Zeitschrift für Sozialreform

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Print ISSN: 0514-2776
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Zusammenfassung Die Arbeitsmarktintegration älterer Erwerbspersonen ist in Deutschland nach wie vor unbefriedigend. Die vorliegende Analyse erklärt diesen Befund mit institutionellen Einflussgrößen wie Arbeitsmarktregulierung; Transferleistungen, aktiver Arbeitsmarktpolitik sowie Entlohnungsstrukturen und Weiterbildung. Es wird geprüft, inwieweit sich die institutionellen Rahmenbedingungen für die Beschäftigung Älterer im Zuge der jüngsten Reformen verbessert haben. Handlungsbedarf besteht weiterhin in den Transfersystemen, in der Regulierung des Arbeitsmarktes, der Arbeitsmarktpolitik und im Bereich der arbeitsmarktbezogenen Weiterbildung. Essentiell ist eine konsistente und „altersneutrale” Rahmensetzung, die den Akteuren auf dem Arbeitsmarkt eindeutige Signale setzt, damit sie sich entsprechend anpassen können.
 
Zusammenfassung Aufgrund der demografischen Entwicklung ist in den kommenden Jahrzehnten mit einem deutlichen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials zu rechnen. Volkswirtschaftlich wie auch aus Gründen der individuellen Alterssicherung wird folglich die Einbeziehung Älterer in das Erwerbsleben zunehmend wichtig. Dabei stehen die wohlfahrtsstaatlichen Institutionen in Deutschland vor besonderen Herausforderungen. Der Arbeitsmarkt ist traditionell durch einen Schwerpunkt auf berufsspezifische Tätigkeiten geprägt. Aufgrund der kurzen Lebensarbeitszeit besteht für Betriebe wenig Anreiz, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in die berufliche Weiterbildung einzubeziehen. Zum anderen bieten familien- und sozialpolitische Regelungen wenig Unterstützung bei Familienaufgaben wie der Pflege älterer Angehöriger, was eine relativ niedrige Erwerbsbeteiligung gerade von Frauen begünstigt. Vergleiche mit anderen Ländern werden herangezogen, um Perspektiven eines möglichen Politikwechsels zu skizzieren.
 
Die Debatte über die Rentenreform in Deutschland steht seit mehreren Jahren im Zeichen der Generationengerechtigkeit. Dabei spielt die Rentenanpassungsformel eine entscheidende Rolle für die langfristige finanzielle Lage der gesetzlichen Rentenversicherung sowie für die Lastenverteilung zwischen den Generationen. Aufgrund eines „kommutativen“ Ansatzes der Generationengerechtigkeit und angesichts der höheren Rendite, die der privaten kapitalgedeckten Altersvorsorge zugeschrieben wird, ist die betriebene Rentenanpassungspolitik so konzipiert worden, dass nur eine Senkung des Rentenniveaus innerhalb der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) einen Beitrag zur Generationengerechtigkeit zu leisten vermag. Hauptanliegen dieses Artikels ist es, die Grundlage und die Auswirkungen dieser in Deutschland vorherrschenden These zu prüfen und ein alternatives Verständnis der Generationengerechtigkeit und ihrer Folgen für die Rentenanpassungspolitik vorzustellen.
 
Zusammenfassung Von den heute ca. 2 Mio. Pflegefällen wird etwa die Hälfte durch Angehörige (informell) in den eigenen vier Wänden versorgt. Unter Berücksichtigung der demografischen Alterung der Gesellschaft, einer steigenden Erwerbsbeteiligung der Frauen sowie einem zunehmendem Anteil allein lebender Personen im Alter stellt sich die Frage, welche Rolle die informelle Pflege in Zukunft noch leisten im Stande ist. Vor dem Hintergrund einer Verdopplung der Pflegefälle bis zum Jahr 2050 zeigt der vorliegende Beitrag auf dass der Anteil an informeller Pflege in Zukunft immer weiter zurückgedrängt wird. Demgegenüber werden professionelle Pflegeleistungen durch ambulante sowie stationäre Anbieter künftig deutlich an Bedeutung gewinnen. Diese Entwicklung wird zu einem Nachfrageanstieg an professionellen Pflegekräften führen, weshalb sich der Pflegesektor zu einem der „Beschäftigungsmotoren“ in Deutschland entwickeln könnte.
 
