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Lebendiger Begriff - Begriffenes Leben. Zur Grundlegung der Philosophie des Organischen bei G.W.F. Hegel

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Abstract

Die Arbeit „Lebendiger Begriff – Begriffenes Leben. Zur Grundlegung der Philosophie des Organischen bei G.W.F. Hegel“ untersucht die Struktur und Erträge der Hegelschen Philosophie des Organischen. Sie gliedert sich in zwei Teile, einem ersten zum Status der Naturphilosophie in der Gegenwart und einem zweiten Teil, der der Untersuchung der Hegelschen Philosophie des Organischen gewidmet ist. Zunächst wird die Situation der heutigen Naturphilosophie skizziert. Ausgehend von der These, dass die Naturphilosophie eine in der Gegenwart zu Unrecht vernachlässigte Disziplin der Philosophie ist, werden die grundsätzlichen Optionen einer aktuellen Naturphilosophie diskutiert, wobei für eine synthetische Naturphilosophie argumentiert wird. Sodann wird Hegels Argumentation nachgezeichnet und auf ihre innere Kohärenz geprüft. Hegels Ausführungen zum Leben in der Phänomenologie, der Logik und der Naturphilosophie werden analysiert, um Argumentationslinien deutlich werden zu lassen, die auch für die aktuelle Auseinandersetzung der Philosophie mit den Ergebnissen der Biologie fruchtbar sein können
5
Inhalt
0.
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
I.
Naturwissenschaft, religiös-mythische Naturbetrachtung,
Naturphilosophie.
Einleitende Überlegungen
zum systematischen Ort der Naturphilosophie
0.
Naturphilosophie als umstrittene Disziplin . . . . . . . . . . . .
13
1.
Naturwissenschaft. Ihr Wesen und die szientistische Na-
turphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
16
1.1.
Naturwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
16
1.2.
Szientistische Naturphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
23
2.
Religiös-mythische Naturdeutung und antiszientistische
Naturphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
32
2.1.
Ontologische Aspekte der antiszientistischen Naturbe-
trachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
33
2.2.
Ethische Aspekte der antiszientistischen Naturbetrach-
tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
39
2.3.
Methodologische Aspekte der antiszientistischen Natur-
betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
42
3.
Naturphilosophie als Synthese aus Szientismus und Anti-
szientismus: Die Aktualität des hegelschen Ansatzes . . . . .
48
3.1.
Die Irreflexivität der szientistischen und der antiszien-
tistischen Natursicht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
50
3.1.1.
Szientismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
50
3.1.2.
Antiszientismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
64
3.2.
Die Erweiterung des Vernunftkonzepts in der jüngeren
Philosophie und Möglichkeiten für die Naturphilosophie .
77
3.2.1.
Wissenschaftliche und reflexive Vernunft: Die Erweite-
rung des Rationalitätskonzepts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
78
3.2.2.
Programmatische Skizze der Anforderungen an eine zeit-
gemäße Naturphilosophie der Rückgriff auf Hegel . . . . .
84
6
II.
Hegels Philosophie des Lebendigen.
Die dialektische Deutung des Organischen als Begriff
1.
Die dialektische Naturphilosophie Hegels im Zusam-
menhang des Systems des absoluten Idealismus . . . . . .
89
1.1.
Der Vorrang des Logischen im objektiven Idealismus. .
91
1.2.
Die Dialektik von Endlichkeit und Unendlichkeit als
paradigmatische Grundlegung des objektiv-idealisti-
schen Naturbegriffs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
93
2.
Hegels objektive idealistische Naturphilosophie . . . . . .
101
2.1.
Hegels Naturphilosophie als synthetische Naturphilo-
sophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
101
2.2.
Hegels Begriff der Natur: Die Bestimmung der Natur
als Endlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
112
2.2.1.
Die Natur im Verhältnis zur logischen Idee: die Ent-
äußerungsproblematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
112
2.2.2.
Die Aspekte des Naturseins bei Hegel . . . . . . . . . . . . .
116
3.
Das Organische in Hegels objektivem Idealismus . . . . .
123
3.1.
Die Grundlegung des Organismusbegriffs . . . . . . . . . .
123
3.1.1.
Das Organische in der Phänomenologie des Geistes:
Die Vernunft als Ding . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
124
3.1.1.1.
Der Ort des Organischen in der Phänomenologie . . . . .
125
3.1.1.2.
Selbstbewusstsein und Leben: Das Organische als Ver-
nunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
129
3.1.2.
Die Grundlegung der Philosophie des Organischen in
der Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
134
3.1.2.1.
Der Begriff als höchste Bestimmung der Logik . . . . . .
136
I. Der Begriff als Abschlussbestimmung: der Auf-
bau der Logik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
137
II. Der Begriff als Wahrheit der Substanz . . . . . . . .
140
III. Die Aspekte des Begriffs . . . . . . . . . . . . . . . . . .
145
3.1.2.2.
Der Zweckbegriff der Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
150
I. Mechanismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
156
II. Chemismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
161
III. Der Zweck als Einheit von Mechanismus und
Chemismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
164
3.1.2.3.
Die Idee des Lebens als Einheit von Mechanismus und
Chemismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
177
7
3.2.
Der Ort der Organik in der Realphilosophie . . . . . . . . .
204
3.2.1.
Begreifende Betrachtung der Natur: Naturphilosophie
als angewandte Ontologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
204
3.2.2.
Der Aufbau der Naturphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . .
213
3.3.
Das Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
227
3.3.1.
Der Aufbau der Organik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
227
3.3.2.
Pflanze und Tier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
236
3.3.2.1.
Die äußere subjektive Einheit der Pflanze . . . . . . . . . . .
243
3.3.2.2.
Die vollendete organische Subjektivität des Tieres . . . .
247
3.3.3.
Gattung und Ökosystem. der Abschluss der Natur-
philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
259
3.4.
Abschließende Betrachtung. Zusammenfassung der
Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
275
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
281
0. Einleitung
8
0. Einleitung
9
0. Einleitung
Die vorliegende Arbeit untersucht die Struktur und die Erträge der hegelschen
Philosophie des Organischen, die hierbei nicht nur historisch als überholter
Beitrag zur Philosophiegeschichte, sondern in ihrer möglichen systematischen
Aktualität diskutiert werden soll.1 Eine solche Annäherung an die hegelsche
Naturphilosophie basiert auf mehreren Voraussetzungen, die einer einleitenden
Rechtfertigung bedürfen.
Wenn diese Arbeit also nicht historisch, sondern systematisch angelegt ist,
wenn man nicht nur über Hegel, sondern von diesem zu lernen sich zum Ziel
setzt, so muss zunächst die Möglichkeit von Naturphilosophie überhaupt
angesichts des ‚Konkurrenzunternehmens‘ der Naturwissenschaft plausibel
gemacht werden. Hieraus ergibt sich, dass der erste Teil der Arbeit sich
ausführlicher mit der neueren Debatte um die Möglichkeiten und Grenzen der
Naturphilosophie ausführlicher beschäftigt. Hierbei soll insbesondere unter-
sucht werden, inwiefern der Typus einer Hegelianischen Naturphilosophie, wie
er später im Kapitel II. 2 näher skizziert werden wird, heute aktualisiert werden
könnte. Dazu wird zunächst die Naturphilosophie von Naturwissenschaft
einerseits (Kaptitel I 1.), aber auch von einer mythisch-religiösen Einstellung
zur Natur andererseits (Kapitel I 2.) abgegrenzt. Im dritten Kapitel sollen
Konsequenzen für eine zeitgemäße Naturphilosophie gezogen werden, die dem
Grundgedanken der hegelschen Naturphilosophie nahe stehen. Das Plädoyer
für eine systematische Rekonstruktion dieses philosophischen Ansatzes ergibt
sich aus den vorangegangenen Überlegungen zum Wesen der Naturwissen-
1 Diese Arbeit ist also systematisch und nicht historisch-philologisch angelegt. Bezüge zum
Stand der Naturwissenschaft zu Hegels Zeit werden nur insoweit berücksichtigt, insofern sie
Kuriositäten in Hegels Organik aufhellen oder für das Verständnis einzelner Paragraphen not-
wendig sind. Da diese Arbeit auf den wissenschaftlichen Stand der Gegenwart bezogen ist und
da Hegels Philosophie vom Grundansatz her auf ‚überzeitliches‘ Wissen abzielt, ist es nicht nur
legitim, sondern gefordert, seine ‚Ableitungen aus dem Begriff‘ mit neuen Ergebnissen zu ver-
gleichen. Zum Verhältnis Hegels zu dem Stand der Wissenschaften seiner Zeit siehe die ein-
schlägige Literatur: i) Zur Naturphilosophie und -wissenschaft im Allgemeinen etwa: D. v.
Engelhardt (1972), (1986), M. Gies (1987), H. Schipperges (1974) ii) Zur Organik im Besonde-
ren etwa: O. Breidbach (1982), (1998), R. Löther (1972). Gegenüber diesen historischen
Vergleichen ist der von Hegels Philosophie her ebenso geforderte Vergleich der Naturphiloso-
phie zu Ansätzen der Gegenwart eher eine Ausnahme, vgl. i) zur Physik und zur Naturphiloso-
phie im Allgemeinen: B. Falkenburg (1987), W. Neuser (1995), D. Wandschneider (1982),
(1986), (1987b), (1999) ii) zur Organik und Biologie im Allgemeinen: V. Hösle (1987), D.
Wandschneider (1987a), (1999).
Im Allgemeinen kann von einer Renaissance der Bearbeitung der hegelschen Naturphiloso-
phie in Deutschland seit den 1980er Jahren gesprochen werden (so auch zusammenfassend D.
Wandschneider (2001), 142), vgl. die Sammelbände von R. -P. Horstmann und M. J. Petry
(1986) sowie M. J. Petry (1987) und jüngst zu Hegels Jenaer Naturphilosophie K. Vieweg
(1998). Zur Naturphilosophie des deutschen Idealismus im Allgemeinen siehe K. Gloy/ P.
Berger (1993).
0. Einleitung
1a
schaft und aus der Kritik am logischen Positivismus und Szientismus sowie aus
einer kritischen Betrachtung religiös-kontemplativer Zugangsweisen zur Natur.
Im zweiten Teil der Arbeit wird die systematische Kohärenz und Aktualität
der hegelschen Philosophie der Organik kritisch untersucht. Die Arbeit stellt
sich dabei auf den Standpunkt eines hypothetischen Sich-Einlassens auf die
Grundposition des hegelschen Systems, wie er im ersten Teil als Option ge-
rechtfertigt wurde, um die innere Kohärenz des hegelschen Ansatzes mit Blick
auf die Philosophie des Lebens zu untersuchen. Trotz einem in letzter Zeit
gestiegenen Interesse an der hegelschen Naturphilosophie liegt noch keine
umfassende Untersuchung zur systematischen Fundierung der hegelschen
Philosophie des Organischen, wie sie hier versucht wird, vor. Von Interesse ist
hierbei, welche logisch-apriorischen Überlegungen Hegels Fassung des Organi-
schen bestimmen und wie die logische Grundlegung in der Naturphilosophie
zum Tragen kommt, um zu erwägen, welche Momente des hegelschen An-
satzes auch für eine aktuelle Philosophie des Organischen fruchtbar gemacht
werden nnen.
Hierfür wird zunächst Hegels Option für den objektiven Idealismus an-
hand der hegelschen Ausführungen zum Begriffspaar des Endlichen und des
Unendlichen dargestellt (II 1.), wobei sodann Hegels Grundposition sich als
synthetische Naturphilosophie im Sinne der Darstellung des ersten Teils der
Arbeit erweisen lässt. Zugleich kann vorwegnehmend untersucht werden, wie
die Grundkontur der Fassung des Absolut-Ideellen, die zum ersten Mal im
Begriff des Wahrhaft-Unendlichen in Hegels Logik aufscheint, Hegels Natur-
bild insgesamt bestimmt. (II 2.) Die Momente des hegelschen Naturbegriffs
werden zum einen dargestellt, unter Rückgriff auf die Überlegungen des ersten
Teils wird zum anderen gezeigt, inwieweit dieser Naturbegriff sowohl den
wissenschaftlichen Ansprüchen als auch einigen der wichtigen Intuitionen der
Antiszientisten genüge leisten kann.
Sodann wird Hegels Betrachtung des Organischen in der Phänomenologie
des Geistes kurz skizziert (II 3.1.1.). Diese Ausführungen Hegels sind noch
nicht wie die spätere Naturphilosophie in einer Wissenschaft der Logik fundiert
und weisen bei aller herausgestellten Ähnlichkeit in der Fassung des Lebens
einige Mängel auf. Zwischen der Betrachtung der anorganischen Natur und der
Darstellung des Lebens werden hier von Hegel Überlegungen zum Selbstbe-
wusstsein eingeschoben, die zwar Hegels Identifikation des Lebens mit der
Struktur der Subjektivität plausibilisieren, die zugleich aber den Gang von der
anorganischen Natur zum Leben unterbrechen.
