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Die Steuerreformpläne der neuen Bundesregierung und das Bürgergeld: Eine Simulation von Risiken und Nebenwirkungen

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Abstract

Die in Aussicht gestellten Steuererleichterungen sind das beherrschende Thema der ersten Wochen nach Amtsantritt der neuen Bundesregierung. Die vorliegende Studie enthält eine Simulation der mutmaßlichen Effekte einer Umsetzung des von der FDP vorgeschlagenen Stufentarifs und Bürgergelds auf den Arbeitsmarkt, der damit verbundenen fiskalischen Effekte und der zu erwartenden Verteilungswirkungen. Unsere Analyse zeigt, dass eine Gesamtreform, die alle Einkommensgruppen besser stellt, zwangsläufig zu Lasten der öffentlichen Haushalte geht. Rechnerisch ergeben sich fiskalische Kosten in Höhe von 86 Milliarden Euro pro Jahr. Da auch die Beschäftigungswirkungen nicht uneingeschränkt positiv zu bewerten sind, ist von der Einführung eines dreistufigen Steuersystems in Kombination mit einem Bürgergeld aus ökonomischer Sicht abzuraten. Betrachtet man den Steuerreformvorschlag separat, so ergeben sich positive Beschäftigungseffekte und geringere fiskalische Kosten. Allerdings sind diese mit etwa 86.000 Euro pro neu geschaffenen Vollzeitarbeitsplatz dennoch unverhältnismäßig hoch. Hinzu kommen nicht unproblematische Verteilungswirkungen zugunsten höherer Einkommen. Die geschilderten Wirkungen sind nicht von der konkreten Ausgestaltung des Reformvorschlages abhängig, sondern eher konzeptioneller Art. Sie würden auch dann in ähnlicher Weise zutage treten, wenn der FDP-Vorschlag in veränderter Form umgesetzt würde.
STANDPUNKTE
Forschungsinstitut
zur Zukunft der Arbeit
Institute for the Study
of Labor
IZA Standpunkte Nr. 21
Die Steuerreformpläne der neuen Bundesregierung
und das Bürgergeld:
Eine Simulation von Risiken und Nebenwirkungen
Dirk Neumann
Andreas Peichl
Hilmar Schneider
Sebastian Siegloch
November 2009
Die Steuerreformpläne der neuen
Bundesregierung und das Bürgergeld:
Eine Simulation von Risiken und
Nebenwirkungen
Dirk Neumann
Universität zu Köln und IZA
Andreas Peichl
IZA, Universität zu Köln und ISER
Hilmar Schneider
IZA und DIW Berlin
Sebastian Siegloch
IZA und Universität zu Köln
IZA Standpunkte Nr. 21
November 2009
IZA
Postfach 7240
53072 Bonn
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Die Schriftenreihe “IZA Standpunkte” veröffentlicht politikrelevante Forschungsarbeiten und
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an dieser Stelle vorgenommen, sondern sind gegebenenfalls nur über die Autoren selbst erhältlich.
IZA Standpunkte Nr. 21
November 2009
ZUSAMMENFASSUNG
Die Steuerreformpläne der neuen Bundesregierung und das Bürgergeld:
Eine Simulation von Risiken und Nebenwirkungen
Die in Aussicht gestellten Steuererleichterungen sind das beherrschende Thema der ersten
Wochen nach Amtsantritt der neuen Bundesregierung. Die vorliegende Studie enthält eine
Simulation der mutmaßlichen Effekte einer Umsetzung des von der FDP vorgeschlagenen
Stufentarifs und Bürgergelds auf den Arbeitsmarkt, der damit verbundenen fiskalischen
Effekte und der zu erwartenden Verteilungswirkungen. Unsere Analyse zeigt, dass eine
Gesamtreform, die alle Einkommensgruppen besser stellt, zwangsläufig zu Lasten der
öffentlichen Haushalte geht. Rechnerisch ergeben sich fiskalische Kosten in Höhe von 86
Milliarden Euro pro Jahr. Da auch die Beschäftigungswirkungen nicht uneingeschränkt positiv
zu bewerten sind, ist von der Einführung eines dreistufigen Steuersystems in Kombination
mit einem Bürgergeld aus ökonomischer Sicht abzuraten. Betrachtet man den Steuerreform-
vorschlag separat, so ergeben sich positive Beschäftigungseffekte und geringere fiskalische
Kosten. Allerdings sind diese mit etwa 86.000 Euro pro neu geschaffenen Vollzeitarbeitsplatz
dennoch unverhältnismäßig hoch. Hinzu kommen nicht unproblematische Verteilungs-
wirkungen zugunsten höherer Einkommen. Die geschilderten Wirkungen sind nicht von der
konkreten Ausgestaltung des Reformvorschlages abhängig, sondern eher konzeptioneller
Art. Sie würden auch dann in ähnlicher Weise zutage treten, wenn der FDP-Vorschlag in
veränderter Form umgesetzt würde.
JEL-Codes: D31, H24, I38
Schlagworte: Steuerreform, Stufentarif, Bürgergeld, Mikrosimulation, Arbeitsangebot
Kontaktadresse:
Hilmar Schneider
IZA
Postfach 7240
D-53072 Bonn
E-Mail: schneider@iza.org
Einleitung
Die in Aussicht gestellten Steuererleichterungen sind das beherrschende Thema der ersten Wochen nach
Amtsantritt der neuen Bundesregierung. Dazu heißt es im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und
FDP, dass die Einführung eines Stufentarifs „möglichst zum 01.01.2011“ beschlossen werden solle, wobei
„Zahl und Verlauf der Stufen“ noch entwickelt werden müssten.1 Obwohl vage formuliert und mit dem
Zusatz "möglichst" versehen, hat das Versprechen der Steuererleichterungen eine breite öffentliche De-
batte ausgelöst. Insbesondere die Finanzierbarkeit einer solchen großen Reform des Einkommensteuer-
rechtes wird dabei thematisiert.
Für eine Bewertung der möglichen Effekte einer Steuerreform ist es unabdingbar, deren konkrete Aus-
gestaltung zu kennen. Da der Koalitionsvertrag derartige Details nicht enthält, basieren die folgenden
Berechnungen auf dem Reformvorschlag, der im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 von der FDP vorge-
legt wurde. Er eignet sich als Referenzkonzept zur Analyse der Einführung eines Stufentarifs in der Ein-
kommensteuer. Zusätzlich betrachten wir die möglichen Wirkungen einer Bündelung aller bisherigen
steuerfinanzierten Sozialtransfers zu einem Bürgergeld, dem zweiten Kernelement des wirtschaftspoliti-
schen Programms der Freien Demokraten.2 Im Koalitionsvertrag findet sich dazu die Absicht, „die viel-
fältigen und kaum noch überschaubaren steuerfinanzierten Sozialleistungen darauf hin zu überprüfen,
ob und in welchem Umfang eine Zusammenfassung möglich ist“.