Zusammenfassung Die Geschichte des Sozialstaates in Deutschland war von Anfang an, und ganz besonders seit 1945, in höchstem Maße eine Geschichte des Einschlusses, des Ausschlusses und der Offenheit. Entsprechend fand die Entwicklung des deutschen Sozialstaates ihren charakteristischen Ausdruck im Wandel der Reichweite, des Inhalts und der Gestalt des Einschlusses, des Ausschlusses und der Offenheit. Das nationalstaatliche Grundmuster hatte sich seit der Achsenzeit um 1800 gebildet. Die wesentlichen Elemente: Staatsgebiet; Staatsangehörige versus Fremde; Teilhabe durch Gebrauch der Freiheit versus Teilhabe durch soziale Leistungen. Nach 1933 fügte die nationalsozialistische Herrschaft dem nationalstaatlich Üblichen des Ausschlusses den willkürlichen Ausschluss durch die absolute Entrechtung der „Fremdrassigen“ und „Gemeinschaftsfremden“ hinzu, von 1939 an die imperialistische Perversion des Einschlusses und des Ausschlusses durch Unterwerfung und Vernichtung. Die historische Verantwortung dafür kennzeichnet seither und bis heute die spezifisch deutsche Arena des Einschlusses und des Ausschlusses. Nach 1945 maximierten darüber hinaus die Folgen des Kriegs die Nachfrage nach Einschluss, während die geschichtslosen Strukturen der Besatzungsherrschaft, der Zonen und der neuen Länder viele der Antworten neu zu erfinden hatten. Von 1949 an unterschieden sich die Konzepte von Einschluss, Ausschluss und Offenheit in den beiden deutschen Staaten grundlegend. Die Deutsche Demokratische Republik sah sich als ein im Inneren und nach außen geschlossener Staat. Die Bundesrepublik sah sich als ein im Inneren und nach außen offener Staat. Sie war nicht nur der Staat ihrer Einwohner. Sie war auch der Treuhänder des „ganzen Deutschland“ und versuchte so auch allen Staatsbürgern des Deutschen Reiches und den in seiner Verantwortung stehenden Volkszugehörigen Einschluss zu gewähren. Faktisch vor allem dann, wenn sie in ihr Gebiet zuwanderten oder in anderen Staaten den Schutz der Bundesrepublik einfordern konnten. Zugleich aber war die Bundesrepublik ein Staat von europäischer und weltweiter Offenheit, der bereit war und ist, Einschluss, Ausschluss und Offenheit nach gemeinsamen supranationalen oder internationalen Regeln zu gestalten. Die Doppelnatur der Bundesrepublik als deutscher Teilstaat und Treuhänder des Deutschen Reiches ist mit der Vereinigung weggefallen. Dagegen hat sich die europäische Integration des mitgliedstaatlichen und des gemeinschaftlichen Zusammenspiels von Einschluss und Ausschluss vertieft. Und die transnationale Dynamik der „globalen Welt“ hat der nationalstaatlichen Verantwortung ebenso wie der internationalen Mitverantwortung der Bundesrepublik für eine angemessene Ordnung des Einschlusses und Ausschlusses für möglichst alle Menschen größte Relevanz vermittelt.
 
Zusammenfassung Jegliche Veränderungen im Inanspruchnahmeverhalten bei der Wahl der Art der Pflege von einer günstigeren hin zu einer teureren Versorgungsform gehen mit Auswirkungen auf die zukünftige Ausgabenentwicklung der sozialen Pflegeversicherung einher. Dabei ist ein verändertes Inanspruchnahmeverhalten bereits das Resultat der demographischen Entwicklung, möglicherweise verschärft durch sich verändernde Haushalts- und Familienstrukturen sowie eine zunehmende Erwerbsbeteiligung der Frauen. In welchem Ausmaß Veränderungen in den Pflegearrangements mit Ausgabensteigerungen einhergehen, soll im Rahmen dieses Beitrags untersucht werden.
 