Anschließend werden diejenigen Konzepte untersucht (II 3.1.2.), die im
ausgearbeiteten System Hegels die Philosophie des Organischen fundieren.
Der Begriff, der Zweckbegriff und die Idee des Lebens werden systematisch
analysiert. Vor allem in der Objektivitätslogik werden einige systematische
Veränderungen vorgeschlagen, die zum einen die logische Stringenz der hegel-
schen Überlegungen erhöhen, sich zum andern unabhängig hiervon auch als
sinnvoll mit Blick auf die Philosophie des Organischen erweisen. Insbesondere
0. Einleitung
11
wird die Doppelung bemängelt, die darin besteht, dass die Logik zum einen ein
Teleologiekapitel enthält, zum anderen zusätzlich ein Kapitel zur Idee des
Lebens umfasst.
Schließlich werden die im Kapitel zur Logik dargestellten Veränderungen
auf die Philosophie der Organik angewendet (II 3.2. und 3.3.), wobei sich vor
allem die Umstellung des Kapitels „Erde“ von dem Anfang der Organik an das
Ende als intern systematisch zwingend erweist. Gleichzeitig bietet der so
veränderte Aufbau der hegelschen Organik die Möglichkeit, einige der zen-
tralen Einsichten der evolutionären Biologie in das hegelsche Modell zu in-
tegrieren und sie um das Konzept des Ökologischen Systems zu erweitern.
Die Darstellung der Philosophie der Organik in ihrem engen Zusammen-
hang mit ihrer logischen Fundierung bei Hegel vermag plausibel zu machen,
dass einige der wichtigsten Einsichten Hegels der Philosophie der Organik sich
gerade dieser logischen Fundierung verdanken, womit Hegels Typ der Natur-
philosophie auch für die Herausforderungen der philosophischen Aufarbeitung
der zeitgenössischen Biologie einen attraktiven Ansatz darstellt.
Die vorliegende Untersuchung wurde 2006 von der Philosophischen Fakultät
der RWTH Aachen als Dissertation angenommen. Mein besonderer Dank gilt
Herrn Professor Dr. Dieter Wandschneider für die vorbildliche Betreuung der
Arbeit. Darüber hinaus danke ich allen, die mir im Studium und bei der Promo-
tion mit Rat und Tat, Anregung und Kritik zur Seite standen, erwähnt seien
insbesondere meine Essener Lehrer Professor Dr. Vittorio Hösle und Profes-
sor Dr. Christian Illies sowie alle philosophischen Freunde und Diskussions-
partner der Essener Ellipse (hierbei habe ich besonders Herrn Dr. Dipl.-Ing.
Ulrich Dorstewitz für die lange Gastfreundschaft und philosophische Freund-
schaft zu danken). Der Studienstiftung des deutschen Volkes gilt mein Dank für
die großzügige Gewährung eines Stipendiums für diese Arbeit. Für die kriti-
sche Durchsicht des Manuskripts sei Nadine Overkamp herzlich gedankt.
Schließlich danke ich meiner Familie, und hierbei nicht zuletzt meinem
Bruder Andreas, für wahrhaft unendliche Diskussionen, Anregungen und
Aufmunterungen.
Jena, März 2007
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
12
0. Naturphilosophie als umstrittene Disziplin
13
I.
Naturwissenschaft, religiös-mythische Naturbetrachtung,
Naturphilosophie.
Einleitende Überlegungen zum
systematischen Ort der Naturphilosophie
0. Naturphilosophie als umstrittene Disziplin
„Die Bücher der Naturphilosophie sind geschlossen“ schreibt zu Beginn der
80er Jahre Jürgen Mittelstraß in seinem Aufsatz ‚Das Wirken der Natur.
Materialien zur Geschichte des Naturbegriffs‘2 und bringt damit eine damals
durchaus weit verbreitete und auf den ersten Blick auch berechtigte Ansicht
über diese Disziplin zum Ausdruck, die bis heute nachwirkt. Auch wenn es,
vornehmlich getragen durch das Bewusstsein der ökologischen Krise, in letzter
Zeit Ansätze zu einer Renaissance der Naturphilosophie gibt,3 so wäre es über-
trieben zu behaupten, dass sie auch heute noch unumstritten zum Kanon der
gegenwärtigen Philosophie gehöre und dass ein zeitgenössischer Philosoph
ohne eine solche zu besitzen nicht auskäme.
4
Mehrere Gründe haben zum Schließen der Bücher der Naturphilosophie
beigetragen, von denen der wichtigste zweifelsohne der ungeheure Erfolg der
Naturwissenschaften ist. Mehr noch, spätestens mit dem logischen Positivis-
mus entsteht das auch heute noch gängige (und nicht ganz unzutreffende)
Bild, dass Naturwissenschaft sich aus dem Kampf gegen Metaphysik, gegen
Religion und durch sie inspirierte ‚idealistische Naturphilosophie‘ entwickelt
habe, dass sie diese überwinden und hinter sich lassen musste, sich auf einen
reinen Materialismus und Immanentismus beschränken musste, um wirklich
wissenschaftlich und erfolgreich zu werden. Die meisten heutigen Geschichts-
schreibungen der Naturwissenschaft und der Naturphilosophie zeichnen den
2 J. Mittelstraß (1980), 36.
3 Zu denken ist im deutschen Sprachraum etwa an die Debatte um die Evolutionäre
Erkenntnistheorie und die Evolutionäre Ethik [vgl. die Diskussionen bei K. Bayertz (1993), E.-
M. Engels (1999). Siehe auch die Schriften von F. M. Wuketits (1993),(1999)], aber auch an die
naturphilosophischen Ansätze von C. F. von Weizsäcker (1972) und die Ansätze vor dem
Hintergrund der ökologischen Krise von K.-M. Meyer-Abich (1979),(1988),(1990),(1997b)
sowie an die bedeutenden Arbeiten zur Naturethik und zur Philosophie des Organischen von
Hans Jonas (1984), (1994). Während die erste Phase der nach-idealistischen Beschäftigung mit
Fragen der Naturphilosophie inspiriert wurde durch die Revolutionen in der Physik, steht die
jüngere Renaissance fast ausschließlich (von Überlegungen zur Quantentheorie abgesehen) im
Zeichen der Biologie (und im Bereich des Leib-Seele-Problems im Zeichen der Neurobiologie).
4 Eine moderne Naturphilosophie oder ausführlichere Bemerkungen zu dieser sucht man bei
den zurzeit bekanntesten deutschen Philosophen, Gadamer, Habermas und Apel, vergeblich.
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
14
Weg der Naturwissenschaft nach als Sieg des Empirismus gegen idealistische
Fiktionen, als Sieg einer metaphysik- und damit vorurteilsfreien Weltsicht
gegen religiös oder metaphysisch inspiriertes Wunschdenken.5
So musste etwa seit Galilei, an dessen Auseinandersetzung mit der Kirche
erinnert sei, die Naturwissenschaft oft schmerzlich gegen ein wirkmächtiges
religiös-metaphysisches Weltbild kämpfen. Der vorkritische Kant etwa musste
sich bei der Darlegung seines mechanistisch-newtonischen Weltbildes gegen
den Atheismusvorwurf wehren,6 und die Auseinandersetzung etwa der Evoluti-
onstheorie gegen die Schöpfungsvorstellung und gegen die alte aristotelisch-
platonische (also ‚metaphysische‘) Idee der Konstanz der Arten7 sind bekannt
5 So etwa F. M. Wuketits in seinen Einführungen, vgl. (1982), 13f., 23. Paradigmatisch für die
Frage der Stellung der Metaphysik zu den Wissenschaften ist m. E. der Streit um Platons
idealistische Philosophie, die entweder als großer Feind der Wissenschaftlichkeit oder als großer
rderer derselben betrachtet wird, womit eine unterschiedliche Bewertung des Verhältnisses
von Metaphysik und Wissenschaft ausgesprochen ist. Vehement im Sinne des Platonismus als
Grundlage der Wissenschaftlichkeit äußern sich Gaiser (vgl. das einleitende Unterkapitel
„Philosophie und Einzelwissenschaften bei Platon“, K. Gaiser (1968), 32ff., in dem für diese
Sichtweise Jaeger, Schadewalt, Friedländer und Natorp genannt werden, und den gesamten
dritten Teil „Platons Stellung in der Geschichte des wissenschaftlichen Denkens, 291ff.) und
grundlegend P. Natorp (1903), der in Platons Idealismus die Begründung von Wissenschaftlich-
keit sieht. In einer aber für das hier skizzierte gängigere Bild typischen Abhandlung zur Ge-
schichte der Naturphilosophie heißt es: „Die beiden großen Systeme [….], das heißt die Philo -
sophie Platons […] und die Universalphilosophie des Aristoteles […] sind, was aber nicht un-
bestritten ist, für die Ausbildung der eigentlichen Grundlagen unserer heutigen Physik und
damit auch Naturphilosophie nicht von besonderer Bedeutung gewesen.“, G. Hennemann
(1975), 24. Dementsprechend wird etwa der Darstellung Platons kaum eine Zeile gewidmet,
wohingegen ausführlich die einzelnen empirischen Einsichten der griechischen Naturphiloso-
phen und der Atomisten gewürdigt werden. (Immerhin wird eingeräumt, dass es Stimmen gibt,
die Platons Raumbegriff der modernen Physik für näher erachten als den Atombegriff der Ato-
misten, G. Hennemann (1975), 25.)
6 So verteidigt der junge Kant seine ,Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels‘ [I.
Kant, Werke, Band 1, 255-396], die auf einer mechanistischen Sicht der Welt basiert, schon in
der Vorrede (A XII, ff.) und im achten Hauptstück (‚Verteidigung gegen den Vorwurf des
Naturalismus‘ [A 144-149]) gegen den Verdacht atheistischer Implikationen: Den Vorwurf,
dass eine allein durch natürliche Gesetze verfasste Welt Gott nicht nötig habe und ihm kein
Platz zum Eingreifen lasse, weist er zurück, indem er Gott die Urheberschaft für die Gesetze
zuschreibt und sich somit gegen naive teleologische Gottesbeweise wendet. Für ihn ist also auch
der Mechanismus Ausdruck einer göttlichen Welt: „[] und es ist ein Gott eben deswegen, weil
die Natur auch selbst im Chaos nicht anders als regelmäßig und ordentlich verfahren kann.“, (A
XXIXf.). Mit der späteren kritischen Wende werden die Ordnungsprinzipien der empirischen
Erfahrung allerdings in das Subjekt verlegt, so dass Gott als Postulat nur noch für die Be-
dingungen der Realisierung moralischer Handlungen in der Welt benötigt wird.
7 Vgl. Aristoteles, De Anima, 415a29 f., wo Aristoteles beschreibt, dass die Tiere und Pflanzen
durch die Zeugung artgleicher Individuen an der Ewigkeit teilhaben. (In Platons Timaios ist
interessanterweise die Idee der Konstanz der Arten nicht zu finden, im Gegenteil lassen sich die
mythischen Überlegungen am Ende des Timaios wohlwollend so deuten, dass auch Platon (wie
Empedokles) offen gegenüber der Idee einer Evolution sei (so V. Hösle (2001), 5f.). Auf
Hegels Ablehnung des Evolutionsgedankens wird noch einzugehen sein.
0. Naturphilosophie als umstrittene Disziplin
15
(und in einigen Teilen Amerikas noch nicht überstanden).8 Aus dieser Her-
kunftsgeschichte der modernen Wissenschaften entsteht das heute weit ver-
breitete Bild einer Frontstellung zwischen religiösem oder metaphysischem
und unwissenschaftlich-naivem Wunschdenken auf der einen Seite und harten
wissenschaftlich-nüchternen Fakten auf der anderen Seite. Zwischen diesen
Fronten steht die heutige Naturphilosophie.
Will man diese mit Rückgriff auf einen ‚idealistischen Denker‘ wie Hegel
befruchten, so muss dieses Bild präzisiert und in Teilen auch korrigiert werden.
Der systematische Ort der Naturphilosophie muss näher beleuchtet werden.
Dies geschieht am besten, indem man sie von einer naturwissenschaftlichen
Herangehensweise einerseits und von einer religiösen Deutung der Natur
andererseits abgrenzt. Dabei sollen das Wesen der Naturwissenschaft im Sinne
eines materialistischen Szientismus und eine mythisch-religiöse anti- oder a-
wissenschaftliche Einstellung zur Natur als zwei extreme Antipoden skizziert
werden.9
8 Womit sich die oftmals antireligiöse Haltung vieler amerikanischer Verteidiger der Evolutions-
theorie erklärt, die sich immer wieder wie etwa Dennett in seinen populären Büchern gegen
‚Himmelshaken‘ und Ähnliches wenden, vgl. etwa D. Dennett (1995), insbes. 73ff.
