ArticlePDF Available

Das erste Gebäude der Oesterreichischen Nationalbank in der Herrengasse 17

Authors:
  • Albertina Museum
Das erste Gebäude der Oesterreichischen
Nationalbank in der Herrengasse 17
Am 1. Juni 1816 wurde auf Betreiben des Finanz-
ministers Johann Philipp Graf Stadion die „Privilegir-
te oesterreichische National-Bank“ gegründet. Sie sollte die Staatsfinanzen sanieren
und den außer Kontrolle geratenen Geldumlauf regulieren. Das neugegründete
Institut wurde im Haus der Bancodeputation in der Singerstraße untergebracht.
Durch den immer mehr zunehmenden Umfang der Geschäfte wurde es bald not-
wendig, ein eigenes Bankgebäude zu errichten. Die Direktion beschloss im April
1817, das Palais des Fürsten Liechtenstein in der Schenkenstraße käuflich zu er-
werben. Aber schon zu Beginn der Adaptierungsarbeiten stellte sich heraus, dass
das Gebäude vor allem zu Tresor- und Depotzwecken nicht geeignet war.
Man entschied, zwei weitere Gebäude (Herrengasse 31 und 35: heute Nr. 17) zu er-
werben und einen Neubau zu errichten. Bei der Bauführung war Wirtschaftlichkeit
anzustreben und überflüssiger Luxus zu vermeiden. Es wurden die Architekten
Ernest Koch, Charles von Moreau und Alois Pichl eingeladen, Entwürfe zu zeichnen.
Charles von Moreau (1758 1840) erhielt die Entwurfsplanung, Raphael von Rigel
die Ausführung, Ernest Koch wurde mit der Bauaufsicht betraut. Charles von Moreau
lebte bereits seit 1794 in Wien, als er in die Dienste von Fürst Nikolaus II. Esterházy
getreten war.
Man begann den Bau 1819 zuerst in der Bank-
gasse, da man das Eckgrundstück zur Herren-
gasse erst später erwerben konnte. Der Grund-
stein wurde dann zu Beginn der zweiten Bau-
phase, am 25. Juli 1821, gelegt unter Beisein des
Kaisers und des Erzbischofs von Olmütz. Zum Andenken an diesen Festtag wurden
Gold- und Silbergedenkmünzen geprägt. Auf der einen Seite zeigt die Medaille die
Hauptfassade des Gebäudes, und auf der anderen Seite steht unter einem Eichen-
kranz mit zwei Lorbeerbändern der Text „Franz Kaiser von Oesterreich legte den
Grundstein zu diesem Gebäude MDCCCXXI“ in fünf Zeilen, darunter zwei kreuz-
weise gelegte Palmzweige.
Die Wiener Zeitung vom 11. August 1821 berichtete
auf der ersten Seite ausführlich über die feierliche
Grundsteinlegung: „ Sodann begann der Erz-
herzog Cardinal an der Spitze der Geistlichkeit die
feyerliche Weihe des Grundsteines, nach deren
Beendigung Se. Eminenz zuerst die Einmauerung
des Grundsteines mittelst üblichen Anwurf des
Mörtels und dreymahligen Hammerschlages vor-
nahmen. Hierauf wurden Sr. Majestät von dem Bank-
Gouverneur Hammer und Kelle dargereicht, und der
nähmliche Act vollzogen, welchen Ihre Majestät die
Kaiserinn und alle anwesenden allerhöchsten Herr-
schaften, und endlich der Bank-Gouverneur und
dessen Stellvertreter, wiederhohlten…“
Gouverneur der Notenbank war Joseph Carl Graf von
Dietrichstein (* 19.10.1763 Wien, † 17.09.1825). Er
erhielt am 30. Mai 1797 die Ehrenbürgerschaft Wiens.
