber herbeordern - ein überraschender dritter Weg,
der sich aus der Einheit mit dem eingefalteten Gesamtkontext ergibt.
Für alles Weitere ist es äußerst wichtig, die soeben eingeführte
Verknüpfung von Bewusstseinsstruktur und Infinitesimalität zu ver-
stehen:
Als einfaches Modell kann die Bewegung eines Objektes von Ort
zu Ort dienen. Ein Objekt geht in ein danebenliegendes über. Würde
dieser Übergang nicht in unendlich kleinen Schritten erfolgen, voll-
zöge sich die Bewegung in Sprüngen. Letztere Ansicht vertrat David
Bohm. Seiner Meinung nach schließt die Holobewegung in und aus
der Tiefe alle Lücken zwischen den wahrgenommenen Bewegungs-
momenten, welche sich in die verborgene Ordnung einfalten und ein
48
Stück weiter wieder entfalten.
7
Auf solche Weise erscheinen unter-
schiedliche Einzelbilder im Kino als sich bewegende Figuren, wäh-
rend sie der Reihe nach projiziert werden.
Doch wie setzen wir die entfalteten Bewegungsmomente so zuei-
nander in Beziehung, dass sie uns als eine Bewegung erscheinen?
Wir vergleichen die unterschiedlichen Standbilder und nehmen die
ungebrochene Ganzheit dieser Rückkoppelung wahr. Wir erkennen
eine sich verändernde Szene.
Eine optische Täuschung? Schön. Aber dann ist diese Täuschung
so universell, dass wir sie nicht mehr als solche bezeichnen können.
Denn auch wenn wir "hinter" die scheinbare Kontinuität der Bewe-
gung sehen, finden wir nur andere "Scheinbewegungen" - hier die
Ausbreitung der Lichtwellen aus der Projektionslampe, den Trans-
port des Films im Projektor, die Bewegung der Elektronen im
Stromkabel usw.
8
Es hilft nichts, diese Bewegungen wieder in dis-
krete Schritte aufzulösen (auch nicht indem wir uns auf die Quan-
tenmechanik berufen), denn wirken können immer nur Ganzheiten,
die als solche eine Struktur aufweisen. Andernfalls blieben sie infini-
tesimal. Ihre Struktur enthält allerdings infinitesimale Zentren, jeder
Teilbereich schließt seine eigene Infinitesimalität ein. Wir erhalten
einen Übergang zum unendlich Kleinen an jeder Stelle der (Holo-)
Bewegung. Genauer gesagt: Die Einheit von Struktur und Infinitesi-
malität wiederholt sich an jeder Stelle bis hinunter zu ihrer eigenen
Infinitesimalität.
9
Alle nicht infinitesimalen, immer weiter entfaltbaren Objekte blei-
ben also auch infinitesimal miteinander verbunden - nicht nur über
die Identität ihrer Zentren, sondern über die Präsenz solcher Zentren
an jeder Stelle ihrer Vermittlung. Diese totale - besser: infinitesima-
7
David Bohm: Die implizite Ordnung. Goldmann 1987, Seite 258ff.
8
Bitte verzeihen Sie die altmodische Technik. Sie ist einfach anschauli-
cher.
9
Zenons Paradoxon, nach dem unendlich kleine Schritte keine Bewegung
ergeben können, ist hinfällig. Bewegung ist eine nicht (auf Momente) re-
duzierbare Größe.
49
le - Einheit von Infinitesimalität und Nichtinfinitesimalität nenne ich
Infinitesimalstruktur.
Wir können den Realitätstrichter noch weiter auffächern, jene zu
einer relativ einfachen Erscheinung überlagerte Vielfalt ausbreiten,
wobei wir neue Objekte zu Tage fördern. Im Kinobeispiel würden
wir in die Produktionsfirma des Films eindringen, dann in das Leben
des Regisseurs, der Schauspieler, des Zielpublikums usw. Die exis-
tierende Infinitesimalstruktur erweitert sich zu einer größeren Viel-
falt, die natürlich ebenfalls infinitesimalstrukturiert ist. Unendliche
Erweiterung schließlich führt uns zur Infinitesimalstruktur des abso-
luten Universalkontinuums - jenem Reflexionspunkt, den alle Trich-
ter bereits in individueller Form enthalten.
Was heißt das? Die Infinitesimalstruktur des unendlichen Univer-
sums - die absolute Einheit (!!!) von allen groben, feinen und direk-
ten Verbindungen - ist in jedes beschränkte Objekt oder Bewusstsein
einbezogen, wo sie eine individuelle Rolle spielt. Sie ist dort ledig-
lich weniger entfaltet, sondern relativ diffus. Sie ist infinitesimaler.
Erst am äußersten "Ende" des jeweiligen Trichterkanals geht sie in
einen zentralen Infinitesimalpunkt über. Das heißt, die potentielle
Struktur des Universalkontinuums ist in jeder konkreten Umschrei-
bung zusammengedrängt!
Unsere permanente Wahl
Doch welche Bedeutung hat die Allgegenwart von Infinitesimal-
struktur für die Entscheidungsfreiheit?
Da nichts ohne charakteristische Tendenzen existiert, die sich
rückkoppelnd aufeinander beziehen, ist nichts ohne wählendes Be-
wusstsein. Jedes einzelne dieser Bewusstseine, sei es das eines Men-
schen, eines pflanzlichen Organismus oder eines wachsenden Kris-
talls, steht wiederum in infinitesimalstrukturierter Beziehung zu al-
len anderen. Dementsprechend müssen auch deren Entscheidungen
miteinander verknüpft sein: Jedes Teilbewusstsein wählt in vermit-
50
teltem und direktem Zusammenhang mit dem jeweils umfassenderen
Bewusstsein seines Standpunktes.
Zwar ist die relative Trennung der Bewusstseinsbereiche (inner-
halb ihrer Gesamtheit) manchmal groß und der Beobachtungsstand-
punkt stets beschränkt - es mag wenige oder unwahrscheinliche Al-
ternativen zur Auswahl geben. Aber je mehr sich alle Teilbereiche
entfalten, desto detaillierter verbinden sich Vermittlung und direkte
Einheit, während das Gesamtbewusstsein über seine bisherigen
Grenzen hinauswächst. Es projiziert ein immer komplexeres Ge-
flecht verschachtelter Realitäts- oder Bewusstseinstrichter, das in
seinem Innern asymptotisch komprimiert war. So werden uns die
kulturellen und ökologischen Zusammenhänge der Welt immer be-
wusster, woraus sich mehr Wahlmöglichkeiten ergeben. Wir über-
nehmen mehr bewusste Verantwortung.
Doch ob wir relativ getrennte oder detailliert vermittelte Bereiche
betrachten, die existierende Ganzheit bedeutet auch deren unmittel-
bare Verbindung. Das heißt, der direkte Kontakt jeder beliebigen
Umschreibung zu allen anderen und zum absoluten Universalkonti-
nuum ist und bleibt gegeben. Jede Entscheidung, die wir treffen,
sollte sich deshalb sofort in den Entscheidungen aller anderen Be-
wusstseine auswirken; vordergründig freilich nur in jenen, welche
unseren gegenwärtigen Beobachtungsstandpunkt bevölkern.
Solche Entscheidungen werden in einer infinitesimalstrukturierten
Welt in jedem Moment getroffen. Denn da alle vorläufigen "End-
punkte" einer Veränderung durch andere umschrieben werden, bein-
halten sie stets mehrere Fortsetzungsmöglichkeiten.
Aber "wer" entscheidet gerade über den nächsten Schritt? Und wer
könnte den "Lauf der Sonne" ändern? Hier sollten wir uns daran er-
innern, dass jede Situation nicht nur das betrachtete Objekt, sondern
auch den Beobachter einschließt, den ganzen Beobachtungsstand-
punkt. All dessen Bewusstsein beteiligt sich an der permanenten Ent-
scheidung. Dennoch kann das Wesentliche vorbestimmt sein. Die
Sonne geht unweigerlich unter. Aber wodurch? Doch nur durch die
Entscheidung eines Bewusstseins, welches diese Situation herbeige-
führt hat. Und das ist in jedem der beteiligten Bewusstseinstrichter
51
eingeschlossen - bewusst oder unterbewusst. Jeder Moment einer
Veränderung verwirklicht eine Wahl des ganzen, aber beschränkt ent-
falteten Universums: Es ist im tiefsten Innern unser Wille, dass die
Sonne untergeht.