The modernisation of welfare states is high on the agenda of many European nations. The so-called ‘anglo-saxon’ model plays an important, but contradictory, symbolic role, as both a template for reform and as a symbol of the problems of neo-liberal governance. Rather than viewing the UK as an exemplar of neo liberalism, this paper highlights the unstable mix of governance styles at stake in welfare reform. It highlights current trends in the attempt to remake relationships between government and people around new conceptions of citizenship and community and the fostering of new aspirations and opportunities. It then explores the implications for issues of governance around the themes of welfare, work and citizenship. Finally the paper identifies some problems inherent in new discourses of the social - including social inclusion and social investment - that are at the core of welfare state modernisation strategies in the UK and beyond.
 
The COVID-19 pandemic has had severe social and economic consequences. Governments have implemented or expanded a number of policy measures to cope with these consequences. In the paper, we ask whether there is more support for general social policy measures to compensate for the new uncertainties arising from the pandemic. Using survey data collected in two panel waves in March and June/July 2020, we analyse how public welfare attitudes have changed during the first phase of the pandemic in Germany. In addition to the individual-level survey data, we use time-varying regional data on infection and unemployment rates. We provide descriptive results and employ fixed-effects regressions. Our results show small changes in welfare attitudes, but we do not find evidence for increased public support for general social policy measures.
 
We investigate the general effect of the COVID-19 pandemic on subjective well-being and determine whether this effect differs between recipients of basic income support (BIS) and the rest of the working-age population in Germany. BIS recipients constitute one of the most disadvantaged groups in Germany and might lack resources for coping with the crisis. Thus, our analysis contributes to investigations of whether the pandemic exacerbates or equalises preexisting social inequality. Our analysis employs data from the panel survey “Labour Market and Social Security” (PASS). These data have the key advantage that the collection in 2020 started prior to implementation of the first COVID-19-related policies. This situation enables us to apply a difference-in-differences approach to investigate the causal change in subjective well-being. Our results suggest that well-being declined during the first phase of the COVID-19 pandemic. However, we find no difference in this decline between BIS recipients and other German residents. Thus, our results suggest that the first phase of the COVID-19 pandemic neither exacerbated nor equalised pre-existing inequalities.
 
The COVID-19 pandemic constitutes a challenge for social security systems such as the German basic income support (BIS) system of ‘Unemployment Benefit II'. The article analyses BIS entries and exits of unemployed people, differentiating by individual characteristics and economic sectors as well as BIS recipients’ participation in active labour market programmes during the first phase of the coronavirus crisis. Using aggregate administrative data, we find that lower exit rates from unemployment drive the coronavirus-related change in unemployment levels for BIS recipients more strongly than for the average unemployed. Those most strongly affected in their employment opportunities are BIS recipients without a vocational degree, thus underlining the importance of education. Furthermore, the sectors accommodation and food service activities and temporary agency employment, which normally provide employment opportunities for BIS recipients, are most affected by the Covid-19 crisis.
 
The COVID-19 crisis tested welfare states’ resilience in protecting citizens against sudden health-related and economic shocks. However, the crisis’ effects and responses to it vary substantially across countries. Using administrative registers of the Social Insurance Institution of Finland, we evaluate the impact of the COVID-19 crisis on various socio-economic groups by examining the receipt of social benefits and length of benefit spells. Furthermore, we analyse the duration of unemployment and social assistance spells that started during the outbreak of the COVID-19 pandemic and the probabilities of receiving social assistance among different socio-economic groups during the crisis. The results of our analysis show that in 2020, the receipt of unemployment and social assistance benefits was highest among young people and particularly among women. However, extending the analysis to 2021 we found that unemployment spells were shorter among young people than among older age groups. Thus, while the youngest age groups were hardest hit by the crisis in terms of the increase in the number of recipients, they seem to have recovered from it faster than the older age groups. Our findings indicate that the Finnish social security system succeeded fairly well in mitigating the negative impacts of the crisis for vulnerable groups and those who faced job loss since small adjustments to the benefits maintained the income of these groups.
 
