Project

Imagination und Bildlichkeit der Ökonomie

Goal: Ansätze zu einer neuen imaginativen Ökonomie.

Ausgangsfrage:
Die Wissenschaft bedient sich zur Erklärung der Wirklichkeit Theorien. Ab der frühen Neuzeit lassen sich Tendenzen beobachten, diese Theorien immer abstrakter zu denken. Die gegenwärtigen Standardmodelle in der Ökonomie sind beispielsweise bewusst jenseits jeder konkreten Anschaulichkeit verfasst und von ihr emanzipiert. Angesichts der Tatsache, dass theoria im griechischen Ursprung „Schau“ bedeutet, drängt sich die Frage auf, welche Rolle Bildlichkeit für Theorie spielt. Gerade angesichts der Problematik der Erklärungskraft und Prognostik abstrakter Wissenschaftlichkeit gegenüber der Lebenswirklichkeit – wofür die Ökonomie in den letzten Jahren beispielhaft steht – ist es notwendig, den wissenschaftshistorischen Prozess, der zu einem solchen Bildverlust führte, kritisch zu reflektieren. Im Wechselgespräch von Philosophie und Ökonomie sollen in dem geplanten Projekt die Grundlagen für die Beschreibung dieses Prozesses gelegt werden.

Dieses breite Thema wird seit 2006 an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung betrieben. Schritte waren bisher (bis Ende 2020) zum einen viele Aufsätze, zum anderen explizit folgende Aktivitäten:

(1) der Sonderband: Bildlichkeit und Verlust von Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie in der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie (2016) mit 4 Aufsätzen,
(2) das Forschungskolloquium: „Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie“ an der Cusanus Hochschule (1.-3.9.2016) mit 8 Vorträgen,
(3) der Sammelband Walter Ötsch / Silja Graupe (Hg): Macht der Bilder, Macht der Sprache, Band 37 der Schriftenreihe der Freien Akademie (April 2018) mit 8 Paper,
(4) ein Workshop Imagining the (new) economy. Bildlichkeit in der Ökonomie am Beispiel der Schul- und Lehrbücher, 7.+8.12.2019, Bonn, mit 5 Vorträgen,
(5) der Sammelband Walter Ötsch, Silja Graupe (Hg.): Imagination und Bildlichkeit der Wirtschaft. Zur Geschichte und Aktualität imaginativer Fähigkeiten in der Ökonomie, Springer VS Wiesbaden, mit 10 Beiträgen .

Bezüge und Papers zum Thema finden sich auch in folgenden Büchern und Sammelbänden:
(6) der Sammelband Karl-Heinz Brodbeck und Silja Graupe: Geld! Welches Geld? Geld als Denkform, Metropolis Marburg 2016
(7) das Buch Walter Otto Ötsch, Stephan Pühringer und Katrin Hirte: Netzwerke des Marktes. Ordoliberalismus als Politische Ökonomie, Springer VS, November 2017
(8) Walter Otto Ötsch und Nina Horacezek: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung, Westend-Verlag  Frankfurt, August 2017.
(9) Walter Otto Ötsch und Silja Graupe: Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird, Westend Frankfurt, August 2018.
(10) Walter Otto Ötsch: Mythos Markt. Mythos Neoklassik.  Das Elend des Marktfundamentalismus. Metropolis Marburg.
(11) Silja Graupe, Walter Otto Ötsch und Florian Rommel: Spiel-Räume des Denkens. Festschrift zur Ehren von Karl-Heinz Brodbeck, März 2019, Metropolis Marburg.
(12) Lars Hochmann, Silja Graupe, Thomas Korbun, Stephan Panther und Uwe Schneidewind: Möglichkeitswissenschaften. Ökonomie mit Möglichkeitssinn. Marburg: Metropolis 2019,
(13) Lukas Bäuerle, Stephan Pühringer, Walter Otto Ötsch: Wirtschaft(lich) studieren. Erfahrungswelten von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften, Juli 2020, Springer VS Wiesbaden 2020
(14) Stephan Pühringer, Silja Graupe, Katrin Hirte, Jakob Kapeller, Stephan Panther (Hg.): Jenseits der Konventionen: Alternatives Denken zu Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Eine Festschrift für Walter O. Ötsch, Metropolis Marburg. 2020
(15) Annette Hilt, Hrsg. mit R. Torkler u. A. Waczek: Erzählend philosophieren – ein Lehr- und Lesebuch. Freiburg/München: Verlag Karl Alber 2020
(16) Walter Otto Ötsch und Theresa Steffestun: Wissen und Nichtwissen der ökonomisierten Gesellschaft. Aufgaben einer neuen Politischen Ökonomie, Metropolis Marburg (2021)

Genauere Darstellung

Zur Erklärung von Wahrnehmen und Erkennen haben simulativ-imaginative Bilder in der Geschichte der Philosophie im Übergang von der Renaissance in die Neuzeit einen bemerkenswerten Wandel erfahren. In der etablierten Aristotelischen Unterscheidung von sinnlicher Wahrnehmung (aisthesis), Vorstellungskraft (phantasia) und Denkvermögen (noesis) stellt die Imagination das Urmedium dar: sie transkribiert das durch die Sinne Erfahrene in das Medium von Vorstellungsbildern (phantasma), die dann der Seele zur Kenntnis gebracht werden. Wahrnehmen ist ohne Imagination nicht möglich, ohne Phantasmen kann die Seele nichts erkennen. Dieser Rahmen wird noch von vielen Theoretikern der Renaissance als konstitutiv gedacht. So stellt z.B. für Ficino eine Erkenntnis sine conversione ad phantasmata eine Unmöglichkeit dar (De amore VI, 6). Für Cusanus nehmen die imaginationes im Sinne von phantasmata gleichfalls eine Schlüsselposition ein. Sein gesamtes sogenanntes aenigmatisches Denken ruht darauf. Dabei akzentuiert er das Zusammenspiel von Intellekt und imaginatio, welches in der Lage ist, kreative und produktive Bilder zu schaffen. Gianfrancesco Pico della Mirandola liefert mit De imaginatione denjenigen Traktat, welcher die zentrale Rolle der Imagination für die Renaissance von den damals bekannten Theorien her reflektiert.
