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Gesundheitliche und sozialen Auswirkungen langer Arbeitszeiten

Authors:
A. Wirtz
Gesundheitliche und soziale Auswirkungen
langer Arbeitszeiten
A. Wirtz
Gesundheitliche und soziale
Auswirkungen langer Arbeitszeiten
Dortmund/Berlin/Dresden 2010
Diese Veröffentlichung entspricht der Dissertation „Gesundheitliche und soziale
Auswirkungen langer Arbeitszeiten“.
Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei der Autorin.
Autorin: Dr. phil. Dipl.-Psych. Anna Wirtz
Universität Oldenburg
Fakultät I – Bildungs- und Sozialwissenschaften
Institut für Sozialwissenschaften
26111 Oldenburg
Titelfoto: Uwe Völkner
Fotoagentur FOX, Lindlar/Köln
Umschlaggestaltung: Rainer Klemm
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und des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.
Aus Gründen des Umweltschutzes wurde diese Schrift auf
chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.
ISBN 978-3-88261-124-3
Inhaltsverzeichnis
Kurzreferat 7
Abstract 8
1 Lange Arbeitszeiten im gesundheitlichen und sozialen Kontext:
Theoretische Konzepte und empirische Ergebnisse 9
1.1 Definition und Prävalenz langer Arbeitszeiten 9
1.2 Arbeitszeit als Dimension des Belastungs-Beanspruchungs-Modells 13
1.3 Aufgaben der Arbeits(zeit)gestaltung 17
1.4 Gesundheitliche und soziale Auswirkungen langer Arbeitszeiten –
ein erster Überblick 19
1.4.1 Arbeitsdauer und Unfallrisiko 20
1.4.2 Zusammenhänge zwischen der Arbeitsdauer und der Leistung der
Beschäftigten 21
1.4.3 Auswirkungen der Arbeitszeit auf die Gesundheit 23
1.4.3.1 Kardiovaskuläre Erkrankungen 24
1.4.3.2 Muskel-Skelett-Erkrankungen 25
1.4.3.3 Gastrointestinale Erkrankungen 25
1.4.3.4 Weitere Symptome 26
1.4.3.5 Maladaptive Verhaltensweisen 26
1.4.3.6 Langfristige gesundheitliche Effekte langer Arbeitszeiten 27
1.4.4 Soziale Beeinträchtigungen durch lange Arbeitszeiten 27
1.4.5 Schlussfolgerungen aus den bisherigen Ergebnissen 30
1.5 Entwicklung der Fragestellungen 33
2 Methode 38
2.1 Beschreibung der verwendeten Daten 39
2.1.1 EU 2000 39
2.1.2 EU 2005 40
2.1.3 Was ist Gute Arbeit? 2004 40
2.1.4 BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2006 41
2.2 Operationalisierung der zu untersuchenden Konstrukte 42
2.2.1 Unabhängige und abhängige Variablen 42
2.2.2 Moderierende Faktoren 46
2.2.2.1 Biografische Merkmale 46
2.2.2.2 Arbeitszeitmerkmale 47
2.2.2.3 Belastungsmerkmale 47
2.3 Angewandte statistische Verfahren 50
2.3.1 Berechnungen innerhalb der einzelnen Stichproben 50
2.3.2 Kreuzvalidierung der Ergebnisse aus verschiedenen Datensätzen 51
3 Vergleich der Stichprobenmerkmale und Ergebnisse der
Voruntersuchungen 53
3.1 Verteilung der Arbeitsdauer und weiterer Arbeitszeitmerkmale 59
3.2 Gesundheitliche Beeinträchtigungen 65
3.3 Wöchentliche Arbeitszeit und gesundheitliche Beschwerden 71
3.4 Untersuchung der potenziell konfundierenden Effekte 74
3.5 Implikationen für die Untersuchungen 86
4 Lange Arbeitszeiten und gesundheitliche Beeinträchtigungen 87
4.1 Arbeitszeit und gesundheitliche Beschwerden in vier Stichproben 87
4.1.1 Einfluss moderierender Variablen 96
4.1.1.1 Alter 96
4.1.1.2 Geschlecht und Betreuungspflichten 99
4.1.1.3 Arbeitszeitgestaltung 104
4.1.1.4 Handlungsspielraum 110
4.1.1.5 Das soziale Umfeld am Arbeitsplatz 113
4.1.1.6 Beeinträchtigungen in ausgewählten Berufen am Beispiel von
Pflegeberufen 114
4.2 Arbeitszeit und Belastungsintensität 116
4.3 Prädiktion gesundheitlicher Beeinträchtigungen mit Hilfe logistischer
Regressionen 124
5 Lange Arbeitszeiten und Beeinträchtigungen der sozialen
Teilhabe 129
5.1 Vereinbarkeit von Beruf und Familie/Freizeit 130
5.1.1 Effekte der Arbeitsdauer auf die berichtete Vereinbarkeit 132
5.1.2 Moderierende Effekte weiterer Arbeitszeit- und Personenmerkmale 136
5.1.3 Prädiktion der Vereinbarkeit von Arbeitszeit und Familie/Freizeit 148
5.2 Freizeitverhalten in Abhängigkeit von der wöchentlichen Arbeitszeit 153
5.2.1 Effekte der Arbeitsdauer auf die Ausübung außerberuflicher Aktivitäten 155
5.2.2 Moderierende Effekte von Arbeitszeit- und Personenmerkmalen 157
5.2.3 Prädiktion der Ausübung von Aktivitäten außerhalb der Arbeitszeit 175
6 Diskussion 179
6.1 Die Effekte langer Arbeitszeiten auf gesundheitliche und soziale
Beeinträchtigungen 179
6.2 Überprüfung des Belastungs-Beanspruchungs-Modells 187
6.3 Einordnung der eigenen Ergebnisse in den bisherigen
Forschungsstand 189
6.3.1.1 Allgemeine Gesundheit 189
6.3.1.2 Psychovegetative Beeinträchtigungen 189
6.3.1.3 Muskulo-skelettale Beeinträchtigungen 190
6.3.1.4 Soziale Beeinträchtigungen 190
6.4 Fazit 191
6.5 Zur Belastbarkeit der gewonnenen Ergebnisse 194
6.6 Implikationen für die Arbeitszeitgestaltung und Ausblick auf weitere
Forschungsfragen 198
7 Zusammenfassung 204
8 Literatur 205
Tabellenverzeichnis 216
Abbildungsverzeichnis 219
Anhang 1 Ergänzung der Methoden 225
Tabellenverzeichnis Anhang 225
Abbildungsverzeichnis Anhang 226
Ergebnisse der Hauptkomponentenanalysen der gesundheitlichen
Beeinträchtigungen 229
Beschreibung und Faktorenanalysen der Belastungsmerkmale 231
Ergebnisse der Faktorenanalysen der außerberuflichen Aktivitäten 239
Anhang 2 Deskriptive Statistiken 241
Anhang 3 Arbeitszeit und Gesundheit 245
Anhang 4 Arbeitszeit und soziale Teilhabe 260
7
Gesundheitliche und soziale Auswirkungen langer
Arbeitszeiten
Kurzreferat
Die aktuelle Diskussion um Arbeitszeitverlängerungen orientiert sich oft
ausschließlich an vermeintlich wirtschaftlichen Kriterien, ohne gesundheitliche und
soziale Effekte für die Beschäftigten zu berücksichtigen. Die Ergebnisse voran-
gegangener Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass mit zunehmender
Dauer der Arbeitszeit mit einem Anstieg von gesundheitlichen und sozialen
Beeinträchtigungen zu rechnen ist.
Im vorliegenden Forschungsbericht werden die Resultate umfangreicher Unter-
suchungen an verschiedenen, repräsentativen europäischen und deutschen Stich-
proben abhängig Beschäftigter dargestellt. Dabei werden im Rahmen einer
Kreuzvalidierung die in multivariaten Analysen erzielten Ergebnisse zum Zusammen-
hang zwischen der wöchentlichen Arbeitszeit und gesundheitlichen sowie sozialen
Beeinträchtigungen über vier Stichproben hinweg verglichen. Die Resultate zeigen
übereinstimmend, dass mit zunehmender Dauer der wöchentlichen Arbeitszeit das
Risiko für Beeinträchtigungen der Gesundheit und der sozialen Teilhabe der
Beschäftigten ansteigt. Darüber hinaus zeigt sich, dass die negativen gesund-
heitlichen und sozialen Effekte weiterer potenziell ungünstiger Arbeitszeitmerkmale
wie Schichtarbeit, variable Arbeitszeiten, schlechte Planbarkeit der Arbeitszeit sowie
Arbeit an Abenden oder am Wochenende durch lange Arbeitszeiten weiter verstärkt
werden. Da hohe körperliche und/oder psychische Arbeitsanforderungen das Risiko
gesundheitlicher Beeinträchtigungen schon von sich aus erhöhen, führen diese
insbesondere bei langen und/oder in der Lage versetzten Arbeitszeiten zu einer
weiteren Erhöhung des Beeinträchtigungsrisikos.
Diese Ergebnisse können erstmalig übereinstimmend in mehreren verschiedenen
großen und für die Population der abhängig Erwerbstätigen repräsentativen
Stichproben gezeigt werden und stützen sich somit gegenseitig. Die Validität und die
Generalisierbarkeit der Resultate werden damit deutlich erhöht. Der Zusammenhang
zwischen langen Arbeitszeiten und gesundheitlichen sowie sozialen Beein-
trächtigungen kann damit als wissenschaftlich gesichert gelten.
Insbesondere beim Zusammentreffen mehrerer potenziell gefährdender Arbeits-
bedingungen sollte das sich durch lange Arbeitszeiten weiter erhöhende
Beeinträchtigungsrisiko berücksichtigt werden. Die daraus entstehenden erhöhten
wirtschaftlichen und sozialen Kosten sollten daher in die Wirtschaftlichkeits-
rechnungen von Arbeitszeitverlängerungen einbezogen werden.
Schlagwörter:
Lange Arbeitszeiten, flexible Arbeitszeiten, Schichtarbeit, Arbeitszeitgestaltung,
Belastung, Beanspruchung, Beanspruchungsfolgen, Gesundheit, soziale Teilhabe,
Work-Life-Balance
8
The effects of extended working hours on health and
social well-being
Abstract
Discussions concerning the extension of working hours are often focused on
assumed economic benefits only, without taking into account possible negative
effects on health and social well-being. However, results of previous studies indicate
that an increase in working hours may lead to a decrease in health and well-being as
well as in time for social participation.
This research report describes the results of an extensive study, analysing different
samples representative for the employed workforces in the European Union and in
Germany. By cross-validating the results of multivariate analyses, structural relations
between weekly working hours, health, and social impairments are compared
between four distinct samples. The findings show consistently that with increasing
weekly working hours the risk of health problems and reduced time for social
participation increases. Furthermore, it can be demonstrated that negative effects on
health and social well-being resulting from other potentially harmful working time
arrangements, such as shift work, variable working hours, working at short notice, or
working on evenings and weekends, are aggravated by extended working hours.
Exposure to high physical and mental work demands by themselves increase the risk
of health problems, but particularly in combination with long and/or unsocial working
hours.
These findings could consistently be demonstrated for all four extensive and
representative samples of employed workers and thus strongly support each other.
The validity and generalizability of these results could therefore be considerably
increased.
It should thus be considered that the risk of health and social impairments due to
potentially hazardous working conditions will be additionally elevated by long working
hours. Economic and social costs resulting from this increase in health and social
impairments therefore need to be taken into account when discussing the
prolongation of working times.
Key words:
Long working hours, variable working times, shift work, work scheduling, work stress,
work strain, health, social participation, work-life balance
9
1 Lange Arbeitszeiten im gesundheitlichen und
sozialen Kontext: Theoretische Konzepte und
empirische Ergebnisse
1.1 Definition und Prävalenz langer Arbeitszeiten
Die Frage, welches Ausmaß die Dauer der Arbeitszeit annehmen darf, steht bereits
seit langer Zeit immer wieder zur Diskussion. Bereits Anfang des vorherigen
Jahrhunderts veröffentlichten SCHNEIDER (1911) und TEISSL (1928) Studien zum
Unfallrisiko in Abhängigkeit von der Arbeitszeit. Die Autoren konnten damals bereits
zeigen, dass mit zunehmender täglicher Arbeitszeit sowie zunehmender Zeit ohne
Arbeitspausen das Unfallrisiko steigt. Auch hundert Jahre später besitzen derartige
Themen noch große Aktualität (HÄNECKE et al., 1998; FOLKARD & LOMBARDI,
2006). Dabei hat sich der Fokus der Untersuchungen weiter ausgedehnt, wie etwa
auf die Zusammenhänge zwischen langen Arbeitszeiten und der Leistung oder
gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschäftigten (SPURGEON et al., 1997;
CARUSO et al., 2004a). Die aktuell wieder zunehmenden Forderungen nach einer
Ausdehnung der Arbeitszeiten sowohl auf der wöchentlichen als auch auf
längerfristiger Basis, wie etwa der Lebensarbeitszeit, bestärken die hohe Relevanz
derartiger Untersuchungen.
Eine staatliche Regelung der Arbeitszeiten in Deutschland fand das erste Mal im
Jahr 1839 in Form des Preußischen Regulativs (eigentlich: Regulativ über die
Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken) statt, mit dem der preußische König
Friedrich Wilhelm III. die Kinderarbeit einschränkte. In diesem Regulativ wurde
festgelegt, dass Jugendliche unter 16 Jahren maximal zehn Stunden pro Tag in
Fabriken eingesetzt und Kinder unter neun Jahren nicht zur Arbeit in der Industrie
sowie im Bergbau herangezogen werden durften. Der Grund für diese Regulierung
der Arbeitszeit war allerdings nicht, wie man vermuten könnte, der Schutz der
Beschäftigten. Es lag vielmehr die vorherige Feststellung zugrunde, dass aufgrund
häufiger körperlicher Beeinträchtigungen (ausgelöst durch die bereits in der Kindheit
üblichen sehr langen Arbeitszeiten in gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen)
nicht mehr genügend Wehrdiensttaugliche zur Verfügung standen. Aus Gründen des
Gesundheitsschutzes wurden erst 1897 gesetzliche Arbeitszeitregelungen
insbesondere für Frauen und Jugendliche durch die Gewerbeordnung fest-
geschrieben. Relativ kurz darauf wurde durch die internationale Arbeiterbewegung
die Einführung des 8-Stunden-Tages gefordert und im Washingtoner Abkommen von
1918 als Ziel festgelegt (GRAF, 1961).
Die europäischen Mitgliedsstaaten unterliegen der Richtlinie 2003/88/EG des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. November 2003 über bestimmte
Aspekte der Arbeitszeitgestaltung. Die europäische Richtlinie sieht eine durch-
schnittliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche bei einer maximalen
Arbeitszeit von 60 Wochenstunden vor. Eine explizite Begrenzung der täglichen
Arbeitszeit ist nicht genannt, wohingegen eine Ruhezeit von täglich mindestens 11
Stunden vorgeschrieben ist. Seit 2008 wird auf europäischer Ebene diskutiert, die so
genannte Opt-Out-Klausel in die Arbeitszeitrichtlinie einzubringen. Diese Klausel
erlaubt den Arbeitnehmern, freiwillig auf den Schutz durch das Arbeitszeitgesetz zu
10
verzichten. Somit können die Arbeitszeiten der Beschäftigten mit Opt-Out-Klausel
auch ohne Ausgleich verlängert werden. Zum jetzigen Stand der Diskussion ist noch
keine Entscheidung bezüglich des Einschlusses der Opt-Out-Klausel in die Arbeits-
zeitrichtlinie gefallen.
Aktuell gilt in Deutschland das auf der europäischen Richtlinie aufbauende
Arbeitszeitgesetz (ArbZG, 1994), in dem festgelegt ist, dass die maximale tägliche
Arbeitsdauer grundsätzlich acht Stunden nicht überschreiten darf. In Ausnahmefällen
kann die tägliche Arbeitszeit auf zehn Stunden ausgeweitet werden, jedoch nur,
wenn innerhalb von sechs Monaten die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit acht
Stunden nicht überschreitet (ArbZG § 3). Zwischen zwei Arbeitsperioden ist eine
Ruhezeit von mindestens elf Stunden vorgeschrieben (ArbZG § 5 Abs. 1).
Beschäftigte dürfen demnach durchschnittlich bis zu 48 (kurzfristig auch 60)
Wochenstunden arbeiten (abgesehen von Ausnahmen, vgl. ArbZG §§ 18 - 21a),
womit sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts prinzipiell nichts an der gesetzlich
erlaubten maximalen Arbeitsdauer geändert hat.
