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Göttliches Grün – Ein Stückchen Alpen in Sachsen

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Abstract

Divine green - a piece of the Alps in Saxony. Article on the first alpine jadeite axe identified in Saxony (Germany). Also the only decent colour-photo of an artefact made of Szentgál radiolarite found Germany. Pre-publication version, there might have been one or two very minor corrections to the text of the printed article.
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In dieser Zeit ist ein charakteristisches rotes
Feuersteinmaterial, der sogenannte Szentgál-
Radiolarit, ein begehrter Rohstoff, der fast als
ein Leitfossil für die älteste Phase der Band-
keramik betrachtet werden kann. Auffällig ist
dabei, dass es sich nicht einmal um ein beson-
ders qualitätvolles Material handelt: In den
meisten Siedlungen ist in der näheren Umge-
bung deutlich besserer Feuerstein vorhanden.
Höchstwahrscheinlich hängt die besondere
Bedeutung mit der Herkunft, unmittelbar nörd-
lich des Plattensees in Ungarn, zusammen. Es
ist genau diese Region, in der die LBK kurz vor
5500 entsteht. Somit kann davon ausgegangen
werden, dass es das auffällige Aussehen in
Kombination mit der Herkunft aus einer mythi-
schen Region ist, was die meistens in kleinen
Stücken weitergegebenen Feuersteine zu einer
begehrten und wohl auch identitätsstiftenden
Besonderheit macht. Das bislang am weites-
ten vom Gewinnungsort gefundene Exemplar
wurde bei Ausgrabungen in Ostheim bei Frank-
furt/Main mehr als 700 Kilometer Luftlinie
von der Quelle entdeckt. Über noch größere
Göttliches Grün – Ein Stückchen
Alpen in Sachsen
Von Rengert Elburg und Uwe Reuter
Netzwerke
Im Gegensatz zu den gängigen Vorstellungen ist
das Leben im Neolithikum alles andere als sess-
haft. Zwar wohnen die ersten Bauern in Mittel-
europa in festen Behausungen, ihre Mobilität
bleibt indes erstaunlich hoch. Einen ersten Ein-
druck davon vermitteln neuerdings Isotopen-
analysen, die verdeutlichen, dass ein Großteil
der Bevölkerung nicht dort aufgewachsen ist,
wo sie bestattet wurde. Leider bleibt dabei in den
meisten Fällen offen, woher sie genau gekom-
men sind. Anders ist das mit Gegenständen, die
häufig in den Siedlungen gefunden werden, bei
denen eindeutig zu belegen ist, dass sie über
weite Entfernungen gereist sind. Diese ganz
Europa überziehenden Netzwerke sind bereits
seit den Anfängen der Linienbandkeramik
(LBK) zwischen 5500 und 5300 v. Chr. belegbar.
1: Das neu entdeckte
Jadeitbeilchen am
Herkunftsort des Roh-
materials, im Hinter-
grund der Gipfel des
Monte Viso.