9 Hegels Verständnis der Aufgaben der Naturphilosophie wird in den Kapiteln II 1. und II 2.
näher analysiert werden. Systematisch orientieren sich die folgenden einleitenden Überlegungen
allerdings bereits insofern an Hegel, als dass versucht wird, die wissenschaftlich-begriffliche Me-
thode in den Wissenschaften darzustellen, denen aber in Hegels Terminologie bei adäquater
Form der ,absolute‘ Inhalt fehlt, wohingegen die mythisch-religiöse Sichtweise in der Form der
Anschauung und der Vorstellung operiert, dabei aber versucht, den Bereich des ‚endlichen‘
Wissens hinter sich zu lassen, um zum philosophischen Inhalt zu gelangen, vgl. Hegels Bestim-
mung der Philosophie als Synthese aus Wissenschaft (Übernahme der Methode) und Religion
(Übernahme des Inhalts) in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, 18.76-
113, insbes. 76f., 81f. (Diese Bestimmung weicht ab von der Philosophie als Synthese aus Kunst
und Religion in Hegels System, vgl. Enzyklopädie 10.379 sowie das Kapitel II 2. dieser Arbeit.)
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
16
1. Naturwissenschaft. Ihr Wesen und die szientistische Naturphi-
losophie
Die Naturphilosophie von Hegel ist bereits vor dem Hintergrund der empiri-
schen Naturwissenschaft geschrieben. Sie ist daher in diesem Sinne nicht ‚vor-
wissenschaftlich‘ und muss sich also mit der Existenz der Naturwissenschaften
auseinandersetzen. Es handelt sich somit nicht mehr um eine ‚konkurrenzlose‘
und umfassende Naturphilosophie im mittelalterlichen oder antiken Sinne des
Wortes, für die der Unterschied zwischen Naturphilosophie und Naturwissen-
schaft nicht in gleicher Schärfe relevant war.10 Das Wesen dieser neu auf-
getretenen Wissenschaft soll im Folgenden kurz idealtypisch skizziert werden
(I 1.1.), um danach die wissenschaftstheoretischen Konsequenzen zu be-
nennen, die vom Erfolg der Naturwissenschaften ausgehend gezogen wurden
und die bei Idealisierung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisweges zur
Frontstellung zwischen Naturwissenschaft und Naturphilosophie geführt
haben (I 1.2.).
1.1. Naturwissenschaft
Das spezifische Novum der modernen Wissenschaften besteht in ihrem kausal-
monistischen Programm, d.h. in der Rückführung der Naturereignisse auf
kausale Naturgesetze, die im Idealfall in mathematischen Relationen quantifizier-
10 Der Begriff der Naturwissenschaft wird erst spät formuliert [nach F. Kluge (1975), 505, erst-
mals benutzt und populär gemacht durch Christian Wolf (1720), nach G. König (1984) gegen
Kluge schon etwas früher bei J. J. Schleuchzer 1703 verwendet. In der neuen Auflage von Kluge
(1999) findet sich der Eintrag zur Naturwissenschaft nicht mehr]: Noch Newton gibt seinem
Hauptwerk den Titel ‚Philosophiae naturalis principia mathematica‘ (1687). Allerdings ist der
Unterschied der Betrachtungsweisen der Natur, der oben im Folgenden herausgearbeitet wer-
den soll, der Sache nach natürlich schon der Antike bekannt, wenn auch diese Differenz nicht
zu einer derartigen Frontstellung zwischen den Disziplinen geführt hat, wie wir sie heute erl e-
ben: Aristoteles unterscheidet in De Anima den Physiker vom Philosophen der Prima Philo-
sophia: Der eine betrachtet die immanenten Wirkursachen und die Stoffursache, der andere die
Formursache, wenn es sie gibt; wenn sie nur als Abstraktion existiert, nennt Aristoteles ihn
nicht Prima Philosophen, sondern Mathematiker [vgl. etwa im ersten Buch von De Anima
(403a27-403b16)]. Die Idee einer Anwendung der Mathematik als Grundlage für die Natur-
philosophie, wie sie Newtons Titel ausdrückt, ist Aristoteles aber fremd. Platon nimmt in seiner
Naturphilosophie im Timaios beide Betrachtungsweisen, eine immanent kausale Erklärung und
eine Erklärung durch ‚Vernunft‘, d.h. auf Sinn und Zweck hin, zusammen und kommt damit
Hegel nahe [siehe hierzu den konstruktiven Vergleich von Platons und Hegels Naturphiloso-
phie bei V. Hösle (1984a)]. Diese beiden Betrachtungsweisen lassen sich in Beziehung setzen zu
der Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen, auf die weiter unten eingegangen werden
wird.
1. Naturwissenschaft
17
bar sind.11 Das bekannte Hempel-Oppenheim-Schema einer deduktiv-nomo-
logischen Erklärung12 legt für eine naturwissenschaftliche Erklärung fest, dass
ein Ereignis in der Zeit auf frühere Ereignisse (die Antecedenz-Bedingungen)
und das Wirken eines oder mehrerer Naturgesetze(s) zurückzuführen ist. Die
Hypothesen über diese allgemeingültigen Gesetze, die aus (experimentellen)13
Beobachtungen induziert sind, können wiederholt empirisch nachgeprüft
werden. Hieraus resultiert der Vorhersagecharakter der modernen Wissen-
schaft. Aus der Mathematisierbarkeit ergibt sich das Diktum von den exakten
Wissenschaften, aus dem Experiment als Methode ergibt sich die für die
Moderne typische Verbindung von Naturwissenschaft und Technik. Moderne
Wissenschaft ist nicht Naturbetrachtung, sondern schon in der Erforschung
‚Naturpraxis‘. Die technische Anwendbarkeit der Ergebnisse der Naturwissen -
schaft wird zunehmend die Rechtfertigung, ja, man kann sogar ohne Übertrei-
bung sagen: das Ziel der Naturerfassung. Die antike Vorstellung der Welterfas -
sung als Selbstzweck im Sinne einer vita contemplativa ist sicher nicht mehr
charakteristisch für die moderne institutionalisierte Naturwissenschaft.14
Analysiert man das skizzierte Programm der modernen Wissenschaft
her, so ist zunächst kennzeichnend, dass von den vier Ursachen des Aristo-
teles die Naturwissenschaften nur die causa efficiens anerkennen: Der gängige
Kausalbegriff bezeichnet eine Wirkung, dessen Ursache früher in der Zeit ist,
so dass Späteres aus Früherem zu erklären ist, damit auch Komplexeres aus
Einfachem, wenn dies zeitlich aus jenem entstanden ist, oder sich aus jenem als
Teilchen oder Kräften zusammensetzt.15 So lässt sich sagen, dass die Biologie
11 Es sei an Galileis berühmten Ausspruch erinnert, nach dem das Buch der Na tur in der Sprache
der Mathematik geschrieben sei. Der Beginn der Mechanik bei Galilei sowie Newtons Physik
können als paradigmatisch für das neue wissenschaftliche Weltverständnis angesehen werden.
Ebenso lässt sich natürlich F. Bacons ‚Novum Organum‘ als früher Vorläufer der empiristischen
Ideen der logischen Positivisten betrachten.
12 Vgl. C. G. Hempel (1948), (jetzt in Ders. (1965), 231-244 bzw. 245-290, insbesondere 249f.;
siehe dort auch das gesamte vierte Kapitel ‚Scientific Explanation‘, 229ff.) und K. Popper
(1973), 31ff. Eine gute Übersicht der Diskussion der Probleme und der Einwände gegen die
DN-Erklärung findet sich bei W. Stegmüller (1973), 75ff., 86ff.,143ff.
13 Dies gilt natürlich nicht für die Astronomie. Auch die Biologie ist erst durch die moderne
Genetik eine experimentelle Wissenschaft geworden. Doch der Verlauf der Evolution lässt sich
natürlich ebenso wenig experimentell wiederholen wie die Genese des Kosmos.
14 So wurde mir jüngst von Naturwissenschaftlern einer deutschen Universität versichert, dass
zur Beantragung von Geldern zur Grundlagenforschung, die nicht unmittelbar technische An-
wendbarkeit in Aussicht stellt, weit mehr Formulare auszufüllen und Begründungen (am besten
über die Hoffnung auf zukünftige Anwendbarkeit) zu leisten seien, als im Fall direkt praxisrele-
vanter Forschung. Dass man ‚dem Wesen der Natur auf den Grund kommen will‘, um zu ver-
stehen, ‚was die Welt im Innersten zusammenhält‘, kann nicht als Motiv jeglicher (naturwissen-
schaftlicher) zeitgenössischer Forschung unterstellt werden und findet wohl auch auf Antrags-
formularen keine passende Stelle zum Ankreuzen oder Ausfüllen.
15 Der Kausalitätsbegriff ist notorisch schwierig zu definieren. Unter Kausalität im naturwissen-
schaftlichen Sinne wird zumeist ein Energieübertrag in der Zeit verstanden. Bei allen Schwierig-
keiten, die jener Begriff hat, so kann er doch im Wesentlichen mit der ‚causa efficiens‘ des
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
18
erst mit der Rückführung teleologischer Verhältnisse auf ein kausales Gesche-
hen, d.h. also mit Einführung des kausalen Selektionsmechanismus als Prinzip
der Evolution, zur Wissenschaft im eigentlichen Sinne wurde, wohingegen sie
vordem ohne dieses gesetzliche Prinzip idiographisch, d.h. Naturkunde bzw. -
geschichte war.16
Betrachten wir nach der Kausalität das weitere Merkmal einer naturwissen-
schaftlichen Weltdeutung: den Monismus (oder Immanentismus). Die Gesetze
der Physik betreffen Kräfte, die der Natur immanent sind: Aussagen über
eingreifende Engel, Dämonen oder andere ,transzendente‘ Wesen gehören,
auch wenn sie in Gesetzesform gebracht sind, nicht in das Repertoire der
Wissenschaft, und die Parapsychologie etwa kann nur dann als Wissenschaft
ernst genommen werden, wenn sie für gewisse Phänomene behauptet, sie
ließen sich unter dem jetzigen Stand der Wissenschaft nicht erklären, seien aber
prinzipiell naturwissenschaftlich, d.h. immanent-gesetzlich erklärbar. Ziel der
modernen Naturwissenschaft ist es also, die naturimmanenten Kräfte und
Elemente aufzuspüren und ihre Gesetzmäßigkeiten zu formulieren. Hierbei
versucht man, die Komplexität der Naturerscheinung zunächst auf Erschei-
nungsform zweier Grundtypen, ‚Kraft‘ und ‚Stoff‘, d.h. Materie und Energie,
zurückzuführen:17 Historisch betrachtet beruft man sich zu Beginn der moder-
Aristoteles identifiziert werden, die bei Aristoteles allerdings nicht diese dominante und aus-
schließliche Rolle spielt, sondern eine unter vier Ursachen ist (So ist es umgekehrt ebenfalls ab-
wegig davon auszugehen, dass bei ihm die ‚causa finalis‘ die ‚causa efficiens‘ ersetze, da es bei ihm
alle vier Ursachentypen gibt. Allerdings ist für Aristoteles die Regelmäßigkeit und Bestimmtheit
einer Wirkung definitorisch mit der causa finalis verbunden, wobei diese Funktion heute zur
causa efficiens geschlagen wird. Das ‚finale‘ ‚Woraufhin‘ einer Veränderung muss als im ‚Woher‘
schon enthalten gedacht sein, soll die Ursache Ursache einer bestimmten Wirkung sein.) Ob
allerdings mit den grundsätzlichen chemischen und physikalischen Materieeigenschaften auch
Aspekte der causa materialis anerkannt werden, wäre zu diskutieren, doch ändert dies nichts an
der vorherrschenden Rolle der Kausalursache.
Nicht eingegangen werden kann hier auf die Frage des Indeterminismus, der in der modernen
Quantenphysik diskutiert wird, d.h. auf die Frage, ob auch nichtkausale Aussagen (die aber
ebenfalls in (statistische) Gesetzesform zu fassen sind) zu dem beschriebenen Bild der Natur-
wissenschaften passen. Jener Indeterminismus ist allerdings zweifelsohne eine Ausnahme inner-
halb des naturwissenschaftlichen Programms und wird sicher auch deswegen so leidenschaftlich
diskutiert. Er hat jedoch nicht dazu geführt, dass man sich von dem Konzept der gesetzmäßigen
Kausalität als Grundlage der Wissenschaft im Allgemeinen verabschiedet hätte.
16 So schreibt Engels in ihrem Buch über die Teleologie, dass der Darwinismus die zweckmäßige
Harmonie im Tierreich erklärt, und zwar als ‚poststabilisierte Harmonie‘ (der Begriff geht auf F.
M. Wuketits zurück), während die Genetik die Formvollendung, d.h. die Morphogenese erklärt.
Für beide Bereiche ist somit eine eigene ‚causa finalis‘ nicht mehr notwendig, vgl. E. M. Engels
(1982), 29f. Dieses Zurückdrängen der Teleologie wird uns im Verlauf der Arbeit noch weiter
beschäftigen.