Die vorliegende Studie enthält eine Simulation der mutmaßlichen Auswirkungen einer Umsetzung der
genannten Reformelemente auf dem Arbeitsmarkt, der damit verbundenen fiskalischen Effekte und der
zu erwartenden Verteilungswirkungen. Die Simulation basiert auf einem empirisch fundierten mikro-
ökonometrischen Arbeitsangebotsmodell, das Verhaltensänderungen aufgrund veränderter Einkommen
abbildet.
Das FDP-Reformkonzept: Stufentarif bei der Einkommensteuer und Bürgergeld
Der FDP-Vorschlag zur Neugestaltung der Einkommensbesteuerung sieht konkret einen dreistufigen
Steuertarif vor: Oberhalb eines erhöhten Grundfreibetrages von 8.004 Euro gilt ein Eingangssteuersatz
von 10 Prozent, zwischen 20.000 Euro und 50.000 Euro ein mittlerer Steuersatz von 25 Prozent und ober-
halb von 50.000 Euro schließlich ein Spitzensteuersatz von 35 Prozent. Die in 2007 eingeführte Rei-
chensteuer wird abgeschafft. Ziel des Vorschlags ist es, die nach geltendem Rechtssystem mit jedem wei-
teren verdienten Euro steigende Grenzsteuerbelastung durch einen stufenförmigen Verlauf zu ersetzen
und dadurch Negativanreize insbesondere bei der Entscheidung hinsichtlich einer Ausweitung der Ar-
beitsstunden zu verringern. Ferner soll der erhöhte Grundfreibetrag von 8.004 Euro nicht nur für Er-
wachsene, sondern auch für Kinder gelten, was faktisch eine Anhebung des derzeitigen Kinderfreibetra-
ges von 6.024 Euro bedeutet. Für Familien, die den Freibetrag aufgrund zu geringen Einkommens nicht
nutzen können3, soll das Kindergeld auf 200 Euro pro Kind und Monat angehoben werden.4 Flankiert
1 Vgl. Wachstum. Bildung. Zusammenhalt. - Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP, 17. Legislaturperiode,
2009.
2 Vgl. FDP: Die Mitte stärken. - Deutschlandprogramm der Freien Demokratischen Partei, März 2009; FDP: Die ge-
rechte Steuer: Einfach, niedrig und sozial. Das Nettokonzept der FDP, Beschluss vom 59. Ordentlichen Bundespartei-
tag, Juni 2008; Pinkwart et al.: Das Liberale Bürgergeld: aktivierend, transparent und gerecht, Ergebnisbericht der
Kommission Bürgergeld - Negative Einkommensteuer (KöBüNE), Mai 2005.
3 Hierbei kommt die sog. Günstigerprüfung zur Anwendung, die vom Finanzamt durchgeführt wird. Sie vergleicht
den Vorteil aus dem Abzug der Kinderfreibeträge von der Bemessungsgrundlage mit dem Kindergeld. Die für den
Haushalt günstigere Variante wird schließlich zu Grunde gelegt.
4 Erste in diese Richtung gehende Entlastungen sind von der schwarz-gelben Bundesregierung bereits beschlossen
worden. So soll zum 01.01.2010 das Kindergeld um 20 Euro steigen und der Kinderfreibetrag auf 7.008 Euro erhöht
werden (Kabinettsbeschluss vom 09.11.2009).
2
werden diese Neuerungen durch eine Änderung des Werbungskostenabzuges bei Einkünften aus nicht-
selbständiger Arbeit. So sollen 2 Prozent des Bruttolohnes als Aufwendungspauschale abgezogen werden
können, jedoch mindestens 200 Euro und maximal 2.000 Euro. Die komplizierten Regelungen zur Teilab-
ziehbarkeit von Vorsorgeaufwendungen als Sonderausgaben würden gemäß dem FDP-Vorschlag durch
die volle Abziehbarkeit sämtlicher vom Arbeitnehmer gezahlten Sozialversicherungsbeiträge abgelöst.5
Der zweite zentrale Aspekt des FDP-Vorschlages ist die Einführung eines Bürgergeldes. Dieses soll die
bestehenden steuerfinanzierten Transferzahlungen, namentlich das Arbeitslosengeld II (ALG II) ein-
schließlich der Leistungen für Wohnen und Heizung, das Sozialgeld, die Grundsicherung, die Sozialhilfe
(ohne Sozialhilfe in besonderen Lebenslagen), den Kinderzuschlag und das Wohngeld in einer einzigen
Transferleistung zusammenfassen. Die Leistung soll grundsätzlich pauschaliert gewährt werden, wobei
der durchschnittliche Bürgergeldanspruch eines Alleinstehenden ohne Kinder im Bundesdurchschnitt
von der FDP mit 662 Euro pro Monat veranschlagt wird. Kinder sollen einen eigenen Bürgergeldan-
spruch erhalten, der aber geringer ausfallen soll. Die grundlegende Bedarfsorientierung wird ebenso
beibehalten wie die Berechnung der Ansprüche auf Grundlage von Bedarfsgemeinschaften.6 Grundsätz-
lich neu geregelt wird allerdings die Anrechnung von Einkommen auf den Transferanspruch. Hinter-
grund ist, dass die FDP durch erhöhte Hinzuverdienstgrenzen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in
unteren Einkommensbereichen deutlich attraktiver gestalten will. De facto handelt es sich dabei um eine
Kombilohnvariante und damit um eine Subvention geringfügig entlohnter Beschäftigung. Konkret wird
ein Freibetrag von 100 Euro gewährt, wobei wie im geltenden Recht das Bruttoeinkommen aus Erwerbs-
arbeit zu Grunde gelegt wird. Bis zu einem Bruttoarbeitseinkommen von 600 Euro bleiben 40 Prozent
anrechnungsfrei, darüber hinaus bis zum Auslaufen des Bürgergeldes 60 Prozent.
Flankierend dazu will die FDP ebenfalls die Grenzen für Mini- und Midijobs herauf setzen. Demnach
bleibt monatliches Arbeitseinkommen bis 600 Euro sozialversicherungsfrei, während die bisherige Gren-
ze bei 400 Euro liegt. Die Obergrenze für Midijobs, bis zu welcher der Arbeitnehmer gleitend ansteigende
Sozialabgaben zu entrichten hat, wird von 800 Euro auf 1.000 Euro angehoben. Erst ab 1.000 Euro sind
dann die Sozialversicherungsabgaben in voller Höhe zu zahlen.