Zwischen 1804 und 1805 war er Präsident des Erz-
herzogtums Österreich unter der Enns (= Land
Niederösterreich), außerdem von 1811 bis 1825
Landmarschall der Niederösterreichischen Landstände.
Am 23. September 1816 wurde er zu einem der zwölf
Mitglieder des sogenannten engeren Ausschusses der
noch im provisorischen Zustand befindlichen privilegirten oesterreichischen National-
Bank und wenige Tage später zum Präsidenten des genannten Ausschusses ge-
wählt. Am 15. November 1817 wurde er vom Kaiser zum Gouverneur der privilegirten
oesterreichischen National-Bank ernannt und bekleidete dieses Amt bis zu seinem
Tod im Jahr 1825.
Im Jahr 1823 war der Bau fertig, der als erster spezifischer Bankbau Wiens gilt. Die
Baukosten betrugen rund 1 Million Gulden. Knapp über 5 % dieser Summe wurde für
die künstlerische Ausgestaltung verwendet. Im Finalbericht der Nationalbank wird
hervorgehoben, dass Stil und Gestaltung eine einfache, zugleich aber edle Würde
ausstrahlen. Betont wurde, dass im Vergleich zu anderen Bauten die Auslagen der
Nationalbank zwar groß an sich, doch keineswegs überspannt und übertrieben seien.
Die Eröffnung des Hauses fand am 18. und 19. Oktober 1823 statt. Die Innenaus-
stattung zeigte die für die damalige Zeit modernsten Errungenschaften, sei es bei
den unterirdischen Tresoranlagen, beim Lastenaufzug oder dem Wasserpumpwerk.
Das Gebäude im klassizistischen Stil ist
klar gegliedert, im Aufriss dreigeschossig,
mit einem vierten Attikageschoß, das
jedoch in der Höhe den anderen Ge-
schoßen fast gleichwertig ausgebildet ist,
darüber ein Satteldach. Die Fassade ist
streng symmetrisch angeordnet. Das Spiel
mit den verschiedenen Fassadenformen,
die die Fenster umfangen, bringt die Hierarchie der Geschoße sehr klar zum Aus-
druck. Der Mittelrisalit mit dem Haupteingang in der Herrengasse ist nur leicht her-
vorgehoben in Form einer Tempelarchitektur mit vier Riesenpilastern mit korinthi-
schen Kapitellen, Architrav und Giebel mit Tympanon. Der plastische Schmuck im
Tympanon stellt zwei geflügelte Famen, Personifikationen des Ruhms, dar, die ein
Schild mit dem Doppeladler präsentieren. Sie stammen vom Bildhauer Josef Klieber
(1773 1850), der auch Apollo und die 9 Musen im Musensaal der Albertina ge-
schaffen hat. Bei einem großen Umbau des Gebäudes 1874 wurde jedoch dieser
Giebel, ebenso wie jene zwei auf der Seitenfassade in der Bankgasse, entfernt,
vermutlich um Fenster für eine bessere Belichtung einbauen zu können.
Am Gebäude fallen die besondere Kompaktheit und die Flächigkeit seiner Fronten
auf. Horizontal ist der Bau durch verschieden ausgeprägte Gesimse zwischen den
Geschoßen gegliedert. Besonders hervorgehoben werden die Gesimse über dem
Sockelgeschoß und das Attikagesims. Die Fenster sind in allen Geschoßen recht-
eckig und gleich dimensioniert, im Attikageschoß etwas kleiner. Ihre unterschiedliche
Wirkung wird durch die begleitenden Fassadenformen hervorgerufen.
Sockelgeschoß und 1. Obergeschoß werden durch zweifach abgestufte Rundbögen
über den Fenstern stark akzentuiert. Die Fenster im 1. Obergeschoß des Mittelrisalits
werden von Dreiecksgiebeln bekrönt. Die Fenster im 2. Obergeschoß werden we-
sentlich einfacher hervorgehoben, sie sind nur mehr durch eine schmale Mauerstufe
eingerahmt. Gänzlich schmucklos begegnen uns die Fenster im Attikageschoß.