17 Wenn Natur in ihrem Wesen raumzeitliches Geschehen ist, so sind damit die beiden basalsten
‚Grundentitäten‘ gegeben: ‚Stoff‘ bzw. Materie als das Raumausfüllende und in der Zeit Behar-
rende, ‚Kraft‘ bzw. ‚Energie‘ (oder ‚Strahlung‘) als die Fähigkeit zur (räumlichen) Veränderung
in der Zeit. Dies sind die logisch primären und fundamentalen natürlichen Eigenschaften, auf
die sich idealiter alle anderen Qualitäten und Phänomene zurückführen lassen müssen.
1. Naturwissenschaft
19
nen Naturwissenschaft im Mechanismus zunächst etwa auf Attraktion und
Repulsion als Grundkräfte undurchlässiger Körper, schließlich entsteht die
überaus erfolgreiche moderne naturwissenschaftliche Atomtheorie, deren Ziel
es ist, die ‚Materialien‘ der Natur auf einige wenige Grundbausteine in unter-
schiedlicher Zusammensetzung zurückzuführen, und es gelingt, was die ,Kräf-
te‘ angeht, diese immer mehr ineinander zu überführen. Das Kriterium natur-
wissenschaftlichen Fortschritts besteht in der gelungenen Rückführung ehe-
mals separat erklärter Phänomene als Ausdruck einer beiden gemeinsamen
Gesetzmäßigkeit. Ohne hier auf den konkreten heutigen Status der Energie-
oder Materietheorien einzugehen, oder zu diskutieren, inwieweit das Endziel
einer ‚Grand unified theory‘ oder gar der ‚Theory of Everything‘ illusorisch
oder erreichbar ist, inwieweit also das Programm der modernen Wissenschaften
abschließbar ist,18 so ist doch hinreichend deutlich, dass eine Erklärungsrich-
tung vorliegt, nach der die Vielfältigkeit der Naturerscheinungen als Ausdruck
einfachster Grundkräfte und Gesetzte zu erklären ist.
Hiermit ist also betont, dass es der Wissenschaft um Reduktion von
Komplexität gehen muss. Eine wissenschaftliche Erklärung ist nicht eine An-
sammlung idiographischer Sätze, und Physik betreibt man nicht, wenn man
etwa sollte dies möglich sein eine Landkarte aller Atome zu einem Zeit-
punkt t anlegt, also wenn man Wirklichkeit ‚abbildet‘, sondern wenn man das
Verhalten der Atome oder Körper im Allgemeinen gesetzmäßig erklären kann.
Auch wenn selbstverständlich keine wissenschaftliche Theorie ohne idiographi-
sche Sätze auskommt, so ist das Ziel die Formulierung von nomologischen
Sätzen. Wissenschaftliche Wahrheit besteht also in einer allgemeinen kausalge-
setzlichen Rekonstruktion, nicht in auflistender Vollständigkeit.
Hieraus ergibt sich ein weiteres Merkmal des (natur-)wissenschaftlichen
Ansatzes: er ist ‚axiomatisch‘. Die Reduktion der Einzelereignisse als Ausdruck
eines Gesetzes bzw. einer Grundkraft impliziert, dass, selbst wenn das Ideal
einer ‚naturwissenschaftlichen Weltformel‘ je erreichbar sein sollte, jeweils
unerklärte Grundkräfte und Gesetze übrig bleiben müssen, die als Rahmen der
Erklärung dienen. Reduktion von Komplexität setzt etwas voraus, auf das die
Komplexität reduziert werden kann, das aber selbst nicht wieder reduziert
werden kann, will man nicht dem infiniten Regress verfallen. Dieses
Wesensmerkmal einer jeden (natur-)wissenschaftlichen Erklärung wird weiter
unten, wenn wir uns den Grundargumenten für die Rolle der Naturphilosophie
zuwenden, noch eine entscheidende Rolle spielen: es wird zu fragen sein, inwie-
fern durch den unten zu skizzierenden Verzicht auf eine Naturontologie in der
Nachfolge des logischen Empirismus die philosophischen Fragen über die
18 Der jüngste Versuch, sowohl den ‚Zoo‘ der heute bekannten Elementarteilchen vernünftig zu
reduzieren, als auch eine Brücke zwischen Quantentheorie und Relativitätstheorie zu schlagen,
um diese Theorien zu versöhnen, stellt die kontrovers diskutierte Superstringtheorie dar, die,
wenn auch populärwissenschaftlich, so doch eindrucksvoll in dem Buch von Brian Greene dar-
gestellt wird, vgl. B. Greene (2004).
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
2a
Grundverfasstheit des Naturseienden nicht eher verdunkelt als erklärt wer-
den.19
Als letzte kennzeichnende Eigenschaft des wissenschaftlichen Weltbildes
sei eine Trivialität erwähnt, die trotz ihrer Selbstverständlichkeit von besonde-
rer Bedeutung ist. Naturwissenschaften sind ihrem Selbstverständnis nach
natürlich ‚realistisch‘, d.h. sie gehen davon aus, dass sie mit ihren Methoden
mehr oder minder die Welt so erfassen, wie sie tatsächlich ist. Zwar wird der
Modellcharakter wissenschaftlicher Erklärung vor allem in der jüngeren
Wissenschaftstheorie immer wieder betont, dennoch gehört es zur typischen
naturwissenschaftlichen Weltsicht, dass die Theorien monistisch-kausal sind,
weil die Welt bzw. die Natur ihrem Wesen nach einheitliches kausales Geschehen
ist, das nicht nur ohne Eingreifen von Wundern, geheimen Kräften usf. erklärt
werden kann, sondern auch ohne dergleichen abläuft. Der Monismus der
Naturwissenschaften ist nicht nur methodisch, sondern ontologisch zu verste-
hen. Hierin drückt sich der Objektivitätsanspruch der modernen Wissenschaf-
ten aus, und zumindest auf den ersten Blick kann der empirische Realismus als
paradigmatische Erkenntnistheorie der Naturwissenschaft angegeben werden.
Ein weiteres Merkmal dieses Objektivismus ist die Tendenz zu einem eher
materialistischen Weltbild, das durch die Naturwissenschaft gefördert wird und
das dem objektiv-idealistischen Ansatz von Hegel diametral entgegengesetzt zu
sein scheint. Die Natur soll, wie gesagt, aus sich selbst heraus erklärt werden,
d.h. aber aus ihren ‚Bausteinen‘ Materie, Kräfte und Gesetze. So sind subjektive
Deutungen, sekundäre Qualitäten, die Aufladung des Geschehens mit ‚Bedeu-
tung‘, ‚Aberglauben‘, ‚geistigen Kräften‘, ‚Wundern‘, ‚Werten‘ etc. aus dem
naturwissenschaftlichen Weltbild zu beseitigen. Subjektive Zutaten sollen aus
einer objektiven Weltdeutung verschwinden.
Fassen wir die skizzierten Wesensmerkmale zusammen, so lassen sich also
empirische experimentelle Nachprüfbarkeit, mathematische Exaktheit und
Immanenz der Welterklärung (kausaler Monismus im Sinne der causa effi-
ciens), ‚axiomatischer Aufbau‘ sowie Objektivität und Wertfreiheit, d.h. Ab-
straktion von allem ‚Subjektiven‘ wie Sinn, Zweck und Wunschdenken, als
Merkmale aufzählen. Diesen Merkmalen liegt erkenntnistheoretisch zumeist
19 Ebenso wird zu fragen sein, inwieweit die Naturgesetze tatsächlich als rein ‚naturimmanent‘ zu
betrachten sind, oder ob sie eine andere Seinsweise als die der faktischen Naturdinge haben, und
inwieweit der klassische Atomismus philosophisch und naturwissenschaftlich überzeugend ist,
d.h. also ob der naturwissenschaftliche Immanentismus, wie er in der szientistischen Philoso-
phie vorausgesetzt wird, zu halten ist. Vgl. zum Materiebegriff das Buch von D. J. Schulz (1966)
und den bemerkenswerten Aufsatz zu den ontologischen Voraussetzungen der Naturwissen-
schaft von D. Wandschneider (1985a). Zu dem axiomatischen Aufbau einer jeden Wissenschaft
und zur Notwendigkeit der Zusammenführung der verschiedenen Wissenschaften mit ihren
Grundsätzen in einer umfassenden ‚Wissenschaftslehre‘ siehe Fichtes Programmschrift Über
den Begriff der Wissenschaftslehre. V. Hösle bezeichnet in seinem Hegel-Buch (1988) jene Schrift
als programmatische Grundschrift auch für die Philosophie des objektiven Idealismus von
Hegel und Schelling, siehe dort 22ff.
1. Naturwissenschaft
21
ein empirisches Wahrheitsverständnis zugrunde, d.h. ein mehr oder minder
starker Realismus, der also von der Anwendbarkeit und Adäquatheit der
Methoden aufgrund objektiver Wesensmerkmale der Natur ausgeht.
In der jüngeren Erklären-Verstehen-Debatte hat diese naturwissenschaftli-
che Deutung der Welt die Bezeichnung ‚Erklären‘ bekommen und wurde vom
‚Verstehen‘ abgegrenzt, das ein inneres Motiv als Erklärungsgrund für eine
Handlung einschließt und das, je nach Interpret, somit eine kausale Determina-
tion ausschließt, oder zu dieser ein Motiv hinzu nimmt.20 Diese Unterschei-
dung gilt als konstitutiv für den Unterschied zwischen den Natur- und den
Geisteswissenschaften, und sie bringt in der Tat eine der wesentlichen philoso-
phischen Implikationen des naturwissenschaftlichen Programms zum Aus-
druck: Die ‚Warum-Frage‘ wird nach dieser Unterscheidung in den Natur-
wissenschaften als Frage nach dem ‚Wie [gesetzmäßig] entstanden?‘ begriffen,
wohingegen sie in den Geisteswissenschaften als ein ‚Worumwillen (einer
Handlung) gedeutet wird, also auf etwas Sinnhaftes oder Beabsichtigtes ver-
weist.
Die Betrachtung der Zweckursache als Sinn oder Ziel einer Handlung und
die Betrachtung der faktischen kausalen Genese eines Geschehens treten also
als Wissensgebiete für jeweils einen Typus von Wissenschaft in Natur- und
Geisteswissenschaft auseinander,21 wobei der scheinbar linear steigende Fort-
schritt der Naturwissenschaften auf der einen Seite und die andauernden Par-
teikämpfe philosophischer Schulen und geisteswissenschaftlicher Grundhal-
tungen auf der anderen Seite den Eindruck entstehen lassen, nur das Programm
der Naturwissenschaft könne auf Dauer zu hartem Faktenwissen führen.
Führt man sich die obige idealtypische Skizze und die Erfolge der naturwissen-
schaftlichen Erklärungsweise vor Augen, so kommt man nicht umhin, auch aus
philosophischer Perspektive die Entstehung der modernen Wissenschaft als
ungeheuren Fortschritt auf dem Wege einer vernünftigen Erkenntnis der Welt
anzuerkennen. Diesem Programm liegt nicht nur die Idee der Erkennbarkeit
der Welt zugrunde, sondern auch die Überzeugung der Einfachheit und Uni-
formität der Welt, die mit Hilfe der Naturgesetze und mit einfachen (oft auch
mathematisch simplen und harmonischen) Grundannahmen über die sich in
20 Vgl. hierzu Apel (1979), der in seiner Analyse der Erklären-Verstehen-Debatte von einer
transzendentalen Priorität des Verstehens ausgeht, wie sie in ähnlicher Form auch für den
Bereich der Naturphilosophie vorgeschlagen werden soll (vgl. unten I 3.2.).
21 Diese Trennung kann man methodisch oder ontisch verstehen, allerdings ist bei einer onti-
schen Deutung die Zuordnung nicht eindeutig: Verstehen ist für den Bereich des Geistigen r e-
serviert, aber Erklären lässt sich sowohl Geistiges (menschliche Handlung) als auch Natürliches.
Das Verhältnis von Erklären (also genetisch-kausaler Rekonstruktion) und Verstehen (Einsehen
von Gründen, aber auch normative Bewertung) innerhalb der Geisteswissenschaft ist der Span-
nungspunkt, den jede Theorie des Menschen, des Sozialen, des Geistigen usf. lösen muss. In
dieser Spannung sind die Fragen nach Freiheit und Notwendigkeit, Reduktionismus oder Selb-
ständigkeit und das Problem des Verhältnisses von Genese und Geltung verwurzelt.