Der Beitrag behandelt die Entstehung und den Wandel von Solidarität am Beispiel britischer und deutscher Hilfskassen während der Herausbildung des staatlichen Sozialversicherungswesens. Er fragt, wie sich im 19. Jahrhundert freiwillige Unterstützungsformen der Arbeiterschaft im Spannungsfeld von kollektiver Identität und sozialer Not entwickelt haben, und untersucht aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive die These, dass die Kassen nicht durch natürliche Gemeinschaft, sondern durch fiktive Zugehörigkeiten geprägt waren. Im ersten Schritt analysiert der Artikel die Herausbildung dieser Zugehörigkeitsmuster und stellt die verschiedenen Dimensionen der diskursiven und symbolischen Gemeinschaftsproduktion heraus. Im zweiten Schritt wird nach dem Einfluss der Zugehörigkeitskonstruktionen auf individuelle Umverteilungspräferenzen gefragt: Während für stärker gemeinschafts- und vergangenheitsorientierte Akteure eine Ausweitung des Solidaritätshorizontes nicht denkbar ist, entwickeln Akteure, die neben den gemeinschaftsbildenden auch Nutzenaspekte berücksichtigen, Strategien der inkrementellen Ausweitung.
 
Zusammenfassung Dieses Heft der ZSR enthält die Beiträge von Hans Günter Hockerts, Franz-Xaver Kaufmann, Gerhard A. Ritter und Hans F. Zacher zum Symposium „Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland“, das am 26. und 27. November 2008 abgehalten wurde. 1 Sein Anlass und Mittelpunkt war die Besichtigung des kurz zuvor abgeschlossenen Werkes „Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945“, eines Großforschungsprojektes, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wurde und dessen Produkte von ihm und dem Bundesarchiv in 21 Bänden herausgegeben werden.2 An diesem Großunternehmen hatten Hockerts, Kaufmann, Ritter und Zacher maßgeblich mitgewirkt - als Ratgeber und Autoren sowie als Bandherausgeber, so Hockerts und Ritter. Weil ihre Beiträge zum vorliegenden Heft aufs engste mit der „Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945“ zusammenhängen, ist es angezeigt, zunächst dieses Werk zu porträtieren.
 
Öffentliche Diskurse können Sozialreformen beeinflussen. Im Anschluss an das Konzept sozialer Deutungsmuster argumentiert der vorliegende Beitrag, dass die Umsetzung von Sozialreformen wahrscheinlicher ist, wenn sie mit Deutungen im Einklang stehen, die im öffentlichen Diskurs eine hegemoniale Stellung einnehmen. Der Beitrag basiert auf einer qualitativen Inhaltsanalyse von 3025 Artikeln zum Thema soziale Gerechtigkeit, die seit 1946 in Zeit , Spiegel und Frankfurter Allgemeiner Zeitung (FAZ) erschienen sind. Eine anschließende quantitative Analyse der codierten Textstellen zeigt, welche Deutungen im Diskurs zu einer bestimmten Zeit besonders präsent sind. Der Beitrag rekonstruiert vier Deutungsmuster (Individualismus, Egalitarismus, Askriptivismus und Chancengleichheit) und unterscheidet fünf historische Phasen, die jeweils entweder von egalitaristischen oder individualistischen Deutungen dominiert werden, und seit 2014 eine sechste Phase, in der Deutungen überwiegen, die sich am Prinzip der Chancengleichheit orientieren. Insgesamt zeigen die Ergebnisse einen starken öffentlichen Rückhalt für Umverteilung und Wohlfahrtsstaat.
 
Throughout the last ten years the employment rate of older people has improved considerably. It can be assumed that the development was furthered by the removal of legal incentives for early retirement. This study analyses whether the probability of transiting from unemployment into employment has also changed for the elderly in Germany between 2000 and 2009. To assess this question we estimate a hazard rate model, using administrative records of individuals born between 1935 and 1974. Our results show that the employment probabilities of elderly people in particular increased between 2006 and 2009 relative to earlier years. However, we also find persistent differences in the employment probabilities across different age groups.
 