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sollte. Bei Jadeit handelt sich um ein Mineral,
das unter enormem Druck, aber bei, geologisch
gesehen, relativ niedrigen Temperaturen gebil-
det wird; Bedingungen, die es nur in sog. Sub-
duktionszonen an den Rändern von Kontinen-
talplatten gibt. Auch das macht es an der Erd-
oberfläche so selten: Erstens muss das Gestein
irgendwie an die Oberfläche kommen, was nur
unter bestimmten Bedingungen bei Gebirgsfal-
tung geschieht. Zweitens ist das Mineral unter
den oberflächennahen Bedingungen nicht sta-
bil, sodass es sich im Laufe der (geologischen)
Zeit zersetzt. Die Farbe kann sehr unterschied-
lich sein, spielt aber meistens ins Grünliche,
wobei die tiefgrüne Variante auch historisch
die begehrteste war. In Rohform ist es ein eher
unauffälliges Material, das seine tiefe Färbung
erst nach dem Schleifen zeigt. Jade hat, neben
der attraktiven Farbe, drei Eigenschaften, die
es deutlich von anderen Gesteinen unterschei-
det: Dichte, Zähigkeit und Härte. Die Härte
liegt mit 6,5 bis 7 auf der Mohs-Skala im glei-
chen Bereich wie Feuerstein, wichtiger ist für
die Herstellung von Steingeräten jedoch die
enorme Zähigkeit des Gesteins. Dies macht eine
Entfernungen werden Muscheln weiterge-
geben, die seit der Linienbandkeramik häufig
zu Schmuck verarbeitet, in den Gräbern, und
nur dort, gefunden werden. Dieser Spondylus-
Schmuck wurde aus den Schalen einer Stachel-
auster, Spondylus gaederopus, gefertigt, die im
Mittelmeer und Schwarzen Meer beheimatet
ist. Schmuckstücke aus diesem Material, meist
Perlen, Armringe und aus kompletten Schalen-
hälften angefertigte Gürtelklappen, finden sich
bis zum Harz und dem Pariser Becken, mehr als
700 Kilometer entfernt vom Mittelmeer. Aber
auch andere Rohstoffe wurden über extrem
weite Strecken weitergegeben oder in manchen
Fällen vielleicht sogar verhandelt: Obsidian aus
der Ostslowakei, Feuersteine aus den Bergwer-
ken in den südlichen Niederlanden, Bayern
und Frankreich, aber auch Felsgestein für die
Herstellung von Steinbeilen, wie z.B. aus dem
Vorkommen bei Jistebsko in Nordost-Böhmen.
Seit frühester Zeit gehört Sachsen zu die-
sen Netzwerken: Szentgál-Radiolarit wurde
in LBK-Siedlungen im Stadtgebiet Dresden
gefunden (Abb. 2), während eine reiche Aus-
stattung mit Spondylus aus Zauschwitz südlich
von Leipzig bekannt ist. Plattenhornsteine aus
der Gewinnungsstelle bei Abensberg-Arnhofen
sind aus Dresden und Leipzig bekannt, wo ver-
einzelt auch Kerne und Geräte aus Obsidian
gefunden wurden. Dies sind jedoch bei Weitem
nicht die weitverbreitesten Netzwerke, die es
im Neolithikum gegeben hat. Ab Ende des 6.,
aber speziell im 5. Millennium entwickelte sich
ein Distributionssystem, das alles, was es bis
dahin gab, in den Schatten stellte. In der Zeit
um 5300 wurden in den Westalpen erstmalig
Lagerstätten von einem, auch heute noch kost-
baren, grünen Gestein entdeckt, der für die
Herstellung von Steinbeilen verwendet wurde:
Jade (Abb. 1.).
Jade
Jade ist ein sehr seltenes Gestein, das nur an
wenigen Stellen gefunden wird. Die Bezeich-
nung Jade wird, geologisch unscharf, aber
archäologisch durchaus zutreffend, für zwei
Gesteinsarten verwendet, die aus unterschied-
lichen Mineralien aufgebaut sind: Jadeit und
Nephrit. Von diesen beiden ist hier nur das aus
Jadeit bestehende Material von Wichtigkeit,
das offiziell als Jadeitit bezeichnet werden
2: Klingenfragment von
Szentgál-Radiolarit aus
der bandkeramischen
Siedlung von Dresden-
Nickern. Originallänge
51 mm.
3: Lage des Monte Viso
in den italienischen
Westalpen.