Beschäftigungs- und Aufkommenswirkungen
Unsere Analyse gliedert sich in folgende Teilschritte: Zunächst werden die Auswirkungen des Steuervor-
schlages auf der einen sowie der Bürgergeldkonzeption inklusive der Mini-/Midijob-Regelungen auf der
anderen Seite jeweils separat untersucht. In dem darauf folgenden Schritt werden beide Reformszenarien
gemeinsam simuliert. Dies erlaubt eine Beurteilung der Wirkung der Reformkonzepte in Abhängigkeit
vom Einführungskontext. So hat beispielsweise das Bürgergeld einen negativen Beschäftigungseffekt, der
bei Einführung im Status Quo deutlich stärker ausfällt als bei einer Einführung im Kontext der vorgese-
henen Steuerreform. Tabelle 1 fasst die potenziellen Beschäftigungseffekte aller Szenarien für verschiede-
ne Bevölkerungsgruppen zusammen.
5 In den nachfolgenden Simulationsrechnungen bleiben die im FDP-Vorschlag ebenfalls vorgesehene zweijährige
Veranlagungsfrist sowie die Abschaffung der Steuerklasse V unberücksichtigt. Während ersteres insbesondere dar-
auf zurückzuführen ist, dass die verwendeten Daten nur einen einjährigen Veranlagungszeitraum widerspiegeln, hat
letzteres keine Auswirkungen auf das veranlagte Einkommensteueraufkommen, sondern betrifft lediglich die Vertei-
lung der Lohnsteuervorauszahlung zwischen Ehegatten. Weiterhin nicht modelliert wird wegen fehlender Informa-
tionen in den Daten die Abzugsfähigkeit von Kinderbetreuungs- und Pflegekosten von bis zu 12.000 Euro/Jahr ge-
gen Nachweis.
6 Da die FDP hierzu keine detaillierten Angaben in ihren Programmentwurf aufgenommen hat, wenden wir für die
Modellierung die geltenden Gewichtungsfaktoren für Haushaltsmitglieder gemäß ALG-II-Recht auf das Bürgergeld
an. Konkret bedeutet das einen Gewichtungsfaktor von 0.8 für den Partner des Haushaltsvorstandes sowie von 0.6
für jedes Kind bei der Anspruchsermittlung. Darüber hinaus gehen wir bei der Berechnung der Bürgergeldansprüche
für Paarhaushalte von einem Ansatz ähnlich dem des Splitting-Verfahrens bei der Einkommensbesteuerung aus und
veranlagen sowohl die Ansprüche als auch das zu verrechnende Bruttoeinkommen für beide Partner gemeinsam.
Dies ist ein Unterschied zu der gegenwärtigen individuellen ALG-II-Anspruchsberechnung.
3
Tabelle 1: Beschäftigungswirkungen
(1) (2) (3) (4) (5)
Reform Steuer
Bürgergeld
gegeben
Steuer
Gesamt Bürgergeld
Steuer
gegeben
Bürgergeld
Arbeitsstunden pro Woche (in Tsd.)
Single-Männer 4676 574 5250 -2007 7257
Single-Frauen 3241 813 4054 -612 4666
Alleinerzie-
hende 717 247 964 -429 1393
Paarhaushalte 15492 -18484 -2992 -21719 18727
Gesamt 24126 -16850 7276 -24767 32043
Vollzeitäquivalente (in Tsd.)
Single-Männer 117 14 131 -50 181
Single-Frauen 81 20 101 -15 117
Alleinerzie-
hende 18 6 24 -11 35
Paarhaushalte 387 -462 -75 -543 468
Gesamt 603 -422 181 -619 801
Partizipationseffekt (in Tsd. Personen)
Single-Männer 70 10 80 2 78
Single-Frauen 52 36 88 33 55
Alleinerzie-
hend
9 24 33 14 19
Paarhaushalte 80 -76 5 -122 126
Gesamt 211 -6 206 -71 278
Quelle: Eigene Berechnungen mit IZAΨMOD; Veränderungen gegenüber Rechtsstand 2009
Spalte (1) der Tabelle weist die Effekte der isolierten Einführung der Steuerreform aus. Die Simulation
zeigt, dass die Steuerreform deutlich positive Arbeitsangebotsanreize erzeugt. Dies gilt für alle Bevölke-
rungsgruppen und sowohl für eine Erhöhung der geleisteten Arbeitsstunden (Verhalten an der sog. in-
tensive margin) als auch für die Teilnahme am Arbeitsmarkt (Verhalten an der sog. extensive margin). Es ist
erkennbar, dass die Einführung des Stufentarifes zu einem zusätzlichen Arbeitsangebot von rund 24 Mil-
lionen Stunden pro Woche führen würde. Das entspricht mehr als 600.000 Vollzeitäquivalenten (unter
der Annahme, dass eine Vollzeit arbeitende Person 40 Std./ Woche tätig ist). Gut 210.000 Menschen, die
im Status Quo nicht erwerbstätig sind, würden eine Arbeit aufnehmen.
4
Tabelle 2: Aufkommenswirkungen
(1) (2) (3) (4) (5)
Reform Steuer
Bürgergeld
gegeben
Steuer
Gesamt Bürgergeld
Steuer
gegeben
Bürgergeld
Ohne Arbeitsangebotsanpassung (in Mrd. Euro)
Steuerauf-
kommen -68,70 1,35 -67,35 0,56 -67,91
Sozialvers.-
Abgaben 0,00 -1,02 -1,02 -1,02 0,00
Transferzah-
lungen 7,48 -24,63 -17,15 -19,93 2,78
Gesamt -61,22 -24,30 -85,52 -20,39 -65,13
Mit Arbeitsangebotsanpassung (in Mrd. Euro)
Steuerauf-
kommen -67,97 1,81 -66,16 -2,50 -63,66
Sozialvers.-
Abgaben 6,47 -7,41 -0,94 -11,31 10,38
Transferzah-
lungen 9,67 -29,15 -19,48 -26,60 7,12
Gesamt -51,83 -34,75 -86,58 -40,41 -46,16
Kosten pro zusätzlichem Vollzeitäquivalent (in Tsd. Euro)
Gesamt 85,95 -- 478,32 -- 57,63
Kosten pro zusätzlichem Arbeitsplatz (in Tsd. Euro)
Gesamt 245,62 -- 420,28 -- 166,06
Quelle: Eigene Berechnungen mit IZAΨMOD; Veränderungen gegenüber Rechtsstand 2009
Der Effekt ist zwar beachtlich, doch die damit verbundenen fiskalischen Einnahmen reichen bei weitem
nicht aus, um die gleichzeitig auftretenden Einnahmeausfälle auszugleichen. Tabelle 2 weist dazu die
Aufkommenswirkungen der verschiedenen Reformszenarien aus. Dabei wird differenziert zwischen den
fiskalischen Effekten vor und nach Arbeitsangebotsanpassungen entsprechend Tabelle 1. Die Einführung
des dreistufigen Steuertarifes reduziert das Einkommensteueraufkommen um 68,7 Mrd. Euro pro Jahr.