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
22
Raum und Zeit befindlichen Kräfte und Stoffe, um sich archaisch auszudrü-
cken, aus sich heraus vollständig gedeutet und verstanden werden kann. Mit
dem Auftreten der modernen Wissenschaften scheint damit das Programm der
Philosophie selbst, zumindest das Programm der Naturphilosophie, die Erkenntnis
der vollständigen Wahrheit (der Natur), auf methodisch sicherem Wege und
mit fortschreitendem Erfolg erreichbar zu sein. Dies ist sicher, neben der tech-
nischen Anwendbarkeit der Resultate der Wissenschaft, ein Grund für die
Faszination dieses Programms, das so verständlicherweise zum Idealtyp von
Wissenschaft und Rationalität überhaupt, und so auch zum Vorbild für die
Philosophie selbst, avancierte. Rationale Reduktion von Komplexität, die Iden-
tifizierung einzelner Ereignisse als Ausdruck eines Allgemeinen (eines Ge-
setzes) ist schließlich die Grundidee des Wissens und Begreifens selbst.
Für die vorliegende Arbeit ist es von großem Interesse, dass die jüngere
Philosophie in ihrer Begeisterung für die Wissenschaft eine Richtung ent-
wickelt hat, die jeder metaphysischen Spekulation, jeder apriorischen Kon-
struktion gegenüber abhold ist und die namentlich Hegel und die deutschen
idealistischen Systembauer im Allgemeinen zu ihren Feinden erklärt hat.22 Die
wichtigsten Argumente dieser Richtung, die in der Bewegung des Wiener
Kreises und des logischen Empirismus bzw. Positivismus ihren Ausdruck fand,
sollen daher nun zusammengetragen werden, um zu prüfen, inwieweit diese
Schlussfolgerungen einerseits tatsächlich mit dem Erfolg der modernen
Wissenschaften im Zusammenhang stehen und diesen zugunsten ihrer Überle-
gungen verbuchen können und inwieweit ihre Argumente andererseits wirklich
überzeugend das Programm einer metaphysischen Naturphilosophie widerlegt
haben, oder ob nicht gerade aus dem Scheitern dieser Bewegung Argumente
für eine objektiv-idealistische Naturphilosophie gezogen werden können.
Dabei soll in diesem Abschnitt diese Position zunächst systematisch dargestellt
und gewürdigt werden, die Kritik jener Position wird dann Aufgabe des
Kapitels I 3.1.1. sein.23 Auf die wissenschaftskritische Wende in der modernen
22 So beginnt das programmatische Werk ,Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie‘ des
dem Wiener Kreis nahe stehenden Philosophen Hans Reichenbach mit einem Hegel-Zitat als
abschreckendem Beispiel für Philosophie, wie sie nicht sein sollte, vgl. H. Reichenbach (1953),
13. Im weiteren Verlauf heißt es: „Hegels System hat mehr als jede andere Philosophie dazu bei-
getragen, die Wissenschaftler von den Philosophen zu trennen, und hat die Philosophie zu
einem Gegenstand der Verachtung gemacht, mit dem der Wissenschaftler nichts zu tun haben
will.“, H. Reichenbach (1953), 88. Neben Hegel steht natürlich Platon auf der Liste der im
schlechten Sinne des Wortes rein spekulativen Philosophen. (Es versteht sich von selbst, dass
Reichenbach nicht über einen Begriff des Spekulativen im guten Sinne des Wortes verfügt.)
23 Auch wenn es Unterschiede in den Akzentuierungen der einzelnen Mitglieder des Wiener
Kreises gibt, ja auch wenn die Unterschiede zum Teil bedeutend sind, so kann doch m. E. die
folgende Darstellung als Schnittmenge der gemeinsamen Grundüberzeugungen der genannten
Bewegung gelten. Die Argumente, deren sich die moderne anti-naturphilosophische bzw. anti-
metaphysische ‚szientistische‘ Philosophie bedient, finden sich alle im Umfeld des Wiener Krei-
ses zusammenhängend dargebracht, unabhängig davon, ob die Vertreter selbst später zum logi-
schen Positivismus oder Empirismus neigten, sich eher subjektivistisch-phänomenologisch ori-
1. Naturwissenschaft
23
Wissenschaftstheorie, die immer mehr zum Skeptizismus neigt, soll dann erst
im nächsten Kapitel (I 2.) eingegangen werden, da jener Wissenschaftsskepti-
zismus oft genug Pate steht für Neubelebungen einer a-rationalen Naturphilo-
sophie und sich daher zumeist im Gefolge der Wiederbelebung des mythisch-
religiösen Naturbildes findet.
Trotz dieser skeptischen Weiterentwicklung der Wissenschaftstheorie ist
eine Beschäftigung mit dem logischen Empirismus insofern nicht obsolet, da er
die Argumente zugunsten des Szientismus in der reinsten und stärksten Form
präsentiert. Jede weitere Ablehnung der Möglichkeit von Naturphilosophie,
jede weitere Einschränkung der Naturphilosophie auf Naturwissenschaftsphi-
losophie oder auf wissenschaftstheoretische Philosophie geht in ihrer Argu-
mentation und Tradition auf jene Schule zurück, die daher nun betrachtet
werden soll. Mit dem Wiener Kreis geschieht eine enorm einflussreiche Wei-
chenstellung, und solange eine kritische Überwindung jener Position noch
nicht geleistet ist, muss jede Arbeit, die ein weitergehendes Verständnis von
Naturphilosophie verteidigen will, auf jene Argumente zurückkommen.24
1.2. Szientistische Naturphilosophie
Bei der Darstellung der zu schildernden Strömung des logischen Empirismus
bietet es sich an, von den zwei Grundaxiomen auszugehen, die in der Benen-
nung der Schule als ,logischer Empirismus‘ zum Ausdruck kommen und die für
den gesamten Wiener Kreis und die nachfolgende Bewegung kennzeichnend
sind: 1) Erkenntnis stammt aus der Erfahrung und muss immer prinzipiell an
dieser überprüft bzw. auf diese zurückgeführt werden können. 2) Die zweite
Quelle der Erkenntnis ist die Logik. Diese liefert aber nur analytisches Wissen,
d.h. es gibt keine synthetischen Sätze a priori bzw. keine gehaltvollen Erkennt-
nisse, die aus der Logik alleine ableitbar wären.25 Die Gründungsurkunde dieser
entierten, zum Pragmatismus und Instrumentalismus übergingen, oder wie etwa Reichenbach
dem naturwissenschaftlichen Realismus treu blieben.
24 Jene Position des Positivismus ist trotz der weiteren Fortentwicklung der Wissenschaftstheo-
rie noch nicht überwunden, da jene Weiterentwicklung nicht auf den Vorwurf der Irreflexivität
hin geschehen ist, sondern dominiert wurde durch den Versuch, den Rest-Realismus oder die
Rest-Metaphysik des logischen Empirismus zu überwinden. Die hier vorgeschlagene Auseinan-
dersetzung zielt aber in eine gänzlich entgegengesetzte Richtung, wie dies in der kritischen Aus-
einandersetzung weiter unten deutlich werden wird (vgl. unten S.62).
25 So etwa H. Reichenbach: „Gewißheit ist untrennbar von Leere: es gibt kein synthetisches
Apriori“ (1953), 340, oder R. Carnap: „Die für die Problemstellung der kantischen Erkenntnis-
theorie grundlegenden ,synthetischen Urteile a priori‘ kommen nach Auffassung der Kon-
stitutionstheorie überhaupt nicht vor“ (1961), 148; „Nach Auffassung der Konstitutionstheorie
gibt es in der Erkenntnis keine anderen Komponenten als diese beiden: die konventionelle und
die empirische; also keine apriorisch-synthetische.“ 253. Vgl. auch Wittgensteins Tractatus
(1994), 19 (2.225).
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
24
Bewegung ist bekanntermaßen der kurze Tractatus logico-philosophicus von
Wittgenstein, dessen Programm genau auf jenen beiden Grundsätzen fußt. Die
wichtigsten Annahmen des logischen Empirismus sollen im Folgenden nun als
Konsequenzen aus den beiden Grundaxiomen skizziert werden.
(1) Aus der Orientierung an der Logik und aus dem Versuch der exakten
Formalisierung der philosophischen Sprache ergibt sich der Rationalitätsan-
spruch der neuen Strömung, den sie mit den modernen Wissenschaften teilt. So
wie diese mit der Orientierung an der Mathematik Exaktheit erlangen will, soll
eine exakte Sprache das Auftreten von ‚philosophischen Scheinproblemen‘
verhindern.26 Das Credo dieser Bewegung lautet: Alles was sich sagen lässt, lässt
sich klar und deutlich sagen. Daraus ergibt sich zum einen neben der Forderung
nach Klarheit durch die Verwendung einer formalisierten Sprache, in der Logik
und Grammatik in Übereinstimmung gebracht werden, die für Vertreter dieser
Richtung zumeist typische Ablehnung des Bereichs von unsagbaren oder un-
ausdrückbaren Erkenntnissen, die der Philosophie nicht zugänglich wären.
Zwar mag es den Bereich religiöser, mystischer oder metaphysischer Erlebnisse
geben, doch nnen diese, wenn bzw. da sie nicht sprachlich formulierbar sind,
keinen Anspruch auf Erkenntnisstatus erheben. So heißt es bei Wittgenstein:
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“.27 Ebenso
26 So der Titel der bekannten Schrift von Carnap (1971). In dem Aufsatz von 1931 (1931a) ver-
sucht Carnap, auf ein paar philosophische Scheinargumente einzugehen, die aus einem falschen
bzw. mangelnden Gebrauch der Logik abzuleiten seien. Er verweist hier auf das Cogito-Argu-
ment von Descartes (234), dessen Widerlegung ein Topos in jener Strömung ist (so auch Rei-
chenbach (1953), 45f.), und auf den ontologischen Gottesbeweis, wo er die kantische Kritik,
nach der Existenz keine Eigenschaft sei, übernimmt (1931a, 234). Ziel ist es, mit sprachlichen
Unklarheiten aufzuräumen und philosophische Irrtümer zu vermeiden (so schon Wittgenstein
(1994), 27, [3.323-3.325]), wobei die versuchte Formalisierung von Heidegger-Deutsch (R.
Carnap (1931a), 230) klar erahnen lässt, welch ein Bruch zwischen der analytischen und der
hermeneutisch-phänomenologischen Philosophie entstehen wird, der bis heute andauert und zu
einer weitestgehenden ,Kommunikationslosigkeit‘ zwischen beiden Lagern geführt hat, wie
Stegmüller feststellt (vgl. W. Stegmüller (1960), XXXIff.). Hierbei werfen die ‚Analytiker‘ den
‚Hermeneutikern‘ das Reden in unklaren Scheinsätzen und Sprachwolken vor, wohingegen
andererseits die ‚Hermeneutiker‘ die ‚Analytiker‘ eher für Informatiker denn für Philosophen
halten. Es ist das Verdienst Apels, erste Versuche der Überbrückung dieses Gegensatzes, der
mitunter parallel zu dem Gegensatz zwischen europäischer und anglo-amerikanischer Philoso-
phie verläuft, geleistet zu haben.
27 L. Wittgenstein (1994), 115, vgl. auch dort 114: „(6.5) Zu einer Antwort, die man nicht
aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen. Das Rätsel gibt es nicht. Wenn
sich eine Frage überhaupt stellen läßt, so kann sie beantwortet werden“. Das Unaussprechliche
hält Wittgenstein allerdings für existent, nur lässt sich dies nicht sagen oder formulieren, es
zeigt sich“ (115, 6.522). (Freilich sind Sätze dieser letzten Art direkt selbstwidersprüchlich,
worauf bei der Erörterung des Erkenntnis- und Vernunftbegriffs im Kapitel I 3.1.1. und I 3.2.1.
noch zurückzukommen sein wird.) Siehe ebenso Reichenbach (1953), 345, der nichts Unsagba-
res, dem gegenüber die Philosophie kapitulieren müsste, anerkennt. Vgl. auch R. Carnap (1961),
253 ff., wo es heißt, dass die Wissenschaft keine Grenzen in sich habe. Etwas später heißt es
dort ebenso in Auseinandersetzung mit der Metaphysik und der Religion, dass nur das Er-
kenntnis sein kann, was sich klar formulieren lässt (256). Hierin ist freilich eine Analogie zu
1. Naturwissenschaft
25
ergibt sich aber auch zum anderen, dass jeder reguläre philosophische Satz mit
den Mitteln der Logik in endlichen Schritten aus einfachen Basissätzen abgelei-
tet werden und in eine eindeutige Sprache gebracht werden kann. Die Basis-
sätze oder Protokollsätze und Grundbegriffe selbst lassen sich aus der prakti-
schen Erfahrung gewinnen.28 So ließe sich eine vollständige Philosophie der
ganzen Welt aufbauen und dies ist das bekannte und ehrgeizige Programm von
Carnaps Schrift Der logische Aufbau der Welt.29 Vollständigkeit (so dass keine
unerkannte, unsagbare Erkenntnis jenseits der Philosophie übrig bleibe) und
Abschließbarkeit (so dass jeder philosophisch-wissenschaftliche Satz sich ent-
weder beweisen oder widerlegen lasse) sind also das Ziel der konsequenten
Anwendung der logischen Methode in der Philosophie.