In der Neuzeit hingegen mutiert Sehen zum „bloßen“ Sehen, welches die äußeren Gegenstände lediglich abbildet. Ein innerer simulativer Prozess wird nicht mehr benötigt: die „Bildlichkeit“ des Menschen (sein Bildvermögen als notwendige Bedingung für Wahrnehmung) schwindet. Simulative Bilder werden einer Scheinwelt des Imaginären zugeordnet, welches Wahrnehmen ohne „Sinnestäuschung“ und klares Denken stört. Für Descartes wird der Blinde zum Prototyp der Optik. Seine Konzeption des Sehens ist bewusst am Tastvorgang orientiert. Ein aktiver schöpferischer Innenvorgang in der Vorstellungsbildung wird auf diese Weise stark reduziert. Locke geht dann von einer tabula rasa des Menschen aus: Ideen kommen assoziationspsychologisch von „außen“ zustande.
Ansätze dieser Art werden beispielsweise im Deutschen Idealismus vehement kritisiert. Hier wird ein intensiver Diskurs um die produktive Einbildungskraft geführt. Prominente Beispiele finden sich in Schillers Ästhetische Briefe oder das Konzept von Goethe einer anschauenden Urteilskraft oder im Konzept einer intellektuellen Anschauung bei Schelling. Für Schiller ist der ästhetische Zustand derjenige, aus dem heraus Bildung von Selbst und Welt geschieht; der Geist empfängt in der Anschauung so, wie das Denken produziert – Begriff und Wahrnehmung treten in ein ästhetisches Spiel. In ähnlicher Weise wird für Goethe die Idee, der Typus, in der Anschauung des reinen Phänomens sichtbar. Schelling denkt im Ausgang von Kants Kritik der Urteilskraft die intellektuelle Anschauung als die zentrale Erkenntnisform des Menschen.
Die Theoriegeschichte der Ökonomik hat (oft zeitversetzt) Entsprechungen zur Theoriegeschichte der Philosophie. Adam Smith, der von vielen als Begründer der Wissenschaft von der Wirtschaft angesehen wird, schreibt in seiner Theory of moral sentiments (1759) dem Menschen die Fähigkeit zur Imagination zu. Mit ihrer Hilfe sei es nach Smith möglich, sich gedanklich in die Vorstellungswelt anderer hineinzuversetzen („to picture out in our imagination”), wodurch sympathy als emotional-kognitiver Nachvollzug möglich wird. Aus diesem (fix gesetzten) Vermögen des Menschen entsteht nach Smith in einem wechselseitigen Lernprozess ein (innerer) spectator und damit Moral. Ein derart imaginativ aufgespannter sozialer Raum konstituiert nach Smith die Gesellschaft, aktuell für ihn auch die commercial society. Smith ist damit ein Theoretiker einer Bildlichkeit, zumindest für soziale Wahrnehmungsprozesse. Für Smith bilden mentale Bilder die Basis für die Entstehung von Normen, Regeln und Institutionen und damit für Gesellschaft selbst. Smiths Wealth of Nations (1776) muss in unserer Leseweise in Akkordanz zu seinem Imaginations- und Bild-Verständnis interpretiert werden. (Smith hat auch in den vielen Ausgaben seiner zwei großen Werke, die er bis zu seinem Tod editiert hat, keinen Widerspruch zwischen diesen gesehen). Aspekte der Bildlichkeit sind damit auch (das ist unserer These) für eine Theorie der Wirtschaft in der Nachfolge ihres Begründers relevant.
Der Aspekt der Bildlichkeit des Menschen findet sich in manchen ökonomischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts, wie in der Romantischen (z.B. Adam Müller) und in der Historischen Schule der Nationalökonomie (z.B. Werner Sombart) oder in „evolutorischen“ Ansätzen, wie bei Thorsten Veblen. Anklänge dazu finden sich auch noch bei John M. Keynes in seinem Erwartungskonzept, das als sozialpsychologische Theorie interpretiert werden kann (ein prominenter Nachfolger war dann George L.S. Shackle). All diese Ansätze sind im heutigen Konzept eines Homo Oeconomicus (das auch in Locke eine Wurzel hat) in Vergessenheit geraten. (Das hängt auch damit zusammen, dass gängige ökonomische Modelle in Analogie zu Modellen der Naturwissenschaften, speziell der Physik, konzipiert werden.) In dieser Weise kann in der zeitgemäßen Ökonomik von einem vollständigen Verlust der Bildlichkeit des Menschen gesprochen werden. In der ökonomischen Standardtheorie (wie sie sich in den Lehrbüchern der neoklassischen Mikroökonomie präsentiert) besitzt der Mensch eine Präferenzordnung, die unabhängig von sozialen Interaktionen vorgegeben ist und in strikt abbildender Beziehung zu einer (deutungsfrei vorgegeben) Umwelt steht. Der Homo der Ökonomik besitzt damit kein simulatives Vermögen, zumindest nicht im direkten Zugang z.B. zu Märkten und ihren Preisen. Die neoklassische Theorie kann dementsprechend auch nicht das Entstehen von genuin Neuem in der Wirtschaft erklären; es gibt in diesem Ansatz nicht einmal ein Konzept des Neuen. Die Ökonomik ist so betrachtet heute die einzige Sozialwissenschaft, in der (von wenigen Ausnahmen abgesehen) kein cultural turn stattgefunden hat.