Aufgrund von Einsparungen von etwa 7,5 Mrd. Euro im Bereich der Transferzahlungen würde die Re-
form den Fiskus insgesamt ca. 61,2 Mrd. Euro pro Jahr kosten. Selbst unter der starken Annahme, dass
die Arbeitsangebotsanpassungen in vollem Umfang wirksam werden, ist die Belastung der öffentlichen
Haushalte immens. In diesem Fall bliebe ein Aufkommensverlust von immer noch 51,8 Mrd. Euro. Trotz
der Zweitrundeneffekte im Umfang von rund 10 Mrd. Euro7 ist dies mehr als das Doppelte der im Koali-
tionsvertrag angesetzten 24 Mrd. Euro an Steuerentlastungen, die die Einkommensteuerreform im Jahr
2011 bringen soll.
7 Dieser Betrag liegt leicht unter den Schätzungen der Regierungsparteien im Koalitionsvertrag. Dort wurde davon
ausgegangen, dass 100.000 neue Arbeitsplätze den Haushalt und die Sozialkassen um 2 Mrd. Euro entlasten, was
einem Zweitrundeneffekt von 12 Mrd. Euro entspräche.
5
Noch problematischer sind die fiskalischen Wirkungen, wenn zusätzlich ein Bürgergeld eingeführt wird.
Das Bürgergeld führt zu einem markanten Rückgang des Arbeitsangebots bei gleichzeitig deutlicher
Ausweitung der Transferansprüche. Im Endeffekt würden die öffentlichen Haushalte mit 86,6 Mrd. Euro
statt mit 51,8 Mrd. Euro belastet werden. Bei diesem Anstieg spielen insbesondere die neuen Anrech-
nungsregeln und Hinzuverdienstgrenzen im Rahmen des Bürgergeldes eine entscheidende Rolle. Auch
zeigt sich, dass eine Kombination von dreistufigem Steuertarif und Bürgergeld die positiven Beschäfti-
gungswirkungen einer alleinigen Steuerreform deutlich reduziert. So sinken die zusätzlichen Vollzeit-
äquivalente auf ca. 181.000, während die Partizipationseffekte mit 206.000 ähnlich hoch bleiben wie im
Fall der Steuerreform. Da der Stundeneffekt jedoch geringer ist als der Partizipationseffekt, ist zu folgern,
dass der der Großteil der neuen Beschäftigten nicht Vollzeit arbeitet (vgl. Tabelle 1 Spalte (3)).
Bei einer isolierten Einführung des Bürgergeldes inklusive der Neuregelungen bei den Mini-/Midijobs
im Status Quorden die negativen Effekte des Bürgergelds noch stärker zu Buche schlagen. So zeigt
Spalte (4) der Tabelle 1 die negativen potenziellen Beschäftigungseffekte eines solchen Reformszenarios:
Sowohl die Arbeitsstunden als auch die Teilnahme am Arbeitsmarkt gehen insgesamt zurück. Dies führt
dazu, dass die fiskalischen Kosten nach Anpassung des Arbeitsangebotes hier sogar höher sind als die
unmittelbaren Kosten ohne Verhaltensänderung, wie Spalte (4) von Tabelle 2 zeigt.
Mit Hilfe einer grafischen Analyse lässt sich veranschaulichen, wo die jeweiligen Effekte herkommen.
Grafik 1 skizziert dazu Budgetverläufe, die sich bei einem gegebenen Stundenlohn für einen Single-
Haushalt in Abhängigkeit von der geleisteten Arbeitszeit ergeben würden. In der Abbildung wird ein
Bruttostundenlohn von 8,50 Euro für eine alleinlebende Person ohne Kinder zu Grunde gelegt, um die
spezifischen Erwerbsanreize für Geringverdiener zu verdeutlichen. Es wird ersichtlich, dass sowohl im
Status Quo als auch im Steuerreform-Szenario ein gewisser Anreiz besteht, Arbeit im unteren Stundenbe-
reich anzubieten, da die Budgetgerade für die ersten geleisteten Arbeitsstunden relativ steil verläuft, d.h.
in diesem Bereich kann ein relativ hoher Anteil des zusätzlich verdienten Einkommens einbehalten wer-
den. So erhöht die Aufnahme einer Beschäftigung im Umfang von 5 Wochenstunden das verfügbare
Einkommen um mehr als 100 Euro auf insgesamt 786 Euro. Allerdings werden die günstigen Hinzuver-
dienstmöglichkeiten in beiden Szenarien relativ früh wieder reduziert: Eine Verdoppelung des Arbeits-
umfanges von 5 auf 10 Stunden führt zu einer Steigerung des verfügbaren Einkommens um weniger als
50 Euro. Dies führt letztendlich dazu, dass bis zu einer Wochenarbeitsstundenzahl von etwa 32 ein nur
relativ geringer Anreiz besteht, zusätzliche Arbeit anzubieten.
An dieser Stelle setzt das Bürgergeld inklusive der Neuerung bei den Mini-/Midijobs an und verbessert
die Hinzuverdienstmöglichkeiten in diesem Bereich. Wie der entsprechende Budgetverlauf zeigt, beste-
hen im Vergleich zum Status Quo respektive Steuerreform-Szenario im Bereich geringerer Wochenar-
beitsstunden erhöhte Anreize, mehr zu arbeiten, da das Nettoeinkommen hier mit einer Ausweitung der
Arbeitszeit wesentlich stärker ansteigt. Das Problem des Bürgergeldes tritt allerdings in dem Bereich
zutage, wo die Hinzuverdienstmöglichkeiten auslaufen (sog. Phasing-out-Region). Dieser liegt in der
Grafik bei etwa 40 Arbeitsstunden/Woche. Es wird ersichtlich, dass ein Arbeitnehmer, der im Status Quo
z.B. 41 Std./Woche arbeitet und dafür rund 1.050 Euro Nettoeinkommen erhält, durch eine Reduktion
seiner Arbeitszeit auf 32 bis 36 Std./Woche im reinen Bürgergeld-Szenario nun ein annährend gleich
hohes Einkommen erzielen könnte. Ein weiterer Fehlanreiz auf die Arbeitsstunden wird durch den „Bu-
ckel“ im Budgetverlauf von Bürgergeld- bzw. Steuer- inklusive Bürgergeldreform erzeugt. Dieser kommt
durch die Neuregelungen bei den Mini-/Midijobs zustande und verschwindet bei etwa 28 Std. und ei-
nem Einkommen von ca. 1.000 Euro/Monat, was genau der reformierten Obergrenze für die Midijobs
entspricht. So wird es attraktiv, die Arbeitszeit von 30 Stunden vor der Reform auf 24 Stunden nach der
Reform zu reduzieren und damit in einen Midijob zu wechseln. Dem schwach positiven Anreiz zur Auf-
nahme einer Erwerbstätigkeit steht somit bei den bereits Erwerbstätigen ein relativ starker Anreiz zur
Reduktion der Arbeitszeit gegenüber.