Aufbauend auf den oben angeführten gesetzlichen Regelungen bietet es sich an,
Arbeitszeiten als „lang“ zu definieren, wenn sie 40 Stunden pro Woche oder 8
Stunden pro Tag überschreiten. Dauerhafte Arbeitszeiten von über 48 Stunden pro
Woche sind gemäß der europäischen Richtlinie sowie ArbZG gesetzeswidrig.
Die wöchentlichen Arbeitszeiten in Deutschland und Europa unterliegen bereits seit
Jahrzehnten einem Trend zur Arbeitszeitverkürzung, der sich in Westdeutschland auf
tariflicher Ebene in der Einführung der 5-Tage-Woche (1955/56), der 40-Stunden-
Woche (1965) und 1990 in der 35-Stunden-Woche widerspiegelte. So lag im Jahr
1970 die durchschnittliche tarifvertragliche Arbeitszeit in Deutschland bei 41,5
Stunden pro Woche (SPITZNAGEL & WANGER, 2004), und sank über die folgenden
30 Jahre auf durchschnittlich 37,7 Stunden pro Woche (LEHNDORFF, 2003). Einen
Überblick über den zeitlichen Verlauf der tariflichen Arbeitszeiten in Deutschland bis
zum Jahr 2002 bietet Abb. 1.1. Allerdings gelten diese Verkürzungen nur für den
relativ kleinen Teil der tariflich Beschäftigten in bestimmten Branchen. Weiterhin ist
festzustellen, dass die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden stets nicht unerheblich
von den tarifvertraglich vereinbarten abweichen (RUTENFRANZ et al., 1993).
11
Abb. 1.1 Entwicklung der tariflichen wöchentlichen Arbeitszeit in Westdeutschland
(Quelle: RÄDIKER, 2005, S. 4)
Bei der Betrachtung der durchschnittlichen Arbeitszeiten muss berücksichtigt
werden, dass die betrieblich vereinbarten bereits durchschnittlich 1,2 Stunden über
den tarifvertraglichen Arbeitszeiten angesiedelt sind (LEHNDORFF, 2003).
Betrachtet man die von den Beschäftigten tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden, so
liegen diese Zeiten wiederum etwa eine Stunde über der betrieblich vereinbarten
durchschnittlichen Arbeitszeit. Seit den 90er Jahren des vorangegangenen Jahr-
hunderts stagnierte der Trend zur Arbeitszeitverkürzung jedoch. Aktuelle Zahlen
belegen, dass die tatsächlich geleistete Arbeitszeit in den letzten Jahren wieder
zugenommen hat. Mit durchschnittlich 40,3 Wochenstunden bei abhängig in Vollzeit
Beschäftigten sind die Arbeitszeiten in Deutschland im Jahr 2006 bereits wieder auf
dem Niveau von 1988 angelangt (LEHNDORFF et al., 2009).
12
Abb. 1.2 Abweichung der durchschnittlichen tariflich vereinbarten Normalarbeitszeit
von der durchschnittlichen tatsächlichen Wochenarbeitszeit in Europa
2007, Erwerbstätige in Vollzeitbeschäftigung
(Quelle: EUROPEAN FOUNDATION FOR THE IMPROVEMENT OF
LIVING AND WORKING CONDITIONS, 2008),
NMS = Neue Mitgliedsstaaten aus 2004 und 2007
In Abb. 1.2 sind die durchschnittlichen tarifvertraglichen wöchentlichen Arbeitszeiten
im Vergleich mit den angegebenen tatsächlichen wöchentlichen Arbeitszeiten in
Europa im Jahr 2007 dargestellt (Erwerbstätige in Vollzeit, inkl. Überstunden und
Mehrarbeit). Wie bereits erläutert, weichen die tatsächlichen von den tariflichen
Arbeitszeiten deutlich ab. Sehr auffällig ist, dass Deutschland bei den tarif-
vertraglichen Arbeitszeiten mit 37,6 Stunden deutlich unter dem europäischen
Durchschnitt (38,6 Stunden) liegt, wohingegen die tatsächlich gearbeiteten Arbeits-
zeiten 41,1 Stunden pro Woche betragen (europäischer Durchschnitt: 40 Stunden).
Damit nimmt Deutschland Platz 6 der längsten Arbeitszeiten in Europa ein. Die
Differenz zwischen den tatsächlichen und den tarifvertraglichen Arbeitszeiten beträgt
im europäischen Durchschnitt 1,4 Stunden pro Woche. Deutschland liegt mit einer
Differenz von 3,5 Stunden pro Woche weit über diesem Durchschnitt. Nur in
Großbritannien besteht mit 4,1 Stunden eine noch größere Diskrepanz zwischen
tatsächlicher und tarifvertraglicher Arbeitszeit. In Irland und Griechenland stimmen
dagegen die tarifvertraglichen mit den tatsächlichen wöchentlichen Arbeitszeiten
überein. Daran wird deutlich, dass die Umsetzung der Richtlinie 2003/88/EG, der alle
Mitgliedsländer der EU unterliegen, offensichtlich in den einzelnen Ländern sehr
13
unterschiedlich gehandhabt wird (vgl. NG-A-THAM et al., 2000). Anders sind die
großen Unterschiede zwischen den tatsächlichen Arbeitszeiten der Länder kaum zu
erklären.
Es ist zu erwarten, dass bedingt durch die aktuelle Wirtschaftskrise und die damit
einhergehende verbreitete Einführung von Kurzarbeit die Arbeitszeiten im Jahr 2009
in einigen Branchen möglicherweise wieder zurückgehen werden. Die längerfristige
Entwicklung der Arbeitszeiten ist allerdings nicht genau abschätzbar. Es erscheint
einerseits möglich, dass es in einer folgenden Periode mit höherer Arbeitslosigkeit zu
einer Arbeitszeitverkürzung zum Zwecke der Beschäftigungssicherung kommt.
Andererseits wäre es ebenso denkbar, dass aufgrund einer erhöhten Arbeits-
losenzahl die verbleibenden Beschäftigten umso mehr und damit länger arbeiten
müssen. Es ist hingegen auch möglich, dass der bisher erkennbare langfristige
Trend hin zur Arbeitszeitverlängerung trotz der Wirtschaftskrise bestehen bleibt und
die momentane Kurzarbeit nur eine kurzfristige Abweichung vom Trend darstellt.
Neben der Dauer der wöchentlichen Arbeitszeiten nahm in den letzten Jahren die
Häufigkeit der Beschäftigung in variablen sowie in potenziell ungünstig gelegenen
Arbeitszeiten (Schicht- und Nachtarbeit, Arbeit an Abenden, Samstagen und
Sonntagen) ebenfalls zu (vgl. KÜMMERLING et al., 2008; SEIFERT, 2009). Die
Arbeitszeiten werden also nicht nur länger, sondern auch in biologisch und sozial
ungünstig gelegene Zeiten verschoben bzw. verlängert. Mögliche negative Aus-
wirkungen dieser Entwicklung können eine Steigerung gesundheitlicher Beein-
trächtigungen der Beschäftigten aber auch eine Einschränkung ihrer Möglichkeiten
zur sozialen Teilhabe sein. Damit wird deutlich, dass nicht nur der Gesundheits-
aspekt von der Arbeitszeitgestaltung betroffen sein kann, sondern potenziell auch die
soziale Zeit für die Lebensgestaltung außerhalb der Arbeit. Diese Diskussionspunkte
werden später noch einmal aufgegriffen.
1.2 Arbeitszeit als Dimension des Belastungs-
Beanspruchungs-Modells
Arbeit wird immer in der Dimension Zeit geleistet. Diese Aussage ist eine der
Kernannahmen des Belastungs-Beanspruchungs-Konzeptes (vgl. SCHMIDTKE &
BUBB, 1993; RICHTER & HACKER, 1998; SCHÜTTE & NACHREINER, 2004;
NICKEL, 2004), welches im Folgenden kurz dargestellt werden soll. Die Belastung ist
als die Gesamtheit der „[…]aus Arbeitsgegenstand, Arbeitsumwelt und Arbeitsmittel
auf den Menschen im Arbeitsvollzug einwirkenden Einflüsse“ definiert (SCHMIDTKE
& BUBB, 1993, S. 117). Die Größe „Belastung“ hängt sowohl von der Arbeitsschwere
(Belastungsintensität) als auch von der zeitlichen Dauer der Einwirkung
(Belastungsdauer) ab. Damit gilt die Gleichung
B = f(I,T)
mit I = Belastungsintensität und T = Belastungsdauer.
Da die Belastung eine Funktion der Belastungshöhe und der Belastungsdauer ist,
kann eine geringere Arbeitsschwere über eine längere Dauer hinweg zur gleichen
Ausprägung der Belastung führen wie eine größere Schwere über eine kürzere
14
Dauer hinweg. Es wird davon ausgegangen, dass die Elemente Intensität und Dauer
nicht linear sind (SCHMIDTKE & BUBB, 1993). Das bedeutet, dass die Belastung mit
zunehmender Intensität und Dauer exponentiell ansteigt, aber auch in dem Moment
Null ist, in dem eines der beiden Elemente Null ist.
Aus der Belastung folgt die Beanspruchung, welche die direkte Auswirkung der
Belastung im Menschen darstellt (vgl. DIN EN ISO 10075-1). Sie ist abhängig von
den individuellen Voraussetzungen des Beschäftigten und bestimmt, wie
anstrengend oder belastend die Arbeitssituation für den Beschäftigten ist. Die
Begriffe Belastung und Beanspruchung sind dabei neutral zu verstehen und nicht,
wie aufgrund ihrer umgangssprachlichen Bedeutung oftmals fälschlicherweise
implizit angenommen wird, als etwas Negatives. Erst die Wirkung der Bean-
spruchung, die Beanspruchungsfolge, kann positiv oder negativ ausfallen. Im
positiven Fall entsteht als Beanspruchungsfolge eine Aktivierung oder Übung des
Beschäftigten. Ist der Effekt der Beanspruchung jedoch beeinträchtigend, so können
Beanspruchungsfolgen wie Ermüdung, Monotonie, herabgesetzte Wachsamkeit oder
Sättigung auftreten. Gesundheitliche Beeinträchtigungen können als längerfristige
Beanspruchungsfolgen auftreten.
Die Arbeitszeit wirkt direkt auf die Höhe der resultierenden Belastung, indem sie
sowohl die Dauer (durch die Dauer und Verteilung der Arbeitszeit) als auch den
Tageszeitpunkt (durch die Lage der Arbeitszeit) bestimmt, zu denen die arbeitende
Person der Belastung ausgesetzt ist. An dieser Stelle wird deutlich, dass die Arbeits-
gestaltung an zwei Stellen ansetzen kann: an der Belastungsintensität, also der
Schwere der Arbeit (1. Dimension der Arbeitsgestaltung) sowie an der Arbeitszeit (2.
Dimension). Durch die Gestaltung der Arbeitszeit auf verschiedenen Ebenen, die im
Folgenden beschrieben werden sollen, kann die Belastungshöhe modifiziert werden.
In der Arbeitswissenschaft werden Arbeitszeiten traditionell anhand ihrer
Dimensionen Dauer, Lage und Verteilung (RUTENFRANZ et al., 1993) sowie
neuerdings auch anhand ihrer Dynamik, d. h. dem Wechsel von Arbeits- und
Ruhezeiten, charakterisiert (vgl. JANßEN & NACHREINER, 2004). Diese Dimen-
sionen sind durchaus nicht unabhängig voneinander. Eine Verlängerung der Arbeits-
dauer zieht in der Regel auch eine Verschiebung der Lage der Arbeitszeit nach sich,
wie etwa durch die Verschiebung der Arbeitszeit vom Nachmittag hinein in die
Abendstunden oder in das Wochenende. Die Gestaltung der Ruhezeiten beeinflusst
sowohl die Dynamik als auch die Lage der Arbeitszeit.
Die Dauer der Arbeitszeit bestimmt in erster Linie die Expositionszeit des
Beschäftigten bezüglich der Belastung. Ziel der Begrenzung der maximalen
Arbeitsdauer ist es, die belastungsbedingte Auslenkung des Systems (d. h. die
Beanspruchung des oder der Beschäftigten) zeitlich so zu begrenzen, dass damit
eine Erholung und Rückführung des Systems auf den Ausgangswert ermöglicht und
so ein Aufschaukeln verhindert wird. Der Hintergrund dafür ist die Forderung nach
ausführbarer Arbeit (HACKER & RICHTER, 1984), welche nicht nur über einen Tag
hinweg sondern prinzipiell über das gesamte Arbeitsleben möglich sein sollte (siehe
auch Abschnitt 1.3). Die Frage, wie weit die Auslenkung sein kann, damit das
System wieder auf den Ausgangswert zurückgelangen kann, führte zur Unter-
suchung der Beanspruchung bei unterschiedlicher Länge aber gleichem Verhältnis
der Arbeits- und Ruheabschnitte (KARRASCH & MÜLLER, 1951). Es stellte sich
15
heraus, dass die bewältigte Arbeitsmenge am größten ist, wenn die Phasen der
Arbeit kurz genug sind, um in der Phase der Ruhezeit die Rückführung des Systems
in die Nähe des Ausgangswerts zu erlauben. Dies hängt natürlich auch mit der
Belastungs-Dosis zusammen, die je nach Intensität zu einer sehr langen oder nur
kurzen Erholungszeit führt und nicht einfach über die Dauer der Exposition gemittelt
werden kann (vgl. z. B. STRASSER, 2009).
Lage und Dynamik der Arbeitszeit bestimmen, zu welchen Zeiten und mit welcher
Regelmäßigkeit gearbeitet wird. Die Arbeitszeiten können dabei synchron oder
asynchron mit biologischen und sozialen Rhythmen des Menschen laufen und
regelmäßig oder variabel verteilt sein. Je nach Ausmaß der Variabilität der Arbeits-
zeit sowie ihrer (De)Synchronisation mit den gegebenen Rhythmen können
erhebliche Einschränkungen der Gesundheit sowie des sozialen Wohlbefindens der
Beschäftigten aus der Arbeitszeitgestaltung resultieren, wie aus der Schichtarbeits-
literatur sowie neueren Ergebnissen zu flexiblen Arbeitszeiten bekannt ist (vgl.
RUTENFRANZ & KNAUTH, 1982; REINBERG et al., 1986; RUTENFRANZ et al.,
1993; COLQUHOUN et al., 1996; GIEBEL et al., 2008; WIRTZ et al., 2008).
Insbesondere durch die Beeinträchtigung der Circadianperiodik des Menschen
können gesundheitliche Folgen wie Schlafstörungen oder psychovegetative
Beeinträchtigungen auftreten. Eine mögliche aus der Arbeitszeitgestaltung
resultierende Desynchronisation der Tagesabläufe mit sozialen Rhythmen, die einen
intensiven Eingriff in die Tages- und Lebensgestaltung der Beschäftigten darstellt,
kann sich ebenfalls negativ auf das Wohlbefinden auswirken. Entgegen den
Bemühungen in Richtung einer 7 x 24-Stunden-Gesellschaft ist in Deutschland nach
wie vor der soziale Rhythmus einer Abend- und Wochenendgesellschaft verankert
(siehe Abb. 1.3). „Normal“-Arbeitszeiten von 8 bis 17 Uhr, wie in der Abbildung
dargestellt, bilden allerdings mittlerweile nicht mehr die Norm sondern eine
Ausnahme (COSTA et al., 2004). An ihre Stelle sind verschiedene Muster flexibler
und in der Lage verschobener Arbeitszeiten getreten, die, wie oben beschrieben,
zudem tendenziell länger geworden sind. Somit werden bei langen und/oder
zusätzlich in die Abende oder Wochenenden verschobenen Arbeitszeiten die als
besonders wertvoll beurteilten Zeitbereiche blockiert und es bleibt nur noch wenig
oder keine Zeit mehr für die Familie, soziale und Freizeitaktivitäten oder die
Teilnahme an kulturellen Ereignissen. Die Abmilderung beruflich bedingter
Beanspruchung durch soziale Ressourcen kann dadurch in hohem Maße einge-
schränkt werden.
Die sozialen Auswirkungen von langen und in der Lage versetzten Arbeitszeiten sind
weiterhin nach dem jeweiligen Bezugszeitraum differenzierbar. Arbeitszeiten, die auf
täglicher und wöchentlicher Basis versetzt sind, wie etwa Spätschichten oder Arbeit
am Wochenende, interferieren direkt mit der sozial wertvollen Zeit in den
Nachmittags- und Abendstunden sowie an den Wochenendtagen (vgl. Abb. 1.3).