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zähe und harte Gestein abbauen zu können,
wurden seitlich von den tonnenschweren
Rohblöcken Feuer entzündet, sodass durch die
Hitze typisch gebogene Bruchstücke abplatzten
(Abb. 4). Aus diesen Fragmenten, die manchmal
zunächst noch mit Holz und Quarzpulver zer-
sägt wurden, sind anschließend in langwieri-
ger und mühsamer Arbeit die Steinbeilklingen
hergestellt worden. Diese Objekte gehören zu
den in der Herstellung aufwendigsten Artefak-
ten der Steinzeit. Experimente haben gezeigt,
dass allein das In-Form-bringen bis zu 400
Stunden braucht. Wenn die Oberfläche perfekt
geschliffen und auf Hochglanz poliert werden
soll, dauert das bei einem großen Beil noch
zusätzlich etwa 1000 Stunden. Die größeren
Exemplare, mit einer Länge von bis zu 40 cm,
sind dann auch nicht mehr als Arbeitsgerät
zu betrachten, sondern dienten ausschließlich
sozialen und wohl auch religiösen Zwecken. Die
Verbreitung dieser Prunkstücke ist erstaunlich:
Es gibt sie im Norden Schottlands und Irlands,
sie wurden in Westspanien und in Dänemark
gefunden, ja sogar aus dem berühmten Grä-
berfeld in Varna an der bulgarischen Schwarz-
meerküste sind mehrere Exemplare bekannt,
also 1800 Kilometer entfernt vom Vorkommen
in den Alpen. Dabei wurden die wenigsten in
gängigen archäologischen Kontexten gefunden,
meistens sind sie einzeln oder in kleinen Grup-
pen an auffälligen Stellen in der Landschaft
deponiert. Eine signifikante Häufung gibt
es in der südlichen Bretagne im Umfeld der
imposanten megalithischen Monumente, was
dafür spricht, dass diese Region eine wichtige
Rolle im gesamteuropäischen Sozialnetzwerk
des 5. Jahrtausends spielte, wenn es sich nicht
gar um ein theokratisches Zentrum handelte
(Pétrequin u. a. 2012a, 24).
Um die Verbreitung und Bedeutung dieser
Prestigeobjekte zu studieren, wurde 2007 ein
groß angelegtes, internationales Forschungs-
programm gestartet: JADE. Im Rahmen die-
ser Inventarisation von möglichst allen aus
Jade gefertigten Beilen mit einer Länge von
über 14 cm, wurden Anfragen bei sämtlichen
archäologischen Institutionen in West- und
Zentraleuropa gestartet. Auch das Landesamt
in Sachsen bekam das Schreiben, das ebenso
den Verfassern zugeleitet wurde. Zunächst
reagierten wir mit leichtem Schulter zucken:
Bearbeitung zwar sehr mühselig, dafür ist die
Haltbarkeit der Schneide extrem hoch und die
Oberfläche lässt sich auf Hochglanz polieren.
Durch die äußerst kompakte Struktur sind
Geräte aus Jadeit auffällig schwer, was neben
der Farbe ein gutes erstes Erkennungsmerk-
mal ist. Jade-Beile sind wegen des exotischen
Materials bereits seit dem 19. Jahrhundert
Gegenstand archäologischer und geologischer
Forschungen, wobei es immer unklar blieb, wo
genau dieses seltene Gestein herkam.
Die Quellen
Es hat mehr als einhundert Jahre gedauert, bis
die archäologische Forschung die Quellen die-
ses Materials nach etwa 5000 Jahren wieder-
entdeckt hat. Im Jahr 2003 fanden Pierre und
Anne-Marie Pétrequin hoch im Monte-Viso-
Massiv in Nordwestitalien nach 12 Jahren
intensiver Prospektion die ersten Blöcke aus
Jadeit und den nah verwandten Gesteinen
Omphazit und Eklogit, die während des Neo-
lithikums für die Herstellung von Steinbeilen
ausgebeutet wurden (Abb. 3). Um dieses extrem
4: Typisches, durch
Hitze abgesprungenes
Jadeitfragment. Ver-
lagerter Lesefund aus
einem Bachbett am
Monte Viso.
M. 1 : 2 (Originallänge
112 mm).
5: Kleines Jadeitbeil
aus Wiederau-Groß-
storkwitz. M. 1 : 1 (Ori-
ginallänge 76 mm).
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Beilklingen ein Exemplar direkt ins Auge.