Zu den Kernzielen des Gesundheitsstrukturgesetzes (GSG), das 1993 und damit vor 20 Jahren in Kraft trat; gehörte der Abbau der historisch bedingten Beitragssatzunterschiede in der gesetzlichen Krankenversicherung. Dazu führte der Gesetzgeber die freie Kassenwahl und einen Risikostrukturausgleich (RSA) ein. Anhand eines neuen Datensatzes, der Angaben zu sämtlichen zwischen 1996 und 2012 existierenden gesetzlichen Krankenkassen enthält, untersucht dieser Beitrag, ob und in welchem Umfang das GSG und seine Folgegesetzgebung dieses Ziel erreicht hat. Dabei zeigt sich, dass der ursprüngliche RSA die zunehmende Abwanderung gesunder Erwerbstätiger in günstige Kassen nicht ausgleichen konnte. Auch der RSA-Reform gelang es nicht, diesen Trend umzukehren. Erst der 2009 eingeführte Gesundheitsfonds nivellierte durch einen vollständigen Finanzkraftausgleich und einen morbiditätsorientierten RSA die Beitragssatzunterschiede und schuf die Vorraussetzung für einen Preiswettbewerb, der sich weniger an der Versicherten Struktur als vielmehr an der Wirtschaftlichkeit orientiert
 
Der vorliegende Beitrag geht von der Annahme aus, dass Hartz IV in der veränderten Schwerpunktsetzung der inkorporierten Gerechtigkeitsprinzipien eine Abkehr vom Sozialstaat Bismarck’scher Prägung darstellt und deshalb mit einem Legitimationsdefizit verbunden ist. Aufbauen d auf dieser Annahme wird die Bewertung von Hartz IV (Niveau der ALG-II-Leistung, Fürsorgeprinzip, Äquivalenzprinzip, workfare) anhand von Umfragedaten untersucht und über normative Grundorientierungen (Gerechtigkeitsideologien) und das sozialstrukturell bedingte Eigeninteresse der Individuen zu erklären versucht. Die Ergebnisse zeigen, dass Hartz IV von egalitaristisch geprägten Menschen abgelehnt und von Menschen mit individualistischen oder askriptivistischen Gerechtigkeitseinstellungen befürwortet wird. Eigeninteresse als Erklärungsfaktor für die Bewertung von Hartz IV ist insbesondere bei Personen relevant, die von den Reformen direkt betroffen sind.
 
Zusammenfassung Die Generosität der Altersversorgung von Abgeordneten des Bundestages und der Länderparlamente, über die sie souverän entscheiden, stand in der Vergangenheit wiederholt im Blickpunkt öffentlicher Kritik. Unter Verweis auf die Einschränkungen, die den Beteiligten an anderen staatlichen Alterssicherungssystemen zugemutet wurden, haben die Parlamentarier ab etwa 1989jedoch auch an ihren jeweiligen Sondersystemen mehrfach Einschnitte vorgenommen. In diesem Beitrag wird nach den Gründen und dem Umfang der Einschränkungen bei der Altersversorgung von Abgeordneten gefragt. Es werden deshalb zunächst die historische Entwicklung dieses Sondersystems skizziert sowie die Anspruchsregelungen und -niveaus im Bund und in den 16 Bundesländern dargestellt und verglichen. Es schließen sich - ausgehend vom Prinzipal-Agenten-Ansatz - Überlegungen an, warum Abgeordnete freiwillig auf finanzielle Ansprüche vernichten. Vor diesem Hintergrund werden die entsprechenden Änderungen der Abgeordnetengesetze ab ca. 1989 analysiert. Es wird festgestellt, dass die beschlossenen Einschränkungen im Umfang eher geringer ausfielen als in der gesetzlichen Rentenversicherung. Dabei ist ein Spezifikum der Neuregelungen, dass sie regelmäßig erst für neu- b%w. wiedergewählte Parlamentarier wirksam werden und diejenigen Abgeordneten, die entsprechende Beschlüsse fassen, weitgehend von Verschlechterungen ausnehmen.
 