In diesen beiden Punkten sind der ungeheure Fortschrittsoptimismus und
das außerordentliche Selbstbewusstsein jener Richtung begründet. So wie die
Naturwissenschaft aufgrund der Orientierung an logischer Methode und Er-
fahrung den sicheren Weg einer Wissenschaft geht, so kann auch die Philoso-
phie erst durch die konsequente Anwendung dieser Methode erfolgreich fort-
schreiten und ihre alten Parteienstreitigkeiten hinter sich lassen. Doch auch
wenn dieses Zutrauen in die Philosophie prinzipiell außerordentlich begrü-
ßenswert ist, so ist es doch eigentümlich zu sehen, wie sehr dieses Zutrauen
nicht auch der alten Philosophie entgegengebracht wird. So sind nicht nur
einige Vertreter dieser Richtung bereit, über zweitausend Jahre Philosophiege-
schichte den Stab zu brechen,30 sondern sie sind zumeist auch davon über-
zeugt, dass sich nun in Kürze tatsächlich auf dem Boden dieser Einschränkung
des Philosophieverständnisses alle philosophischen Probleme abschließend
sen lassen. Erinnert sei an die letzten Sätze der Einleitung zum Tractatus von
Wittgenstein, in denen dieser bekundet zu glauben, dass nun keine philosophi-
Hegel zu sehen, der in der Tat alle Erkenntnisse für der Vernunft immanent, und d. h. auch für
in Begriffen formulierbar, hält. Auf diese Ähnlichkeit zwischen Positivismus und Idealismus
macht interessanterweise Carnap selbst aufmerksam (ebd.).
28 In der Frage, wie die ersten Basissätze zu fundieren sind, liegt in der Tat eines der
Hauptprobleme des logischen Empirismus. Carnap versucht dieses Problem mit den
Ausführungen zu seinen Konstitutionsregeln in den Griff zu bekommen, (1961), 34-147,
insbes. 83ff., wechselt aber später vom Standpunkt individueller Erfahrung auf den der Fundie-
rung durch die Protokollsätze einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, während Schlick der An-
sicht ist, dass Basissätze nicht durch weitere Sätze fundiert werden können, da dies in den infi-
niten Regress führe, so dass sie also wie es der Pragmatismus ebenso meint durch Handlun-
gen fundiert werden müssten, vgl. M. Schlick (1931), 8.
29 Vgl. R. Carnap (1961).
30 So äußern sich zurecht M. Reichenbach und A. Kamlah in ihrem Vorwort zur Gesamtausgabe
der Schriften von Reichenbach [Reichenbach (1977), Band 1, 3f.] zur über die Behandlung der
Philosophiegeschichte von Reichenbach in dem schon zitierten Buch Der Aufstieg der wis-
senschaftlichen Philosophie, verteidigen aber sein Vorgehen, da „sein Werk […] nicht in erster
Linie dazu da [ist], um in gläubig historisierendem Eifer interpretiert zu werden.“, Reichenbach
(1977, Band 1), 3; siehe auch die Bemerkungen 471f., in denen u. a. die bloß negative Einstel-
lung zu Platon bemängelt wird.
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
26
schen Fragen mehr offen sein dürften,31 oder an den triumphalistischen Ton
von Schlicks Die Wende der Philosophie,32 mit der die erste Ausgabe der von
Carnap und Reichenbach herausgegebenen Zeitschrift Erkenntnis eingeleitet
wird. Resultat dieses Optimismus ist mitunter leider auch ein weitgehendes
Desinteresse an der philosophischen Tradition, das auch heute noch für einige
Teile der analytischen Philosophie kennzeichnend ist.33
(2) Aus der Orientierung an der Erfahrung ergeben sich die weiteren zen-
tralen Ansichten dieser Strömung. So beschreibt Wittgenstein die grundlegende
Ontologie dieses (bzw. diejenige eines jeden) Empirismus, nachdem die ‚Welt
alles ist, was der Fall ist‘.34 Pointiert formuliert: Nur über das Physische (das
‚der Fall ist‘) kann man sinnvolle d.h. wahrheitsfähige Aussagen treffen,
nicht jedoch über das Meta-Physische (das im Lichte dieser Ontologie gar ‚nicht
der Fall ist‘, falls ein solcher Satz überhaupt im Sinne des logischen Empirismus
einen Sinn haben könnte). Eine rational aussprechbare Erkenntnis des ‚meta-
physischen‘ oder ‚transzendenten‘, kurz jedes ‚kontrafaktischen‘ Bereichs wird
vehement abgelehnt. Somit ergibt sich die Vorliebe für die typische materialis-
tische Ontologie, die man in Anlehnung an dieses Wittgenstein-Zitat ‚Ontolo-
gie des Der-Fall-Seins‘ nennen kann. Eigentlich (in einem substantiellen Sinne,
d.h. als Träger der Veränderung) existieren nur die Materie bzw. die Atome
und die Kräfte. ‚Der-Fall-Sein‘ bringt also zum Ausdruck, dass nur das, was in
Raum und Zeit existiert, wissenschaftlich untersucht werden kann, woraus sich
leicht die Tendenz ergibt, auch nur diesen Bereich als ,Wirklichkeit‘ anzuer-
kennen, um alle anderen Bereiche darauf zurückzuführen.35
31 Vgl. L. Wittgenstein (1994), 8.
32 Siehe M. Schlick (1931). Dieser Optimismus erinnert unweigerlich an Hegels Selbst-
teleologisierung der Philosophiegeschichte und ist trotz seiner mitunter störenden Ignoranz in
der Variante des Wiener Kreises bezüglich der Leistung der Philosophiegeschichte zunächst zu
begrüßen, da er konsistenter ist als die heute allgemein übliche und nur scheinbar ,bescheidene-
re‘ relativistische Hervorhebung, dass auch der eigene Ansatz nur ein gleichberechtigter unter
vielen sei, da jene Selbstaufwertung wenigstens in Einklang zu bringen ist mit dem eigenen
Wahrheitsanspruch, während eine Philosophie, die sich bloß als eine unter vielen versteht,
Schwierigkeiten haben dürfte, ihren eigenen Wahrheitsanspruch einzulösen. In genau diesem
Sinne argumentiert schon sehr präzise Kant in der Vorrede der Metaphysik der Sitten für die
tige Unbescheidenheit der Philosophen (MdS, AB VII).
33 Reichenbach spricht so in der Tat die Empfehlung aus, sich nicht allzu sehr mit der
Philosophiegeschichte auseinanderzusetzen vgl. H. Reichenbach (1953), 364 da dies nur in
den Relativismus führe. Seine Darstellung Hegels oder Platons etwa sind dementsprechend auch
nicht gerade ein Zeichen für die souveräne Beherrschung der Tradition. (So empfehlen auch M.
Reichenbach und A. Kamlah in ihrer Vorrede zur Gesamtausgabe, die Kant- oder Platondarstel-
lung aus Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie nicht am heutigen Forschungsstand zu
messen, vgl. H. Reichenbach (1977), Band 1, 4.) Doch ist die Vermeidung des Relativismus
sicherlich ein wichtiges Anliegen, allerdings bewältigt man diesen eher dadurch, dass man sich
der Herausforderung der Geschichtlichkeit der Philosophie stellt, als dass man sie ignoriert.
34 Vgl. L. Wittgenstein (1994), 11.
35 Interessant ist hier der Gegensatz zwischen der antiken platonischen Ideenlehre und Poppers
‚Drei-Welten-Theorie‘, bei der die dritte Welt trotz ihrer inneren Logik in ihrer Existenz abhän-
1. Naturwissenschaft
27
Diese Konzentration auf das Faktische erzeugt den Wunsch, die alte Meta-
physik zu überwinden. Bei Wittgenstein ergibt sich aus diesem Gedanken des
‚Der-Fall-Seins‘ einerseits, dass nur die Sätze über das Faktische, das heißt die
Sätze über die Natur und die ‚Tatsachen‘ wahrheitsfähig sind.36 Sätze über
tze aber beispielsweise, damit also die philosophischen Sätze der Erkenntnis-
theorie im Allgemeinen, aber auch andere Sätze der Philosophie, die über die
Sätze über die Natur hinausgehen, hält Wittgenstein weder für wahr noch für
falsch, sondern für sinnlos.37
Andererseits ergibt sich daraus, dass natürlich auch normative Sätze, da sie
ja nicht über Tatsachen sprechen, weder wahr noch falsch sein können und
somit für die meisten Vertreter dieser Richtung nicht in den Bereich der Philo-
sophie fallen: Neben dem Vermeiden ‚metaphysischer‘ Aussagen gilt somit
konsequenterweise der Bereich der ethischen Aussagen als prinzipiell nicht
wahrheitsfähig,38 und eine Kunstphilosophie oder Philosophie der Ästhetik
sucht man in jener Strömung vergeblich. Ästhetik und Ethik fallen neben der
Metaphysik, nachdem sie Jahrtausende lang ein Kerngebiet der Philosophie
ausgemacht haben, nicht mehr in diese. Wenn man genau sein will, so ergibt
sich diese ‚Überwindung der Metaphysik‘39 und man muss hinzufügen: die
Überwindung der Ethik allerdings nicht nur aus der Orientierung am Bereich
gig von den ersten beiden bleibt.
36 So heißt es im Traktat: „(4.11.) Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte
Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften). (4.111.) Die Philosophie ist
keine der Naturwissenschaften. (Das Wort ‚Philosophie‘ muß etwas bedeuten was über oder
unter, nicht neben den Naturwissenschaften steht.)“, L. Wittgenstein (1994), 41. Carnap
schreibt: „Die logische Analyse spricht somit das Urteil der Sinnlosigkeit über jede vorgebliche
Erkenntnis, die über oder hinter die Erfahrung greifen will.“, (1931a), 237. Unter den heutigen
Biophilosophen ist auch Wuketits dieser Ansicht, insofern er die typischen alten normativen
Fragen der Metaphysik für sinnlos und nicht wissenschaftlich hält, vgl. F. M. Wuketits (1982 ),
71, 109, siehe auch F. M. Wuketits (1984), 43. Im Glossar seines Buches von 1983 definiert er
die Metaphysik als Bereich der „Behauptungen über die Welt, die nicht mit wissenschaftlichen
Methoden begründet und überprüft werden können.“, F. M. Wuketits (1983), 242.
37 L. Wittgenstein (1994), 42f. (4.12., 4.121.)
38 So etwa H. Reichenbach: „Die moderne Analyse der Erkenntnis macht eine kognitive Ethik
unmöglich: die Erkenntnis enthält keine normativen Aussagen und kann daher nicht zu einer
Deutung der Ethik benutzt werden.“, (1953), 310, vgl. dort das gesamte Kapitel 17 (‚Das Wesen
der Ethik‘, 309ff.), nach dem die Verknüpfung zwischen Zielen und Handlungen rational ver-
stehbar sei, die Zielsetzung aber ein Akt des Willens und damit nicht rational einholbar sei. (Es
ist sicher kein Zufall, dass diese Sicht auf den skeptischen Empiristen David Hume zurück-
geht.)Vgl. im selben Sinne Carnap (1931a), 237: „[] die objektive Gültigkeit eines Wertes
oder einer Norm kann ja [] nicht empirisch verifiziert oder aus empirischen Sätzen ded uziert
werden; sie kann daher überhaupt nicht (durch einen sinnvollen Satz) ausgesprochen werden.“
Bei Wittgenstein heißt es: „6.42. Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze n-
nen nichts Höheres ausdrücken. 6.421. Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt“,
(1994) 112. Diese Ansicht hat sich, obwohl die spätere analytische Philosophie sich durchaus
produktiver mit der Ethik auseinandergesetzt hat, erstaunlicherweise in weiten Teilen der heuti-
gen Philosophie und vor allem in der Populärphilosophie durchgesetzt.
