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Rainer.bartel@jku.at
www.econ.jku.at/Bartel
Politische Ökonomie und Bildung
Kurzbeitrag zu „Schöne, neue Bildung“, Tagung
der Studienrichtungsvertretung Politische Bildung und
des ÖH-Referats für Bildungspolitik
JKU Linz, 13.12.2011
http://pobi.servus.at/bildung/
1. Originaltöne ......................................................................................................... 1
2. Gesellschaft, Wissenschaft, Politik ...................................................................... 1
3. Zivilgesellschaft, Universität und Bildung ............................................................ 2
4. Stipendien und Studiengebühren ........................................................................ 3
5. Hausaufgabe ....................................................................................................... 4
Literatur ...................................................................................................................... 4
1
1. Originaltöne
“Uncertainty creates the potential to exercise power, information provides the capaci-
ty to do so.” (Mueller 1989: 248)
„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit
ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt, und keine
Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde,
dann machen wir weiter Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“
(Jean Claude Juncker, in: Der Spiegel 52/1999)
‘Herman Cain Tells Occupy Wall Street Protesters to ”Blame Yourself”’ (…) ’Speaking to the
Wall Street Journal, Republican presidential candidate Herman Cain said the demon-
strators are coming across as “anti-capitalism.“ (…) “Don’t blame Wall Street, don’t
blame the big banks, if you don’t have a job and you’re not rich, blame yourself!“ Cain
said. „It is not a person’s fault because they succeeded, it is a person’s fault if they
failed. And so this is why I don’t understand these demonstrations and what is it that
they’re looking for.“’ (ABC News, Oct. 5
th
, 2011, http://abcnews.go.com/Politics/cain-
tells-occupy-wall-street-protesters-blame/story?id=14674829, 7.10.2011)
2. Gesellschaft, Wissenschaft, Politik
Das System Gesellschaft ist ein System des Erlangens und Bewahrens von Macht –
nicht zuletzt oder gar zuvorderst für persönliche oder ideologische Ziele.
Restriktionen solcher Machtpolitik liegen im Widerwillen des informierten Betroffenen
(Mueller 1989).
Setzen wir uns über Margaret Thatchers Auffassung, es gebe keine Gesellschaft, sie
kenne nur Männer, Frauen und Familien, hinweg und setzen wir die Existenz nen-
nenswerter Gemeinschaftsinteressen voraus also alles, was über die Vermeidung
der Kosten der Anarchie durch den Minimalstaat hinausgeht –, so ist Bildung als
„Gegenmacht“ zu verstehen.
Das Konzept countervailing power wurde von John Kenneth Galbraith (1952) ge-
prägt.
Um Gegenmacht im Sinn demokratischer Kontrolle und Steuerung aufbauen zu kön-
nen (Bartel 1993), sollten wir uns mit Michel Foucault befassen.
Er war überwiegend daran interessiert, unter welchen gesellschaftlichen Bedingun-
gen Wissen produziert wird, unter welchen es verbreitet und enkulturiert wird: durch
Zeichen, Körper, Diskurse, Normalisierung, Gouvernementalität (Lorey 2006, Fisch
2011).
„Der Mensch kann in der natürlichen Welt nicht leben; er macht sie sich mit seinen
Konstruktionen bewohnbar. Diese menschliche Leistung gründet auf den Diskursen,
die uns mit ihren Darstellungen nahe legen, wie die Welt der Dinge ‚wirklich’ ist, wie
wir sie wahrzunehmen und zu denken haben“ (Ziegler 2008: 17).
2
Mit solcher Brille kann das historisch evolvierte System dekonstruiert werden.
Das Streben nach Wahrheit – sei es auch eine Sisyphos-Arbeit und Tantalus-Qual
ist nach Foucault die Gewähr für wissenschaftliche Redlichkeit; insofern müsse seri-
öse Forschung die Wissenschaft rechtfertigen (Fisch 2011).
Doch wer kann schon die erforderliche Seriosität überprüfen?
Das wichtigste hierfür ist nach Foucault das Sagenkönnen, die Möglichkeit sachlicher
Auseinandersetzung: Das Selbstverständliche müsse sich eben verflüssigen (Ziegler
2006).