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Project log

Walter Otto Otsch
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1 - Einleitung 2 - Adam Smith als Bildanthropologe 3 - Imagination bei David Hume 4 - Gesellschaftliche Selbst-Bilder bei Smith 5 - Der Verlust der Bildlichkeit in der ökonomischen Theorie (5.1. Das Grundprinzip, 5.2. Der physikalische Raum der Natur, 5.3. Der Innen-Raum des Menschen, 5.4. Der Raum der Moral, 5.5. Der soziale Raum, 5.6. Der Raum der Gesellschaft) 6 - Ist eine Wirtschaftstheorie ohne Innen-Raum, ohne moralischen Raum, ohne sozialen Raum und ohne gesellschaftlichen Raum möglich?
Walter Otto Otsch
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Die Klimakrise wird nicht mit der gleichen politischen Tatkraft und Dringlichkeit angegangen wie aktuell die Corona-Pandemie. Konservative, sozialdemokratische und liberale Ansätze scheitern nicht nur an einer Lösung der mit dem Klimawandel verbundenen Probleme, sie verschärfen sie sogar weiter. Wir befinden uns in einer Krise der politischen Utopie und Vorstellungskraft. Walter Ötsch und Nina Horaczek beleuchten die Ursachen dieser Krise. Sie betonen die Bedeutung von konkreten Bildern für in-spirierende Zukunftsvisionen und zeigen Auswege aus der Krise der politischen Imagination auf. Erstinformationn hier: http://wir-wollen-unsere-zukunft-zurueck.de/
Silja Graupe
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The present crisis has revealed that around the globe we are often only able to react to crises when it is (almost) too late. This paper addresses and explains the mono-structure of thought that has led to this predicament and delineates a new model of cognition capable of creating a new biodiversity of thought and action, especially in the economic sphere. With this, future crises may not only be overcome but may also contribute be avoided altogether. This paper offers a vision which does not provide ready-made answers but rather aims more fundamentally at opening up a wholly new imaginative scope for the possible.
Silja Graupe
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Today's standard approach to economic education assumes that it can teach students how to view the world in a fixed and unchangeable way. But where does this assumption come from? Walter Lippmann, one of the founding fathers of neoliberalism, offers us an important hint: According to him, economics is capable to implant in people's heads certain pictures about the world which unconsciously guide both our thinking and behavior without being themselves alterable by human creativity. This essay turns to three texts written by Adam Smith, John Stuart Mill und Léon Walras in order to sketch out how economics has changed over the last two centuries in order to serve this purpose. At the same time it argues that this change is neither inevitable nor without alternative. Even in economics we can regain the power of creative thinking.
Are we entirely trapped? Sind wir in der Logik des Geldes gefangen? Mit diesen Fragen brachte Richard Seaford während des Symposiums "Geld als Denkform" im Mai 2015 eine wesentliche Problematik der Gegenwart auf den Punkt. Können wir uns der alles dominierenden Logik des Geldes entziehen? Vermögen wir dem bestimmenden Einfluss, den das Geld in der Gegenwart auf all unser Denken und Handeln ausübt, etwas entgegenzusetzen? Und wenn ja, auf welche Weise? Im Folgenden untersuche ich zunächst, welche Antworten die Wirtschaftswissenschaften auf diese Fragen prinzipiell geben. Dabei wird deutlich werden, dass der Mainstream dieser Wissenschaften lediglich Formen des menschlichen Bewusstseins schult, die das Geld als einen Denkzwang stets voraussetzen und deswegen Menschen nicht zum Entschluss, diesen zu überwinden, befähigen können. Im Gegenteil zementieren sie diesen Zwang wie unsichtbare Mauern eines Gefängnisses immer fester. Darauf aufbauend werde ich nach Erkenntniswegen suchen, um die in den Wirtschaftswissenschaften implizierten Bewusstseinsformen systematisch zu vertiefen und schließlich ihre Grenzen aufzusprengen.
Lukas Bäuerle
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This article juxtaposes two social configurations that share the constitutive aspect of an omnipresent gaze. On the one hand stands an instruction of Nicolaus Cusanus, given in the preface of De visione Dei. On the other hand, the Panopticon of Jeremy Bentham will be introduced and analyzed. Although connected through similar elements and figurations, both sketches lead to radically different forms of sociality. These differences will be uncovered in four analytical steps in order to finally raise the question of the possibility of overcoming panoptic techniques and technologies by means of Cusanic thought and practice.
Der Beitrag erarbeitet mithilfe einer bildungsphilosophischen Grundlagenarbeit drei mögliche Wege, ökonomische Bildung an Hochschulen zu gestalten. Während eine reproduzierende Bildung auf einer weitgehend unbewussten Weitergabe ökonomischer Kategorien beruht, fördert ein dekonstruierender Modus deren kritische Durchdringung. Ein imaginierendes Bildungsgeschehen zielt schließich auf die Entwicklung neuer Interpretationsschemata, die wirtschaftliches Denken und Handeln in ein Resonanzgeschehen mit einer erfahrbaren Lebenswelt bringen. Damit ergeben sich mitunter überraschende Impulse für neue Konventionen ökonomischer Bildung und deren Brechung.
Walter Otto Otsch
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Der Beitrag beschreibt die lange Geschichte der Metapher von der Maschine in der Philosophie (seit der Antike) und in der Ökonomik (seit dem 18. Jahrhundert), letztere reicht von den Physiokraten über Adam Smith, Robert Malthus, David Ricardo, John Stuart Mill, Stanley Jevons und Léon Walras sowie Gérald Debreu bis zu Hayeks Konzept einer erweiterten Ordnung. Dabei wird der Mensch immer mehr auf rein maschinenhafte Aspekte reduziert. Es wird gezeigt, dass in der Neoklassik heute zwei sich widersprechenden Metaphern von der Maschine enthalten sind.