Betroffen von am Tag verlängerten und/oder versetzten Arbeitszeiten sind i. d. R.
familiäre Aktivitäten und soziale Kontakte, die hauptsächlich abends und am
Wochenende genutzt werden können, es sei denn, man beschränkt seine sozialen
Kontakte auf Kollegen, die dasselbe Arbeitszeitsystem haben. Wöchentlich
verschobene Arbeitszeiten behindern regelmäßige und sozial gebundene Aktivitäten,
wie etwa Sport oder Weiterbildung, sofern diese mit anderen Personen zusammen
an festen Terminen stattfinden. Es ist weiterhin möglich, dass die Arbeitszeit in
Bezug auf ihre Lage im Jahr oder das Leben asynchron zu sozialen Rhythmen ist,
16
sodass die Beschäftigten z. B. an Feiertagen oder zur Schulferienzeit arbeiten
müssen oder aber in Lebensabschnitten mit Betreuungspflichten oder sozialem
Engagement. Dem sozialen Umfeld kommt auch unter dem Aspekt des Pufferns
(arbeitsbedingter oder anderweitig ausgelöster) Stresssituationen eine wichtige Rolle
zu (vgl. CARLSON & PERREWÉ, 1999).
Eine wichtige Einflussgröße ist dabei natürlich die Möglichkeit der Einflussnahme der
Beschäftigten auf ihre Arbeitszeiten, welche im positiven Fall an die (Freizeit- und)
Lebensbedürfnisse der Beschäftigten angepasst werden können. Doch selbst bei
gegebenen eigenen Einflussmöglichkeiten können sowohl gesundheitliche als auch
soziale Beeinträchtigungen bei flexiblen Arbeitszeiten auftreten (JANßEN &
NACHREINER, 2004).
Abb. 1.3 Beeinträchtigung des subjektiven Freizeitnutzens durch eine 40-Stunden-
Woche (Freizeitnutzen aus HINNENBERG, 2006)
Neben der Interaktion zwischen den einzelnen Arbeitszeitdimensionen ist weiterhin
deren Interaktion mit Arbeitsinhalten, wie etwa der Aufgabenschwere zu beobachten.
Zudem variieren die Belastung und Beanspruchung bei gleich bleibender Intensität
mit der Dauer der Tätigkeit. Aufgrund von biologischen Rhythmen schwanken auch
die Leistungsvoraussetzungen des Menschen und damit auch die aus denselben
Belastungsbedingungen resultierende Beanspruchung zu verschiedenen Zeit-
punkten. Diese Faktoren sowie die bereits bekannten Probleme der Messung von
Belastung und Beanspruchung (vgl. SCHMIDTKE, 2002; NICKEL, 2004) erschweren
die Abschätzung der aus einer Arbeitszeitverlängerung resultierenden Bean-
spruchung erheblich. Dies ist besonders dann der Fall, wenn die Arbeitszeiten in
größeren Bezugszeiträumen, wie etwa bezogen auf das Jahr oder das Arbeitsleben,
verlängert werden sollen. Zudem entstehen die häufig interessierenden länger-
fristigen Beanspruchungsfolgen, wie gesundheitliche Beeinträchtigungen, in der
Regel erst über größere Zeiträume hinweg, sodass eine unmittelbare Erfassung der
Beanspruchungsfolgen nicht möglich ist.
17
Mit dem demografischen Wandel und der Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters
auf 67 Jahre steht seit einiger Zeit die Frage im Raum, wie Arbeit und insbesondere
Arbeitszeiten alter(n)sgerecht zu gestalten sind (vgl. SEIFERT, 2008). Bei einer
Verlängerung der Lebensarbeitszeit müsste gemäß ergonomischen Maßstäben die
Belastungsintensität verringert werden, um die Arbeit bei gleich bleibender
Beanspruchung auch über das verlängerte Arbeitsleben hinweg forderungsgerecht
und ohne Schädigungen und Beeinträchtigungen hervorrufend ausführbar zu
machen. Über langfristige Auswirkungen der Belastung über das gesamte Arbeits-
leben hinweg liegen jedoch bislang noch keine belastbaren empirischen Ergebnisse
vor, sodass sich dazu nur hypothetische Annahmen bilden lassen. Zur Unter-
mauerung der Bedeutung von Forschung in diesem Bereich seien an dieser Stelle
die hohen Folgekosten der Frühverrentung aufgrund von Erwerbsminderung
genannt, welche nachweisbar mit bestimmten Arbeitsbedingungen – wie etwa einem
eingeschränktem Handlungsspielraum und langen Arbeitszeiten – zusammenhängen
können (vgl. KRAUSE et al., 1997; BÖDECKER et al., 2006).
1.3 Aufgaben der Arbeits(zeit)gestaltung
Ziel der Arbeitsgestaltung ist es, die aus der Arbeit resultierende Belastung und
Beanspruchung zu analysieren, zu bewerten und die Tätigkeit anhand arbeits-
wissenschaftlicher Erkenntnisse so zu gestalten, dass sie nicht zu Beein-
trächtigungen des Beschäftigten führt. Das ergonomische Leitbild ist, die Arbeit an
den Menschen anzupassen und nicht umgekehrt. Für die Bewertung und damit als
Gestaltungsgrundlage von Arbeitssystemen werden in der Regel arbeitswissen-
schaftliche Kriterien herangezogen, wie etwa die von HACKER & RICHTER (1984)
definierten hierarchischen Kriterien der Ausführbarkeit, Schädigungslosigkeit,
Beeinträchtigungsfreiheit und Persönlichkeitsförderlichkeit. Die Arbeit sollte danach
so gestaltet sein, dass der Mensch auf Grund seiner biologischen und psychischen
Leistungsvoraussetzungen in der Lage ist, die Arbeit ohne Risiken auch über einen
längeren Zeitraum hinweg auszuüben (Ausführbarkeit). Das Kriterium der
Schädigungslosigkeit beinhaltet die Vermeidung gesundheitlicher Schädigungen
(z. B. Berufskrankheiten). Es dürfen darüber hinaus im Rahmen der Beeinträch-
tigungsfreiheit auch keine kurzen und reversiblen Einschränkungen des gesund-
heitlichen Wohlbefindens auftreten. Neben den drei Kriterien zur Vermeidung
negativer Beanspruchungsfolgen wird mit dem Kriterium der Persönlichkeits-
förderlichkeit ein positives und nach oben hin unbegrenztes Gestaltungsziel
aufgestellt.
Im klassischen Sinne (HACKER & RICHTER, 1984; ULICH, 1998) weisen persön-
lichkeitsförderliche Arbeitsbedingungen Merkmale auf, welche eine Weiter-
entwicklung der Fähigkeiten und Einstellungen der Beschäftigten ermöglichen, wie
etwa durch Lernen oder die Möglichkeit zu selbstständigen Tätigkeiten. ULICH
(1998, S. 139f) betont, dass insbesondere die kognitive und soziale Kompetenz, das
Selbstkonzept und die Leistungsmotivation der Beschäftigten durch die Arbeits-
bedingungen gefördert werden sollten. Die zugrunde liegende Annahme ist dabei,
dass die Persönlichkeit des Mensches durch seine Arbeit geformt wird
(RUBINSTEIN, 1958, zitiert nach ULICH, 1998). An anderer Stelle wird jedoch auch
auf die große Bedeutung der sozialen Umgebung des Menschen für seine Sozia-
lisation und Persönlichkeitsentwicklung verwiesen. So definiert die Abend- und
18
Wochenendgesellschaft die für bestimmte Aktivitäten nutzbaren Zeitabschnitte des
Tages oder der Woche (NEULOH, 1964). Der daraus entstehende, empirisch erfass-
bare soziale Rhythmus (vgl. Abb. 1.3) schafft eine normative Zeitstruktur für die
Gesellschaft und macht damit die gemeinschaftliche Nutzung von Zeit möglich. Auf
diese Weise dient die gemeinschaftliche soziale Zeitstruktur als Mittel für die (aktive
und passive) Sozialisation. Diese kann in ausreichendem Umfang aber nur dann
erfolgen, wenn dem Menschen genügend Zeit in seinem sozialen Umfeld zur
Verfügung steht. Die Arbeitszeitgestaltung kann hier wirksam werden, indem sie den
Beschäftigten (sozial nutzbare) Zeit lässt, um ihre persönlichen Bedürfnisse zu
erfüllen, aber auch um ausreichend Zeit neben der Arbeit zu schaffen, um die
Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen.
Die Arbeit sollte darüber hinaus dahingehend gestaltet werden, dass die Belastung
optimiert und nicht einfach nur minimiert wird, da sowohl aus übermäßig hohen als
auch durch sehr geringe Anforderungen durch die Tätigkeit (sog. Überforderung
durch Unterforderung) negative Beanspruchungsfolgen resultieren können (HACKER
& RICHTER, 1984).
Wie oben bereits erwähnt, ist die Gestaltung der Arbeit auf den Dimensionen der
Belastungsintensität und der Arbeitszeit möglich. Aufgrund ihres großen Einflusses
auf die Gestaltung der Arbeitssituation ist die Arbeitszeitgestaltung ein traditioneller
und wesentlicher Aspekt des Arbeitsschutzes. Die Arbeitszeitgestaltung soll dabei
einerseits die arbeitswissenschaftlichen Anforderungen erfüllen, die Arbeit so zu
gestalten, dass gesundheitliche oder soziale Beeinträchtigungen, Unfallrisiken und
negative psychische Beanspruchungsfolgen minimiert werden und die Leistung der
Arbeitnehmer optimiert wird. Andererseits sollen die Arbeitszeiten auf den Bedarf der
Unternehmen ausgerichtet sein, die etwa aufgrund technischer Voraussetzungen
einen Betrieb rund um die Uhr erfordern. Im Hinblick auf die Einhaltung des Arbeits-
und Gesundheitsschutzes sind bei der Arbeitszeitgestaltung besonders folgende
Arbeitszeitkonstellationen von Interesse (BEERMANN, 2004, S. 182):
- Überstunden und lange Arbeitszeiten,
- flexible und nicht vorhersehbare Arbeitszeiten,
- unterschiedliche Schichtsysteme, besonders solche mit Nachtarbeit,
- massierte Arbeitszeiten (insbesondere 12-Stunden Schichten).
Die Arbeitszeitgestaltung kann auf allen o. g. Dimensionen der Arbeitszeit ansetzen.
Dabei gibt es für die Gestaltung einiger Dimensionen bereits rechtliche Rahmen-
bedingungen: Für die Gestaltung von Schicht- und Nachtarbeit (Lage und Verteilung
der Arbeitszeit) existieren umfangreiche, gesicherte arbeitswissenschaftliche
Erkenntnisse, die laut Gesetz bei der Arbeitszeitgestaltung zu berücksichtigen sind
(ArbZG § 6, Abs. 1). Für die praktische Umsetzung dieser Anforderungen gibt es
eine Reihe von Leitfäden und Handlungsempfehlungen (z. B. WEDDERBURN, 1991;
BEERMANN, 2005). Im Bereich der flexiblen Arbeitszeiten (Gestaltung der Dynamik)
wurden zwar bereits ebenfalls Gestaltungsempfehlungen auf der Basis wissen-
schaftlicher Erkenntnisse vorgelegt (z. B. JANßEN & NACHREINER, 2006). Da
diesen Empfehlungen jedoch z. Zt. noch nicht der Status gesicherter arbeits-
wissenschaftlicher Erkenntnisse zukommt, ist deren Anwendung im Gegensatz zu
den Erkenntnissen zur Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit noch nicht gesetzlich
verpflichtend.
19
Die Dauer der Arbeitszeit ist bereits rechtlich durch die EU-Richtlinie und das ArbZG
begrenzt. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass je nach Art der Tätigkeit
die Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen nicht automatisch zu „gesunden“
Arbeitszeiten führt. Es wurde oben bereits deutlich, dass rechtliche Vorgaben
bezüglich der Arbeitsdauer in der Praxis teilweise sehr unterschiedlich umgesetzt
werden. Auch wenn die gesetzliche Begrenzung der Arbeitszeit teilweise auf der
Erkenntnis fußt, dass übermäßig lange Arbeitszeiten die Gesundheit der
Beschäftigten beeinträchtigen, liegen noch wenig wirklich belastbare und
differenzierte Ergebnisse zur Einhaltung der Gestaltungskriterien der Ausführbarkeit,
Schädigungslosigkeit, Beeinträchtigungsfreiheit sowie Persönlichkeitsförderlichkeit
bei langen Arbeitszeiten vor. Es wäre jedoch sehr wichtig, gesicherte arbeitswissen-
schaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen langer Arbeitszeiten zu gewinnen und
bei der Gestaltung umzusetzen, sodass die Gefährdung der Beschäftigten aufgrund
der Arbeitszeitgestaltung minimiert wird.
1.4 Gesundheitliche und soziale Auswirkungen langer
Arbeitszeiten – ein erster Überblick
Im Allgemeinen ist es schwierig bis unmöglich, die Belastung und Beanspruchung
einzelner Personen direkt zu messen (vgl. dazu NICKEL, 2004; SCHMIDTKE, 2002).
Eine weitere Erschwerung ergibt sich insbesondere dann, wenn weiterhin der Anteil
der Beanspruchung, der durch die Arbeitszeit entsteht, herausgerechnet werden soll.
Ein möglicher und eher pragmatischer Ansatz ist, kurz- und längerfristige Bean-
spruchungsfolgen wie gesundheitliche Beeinträchtigungen, kognitiven Leistungs-
abfall und das Unfallrisiko oder aber betriebswirtschaftliche Kennzahlen wie etwa die
Produktivität als Indikator für die Leistung der Beschäftigten zu messen. Dabei
sollten die Arbeitsbedingungen möglichst genau erfasst werden, sodass die Effekte
der Arbeitszeit(dauer, -lage, -verteilung und -dynamik) – von möglichen Konfun-
dierungen befreit – auf die Beanspruchungsfolgen bestimmt werden können. Richtet
man sich dabei nach den Arbeitsbewertungskriterien von HACKER & RICHTER
(1984), so ist die Arbeitszeit in erster Linie dann gut gestaltet, wenn keine der
negativen Beanspruchungsfolgen, wie z. B. gesundheitlichen Beschwerden, in einem
Zusammenhang zur Arbeitszeit stehen und der Beschäftigte somit keine durch die
Gestaltung der Expositionsdauer verursachte Beeinträchtigungen erleidet. In der
Literatur findet man eine Reihe von Untersuchungen, in denen Beanspruchungs-
folgen, wie Ermüdung, gesundheitliche Beeinträchtigungen oder die Leistung der
Beschäftigten ermittelt und in den Zusammenhang mit der (i. d. R. täglichen oder
wöchentlichen) Dauer der Arbeitszeit gebracht werden. Im Folgenden soll ein kurzer
Überblick über die bisherigen Erkenntnisse zu den Zusammenhängen zwischen der
Dauer der Arbeitszeit, dem Unfallrisiko, der Leistung und Produktivität sowie
gesundheitlichen und sozialen Beeinträchtigungen der Beschäftigten gegeben
werden. Ebenso werden Einschränkungen der vorliegenden Untersuchungen und
der daraus resultierende notwendige Forschungsbedarf dargestellt.
20
1.4.1 Arbeitsdauer und Unfallrisiko
HACKER & RICHTER (1984) fordern als Grundprinzip die Ausführbarkeit der Arbeit
über den ganzen Arbeitstag, aber auch über längere Zeiträume wie prinzipiell
gesehen auch über das Arbeitsleben. Das Auftreten von Arbeitsunfällen gilt als ein
Indikator dafür, dass die Arbeit nicht forderungsgerecht und schädigungslos
ausgeführt werden kann. Wenn also lange Arbeitszeiten mit einem erhöhten
Unfallrisiko verbunden sind, dann können bereits die ersten beiden hierarchischen
Kriterien nicht erfüllt werden. Dabei muss es nicht immer zu katastrophalen Unfällen
wie etwa Tschernobyl oder Exxon Valdez kommen. Auch meldepflichtige Unfälle
oder kleinere Verletzungen der Beschäftigten können bereits Hinweise auf deren
Ermüdung oder Erschöpfung geben, die aus der Intensität und Dauer der Belastung
resultieren können. Eine methodische Stärke der Untersuchung des Unfallrisikos ist,
dass objektive Daten über Unfälle (mit und ohne Zeitverlust) verwendet werden
können, die aus den Unternehmen selbst oder aus öffentlichen Archiven stammen
können und somit nur in geringem Maße subjektiven Verzerrungen unterliegen.