„Die Überzeugungskraft und Macht der Diskurse beruht auf drei Prinzipien (Foucault
1974): Diskurse arbeiten mit Prozeduren der Ausschließung und des Verbotes wir
hätten nicht das Recht, bei jeder Gelegenheit alles zu sagen. Sie arbeiten zweitens
mit dem Prinzip der Grenzziehung und Verwerfung – es gäbe vernünftige und wahn-
sinnige Redeweisen; was die ‚Verrückten’ uns zu sagen hätten, sei ohne Bedeutung.
Und drittens vermitteln uns die Diskurse Vorstellungen darüber, was falsch und was
richtig ist, oder vielleicht genauer: was wir als wahr betrachten wollen und welche
institutionelle Macht uns verbürgt, dass eine Wahrheit die höchste ist“ (Ziegler 2008:
17).
Der Lernbedarf, der in dieser Hinsicht besteht so meine These ist vor allem bei
den Politiker_innen gegeben; sie müssen sich von ihren spin doctors emanzipieren
können (Bartel 1994), etwa so wie Franklin D. Roosevelt von seinen Beratern.
Politik muss sich wieder wesentlich stärker auf der effektiven Kommunikations- und
faktischen Nutzenebene der Menschen in der Gesellschaft ansiedeln, statt auf der
Kommunikationsebene der spin doctors und auf der Nutzenebene der Märkte und
der „Tüchtigen der Märkte“.
Gute Politik setzt Transparenz voraus (Filzmaier 2010), ebenso wie das Wahrheits-
streben im Foucault’schen Sinn.
Galbraith (2004/2005) spricht in seinem letzten Buch nicht mehr von Marktwirtschaft,
sondern von Managerwirtschaft.
Manager_innen sind eine Kaste, die es versteht, Macht zu entwickeln, heutzutage
vor allem auf den Vermögensmärkten und auf den Arbeitsmärkten: Sie treffen damit
sowohl die shareholders als auch die stakeholders.
Zumindest das sollte die Politik als beachtenswert empfinden oder zur Kenntnis
nehmen oder gar zum Ausgangspunkt für eine andere Politik (nicht im Sinn von Alois
Mock) nehmen.
3. Zivilgesellschaft, Universität und Bildung
Zivilgesellschaft ist ein schönes Wort. Es gefällt mir, weil es u. a. auf eine zivilisierte
Gesellschaft hinweist.
Zivilisierte Auseinandersetzung zur Lösung von Konflikten ist positiv zu besetzen.
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Vor wenigen Tagen in einer Talk Show auf einem öffentlich-rechtlichen deutschen
Fernsehkanal: Ein Lehrer meldet sich aus dem Publikum zu Wort. Er beklagt, dass
seine Schüler_innen lernen mussten, dass das, was sie in der Schule gelernt hätten,
falsch war nämlich dass die freie Meinungsäußerung ein wichtiges zivilisiertes Gut
sei. In einem offenen Diskussionsprozess beschlossen die Schüler_innen völlig von
sich aus, an einer Demonstration teilzunehmen. Dieser Wunsch verging ihnen ange-
sichts der massiv repressiven, antizipativen Intervention der Polizei.
Die Zivilgesellschaft, so meine ich, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten die
beste Rolle in der gesellschaftlichen Bildung gespielt.
Die Zivilgesellschaft hat damit die Mission der Universitäten alles sagen können,
alles begründen müssen – übernommen, ist solcherart für sie in die Bresche ge-
sprungen.
Wenn jemand die Globalisierung rettet, wenn jemand die soziale und humane
Marktwirtschaft reanimiert (Rodrik 1996, 2002), dann ist es die Zivilgesellschaft.
Da einige aus der Zivilgesellschaft durch die Universität gegangen sind, könnte sich
diese damit auch rühmen.
Doch die Universität ist längst in der Entwicklung auf dem Weg zur Fachhochschule
begriffen. Vielleicht ist sie sogar bereits der Herrschaft der Manager_innen unterwor-
fen.