39 Vgl. R. Carnap (1931a).
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
28
des Empirischen alleine, sondern aus der Annahme, dass es in der Logik keine
synthetischen Sätze a priori gäbe.40 Wenn aber weder die Logik noch die Erfah-
rung uns Zugang zu irgendeinem, das Faktische bzw. das Natürliche über-
schreitenden Bereich geben, dann muss die Philosophie konsequenterweise
hierüber schweigen. Aus dieser methodischen Beschränkung ergibt sich dann
auch leicht eine ontologische Beschränkung, weil das, was mit der ‚wahren‘
Methode nicht gefunden werden kann, auch nicht als existent gedacht wird.41
Betrachtet man die Resultate aus (1) und (2), so ergibt sich aus den beiden
genannten Grundaxiomen der Orientierung an Logik und Erfahrung natürlich,
dass das methodisch-empirische Vorgehen der Naturwissenschaft den Idealtyp
des Wissens darstellt, d.h. zu Beginn der Entwicklung dieser Philosophie bis
hin zu zahlreichen heutigen Vertretern der Wissenschaftstheorie steht zunächst
eine uneingeschränkt positive Einstellung gegenüber der Wissenschaft. So wird von
der neuen philosophischen Richtung, die es zu etablieren gilt, immer wieder als
wissenschaftlicher Philosophie gesprochen (vgl. etwa den Buchtitel von H. Rei-
chenbach [1953]). Bei ‚wissenschaftlich‘ ist hier natürlich zunächst und haupt-
sächlich an die Naturwissenschaften gedacht.42 Auf der anderen Seite ergibt
sich ebenso, dass jedwede apriorische Systemkonstruktion und jede metaphysi-
sche Aussage, die also über die Empirie (und die tautologische Logik) hinaus
reichen soll, Feind der Erkenntnis ist.43 Mit dem Einklagen der Wissenschaft-
lichkeit der Philosophie geht für den logischen Empirismus so eine ontologische
Beschränkung der Philosophie einher.44
Somit stellt sich aber die Frage, welche Rolle die Philosophie im Allgemei-
nen und die Naturphilosophie im Besonderen noch neben der Wissenschaft
übernehmen kann. Die Antwort hierauf ist eindeutig: Philosophie hat lediglich
die Aufgabe, die Grundbegriffe der Naturwissenschaft logisch zu deuten,45 sie
hat also die „logische Klärung der Gedanken“46 zur Aufgabe, nicht jedoch hat
sie neben der Naturwissenschaft Aussagen über die Natur zu treffen. Sie muss
also, wo sie nicht logische oder pragmatische Reflexion über die Grundbegriffe
40 Vgl. Anmerkung 25.
41 Dies ergibt sich aus dem realistischen Wissenschaftsverständnis und aus dem Anspruch der
Wissenschaft, alleine für eine vollständige Erfassung der gesamten Wirklichkeit zuständig zu
sein.
42 In diese Richtung spricht sich immer wieder Carnap aus, der näher die Physik als Leitwissen-
schaft auserkoren hat, da ihre Sprache die Universalsprache aller Wissenschaft sein soll (1931b),
siehe auch sein Buch zur Philosophie der Naturwissenschaften, R. Carnap (1974).
43 So zerfällt das schon zitierte Buch von H. Reichenbach (1953) in zwei Teile: den ersten, nega-
tiv-ablehnenden Teil über ‚spekulative Philosophie‘ und den zweiten konstruktiven über ‚wis-
senschaftliche Philosophie‘.
44 Dies ist freilich nur dann eine Beschränkung, wenn man den Bereich der ‚Logik‘ und des
‚Geistes‘ für nicht auf das Natürliche reduzierbar hält.
45 In diesem Sinne ist für Schlick Einstein durch seine Umdeutung der Grundbegriffe ‚Raum‘
und ‚Zeit‘ eher Philosoph als Naturforscher, vgl. M. Schlick (1931), 9f.
46 L. Wittgenstein (1994), 41 (4.112.)
1. Naturwissenschaft
29
und Methoden darstellt, in Wissenschaft aufgehen. Am Ende des ‚Tractatus‘
schreibt Wittgenstein in diesem Sinne grundlegend:
„Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen,
als was sich sagen läßt, also Sätze der Naturwissenschaft - also etwas, was mit
Philosophie nichts zu tun hat , und dann immer, wenn ein anderer etwas
Metaphysisches sagen wolle, ihm nachzuweisen, daß er gewissen Zeichen in
seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den an-
deren unbefriedigend er hätte nicht das Gefühl, daß wir ihn Philosophie
lehrten - aber sie wäre die einzig streng richtige.“47
Ebenso heißt es in Anwendung dieser Gedanken auf die Möglichkeit von
Naturphilosophie bei Reichenbach stellvertretend für die gesamte Strömung:
„Wir können deshalb einen Unterschied zwischen Naturphilosophie und
Naturwissenschaft nicht anerkennen;[...] Es hieße auf die gewaltige logisch-
kritische Arbeit, die in dem weitverzweigten Bau mathematisch-natuwissen-
schaftlicher Erkenntnis implizit mitgeleistet worden ist, blindlings verzichten,
wollte man bei jener naiven Naturphilosophie stehen bleiben, die die Natur-
wissenschaft von der Philosophie abtrennen möchte.“ (Reichenbach (1931),
zitiert nach R. Breil (2000), 175f.).
Zur Möglichkeit einer Naturphilosophie ‚aus der Vernunft‘, wie sie Hegel vor-
schwebte, heißt es weiter unten in derselben Schrift:
„Wenn wir mit Kant und anderen darüber übereinstimmen, daß die Analyse
des Erkenntnisverfahrens notwendig ist, so besteht doch der schon genannte
entscheidende Unterschied: nicht eine Analyse der Vernunft, sondern nur
eine Analyse der Wissenschaft kann die zeitgemäße Antwort liefern. Die
Selbstbeschau der Vernunft ist unfruchtbar, denn sie fördert nur frühere Ent-
wicklungsstadien wissenschaftlichen Denkens zu tage; [...]“ (Reichenbach
(1931), zitiert nach R. Breil (2000), 177).
Somit ist also nur noch eine Naturwissenschaftsphilosophie, wenn überhaupt,
sinnvoll und legitim, nicht aber mehr eine Naturphilosophie.
So ergibt sich also zusammenfassend eine optimistische, rational-empiristi-
sche Philosophie, die in einigen entscheidenden Punkten Analogien zum kanti-
schen Programm aufweist.48 So wie dieser von der Wahrheit des neuen newton-
schen naturwissenschaftlichen Weltbildes überzeugt ist, vertraut der Wiener
Kreis auf die Wahrheit der modernen Naturwissenschaft. So wie Kant die
Philosophie (vornehmlich die Metaphysik) neu begründen und von alten dog-
matischen Philosophien befreien will, möchte der logische Empirismus die
Philosophie von alter, die Erfahrung überfliegender Philosophie und Metaphy-
sik befreien, damit sie sichere und erfolgreiche Wege gehen kann. Analog zu
47 L. Wittgenstein (1994), 115 (6.53)
48 Der größte Unterschied besteht natürlich darin, dass Kant synthetische Sätze a priori für
möglich und notwendig erachtet. Somit ist für Kant eine Grundlegung der Metaphysik und der
Ethik möglich.
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
3a
Kant scheint man den Hauptfehler der Philosophie darin zu sehen, die Erfah-
rung zu übersteigen und leere Begriffe aus reinem Denken abzuleiten, wohin-
gegen doch reine Logik nur Tautologien und analytische Wahrheit hervorbringt
(also ‚leer‘ ist) und erst durch Verbindung mit der Erfahrung ‚sehend‘ wird.
So wie Kant also durch eine Einschränkung des Aussagenbereichs der Ver-
nunft auf die an Erfahrung (und Anschauung) geschulten Begriffe den endgülti-
gen Fortschritt der Philosophie sichern wollte, so beabsichtigt der Wiener
Kreis ebenfalls durch ein Verbot des ‚Überfliegens‘ der Erfahrung und des
Abgleitens in religiös-metaphysische Spekulationen der Philosophie zum
Durchbruch zu verhelfen. War so der Fehler für den geringen Erfolg der Philo-
sophie gegenüber dem Aufstieg der Naturwissenschaft gefunden und beseitigt,
so ließ sich hoffen, dass nun auch die Philosophie endlich sichere und erfolgrei-
che Wege gehen werde und damit denselben linearen Fortschritt erzielt, wie er
in der Naturwissenschaft zu beobachten ist. Somit stehen die moderne Wissen-
schaft und der logische Empirismus in der Tradition der Aufklärung und damit
der modernen Philosophie. Diese Beschränkung der Fragen auf empirisch-wis-
senschaftliche Untersuchungen hat aber insbesondere auch zur Folge, dass
naturontologische Fragestellungen gleichsam als Metaphysik gebrandmarkt und
tabuisiert wurden. Anders als in der kantischen Philosophie liegt aber hier
keine Lösung des Humeschen Induktionsproblems vor. Warum können wir
davon ausgehen, dass es in der Natur allgemeine Gesetzmäßigkeiten gibt, die
wir mit unserer Logik erkennen können? Woher die von Wittgenstein behaup-
tete Gemeinsamkeit der Sprache und der Welt in der logischen Form rührt,
bleibt unerklärt, ja unerklärbar. Man kann sagen, dass der logische Positivismus
die Grundannahme einer gesetzlichen oder logischen Verfasstheit des Empiri-
schen der Naturwissenschaften einfach übernimmt, statt sie aufzuklären. An
dieser Stelle drängen sich naturontologische Überlegungen in Ergänzung zum
Programm der Wissenschaften geradezu auf, wodurch der in dieser Arbeit
erfolgenden Rückgriff auf Hegels Grundposition durchaus an Attraktivität
gewinnt.
Auch wenn sich die spät- oder postmoderne Wissenschaftstheorie mit
Kuhn, Feyerabend und anderen von dem uneingeschränkten Optimismus
bezüglich des linearen Fortschritts der Wissenschaft und der wissenschaftli-
chen Philosophie entfernt hat,49 so sind doch auch heute im Zeitgeist wie in der
Philosophie die Grundargumente des logischen Empirismus in einem starken
Maße lebendig, so dass die grundlegenden Vorbehalte gegen ‚metaphysisch in-
spirierte‘ oder ‚apriorische‘ Naturphilosophie geblieben sind, wobei die Be-
gründung jener Vorbehalte zumeist noch immer mit Rückgriff auf die hier
skizzierten Argumente geschieht.50
49 Vgl. hierzu Kaptitel I 2.3.
50 Charakteristisch für weite Teile der aktuellen Diskussion vgl. die kurze Einleitung von A.
Bartels Buch über die Grundprobleme der modernen Naturphilosophie. Dort heißt es: „Philoso-
phen freilich können in der Rolle des Naturphilosophen keine ,höheren‘ systematischen
1. Naturwissenschaft
31
Diese Position, nach der sich die Naturphilosophie in Naturwissenschaft
aufzulösen habe und nach der die Philosophie im Allgemeinen zum einen die
Methoden der empirischen Wissenschaft übernehmen solle und damit zum an-
deren auf ontologische, metaphysische und ethische Aussagen verzichten solle,
sei im Folgenden als ‚Szientismus‘ bezeichnet. Allenfalls zulässig für den Szien-
tismus ist eine materialistische Ontologie, d.h. die skizzierte Fokussierung auf
das empirisch Fassbare und somit auf die ‚Ontologie des Der-Fall-Seins‘.
Jeder Versuch eines Rückgriffs auf Hegels Naturphilosophie muss sich also
mit den hier skizzierten Argumenten des Szientismus auseinandersetzen, wie
dies auch weiter unten geschehen soll, doch muss zuerst auf die religiös-mythi-
sche Einstellung zur Natur eingegangen werden, die dem Weltbild der Wissen-
schaft und des logischen Empirismus radikal entgegengesetzt ist (und die somit
als antiszientistische Position bezeichnet werden soll) und auf die sich einige
neuere Naturphilosophien als Alternativmodell zur Wissenschaft und zur
‚Wissenschaftsgläubigkeit‘ berufen.
Ansprüche geltend machen als Physiker oder Biologen, die sich in dieser Rolle betätigen“, so
dass „Naturphilosophie vernünftigerweise nicht mehr die Absicht verfolgen [kann], ein
geschlossenes ,System der Natur‘ zu erarbeiten, geschweige denn grundlegende Einsichten über
,die Natur‘ zu Tage zu befördern, die eine von den Naturwissenschaften unabhängige Geltung
beanspruchen könnten. Die Vorstellung einer Naturphilosophie als der gegenüber den
Naturwissenschaften tieferen Quelle von Wahrheiten über die Natur ist ebenso eine Illusion wie
die Annahme, Naturphilosophie verfüge über jenen geheimnisvollen Schlüssel, der eine ,Einheit
der Natur‘ erschließe. Ausgeträumt scheint letztlich auch der Traum, Naturphilosophie sei das
ausgezeichnete Unternehmen, das den Geltungsanspruch der Naturwissenschaft begründen
könne. Stattdessen sollte moderne Naturphilosophie sich als angewandte Wissenschaftstheorie
begreifen […]“, A. Bartels (1996), 16. Ferner lehnt er die bei Kanitscheider (1981) vertretene
Idee der ‚Synthese des Wissens‘ in einem einheitlichen ‚Weltbild‘ ab (vgl. Bartels (1996, 17).
Interessant ist, dass in der gesamten Einleitung so gut wie keine Argumente für die oben
versicherten Ansichten präsentiert werden, es ist für Bartels einfach so, dass ‚vernünftigerweise‘
gewisse Träume ‚ausgeträumt‘ seien. Dies zeigt, wie sehr jene tendenziell logisch-empiristische
Position heute common sense geworden ist und um wie dringlicher also eine Auseinander-
setzung mit dem logischen Empirismus und seinen Argumenten ist.