Die Einführung informiert über die Intention des Buches: einen Aspekt des wirtschaftenden Menschen in den Vordergrund zu stellen, der in der zeitgemäßen Ökonomik wenig untersucht wird – nämlich seine Fähigkeit Bilder wahrzunehmen, zu deuten, zu produzieren und zu teilen und darauf seine sozialen Wahrnehmungen und sein soziales Handeln zu begründen. Genau dieser Aspekt ist bei Adam Smith in der Theory of Moral Sentiments zu finden, wurde in der Geschichte der ökonomischen Theorie bald vergessen, in der Neoklassik geleugnet und bleibt im Wissenskonzept von Hayek nur einer selbst ernannten Elite von original thinkers vorbehalten.
Walter Otto Otsch
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Der vorliegende Band stellt ein erstes Grundlagenwerk zur Imaginationsforschung in der Ökonomie dar. Er erforscht die ökonomische Theoriegeschichte (auch mit Bezug auf die Philosophiegeschichte) und fragt, welche Bilder und Selbstbilder über Menschen, über das wirtschaftliche System und über die Zukunft in ökonomischen Theorien enthalten sind. Wie ist die Beschäftigung mit Imaginationen im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften verloren gegangen und wie kann sie wiederbelebt werden? Der Inhalt • Imagination und Bildlichkeit der Wirtschaft – eine Einführung • Zur Theorie und Philosophie des Bildes • Diltheys Traum. Vom Haben einer Weltanschauung • Die Selbstwahrnehmung der Wirtschaft. Zum Wandel herrschender Leitbilder • „Eine Wissenschaft um ihrer selbst willen“. Der motivationale Frame der Ökonomik • Bilder in der Geschichte der Ökonomie. Das Beispiel der Metapher von der Wirtschaft als Maschine • Auswege aus dem Labyrinth der phantasmata. Thomas Hobbes als Begründer des homo oeconomicus? • Erwarten, Vorstellen, Entscheiden. Zeitbilder der futurischen Entscheidung • „The promised land“. Das Bild der Zukunft in Keynes’„Economic Possibilities for our Grandchildren“ • Das massenmediale Bild als konstitutives Moment des Geldes • Bildnerisches Denken‘ als Wissensform der Ökonomie? Überlegungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Kunst Die Herausgebenden Prof. Dr. Walter Otto Ötsch ist Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. Prof. Dr. Silja Graupe ist Professorin für Ökonomie und Philosophie und Leiterin des Instituts für Ökonomie der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung.
Walter Otto Otsch
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Eine Neuübersetzung von Public Opinion aus dem Jahre 1922, ein Klassiker in der Theorie der Propaganda. In einem langen Vorwort (mit Silja Graupe formuliert) geben wir einen Überblick über die Lebensgeschichte von Lippmann, unsere Deutung des Werkes und gehen auf den Zusammenhang mit den Ursprüngen des Neoliberalismus ein: Das Walter Lippmann-Kolloquium von 1938 gilt als die Geburtsstunde des Neoliberalismus als internationaler Bewegung, es ist der Vorläufer der Mont Pèlerin-Gesellschaft, die 1947 von Hayek gegründet wird.
Dieses Buch stellt den Versuch dar, die Geschichte der ökonomischen Theorie in (West-) Deutschland und ihrer Wirkung auf die Gesellschaft neu zu interpretieren. Der Ausgangspunkt war eine neue Datenerhebung, welche im Zuge des Forschungsprojektes „ÖkonomInnen und Ökonomie“ generiert wurde. Sie beinhaltet: eine detaillierte Erfassung jener ca. 800 ÖkonomInnen, die im Zeitraum von 1954 bis 1994 einen Lehrstuhl für VWL an einer deutschen Universität innehatten.
Walter Otto Otsch
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Viele Bereiche der Gesellschaft, die früher eigenen Regeln gefolgt sind, haben sich einer wirtschaftlichen Effizienzlogik unterworfen. Die Ökonomik hat damit den Status einer gesellschaftlichen Leitwissenschaft errungen. Das vorliegende Buch beschreibt und kritisiert die Transformation der Ökonomik in eine Wissenschaft von "dem Markt" (in der Einzahl). Dieses Konzept wird u.a. (a) wie eine Person gedeutet (z.B. in Redewendungen wie "Der Markt bestraft die Politik"), (b) mit "Kräften" ausgestattet ("Wir können den Selbstheilungskräften des Marktes vertrauen") und (c) mechanistisch gedacht (das Reden von den "Marktmechanismen"). Theorien, die einen solchen Marktbegriff verwenden, werden als "marktfundamental" bezeichnet. Das Buch, das auf einer Neuformulierung und kompletten Überarbeitung von "Mythos Markt" aus dem Jahre 2009 basiert, + schildert die Entstehungszeit des Marktfundamentalismus und des darin entfalteten Konzeptes von "dem Markt": Wer dieses Konzept erfunden hat, welches Denkkollektiv damit entstanden ist, welche Aspekte "den Markt" ausmachen und was mit diesem Begriff intendiert war; + kritisiert das wichtigste Modell, in dem dieser Ansatz heute breitenwirksam vermittelt wird: den Angebot-Nachfrage-Ansatz, wie er in den einführenden Lehrbüchern der neoklassischen Mikroökonomie unterrichtet wird; + diskutiert wichtige Folgen aus dem Denken "des Marktes": Welche praktischen Auswirkungen "der Markt" für die Wirtschaftspolitik, für die Politik und die Gesellschaft insgesamt hat und welche Gefahren vom Bild "des Marktes" ausgehen. Es wird dabei auf drei Ebenen argumentiert: + Historisch: Entstehung des Ansatzes, Kontexte und Hintergründe und einige geschichtliche Folgewirkungen. + Theoretisch: Was die Theorien, die das Konzept "des Marktes" verwenden, auszeichnet, insbesondere die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Standardmodell der Neoklassik. + Diskursanalytisch: Wie "der Markt" von Medien und in der Politik verwendet wird und welche Folgen daraus resultieren.