Während wir anfangs von Einwirkungen und Wechselwirkungen
sprachen, haben wir es jetzt nur noch mit unterschiedlichen Formen
des Bewusstseins zu tun. Natürlich bedeutet Bewusstsein mehr als
die grundlegende higkeit zur freien Wahl. Es kommuniziert mit
anderen, fühlt und hegt individuelle Absichten. Pausenlos tauscht es
sich mit seinem Unterbewussten aus, ist ohne dieses undenkbar. Wie
stimmt es die Schöpfung seiner Realität mit anderen Individuen und
"Gott" ab? Welchen persönlichen Nutzen können wir aus diesen Er-
kenntnissen ziehen? Das und einiges mehr wird Thema der folgen-
den Kapitel sein.
Projektion undherungsbildung
Normalerweise meinen wir, dass die Gegenstände um uns herum
auch von anderen gesehen werden können. Wir haben der Vase auf
dem Tisch einen bestimmten Existenzumfang zugeschrieben, was ja
besagt, dass sie für eine gewisse Anzahl von Beobachtern existiert.
Dennoch kommen uns langsam Zweifel, ob wirklich jeder Beobach-
ter dieselbe Vase sieht.
Wir nehmen ein Objekt wahr, indem wir es in unser Bewusstsein
einbeziehen. Nun unterscheidet sich dieses Bewusstsein aber offen-
sichtlich von allen anderen. Es beinhaltet eine ganz individuelle
Kombination von Ansichten, Vorlieben und Erinnerungen, die es
jetzt mit einer Vase verbindet, so dass ihm diese anders bewusst wird
als dem danebenstehenden Hans. Der eine Beobachter mag ein lei-
denschaftlicher Sammler sein und der andere ein Blumennarr. Trotz-
dem sagen beide, sie würden ein und dieselbe Vase an eben diesem
Ort sehen. Haben deren Vasen also doch etwas gemeinsam?
52
Nein, genaugenommen nichts! Da jedes Detail sich auf eine be-
stimmte Ganzheit bezieht, ist es mit keinem Detail einer anderen
Ganzheit identisch. Das unterschiedliche Bewusstsein beider Be-
wunderer trifft sich erst im unendlich Geringfügigen, das wirklich
beiden zuteilwird - aber keine Vase mehr darstellt.
10
Wie schaffen sie
es dann, sich auf eine, nur diese und keine andere Vase zu ... einigen?
Natürlich, man verständigt sich miteinander, macht einen Handel:
Du sagst mir, was du siehst und ich sage dir, was ich sehe, und du
korrigierst mich dann und ich dich usw. Dabei bezieht jeder etwas
vom Standpunkt des anderen in den eigenen ein, bildet ein neues
Bewusstsein mit diesen Informationen, woraufhin der andere wiede-
rum ein neues Bewusstsein mit den Informationen aus dem ersten
gemeinsamen Bewusstsein formt usf. Freilich nehmen die Beobach-
ter jetzt nicht mehr ihr ursprüngliches Objekt wahr. Sie haben viel-
mehr ein Gesamtbewusstsein beider Standpunkte geschaffen, mit
dem sie bis ins Infinitesimale verflochten sind. Sie umschreiben des-
sen Ganzheit, in welcher nun eine gemeinsame Näherung ihrer indi-
viduellen Vasen zirkuliert. Das ist jene Vase mit einem bestimmten
Existenzumfang.
Sie können diese Wirklichkeitskonstruktion anhand eines einfa-
chen Experimentes überprüfen: Bitten Sie jemanden im Kreis Ihrer
Familie auf einen beliebigen Gegenstand zu zeigen, woraufhin jeder
Anwesende die sich bei ihm einstellenden Assoziationen verfolgen
soll. Tauschen Sie nachher Ihre Eindrücke aus, während jeder beo-
bachtet, wie er auch die Bezüge der anderen übernimmt und sich
dadurch ein für alle gemeinsames Objekt herauskristallisiert. Dies ist
noch nicht dasjenige, welches jeder Einzelne jetzt wahrnimmt, aber
es ist der bestimmte Gegenstand, den das neue Gesamtbewusstsein
der Beobachter enthält. Ständig entstehen weitere Unterschiede,
sprich: neue Bezüge, die ebenso permanent abgeglichen werden
können. Die daraus resultierende Näherung ist die gemeinsame -
"objektive" - Realität der kommunizierenden Individuen.
10
Dieses Beispiel stammt aus "Das Seth-Material" von Jane Roberts,
Goldmann 1991, Seite 138f.
53
Natürlich müssen wir nicht immer bei Null anfangen. Wir haben
bereits bestimmte Vorstellungen und Regeln über Näherungen und
deren Bildung gespeichert. (Fast) Jeder weiß, "was" eine Vase ist
oder wie "man" spricht. Doch wenn Sie auch jemand kennen, der
immer etwas anderes versteht, als Sie sagen, dürfte Ihnen klar sein,
wovon wir hier reden.
Es bleibt noch eine Frage, die wir in anderer Form schon beant-
wortet haben: Wie kann ein einzelner Beobachter etwas Einheitliches
wahrnehmen, wenn eine solche Wahrnehmung Kommunikation vo-
raussetzt? Sie wissen es: Sein Bewusstsein, seine innere Kommuni-
kation, umschreibt die Ganzheit des als solche in ihm weiterzirkulie-
renden Objektes. Ohne dass ein Bewusstsein wieder aus wechselwir-
kenden Teilbewusstseinen - bis hinunter ins unendlich Kleine - be-
stünde, gäbe es keine ausgedehnten, geschweige denn strukturierten
Betrachtungsgegenstände.
Kollektive Näherungen werden demnach wie umschriebene Ganz-
heiten gebildet. Zunächst existiert kein individuell wahrgenommenes
Objekt für ein anderes Bewusstsein. Es ist für andere infinitesimal,
nichtexistent. Erst die Kommunikation beziehungsweise Rückkoppe-
lung zwischen unterschiedlichem Bewusstsein bringt aus imaginä-
rem Halo und individuellem Wissen ein für jede Seite akzeptables
Näherungsobjekt hervor.
Dennoch gab es das, was wir sehen wollen, zum Beispiel Blumen
in der Vase, für andere Beobachter ähnlich bereits vorher. Mutter
hatte schon früher einmal solche Blumen hineingestellt (in ihre Va-
se). Selbst das, worauf wir uns nicht konzentrieren, ist grundsätzlich
verfügbar; es kann irgendwann von woanders herangezogen werden,
wo es existieren muss, da alles für irgendwen existiert. Nur die Ent-
scheidung zu einer bestimmten Kommunikation trifft jedes Bewusst-
sein in Verbindung mit seinem zentralen Nullpunkt. Die folgende
54
Projektion kommt (via Holobewegung) aus der Welt des jeweils
Un(ter)bewussten.
11
Wir projizieren also ungeachtet unserer Wahl Objekte, die es aus
einer anderen Perspektive annähernd längst gibt. Dies festzustellen
bedeutet jedoch, dass die Näherungen uns schon vor ihrer Projektion
bewusst waren. Denn inwieweit ein Objekt über unsere eigene Welt
hinaus existiert, wird anhand seines weiterreichenden Existenzum-
fangs gemessen, den wir hierzu paradoxerweise kennen müssen. Wie
ist das möglich?
Stellen wir uns eine Grotte vor, deren dunklen Innenraum wir ge-
rade archäologisch erkunden wollen. Wir entzünden eine Fackel und
überschreiten die Grenzen unseres gegenwärtigen Standpunktes hin
zu einem anderen, zum Innenraum der Höhle, wo wir einige prähis-
torische Wandzeichnungen gewahren. Schließlich kehren wir wieder
nach draußen zurück, behalten aber den Zugang im Auge. Nun lie-
gen die Artefakte wieder im Dunkel. Wir wissen allerdings relativ si-
cher, dass diese Zielobjekte (noch) existieren (genauer: existieren
werden, wenn wir sie wieder ansteuern) und bewahren den Beginn
des Weges zu ihnen in unserem Bewusstsein. Dringen wir aufs Neue
in die Höhle vor, entsteht diesmal nichts gänzlich Unbekanntes.
Dennoch werden wir die Bilder etwas anders wahrnehmen; ja viel-
leicht wurden sie inzwischen sogar beschädigt.