In der Literatur ist aus älteren (SCHNEIDER, 1911; VERNON, 1921; TEISSL, 1928)
wie auch aus neueren Studien (FOLKARD, 1996; HÄNECKE et al., 1998;
NACHREINER, 2002) mittlerweile bereits gut belegt, dass das Unfallrisiko der
Beschäftigten nach der 8. bzw. 9. Arbeitsstunde exponentiell ansteigt. FOLKARD &
LOMBARDI (2004, 2006) entwickelten auf Basis dieser und anderer Untersuchungen
ein Risikomodell zur Vorhersage der Wahrscheinlichkeit von Unfällen in Abhängigkeit
von verschiedenen Merkmalen der Arbeitszeit. Die zusammengetragenen Ergeb-
nisse zeigen, dass im Vergleich von Früh-, Spät- und Nachtschichten bei vergleich-
barem Grundrisiko in der Nachtschicht das höchste Unfallrisiko besteht. Je mehr
Schichten (Tage) in Folge gearbeitet wird, desto höher wird das Unfallrisiko. Dabei ist
der Anstieg des Risikos über mehrere Nachtschichten in Folge wesentlich steiler als
über mehrere Tagschichten in Folge. Auch die Länge der einzelnen Schichten trägt
substantiell zur Erhöhung des Unfallrisikos bei. So steigt, wie oben beschrieben, das
Risiko für einen Unfall ab der 8. Arbeitsstunde exponentiell an. Neben der Schicht-
dauer beeinflusst die Arbeitsdauer seit der letzten Pause die Höhe des Unfallrisikos,
wobei das Risiko mit zunehmender Zeit ohne Pause fast linear ansteigt. Neben der
Lage wirkt folglich die Dauer der Arbeitszeit zum einen auf der täglichen Basis und
zum anderen mit einer kumulativen Komponente über mehrere Schichten hinweg auf
die Höhe des Unfallrisikos. Auch die Ergebnisse von DEMBE et al. (2005) stimmen
gut mit diesen Befunden überein. Die Autoren verwendeten Daten einer über 13
Jahre kumulierten Stichprobe mit über 10 000 Teilnehmern, die repräsentativ für die
US-Bevölkerung ist. Sie konnten anhand multivariater Analysen zeigen, dass eine
klare Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Anzahl (tatsächlich) gearbeiteter
Stunden pro Woche und Tag und der Inzidenzrate unfallbedingter Erkrankungen
bzw. Verletzungen besteht. Zur Berechnung dieser Inzidenzrate wurde die Anzahl
der berichteten unfallbedingten Verletzungen oder Erkrankungen durch die Anzahl
der kumulierten Arbeitsjahre der Beschäftigten dividiert und diese Rate zur
Normierung durch 100 Arbeitsjahre geteilt. Wie in Abb. 1.4 deutlich wird, verdoppelt
sich die Inzidenz berichteter unfallbedingter Erkrankungen bzw. Verletzungen pro
100 Arbeitsjahre zwischen < 40 und 65 Wochenstunden bzw. zwischen < 8 und
> 14 Stunden pro Tag, sodass man von einer bedeutsamen Steigerung des
Unfallrisikos mit zunehmender Arbeitsdauer ausgehen kann. Auch nach Kontrolle
21
von personen- und arbeitsplatzbezogenen Merkmalen blieb die Risikoerhöhung
durch lange Arbeitszeiten bestehen.
Abb. 1.4 Trends der Inzidenzrate berichteter unfallbedingter Erkrankungen oder
Verletzungen in Abhängigkeit von der Anzahl gearbeiteter Stunden pro
Woche und Tag
(Quelle: DEMBE et al., 2005, S. 593)
In einer Untersuchung von VEGSO et al. (2007) in der Manufaktur wurde ebenfalls
die tatsächliche wöchentliche Arbeitszeit als Bezugszeitraum verwendet. Auch hier
konnte gezeigt werden, dass lange Arbeitszeiten gegenüber kürzeren Arbeitszeiten
mit einem erhöhten Unfallrisiko einhergehen. In der untersuchten Stichprobe war das
Unfallrisiko für Beschäftigte mit mehr als 64 Arbeitsstunden pro Woche gegenüber
Personen mit 40 oder weniger Wochenstunden um 88 % erhöht. Auch das Unfall-
risiko auf dem Heimweg von der Arbeit steigt mit zunehmender wöchentlicher
Arbeitszeit an (KIRKCALDY et al., 1997).
Auch wenn sich die berechnete Risikoerhöhung in den verschiedenen Unter-
suchungen etwas unterscheidet, lässt sich insgesamt ein deutlicher Trend der
Steigerung des Unfallrisikos mit zunehmender (täglicher und wöchentlicher) Arbeits-
zeit nachweisen.
1.4.2 Zusammenhänge zwischen der Arbeitsdauer und der Leistung der
Beschäftigten
Bevor Unfälle geschehen, können bereits Indikatoren für einen Leistungsabfall bei
den Beschäftigten gemessen werden, wie beispielsweise die Ermüdung oder eine
Leistungsminderung bei mentalen Aufgaben. Die kognitive Leistung kann als
Indikator für Ermüdung verwendet werden und sollte somit gemäß dem Belastungs-
Beanspruchungs-Modell von der Expositionsdauer, d. h. der Arbeitszeit, beeinflusst
werden. PROCTOR et al. (1996) berichten, dass bei Arbeitszeiten von über 8
Stunden pro Tag oder über 5 Tage pro Woche die kognitive Leistung in Form der
Aufmerksamkeit und exekutiver Funktionen sinkt, wobei es zu einer Interaktion der
Arbeitsdauer mit der Art der Tätigkeit kommt. Auch die Wachheit sinkt mit der Anzahl
der Arbeitsstunden (TUCKER et al., 1996; FISCHER et al., 2000; MACDONALD &
22
BENDAK, 2000), insbesondere bei Tätigkeiten mit hoher Belastung („high
workload“). Darüber hinaus steigen sowohl die körperliche Ermüdung (ROSA et al.,
1998) als auch die subjektive allgemeine Ermüdung (fatigue) der Beschäftigten
(PROCTOR et al., 1996; SASAKI et al., 1999; CARUSO, 2006) mit zunehmender
Arbeitsdauer an.
Diese Ergebnisse stimmen gut mit dem Belastungs-Beanspruchungs-Modell überein,
jedoch sind sie in sich nicht völlig konsistent, da es auch einige Studien gibt, in
denen die Arbeitszeit keinen oder sogar einen positiven Einfluss auf die kognitive
Performanz hatte (vgl. CARUSO et al., 2004a). Es ist zu vermuten, dass die
Ursachen für diese unterschiedlichen Ergebnisse in selektierten Stichproben, in der
fehlenden Vergleichbarkeit der untersuchten Tätigkeiten, der verschiedenen
Erfassungsmethoden sowie in unterschiedlichen Untersuchungszeitpunkten liegen.
Zudem handelt es sich i. d. R. um relativ kleine Stichproben aus spezifischen
Branchen oder Populationen. Als weiterer Kritikpunkt sollte angemerkt werden, dass
häufig die zugrunde liegenden Konzepte von Ermüdung uneinheitlich sind (vgl.
KNAUTH, 2007), wodurch es praktisch unmöglich ist, allgemeine Schlussfolgerungen
zu ziehen.
Da die Produktivität als ein wirtschaftliches Kennzeichen für die Effizienz und
Effektivität der Arbeit gesehen wird, sollen an dieser Stelle auch die bisherigen
Erkenntnisse der Auswirkungen langer Arbeitszeiten auf die Produktivität dargestellt
werden. Bereits 1921 berichtete VERNON, dass eine Arbeitszeitverkürzung im
industriellen Bereich zu einer Produktivitätssteigerung (Produktivität pro Stunde)
führen kann. Die Grundlage dafür waren Längsschnittuntersuchungen in der
Munitionsproduktion während des ersten Weltkrieges, in der bei gleich bleibenden
Produktionsbedingungen die Länge der Arbeitszeit von anfänglich sehr langen hin zu
kürzeren Arbeitszeiten verändert wurde, um maximalen Output zu erzielen. Neuere
Ergebnisse weisen in dieselbe Richtung. So kommen ALLUISI & MORGAN (1982) in
einem Review zu dem Schluss, dass für die individuelle Produktivität des Mitarbeiters
Arbeitszeiten von 40 Stunden pro Woche, verteilt auf 5 Tage á 8 Stunden, optimal
seien und eine Verlängerung der Arbeitszeit über diese Zeiten hinaus eher negativ
auf die Produktivität wirke. In einer Studie zu Überstunden und Produktivität in der
Manufaktur konnte ebenfalls festgestellt werden, dass gegenüber der Leistung in der
vereinbarten Arbeitszeit (in den untersuchten Betrieben zwischen 36 und 42,7 Std.
pro Woche) im Fall von Überstunden (zwischen 1,3 und 4,7 Std. pro Woche) die
individuelle Produktivität pro Stunde in den meisten untersuchten Betrieben
gesunken war (SHEPARD & CLIFTON, 2000). Auch KODZ et al. (2003),
NACHREINER (2005) sowie SEIFERT (2009) deuten an, dass lange Arbeitszeiten
einen negativen oder aber zumindest keinen positiven Effekt auf die Produktivität
haben. In Abb. 1.5 ist die Arbeitsproduktivität je Stunde in den europäischen
Mitgliedsländern in Abhängigkeit von der wöchentlichen Arbeitszeit dargestellt. Es ist
eindeutig zu erkennen, dass die wirtschaftlich stärkeren Länder eine niedrigere
Stundenanzahl aufweisen als die Länder mit geringerer Produktivität. Dieser
Zusammenhang wird durch die hinterlegten Regressionsgeraden veranschaulicht
(vgl. dazu auch SEIFERT, 2009).
23
Abb. 1.5 Arbeitsproduktivität in Abhängigkeit von der wöchentlichen Arbeitszeit
(Quelle: Eurostat, zitiert nach RÄDIKER, 2005), GB = Großbritannien
Da jedoch verschiedenartige Interaktionen der Produktivität mit unterschiedlichen
individuellen und Arbeitsmerkmalen (z. B. die Art der Tätigkeit, Motivation oder
Autonomie) bestehen, sind eindeutige Aussagen über die Zusammenhänge
zwischen der Arbeitsdauer und der Produktivität in der Regel eher problematisch.
Positive Zusammenhänge zwischen einer Arbeitszeitverlängerung und der
Produktivität konnten allerdings noch nicht nachgewiesen werden.
1.4.3 Auswirkungen der Arbeitszeit auf die Gesundheit
Nach der Ausführbarkeit und Schädigungslosigkeit wird von HACKER & RICHTER
(1984) das Gestaltungskriterium der Beeinträchtigungsfreiheit genannt. Als beein-
trächtigungsfrei werden Arbeitsbedingungen dann bezeichnet, wenn keine kurz- oder
langfristigen Beeinträchtigungen des gesundheitlichen Wohlbefindens durch die
Tätigkeit verursacht werden. Diese negativen und in der Regel längerfristigen
Beanspruchungsfolgen können, wie im Modell beschrieben, durch die Intensität als
auch die Extensität der Belastung hervorgerufen werden.
Sowohl in älteren wie auch in neueren Reviews und Untersuchungen (vgl. SPARKS
& COOPER, 1997; SPURGEON et al., 1997; WORRALL & COOPER, 1999;
ETTNER & GRZYWACZ, 2001; VAN DER HULST, 2003; CARUSO et al., 2004a;
DEMBE et al., 2005; KECKLUND, 2005; CARUSO, 2006; RÄDIKER et al., 2006;
RÜTERS et al., 2008) werden negative Effekte langer Arbeitszeiten auf die Gesund-
heit berichtet. In den Untersuchungen von NACHREINER et al. (2005) sowie
RÄDIKER et al. (2006) wurden die berichteten gesundheitlichen Beeinträchtigungen
in psychovegetative, muskulo-skelettale (Muskel-Skelett-), und allgemeine Be-
schwerden klassifiziert und in Zusammenhang mit der berichteten Anzahl der
24
(tatsächlichen) wöchentlichen Arbeitsstunden gebracht. Wie in Abb. 1.6 zu erkennen
ist, steigen die gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit zunehmender wöchentlicher
Arbeitszeit deutlich an (die Faktorwerte sind aufgrund ihrer z-Standardisierung
normalverteilt mit einem Mittelwert von Null und einer Standardabweichung von
Eins). Der Anstieg der psychovegetativen Beeinträchtigungen ist dabei insbesondere
bei den Beschäftigten oberhalb des Vollzeitbereiches ( 40 Wochenstunden)
wesentlich steiler als der Anstieg der muskulo-skelettalen und allgemeinen
Beschwerden in diesem Arbeitszeitbereich.
Abb. 1.6 Psychovegetative, muskulo-skelettale und andere gesundheitliche
Beeinträchtigungen in Abhängigkeit von der wöchentlichen Arbeitszeit in
Deutschland
(Quelle: NACHREINER et al., 2005, S. 28)
Neben allgemeinen Beeinträchtigungen der Gesundheit wird an anderer Stelle
berichtet, dass Überstunden sogar mit erhöhter Mortalität in Zusammenhang stehen
können (NYLEN et al., 2001).
Die Zusammenhänge von langen Arbeitszeiten mit gesundheitlichen
Beeinträchtigungen können nicht nur auf allgemeiner Ebene gezeigt werden,
sondern deuten sich ebenfalls für einzelne Symptome an.
1.4.3.1 Kardiovaskuläre Erkrankungen
Lange Arbeitszeiten können sich auf das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen
auswirken. So berichteten z. B. LIU & TANAKA (2002), dass sich bei Arbeitszeiten
über 61 Stunden pro Woche das Risiko für einen Myokardinfarkt verdoppelt,
verglichen mit Arbeitszeiten von unter 40 Wochenstunden. Ergebnisse aus anderen
Studien weisen ebenfalls darauf hin, dass lange Arbeitszeiten das Risiko für Herz-
25
Kreislauf-Erkrankungen deutlich erhöhen (HAYASHI et al., 1996; UEHATA, 1991). In
Japan kam der plötzliche Tod durch Überarbeitung derart häufig vor, dass er mit dem
Begriff Karoshi bezeichnet wurde. Häufig gehen dem Karoshi, der i. d. R. durch einen
Herzinfarkt oder Schlaganfall ausgelöst wird, viele Überstunden bzw. lange
Arbeitszeiten ohne Pause und weitere arbeitsbedingte Stressoren voraus. Da
Karoshi in Japan als berufsbedingte Erkrankung anerkannt ist, besteht sogar das
Anrecht auf Entschädigung für die Hinterbliebenen.
Es lassen sich allerdings auch gegenteilige Ergebnisse finden, wie etwa die von
NAKANISHI et al. (2001). Dort wird ein positiver Effekt langer Arbeitszeiten auf die
Entwicklung von Bluthochdruck berichtet. Da sich die meisten Studien zum
Zusammenhang von Arbeitszeit und kardiovaskulären Symptomen allerdings auf
Stichproben japanischer Männer beschränken, ist ihre Generalisierbarkeit
eingeschränkt (vgl. CARUSO et al., 2004a). SPURGEON (2003) und BEERMANN
(2004) kommen dennoch zu dem Schluss, dass die negativen Auswirkungen langer
Arbeitszeiten auf kardiovaskuläre Symptome als gesichert betrachtet werden
können.
1.4.3.2 Muskel-Skelett-Erkrankungen
Bezüglich der Auswirkungen von langen Arbeitszeiten auf Muskel-Skelett-
Erkrankungen herrscht kein ganz einheitliches Bild vor. So ermittelten LIPSCOMB et
al. (2002) und TRINKOFF et al. (2006) eine Erhöhung des Risikos muskulo-
skelettaler Beeinträchtigungen mit zunehmender Dauer der Arbeitszeit, insbesondere
bei Arbeitszeiten von mehr als 12 Stunden pro Tag oder 40 Stunden pro Woche,
wobei in den beiden erwähnten Studien ausschließlich Krankenschwestern, teilweise
mit Schichtarbeit, untersucht wurden. Dabei wurde bzgl. der Schicht nur abgefragt,
ob die TeilnehmerInnen in einer anderen als der Tagschicht arbeiteten, sodass die
potenzielle Konfundierung zwischen Schichtarbeit und der Anzahl wöchentlicher
Arbeitsstunden nicht kontrolliert werden konnte. Auch in der bereits oben
beschriebenen Untersuchung von NACHREINER et al. (2005) wurden deutliche, fast
lineare Zusammenhänge zwischen Muskel-Skelett-Beschwerden und der Arbeits-
dauer berichtet (vgl. Abb. 1.6). GROSCH et al. (2006) hingegen fanden in einer für
die U.S. Bevölkerung repräsentativen Stichprobe im Vergleich zur Gruppe der
Vollzeitbeschäftigten (35-40 Std. pro Woche) erst bei über 70 Std. pro Woche eine
gegenüber kürzeren Arbeitszeiten erhöhte Anzahl von Muskel-Skelett-Erkrankungen.