Ergebnisse einer wissenschaftlichen Tagung vom Mai 2017, mit Expertinnen und Experten aus den Bildwissenschaften, der Kunst, der Philosophie und der Ökonomie: Welche Rolle spielen mentale Bilder für Wahrnehmen und Erkennen, für den Zusammenhalt der Gesellschaft, für gesellschaftliche Prozesse? Erscheint unsere menschliche Sprache deutlich mehr als nur durch das gesprochene Wort?
Walter Otto Otsch
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Bisher wurden folgende Aktivitäten gesetzt:
  1. Sonderband: Bildlichkeit und Verlust von Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomiein der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie(veröffentlicht im Sommer 2016)
  2. Forschungskolloquium: „Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie“ an der Cusanus Hochschule (1.-3.9.2016)
  3. Projektantrag: Transformationen der Imagination. Eine kritische Analyse von Bildlichkeit in der neuzeitlichen Geschichte der Philosophie und der Ökonomie bei der Thyssen-Stiftung (15.2.2017)
  4. Tagung: der Freien Akademie Macht der Bilder. Macht der Sprachein der Frankenakademie Schloss Schney bei Lichtenfels (25.-28.5.2017)
  5. Sammelband 1: Walter Ötsch / Silja Graupe (Hg): Macht der Bilder, Macht der Sprache, Band 37 der Schriftenreihe der Freien Akademie (Fertiggestellt im April 2018)
  6. Sammelband 2: Walter Ötsch / Harald Schwaetzer / Silja Graupe (Hg.): Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie, Springer VS Wiesbaden (Im Fertigstellen)
1. Sonderband in der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie In der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie (AZP) wurde das Heft 3/2016 (Jahrgang 41) als Schwerpunktheft zum Thema „Bildlichkeit und Verlust von Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie“ konzipiert. In der Ankündigung hieß es: „Zur Erklärung von Wahrnehmen, Erkennen und Beschreiben ist eine simulativ-imaginative Bildlichkeit von tragender Bedeutung, was mitunter allerdings bestritten wird. Dieses Ringen findet sich nicht nur in der Philosophie, sondern auch im Bereich der Ökonomie, deren Theorien maßgeblich von der Bildlichkeit oder auch deren Verweigerung bestimmt sind. Diese Zusammenhänge werden beispielhaft beleuchtet in Studien zu bedeutenden Intellektuellen in Frühneuzeit und Neuzeit.“Im Sonderband sind folgende Abhandlungen enthalten:
  • Wolfgang Christian Schneider: Auf dem Weg zum inneren Bild. Verstehen und Bildwerdung bei Cusanus und Gianfrancesco Pico mit Blicken auf Jan van Eyck und Hieronymus Bosch
  • Kirstin Zeyer: Operative Bildlichkeit in der cartesischen Philosophie
  • Walter O. Ötsch: Imaginative Grundlagen bei Adam Smith. Aspekte von Bildlichkeit und ihrem Verlust in der Geschichte der Ökonomie
  • Silja Graupe: „Gefangene der Bilder in unseren Köpfen“. Die Macht abstrakten ökonomischen Denkens
2. Forschungskolloquium an der Cusanus Hochschule Am 1.-3.9.2016 wurde von Wolfgang Christian Schneider und Walter O. Ötsch an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues ein Forschungskolloquium zum Thema „Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie“ durchgeführt. Dabei ging es um Hintergründe zu den im Projekt geplanten Themen, vor allem der verschlungenen Geschichte von Bildlichkeit und ihrem sich veränderten Stellenwert in Philosophie und Ökonomik (und ihren wechselseitigen Verbindungen). Beim Forschungskolloquium wurden folgende Vorträge gehalten:
  • Harald Schwaetzer (Institut für Philosophie, Cusanus-Hochschule): Ästhetische Anschauung und produktive Einbildungskraft: Bedingungen einer Wissenschaft der Anschauung
  • Hardy Borgard (Fachbereich Interkulturelle Philologie / Literaturwissenschaft, Institut für Deutsch als Fremdsprache, Ludwig-Maximilians-Universität München): Kulturwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft: ihr komplementäres Verhältnis unter den ideologischen Bedingungen der massendemokratischen Postmoderne
  • Wolfgang Christian Schneider (Institut für Philosophie, Cusanus-Hochschule): Konzepte von Bild, Imagination, Fantasia am Beispiel von Cusanus und Gianfrancesco Pico della Mirandola mit Bezug auf die Malerei
  • Walter Otto Ötsch (Institut für Ökonomie, Cusanus-Hochschule): Geschichte der Bildlichkeit und Verlust von Bildlichkeit in der Ökonomie: von Smith zur Sozialphysik
  • Hans Schelkshorn (Institut für Christliche Philosophie, Universität Wien): Auswege aus dem Labyrinth der phantasmata: Thomas Hobbes und John Locke als Begründer des homo oeconomicus?