Bevor wir die Höhle das erste Mal betraten, war uns ihr Inhalt als
Teil des eingefalteten Universums nicht bewusst. Nachdem wir ihn
entfaltet hatten, wurde er durch erneute Einfaltung unterbewusst -
ein feiner Unterschied, der die dynamische Existenz des Gegenstan-
des hervorhebt. Damit ist gemeint, dass er zwischen potentieller und
aktueller Existenz wechselt, indem das Potential durch seine wieder-
holte Verwirklichung bestätigt und zugleich nur als solches erhalten
wird. Allein dies berechtigt uns zu der Behauptung, ein Objekt hebe
sich auch dann aus dem Meer der Beliebigkeit, wenn wir es gerade
nicht beobachten. Wir beobachten in diesem Fall die umschreibende
11
... wobei sich das von dort zu Projizierende verändert und weitere freie
Entscheidungen mitwirken, so dass die genaue Form des Projizierten bis
zuletzt unbekannt bleibt.
55
Schwingung zwischen Existenz und Nichtexistenz, die in einem rea-
len Potential kondensiert.
Während die Bewegung unseres Standpunktes Dinge erzeugt, die
für andere schon ähnlich existieren mögen, vermittelt uns das Poten-
tial mit ihnen und wird daher selbst als deren Näherung - nämlich als
unvollendet - wahrgenommen.
Reale dynamische Existenz ist, wie Sie wissen, nicht die einzige
Möglichkeit ein Potential zu begründen. Hinsichtlich noch unzu-
gänglicher Welten sind wir auf Schlussfolgerungen beziehungsweise
Extrapolationen angewiesen, von denen wir annehmen, dass sie auch
in unbekanntem Terrain weitergelten. Die bestätigende Seite der
Umschreibung ist hier selbst noch Potential, nur in Bezug auf be-
kannte Erscheinungen verifiziert. So verfahren wir, wenn wir aus
expliziten Bewegungen auf eine implizite Ordnung schließen. Und
auf die gleiche Weise kommen wir zu der Annahme, dass unser Un-
terbewusstsein sich ins unendliche, potentiell entfaltbare Universum
erstreckt.
Fassen wir kurz zusammen, werden neue Objekte im Zusammen-
spiel dreier Vorgänge erzeugt: Entscheidung zur Kreation, Austausch
mit anderem Bewusstsein und Aufstieg aus dem Unterbewussten.
Die Freiheit zur Unfreiheit
Mit der Komplexität des Bewusstseins wächst seine Entschei-
dungsfreiheit, hatten wir festgestellt. Zunächst einfach deshalb, weil
es dann mehr Alternativen verarbeiten kann. Auch innere Impulse
erhalten mehr Gelegenheit, in Rückkoppelungsschleifen bewusst zu
werden, sich in (ab)wählbare Vorschläge zu verwandeln.
12
Mehr
Sensibilität bedeutet erhöhte Veränderlichkeit der Rückkoppelungen
12
Unter Impulsen verstehe ich Signale beziehungsweise Handlungsan-
triebe des Unterbewusstseins, die innerhalb unserer umfassenderen Ho-
lobewegung aufsteigen.
56
und steigert dadurch zusätzlich die in einem bestimmten Zeitraum
verfügbaren Möglichkeiten. Selbst wenn sich das Bewusstsein stän-
dig für ähnliche Alternativen oder schlicht für Passivität entscheiden
sollte: In seine Wahl gehen mehr Infinitesimalverbindungen ein,
mehr Teilbewusstseine und deren Kombinationen. Es sind mehr Ent-
scheidungspunkte, gleichsam "Momente der Freiheit", beteiligt.
Man mag dagegen einwenden, ein eingesperrter Mensch habe
kaum mehr Befreiungsmöglichkeiten als ein gefangener Affe. Doch
das abstrakte Teilbewusstsein seiner Gefangenschaft ist nicht viel
komplexer als das des Affen. Indem man also sein Urteil auf jenen
speziellen Umstand gründet, vergleicht man zwei ebenbürtige Be-
wusstseinsfokusse, deren Potential sich kaum unterscheidet. Man be-
stätigt nur seine eigene Voraussetzung. Weitet man jedoch den
Blickwinkel, hat der Mensch sofort mehr Wahlmöglichkeiten als der
Affe: Er kann singen, Selbstgespräche führen, über Voraussetzungen
der Freiheit nachgrübeln usw.
Wichtig ist also, wie viel Komplexität bewusst wird. Existiert et-
was als relativ einfache Rückkoppelung, wie vielleicht ein Thermos-
tat, dann wird es ein relativ determiniertes (oder zufälliges) Verhalten
zeigen - egal woraus es hervorgeht.
An dieser Stelle sollte uns spätestens klar werden, dass unser Be-
wusstseinsfokus den Gipfel einer individuellen Hierarchie bildet,
welche sich unendlich weit in alle anderen, uns größtenteils unter-
bewussten Hierarchien erstreckt: Obwohl wir geneigt sind, unser Un-
terbewusstsein als (neuro-) physiologisch zu betrachten, wäre es
doch töricht, bis in unendliche Tiefe ausschließlich unsere be-
schränkte Physik gelten zu lassen. Diese Physik wird sich vielmehr
in unbekannte Richtungen erweitern - so wie alles andere auch. Da-
her dürfen wir von unserem Unterbewusstsein nicht annehmen, es
arbeite überwiegend so, wie wir es von unserer bewussten Realität
kennen. Zweifellos verfügt es jedoch über Bewusstsein beziehungs-
weise besteht aus solchem.
Die unendliche Tiefe ist uns vor allem deshalb verborgen, weil sie
zu umfassend, zu komplex für unser gegenwärtiges Bewusstsein ist.
57
Da wir eine eingeschränkte Version jener Realität erleben, muss un-
ser Potential, unser Entscheidungsspielraum, aber ursprünglich grö-
ßer gewesen sein. Das wiederum würde bedeuten, dass unsere der-
zeitige Beschränkung im Grunde eine freiwillige, unsere freiwillige
ist - wenn wir uns mit unserer ganzen Hierarchie identifizieren. Un-
ser umfassenderes Bewusstsein "vergisst" sich in unserer gewählten
Verkörperung, um deren einzigartigen Standpunkt zu erfahren, so
wie sich der Chef ab und zu aufs Golfspielen beschränkt. Würde er
dagegen umgekehrt die Beschränkung des Spielers aufheben, ständig
an Büro und Kunden denken, erinnerten seine Schlenker kaum noch
an ein seriöses Ballspiel.
Während der Golfspieler sein Spiel immerhin noch unterbrechen
kann, wann er will (obschon er das auch aus eigenem Antrieb zu
vermeiden sucht!), muss das Freiheitsbewusstsein des umfassende-
ren Individuums "von oben nach unten" abnehmen, um die gewählte
Gesamtstruktur der Individualität zu garantieren. Zu dieser trägt die
Einzigartigkeit jeder Stufe bei. So bleibt vor allem der bewusste Zu-
gang zu komplexeren Ebenen beschränkt. Eine Maus würde es auch
schwerlich ertragen, plötzlich mit dem Verstand eines Menschen be-
gabt zu sein, allenfalls in Form einer diffusen Version. Ihr Maussein
beinhaltet den Freiheitsgrad, über den sie nun einmal verfügt. Eben-
so unser Menschsein. Wie der Maus ist uns nicht viel Höheres be-
wusst, wohinein wir uns versetzen könnten. Aber wir wissen, dass es
da sein muss, weil wir existieren wie wir sind.
Auf diesem Unterbewusstsein und seiner Wahl also muss die rela-
tive Unnachgiebigkeit unserer gegenwärtigen Realität beruhen, aber
auch die Widerstandsfähigkeit unseres Selbst. Manchmal nur spüren
wir die größere Bedeutung unserer Erfahrungen, die ins Diffuse ent-
gleitende Rückkoppelung mit einem höheren Wesen.
Jenes tiefe Bewusstsein (bis hin zum absoluten Reflexionspunkt),
schließt jedoch die beschränkteren Fokusse und die ihnen verfügba-
ren Alternativen letztlich ein. Dieses Bewusstsein wählt dieselben
Alternativen aus der Einheit mit demselben Kern. Ja, die Infinitesi-
malstruktur jedes Bewusstseins geht unterbewusst in die des umfas-
sendsten Bewusstseins über. Noch die einfachste Entscheidung ent-
58
spricht daher einer Entscheidung des umfassendsten und folglich
auch der jedes anderen Bewusstseins. (So wie der Abschlag des
Golfspielers dem Feierabend des Chefs und dem Anzug seines
Chauffeurs.)