Die mit Gesimsen ähnlich wie Spangen umfasste Blockhaftigkeit des Gebäudes lässt
Renate Wagner-Rieger von der Nationalbank als ein Initialwerk des sogenannten
kubischen Stils des Wiener Vormärz sprechen. Wesentlich bestimmend für das Ge-
bäude sind die erwähnten Rundbogenfolgen, die in Wien gerade als Gliederungs-
element sehr beliebt wurden und an vielen öffentlichen Gebäuden wie Niederöster-
reichisches Landhaus oder Hauptmünzamt Anwendung fanden.
Die Fassade in der Bankgasse nimmt das Mittelrisalit-Thema
der Herrengasse in Form von zwei flachen Portalrisaliten auf,
ohne jedoch die Tempelarchitektur auszubilden. Auffallend ist
das Serliana-Motiv nach Palladio über den Portalen der Bank-
gasse. Die beiden Tympani haben Siegeskränze als plastischen
Schmuck.
Bezüglich der Wahl der Stilmittel kann festgehalten werden, dass der Architekt
Moreau eine sehr bewusste Auswahl von Motiven der italienischen Renaissance
getroffen hat. Das passierte sicher nicht zufällig. Die italienische Renaissance war
die Epoche des Aufstiegs des italienischen Banken- und Finanzwesens. Daran
erinnern immer noch die italienischen Fachausdrücke im Bankenwesen wie Giro,
Konto, Lombard, Skonto, Agio usw. In Florenz entstanden Paläste reicher Familien
wie Medici, Strozzi, Pazzi und Rucellai, die viele Jahrhunderte lang Vorbildwirkung
für den Bankenbau hatten.
Bis zum Jahr 1848 fand man mit dem neuen Gebäude Herrengasse 17 das Aus-
langen. Die Ausdehnung und Mannigfaltigkeit der Geschäfte machten es jedoch
notwendig, ein weiteres Gebäude zu erwerben. 1849 wurde das anschließende Haus
Schenkenstraße Nr. 35 (heute Bankgasse Nr. 3), das sogenannte Haus „Zum
schwarzen Thor“, erworben, 1857 noch das Haus Herrengasse 15.
Aus Platznot und aus Mangel eines eigenen Gebäudes für die Börsengeschäfte
erwarb man 1855 die gegenüberliegenden Gebäude der Grafen Traun und Abens-
perg in der Herrengasse (heute Nr. 14). Dort wurde jenes Banken- und Börse-
gebäude von Heinrich von Ferstel gebaut, das später nach seinem Architekten den
Namen Palais Ferstel erhielt. Es war ein Gebäude mit gemischter Nutzung, auch der
Bazar mit seinen kleinen Geschäften und das Kaffeehaus (heute Café Central)
wurden damals schon vorgesehen.
Literatur:
Siegfried Pressburger, Das Österreichische Noteninstitut. 1816 bis 1966, Wien 1959.
Oesterreichische Nationalbank (Hg.), Judith Eiblmayr, Architektur des Geldes. Vom
klassizistischen Palais zum zeitgenössischen Geldzentrum, Wien 1999.
Mario Schwarz, Die Bedeutung des Gebäudes der Nationalbank für die Architektur
des Wiener Klassizismus, in: Örag (Hg.), Bericht über die Revitalisierung.
Bankgebäude Herrengasse, Wien 1992.
Dehio Wien, I. Bezirk Innere Stadt, Wien 2007.
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Die Bedeutung des Gebäudes der Nationalbank für die Architektur des Wiener Klassizismus
  • Mario Schwarz
Mario Schwarz, Die Bedeutung des Gebäudes der Nationalbank für die Architektur des Wiener Klassizismus, in: Örag (Hg.), Bericht über die Revitalisierung. Bankgebäude Herrengasse, Wien 1992.