  • Karl-Heinz Brodbeck (Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Fakultät Betriebswirtschaft): Alternative Bilder der Wirtschaft: Vergessene ökonomische Ansätze im 19. Jahrhundert seit der Goethezeit
  • Ivo De Gennaro (Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Freie Universität Bozen): Das Bild der Zukunft in Keynes’ ‚Economic Possibilities for our Grandchildren’
  • Silja Graupe (Institut für Ökonomie, Cusanus-Hochschule): Verlust von Bildlichkeit in der Ökonomie: von der Neoklassik zum Neoliberalismus
3. Projektantrag bei der Thyssen-Stiftung Mit 15.2.2017 wurde von Walter Ötsch und Inigo Bocken (beide an der Cusanus-Hochschule) bei der Thyssen-Stiftung ein Projektantrag mit dem Titel Transformationen der Imagination. Eine kritische Analyse von Bildlichkeit in der neuzeitlichen Geschichte der Philosophie und der Ökonomie eingereicht. Der Antrag wurde im Juni 2017 abgelehnt. 4. Tagung der Freien Akademie Vom 25. bis 28. Mai 2017 wurde von der Freien Akademie die Tagung Macht der Bilder, Macht der Sprachean der Frankenakademie Schloss Schney, bei Lichtenfels abgehalten. Die wissenschaftliche Leitung lag bei Walter Ötsch. Dabei wurden folgende Vorträge gehalten:
  • Walter Ötsch (Cusanus Hochschule): Einführung: Die Bedeutung von Bilder für das „Denken“
  • Pia Knoeferle (Institut für Deutsche Sprache und Linguistik, Humboldt Universität Berlin): Sprache und Bilder
  • Kirstin Zeyer (Cusanus Hochschule): Bildlichkeit in der Geschichte der Philosophie
  • Dirk Schindelbeck (Friedrich Schiller Universität Jena): Werbung für die Soziale Marktwirtschaft 1951 - 1965
  • Walter Ötsch (Cusanus Hochschule): Bilder des Rechtspopulismus
  • Silja Graupe (Cusanus Hochschule ): Sprache und Beeinflussung in der ökonomischen Bildung
  • Stephan Pühringer (Johannes Kepler Universität Linz): Bilder der Ökonomen zur Finanzkrise 2008
5. Sammelband 1 Im Anschluss an die Tagung der Freien Akademie wurde in der Schriftenreihe der Freien Akademie (die von Volker Mueller im Angelika Lenz Verlag, Neu-Isenburg herausgegeben wird) von Walter Ötsch und Silja Graupe (als Hg.) der Band 37 Macht der Bilder, Macht der Spracheim April 2018 fertig gestellt.Darin sind folgende Aufsätze enthalten:
  • Walter O. Ötsch und Silja Graupe: Einführung:Die Bedeutung von Bildern für „Denken“ und Sprechen
  • Kirstin Zeyer: Bildlichkeit im Laufe der (europäischen) Philosophiegeschichte
  • Silja Graupe: „Living in mortal terror of a breakdown“. Beeinflussung von Bildern über den Staat in ökonomischen Standardlehrbüchern
  • Stephan Pühringer, Linz / Judith Egger: Krisenbilder von ÖkonomInnen in der Presse
  • Dirk Schindelbeck: Propaganda auf leisen Sohlen – am Beispiel des Begriffs „Soziale Marktwirtschaft“,auch ein sozialpsychologisches Lehrstück
  • Walter O. Ötsch: Bilder des Rechtspopulismus
  • Peter Assmann: Einbildung ist auch Bildung. Bildproduktionen in der Kunstgeschichte
  • Tina Bär: Noam Chomsky: was für Lebewesen sind wir?
6. Sammelband 2 Im Anschluss an das Forschungskolloquium an der Cusanus Hochschule wird im Verlag Springer VS von Walter Ötsch, Harald Schwaetzer und Silja Graupe (als Hg.) ein Sammelband Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie erscheinen. Darin sind folgende Beiträge enthalten:
  • Vorwort der Herausgeber
  • Kirstin Zeyer (Institut für Philosophie, Cusanus Hochschule): Bildlichkeitin der Geschichte der Philosophie
  • Harald Schwaetzer (Institut für Philosophie, Cusanus Hochschule): Ästhetische Anschauung und produktive Einbildungskraft: Bedingungen einer Wissenschaft der Anschauung
  • Hans Schelkshorn (Institut für Christliche Philosophie, Universität Wien): Auswege aus dem Labyrinth der phantasmata. Thomas Hobbes als Begründer des homo oeconomicus?
  • Ralf Lüfter (Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Freie Universität Bozen): Diltheys Traum. Vom Haben einer Weltanschauung
  • Karl-Heinz Brodbeck (Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Fakultät Betriebswirtschaft): Die Selbstwahrnehmung der Wirtschaft. Zum Wandel herrschender Leitbilder
  • Walter Ötsch (Institut für Ökonomie, Cusanus Hochschule): Bilder in der Geschichte der Ökonomie. Das Beispiel der Metapher von der Wirtschaft als Maschine
  • Walter Ötsch (Institut für Ökonomie, Cusanus Hochschule): Der Verlust der Bildlichkeit in der Geschichte der Ökonomie
  • Silja Graupe, Theresa Steffestun (Institut für Ökonomie, Cusanus Hochschule): „The market deals out profits and losses“ – Wie ökonomische Standardlehrbücher das unreflektierte Denken in Metaphern fördern
  • Ivo De Gennaro (Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Freie Universität Bozen):„The promised land. Das Bild der Zukunft in Keynes’„Economic Possibilities for our Grandchildren“
  • Birger Priddat (Institut für institutionellen Wandel, Universität Witten/Herdecke): Erwarten, Vorstellen, Entscheiden. Zeitbilder der futurischen Entscheidung
 
Walter Otto Otsch
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Based on ideas of David Hume, Adam Smith, the founder of modern economics, in his Theory of Moral Sentiments developed the idea of a moral person. Morality in his conception is obtained in a continuous process of imagination about oneself and the others as well. Smith's idea of man has many implications for economic theory. However, in economics it was soon forgotten. Therefore, the history of economic thought beginning with Adam Smith can be understood as the constant loss of imagery and the implications of imaginations for economic activities. At the end, this article provides a short overview of some major implications of this development for economic thought.