Eine Chance den Idealen
Hören wir dazu, wie ein deterministisch angehauchter Reporter ei-
nen unverdrossenen Philosophen zu dessen Memoiren befragt:
Determinist: Wenn Sie noch einmal 16 Jahre alt wären, würden Sie
dann alles wieder genauso machen?
Optimist: Nein, ich glaube nicht.
Determinist: Aber Sie könnten sich ja nicht an die Folgen ihrer
Handlungen erinnern. Alles wäre ganz genauso wie damals. Woher
wollten Sie dann wissen, dass einige Entscheidungen falsch waren?
Optimist: Ich wüsste es nicht. Aber vielleicht würde ich mich dies-
mal anders entscheiden.
Determinist: Sie meinen, zufällig würden Sie einen anderen Weg
einschlagen?
Optimist: Wenn alles völlig meiner damaligen Situation gliche,
könnten doch auch die Würfel nicht anders fallen?
Determinist: Richtig. Also noch einmal: Aufgrund welcher Tatsachen
würden Sie anders entscheiden?
Optimist: Aufgrund meiner Wahlfreiheit.
Determinist: Rein willkürlich, also praktisch zufällig?
Optimist: Nicht "rein". Ich würde alle bekannten Fakten berücksich-
tigen und mich dann entscheiden.
Determinist: Aber die Fakten waren Ihnen auch damals bekannt. Wa-
rum sollten Sie sie diesmal anders beurteilen?
Optimist: Vielleicht habe ich jetzt andere Motive.
59
Determinist: Nein, nein. Alles ist genauso wie damals. Sie sind der-
selbe Mensch.
Optimist: Möglicherweise hat sich mein Unterbewusstsein schon an-
ders entschieden, so dass ich mich in eine andere Richtung gedrängt
fühle.
Determinist: Dann wählt Ihr Unterbewusstsein willkürlich?
Optimist: Ja und nein. Es verspürt auch tiefere Impulse. Vielleicht
folgt es ihnen, vielleicht nicht.
Determinist: Aber wo ziehen Sie denn nun die Grenze zwischen
Willkür und unbewusster Bestimmung?
Optimist: Es gibt keine Grenze. Beides entspringt derselben Quelle.
Determinist: Und welche ist das?
Optimist: Das Unendliche.
Determinist: Aha. Zu guter Letzt beschließt also irgendjemand un-
endlich Entferntes. Wer, bitte schön, soll das sein?
Optimist: Er sitzt gerade vor Ihnen.
Wir haben den Übergang vom Bewusstsein zum Unterbewusstsein
als Trichter beschrieben, dessen Wände die Grenzen des gegenwärtig
Bewussten symbolisieren, sich immer mehr verengen und in unend-
licher Tiefe zusammenfallen. Wir können den Umfang des Bewuss-
ten beständig oder nur vorübergehend (dynamisch) erweitern, den
Trichter ausdehnen oder seinen Kanal an einer Stelle ausbeulen, aber
nichts von alledem wird die Trichterform beseitigen.
Ernten wir nun die Früchte unserer Analysen:
Höhere Komplexität, das heißt größere Entscheidungsfreiheit, er-
laubt es unseren tiefen Wesenheiten, sich in unserer unterbewussten
(dort aber entfalteten) Tiefe über Dinge zu einigen, die uns als starre
Gegebenheiten oder unlösbare Konflikte erscheinen. Jener Affe und
der Gefangene sind sich mit ihrem Bewacher in einem umfassende-
ren Bezugssystem einig. Die freiwillige Abstimmung geht unendlich
60
tief unten sogar in die Identität der Seiten und damit absolute Frei-
heit über. Die Entscheidung des einen ist schließlich die des anderen.
Da jedes Individuum die ganze Hierarchie verkörpert, bleibt auch
dem beschränktesten Geschöpf ein gewisses Maß an Willensfreiheit
und Harmonieempfinden mit dem größeren Ganzen erhalten. Die In-
finitesimalverbindung jedes beliebigen Bewusstseins mit dem Un-
endlichen reicht durch all das ihm weniger beziehungsweise potenti-
ell Bewusste hindurch und trifft sich dort mit ihm. Die Entscheidun-
gen alles Bewussten und Unterbewussten verschmelzen mit zuneh-
mender Tiefe des Trichterkanals. Sie verschmelzen in der Hierarchie
jeweils eines Individuums.
In der dazu senkrechten Dimension der peripheren Rückkoppelung
wird diese Identität unmittelbar wirksam. Unser beschränktes Be-
wusstsein entscheidet selbst. Und unter Berücksichtigung beider
Dimensionen (horizontaler und vertikaler) fließen innere Impulse
und absolute Identität zusammen in ihrer bewussten Wirkung. Wir
empfinden unterbewusste Determination mit einem freien Anteil.
Vereinfacht ausgedrückt, wirken drei Dinge zusammen bei einer
Entscheidung: die Rückkoppelung der Alternativen, innere Impulse
und "das" unendlich kleine Zentrum. All dies wird von der Holobe-
wegung bis ins Infinitesimale eingefaltet, aber auch entfaltet.
In letzterer Form besitzen die Alternativen Bedeutung für den
Wählenden, denn die Entscheidung zwischen ihnen ist seine Aktion.
Er bezieht das Kommende auf sich. Das wählende Selbst stellt dabei
eine eingefaltete Form des Ganzen dar, im Verhältnis zur entfalteten
Außenwelt. Näher an dieser Form liegen stets die inneren Impulse,
persönlichen Idealen aus derselben komplexen Tiefe folgend, an de-
nen (oder deren Verzerrung) sich das Bewusstsein orientiert.
13
Das
Verhältnis zwischen Ideal und Alternativen verkörpert demnach die
Bedeutung letzterer für den Wählenden. Bedeutung und Impuls(e)
werden infinitesimal mit dem Zentrum des Bewusstseins vereint und
13
Ein Ideal ist kein vierter Grundfaktor, sondern eine Alternative zum
Impuls, wenn es von ihm abweicht.
61
so zu einer freien, aber nicht völlig willkürlichen Entscheidung füh-
ren.
Die unterbewussten Strukturen sind für uns gewiss nicht alle
gleichrangig, sofern wir sie (dynamisch) unterscheiden können. An-
dererseits laufen ihre Wirkungen in unserem tieferen Wesen zusam-
men, das einen bedeutend größeren Überblick hat als wir. Dessen
Impulsen sollten wir daher zuerst vertrauen. In jedem von ihnen
drückt sich das persönliche Resultat aller unterbewussten Kommuni-
kationen aus und weist uns eine individuelle Rolle innerhalb der Ge-
samtbewegung des Universums zu. Wir können sie missverstehen
oder ablehnen, erweisen uns damit aber auf Dauer wahrscheinlich
keinen guten Dienst.
Die meisten Menschen wissen unterschwellig auch, warum sie sich
in ihren gegenwärtigen Lebensumständen befinden. Ich bin sicher,
nach ein wenig aufmerksamer und ehrlicher Selbstbetrachtung h-
len sie, dass alles irgendwie zusammenpasst. Sogar wenn Sie sich in
einer unangenehmen Lage sehen, der Sie nicht entfliehen können,
dürfen Sie davon ausgehen, dass Sie sich diese selbst erwählt haben.
Wie unbewusst eine Situation oder Handlung auch zustande kommt,
trägt das sie erfahrende Individuum - als unendliche Hierarchie - für
beide die volle Verantwortung. Jeder aktuell beschränkte Aspekt frei-
lich kann diese Verantwortung nur teilweise auf sich nehmen, in dem
Maße wie ihn sein umfassenderes Wesen mit Bewusstheit und Wil-
lensfreiheit begabt. Er kann jedoch seinen Freiheitsgrad zusätzlich
einschränken oder danach streben, ihn zu erweitern - das Geschehen
im eigenen flexiblen Rahmen bestimmt er immer noch selbst. So hat
er auch die Chance, sein "Schicksal" bestmöglich zu nutzen - im
Sinn jenes Zwecks, zu dem er es durchleben wollte - und sei es, um
ihm zu entwachsen.