6
Grafik 1: Budgetverläufe für Single-Haushalt
Annahmen: Alleinlebender ohne Kinder mit fixem Bruttostundenlohn von 8,50 €.
Quelle: Eigene Berechnungen mit IZAΨMOD
Sämtliche Effekte bestätigen sich anhand unserer Simulationen. Der Partizipationseffekt des Bürgergel-
des ist positiv, wohingegen die Arbeitsstunden sowohl für Singles wie auch für Alleinerziehende im
Durchschnitt reduziert werden. Beides sind durchaus bekannte Effekte von Kombilohnmodellen.8
Vergleicht man diesen Rückgang zusätzlich mit den Ergebnissen aus Spalte (2), so wird deutlich, dass der
Arbeitsmarkteffekt einer Einführung des Bürgergeldes im Status Quo deutlich negativer ist als die Wir-
kungen einer solchen Einführung, wenn das dreistufige Steuersystem bereits existieren würde. Führt
man das Bürgergeld bei bestehendem Rechtssystem ein, so reduzieren Singles und Alleinstehende, wie
eben gesehen, ihre Arbeitsstunden. Grafik 1 zeigt, dass die Entlastungen für die Arbeitnehmer durch die
Steuerreform im Bereich der Phasing-out-Region bereits voll durchschlagen. Dies führt dazu, dass Allein-
lebende nach Einführung der Steuerreform hier ein deutliches Nettoplus verbuchen. Wird jetzt zusätzlich
das Bürgergeld eingeführt, so würde eine Reduktion der Stunden dieses Nettoplus wieder relativ stark
reduzieren. Das ist der Grund, weshalb die Steuerreform die Negativwirkungen des Bürgergeldes auf die
Arbeitsstunden aufhebt.
Die Budgetverläufe für Paarhaushalte sind in Grafik 2 dargestellt. Es wird von einem verheirateten Ehe-
paar mit zwei Kindern ausgegangen. Um die Darstellung zu vereinfachen, wird dem Erstverdiener ein
fixes Bruttoeinkommen von 2.700 Euro zugeschrieben, was ungefähr dem Medianeinkommen in dieser
Personengruppe entspricht. Für den Zweitverdiener wird wiederum von einem Bruttostundenlohn von
8,50 Euro ausgegangen.
8 Vgl. hierzu z.B. H. Bonin, H. Schneider: Workfare: Eine wirksame Alternative zum Kombilohn, Wirtschaftsdienst,
2006, 86 (10), S. 645-650 oder C. Fuest, A. Peichl, T. Schaefer: Beschäftigungs- und Finanzierungswirkungen von
Kombilohnmodellen, Wirtschaftsdienst, 2007, 87 (4), S. 226-231.
7
Grafik 2: Budgetverläufe für Paarhaushalt
Annahmen: Paarhaushalt mit 2 Kindern. Erstverdiener mit fixem monatlichem Bruttoeinkommen von 2.700 Euro.
Zweitverdiener mit fixem Bruttostundenlohn von 8,50 €.
Quelle: Eigene Berechnungen mit IZAΨMOD.
Es ist unmittelbar erkennbar, dass alle drei Reformszenarien das verfügbare Einkommen für Paare im
Vergleich zum Status Quo erhöhen. Die Beschäftigungsanreize der reinen Bürgergeld-Reform allerdings
sind für den Zweitverdiener durchweg sehr gering. Arbeitet der Zweitverdiener gar nicht, so ergibt sich
für den Haushalt ein verfügbares Einkommen von ca. 2.860 Euro. Eine Beschäftigung von 30 Wochen-
stunden würde dieses Einkommen um weniger als 250 Euro pro Monat erhöhen. Im Vergleich zu den
Singles kommt es bei den Zweitverdienern damit prinzipiell zu negativeren Beschäftigungswirkungen.
Dies wird auch aus den Simulationsergebnissen in Tabelle 1 deutlich: Sowohl bei den Arbeitsstunden als
auch an der extensive margin reduzieren Paarhaushalte ihr Arbeitsangebot drastisch und sind damit der
eindeutige Treiber für die negativen Gesamteffekte der Reform.
Die alleinige Steuerreform verschafft dem Zweitverdiener ähnlich wie das Bürgergeld ein höheres Netto-
einkommen. Allerdings sind die Beschäftigungsanreize hier genau entgegengesetzt, also positiv, was an
der durchweg größeren Steigung des Budgetverlaufs im Vergleich zum Status Quo deutlich wird. Dies
lässt sich zum Teil durch das Ehegattensplitting erklären, welches negative Arbeitsanreize für den
Zweitverdiener entfaltet.9 Durch das Senken der Grenzsteuersätze werden diese reduziert, und es kommt
zu einem positiven Beschäftigungseffekt. In der Gesamtreform allerdings lässt das Bürgergeld das Bud-
get bis in den Bereich von ca. 30 Wochenarbeitsstunden flacher verlaufen und neutralisiert dadurch die
positiven Beschäftigungswirkungen der Steuererleichterungen gänzlich. Auch diese Effekte werden
durch unsere Simulationsberechnungen bestätigt (s. Tabelle 1, Spalten (1) und (3)).10
9 Vgl. C. Bergs, C. Fuest A. Peichl, T. Schaefer. Das Familienrealsplitting als Reformoption in der Familienbesteue-
rung, Wirtschaftsdienst 86 (10), 2006, S. 639-644.