Walter Otto Otsch
added a project goal
Ansätze zu einer neuen imaginativen Ökonomie.
Ausgangsfrage:
Die Wissenschaft bedient sich zur Erklärung der Wirklichkeit Theorien. Ab der frühen Neuzeit lassen sich Tendenzen beobachten, diese Theorien immer abstrakter zu denken. Die gegenwärtigen Standardmodelle in der Ökonomie sind beispielsweise bewusst jenseits jeder konkreten Anschaulichkeit verfasst und von ihr emanzipiert. Angesichts der Tatsache, dass theoria im griechischen Ursprung „Schau“ bedeutet, drängt sich die Frage auf, welche Rolle Bildlichkeit für Theorie spielt. Gerade angesichts der Problematik der Erklärungskraft und Prognostik abstrakter Wissenschaftlichkeit gegenüber der Lebenswirklichkeit – wofür die Ökonomie in den letzten Jahren beispielhaft steht – ist es notwendig, den wissenschaftshistorischen Prozess, der zu einem solchen Bildverlust führte, kritisch zu reflektieren. Im Wechselgespräch von Philosophie und Ökonomie sollen in dem geplanten Projekt die Grundlagen für die Beschreibung dieses Prozesses gelegt werden.
Dieses breite Thema wird seit 2006 an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung betrieben. Schritte waren bisher (bis Ende 2020) zum einen viele Aufsätze, zum anderen explizit folgende Aktivitäten:
(1) der Sonderband: Bildlichkeit und Verlust von Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie in der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie (2016) mit 4 Aufsätzen,
(2) das Forschungskolloquium: „Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomie“ an der Cusanus Hochschule (1.-3.9.2016) mit 8 Vorträgen,
(3) der Sammelband Walter Ötsch / Silja Graupe (Hg): Macht der Bilder, Macht der Sprache, Band 37 der Schriftenreihe der Freien Akademie (April 2018) mit 8 Paper,
(4) ein Workshop Imagining the (new) economy. Bildlichkeit in der Ökonomie am Beispiel der Schul- und Lehrbücher, 7.+8.12.2019, Bonn, mit 5 Vorträgen,
(5) der Sammelband Walter Ötsch, Silja Graupe (Hg.): Imagination und Bildlichkeit der Wirtschaft. Zur Geschichte und Aktualität imaginativer Fähigkeiten in der Ökonomie, Springer VS Wiesbaden, mit 10 Beiträgen .
Bezüge und Papers zum Thema finden sich auch in folgenden Büchern und Sammelbänden:
(6) der Sammelband Karl-Heinz Brodbeck und Silja Graupe: Geld! Welches Geld? Geld als Denkform, Metropolis Marburg 2016
(7) das Buch Walter Otto Ötsch, Stephan Pühringer und Katrin Hirte: Netzwerke des Marktes. Ordoliberalismus als Politische Ökonomie, Springer VS, November 2017
(8) Walter Otto Ötsch und Nina Horacezek: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung, Westend-Verlag  Frankfurt, August 2017.
(9) Walter Otto Ötsch und Silja Graupe: Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird, Westend Frankfurt, August 2018.
(10) Walter Otto Ötsch: Mythos Markt. Mythos Neoklassik.  Das Elend des Marktfundamentalismus. Metropolis Marburg.
(11) Silja Graupe, Walter Otto Ötsch und Florian Rommel: Spiel-Räume des Denkens. Festschrift zur Ehren von Karl-Heinz Brodbeck, März 2019, Metropolis Marburg.
(12) Lars Hochmann, Silja Graupe, Thomas Korbun, Stephan Panther und Uwe Schneidewind: Möglichkeitswissenschaften. Ökonomie mit Möglichkeitssinn. Marburg: Metropolis 2019,
(13) Lukas Bäuerle, Stephan Pühringer, Walter Otto Ötsch: Wirtschaft(lich) studieren. Erfahrungswelten von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften, Juli 2020, Springer VS Wiesbaden 2020
(14) Stephan Pühringer, Silja Graupe, Katrin Hirte, Jakob Kapeller, Stephan Panther (Hg.): Jenseits der Konventionen: Alternatives Denken zu Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Eine Festschrift für Walter O. Ötsch, Metropolis Marburg. 2020
(15) Annette Hilt, Hrsg. mit R. Torkler u. A. Waczek: Erzählend philosophieren – ein Lehr- und Lesebuch. Freiburg/München: Verlag Karl Alber 2020
(16) Walter Otto Ötsch und Theresa Steffestun: Wissen und Nichtwissen der ökonomisierten Gesellschaft. Aufgaben einer neuen Politischen Ökonomie, Metropolis Marburg (2021)
Genauere Darstellung
Zur Erklärung von Wahrnehmen und Erkennen haben simulativ-imaginative Bilder in der Geschichte der Philosophie im Übergang von der Renaissance in die Neuzeit einen bemerkenswerten Wandel erfahren. In der etablierten Aristotelischen Unterscheidung von sinnlicher Wahrnehmung (aisthesis), Vorstellungskraft (phantasia) und Denkvermögen (noesis) stellt die Imagination das Urmedium dar: sie transkribiert das durch die Sinne Erfahrene in das Medium von Vorstellungsbildern (phantasma), die dann der Seele zur Kenntnis gebracht werden. Wahrnehmen ist ohne Imagination nicht möglich, ohne Phantasmen kann die Seele nichts erkennen. Dieser Rahmen wird noch von vielen Theoretikern der Renaissance als konstitutiv gedacht. So stellt z.B. für Ficino eine Erkenntnis sine conversione ad phantasmata eine Unmöglichkeit dar (De amore VI, 6). Für Cusanus nehmen die imaginationes im Sinne von phantasmata gleichfalls eine Schlüsselposition ein. Sein gesamtes sogenanntes aenigmatisches Denken ruht darauf. Dabei akzentuiert er das Zusammenspiel von Intellekt und imaginatio, welches in der Lage ist, kreative und produktive Bilder zu schaffen. Gianfrancesco Pico della Mirandola liefert mit De imaginatione denjenigen Traktat, welcher die zentrale Rolle der Imagination für die Renaissance von den damals bekannten Theorien her reflektiert.