62
Das dynamische Bewusstsein
Etwas Unterbewusstes wie etwa jene Höhlenbilder muss natürlich
nicht komplexer sein als das gerade Bewusste. Wenn wir zum Bei-
spiel eine Vase (wieder-) erkennen, nehmen wir schon einige ihrer
Verwendungsmöglichkeiten vorweg: Wir sehen sie mit oder ohne
Blumen, auf dem Regal, als Geschenk usw. Wir wechseln zwischen
verschiedenen Beobachtungsstandpunkten, welche die Vase um-
schreiben, ohne alle gleichzeitig präsent zu sein. Darüber hinaus stel-
len wir uns vor, wie andere Beobachter die Vase sehen, wir versetzen
uns zum Teil in deren Standpunkte.
14
Jede der aufeinanderfolgenden
Situationen - auch wenn wir mit der Vase hantieren - ist einzigartig,
individuell. Sie bedeutet das Versinken aller vorher erschaffenen im
Unterbewussten, aber auch deren Reproduzierbarkeit.
Das aktuelle Bewusstsein bewegt sich demnach durch sein Unter-
bewusstes hindurch. Manchmal kommt es annähernd an einer bereits
passierten Stelle heraus, zwischenzeitlich aber entdeckt es Wirklich-
keitseinstellungen, die es bisher nicht kannte. Wir können diese Fo-
kusverlagerung als abtauchende Öffnung des Bewusstseinstrichters
ansehen, als wandernde Beule im Trichterkanal. Schließlich werden
die Bewegungen der Beule beziehungsweise des Fokus mehr oder
weniger zusammengefasst, zu einem Objekt, einem Bewusstsein.
Bringen wir bewusste Eindrücke aus anderen Einstellungen zu-
rück, so dass alle während eines dynamischen Zyklus erfahrenen
Blickwinkel in einen neuen quasistatischen Bewusstseinszustand zu-
sammenfließen, fokussieren wir auf die gewöhnliche Art, die wir
bisher immer besprochen haben. "Quasistatisch" nenne ich das Er-
14
Das geht auch vollständig: Wir werden dabei von dem ausgehen, was
wir über den Anderen wissen, und uns anschließend in unser Inneres ver-
senken. Wir haben das Ziel vorgegeben und die Absicht, genau dort her-
auszukommen. Anschließend öffnen wir unser Inneres und mit ihm die
Wege zu anderen Realitäten. Gelingt uns das Unternehmen, spüren wir
ein Hineingleiten in den anderen Standpunkt, das andere Bewusstsein.
Wenn Sie sich einmal verdeutlichen, wie Sie sich normalerweise in ande-
re Situationen versetzen, wird Ihnen dieses Verfahren gar nicht so fremd
vorkommen.
63
gebnis deshalb, weil absolute Ruhe nicht möglich ist - Wir-
kung/Existenz bedeutet Veränderung. Der Zustand wird erst statisch
durch die Umschreibungsbewegung des Fokus, wobei sich Dynamik
und Statik infinitesimalstrukturiert vereinen. Wir erkennen eine
(auch spiralförmig) umschriebene Ganzheit.
An dieser Stelle springt förmlich ins Auge, dass Bewusstsein
nichts als die eigene Dynamik ist. Die Umschreibung seiner Ganz-
heit besteht im ständigen Wechsel zwischen Bewusstem und Unter-
bewusstem! Durch die permanente (annähernd) zyklische Verände-
rung des Bewusstseinsfokus wird Unterbewusstes in den Stand eines
Bewussten gehoben, ohne seine Potentialität aufzugeben. Denn da
jede Phase der Veränderung einen eigenen Fokus darstellt, kann sich
aus all diesen gar nicht ein Fokus bilden! Ihre Einheit besteht viel-
mehr in der infinitesimalstrukturierten Ganzheit von einem gesamten
und vielen einzelnen Fokussen.
Versuchen Sie noch einmal, die Formbildung anhand unseres Bei-
spiels nachzuvollziehen. Wenn Sie eine Vase betrachten, fassen Sie
deren Verwendungsmöglichkeiten in einem Objekt zusammen, ohne
ihre Vereinzelung zu vergessen. In der Vase ist der Fluss von Situati-
on zu Situation enthalten - ohne zu erstarren. Gleiches gilt für Ihre
gegenwärtige Lebenseinstellung. Die Psyche wandelt sich von Mo-
ment zu Moment. Wenn ich hingegen sagen würde "Ein Gegenstand
ist die Summe (oder das Integral) seiner Funktionen", wäre das eine
unzulässige Vereinfachung. Er ist eine Einheit von Individuen.
Von der Quasistatik müssen wir gleichwohl die Wechselwirkung
mit jenen Fokussen unterscheiden, die unterbewusst bleiben. Von
diesen überdauert auf unserer Ebene nicht mehr als eine Ahnung ih-
rer Existenz und der Möglichkeit, sie zu erreichen. Der Weg zu ihnen
führt, von uns aus gesehen, in das immer weniger Bewusste, den
letztlich alles implizierenden Strudel. Auf halbem Weg treffen wir al-
te Denkgewohnheiten und programmierte Glaubenssätze, wie "Ich
bin nur ein kleines Rädchen im Getriebe" oder "Für mich gibt es kein
Glück". Solche können wir uns noch relativ leicht bewusst machen
und verändert wieder ins Unterbewusste entlassen, von wo aus sie
unsere (explizite) Realität wie von Geisterhand neu ordnen. Wir fin-
64
den des Weiteren Prozesse, die wir übergehen, die aber zu bekannten
Erscheinungen wie der Vase, einem Auto oder einer Tasse Kaffee
führen. Auch diese rufen wir, sobald wir wollen, ohne Probleme ins
Bewusstsein - bis zu einem gewissen Punkt. Komplexere Vorgänge
dagegen, wie die des Klimawandels oder auch "nur" des Sprechens,
können wir uns allenfalls fragmentarisch vergegenwärtigen, aber
nicht insgesamt überschauen. Bewusstes und Unterbewusstes s-
sen hier als solche zusammenarbeiten.
Zur dynamischen Existenz
Immerhin muss auch eine verdrängte Dynamik quasistatisch
zusammengefasst werden, um für das in jedem Moment einge-
schränkte Bewusstsein eine erkennbare Bedeutung zu haben.
Wir wissen es ja schon: Die Schwingung zwischen Offen-
sichtlichem und Verborgenem umschreibt eine potentielle Exis-
tenzform, wie die steinzeitlichen Höhlenmalereien, aber auch
jeden anderen Gegenstand. Dessen Existenzumfang ergibt sich
aus der Dynamik des Beobachters, der in jedem seiner eigenen
Bewegungsmomente eine andere Seite des Objektes wahr-
nimmt, diese Ansichten alle zu einem lediglich potentiell voll-
ständigen Gegenstand verbindet und denselben wiederum jeder
einseitigen Version "anhängt". So kann er beispielsweise be-
haupten, dass sein Haus auch dann noch unversehrt existiert,
wenn er nur die Vorderseite bewundert oder 1000 km entfernt
von der Heimat träumt. Während er noch um sein Anwesen
joggte, umschrieb er es dynamisch. Jetzt fasst er das, was er un-
terwegs sah, zusammen: Er umschreibt ein Abbild dessen - eine
einseitige Version - quasistatisch. Ebenso verhält es sich, wenn
er künftig, statt selbst zu laufen, seinen Sohn Hans nach hinten
schickt. Der anschließend wechselseitig über das Dach gebrüllte
Zustandsbericht beschreibt eine dynamische Beobachtung. Jeder
bündelt diese zu einem quasistatischen Bild, dem er eine poten-
tielle Realität zuweist.
65
Das heißt nicht nur, dass Dynamik existieren muss, sondern
Existenz ist stets auch dynamisch! Wenn ein durch reale und
potentielle Standpunkte umschriebenes Objekt weniger existiert
als ein anderes (wie im ersten Kapitel beschrieben), kondensiert
seine Näherung mehr in der potentiellen als in der unmittelbar
existierenden Sphäre. Das 1000 km entfernte Eigenheim ist da-
rum nicht so stark präsent wie das gegenwärtige Urlaubsdo-
mizil.