Der Artikel analysiert die sogenannten Überbrückungsleistungen (nach § 23 Abs. 3 SGB XII), welche in Deutschland lebende mittellose EU-Bürger/-innen, die keinen Rechtsanspruch auf Grundsicherung für Arbeitssuchende oder Sozialhilfe haben, für einen begrenzten Zeitraum als Übergangsgeld erhalten können. Die Leistung soll dieser Personengruppe eine minimale soziale Unterstützung für einen begrenzten Zeitraum, vornehmlich bis zur Ausreise aus Deutschland, bieten. Der Artikel analysiert die Umsetzung dieser Leistungen. Ziel ist ein Abgleich zwischen Intentionen des Gesetzgebers und gelebter Praxis sowie eine Diskussion der sozialpolitischen Folgen für Leistungsbezieher/-innen, die unter anderem durch die Verschränkung von Sozial- und EU-Freizügigkeitsrecht entstehen. Neben einem Überblick über die Gesetzlage und deren politischen Hintergrund gewährt der Artikel daher Einblicke in die Gewährungspraxis und Inanspruchnahme der Leistung. Die Ergebnisse der hierfür durchgeführten qualitativen Erhebung offenbaren unterschiedliche Praktiken und Umsetzungsdefizite, die auf einen Mangel an praktischen Erfahrungen, Rechtsunsicherheiten sowie bürokratische Hürden in der Antragsstellung zurückzuführen sind. Insgesamt kommt der Artikel zu dem Schluss, dass Überbrückungsleistungen, wie bereits im Gesetz angelegt, keine soziale Mindestabsicherung mittelloser EU-Bürger/-innen darstellen, auch wenn sie gelegentlich zur Überbrückung einer finanziellen beziehungsweise sozialen Notlage beitragen. Ferner wird durch die oft restriktive Umsetzungspraxis die Prekarisierung der Zielgruppe verstärkt, sodass Überbrückungsleistungen de facto eine Verschränkung von Sozialleistungsbezug und Migrationssteuerung darstellen und als Instrument der Migrationskontrolle im freizügigen Europa gewertet werden können.
 
This study is the first to examine the social security situation of crowdworkers in Germany as well as the factors influencing the individual protection-behavior. The results are based on a quantitative survey of 248 crowdworkers in Germany. In addition, ten crowdworkers are interviewed, regarding their individual living and working conditions as well as health insurance and pension schemes. While the results for health care coverage are ambivalent, those concerning workers’ pension schemes are clear: Half of the interviewed crowdworkers are not able to build financial reserves or pension claims due to scarce financial resources and partly due to a lack of awareness for this long-term challenge.
 
Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit spielt sich derzeit eine außergewöhnliche Auseinandersetzung zwischen den Regierungsgewalten in der Bundesrepublik ab. Es geht um die sogenannte Armutsmigration in der Europäischen Union, also die soziale Absicherung von nicht-erwerbstätigen EU-Bürgern. Zur besseren Lesbarkeit benutze ich das generische Maskulinum. Ihr genereller Ausschluss aus dem Arbeitslosengeld II war europarechtlich lange umstritten, bis ihn der Europäische Gerichtshof Ende 2014 billigte. Die Rechtsprechung in der deutschen Sozialgerichtsbarkeit blieb dennoch heterogen, da das Bundessozialgericht eine Absicherung über die Sozialhilfe aus dem Grundgesetz herleitete. Diese Frage bleibt in der Gerichtsbarkeit strittig, obwohl der Gesetzgeber zwischenzeitlich Ansprüche verneinte. Der Beitrag erklärt diese Auseinandersetzung innerhalb und zwischen den deutschen Staatsgewalten mit einem existierenden europäischen Regelungsdefizit. Die europäische Koordinierung der Sozialversicherung sichert das weitgehend durch den Europäischen Gerichtshof gestaltete europäische Freizügigkeitsrecht nur unzureichend ab. Vergleichende Fallstudien von Dortmund, Gelsenkirchen und Bremerhaven zeigen die kommunalen Schwierigkeiten, dieses europäische Regelungsdefizit zu bearbeiten. Unterschiedliche Strategien können die Probleme auf dieser Ebene nicht lösen. Die aus den legislativen Vorgaben ausbrechende Rechtsprechung der Sozialgerichtsbarkeit, so das Argument, ist Ausdruck dieser Notlage.
 