In der Neuzeit hingegen mutiert Sehen zum „bloßen“ Sehen, welches die äußeren Gegenstände lediglich abbildet. Ein innerer simulativer Prozess wird nicht mehr benötigt: die „Bildlichkeit“ des Menschen (sein Bildvermögen als notwendige Bedingung für Wahrnehmung) schwindet. Simulative Bilder werden einer Scheinwelt des Imaginären zugeordnet, welches Wahrnehmen ohne „Sinnestäuschung“ und klares Denken stört. Für Descartes wird der Blinde zum Prototyp der Optik. Seine Konzeption des Sehens ist bewusst am Tastvorgang orientiert. Ein aktiver schöpferischer Innenvorgang in der Vorstellungsbildung wird auf diese Weise stark reduziert. Locke geht dann von einer tabula rasa des Menschen aus: Ideen kommen assoziationspsychologisch von „außen“ zustande.
Ansätze dieser Art werden beispielsweise im Deutschen Idealismus vehement kritisiert. Hier wird ein intensiver Diskurs um die produktive Einbildungskraft geführt. Prominente Beispiele finden sich in Schillers Ästhetische Briefe oder das Konzept von Goethe einer anschauenden Urteilskraft oder im Konzept einer intellektuellen Anschauung bei Schelling. Für Schiller ist der ästhetische Zustand derjenige, aus dem heraus Bildung von Selbst und Welt geschieht; der Geist empfängt in der Anschauung so, wie das Denken produziert – Begriff und Wahrnehmung treten in ein ästhetisches Spiel. In ähnlicher Weise wird für Goethe die Idee, der Typus, in der Anschauung des reinen Phänomens sichtbar. Schelling denkt im Ausgang von Kants Kritik der Urteilskraft die intellektuelle Anschauung als die zentrale Erkenntnisform des Menschen.
Die Theoriegeschichte der Ökonomik hat (oft zeitversetzt) Entsprechungen zur Theoriegeschichte der Philosophie. Adam Smith, der von vielen als Begründer der Wissenschaft von der Wirtschaft angesehen wird, schreibt in seiner Theory of moral sentiments (1759) dem Menschen die Fähigkeit zur Imagination zu. Mit ihrer Hilfe sei es nach Smith möglich, sich gedanklich in die Vorstellungswelt anderer hineinzuversetzen („to picture out in our imagination”), wodurch sympathy als emotional-kognitiver Nachvollzug möglich wird. Aus diesem (fix gesetzten) Vermögen des Menschen entsteht nach Smith in einem wechselseitigen Lernprozess ein (innerer) spectator und damit Moral. Ein derart imaginativ aufgespannter sozialer Raum konstituiert nach Smith die Gesellschaft, aktuell für ihn auch die commercial society. Smith ist damit ein Theoretiker einer Bildlichkeit, zumindest für soziale Wahrnehmungsprozesse. Für Smith bilden mentale Bilder die Basis für die Entstehung von Normen, Regeln und Institutionen und damit für Gesellschaft selbst. Smiths Wealth of Nations (1776) muss in unserer Leseweise in Akkordanz zu seinem Imaginations- und Bild-Verständnis interpretiert werden. (Smith hat auch in den vielen Ausgaben seiner zwei großen Werke, die er bis zu seinem Tod editiert hat, keinen Widerspruch zwischen diesen gesehen). Aspekte der Bildlichkeit sind damit auch (das ist unserer These) für eine Theorie der Wirtschaft in der Nachfolge ihres Begründers relevant.
Der Aspekt der Bildlichkeit des Menschen findet sich in manchen ökonomischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts, wie in der Romantischen (z.B. Adam Müller) und in der Historischen Schule der Nationalökonomie (z.B. Werner Sombart) oder in „evolutorischen“ Ansätzen, wie bei Thorsten Veblen. Anklänge dazu finden sich auch noch bei John M. Keynes in seinem Erwartungskonzept, das als sozialpsychologische Theorie interpretiert werden kann (ein prominenter Nachfolger war dann George L.S. Shackle). All diese Ansätze sind im heutigen Konzept eines Homo Oeconomicus (das auch in Locke eine Wurzel hat) in Vergessenheit geraten. (Das hängt auch damit zusammen, dass gängige ökonomische Modelle in Analogie zu Modellen der Naturwissenschaften, speziell der Physik, konzipiert werden.) In dieser Weise kann in der zeitgemäßen Ökonomik von einem vollständigen Verlust der Bildlichkeit des Menschen gesprochen werden. In der ökonomischen Standardtheorie (wie sie sich in den Lehrbüchern der neoklassischen Mikroökonomie präsentiert) besitzt der Mensch eine Präferenzordnung, die unabhängig von sozialen Interaktionen vorgegeben ist und in strikt abbildender Beziehung zu einer (deutungsfrei vorgegeben) Umwelt steht. Der Homo der Ökonomik besitzt damit kein simulatives Vermögen, zumindest nicht im direkten Zugang z.B. zu Märkten und ihren Preisen. Die neoklassische Theorie kann dementsprechend auch nicht das Entstehen von genuin Neuem in der Wirtschaft erklären; es gibt in diesem Ansatz nicht einmal ein Konzept des Neuen. Die Ökonomik ist so betrachtet heute die einzige Sozialwissenschaft, in der (von wenigen Ausnahmen abgesehen) kein cultural turn stattgefunden hat.