Es scheint demnach einen negativen Effekt der Arbeitsdauer auf Muskel-Skelett-
Erkrankungen zu geben, der jedoch hinsichtlich seiner Ausprägung eher schwach zu
sein scheint und darüber hinaus auch wesentlich von weiteren Merkmalen der
Arbeitszeit und der Arbeitsbedingungen abhängt.
1.4.3.3 Gastrointestinale Erkrankungen
CARUSO et al. (2004b) berichten deutliche Zusammenhänge zwischen gastro-
intestinalen Erkrankungen und Schichtarbeit, jedoch nur schwache Zusammenhänge
dieser Erkrankungen mit langen Arbeitszeiten. In der untersuchten Stichprobe der
Beschäftigten in der Automobilfertigung erhöhte sich mit 10 Stunden zusätzlicher
Arbeitszeit pro Woche das Risiko für die Verwendung von Medikamenten gegen
gastrointestinale Krankheiten um 23 %. Wie bereits VAN DER HULST (2003)
26
konstatiert, fehlen jedoch bislang weitere gesicherte Ergebnisse zum Zusammen-
hang zwischen gastrointestinalen Beschwerden und langen Arbeitszeiten.
1.4.3.4 Weitere Symptome
KROENKE et al. (2006) berichten, dass das Diabetesrisiko bei Frauen durch lange
Arbeitszeiten erhöht wird. Dabei steigern Arbeitszeiten von mehr als 40 Stunden pro
Woche das Diabetesrisiko gegenüber einer wöchentlichen Arbeitszeit von 20-40
Stunden um etwa 20 %. In einer Studie an japanischen Männern konnte weiterhin
gezeigt werden, dass das Diabetesrisiko bei mehr als 50 Überstunden pro Monat
gegenüber weniger als 25 monatlichen Überstunden um den Faktor 3,7 erhöht ist
(KAWAKAMI et al., 1999). Weitere, abgesicherte Ergebnisse zum Diabetesrisiko
ließen sich jedoch bisher in der Literatur nicht finden.
Aufgrund der umfangreichen Ergebnisse zu den negativen Auswirkungen von
Schichtarbeit auf Schlafstörungen und psychovegetative Symptome (RUTENFRANZ
& KNAUTH, 1982; KNAUTH & COSTA, 1996) stellt sich die Frage, ob lange
Arbeitszeiten ähnliche negative Effekte auch auf diese Symptome ausüben. Da die
Dauer der Arbeitszeit einen direkten Einfluss auf die Lage der Arbeitszeit sowie auch
auf das Ausmaß der Ruhezeiten der Beschäftigten ausübt, erscheinen Schlaf-
störungen in Folge langer Arbeitszeiten als durchaus plausibel. Je länger die tägliche
und wöchentliche Arbeitszeit ist, desto kürzer ist zudem die Schlafdauer (z. B. VAN
DER HULST, 2003; KRUEGER & FRIEDMAN, 2009). Eine verkürzte Schlafdauer
kann wiederum mit einer Verminderung der Performanz, einem erhöhten Unfallrisiko
sowie mit einem gesteigerten Risiko für verschiedene gesundheitliche Beein-
trächtigungen zusammenhängen, wie etwa kardiovaskuläre Erkrankungen, Über-
gewicht oder eine Schwächung des Immunsystems (vgl. DAWSON & REID, 1997;
DINGES et al., 1997; VAN DER HULST, 2003; CARUSO, 2006; HÄRMÄ, 2006;
LOMBARDI et al., in Vorbereitung). NACHREINER et al. (2005) sowie RÜTERS
(2008) berichten darüber hinaus eine Zunahme von Schlafstörungen sowie von
psychovegetativen Beschwerden bei steigenden Wochenarbeitszeiten.
1.4.3.5 Maladaptive Verhaltensweisen
Neben diagnostizierten oder berichteten Erkrankungen sind ungesunde (sog.
maladaptive) Verhaltensweisen, wie etwa ein erhöhter Konsum von Genussmitteln
wie Alkohol oder Zigaretten, Gewichtszunahme oder Mangel an Bewegung, ein
weiteres Indiz für eine Gesundheitsgefährdung. SHIELDS (1999) berichtet als Folge
der Verlängerung der Arbeitszeit von 35-40 Std. auf über 41 Std. pro Woche eine
ungesunde Gewichtszunahme bei Männern, eine gesteigerte Anzahl konsumierter
Zigaretten bei beiden Geschlechtern und eine Zunahme des Alkoholkonsums bei
Frauen. Untersucht wurden dabei ca. 3800 kanadische Erwerbstätige in einer
dreijährigen Längsschnittstudie. Eine Steigerung des Alkoholkonsums und eine
ungesunde Gewichtszunahme in Zusammenhang mit der Arbeitsdauer wurde
ebenfalls von TRINKOFF & STORR (1998) und NAKAMURA et al. (1998) gezeigt.
Auch auf die Gesundheit der Kinder von Erwerbstätigen haben lange Arbeitszeiten
möglicherweise negative Folgen. Wie PHIPPS et al. (2006) berichten, hängt das
Risiko für Übergewicht bei Kindern mit der Anzahl der Arbeitsstunden der Mütter
zusammen.
27
Im Hinblick auf Karoshi (s. o.) besteht die Vermutung, dass lange Arbeitszeiten nicht
nur auf dem direkten Weg das Eintreten des plötzlichen Herztodes begünstigen.
Vielmehr können gesundheitsschädliche Verhaltensweisen, die in Folge langer
Arbeitszeiten auftreten, ebenfalls zum Entstehen von Karoshi beitragen (UEHATA,
1991). Lange Arbeitszeiten begünstigen folglich sowohl direkt als auch indirekt über
die maladaptiven Verhaltensweisen das Eintreten des plötzlichen Herztodes.
1.4.3.6 Langfristige gesundheitliche Effekte langer Arbeitszeiten
Zu den langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen langer Arbeitszeiten gibt es nur
wenige Befunde. KRAUSE et al. (1997) konnten in einer finnischen Längs-
schnittstudie feststellen, dass Personen, die mehr als 60 Wochenstunden gearbeitet
hatten, im Vergleich zur Gruppe der Beschäftigten mit unter 40 Stunden ein stark
erhöhtes Risiko (OR: 2.75, CI: 1.11 – 6.81) hatten, in den nächsten vier Jahren
erwerbsunfähig zu werden, also eine Rente wegen Erwerbsminderung zu erhalten
(disability retirement). Untersuchungen zu den langfristigen Effekten der Arbeitszeit
auf die Gesundheit und Erwerbsfähigkeit über das gesamte Erwerbsleben hinweg
gibt es hingegen leider bislang nicht (vgl. SEIFERT, 2008), obwohl solche Studien
sehr wünschenswert wären um auch langfristige Perspektiven einbeziehen zu
können.
Auch wenn die Ergebnisse zu den Auswirkungen langer Arbeitszeiten auf die
Gesundheit der Beschäftigten häufig auf spezifischen Stichproben beruhen und
teilweise uneindeutig sind, lässt sich doch als Gesamtergebnis festhalten, dass die
Effekte langer Arbeitszeiten auf die Gesundheit als negativ einzuschätzen sind.
Damit ist neben der Ausführbarkeit und Schädigungslosigkeit auch das Kriterium der
Beeinträchtigungsfreiheit bei langen Arbeitszeiten voraussichtlich nicht mehr gewähr-
leistet.
1.4.4 Soziale Beeinträchtigungen durch lange Arbeitszeiten
Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht würden die oben dargestellten Ergebnisse
bereits ausreichen, um eine mögliche Gefährdung der Beschäftigten durch lange
Arbeitszeiten zu vermuten. Dennoch sollte auch die Möglichkeit der Einhaltung des
positiven Gestaltungsmerkmals, der Persönlichkeitsförderlichkeit, bei langen Arbeits-
zeiten geprüft werden. Dabei stellt sich zunächst die Frage, wie sich Persönlichkeits-
förderlichkeit messen lässt, um überhaupt einer Untersuchung zugänglich zu sein.
Zur Annäherung an das Kriterium der Persönlichkeitsförderlichkeit – hier im Sinne
der sozialen Teilhabe – könnte die Ausübung sozialer Aktivitäten und damit die
Möglichkeit der persönlichen Entwicklung der Beschäftigten durch aktive oder
passive Sozialisation erfasst werden (siehe Abschnitt 1.3). Eine objektive Erhebung
dieser Daten kann in Form von Zeitbudgetstudien erfolgen. Besteht diese Möglichkeit
nicht, so kann retrospektiv erfragt werden, wie häufig (pro Woche oder Monat)
bestimmten Aktivitäten, etwa Treffen mit Freunden, Besuch von kulturellen
Veranstaltungen usw., durchschnittlich oder in einem bestimmten Zeitraum nach-
gegangen wird. Eine Einschränkung der Zeit für außerberufliche Aktivitäten durch die
Arbeitszeit könnte wiederum darauf hinweisen, dass das Kriterium der Persön-
lichkeitsförderlichkeit durch die Arbeitszeitgestaltung nicht erfüllt werden kann. Ein
weiterer möglicher Ansatzpunkt wäre die Erfassung der Vereinbarkeit von Beruf und
Freizeit, die allerdings immer nur subjektiv erfassbar sein kann.
28
In der gesellschaftlichen Diskussion werden seit längerer Zeit zunehmend
Forderungen nach einer verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Familie bzw.
Freizeit (sog. Work-Life-Balance) genannt. Der Begriff „Doppelbelastung“ ist für die
gleichzeitige Ausübung von Beruf und Haushaltsführung, Kinderbetreuung oder
Pflege von Angehörigen geprägt. Die zusätzlich zur Arbeitszeit für private Tätigkeiten
verwendete Zeit (z. B. für familiäre oder Haushaltsaktivitäten, aber auch für
ehrenamtliches Engagement oder die eigene Weiterbildung) führt zur weiteren
Reduktion der Regenerationszeit, die zwischen zwei Arbeitszeiträumen liegt und
erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass die durch die Arbeit resultierende
Beanspruchung unter Umständen nicht völlig abgebaut werden kann. Darüber hinaus
führen Tätigkeiten in der Freizeit zu einer Mehrfachbelastung der Beschäftigten.
Somit kommt es zu einer Beanspruchungskumulation. Wie NACHREINER &
GRZECH-ŠUKALO (1997) bereits bemerkten, handelt es sich bei der Aufteilung der
Zeit auf Arbeit, Schlaf und Freizeit um ein Nullsummenspiel, in dem eine
Vergrößerung des einen Anteils eine Reduktion eines oder beider anderer Anteile mit
sich bringt. Daher stellen lange Arbeitszeiten in jedem Fall einen gravierenden
Eingriff in die Lebensgestaltung dar, der im schlechten Fall den Beschäftigten von
vornherein Einschränkungen im privaten Bereich oder der Schlafzeit diktiert. Dass
dies nicht ohne Folgen sowohl für das soziale Wohlbefinden als auch in Folge
dessen für die Gesundheit der Beschäftigten bleiben kann, ist nahe liegend. Dass
soziale Beeinträchtigungen durch Schichtarbeit entstehen können ist bereits bekannt
(vgl. COLQUOUN et al., 1996; VOLGER et al., 1988; NEULOH, 1964). Dagegen
wurde der Frage des Ausmaßes der sozialen Beeinträchtigung durch lange
Arbeitszeiten bisher auf empirischer Ebene nur unzureichend nachgegangen. Die im
Folgenden berichteten Ergebnisse konzentrierten sich größtenteils auf eine
Beeinträchtigung des Familienlebens oder der Work-Life-Balance der Beschäftigten
(z. B. WORALL & COOPER, 1999; GEURTS & DEMEROUTI, 2003; JANSEN et al.,
2004; GROSCH et al., 2006; KLENNER & SCHMIDT, 2007; GEURTS et al., 2009).
Die Untersuchung der Einschränkung anderer, für die Sozialisation der Beschäftigten
ebenfalls bedeutsamer Bereiche, wie etwa gesellschaftliches Engagement oder
kulturelle Aktivitäten, wurden dabei eher vernachlässigt.
In Deutschland herrscht das Modell der 1 ½ Arbeitsstellen pro Familie vor. So
arbeiten abhängig beschäftigte Väter im Durchschnitt 39,7 Stunden pro Woche,
wohingegen Mütter mit durchschnittlich 24,4 Wochenstunden deutlich kürzer arbeiten
(KLENNER & PFAHL, 2008). Dieses Modell entspricht jedoch durchaus nicht dem
europäischen Durchschnitt (vgl. LEWIS et al., 2008). Vor allem in den
skandinavischen Ländern, aber auch in Portugal und Spanien arbeiten häufig beide
Elternteile in Vollzeit. Die Gründe dafür sind verschieden, denn in Südeuropa gibt es
kein ausreichendes Angebot an Teilzeitstellen, wodurch die Nachfrage natürlich
eingeschränkt wird, wohingegen in Skandinavien oft aufgrund der guten
Kinderbetreuung ermöglicht wird, dass beide Elternteile in Vollzeit arbeiten können.
Trotz der hohen Teilzeitquote der Mütter in Deutschland arbeiten viele der Eltern in
relativ langen Arbeitszeiten. So leisten 17 % der abhängig beschäftigten Mütter und
knapp 57 % der Väter mehr als 40 Stunden pro Woche (KLENNER & PFAHL, 2008).
Dagegen ist der Teilzeitanteil der Väter in Deutschland marginal (<3 %). Bei LEWIS
et al. (2008) wird der Anteil der Mütter mit über 46 Stunden Arbeitszeit pro Woche mit
4,6 % beziffert, die Väter arbeiten zu 35,1 % über 46 Stunden pro Woche. Untersucht
wurden Beschäftigte aus Westeuropa; leider ist die Einteilung der Arbeitszeit nicht
äquivalent zu der von KLENNER & PFAHL (2008) in Deutschland. In letztgenannter
29
Stichprobe arbeiten besonders die hochqualifizierten Beschäftigten lange – jede
vierte hochqualifizierte Mutter arbeitet mehr als 40 Stunden pro Woche, bei den
hochqualifizierten Vätern sind es sogar ca. 73 %.
KLENNER & SCHMIDT (2007) untersuchten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie
in Deutschland und berichten, dass die wahrgenommene Vereinbarkeit von Beruf
und Familie u. a. sowohl von der Dauer als auch von der Flexibilität der Arbeitszeit
abhängt. Dabei wirkt eine hohe Arbeitsdauer erwartungsgemäß negativ auf die
Vereinbarkeit, wohingegen für die Arbeitszeitflexibilität eine differentielle Wirkung
beobachtet wurde. Nur wenn die Arbeitszeit auf die Familie angepasst flexibel ist,
besteht ein positiver Zusammenhang zur Vereinbarkeit. Ist dies nicht der Fall, wird
eine hohe Flexibilität als negativ für die Vereinbarkeit empfunden. Über die genaue
Wirkung von langen Arbeitszeiten im Sinne einer Dosis-Wirkungs-Beziehung wurde
hier allerdings leider nichts berichtet, sodass die Zusammenhänge zwar plausibel
aber dennoch eher vage erscheinen. Mögliche Vereinbarkeitskonflikte zwischen dem
Beruf und der Familie können dabei durch soziale Unterstützung sowohl am
Arbeitsplatz als auch in der Familie abgemildert werden (vgl. CARLSON &
PERREWÉ, 1999; NIELSON et al., 2001).
In einer Untersuchung einer Stichprobe aus der U.S.-Bevölkerung setzten GROSCH
et al. (2006) die Dauer der wöchentlichen Arbeitszeit in Verbindung mit der
berichteten Beeinträchtigung des Familienlebens durch den Job. Im Vergleich zur
Gruppe der Personen mit 35-40 Std. pro Woche stieg das Risiko für eine
Beeinträchtigung des Familienlebens bei 41-48 Wochenstunden um 55 %, bei 49-69
Std. um 228 % und bei 70 und mehr Wochenstunden um 375 % an. Die untersuchte
Stichprobe enthielt sowohl abhängig als auch selbstständig Beschäftigte. Für
abhängig Beschäftigte in Europa und Deutschland konnte von RÄDIKER (2005)
gezeigt werden, dass die Häufigkeit der Ausübung von Tätigkeiten im Haushalt und
der Familie mit zunehmender Arbeitsdauer abnimmt. Auf die Ausübung von anderen
Freizeitaktivitäten, wie Sport oder Weiterbildung sowie ehrenamtlichen / politischen
Tätigkeiten, hatte die Anzahl wöchentlicher Arbeitsstunden dagegen nur einen
schwachen Einfluss. Dabei wurde allerdings noch nicht differenziert geprüft, ob sich
die letztgenannten Tätigkeiten möglicherweise gegenseitig kompensieren und
welche moderierenden Einflüsse durch weitere arbeits- und personenbezogene
Merkmale bestehen, sodass dieses Ergebnis nur eine allgemeine Tendenz darstellt.
Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Auswirkungen langer Arbeitszeiten auf
die Familie bisher noch nicht ausreichend untersucht wurden, und der Bereich der
außerfamiliären und sozialen Aktivitäten sehr stark vernachlässigt wurde. Dabei
besitzt diese Thematik in der Öffentlichkeit durchaus eine große Bedeutung. Die
oben dargestellten wenigen bisherigen Ergebnisse deuten an, dass eine bedeutsame
Einschränkung der familiären Aktivitäten der Beschäftigten bei langen Arbeitszeiten
erfolgt. Dennoch fehlt sowohl eine ausreichende empirische Absicherung dieser
Ergebnisse als auch eine Ausdehnung der Untersuchungen auf die Einschränkung
auch anderer Bereiche des privaten Lebens bei langen Arbeitszeiten.
Für die weitere Untersuchung stellen sich insbesondere Fragen darüber, welche
Freizeitaktivitäten in welchem Ausmaß eingeschränkt werden, ob sich bestimmte
Aktivitäten zeitlich kompensieren und welche Unterschiede zwischen Männern und
Frauen sowie zwischen Personen mit und ohne Betreuungspflichten bestehen. Wie
30
KOHN & SCHOOLER (1983) berichten, besitzt auch die Art der Tätigkeit einen
Einfluss auf die Freizeitaktivitäten, sodass die Tätigkeit möglicherweise eine
moderierende Wirkung auf die Zusammenhänge zwischen langen Arbeitszeiten und
der sozialen Teilhabe ausübt.
1.4.5 Schlussfolgerungen aus den bisherigen Ergebnissen
Die Erhöhung des Unfallrisikos durch lange tägliche und wöchentliche Arbeitszeiten
ist mittlerweile gut belegt. Es deutet sich darüber hinaus aus den oben
zusammengestellten Ergebnissen an, dass lange Arbeitszeiten die Leistung der
Beschäftigten verschlechtern und das Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen
wie Herzerkrankungen, gastrointestinale sowie muskulo-skelettale Beein-
trächtigungen erhöhen können. Weiterhin begünstigen lange Arbeitszeiten
wahrscheinlich gesundheitsschädliche Verhaltensweisen wie den Konsum von
Genussmitteln (Alkohol, Zigaretten) sowie eine ungesunde Gewichtszunahme durch
falsche Ernährung und mangelnde Bewegung. Einschränkungen durch hohe
Wochenarbeitszeiten im sozialen Bereich sind zu vermuten, wurden allerdings
bislang nur unzureichend untersucht. Tendenziell verschlechtert sich die berichtete
Work-Life-Balance bei langen Arbeitszeiten. Es deutet sich daher an, dass die
arbeitswissenschaftlichen Kriterien der Ausführbarkeit, Schädigungslosigkeit und
Beeinträchtigungsfreiheit bei langen Arbeitszeiten nicht mehr gewährleistet sind.
Weiterhin erscheint auch die Persönlichkeitsförderlichkeit langer Arbeitszeiten
sowohl anhand der vorliegenden Untersuchungen als auch aufgrund theoretischer
Annahmen äußerst fraglich.
Eine umfangreiche Absicherung der Validität und Generalisierbarkeit insbesondere
der Ergebnisse zur Beeinträchtigung der Gesundheit und des sozialen Wohl-
befindens durch lange Arbeitszeiten hat jedoch bislang noch nicht stattgefunden.
Auch liegen zu einzelnen Symptomen, wie etwa psychovegetativen und gastro-
intestinalen Beeinträchtigungen, sehr wenige Studien vor. Darüber hinaus wurden –
wenn auch in geringem Umfang – ebenfalls gegensätzliche Ergebnisse berichtet, wie
etwa eine Verringerung gesundheitlicher Beschwerden bei langen Arbeitszeiten
(z. B. VOSS et al., 2001). Es ist dabei unklar, ob solch uneindeutige Befunde die
Realität widerspiegeln, oder ob sie auf andere Gründe zurückzuführen sind.
Eine mögliche Ursache für die Uneindeutigkeit und eingeschränkte Generalisier-
barkeit der Ergebnisse ist etwa die uneinheitliche Definition der unabhängigen
Variable „lange Arbeitszeiten“: In einigen Untersuchungen werden die Unterschiede
zwischen geplanten „normalen“ 8- und „langen“ 12-Stunden-Schichten bezüglich
ihrer Auswirkungen auf die Beanspruchungsfolgen analysiert, andere hingegen
untersuchen den Einfluss von Überstunden (unabhängig von der geplanten
Arbeitszeitdauer). Wieder andere definieren „lange“ Arbeitszeiten (mal als „über 48
Stunden pro Woche liegend“, mal als „über 60 Wochenstunden“) und vergleichen die
Beanspruchungsfolgen von Personen in „langen“ Arbeitszeiten mit denen in „kurzen“
Arbeitszeiten von weniger als 48 oder 60 Stunden. Der Kreativität bei der Definition
„langer“ Arbeitszeiten sind dabei keine Grenzen gesetzt, und dies führt dazu, dass
die einzelnen Studien kaum vergleichbare Ergebnisse erzielen. Darüber hinaus birgt
jeder Ansatz seine methodischen Probleme: Bei der Untersuchung von 8- und 12-
Stunden-Wechselschichten besteht in der Regel eine Konfundierung zwischen der
Dauer der Arbeitszeit und der Arbeit in Schichtarbeit, also mit einer veränderten Lage
31
der Arbeitszeit (vgl. SPURGEON et al., 1997; WHITE & BESWICK, 2003). Eine
geplante 12-Stunden-Schicht mit entsprechend ausreichendem Ruhezeitraum kann
dabei ohne weiteres zu weniger negativen Beanspruchungsfolgen führen als eine
geplante 8-Stunden-Schicht, an die kurzfristig noch 4 Überstunden gehängt werden
müssen. Wird hingegen nur gemessen, ob die Beschäftigten Überstunden geleistet
haben oder nicht, ohne dabei die geplante Arbeitsdauer und damit die insgesamt
geleisteten Arbeitsstunden zu erfassen, so ist dies wenig aussagekräftig. Soll
beispielsweise eine Risikoerhöhung gesundheitlicher Beschwerden zwischen zwei
Stufen der Arbeitszeit berechnet werden, sind präzise Definitionen der unabhängigen
Variable unumgänglich, um vergleichbare und generalisierbare Ergebnisse zu
erhalten. Dabei ist allerdings die nur ungenaue Erfassung der wöchentlichen
Arbeitszeit bei Befragungen problematisch, in denen z. B. die durchschnittliche
Wochenarbeitszeit der Beschäftigten erhoben wird. Sofern die Befragten keinen
genauen Arbeitszeitplan vorliegen haben, kann die Angabe einer durchschnittlichen
Arbeitszeit (oder der Arbeitszeit in der letzten Woche) nur unpräzise erfolgen. Die
Repräsentativität dieser Angaben über die tatsächliche Arbeitszeit der Beschäftigten
ist durchaus fraglich, da diese sich auf ihre Erinnerung berufen müssen oder einen
grob geschätzten Wert angeben. Pausenzeiten oder Ruhezeiten zwischen zwei
Arbeitsperioden werden i. d. R. nicht erfasst, obwohl diese einen großen Einfluss auf
die Verteilung der (langen oder kurzen) Arbeitszeiten ausüben und bestimmen,
inwieweit sich die Auslenkung des Systems durch die Belastung wieder dem
Ausgangswert nähern kann. Zur präzisen Erfassung der Arbeitszeit reicht es
demnach eigentlich nicht aus, erinnerte und dadurch ggf. verzerrte Durch-
schnittswerte zu erheben. Vielmehr sollten die Arbeits- und Ruhezeiten über einen
größeren Zeitraum hinweg tagebuchähnlich aufgeschrieben werden, wenn man zu
einer validen Erfassung der Arbeitszeitsysteme gelangen möchte. Einen derartigen
Ansatz verfolgten z. B. JANßEN & NACHREINER (2004) in einer Untersuchung zu
flexiblen Arbeitszeiten sowie aktuell die GAWO e.V. in einer laufenden Umfrage zu
den Zusammenhängen von Arbeitszeit und Gesundheit (www.gawo-ev.de).
Verfügt man nicht über derartige präzise Arbeitszeitaufschreibungen, sondern nur
über die häufig verwendeten Durchschnittswerte der wöchentlichen Arbeitszeit, so
verhindert dies jedoch nicht die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen langen
Arbeitszeiten und gesundheitlichen sowie sozialen Beeinträchtigungen. Vielmehr
muss dabei von genauen Punktschätzungen der Effekte der Arbeitszeit abgesehen
werden, da aufgrund der durchschnittlichen Erfassung der Arbeitszeit große
Ungenauigkeiten zu vermuten sind. Es sollten also keine Aussagen über das
absolute Niveau von gesundheitlich Beeinträchtigten bei einer bestimmten Arbeits-
zeitdauer getroffen werden. Möglich sind hingegen Untersuchungen der strukturellen
Zusammenhänge zwischen der Arbeitszeit und der Gesundheit der Beschäftigten.
Die Höhe der gesundheitlichen Beeinträchtigungen kann in verschiedenen
Untersuchungen durchaus auf einem unterschiedlichen Niveau liegen, da dieses
ohnehin abhängig von der jeweiligen Fragemethode sowie der Belastungsart und -
intensität ist. Die Art der Fragestellung sollte sich daher auf den Nachweis gleicher
relationaler Strukturen in Form eines Anstiegs der gesundheitlichen und sozialen
Beeinträchtigungen der Beschäftigten mit steigender Dauer der Arbeitszeit
fokussieren und somit Schätzungen der Struktur dieser Beziehungen ermöglichen.
Eine weitere Einschränkung der oben aufgeführten Studien liegt darin, dass die
Dauer der Arbeitszeit nicht unabhängig von der Tätigkeit bzw. der Belastungs-
32
situation der Beschäftigen zu sehen sein kann. Die Ergebnisse sind daher,
insbesondere in Bezug auf Punktschätzungen, von den untersuchten Stichproben
und Arten der Tätigkeit abhängig (JOHNSON & LIPSCOMB, 2006). Die Erfassung
der Belastungssituation der Beschäftigten und die Kontrolle des Einflusses der
Belastung auf die Zusammenhänge von Arbeitsdauer und Beanspruchungsfolgen ist
ein leider häufig vernachlässigter Aspekt.
Aufgrund der stichproben- und belastungsbezogenen Effekte ist die Generalisier-
barkeit vieler berichteter Ergebnisse eingeschränkt. Allein die Befragung von
Erwerbstätigen stellt bereits eine Selektion dar, da alle erwerbsunfähigen oder
wegen Erwerbsminderung frühzeitig ausgeschiedenen Personen sowie deren frühere
Arbeitsbedingungen nicht berücksichtigt werden können. Dies lässt sich bei der
Verwendung von Befragungsdaten nicht ändern, jedoch kann vermutet werden, dass
mögliche negative Effekte der Arbeitsdauer auf die Gesundheit durch die Selektion
der Beschäftigten tendenziell eher unterschätzt werden. Der Umstand, dass Ältere
und/oder Personen in sehr ungünstigen Arbeitsbedingungen oft verhältnismäßig
wenig gesundheitliche Beschwerden aufweisen, wird als „Healthy-Worker-Effekt“
bezeichnet. Die Erklärung dafür ist die Bildung von Überlebenspopulationen, welche
aus Personen bestehen, die derartige Arbeitsbedingungen ertragen können, wohin-
gegen die gesundheitlich beeinträchtigten Personen bereits aus der Erwerbstätigkeit
ausgeschieden bzw. in andere Arbeitsbedingungen gewechselt sind. Dies führt dazu,
dass gesundheitliche Beeinträchtigungen in den hoch belasteten Gruppen häufig
geringer sind als in den mittleren und wenig belasteten Gruppen. Diese Effekte
finden meist zu wenig Berücksichtigung bei der Interpretation der Ergebnisse und
können zu irreführenden Schlussfolgerungen verleiten, wie etwa der, dass lange
Arbeitszeiten eher gesundheitsförderlich seien.
Es wird deutlich, dass zwar negative Auswirkungen langer Arbeitszeiten auf die
Gesundheit und das soziale Wohlbefinden der Beschäftigten vermutet werden
können, dass aber aufgrund methodischer und anderer beschriebener Ein-
schränkungen die bisherigen Ergebnisse nicht als umfassend gesichert gelten
können. Aufgrund der zunehmenden Forderung nach einer Ausdehnung der
Arbeitszeiten in allen Bezugszeiträumen (tägliche, wöchentliche, monatliche,
jährliche, Lebensarbeitszeit) erscheint eine Absicherung der sich andeutenden
negativen Effekte langer Arbeitszeiten auf das gesundheitliche und soziale
Wohlbefinden der Beschäftigten jedoch als wesentlich. Die Gewinnung gesicherter
Erkenntnisse zur Arbeits(zeit)gestaltung ist von großer Bedeutung sowohl für die
Gesundheit der Erwerbstätigen, für die Betriebe, die hohe Folgekosten im Fall
erhöhter Krankenstände oder Unfallzahlen tragen müssen, als auch für die Gesell-
schaft, die wiederum weitgehend die Kosten der Erkrankungen und frühzeitigen
Erwerbsminderung trägt und unter einer Minderung des sozialen Engagements
leidet.
33
1.5 Entwicklung der Fragestellungen
Eine Absicherung der Erkenntnisse zu den Auswirkungen langer Arbeitszeiten kann
durch eine Kreuzvalidierung der Ergebnisse verschiedener (repräsentativer)
Stichproben erreicht werden. Zum Zwecke der Kreuzvalidierung werden die in den
einzelnen Stichproben gefundenen Beziehungen zwischen den zu untersuchenden
Konstrukten (hier: der Arbeitsdauer und gesundheitlichen sowie sozialen
Beeinträchtigungen) über mehrere Stichproben hinweg verglichen. Dazu werden die
ermittelten Zusammenhangsmaße miteinander verglichen und auf signifikante
Unterschiede geprüft. Sind die ermittelten strukturellen Beziehungen zwischen den
Konstrukten valide, so sollten sie über verschiedene Populationen, Methoden,
Zeitpunkte und unabhängig von der individuellen Operationalisierung nachweisbar
sein. Der Vorteil der Untersuchung (latenter) Konstrukte und ihrer relationalen
Beziehungen liegt darin, von der jeweiligen Operationalisierung der Variablen
unabhängig zu sein und so stichprobenübergreifende Vergleiche zu ermöglichen.
Eine weitere Erhöhung der Validität der Ergebnisse ergibt sich, wenn diese nicht nur
über alle Personen der gesamten Stichproben hinweg ähnlich sind, sondern sich
auch in unterschiedlichen homogenen Substichproben gleichartige Strukturen zeigen
lassen. Zur Untersuchung von Substichproben ist es dabei wichtig, hinreichend
große Ausgangsstichproben zu verwenden, da die Zellenbesetzungen einzelner
Gruppen ansonsten schnell zusammenbrechen und somit der statistischen Analyse
nur noch eingeschränkt zugänglich sind.
Zur Analyse der Effekte langer Arbeitszeiten auf die Gesundheit bediente sich bereits
RÜTERS (2008) der Methode der Kreuzvalidierung. Sie konnte anhand von
Sekundäranalysen zeigen, dass zwischen einer deutschen und einer europäischen
Umfrage (RÄDIKER, 2005) hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen der
berichteten durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit und der Höhe gesund-
heitlicher Beschwerden strukturell ähnliche Relationen bestanden (siehe Abb. 1.7
und Abb. 1.8). Die ermittelten Regressionsgeraden wiesen hinsichtlich ihrer
Steigungen keine signifikanten Unterschiede auf. Damit konnte RÜTERS (2008) die
Validität und Generalisierbarkeit der Ergebnisse aus den einzelnen Stichproben
erhöhen. Um die Ergebnisse aus diesen beiden untersuchten Stichproben
umfassender abzusichern, wäre eine Kreuzvalidierung mit weiteren vergleichbaren
Datensätzen wünschenswert. Eine derartige umfangreiche Kreuzvalidierung der
Ergebnisse zu Effekten langer Arbeitszeiten gibt es bislang noch nicht.