Erschaffung der Realität
Kommunizierende Individuen agieren, wie vorn begründet, fun-
damental selbständig. So entwickeln wir mit ihnen eine Welt der
gemeinsamen Näherungen, die relativ unabhängig von unserer eige-
nen Existenz in ihr ist. Die kollektive Realität ist beständiger als je-
des zu ihr beitragende Individuum.
15
Aus diesem Grund hat sich je-
des Individuum, das in einer gemeinsamen Realität handeln will,
mehr oder weniger in deren Normen zu fügen: Seine Bewegungen
unterliegen Gesetzen.
Deren Entstehung reicht auch weit zurück: Alles Bewusstsein war
und ist, wie beschrieben, schon unterbewusst verflochten. So wie
sich das unsere in die bewusste Umwelt erstreckt, durchdringt sein
viel größeres Unterbewusstsein deren unterbewussten Teil. Die be-
wusste Kreativität muss diesen Verflechtungen entsprechen und sich
bereits existierenden Formen anpassen. Beispielsweise kann ein Be-
wusstsein, welches sich auf die körperliche Existenzebene einlässt,
nichts erschaffen, was die physikalische Energieerhaltung verletzt;
und es muss sich der Stoffe bedienen, die es hier vorfindet (insbe-
sondere des Gehirns).
Alle beteiligten Individuen wirken weiter an der Realitätsbildung
mit - aber nun aufeinander abgestimmt. Unter- und halbbewusst ist
ein relativ stabiler Kreativitätsrahmen entstanden, ein Konsens über
15
Insgesamt ist die kollektive Realität natürlich ebenfalls individuell.
Kollektiv ist sie nur in der Dynamik des Standpunktwechsels.
66
das Mögliche, der alles darüber Hinausgehende ausklammert. Beste-
hende Näherungen, dynamisch vorwegnehmbare Formen und indivi-
duelle Entscheidungen vereinen sich zu einer mäßig veränderten Re-
alität. Mit der Komplexität des Bewusstseins wächst sein Einfluss
auf diesen Schöpfungsprozess, wird aber mit steigender Komplexität
der Geschöpfe wieder relativiert. Im Endeffekt sind sowohl die ge-
meinsame Außenwelt (wie der Wald durch den wir laufen) als auch
die intimste Umgebung (zum Beispiel das Schnupftuch in der Ho-
sentasche) in hohem Maße Produkte des koordinierenden Unterbe-
wusstseins, auf die der freie Wille des einzelnen Bewusstseins nur
begrenzten Einfluss hat.
Andererseits sollten wir diesen Einfluss nicht unterschätzen. Alles
wurde irgendwo - bewusst oder unterbewusst - gewählt; und jede
Bewusstseinshierarchie (jedes unendliche Individuum) wählt seiner-
seits aus diesem Angebot aus. Die Möglichkeiten sind natürlich auf
jeder einzelnen Ebene beschränkt, doch keineswegs Null: Vieles, was
unterbewusst entschieden wurde, kann, sobald es bewusst geworden
ist, wieder verworfen werden. Und jeder bewussten Wahl folgt eine
Veränderung der unbewusst erzeugten Realität. Als vollständigem
Individuum begegnet uns das, was wir erwarten wollen.
Indem wir fest daran glauben, dass etwas Ersehntes (oder aber Be-
fürchtetes) geschehen wird, bringt die somit aufgebaute Rückkoppe-
lung automatisch geeignete Impulse hervor, welche in unsere Ho-
lobewegung eingehen.
16
Die passende Antwort begegnet uns in der
Gestalt äußerer Ereignisse. Treffen wir auf Widerstand, werden wir
oftmals feststellen, dass er eher innerlich ist - geboren aus starken
Impulsen oder aber aus verfestigten Glaubensvorstellungen und
übertragener Symbolik (wie physischer Schmutz für psychisch emp-
fundenen). Manches sollten wir wirklich so lassen - wir haben es auf
einem tieferen Niveau mit größerem Überblick gewählt -, anderes
16
Glaube ist eine Einheit von Rückkoppelung (Bewusstheit) und Impuls,
der Spiralaspekt in der infinitesimalstrukturierten Verflechtung mit dem
Unterbewussten. Berücksichtigen wir auch die im Trichterkanal eingewo-
bene Entscheidungsfreiheit, erhalten wir ein dynamisches Bewusstsein,
das seinen Glauben stets aufs Neue wählt.
67
jedoch könnten wir ohne weiteres neu gestalten. Haben wir hinderli-
che Überzeugungen und Übertragungen verändert, gilt es, das Un-
terbewusste zu steuern, ohne es bewusster zu machen als nötig. Wie
ein Trapezkünstler vor dem Sprung konzentrieren wir uns auf das
Ziel - erreichen müssen wir es von selbst. Wir stellen uns zum Bei-
spiel immer wieder plastisch das mit unseren tiefen Impulsen über-
einstimmende Ich vor, welches wir sein wollen (einschließlich seiner
Gefühle), und wir werden uns zu diesem entwickeln - zusammen mit
allen nötigen "Bedingungen". Je tiefer unsere (widerspruchsfreie)
Überzeugung, desto wahrscheinlicher wird sich alles fügen.
Jedes Gesetz entfaltet sich untrennbar mit den Bedingungen und
Ereignissen, unter denen beziehungsweise für die es gilt, da es durch
diese definiert wird. Doch nach dem oben Gesagten müssen auch
"Natur"gesetze geschaffen werden - ähnlich wie Gesetze des Zu-
sammenlebens, nur viel weniger bewusst. Sie werden dementspre-
chend seltener gebrochen oder relativiert. Trotzdem entdecken wir
sie nicht bloß, sondern gestalten sie noch immer mit. Es ist ja nahe-
liegend, dass uns unsere unterbewusst ausgewählte Realität ein Er-
fahrungsfeld bieten soll, in welchem wir uns entwickeln können. Mit
dem Fortschreiten unserer Entwicklung muss sich dann auch dieses
Erfahrungsfeld ändern.
Beispielsweise lernen wir oft erst aus Extremsituationen, die mit-
unter sogar unsere gegenwärtige Existenz in Frage stellen. Wir tun es
hoffentlich noch angesichts des drohenden Klimaumbruchs, erneut
aufkommender Seuchen und der Gefahr nuklearer Terroranschläge.
Solche dem Selbsterhaltungstrieb zuwiderlaufende Situationen wer-
den unbewusst entfaltet, obschon durch bewusste Entscheidungen
heraufbeschworen. Verhalten wir uns wenigstens jetzt richtig, könnte
es folglich auch passieren, dass uns die Umgebung von sich aus - aus
ihrem Innern heraus - zu Hilfe kommt. Nach ersten Ansätzen eines
umweltbewussten Handelns hatte sich die globale Erwärmung be-
reits verzögert, und es wurden ständig neue natürliche Ursachen da-
für ausgemacht: kalte Strömungen aus der Tiefsee, ein stärkerer
CO2-Verbrauch der Vegetation und andere. Die Tendenz drehte dann
68
kurz wieder und ist nach konsequenterem Handeln jetzt "umstritten".
Für einen erneut langsameren Temperaturanstieg kommen nun vor
allem eine höhere CO2-Aufnahme der Ozeane und die verringerte
Sonnenaktivität in Frage. So mögen wir auch entdecken, dass die si-
chere Katastrophe noch einmal ausbleibt - "aus ganz realen Grün-
den". Sie (be)trifft uns lediglich dann, wenn wir vor ihrer Gesetzmä-
ßigkeit kapitulieren.
17
Im Spiel mit Wahrscheinlichkeiten
Was zwingt uns eigentlich zu wählen? Können wir nicht allen sich
bietenden Möglichkeiten nachgehen, sie alle zugleich realisieren?
Der Jäger an der Gabelung hat schon gemerkt, dass er im Hub-
schrauber beiden Fährten gleichzeitig folgen kann. Doch dies ist et-
was anderes, als den Wilderern am Boden nachzuhecheln. Um wirk-
lich alle Wege einzuschlagen, müsste sich der Jäger "teilen". Er
müsste drei Ableger von sich erschaffen, deren Ursprungs- bezie-
hungsweise Gesamtselbst er bildet. Die drei Ableger brauchen nicht
unbedingt so vielseitig wie ihr Schöpfer zu sein; es genügt, wenn sie
ihrer Jagdaufgabe nachgehen und mit dem Gesamtselbst "Funkkon-
takt" halten. Aber sie müssten sich immer wieder aufspalten, um kei-
ne sich bietende Chance auszulassen. Und angesichts der mit jeder
weiteren Gabelung explodierenden Anzahl von Möglichkeiten wäre
das Differenzierungsvermögen des Gesamtselbst schnell überfordert.