Zwischen den linienbandkeramischen Dech-
seln und stichbandkeramischen durchbohrten
Äxten lag ein kleines Flachbeil von intensiver
hellgrüner Farbe (Abb. 5). In die Hand genom-
men fiel das für so ein kleines Stück erhebliche
Gewicht auf, sodass es auf Anhieb klar war,
womit wir es zu tun hatten.
Wie fast immer bei solchen Objekten han-
delt es sich bei dem „neuen“ Stück um einen
Lesefund, dessen genaue Fundumstände nur
schwer nachvollziehbar sind. Die einzige Doku-
mentation besteht aus dem zum Beil gehören-
den Fundzettel. Demnach ist es bereits im Sep-
tember 1968 von einem Schüler als Lesefund
gefunden worden, wohl zwischen Großstork-
witz und Wiederau, Altkreis Borna, etwa 20
Kilometer südsüdwestlich von Leipzig. Es wurde
einem Grabungstechniker des Landesmuseums
übergeben. Inventarisiert wurde es erst knapp
30 Jahre später und mit der Nummer 1997/223
in den Zugangskatalog eingetragen, wobei es
den Aktivitätscode PEG-21 zugewiesen bekam.
Typologisch ist die Klinge eher indifferent,
Jadebeile in Sachsen? Noch nie hatten wir ein
derartiges gesehen. Dabei blieb es vorerst, wohl
auch, weil keiner in Sachsen jemals bewusst
ein Jadeitbeil in den Händen gehabt hatte.
Eine Entdeckung
Manchmal braucht es etwas Glück, um einer
neuen Sache auf die Spur zu kommen. Für eine
Ausstellung zu den einmaligen Exponaten aus
bandkeramischen Brunnen wurden einige „nor-
male“ Funde aus der Bandkeramik gebraucht,
als Kontrast zu den nur in den Brunnen erhal-
tenen organischen Materialien. Die Auswahl
war leicht: ein paar Hände voller Scherben,
einige Klumpen gebrannter Lehm und Steinge-
räte. Eine entsprechende Anfrage wurde dem
archäologischen Archiv übermittelt, in wel-
chem eine eifrige Volontärin, Eva Hermann,
entsprechende Funde heraussuchte und zur
Begutachtung und Auswahl auf einem Tisch im
Depot ausbreitete. Als einer der Verfasser dann
„mal kurz zwischendurch“ die Stücke abho-
len wollte, stach unter der bereitgelegten und
säuberlich aufgereihten Kollektion gräulicher
6: Laserscan des Wie-
derauer Jadeitbeils.
(Originallänge 76 mm).
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der Forschergruppe um Pétrequin gemeldet.
Zwar ist die Bestimmung von Rohmaterialien
anhand von Abbildungen so gut wie unmöglich,
aber Form, Farbe und Herstellungsmerkmale
weisen laut Auskunft der Spezialisten auf eine
alpine Herkunft hin.
Werkstätten am Monte Viso
Eine exzellente Möglichkeit, das Stück näher
begutachten zu lassen, ergab sich im Früh-
herbst 2012, als sich auf Einladung von Pierre
und Anne-Marie Pétrequin eine kleine Gruppe
von Archäologen für eine Exkursion zu den vor-
geschichtlichen Abbauplätzen direkt am Monte
Viso traf. Neben den beiden Pétrequins waren
vom „Projet JADE“ auch der Geologe Michel
Errera und der Experimentalarchäologe Daniel
Buthod-Ruffier anwesend. Bereits beim ersten
Blick waren die Spezialisten überzeugt, dass es
sich um einen Jadeit-Beil vom Typ Puy handelt.
Diese Beile gehören zu den späten Typen, die ab
etwa 4300 v. Chr. produziert wurden, wobei die
tiefen Sägeschnitte für ein Produktionsdatum
am Übergang vom 5. zum 4. Millennium spre-
chen. Auch bei dem Rohmaterial besteht kein
Zweifel, dass es aus den Westalpen kommt. Es
handelt sich um ein sehr feinkörniges Gestein
mit leichter Schichtung von milchig-hellgrüner
Farbe. Es sind diffuse weiße Punkte sowie mit-
telgrüne Äderchen und vereinzelt schwarze
Punkte sichtbar. Dieser Materialtyp findet
sich ausschließlich im südlichen Bereich des
Monte-Viso-Massivs, wofür zwei Lokalitäten in
Frage kommen: Bulè und Porco (Pétrequin u. a.