10 Weitere Simulationen haben gezeigt, dass die Höhe und Richtung der Beschäftigungs- und Aufkommenswirkun-
gen für Paarhaushalte sehr sensitiv im Hinblick auf die konkrete Ausgestaltung der Anrechnungsregeln und Ge-
wichtungsfaktoren beim Bürgergeld sind. Grundsätzlich gilt: Je höher der Bürgergeldanspruch des Zweitverdieners
8
Verteilungswirkungen
Neben den Beschäftigungs- und den fiskalischen Effekten sind auch die Verteilungswirkungen der unter-
schiedlichen Reformszenarien von Interesse. Sowohl das dreistufige Steuerkonzept als auch der Bürger-
geldvorschlag sowie die Kombination von beidem führen bei allen Einkommensschichten zu einem hö-
heren Nettoeinkommen. Tabelle 3 zeigt die Effekte der Reformen für zehn Einkommensklassen. Das ver-
fügbare Einkommen wird dabei auf Individualebene dargestellt, d. h., das Einkommen eines Haushaltes
wird unter Berücksichtigung der Haushaltsgröße ermittelt.11
Tabelle 3: Verteilungswirkungen der Steuerreform
Einkommensdezile
Durchschnittlich
verfügbares
Einkommen
im Status Quo
Veränderung:
Steuerreform
(in %)
Veränderung:
BG-Reform
(in %)
Veränderung:
Steuer+BG-
Reform (in %)
0 – 10 713,58 0,05 12,39 12,37
10 – 20 935,54 1,38 13,54 15,30
20 – 30 1112,97 4,35 7,67 11,98
30 – 40 1291,02 5,70 3,73 10,16
40 – 50 1421,19 7,22 1,17 9,03
50 – 60 1593,64 8,16 0,90 10,03
60 – 70 1767,08 9,15 0,90 10,61
70 – 80 1988,24 10,59 0,50 11,38
80 – 90 2308,19 13,42 0,59 13,99
90 – 100 3118,69 16,75 0,32 16,86
Quelle: Eigene Berechnungen mit IZAΨMOD
Es wird deutlich, dass die reine Steuerreform reiche Individuen relativ stärker entlastet als niedrigere
Einkommensdezile. In den untersten Einkommensgruppen bleibt das Nettoeinkommen praktisch kon-
stant. Dies ist damit zu erklären, dass ein Großteil jener Haushalte nicht oder nur marginal arbeitet und
somit nur von dem erhöhten Grundfreibetrag profitiert. Der Anstieg des Nettoeinkommens in den bei-
den obersten Dezilen ist besonders hoch, was vor allem auf den deutlich gesenkten Spitzensteuersatz
zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu entlastet das Bürgergeld vor allem die unteren Einkommensdezi-
le. Die ist eine Folge der günstigeren Anrechnungsregeln für die sog. „Aufstocker“ und der Anhebung
der Mini-/Midijob-Grenzen. Die Tabelle zeigt außerdem, dass sich die Entlastungen der jeweiligen iso-
lierten Reform grob gesehen zu denen der Gesamtreform addieren. Über alle Einkommensklassen hin-
weg käme es dabei im Durchschnitt zu einer Einkommensverbesserung von etwa 12%.
ist, desto geringer sind die Arbeitsanreize für diesen und desto höher die fiskalischen Kosten des Bürgergeldes insge-
samt.
11 Dies erfolgt über die Verwendung von sog. Äquivalenzeinkommen, berechnet auf Basis der modifizierten OECD-
Äquivalenzskalen. Hierbei erhält der Haushaltsvorstand ein Gewicht von 1, der Partner eines von 0,5 und Kinder
werden mit 0,3 gewichtet. Zur Bestimmung des jeweiligen Individualeinkommens wird das Haushaltseinkommen
dann durch die Summe dieser Gewichte dividiert.
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Fazit
Unsere Analyse zeigt, dass die Gesamtreform, die letztlich nicht durch Umverteilung finanziert wird,
sondern alle Einkommensgruppen besser stellt, zwangsläufig zu Lasten der öffentlichen Haushalte geht,
was sich in den oben aufgeführten fiskalischen Kosten von mehr als 86 Mrd. Euro niederschlägt. Da auch
die Beschäftigungswirkungen nicht uneingeschränkt positiv zu bewerten sind, ist von der Einführung
eines dreistufigen Steuersystems in Kombination mit einem Bürgergeld in der beschriebenen Variante
aus ökonomischer Sicht abzuraten. Andere Untersuchungen belegen vergleichbar ungünstige Auswir-
kungen ähnlicher Bürgergeld- oder Kombilohnvorschläge.12 Auch die Erfahrungen in anderen Ländern
sprechen gegen solche Konzepte. So wurden bereits zu Beginn der 1970er Jahre in den USA Experimente
zur Einführung eines Grundeinkommens durchgeführt.13 Hierbei zeigten sich deutlich negative Anreize
auf das Arbeitsangebot, so dass von diesen Konzepten Abstand genommen wurde.
Betrachtet man den Steuerreformvorschlag separat, so ergeben sich, wie gesehen, zwar positive Beschäf-
tigungseffekte und geringere fiskalische Kosten. Allerdings bleiben diese mit etwa 52 Mrd. Euro, nicht
zuletzt angesichts der Lage der öffentlichen Haushalte, auf einem immer noch immens hohen Niveau.
Betrachtet man die Kosten pro neu geschaffenes Vollzeiquivalent, so sind diese mit 86.000 Euro unver-
hältnismäßig hoch. Hinzu kommen die nicht unproblematischen Verteilungswirkungen zugunsten höhe-
rer Einkommen, die die politische Durchsetzbarkeit einer solchen Reform zusätzlich erschweren dürften.
Die geschilderten Wirkungen sind dabei nicht von der konkreten Ausgestaltung des Reformvorschlages
abhängig, sondern eher konzeptioneller Natur. Sie würden auch dann in ähnlicher Weise zutage treten,
wenn sich der FDP-Vorschlag in veränderter Form im Kabinett durchsetzen würde.
Die im Koalitionsvertrag vorgesehenen Reformpläne für die Einkommensteuer gehen folglich an einem
Kernproblem des deutschen Arbeitsmarktes vorbei. Dieses besteht in falschen Erwerbsanreizen, die
durch das geltende Steuer- und Transfersystem gesetzt werden.14 Die Grundsicherung sorgt für einen
impliziten Mindestlohn, der deutlich über dem Niveau der Grundsicherung liegt, weil die Betroffenen –
ökonomisch völlig rational – das mit Arbeit erzielbare Zusatzeinkommen mit dem dafür erforderlichen
Arbeitsaufwand bewerten. Dem begegnet zwar die geplante Steuerreform, indem sie auch die Attraktivi-
tät gering entlohnter Tätigkeiten erhöht. Die damit verbundenen Kosten rechtfertigen jedoch nicht den
potenziellen Erfolg. Das Bürgergeld konterkariert die Strategie sogar, indem es Erwerbsanreize eher re-
duziert.