34
Abb. 1.7 Trends der psychovegetativen Beschwerden (PVB) in zwei deutschen
Stichproben (RÜTERS (2008), S. 68)
Abb. 1.8 Trends der muskulo-skelettalen Beschwerden (MSB) in zwei deutschen
Stichproben (RÜTERS (2008), S. 94)
In der vorliegenden Arbeit sollen daher, aufbauend auf den Ergebnissen von
RÄDIKER (2005) und RÜTERS (2008), mehrere verschiedene Stichproben zur
Analyse herangezogen werden und die Ergebnisse zu den Auswirkungen der Dauer
der Arbeitszeit auf das gesundheitliche und soziale Wohlbefinden aus den einzelnen
35
Stichproben im Rahmen einer Kreuzvalidierung verglichen werden. Die Unter-
suchung von unterschiedlichen Substichproben, aufgeteilt z. B. nach ähnlichen
Belastungskonstellationen, Berufsgruppen oder bestimmten biografischen Merk-
malen, soll die Wirkung moderierender Effekte auf die Zusammenhänge zwischen
der Dauer der Arbeitszeit und gesundheitlichen sowie sozialen Beeinträchtigungen
spezifizieren. Die zentrale Fragestellung dabei ist, ob es möglich ist, sowohl in den
Gesamt- als auch in unterschiedlichen Teilstichproben gleichartige Strukturen hin-
sichtlich der Zusammenhänge von Arbeitsdauer und möglichen gesundheitlichen und
psychosozialen Beeinträchtigungen zu finden. Sollte dies gelingen, so wäre durch die
damit einhergehende erhöhte Belastbarkeit dieser Ergebnisse ein weiterer Schritt zur
Absicherung der arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse zu langen Arbeitszeiten
getan.
Anhand der verschiedenen Datensätze soll weiterhin geprüft werden, ob die
theoretisch angenommenen Zusammenhänge des Belastungs-Beanspruchungs-
modells, d. h. die multiplikative Wirkung von Belastungsintensität und -dauer auf die
Höhe der Beanspruchungsfolgen, anhand subjektiver Daten bestätigt werden
können.
Die zu untersuchenden Fragestellungen lauten daher:
Teil I: Dauer der Arbeitszeit und gesundheitliche sowie soziale Beeinträch-
tigungen
1. Lassen sich die Ergebnisse von RÄDIKER (2005) und RÜTERS (2008)
anhand weiterer Datensätze reproduzieren und im Rahmen einer Kreuz-
validierung gegenseitig absichern?
a. Gibt es in unterschiedlichen Stichproben strukturell gleichartige Zusam-
menhänge zwischen der Dauer der tatsächlichen wöchentlichen
Arbeitszeit und berichteten gesundheitlichen Beschwerden?
b. Gibt es gleiche oder strukturell ähnliche Zusammenhänge in unter-
schiedlichen Substichproben, aufgegliedert nach Arbeitszeit- und
Belastungskonstellationen, sozialen sowie Personenmerkmalen?
c. Sind die Ergebnisse zeitstabil (Stabilitätsschätzung)? Das heißt lassen
sich ähnliche Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen der wöchent-
lichen Arbeitszeit und der Gesundheit zu zwei Messzeitpunkten nach-
weisen?
d. Unterscheiden sich die Zusammenhänge zwischen der Arbeitsdauer
und gesundheitlichen Beeinträchtigungen strukturell zwischen bestimm-
ten Berufsgruppen?
2. Lassen sich in verschiedenen Stichproben strukturell ähnliche Zusammen-
hänge zwischen der Arbeitsdauer und Beeinträchtigungen der sozialen Teil-
habe nachweisen?
a. Werden diese Zusammenhänge durch Moderatoreffekte (personen-
und arbeitszeitbezogene Merkmale) beeinflusst und wirken die
Moderatoreffekte in den untersuchten Stichproben in vergleichbarer
Weise?
36
b. Es ist möglich, dass die Beschäftigten bezüglich ihrer konkret
ausgeübten Aktivitäten unterschiedliche Einschränkungsmuster bei
langen Arbeitszeiten aufweisen, die sich im Mittel ausgleichen. Somit
kann möglicherweise keine Beeinträchtigung außerberuflicher Aktivi-
täten mit zunehmender Arbeitszeit ermittelt werden. Ist es daher
möglich, einen Indikator für die Beeinträchtigung der sozialen Teilhabe
zu entwickeln, der unabhängig von einer möglichen Kompensation
einzelner Aktivitäten ist? Lassen sich in verschiedenen Stichproben
gleichartige Zusammenhänge dieses Indikators mit der Dauer der
Arbeitszeit zeigen?
Teil II: Einfluss der Interaktion von Belastungsintensität und -dauer auf das
Ausmaß gesundheitlicher Beeinträchtigungen
Die Basisannahme des Belastungs-Beanspruchungsmodells ist, dass die Belastung
eine Funktion der Intensität und der Dauer der Einwirkung ist, wobei diese beiden
Merkmale multiplikativ miteinander verknüpft sind. Negative Beanspruchungsfolgen,
wie gesundheitliche Beeinträchtigungen, sollten demnach ebenfalls von der Intensität
der (physischen und psychischen) Belastung sowie deren zeitlichem Umfang
(Arbeitsdauer) abhängen. Postuliert wird dabei eine interaktive Wirkung der Intensität
mit der Dauer auf die Höhe der Beanspruchung (vgl. Abb. 1.9). Da sich die Bean-
spruchungsfolgen, wie etwa gesundheitliche Beeinträchtigungen, aus der Bean-
spruchung ergeben, sollten mit zunehmender Dauer die Effekte der Intensität auf die
Beeinträchtigungen stärker werden.
Abb. 1.9 Modelldarstellung der Zusammenhänge zwischen Belastungsintensität (I),
-dauer (T) und der mittleren Beanspruchung (B`) nach SCHMIDTKE &
BUBB (1993)
37
Aus diesen Modellannahmen ergeben sich folgende Einzelfragen:
1. Welche Belastungsbedingungen ohne Einbezug der Arbeitsdauer sind mit
hohen Beschwerden verbunden?
2. Lassen sich die im Belastungs-Beanspruchungs-Modell angenommenen inter-
aktiven Effekte der Intensität und Dauer der Belastung auf die Bean-
spruchungsfolgen (d. h. die gesundheitlichen Beeinträchtigungen) nach-
weisen?
3. Wie sehr können förderliche Bedingungen, wie etwa Autonomie oder ein
positives soziales Arbeitsumfeld, die Zusammenhänge zwischen der Belas-
tungsintensität, der Arbeitsdauer und gesundheitlichen Beschwerden abmil-
dern?
38
2 Methode
Die Durchführung von Experimenten zur Gewinnung von Erkenntnissen zu den
Auswirkungen langer Arbeitszeiten auf die Gesundheit und das soziale Wohlbefinden
ist aus diversen Gründen nicht möglich. Insbesondere aus ethischen Gründen
verbietet es sich, die Arbeitszeit der Beschäftigten bei potenziell negativen Aus-
wirkungen systematisch zu verlängern. Es müsste sich dabei sogar um eine lang-
fristige Verlängerung der Arbeitszeiten handeln, da gesundheitliche Beeinträch-
tigungen als Folge langer Arbeitszeiten erst längerfristig auftreten und somit
kurzfristige Beobachtungen nicht sinnvoll sind. Somit erscheint die Verwendung von
subjektiven Daten aus Befragungen als sinnvoll.
Im Gegensatz zu objektiven Daten unterliegen subjektiv erhobene Daten, wie sie in
Interviews oder Fragebögen gewonnen werden, kognitiven Verzerrungen (z. B.
kognitiven Dissonanzen), reaktiven Antworttendenzen oder der Tagesform der
Befragten, die im Nachhinein meist nicht mehr ermittelt werden können. Die Vorteile
der Nutzung subjektiver Daten sind aber einerseits, dass die Befragten ihre eigene
Meinung und Wahrnehmung ausdrücken können. Andererseits lagen bereits
mehrere umfangreiche und repräsentative Datensätze zur Sekundäranalyse vor, die
für die Untersuchung der vorliegenden Fragestellungen geeignet waren, sodass ein
erheblicher Aufwand bei der Datenerhebung vermieden werden konnte. Für die
angestrebte Kreuzvalidierung der Ergebnisse aus mehreren unterschiedlichen
Datensätzen sind repräsentative und umfangreiche Stichproben von Vorteil, da sich
aus ihnen einerseits generalisierbare Ergebnisse gewinnen lassen, und andererseits
aufgrund des großen Stichprobenumfangs auch spezifische Untergruppen der
Analyse zugänglich sind.
Für die vorliegenden Fragestellungen wurden geeignete Daten in Form von vier
Befragungsstudien zur Sekundäranalyse zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es
sich um die 3. Europäische Umfrage zu den Arbeitsbedingungen aus dem Jahr 2000
(MERLLIÉ & PAOLI, 2002), im Folgenden als EU 2000 bezeichnet sowie um die
4. Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen von 2005 (PARENT-
THIRION et al., 2008), im Folgenden EU 2005 genannt. Darüber hinaus wurden die
deutschen Befragungen „Was ist Gute Arbeit? Anforderungen aus Sicht von
Erwerbstätigen“ aus dem Jahr 2004 (FUCHS, 2006), welche im Folgenden mit GA
2004 abgekürzt wird, und die BIBB/BAuA Erwerbstätigenbefragung 2006 (vgl. BAUA,
2006), im Folgenden BB 2006, für die Sekundäranalyse herangezogen.
Es konnten somit zwei deutsche und zwei europäische Befragungen miteinander
verglichen werden. Besonders der Vergleich von EU 2000 und EU 2005 erschien
interessant, da es sich hierbei um zwei Untersuchungen aus einer regelmäßigen
europäischen Befragungsreihe handelt, die alle fünf Jahre durchgeführt wird. Damit
bestand die Möglichkeit, die Arbeits(zeit)bedingungen und Prävalenzen gesund-
heitlicher Beschwerden zu zwei Messzeitpunkten zu vergleichen. Dabei handelt es
sich nicht um eine Längsschnittuntersuchung, sodass ausschließlich Querschnitts-
vergleiche zu beiden Zeitpunkten vorgenommen wurden.
Die europäischen Umfragen beinhalten jeweils eine deutsche Stichprobe von etwa
1000 Befragten. Aufgrund ihrer für die vorliegenden Fragestellungen relativ geringen
39
Größe und weiterer methodischer Probleme (siehe Kapitel 3) wurden diese
deutschen Stichproben jedoch nur in einen Teil der Untersuchungen einbezogen. Die
Empfehlung der Autoren der Befragung EU 2005 (PARENT-THIRION et al., 2008)
geht ebenfalls in die Richtung, dass die Daten aus den einzelnen Ländern nicht dazu
verwendet werden sollten, eingehende Analysen der Arbeitsbedingungen
durchzuführen, sondern zum Vergleich innerhalb Europas und in Form aggregierter
Informationen genutzt werden sollten.
RÄDIKER (2005) und RÜTERS (2008) nutzten bereits Daten aus EU 2000 und
GA 2004 zur Untersuchung der Auswirkungen langer Arbeitszeiten auf die
Gesundheit. Aufbauend auf diesen Untersuchungen wurden in allen vier
Datensätzen nur die abhängig beschäftigten Personen belassen und alle
Selbstständigen, ehrenamtlich Tätigen, mithelfende Familienangehörige, usw.
entfernt, da diese dem gesetzlichen Arbeitsschutz nicht in vollem Umfang
unterliegen. Weiterhin wurden Missing Values und verweigerte Antworten als
fehlende Werte codiert, um diese aus den Berechnungen ausschließen zu können.
Variablen mit einer gestuften Antwortskala wurden zur besseren Darstellbarkeit
einheitlich umcodiert, sodass ein hoher Wert „viel“ oder „immer“ bedeutete, ein
niedriger Wert „wenig“ oder „selten/nie“. Die Operationalisierung der untersuchten
Konstrukte sowie die Berechnung neuer Variablen werden im Abschnitt 2.2
beschrieben.
2.1 Beschreibung der verwendeten Daten
2.1.1 EU 2000
Die 3. Europäische Umfrage über die Arbeitsbedingungen wurde im März und April
des Jahres 2000 von INRA-Europe in den damaligen 15 EU-Mitgliedsländern durch-
geführt. Zugrunde lag eine nach eigenen Angaben repräsentative Stichprobe der
gesamten erwerbstätigen Bevölkerung (abhängig und selbstständig Beschäftigte) ab
einem Alter von 15 Jahren. Zur Selektion der Stichprobe wurde das Random-Walk-
Verfahren angewendet, das aus folgenden Schritten bestand:
- Schichtung der Stichprobeneinheiten nach Region und Urbanisierungsgrad,
aufbauend auf einer Systematik der Gebietseinheiten von Eurostat (NUTS-
Ebene II),
- Festlegung der Ausgangsadressen für die Interviewer in den auf diese Weise
eingeteilten Gebieten,
- Random-Walk-Verfahren vom Ausgangspunkt aus (z. B. jedes dritte Gebäude
auf der linken Straßenseite, davon jedes dritte Stockwerk, den dritten Haus-
halt von links auf der Etage usw.),
- bei mehreren Personen im Haushalt wird diejenige befragt, deren Geburtstag
am nächsten am Interviewdatum liegt (First birthday method).
Es wurden persönliche Interviews mit 21 703 Erwerbstätigen durchgeführt, wobei
etwa 1500 Interviews pro Land stattfanden. Inhalt der Interviews waren u. a. Infor-
mationen über die Arbeitsbedingungen, die Arbeitszeitsysteme, mögliche gesund-
heitliche Auswirkungen der Arbeit, der Umfang sozialer Aktivitäten, die wahr-
genommene Vereinbarkeit zwischen Beruf und privaten Interessen und persönliche
40
Rahmenbedingungen. In der hier verwendeten Stichprobe der abhängig Beschäf-
tigten in den 15 EU-Mitgliedsländern verblieben nach Entfernen der Selbstständigen,
der freien Mitarbeiter usw. n = 17 910 Befragte, von denen 52,7 % männlich und 47,3
% weiblich waren. Das Alter lag zwischen 15 und 98 Jahren und betrug im Mittel
37,92 Jahre. Die angegebene (tatsächliche) durchschnittliche wöchentliche Arbeits-
zeit betrug im Mittel 36,53 Stunden pro Woche, bei einem Minimum von 1 und einem
Maximum von 110 Stunden. Über die vereinbarte Arbeitszeit wurden keine
Informationen erhoben. Weitere deskriptive Ergebnisse dieser und der anderen
verwendeten Stichproben sind im Kapitel 3 aufgeführt.
2.1.2 EU 2005
Die 4. Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen wurde mit Hilfe
persönlicher Interviews im Zeitraum zwischen September und November 2005
durchgeführt. Die Stichprobe wurde ebenfalls nach dem Random-Walk-Verfahren
ausgewählt. Ausnahmen bildeten die Länder Belgien, Schweden, Niederlande und
die Schweiz, in denen aufgrund früherer Erfahrungen mit einer schlechten Antwort-
Rate beim Random-Walk-Verfahren ein Telefon-Screening zur Stichprobenselektion
durchgeführt wurde. Die abgefragten Themen blieben weitgehend gleich, abgesehen
von kleinen Änderungen einzelner Frageformulierungen, die im Folgenden, sofern
relevant, an den entsprechenden Stellen beschrieben werden. Die Stichprobe der 15
ursprünglichen EU-Mitgliedsländer wurde ergänzt um die 10 neuen Mitgliedsstaaten
seit 2004, die Beitrittsländer aus 2007 (Rumänien und Bulgarien), die beiden
Kandidatenländer Türkei und Kroatien sowie Norwegen und die Schweiz. Somit
bestand die gesamte Stichprobe aus knapp 30 000 Beschäftigten aus 31 Ländern.
Da in der vorliegenden Untersuchung nur abhängig Beschäftigte verwendet werden
sollten, verblieben n = 24 427 Personen in der Stichprobe, von denen 47,2 %
männlich und 52,8 % weiblich waren. Das Alter der Befragten betrug im Mittel 40,37
Jahre und die angegebene durchschnittliche Wochenarbeitszeit in den 31 Ländern
lag bei 38,14 Stunden.