2012b, 67), wobei letzteres für das Vorkommen
weitaus wahrscheinlicher ist. Diese Abbaustel-
len finden sich auf einer Höhe zwischen 1800
und 2400 Meter entlang einer geologischen
Struktur und sind, wenn man weiß, wonach
man Ausschau halten muss, deutlich erkennbar
an den abertausenden Abfallstücken, die hier
zurückgeblieben sind. Hier wurden zwischen
5300 und 3600 v. Chr. die Rohlinge produziert,
die dann später, manchmal weit weg von der
Quelle, zu den wohl heiligen Gegenständen
umgearbeitet wurden. Die Vorkommen liegen
allesamt weit über der Baumgrenze (Abb. 7; 8)
in Bereichen, die nur wenige Monate im Jahr
sicher schneefrei sind und sich nur nach mehr-
stündigen Fußmärschen erreichen lassen. Im
Neolithikum müssen solche Expeditionen noch
man könnte sie in den gängigen Typologien
als Rechteck- oder sogar Flachbeil bezeichnen
(Abb. 6). Die Länge beträgt 76 mm, die maxi-
male Breite liegt direkt an der Schneide und
misst 47 mm, die Dicke beträgt 19 mm. Der
Nacken ist entweder nur unvollständig erhal-
ten oder nie komplett überschliffen worden.
Das Hinterteil weist an den beiden Breitsei-
ten große Ausbrüche auf, die jedoch fast voll-
ständig eine schwache Politur besitzen. Dies
würde eher darauf deuten, dass der Bereich,
der in der Schäftung steckte, weitaus weniger
sauber bearbeitet wurde als der sichtbare Teil.
Ein auffälliges Merkmal sind zwei deutliche
Sägeschnitte auf der einen Breitseite: Einmal
eine Fläche mit schwachen Rillen, die fast die
Hälfte der Breite einnimmt, das andere ist nur
der Rest von einem Schnitt, der senkrecht zu
dem ersteren geführt wurde und noch auf einer
Länge von 24 mm zu verfolgen ist (Abb. 6). Die
Schneide ist zwar leicht beschädigt, aber insge-
samt noch intakt. Einige Rostflecke sind wohl
als Spuren von unsanftem Kontakt mit einer
eisernen Pflugschar im Ackerboden zu deuten.
Im Vergleich mit den großen Prunkbei-
len macht das Wiederauer Exemplar einen
recht bescheidenen Eindruck und wird eher
als ein Arbeitsbeil anzusprechen sein, auch
wenn es aufgrund des exotischen Materials
für den Eigentümer mit Sicherheit eine beson-
dere Bedeutung hatte. Für die Forschung ist
es jedoch ein wichtiges Stück, weil es an der
nordöstlichen Verbreitungsgrenze von Jadeit-
funden liegt. Deshalb wurden einige Fotos und
ein 3D-Laserscan angefertigt und das Stück
7: Jadeitblöcke am Col
Murel mit Monte Viso
im Hintergrund.
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sind. Dafür muss man nicht mit der Schaufel
ins Gelände ziehen, ein Blick in die zahlreichen
Fundkartons reicht mitunter völlig aus. Wer
weiss, welche Kleinodien sich noch unter den
etwa 19 Millionen Fundobjekten im Archäologi-
schen Archiv Sachsen verbergen.
Danksagung: Unser Dank gilt Eva Hermann,
die mit einem glücklichen Griff diese Beilklinge
aus dem Dunkel des Archivs hervorholte, und
Pierre Pétrequin, der die Bestimmung des Roh-
materials und der Typologie durchgeführt hat.
literatur
Frehse 2009: D. Frehse, Die Großsteingeräte aus
der Oberlausitz: eine Bestandsaufnahme. Arbeits-
u. Forschber. sächs. Bodendenkmalpfl. 50, 2009,
17–184.