Mehrere wahrscheinliche (das heißt dynamisch zumindest im An-
satz erfahrene) Wege verkörpern also unterschiedliche Möglichkei-
17
Zugegeben: Bei den meisten Prozessen, die der globalen Erwärmung
zugrunde liegen, handelt es sich nicht um "wirklich harte" Naturgesetze
wie den ersten Hauptsatz der Wärmelehre (eine Form des Energieerhal-
tungssatzes, der als reine Abstraktion nichtssagend und obendrein ein Zir-
kelschluss ist). Nachdem aber die "innere Energie" eines Systems schon
an seine "Ruhemasse" gekoppelt wurde ("Umwandlung von Masse in
Energie"), deuten psychokinetische Experimente ein weiteres Mal darauf
hin, dass sich jedes konkrete Gesetz relativiert, sobald wir seinem "unbe-
dingten" Gültigkeitsbereich zu entwachsen beginnen.
69
ten der Selbstbeschränkung. Indem wir einen von ihnen "endgültig"
einschlagen, fokussieren wir unser Bewusstsein auf ihn und entfer-
nen uns vom Bewusstsein des vormaligen Potentials. Wir wollen
eine der wahrscheinlichen Realitäten und das in ihr kondensierende
Selbst weiterverfolgen. Dies ist für uns freilich nur sinnvoll, wenn
das Gesamtselbst und damit auch die nicht gewählten Ableger erhal-
ten bleiben, wenn sie letztlich zu unserer Gesamterfahrung beitragen
(so wie wir zu der ihren). Einmal bewusst gemacht, können wir sie
gar nicht auslöschen, sondern allenfalls verbergen.
18
Das Bewusst-
sein jeder Alternative agiert selbständig weiter:
Merken wir, dass wir uns auf der falschen Fährte befinden, gehen
wir zurück oder versetzen uns über eine Abkürzung in die andere.
Sie steht noch eine Weile zur Verfügung. Einer der übrigen Ableger
ist ihr gefolgt und hat uns eventuell jenen Impuls zukommen lassen,
der uns zu der Gewissheit führt, auf dem Holzweg zu sein. Daraufhin
entscheiden wir uns jetzt wieder für diese andere - nach unseren bis-
herigen Abenteuern nur noch ähnliche - Alternative, während wir
immer noch einen unterschwelligen Ableger der falschen Fährte
nachschicken. (Vielleicht ist sie ja doch richtig, da wir auf ihr der
Liebe unseres Lebens begegnen!) Wir haben letztendlich unsere ge-
genwärtige Realität(serfahrung) mit jener kombiniert, welche sich
für uns unterbewusst weiterentwickelt hat.
Wenn der Wählende seine individuelle Realität verändert (wie
auch immer), bedeutet das eine Umverteilung von Wahrscheinlich-
keiten, die weiterhin aufeinander einwirken. Diese Umverteilung
wirkt sich noch (Infinitesimalstruktur!) bis in die Unendlichkeit sei-
ner Bewusstseinshierarchie aus, welche sich in alle anderen Indivi-
duen erstreckt. Somit ruft seine Entscheidung auch in diesen eine
veränderte Gewichtung der Möglichkeiten hervor - wiederum bis ins
Unendliche. Es wird nicht nur ein neues Selbst geschaffen, sondern
es werden alle Individuen neu kreiert, einzigartige Kompositionen
des Bewusstseins, von denen jede das ganze Universum auf neue
18
Das neue Potential eines Ablegers muss natürlich nicht kleiner sein als
das seines Schöpfers. Das ist es lediglich im Rahmen der alten Möglich-
keiten.
70
Weise erfasst und von allen anderen Individuen auf neue Weise er-
fasst wird. Die individuell gewählten Wahrscheinlichkeiten verknüp-
fen sich zu einer neuen kollektiven Realität, in der wir uns anschlie-
ßend wiederfinden.
Untersuchen wir diese Teilnahme etwas genauer: In einem Univer-
sum infinitesimalstrukturierter Wahlvorgänge, das keine Existenz-
form ausschließt, wird jede Möglichkeit realisiert. Unsere freien Ent-
scheidungen wirken in anderen Individuen, doch inwieweit sie deren
Realität umstrukturieren, hängt auch von deren freien Entscheidun-
gen ab. Das bedeutet, jedes von zwei kommunizierenden Individuen
kann sich für eine Welt entscheiden, in der das andere so vorkommt,
wie es in dessen vorrangiger Wirklichkeit nicht ist. Entscheiden Sie
sich dafür, Ihren Gegner zu besiegen, wird dies geschehen. Gleich-
wohl kann er sich ebenfalls für seinen Sieg entscheiden - und wird
ihn erleben. In Ihrer gewählten Realität hat er hingegen eingewilligt
zu verlieren - und Sie in der seinen. Die Wahrscheinlichkeit Ihrer
Niederlage bleibt dynamisch existent, genauso wie in dieser die
Wahrscheinlichkeit Ihres Sieges. (Beide besitzen größeren Existenz-
umfang als die Illusion eines Individuums.)
Dasselbe gilt kollektiv. Und hierin liegt unsere größte Chance! Es
ist nicht nötig, gegen alle anderen Individuen anzukämpfen - die er-
sehnte Gemeinschaft ist bereits da, sie ist meist sogar in der Nähe: In
einer unterbewussten Welt haben sich alle für sie entschieden. Es ge-
nügt also völlig, wenn wir uns persönlich dieser Realität anschlie-
ßen, um sie für uns zur vorrangigen zu machen. Wir werden sie er-
fahren, sobald wir es wollen! Wenn wir in einer sauberen Umwelt
leben möchten, entscheiden wir uns für eine solche, handeln in die-
sem Sinn und sind gewiss, dass alle anderen mit uns einverstanden
sind. Wenn wir aber mit uns selbst nicht im Reinen sind, unter wel-
chen Bedingungen wir diese Realität heranlassen wollen, dann wer-
den wir sie nicht erleben. Und wenn wir gegen Grundbedürfnisse
anderer Individuen angehen, verschwenden wir nicht nur unsere
Kraft - ja gestehen letztlich unsere Ohnmacht ein -, sondern handeln
auch garantiert nicht im Sinn unseres ursprünglichen Ideals.
71
Eine Schöpfung besteht also in der Entscheidung für eine bestimm-
te Hierarchie von Wahrscheinlichkeiten; wir wählen den Gipfel des
Berges und damit die für uns gültige Rangfolge der anderen existie-
renden Möglichkeiten. In dieser offenen Hierarchie finden wir jede
Realität (manche allerdings in unendlicher Entfernung). Die Wech-
selwirkungen aller bewussten und unterbewussten Wahrscheinlich-
keiten gipfeln in der individuellen Entscheidung eines Bewusstseins,
die sich wiederum bewusst und unterbewusst auf alle anderen Indi-
viduen auswirkt. So verbinden sich die Entscheidungen aller Indivi-
duen für jeweils subjektive Ganzheiten zur einhelligen Entscheidung
für deren gemeinsame Näherung: Es wird eine kollektive Realität
einschließlich einer Hierarchie kollektiver Wahrscheinlichkeiten ge-
schaffen (die strenggenommen nur von allen insgesamt wahrnehm-
bar und ihrerseits wieder individuell ist - ein Teil der dynamischen
Infinitesimalstruktur aus einmaligen Totalitäten).
Da nun die Infinitesimalstruktur jedes (Unter-) Bewusstseins alle
Wahrscheinlichkeiten, alle Entscheidungen, einschließt, ist jede indi-
viduelle Schöpfung zugleich ein unmittelbarer Akt der verborgenen
Unendlichkeit All-dessen-was-ist. Wie wir schon festgestellt hatten:
Die Wahl des einen ist die Wahl des anderen. Damit aber ist die
Schöpferkraft "Gottes" jedem Individuum eigen.