Dagegen kann – im Sinn der Freiheit des Menschen bei Albert Camus – etwas getan
werden.
(1) Wiederum im Sinn von Foucault, dass solide Kritik fast alles sei und in ihrem
Dienst – die Analyse- oder Dekonstruktionsmethoden stets zu begründen und zu
rechtfertigen wären, müssten die Universitäten ihre Strategie ernsthaft überdenken.
(2) Mit Bertrand Russell (1950) müssten die Universitäten gegen die subjektive Se-
lektion und Interpretation der Wahrnehmung, ankämpfen: Patentrezepte und Ge-
brauchsanleitungen für spezielle, historisierte, komplexe Probleme wären passé.
(3) Im Anklang von Konrad Paul Liessmanns Theorie der Unbildung (2006) soll der
Bildung, Forschung und Lehre wieder viel mehr Zeit eingeräumt werden.
(4) Universitäre Bildung hat etwas mit persönlicher Auseinandersetzung zu tun.
Fernstudien sind in diesem Sinn keine Universitätsstudien, Vorlesungsübertragungen
keine vollen Universitätslehrveranstaltungen.
4. Stipendien und Studiengebühren
Was hat das mit Stipendien und Studiengebühren zu tun? Nun:
(5) Die Studierenden müssen Zeit haben, an die Universität zu kommen: Und Zeit ist
bekanntlich Geld. (Die Ökonom_inn_en sagen, die Alternativkosten der Bildung dürf-
ten nicht übersehen werden.)
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(6) Wenn Studiengebühren eingehoben werden sollen, dann ist aus der hier angefer-
tigten Brille Folgendes zu betrachten und beachten:
(a) Die Frage der Studiengebühren ist ergebnisoffen und fundiert zu debattieren
keinesfalls a priori auszuschließen.
(b) Emotionale Intelligenz ist dazu schwer gefordert (Illouz 2009), zuweilen sogar
systemisch überfordert (Côté et al. 2011); der Widerwille und die kategorische
Verneinung ist nur allzu verständlich, wenn wir uns ansehen, in welche Richtung
die Systemänderungen im Namen der good governanceoder sogar der good
governmentality (Lorey 2006) in den vergangenen drei Jahrzehnten geführt
haben.
(c) Es sollen keine guten Studierenden verloren gehen. Aber wann und wo und
wodurch stellt sich das zuverlässig heraus? Auf die Vorselektion aus dem vo-
rangegangenen Bildungsweg können wir uns offenbar nicht verlassen.
(d) Ein Studiengebührensystem muss homogen in ein Stipendiensystem einge-
passt werden. Mit dem knappen Gut entwicklungsfähigen Höchsttechnologie-
Know-hows müssen wir ökonomisch effizient umgehen (Keine_r darf uns verlo-
ren gehen!).
(e) Studiengebühren sollten nicht als finanzieller Notnagel eingeführt werden; sie
dürften den Staat nicht aus seiner Finanzverantwortung entlassen, sofern
stimmt, was die volkswirtschaftliche Wachstumstheorie sagt.
5. Hausaufgabe
Das System ist durch Macht wesentlich gekennzeichnet. Erörtern Sie, wer welches
Interesse an wahrer Bildung hat!
Literatur
Bartel, Rainer (1993), Öffentliche Finanzkontrolle als politische Machtkontrolle: Eine ökonomische Fundierung, in: Politische
Vierteljahresschrift (34), 4, 613-639
Bartel, Rainer (1994), Kontrolle und Beratung in der Wirtschaftspolitik, in: Wirtschaftspolitische Blätter (41), 4, 442-462
Bartel, Rainer (2011), Gleichheit – ein unökonomisches Thema und eine wirtschaftspolitische Unmöglichkeit? Papier für den
Kongress „momentum 11 – Gleichheit“, 27.-30. Oktober, Hallstatt
Côté, Stéphane / DeCelles, Katherine / McCarthy, Julie M. / Van Kleef, Gerben A. / Hideg, Ivona (2011), The Jekyll and Hyde
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weiter, Verlag ecowin: Wien
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