Eine wirksame Lösung des Problems besteht dagegen in der Umsetzung des Workfare-Prinzips, das auf
dem Grundsatz von Leistung und Gegenleistung beruht. Erwerbsfähige Transferberechtigte sollten die
ihnen zustehenden Leistungen grundsätzlich nur noch dann in vollem Umfang erhalten, wenn sie dafür
im weitesten Sinne eine vollzeitäquivalente Gegenleistung erbringen. Die Pflicht zur Gegenleistung sorgt
auf effiziente Weise dafür, dass die Erwerbsanreize im Niedriglohnbereich steigen, ohne das Niveau der
Grundsicherung absenken zu müssen. Zwar ist dieser Gedanke auch in dem Bürgergeld-Konzept der
FDP enthalten, doch er verpufft zwangsläufig, weil sich die Betroffenen der Gegenleistung auf einfache
Weise entledigen können, indem sie eine durch das Bürgergeld hochsubventionierte geringfügige Tätig-
keit ausüben.
Anders als das vorgesehene Steuerkonzept ist das Bürgergeld auch nicht in der Lage, die negativen Er-
werbsanreize des bestehenden Ehegattensplittings in der Einkommensteuer zu beseitigen. Dieses führt
12 Vgl. hierzu z.B. H. Buslei und V. Steiner: Beschäftigungseffekte von Lohnsubventionen im Niedriglohnbereich,
Nomos, 1999, Baden-Baden; C. Fuest, A. Peichl: Grundeinkommen vs. Kombilohn: Beschäftigungs- und Finanzie-
rungswirkungen und Unterschiede im Empfängerkreis, Jahrbuch für Wirtschaftswissenschaften 59 (2), 2008, S. 94-
113.
13Vgl. z.B. G. Burtless, D. Greenberg: Measuring the impact of NIT experiments on work effort, Industrial and La-
bor Relations Review, ILR School, Cornell University, vol. 36(4), 1983, S. 592-605.
14Vgl. hierzu K. F. Zimmermann, H. Schneider, W. Eichhorst, H. Hinte, A. Peichl, Vollbeschäftigung ist keine Uto-
pie: Arbeitsmarktpolitisches Programm des IZA, IZA Standpunkte No. 2, 2009.
10
zu einer sehr hohen Grenzbelastung des zweiten Verdieners, in der Regel der Ehefrau, wenn diese eine
substanzielle Erwerbstätigkeit ausüben will. Durch das Bürgergeld wird dieser Effekt sogar noch ver-
schärft. Statt eines Bürgergelds bietet sich hier der Übergang zu einem Ehegattenreal- oder Familienreal-
splitting an. Durch die stärkere Ausrichtung an der Individualbesteuerung lassen sich die Anreize zur
Aufnahme einer Beschäftigung, insbesondere für Zweitverdiener, wesentlich effektiver erhöhen.
Die vorliegenden Ergebnisse entlasten die Politik allerdings keineswegs von der Aufgabe einer Senkung
der Gesamtabgaben, die in Deutschland im internationalen Vergleich nach wie vor außerordentlich hoch
sind. Zwar wirkt die deutsche Einkommensteuer besonders stark umverteilend, denn im Gegensatz zu
seinen europäischen Nachbarn wendet nur Deutschland eine mehrstufige Progressionsformel mit stetig
steigendem Grenzsteuersatz beim Einkommensteuertarif an. Diese hohe effektive Progression wird je-
doch durch die gleichfalls hohe Regressivität der Sozialabgaben kompensiert.15 Dies führt dazu, dass
insbesondere mittlere Einkommensbereiche überproportional hoch belastet werden. Durch eine Befrei-
ung der Sozialversicherung von Umverteilungsaufgaben würde sich die Transparenz der Finanzierungs-
ströme erhöhen, was wiederum der Forderung nach einer weitgehenden Entsprechung von Leistung und
Gegenleistung Rechnung trüge und so die Voraussetzungen für einen echten Leistungswettbewerb
schafft. Umverteilungsmaßnahmen und versicherungsfremde Leistungen sollten daher ausschließlich
über Steuern finanziert werden. Eine solche Reform kann zu größeren Beschäftigungs- und Wachstums-
wirkungen führen als eine massive Entlastung der Spitzenverdiener durch den untersuchten Reformvor-
schlag.
15Vgl. A. Peichl, T. Schaefer, Wie progressiv ist Deutschland? Das Steuer- und Transfersystem im europäischen
Vergleich, Euromod Working Paper EM1/08, 2008.
11
12
Anhang: Methodische Erläuterungen
Die vorgestellten Simulationsergebnisse beruhen auf dem Mikrosimulationsmodell des IZA, IZAΨMOD.
16 Als Datengrundlage dient die 2007er Welle des Sozioökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Insti-
tuts für Wirtschaftsforschung (DIW). In einem ersten Schritt wird das gegenwärtige Steuer- und Trans-
fersystem (Rechtsstand 2009) im Rahmen eines statischen Moduls nachgebildet. Dabei wird unter Be-
rücksichtigung von Freibeträgen, Anrechnungspauschalen, Sonderausgaben sowie Abzugsbeträgen für
außergewöhnliche Belastungen und sonstige Privataufwendungen das individuell verfügbare Nettoein-
kommen für jeden Fall der Stichprobe berechnet. Anschließend werden die Ergebnisse mit den durch die
Fortschreibung angepassten Fallgewichten multipliziert und damit auf die Gesamtpopulation hochge-
rechnet. Genauso werden für die betrachteten Reformvarianten die individuell zu leistenden Einkom-
mensteuerzahlungen und die Nettoeinkommen der Steuerpflichtigen ermittelt. Auf diese Weise können
sowohl die Gesamteffekte als auch die Auswirkungen auf jeden einzelnen Steuerfall analysiert werden.
Um die Effekte auf das Arbeitsangebot zu simulieren, verwenden wir ein diskretes Nutzenmodell in An-
lehnung an A. Van Soest.17 Dabei handelt es sich um ein statisches strukturelles Haushaltsarbeitsange-
botsmodell, das die Arbeitsangebotsentscheidung der Haushaltsmitglieder als diskretes Problem der
Wahl zwischen einer begrenzten Anzahl von möglichen Arbeitszeitkategorien betrachtet. Konkret kön-
nen sich die Individuen zwischen Nicht-Erwerbstätigkeit (0 Stunden), Teilzeittätigkeit im Umfang von
durchschnittlich 10, 20 oder 30 Wochenstunden, sowie Vollzeittätigkeit im Umfang von durchschnittlich
40 oder 50 Wochenstunden entscheiden. Paarhaushalte treffen ihre Arbeitsangebotsentscheidung per
Annahme gemeinsam. Durch Berücksichtigung der möglichen Kombinationen können somit sowohl
Wirkungen auf das Arbeitsangebot der Frau als auch auf das des Mannes simuliert werden.