All-das-was-ist
Wie wir uns erinnern, wirkt schon das (Trichter-) Zentrum jedes
einzelnen unendlichen Individuums reflektierend. Mit dem im zwei-
ten Kapitel beschriebenen absoluten Reflexionspunkt meine ich je-
doch den divergenten Zusammenfall aller Individuen im Universal-
kontinuum. Dieser geht ebenfalls sofort über das Universalkontinu-
um hinaus, resultiert aber in einem übergangslosen und neutralen
Wechsel aller Welten. Hier sind sie als solche infinitesimal mit dem
absoluten Universalkontinuum vereint.
Für diesen Reflexionszustand gilt desgleichen, dass er nur für rea-
le, auch nichtinfinitesimale Welten Bedeutung hat. Er schließt die
72
Individualität jeder Welt dynamisch ein und befindet sich daher stets
in einem realen Bewusstsein. Sein einziger Unterschied zur Realität
dieses Bewusstseins besteht darin, dass er nicht an sie gebunden ist.
Er präsentiert lediglich eine bestimmte Form All-dessen-was-ist.
Dabei ist jede dieser konkreten Formen individuell genug, um ein
Unterbewusstsein und damit Kreativität zuzulassen. Während sich
All-das-was-ist dynamisch vom einfachsten Partikel bis zum unend-
lich fernen Universalkontinuum erstreckt, überrascht es sich in jeder
Form mit der eigenen Schöpferkraft. Als insgesamt bedeutungsvolles
Wesen verkörpert es das komplexeste noch mögliche Bewusstsein.
Manche würden es sicher als "Gott" bezeichnen. Aber es ist ein Gott,
der sich ununterbrochen neu erschafft.
Betrachten wir es noch einmal anders herum: Wir haben über die
Freiheit eines Bewusstseins gesprochen, sich in andere hineinzuver-
setzen. Diese Freiheit muss mit der Komplexität des Bewusstseins
zunehmen, denn einer je größeren Komplexität ich mir bewusst bin,
über desto mehr mögliche Zugänge zum Unterbewussten verfüge
ich. Und durch eine weiträumige Wanderung meines Bewusstseins-
fokus erfasse ich eine noch komplexere Realität. Maximale Freiheit
können wir deshalb der komplexesten Bewusstseinstruktur zuschrei-
ben, also All-dem-was-ist. Es handelt sich um eine unendlich kom-
plexe Struktur, kurz vor dem Zusammenfall in die Identität. Demzu-
folge muss dort auch die Freiheit herrschen, sich für beliebige Be-
schränkungen in beliebigen Ablegern zu entscheiden. Ja, es ist nahe-
zu unmöglich, dieses Potential nicht auch zu nutzen. (Es wäre extrem
unwahrscheinlich.) All-das-was-ist bedeutet schließlich, noch die
einfachsten Strukturen als solche integriert zu haben - ein notwendi-
gerweise dynamischer Anspruch.
Damit eine dynamische Komplexität reale Bedeutung gewinnt,
muss sie quasistatisch zusammengefasst werden, hatten wir festge-
stellt. Sie soll andererseits dynamisch bleiben und nicht in einem ak-
tuellen Objekt kondensieren. Dann schon eher in Form eines real
wirksamen Potentials, eines "Möglichkeitstrichters", der als solcher
existiert. So schwingen nicht nur beim Hören einer Melodie und
beim Betrachten eines Films, sondern auch im wirklichen Leben Va-
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riationen mit, von denen wir jede einzelne hervorheben können,
während wir die anderen gedämpft als Hintergrund oder Halo wahr-
nehmen. Wir bewegen uns geistig zwischen diesen Wahrscheinlich-
keiten und realisieren deren Überlagerung auf jeweils individuelle
Weise. Sogar der imaginäre Halo, in dem die Variationen unterbe-
wusst werden, geht in unsere Wahrnehmung vordergründiger Objek-
te ein. Die subtilen Abweichungen, das in der gegenwärtigen Situati-
on liegende Potential, wird nach hinten (beziehungsweise unten oder
innen) immer unbestimmter, bleibt aber auf unser Bewusstsein be-
zogen. Wir sind uns des bewussten und unterbewussten Umfeldes
gewahr, aus dem wir unsere Realität erwählen.
Dabei ist der Umfang der Fokusdynamik nicht an sich begrenzt,
sondern allein in unserem Bewusstsein. Wenn wir uns in eine be-
stimmte Ebene nicht hineinversetzen können, ist dort nicht einfach
Schluss. (Auch nach innen gibt es keinen Grund für eine endgültige
Grenze.) Wir sind lediglich außerstande, jenen Fokus auf unserer
Bewusstseinsebene zu entschlüsseln. Daher scheint es, als ob unser
Fokus unverrichteter Dinge wieder auftaucht - wir erwachen aus ei-
ner "traumlosen" Phase. Aber wir spüren: "Da war etwas." Oder: "Da
ist etwas." Unser Bewusstsein ist unweigerlich mit allen anderen
verknüpft und seine Dynamik in umfassendstem Sinn diejenige All-
dessen-was-ist - die Bewegung eines Bewusstseins in unterschiedli-
chen Fokussen und von Individuum zu Individuum. Die Allgegen-
wart dieser Dynamik bedarf einer unendlichen Geschwindigkeit -
des augenblicklichen Wechsels zwischen allen Realitäten, wobei nur
das Überspringen vieler Phasen unser begrenztes Bewusstsein er-
möglicht und seine dementsprechende Erfahrung einer "langsame-
ren" Fluktuation.
Diese langsamere Fluktuation macht dennoch einen Teil der Erfah-
rung All-dessen-was-ist aus. In einer unendlich hohen Schwingungs-
frequenz sind alle anderen Frequenzen enthalten. Und weil diese
Schwingung zugleich eine Schwingung zwischen den Frequenzen ist,
werden sie alle als solche einbegriffen.
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Das Gewahrsein
Das absolut freie Bewusstsein All-dessen-was-ist wird also nicht
durch seine aktuelle Realität charakterisiert, sondern allein durch
sein uneingeschränktes Potential zum Annehmen beliebiger Zustän-
de. Es gibt nur ein absolut freies Bewusstsein. Und sein Potential be-
steht aus beschränkten Bewusstseinsfokussen, denen ihre hohe Dy-
namik größtenteils unterbewusst bleibt.
Ebenso wenig können dem freiesten Bewusstsein all die individu-
ellen Standpunkte zugleich bewusst sein. Es kann also auch sein Po-
tential nicht im Detail kennen. Wohl aber kann es sich seines Poten-
tials als solchem bewusst sein, als dynamische Freiheit an sich. Die-
se infinitesimale Einheit zwischen seinem aktuellen (quasistatischen)
Bewusstseinsfokus und dessen offener Dynamik ist sein Gewahrsein.
Worin besteht aber unser Gewahrsein? Nun, grundsätzlich kann
sich unser Gewahrsein nicht von dem seinen unterscheiden. Wir sind
ein Zweig des absoluten Reflexionszustandes, dessen permanente
Erzeugung ein ebenso dynamischer Vorgang ist wie die universelle
Reflexion selbst. Daher kommt das universelle Gewahrsein in indi-
viduell veränderter Form auch jedem beschränkten Bewusstsein zu,
das heißt, die Verbindung zum unendlichen Potential ist offen. Es
kann dieses Potential also wahrnehmen. Warum macht es dann kaum
Gebrauch von ihm?
Die gleiche Frage wäre: Warum spaltet sich der absolute Reflexi-
onszustand des Universalkontinuums überhaupt auf? Er ist Aufspal-
tung schlechthin, ein Individuum, dessen Realität in seiner Dynamik
besteht. Und jede ihrer Phasen bedeutet ein individuelles Bewusst-
sein ihrer selbst. Sie besteht also nicht nur im Gewahrsein ihrer indi-
viduellen Hierarchie, sondern gerade dieses Gewahrsein beinhaltet
auch ein Bewusstsein der eigenen (Gipfel-) Position. Mit diesem
Bewusstsein (gewissermaßen einer zusätzlichen Reflexion) schließt
man sich anscheinend von der universellen Dynamik aus: Je nach
dem gewählten Rang des Selbstbewusstseins wird der "Ge-
wahrseinskanal" enger oder weiter. (Es handelt sich natürlich um den
Trichterkanal des Bewusstseins.) Ganz zu schließen ist er nicht...
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Gewahrsein bedeutet, kurz gesagt, Bewusstsein/Unterbewusstsein
als dynamisch (infinitesimal-) strukturiertes Ganzes.
 Gewahrsein ist