Pétrequin u. a. 2012a: P. Pétrequin/M. Errera/S.
Cassen/E. Gauthier/L. Klassen/A.-M. Pétrequin/A.
Sheridan, Austausch auf europäischer Ebene –
alpine Jade des 6. bis 4. Jahrtausends v. Chr. Arch.
Deutschland 2012, H. 2, 22–25.
Pétrequin u. a. 2012b: P. Pétrequin/S. Cassen/M.
Errera/L. Klassen/A. Sheridan/A.-M. Pétrequin,
Jade. Grandes haches alpines du Néolithique euro-
péen. Ve et IVe millénaires av. J.-C. Cahiers de la
MSHE C.N. Ledoux 17 (Besançon 2012).
Zwei Bände mit insgesamt über 1500 Seiten
umfasst die Endpublikation des „Projet JADE“, die
alle Facetten vom Rohmaterial bis hin zu ethnogra-
fischen Vergleichen behandelt.
beschwerlicher gewesen sein und zeigen, wel-
chen Wert Jadeit für die damaligen Menschen
hatte, wobei davon auszugehen ist, dass es nicht
jedem erlaubt war, diesen „Heiligen Berg“ zu
besuchen. Wie dieses kleine Stückchen Alpen
nach Sachsen gekommen ist, wird wohl immer
ein Geheimnis bleiben, aber es zeigt, dass die
Neolithiker nicht nur an ihrer Scholle „kleb-
ten“ und wussten, dass es eine weite Welt da
draußen gibt.
Ausblick
Nach dem ersten Fund versuchen wir nach und
nach weitere Stücke zu finden. Mittlerweile
sind zwei weitere Klingen aus exotischem Roh-
material in den Beständen des Landesamtes
identifiziert worden. Das spektakulärste Stück
ist ein hochpoliertes Beil aus Omphazit, das
jahre lang als Briefbeschwerer gedient hat.
Über die Fundumstände ist überhaupt nichts
bekannt, angesichts der Form könnte es sich
auch um ein außereuropäisches Objekt han-
deln. Das zweite Exemplar ist ein Altfund aus
der Umgebung von Braunshain, jetzt Thürin-
gen. Von der Form her handelt es sich, wie bei
dem Exemplar aus Wiederau, ebenfalls um ein
alpines Beil vom Typ Puy. Das Rohmaterial ist
ein sehr dunkles Gestein aus der Jade-Gruppe,
eine Bestätigung, ob es sich dabei um Material
aus den Westalpen handelt, steht noch aus.
Aber auch in der Literatur gibt es weitere Hin-
weise, dass Sachsen im Neolithikum Teil des
Verteilernetzwerkes von Jade-Beilen war. So
wurde bereits 1938 bei Rothenburg/Oberlausitz
ein kleines Steinbeil gefunden, dessen Roh-
material, wohl aufgrund einer Dünnschliffun-
tersuchung, als Jadeit bestimmt werden konnte
(Frehse 2009, 93 Kat-Nr. 295). Ein Beil aus Klein-
seidau (Stadtteil von Bautzen) soll aus Nephrit
gefertigt worden sein (ebd. 90 Kat.-Nr. 252).
Während sich die beiden Stücke aus Wiederau
und Braunshain gut an die Fundkonzentration
von alpinen Beilen in Mitteldeutschland
anschließen, liegen die Stücke aus der Oberlau-
sitz in einem bislang auf der Fundkarte fast
völlig leeren Bereich jenseits der Ostgrenze der
bisher bekannten Verbreitung (Pétrequin u. a.
2012a, 22).
Dieses kleine, nicht einmal 8 cm lange
Beilchen zeigt zum wiederholten Male, welche
unverhofften Entdeckungen noch zu machen
8: Schlagplatz, übersät
mit Abfallstücken aus
Jade.
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