Für eine neue Naturphilosophie, die zwar nicht den Wissenschaften widersprechen solle, die
aber über reine Wissenschaftstheorie hinausgeht, und so die ‚Lücke‘ zwischen Naturwissen-
schaft und Philosophie füllt, spricht sich M. Stöckler (1989) aus: Stöckler sieht, dass oftmals
Naturwissenschaftlern ein Verständnis für philosophische Fragen fehlte (ebenso wie hier ein
Mangel naturwissenschaftlicher Bildung bei den Philosophen zu beklagen sei), und plädiert für
eine Zusammenarbeit und für die Bildung von Institutionen, die diese Zusammenarbeit fördern.
Bemerkenswert ist hingegen die ‚Einführung in die Naturphilosophie‘ von M. Esfeld, der ent-
gegen der gängigen Beschränkung von Naturphilosophie auf Wissenschaftstheorie die Natur-
philosophie wie selbstverständlich zur Ontologie zählt, vgl. M. Esfeld (2002), 7f. Gegen ein
Verständnis der Naturphilosophie als Wissenschaftstheorie und „Wissenschaftswissenschaft“
wendet sich auch M. Drieschner (2002), 11f.
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
32
2. Religiös-mythische Naturdeutung und antiszientistische Natur-
philosophie
Als Kontrastmodell zur modernen Naturwissenschaft soll nun sowohl auf
mythisch-religiöse Naturbilder, als auch auf diejenigen Strömungen eingegan-
gen werden, die ihr Natur- und Weltbild als Gegenmodell zur szientistischen
Sicht entworfen haben und die heute unter dem Stichwort ,ganzheitliche An-
sätze‘ zusammengefasst werden. Sie alle versuchen, dasjenige, was aus ihrer
Sicht im szientistischen Weltbild fehlt oder verloren gegangen ist, zu betonen
und (neu) zu begründen. Hierbei kommt das diesen Konzepten zugrunde lie-
gende Naturbild der ‚antiszientistischen‘ Philosophie dem vorwissenschaftli-
chen, religiösen und mythischen Naturbildern sehr nahe und greift oft auch
explizit auf mythisch-religiöse Begriffe zur Naturerklärung zurück.51
Im Folgenden soll versucht werden, die wesentlichen strukturellen Elemente
zu benennen, die jeder nicht naturwissenschaftlichen Sicht der Natur gemein-
sam sind und die sich damit also in vorwissenschaftlichen und in antiszientis-
tischen Konzepten gleichermaßen finden lassen (und die somit jenen Rückgriff
der ‚Antiszientisten‘ erklären).52 Natürlich kann in diesem Kapitel weder eine
Übersicht über die jüngere Geschichte der philosophischen Auseinanderset-
zung mit dem Mythos gegeben werden,53 noch interessieren die inhaltlich oft
51 Eine gute strukturelle Skizze des frühmenschlichen mythischen Naturbildes stellen auch die
kurzen Ausführungen zum Panvitalismus bei Hans Jonas (1997), 25-27, dar, die mit poetischer
Kraft die wesentlichen Merkmale einer vorwissenschaftlichen, mythisch-magischen monisti-
schen Natursicht benennen und vom Paradigma des Mechanismus abgrenzen. Zum vorwissen-
schaftlichen, magisch-mythischen Naturverständnis vgl. auch das entsprechende Kapitel in K.
Gloy (1995), 31-62.
52 Zu den folgenden Ausführung vgl. das gute Übersichtskapitel „Vitalismus, Holismus, New
Age, Ökologie“ in: K. Gloy (1996), Band II (,Die Geschichte des ganzheitlichen Denkens’),
154-197. Dieser Band behandelt insgesamt alle diejenigen Strömungen (neben den in der zitier-
ten Kapitelüberschrift genannten sind dies die ‚naturmagische Auffassung‘ der Renaissance, die
‚organizisitsche‘ Auffassung Leibniz’ und die Naturphilosophie des Idealismus und der Roman-
tik), die in ihrem „organizistisch-holistischen Naturverständnis“ (vgl. K. Gloy (1997), 7) einen
Gegensatz zu dem wissenschaftlich-technischen Bild darstellen. In jüngerer Zeit ist bei einer
solchen Natursicht vor allem an die Diskussion außerhalb der akademischen Philosophie und an
Autoren wie Lovelock, Capra und die Steiner’sche Schule zu denken, die ebenfalls von Gloy be-
sprochen werden und die offenkundig in religiös-spiritualistischer Sprache operieren.
Für die jüngere Auseinandersetzung in der deutschsprachigen Philosophie mit dem Mythos und
mit dem mythischen Denken vgl. Hübners einschlägiges Buch über die ‚Wahrheit des Mythos‘
(K. Hübner [1985]) und die hilfreichen Einführungen von L. Brisson/Ch. Jamme; für die
gegenwärtige Diskussion vgl. hierbei insbesondere den zweiten Band Ch. Jamme (1991a), siehe
auch Ch. Jamme (1991b).
53 Hübner unterscheidet in seinem Kapitel zur Geschichte der Mythosdeutung drei mögliche
philosophische Einstellungen zum Mythos: eine Betrachtung des Mythos als Vorstufe der phi-
losophischen oder rationalen Wahrheit (dies käme auch der hegelschen Ansicht nahe), dann als
gleichberechtigte Sichtweise neben dem wissenschaftlichen und philosophischen Weltbild und
schließlich eine Betrachtung, die das mythische Denken dem wissenschaftlichen und rational-
2. Religiös-mythische Natursicht
33
sehr unterschiedlichen Ausprägungen der Konzepte und Prinzipien der Natur-
erklärung, sondern es soll herausgestellt werden, inwiefern diese Prinzipien als
nicht-wissenschaftlich oder als antiwissenschaftlich zu charakterisieren sind und
inwiefern somit alle verschiedenen Ausführungen solcher Grundprinzipien zu
einem Typus von Natursicht gehören.
Wenn man versucht, die dargestellten Merkmale der Naturwissenschaft in
ontologischer, ethischer und methodologischer Sicht in ihr genaues Gegenteil
zu übersetzen, so erhält man ein Naturverständnis, das sowohl für viele neue
Ansätze der Naturphilosophie einerseits, als auch für viele vorwissenschaftliche
mythische Konzepte der Weltsicht andererseits charakteristisch ist. In den
nächsten Abschnitten werden die ontologischen (I 2.1.), die ethischen (I 2.2.)
und die methodologischen Aspekte (I 2.3.) jener ,ganzheitlichen‘, mythisch-re-
ligiösen oder antiszientistischen Natursicht in Abgrenzung von dem soeben
skizzierten Wesen der Naturwissenschaft und der szientistischen Philosophie
dargestellt, bevor im nächsten Kapitel beide Natursichten einer Kritik unterzo-
gen werden.
2.1. Ontologische Aspekte der antiszientistischen Naturbetrachtung
Das naturwissenschaftliche Weltbild des Szientismus wurde gekennzeichnet als
materialistisch-immanent‘. Die letzten Elemente und Bausteine des Univer-
sums sind die Materie und eine absichtslose, a-teleologische Kausalität oder
Gesetzmäßigkeit, die, wie erwähnt, mit dem Darwinismus auch die Phänomene
des Lebendigen erklären sollen. Erklärung durch Vereinheitlichung und Reduk-
tion von Komplexität war als Ziel der Wissenschaft beschrieben worden. Im
mythisch-religiösen Weltbild ist die ontologische Hierarchie nun genau entge-
gengesetzt: Das Ganze und Komplexe, die holistische Einheit aller Dinge ist
Paradigma zur Deutung und Erfahrung der Welt, so dass auch das Unbelebte
und Mechanische als lebendig und geistig, als eingeordnet in einem sinnhaften
philosophischen Denken gegenüber für überlegen hält, vgl. K. Hübner (1985), 48-94 und
insbes. 90ff. Im Folgenden verwende ich den Terminus ‚mythische Naturphilosophie‘ als
Gegenbegriff zum Begriff des ‚Rationalen‘ oder des ‚Logischen‘ und bezeichne damit den Ver-
such, gegen die Wissenschaften eine holistische Natursicht zu etablieren, die sich bemüht, eine
Sinngebung für das menschliche Dasein und das kosmische Geschehen in der Natur zu finden,
ohne die Wissenschaften zu integrieren. Ich folge hier den Überlegungen von Jamme, der die
Trennung zwischen Profanem und Heiligem hervorhebt und eine Art ‚Arbeitsteilung‘ zwischen
Rationalität und Mythos feststellt, vgl. Ch. Jamme 1991a, 2f. Mit der Verwendung des Mythi-
schen als Gegenbegriff zum Rationalen und zur Wissenschaft greife ich also auf die moderne
„Mythos-Renaissance“ (Jamme (1991a), 4) zurück, die sich aus der aktuellen Kritik an der Rati-
onalität speist, die aber auch die Forschungsergebnisse der Prähistorie, der Ethnologie und der
Anthropologie aufgearbeitet hat (vgl. ebd.), was die transzendentalphilosophischen Ansätze
eher vernachlässigt haben.
I. Naturwissenschaft und Naturphilosophie
34
Ganzen begriffen wird. Gemäß dem Diktum, dass die Ursache von etwas
immer mehr oder höher sein muss als die Wirkung, um die Wirkung vollständig
zu erklären, ist hier dasjenige, das am komplexesten und am höchsten ist, die
Ursache von allem.54 Sprachen wir vorhin von einer Reduktion des Komplexen,
so kann hier von einer ‚Komplexion‘ gesprochen werden: im Einfachen und
Gegebenen soll das Komplexe und Unendliche zu finden sein.55 Hübner
bezeichnet in Anlehnung an Hölderlin das „Eine, in sich selbst unterschei-
dende“56 als holistische Grundkategorie des ‚Mythischen‘ und grenzt eine
solche ‚ganzheitliche‘ Natursicht von der analytisch-wissenschaftlichen Welt-
auffassung ab.57 Im gleichen Sinne für die moderne antiwissenschaftliche
Naturphilosophie schreibt Gloy über die ökologisch motivierten Richtungen
einerseits und über den Vitalismus, die New-Age-Bewegung und den Holismus
andererseits, dass diese Strömungen darin übereinkommen,
„daß sie sich als Opponenten zum mechanistischen Denken verstehen und auf
die Gegenbegriffe zur Analyse, Zerstückelung, Kausalität usw., nämlich auf
die Kategorien der Einheit, Ganzheit, Lebendigkeit und Spiritualität, bauen.“58
Doch worin besteht nun genauer betrachtet dieses ‚Höchste‘ und ‚Ganze‘?
Bevor man diese Frage für das mythisch-religiöse Weltbild im Allgemeinen
genauer beantworten kann, muss auf eine spezifische Eigentümlichkeit aller
mythisch-religiösen Naturkonzeptionen eingegangen werden. Von entschei-
dender Bedeutung für eine solche Einstellung ist der ‚Pars-pro-toto‘-Gedanke:
ein einzelner und konkreter Gegenstand in der Natur verkörpert die gesamte
Einheit des Ganzen. Im mythischen Symbol kommen Bezeichnetes und
Bezeichnendes überein, im mythischen Fest wird eine erzählte Geschichte
wieder real nachvollzogen.59 Geschichten und Personifizierung der Naturkräfte
54 Dies entspricht in Abgrenzung vom Atomismus und vom Mechanismus dem platonisch-
aristotelischen Gedanken, dass das zeitliche Spätere und Komplexere das dem Wesen nach
Frühere ist. Vgl. etwa Aristoteles, Metaph., 1028a31ff. Auch Hegels Diktum „Das Wahre ist
das Ganze“ (3.24) steht sicherlich in dieser Tradition des Holismus.
55 Im Endlichen das Unendliche finden zu wollen ist bekanntlich die Parole der Romantiker und
der durch sie inspirierten antimechanistischen Naturphilosophie.
56 K. Hübner (1985), 21ff.
57 Allerdings wird bei dieser Abgrenzung zumeist übersehen, dass auch die Wissenschaften im
Einzelnen etwas Allgemeines (nämlich allgemeine Gesetze und Kräfte) suchen wollen, das in
der Naturwissenschaft dann das Ganze der gesamten Natur ist und im Materialismus zum Gan-
zen allen Seins wird. In dieser formalen Hinsicht kommen also Holismus und Szientismus über -
ein, der Unterschied besteht freilich in der näheren Kennzeichnung des gesuchten Allgemeinen.
58 K. Gloy (1996), 155.
59 Vgl. K. Gloy (2001), 33, und natürlich Cassirers Theorie des mythischen Symbols. Durchaus
in Übereinstimmung mit der Mythosforschung sind die Überlegungen von Thomas Mann zum
Ritual in den Josephs-Romanen, die Joseph seinem Bruder Benjamin mitteilt (T. Mann (1997),
55ff., insbes. 63), in denen auf das ‚Gegenwärtigen‘ einer vergangenen heiligen Handlung durch
das Fest reflektiert wird. Auch die traditionelle Auffassung der Eucharistie in der katholischen
Messe verwendet dieses typisch mythische Denkmuster. Jamme (1991a), 134f., nennt Cassirer,