Zum Vergleich mit der 3. Europäischen Befragung, in welcher nur die damaligen 15
EU-Mitgliedsländer untersucht worden waren, wurde auch hier nur die Stichprobe der
15 „alten“ EU-Länder (EU 15) einbezogen. In dieser Teilstichprobe befanden sich
n = 12 288 Personen. Das Alter betrug zwischen 15 und 99 Jahren bei einem
Mittelwert von 40,25 Jahren. Die Stichprobe setzte sich zu 47,9 % aus männlichen
und zu 52,1 % aus weiblichen Personen zusammen. Die mittlere Wochenarbeitszeit
betrug mit 36 Stunden etwas weniger als in der Umfrage aus dem Jahr 2000, wobei
jedoch von unterschiedlichen Trends in den einzelnen Mitgliedsländern auszugehen
ist. Die Spannweite reichte dabei von 1 Stunde bis 105 Wochenstunden.
2.1.3 Was ist Gute Arbeit? 2004
Im Rahmen eines INQA-Projektes wurde die Erhebung „Was ist Gute Arbeit?
Anforderungen aus Sicht von Erwerbstätigen“ durchgeführt, um ein Leitbild „guter“ im
Sinne von wünschenswerter Arbeit zu ermitteln. Es handelte sich hierbei um eine
schriftliche Befragung einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe von 5388
Beschäftigten. Die Befragten sollten angeben, unter welchen Arbeitsbedingungen sie
derzeit arbeiten und welche Bedingungen sie sich wünschen würden, um
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anschließend einen Abgleich von Soll und Ist vornehmen zu können. Die abgefragten
Arbeitsbedingungen stammten u. a. aus den Bereichen der Arbeitsgestaltung,
Arbeitszeit, Zufriedenheit und sozialen Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz.
Für die Befragung wurde das Access-Panel von TNS Infratest TPI genutzt. Dieses
besteht aus einer repräsentativen Stichprobe grundsätzlich befragungsbereiter
Haushalte. Für die Personen dieser Haushalte liegt eine Reihe von Merkmalen vor,
z. B. Erwerbsstatus, Stellung im Beruf, Alter, Geschlecht oder Bildung. Einmal
jährlich im Herbst werden diese Merkmale im Rahmen einer schriftlichen Befragung
(BigScreen) bei einem Teil der Haushalte des Access-Panels aktualisiert. Im
Rahmen dieser Befragung besteht auch die Möglichkeit, spezielle Fragen zur
Identifikation von besonderen Personengruppen (Screening-Fragen) einzuschalten.
Mit dem BigScreen im August bis Oktober 2004 wurde für ca. 72 000 Personen
erhoben, ob sie derzeit erwerbstätig sind, und ob sie zu einer der besonders für die
INIFES-Umfrage „Gute Arbeit“ interessanten Beschäftigtengruppen gehören
(Selbstständige, Leiharbeitnehmer, Heimarbeiter, befristet und geringfügig
Beschäftigte). Die Grundgesamtheit der Erhebung „Was ist gute Arbeit?“ umfasste
alle Erwerbstätigen (abhängig Beschäftigte und Selbstständige) ab einem Alter von
15 Jahren. Für die Befragung wurde aus dem Access-Panel eine Bruttostichprobe
von insgesamt 7444 Fällen gezogen. Ein ausführlicher Bericht über die Unter-
suchung „Was ist Gute Arbeit?“ wurde von FUCHS (2006) vorgelegt.
An dieser Stelle ist kritisch anzumerken, dass die Autoren der Befragung GA 2004
die Stichprobe zwar als repräsentativ beurteilen, dass aber möglicherweise
grundsätzlich „befragungsbereite“ Haushalte nicht uneingeschränkt repräsentativ (für
die gesamte Erwerbsbevölkerung oder für die die Bevölkerung der Bundesrepublik
Deutschland) sein können. Zudem wurden die beschriebenen, als „besonders
interessierend“ geltenden Beschäftigtengruppen möglicherweise überrepräsentiert.
In die vorliegende Untersuchung wurden n = 3996 abhängig Beschäftigte einbe-
zogen, von denen 51 % männlich und 49 % weiblich waren. Die Befragten waren im
Mittel 41,3 Jahre alt und arbeiteten nach eigenen Angaben zwischen 4 und 99
Stunden pro Woche, durchschnittlich 39,32 Stunden. Das ist die höchste Arbeitszeit
der vier untersuchten Stichproben. Die hier ebenfalls erhobene durchschnittliche
vereinbarte Arbeitszeit war mit 34,77 Stunden pro Woche deutlich niedriger.
2.1.4 BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2006
Die vierte verwendete Untersuchung war die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung
2006. Hierbei handelte es sich um eine für Deutschland repräsentative telefonische
Umfrage von TNS Infratest Sozialforschung unter 20 000 erwerbstätigen Personen,
welche in Arbeitszeiten von mindestens 10 Stunden pro Woche arbeiteten und älter
als 15 Jahre waren. Die zugrunde liegende Stichprobe basierte auf dem Infratest-
Telefon-Master-Sample, welches für bevölkerungsrepräsentative Studien aufgebaut
war. Die telefonischen Befragungen fanden zwischen Oktober 2005 und März 2006
statt. Aufgrund der Unterrepräsentation gewerblicher Arbeitnehmer in telefon-
basierten Befragungen wurde die Auswahl der Stichprobe dahingehend gesteuert,
dass das Verhältnis von gewerblichen zu nicht-gewerblichen Arbeitnehmern im
Hinblick auf die Repräsentativität verbessert wurde. Das Interview dauerte etwa 40
Minuten. Es handelt sich bei der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung um die fünfte
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Erhebung einer wiederholten Befragungswelle, die bereits im Jahr 1978 unter
Federführung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für
Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) begann und seit 1998/1999 gemeinsam mit
der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) durchgeführt wird.
Ziel der BB 2006 war es, die Arbeitswelt zu beschreiben. Dabei wurden
Arbeitszeitmerkmale (z. B. Dauer, Lage, Flexibilität, Schichtarbeit etc.) und die
Wahrnehmung der Arbeitsbedingungen mit dem Schwerpunkt auf belastungs- und
beanspruchungsorientierten Fragestellungen erfragt sowie die Zufriedenheit mit
verschiedenen Aspekten der Arbeit, gesundheitliche Beschwerden und allgemeine
Informationen über die Befragten erhoben.
Nach Entfernen aller Personen, die nicht abhängig erwerbstätig waren, verblieben
n = 17 767 Befragte in der Stichprobe, von denen 55,2 % männlich und 44,8 %
weiblich waren. Das Alter lag zwischen 15 und 80 Jahren, der Mittelwert betrug 41,15
Jahre. Die Befragten arbeiteten nach eigenen Angaben zwischen 10 und 120
Stunden, im Mittel 38,38 Std. pro Woche. Die vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit
lag, ähnlich wie bei der GA 2004, mit durchschnittlich 34,36 Std. deutlich unter der
angegebenen tatsächlichen Arbeitsdauer.
Die hier beschriebenen deskriptiven Daten weichen in einigen Punkten zwischen den
Stichproben ab. So sind in EU 2005 die weiblichen Befragten im Verhältnis zu den
anderen Stichproben überrepräsentiert. Weiterhin bestehen z. T. gravierende Unter-
schiede im mittleren Alter sowie der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit, die
im Kapitel 3 detaillierter aufgeschlüsselt werden. Allgemein kann angemerkt werden,
dass die Daten auch Defizite hinsichtlich ihrer Plausibilität aufweisen. Es ist sehr
fraglich, ob 98-jährige Personen noch abhängig beschäftigt sein können (wie in EU
2005 angegeben), und ob durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeiten von 120
Stunden (siehe BB 2006) bei abhängig Erwerbstätigen wirklich vorkommen. In GA
2004 wurde sogar ein maximales Alter von 113 Jahren angegeben, sodass der
Verdacht besteht, dass es bei der Erhebung oder Eingabe der Daten zu Unregel-
mäßigkeiten gekommen ist. Derartige Einzelfälle wurden nach einer Plausibilitäts-
prüfung aus den Untersuchungen ausgeschlossen, bzw. gehörten im Fall der
Befragung EU 2005 nicht zu den Ländern der EU 15 und gingen somit nicht in die
Auswertung ein.
2.2 Operationalisierung der zu untersuchenden Konstrukte
2.2.1 Unabhängige und abhängige Variablen
Zur Untersuchung der Auswirkungen der Arbeitsdauer auf die Gesundheit und das
soziale Wohlbefinden der Beschäftigten wurde die berichtete tatsächliche durch-
schnittliche wöchentliche Arbeitszeit (in Stunden) in der angegebenen Haupttätigkeit
als unabhängige Variable verwendet. Diese Variable lag in kontinuierlicher Form vor
und wurde für die weiteren Analysen gruppiert, sodass insgesamt zwölf Gruppen der
wöchentlichen Arbeitszeit mit einer Auflösung von 5 Stunden entstanden, die von
<15 bis 65 Stunden pro Woche reichten. Aufgrund der geringen Zellenbesetzung
wurden bei über 65 Stunden pro Woche keine weiteren Gruppen gebildet. Die
Auflösung von 5 Stunden wurde gewählt, da bei einer gröberen Auflösung keine
ausreichende Differenzierbarkeit und bei einer feineren Auflösung keine hinreichende
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Zellenbesetzung mehr gegeben war. Es kann an dieser Stelle nicht festgestellt
werden, wie repräsentativ die angegebene Wochenarbeitszeit für die tatsächlich
geleistete Arbeitszeit der Beschäftigten ist. Zum einen wurde kein präziser Bezugs-
zeitraum angegeben, für den die Beschäftigten eine mittlere Wochenarbeitszeit
nennen sollten, zum anderen ist es fraglich, wie gut das Erinnerungsvermögen der
Befragten diesbezüglich sein kann. Weiterhin können saisonale Schwankungen
auftreten, die sich je nach Befragungszeitpunkt auf die durchschnittlichen Angaben
auswirken können. Da aber keine Punktschätzungen vorgenommen werden sollen
(s. o.), schränkt die unpräzise Erfassung der wöchentlichen Arbeitszeit die folgenden
Berechnungen nicht ein.
In EU 2000 und 2005 wurde weiterhin die Anzahl der Tage pro Monat, an denen
mehr als 10 Stunden gearbeitet wird, erhoben. In den Befragungen GA 2004 und BB
2006 wurde dies nicht abgefragt, jedoch wurde hier die Frage nach der Anzahl der
Überstunden pro Woche (GA 2004) bzw. pro Monat (BB 2006) gestellt. Die
durchschnittliche wöchentliche Arbeitsdauer beinhaltet bereits diese Angaben, daher
wurden sie nur für die deskriptive Darstellung verwendet und nicht zu weiteren
Analysen herangezogen.
Als abhängige Variablen wurden zum einen die berichteten gesundheitlichen
Beeinträchtigungen verwendet. Die Frageform unterschied sich dabei zwischen den
vier Befragungen: In EU 2000 und 2005 wurde eine Filterfrage „Does your work
affect your health, or not?“ gestellt, und nur Personen, die „Ja” antworteten, sollten
anschließend anhand einer Liste beschreiben, welche Beschwerden sie aufgrund
ihrer Arbeit haben. Bei der Auswertung fiel auf, dass in EU 2000 noch eine recht
große Anzahl unstimmiger Antworten eingegeben war (insofern, dass die Befragten
die Filterfrage mit „Nein“ beantwortet hatten, und anschließend trotzdem die
Beschwerden abgefragt wurden). Dies war in der EU 2005 Umfrage deutlich
verbessert worden, sodass es hier keine unstimmigen Muster mehr gab und dadurch
eine vergleichsweise geringere Beschwerdehäufigkeit zustande kam. In der GA 2004
wurde nach Beschwerden gefragt, die an Arbeitstagen auftreten (mit einer Liste zum
Ankreuzen), und in der BB 2006 fragte man nach Beschwerden, die während oder
unmittelbar nach der Arbeit auftreten (ebenfalls nach einer vorgegebenen Liste). In
allen Befragungen wurde nur das Auftreten der Beschwerden ermittelt und nicht nach
der Intensität oder Häufigkeit der Beeinträchtigungen gefragt. Die Operatio-
nalisierung der gesundheitlichen Beeinträch-tigungen ist durch die unterschiedlichen
Fragestellungen nur in den europäischen Stichproben direkt vergleichbar.
RÄDIKER et al. (2006) und RÜTERS et al. (2008) nutzten Faktorenanalysen, um die
gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu den dahinter liegenden latenten Konstrukten
zusammenzufassen und standardisiert untersuchen zu können. Für die folgenden
Analysen und den Vergleich der vier Befragungen wurden mit Hilfe der Haupt-
komponentenanalyse und anschließender Varimax-Rotation in jeder Befragung
jeweils zwei Faktoren gezogen: „Psychovegetative Beschwerden“ (PVB) und
„Muskel-Skelett-Beschwerden“ (MSB), die in den europäischen Stichproben um
einen dritten Faktor „Andere Beschwerden“ ergänzt wurden. Die Zusammensetzung
dieser Faktoren und die Faktorladungen der Items sind im Anhang dargestellt (siehe
Anh. 1, Tab. 1 bis Anh. 1, Tab. 2). Es ist zu erkennen, dass die PVB in den vier
Datensätzen aus nahezu identischen Variablen zusammengesetzt sind, wohingegen
der Faktor MSB eher heterogen besetzt ist. Der dritte Faktor „Andere Beschwerden“
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konnte nur in den europäischen Stichproben gezogen werden, da das Einfügen der
zugehörigen Beschwerdearten in BB 2006 und GA 2004 zu keiner akzeptablen
Faktorlösung führte und dort daher nur die PVB und MSB einbezogen wurden.
Das Ziel der Faktorenbildung war es, unabhängig von der jeweiligen Opera-
tionalisierung in allen Stichproben vergleichbare latente Variablen zu konstruieren,
welche die angenommene Struktur der gesundheitlichen Beeinträchtigungen
abbilden, um diese über die Stichproben hinweg vergleichend untersuchen zu
können. Mit der konservativeren und eigentlich zu bevorzugenden Hauptachsen-
Faktorenanalyse konnte die angestrebte Faktorlösung nicht in allen Stichproben
erzielt werden. Daher wurde die Hauptkomponentenanalyse als weniger konser-
vatives Verfahren verwendet, sodass vergleichbare Faktorlösungen mit den
Beschwerdefaktoren PVB und MSB in allen Datensätzen realisiert werden konnten.
Der Vorteil der Verwendung von Faktorwerten statt der Original-Werte liegt in der
Standardisierung ihrer Lage und Streuung auf einen Mittelwert von 0 und einer
Standardabweichung von 1, wodurch die Werte unabhängig von ihrer absoluten
Lage und mit anderen besser vergleichbar sind. Dies ist insbesondere für die
Untersuchung von strukturellen Zusammenhängen, wie sie hier vorgenommen
werden sollen, von Vorteil, da auch unterschiedliche Grundgesamtheiten (z. B. ein
absolut gesehen hohes Beschwerdeniveau mit einem vergleichbar niedrigen)
verglichen werden können. Der Nachteil der Faktorwerte ist, dass sie auf Basis der
Verteilung in der Stichprobe gezogen werden und somit von dieser abhängig sind.
Die Varianzaufklärung der Faktorlösungen lag bei 38,14 % in BB 2006, 34,38 % in
GA 2004, 50,53 % in EU 2005 und 45,57 % in EU 2000 und betrug damit in den
deutschen Umfragen etwa ein Drittel, in den europäischen Daten hingegen etwa die
Hälfte der aufzuklärenden Varianz. Diese Unterschiede sind vermutlich durch den
dritten Faktor „Andere Beschwerden“ in den europäischen Daten begründet.
Als weiterer Indikator für den gesundheitlichen Zustand der Befragten wurde die
Variable „Beschwerdefreiheit“ berechnet. Wenn der oder die Befragte keine
Beschwerden angab, dann erhielt er/sie den Wert 0, bei Angabe mindestens einer
Beschwerde erhielt er/sie den Wert 1. Durch die Berechnung von Gruppen-
mittelwerten lässt sich auf diese Weise feststellen, wie hoch der Anteil der
Beschwerdefreien unter den Befragten in verschiedenen Gruppen ist, und ob sich die
Beschwerdefreiheit in bestimmten Arbeits(zeit)konstellationen verringert oder erhöht.
Dieser Indikator wurde berechnet, um von den Beschwerdearten und möglichen
inhaltlichen Problemen der Faktorstrukturen losgelöst arbeiten zu können. Denn
hohe Faktorwerte kommen durch das gleichzeitige Vorliegen mehrerer
Beschwerden, die durch die Faktorladungen unterschiedlich gewichtet sind,
zustande. Es handelt sich also hierbei um eine UND-Verknüpfung der einzelnen
Beeinträchtigungen. Dagegen kann mit dem Indikator der Beschwerdefreiheit eine
ODER-Verknüpfung vorgenommen werden, soda