Neben dem benötigten Zeitaufwand hängt der Nutzen des Haushaltes vom Nettoeinkommen ab. Es wird
unterstellt, dass die jeweils nutzenmaximale Alternative gewählt wird. Unter dieser Prämisse wurden die
Parameter der Nutzenfunktion empirisch geschätzt. Die Beschäftigungseffekte ergeben sich als Summe
aus simulierten individuellen nutzenmaximierenden Entscheidungen vor dem Hintergrund veränderter
monetärer Erwerbsanreize. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass sich die Berechnung dieser Effekte auf
das Arbeitsangebot bezieht und dass keinerlei Restriktionen bezüglich der Arbeitsnachfrage angenommen
werden. Damit dieses Arbeitsangebot sich tatsächlich in höherer Beschäftigung niederschlägt, müssen
genug Arbeitsplätze vorhanden sein. Der tatsächliche Beschäftigungseffekt wird in der Realität daher
geringer ausfallen – insbesondere auch in Zeiten der wirtschaftlichen Krise.
Die Schätzungen des Arbeitsangebotsmodells beschränken sich auf die erwerbsfähige Bevölkerung, da
nur diese dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Dementsprechend gelten auch die Simulationsergeb-
nisse nur für diese Subpopulation. Im Hinblick auf die Steuerreform fehlen somit die Rentner. Auf deren
Einbeziehung wurde auch deshalb verzichtet, weil keine präzisen Informationen zu Änderungen der
Höhe der Rentenansprüche im Zusammenspiel mit dem Bürgergeld im Koalitionsvertrag zu finden sind.
Insofern handelt es sich bei den berechneten fiskalischen Kosten eher um eine Untergrenze, da die nied-
rigere Steuerbelastung ebenfalls für Rentner gelten würde, welche seit Beginn der nachgelagerten Besteu-
erung in 2005 zumindest in gewissen Umfang Steuern zahlen. Hinsichtlich der Transferzahlungen ist
davon auszugehen, dass Rentner keinesfalls schlechter gestellt würden, da selbst bei vollständiger An-
rechnung der Renten auf den Bürgergeldanspruch ihr Nettoeinkommen nicht sinken würde.
16 Vgl. P. Spahn, H. Galler, H. Kaiser, T. Kassella, J. Merz: Mikrosimulation in der Steuerpolitik, 1992 und A. Peichl,
Simulationsmodelle zur ex ante Evaluation von Steuerreformen, Zeitschrift für Wirtschaftspolitik 58 (1), 2009, S. 127-
154, für eine Einführung in die Technik der Mikrosimulation.
17 Vgl. A. Van Soest: Structural Models of Family Labor Supply: A Discrete Choice Approach, Journal of Human
Resources 30, 1995, S. 63-88.
... We add to the few previous studies for Germany on flat tax and basic income systems in several important ways: 4 Our paper is the first to analyze a basic income financed by a tax that is flat over the entire range of taxable income for Germany. Other papers study concepts with withdrawal rates differing from the marginal tax rate Fuest et al., 2007) or several tax brackets (Neumann et al., 2009). As the basic income concepts studied in the former two papers include a so-called health premium (Gesundheitsprämie) of 200 euros per month that is directly deducted from the basic income, these reform scenarios involve substantially lower net basic incomes than the one studied in our contribution: 600 euros per month in the case of Fuest et al. (2007), 500 in the case of , and 662 in the case of Neumann et al. (2009). ...
... Other papers study concepts with withdrawal rates differing from the marginal tax rate Fuest et al., 2007) or several tax brackets (Neumann et al., 2009). As the basic income concepts studied in the former two papers include a so-called health premium (Gesundheitsprämie) of 200 euros per month that is directly deducted from the basic income, these reform scenarios involve substantially lower net basic incomes than the one studied in our contribution: 600 euros per month in the case of Fuest et al. (2007), 500 in the case of , and 662 in the case of Neumann et al. (2009). In contrast, we study a basic income of 800 euros per month that is about as generous as the current unemployment benefit II. ...
... In contrast, we show reform alternatives that are ex post (i.e., after behavioral labor supply adjustments) revenue-Unemployment Benefit I, and social assistance refers to benefits for households that are not in the labor force. 4 See, e.g., Fuest et al. (2007), Colombo et al. (2008), , Academic Advisory Board of the German Federal Ministry of Finance (2008), Straubhaar (2008), Neumann et al. (2009), Horstschräer et al. (2010. ...
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We study three budget-neutral reforms of the German tax and transfer system designed to improve work incentives for people with low incomes: a feasible flat tax reform that provides a basic income equal to the current level of the means-tested unemployment benefit, and two alternative reforms that involve employment subsidies to stimulate participation and full-time work, respectively. We estimate labor supply reactions and welfare effects using a microsimulation model based on household data from the Socio-Economic Panel and a structural labor supply model. We find that all three reforms increase labor supply in the first decile of the income distribution. The flat tax scenario reduces overall labor supply by about 5%; the reform designed to increase participation reduces labor supply by 1%; the reform that provides incentives to work full-time has negligible effects on overall labor supply. With equal welfare weights, aggregate welfare gains are realizable under all three reforms.
Article
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In the debate on in-work benefits in Germany it is often overlooked that such subsidies may only be effective if basic minimum income is remarkably decreased for those who are employable. However, proposals following this principle will hardly achieve political consensus as can be derived from reactions to the model of ifo or the board of economic advisors. IZA is therefore proposing workfare as an effective alternative, which may accomplish a strong incentive for the acceptance of low paid jobs without having to cut the current welfare level. Simulations based on a micro-econometric labor supply model show that this could add to the workforce an additional number of 800,000 workers. Roughly the same effect could be achieved by the ifo model, however, at the expense of massive cuts of disposable income for welfare recipients. Hence, workfare turns out as an efficient alternative. Moreover, there is no useful combination between in-work benefits based on the current welfare level and workfare.
Article
Full-text available
In spite of exhaustive research by many analysts on the data generated by the NIT experiments, uncertainty remains over whether work reductions in the experiments should be considered "large" or "small." The authors of this paper argue that this uncertainty arises in part because different analysts have implicitly measured the responses of different groups of individuals exposed to the NIT treatment. The authors use data from the Seattle-Denver experiment to provide estimates of several measures of average work response, including corrected estimates of some previously proposed measures. They conclude that the corrected estimates show a consistent pattern: as the fraction of NIT recipients rises in any group, the observed reduction in labor supply also rises. (Abstract courtesy JSTOR.)
Article
A static neoclassical structural model is presented, explaining labor supply of both spouses in two adults households. Family preferences are described with a direct translog utility function, with the husband's leisure, the wife's leisure, and family income as its arguments. We assume that the choice set of each family is finite. Account is taken of the Dutch tax and benefits system. We allow for hours restrictions and random preferences, and account for unobserved wages of nonworkers. The models are estimated using smooth simulated maximum likelihood. Results based upon Dutch cross-section data from 1987 are illustrated by confidence intervals for elasticities, and by several policy simulations.