Zusammenfassung Die Wohlfahrtsstaatreformen der vergangenen Jahre führten unter dem Stichwort der Pluralisierung marktwirtschaftliche Elemente in die Bereitstellung sozialer Dienste ein. Durch die Erhöhung der Wahlfreiheit der Nutzerinnen werde sich deren Verhandlungsmacht und Autonomie vergrößern, so die Befürworter der Marktmechanismen, denn die steigende Konkurrent werde die Qualität verbessern. Dem Ökonomen Hirschman zufolge ist Abwanderung nur eine Option, um als Kunde Unzufriedenheit zu signalisieren. Der weitaus direktere Weg bestehe im Widerspruch, also dem unmittelbaren Protest des Kunden gegenüber dem Anbieter. Mit Hilfe der Hirschman-These von Abwanderung und Widerspruch ist es möglich, empirische Daten einer vergleichenden Fallstudie zur Interaktion zwischen NutzerInnen und Dienstleistungerbringern in der Altenbetreuung daraufhin zu untersuchen, ob es der dem Marktmechanismus inhärenten Abwanderung oder dem der Politik entlehnten Widerspruch besser gelingt, die Interessen der NutzerInnen durchzusetzen. Die theoretischen Aussagen der Verfechter des wohlfahrtsstaatlichen Pluralismus können so - zumindest anhand punktueller Befunde - einer empirischen Überprüfung unterzogen werden.
 
Mixed public/private governance regimes in social security are complex, legally intricate, and difficult to manage. This may operate as an obstacle for individual claimants when they want to protect themselves against decisions or actions of private actors or wish to enforce individual entitlements. Hence, individuals rely heavily on the corrective function exercised by the courts. Paradoxically, policies that create a public/private governance structure are not always geared towards strengthening access to justice for the individual. On the contrary, in the Netherlands, legislative changes and administrative practices purposefully raise the barriers to bringing cases to the independent judiciary. In this article, we analyse the relationship between the complex public/private governance regimes in social security and access to justice. It is argued that the policies should consider strengthening access to courts to counterbalance the weakened position of workers and vulnerable citizens.
 
The paper uses a qualitative comparative case study design to examine across (and within) sectoral variation in occupational welfare outcomes (i.e. flexible working hours, occupational pensions and health and sickness benefits, fringe benefits complementing wages) for different groups of workers in food and chemical manufacturing in Germany and Belgium. Findings indicate that common national challenges can yield different occupational welfare outcomes across (and within) different sectors, which in turn affect workforce segmentation. The integration between local and sector-level power dynamics explains how, and the extent to which, negotiation on occupational welfare can entail segmentation.
 
In diesem Beitrag wird die Entwicklung relativer Einkommensaltersarmut seit der deutschen Wiedervereinigung bis zum Jahr 2010 untersucht. Dies geschieht sowohl in Quer- als auch in Längsschnittperspektive. Die Ergebnisse der Analysen geigen, dass das Altersarmutsrisiko in Deutschland inzwischen geringer ist als andere Armutsrisiken – etwa als jenes der jüngsten Altersgruppen. Allerdings ist seit 2007 auch das relative Altersarmutsrisiko wieder gewachsen, und zwar weitgehend parallel zur allgemeinen Armutsrisikoerhöhung. Hinzu kommt seitdem ein Anstieg der Wahrscheinlichkeit, in Altersarmut zu verbleiben.
 
Die Beschäftigungsquote ist eine zentrale arbeitsmarktpolitische Zielgröße in der Europäischen Union. Gemessen wird sie im Rahmen der Europäischen Arbeitskräfteerhebung (AKE), deren Methodologie eine möglichst hohe Vergleichbarkeit sicherstellen soll. Der Erwerbsstatus wird jedoch von den Systemen der sozialen Sicherung beeinflusst, deren drei Grundpfeiler die Arbeitslosenversicherung, die soziale Sicherung im Fall von langfristiger Krankheit oder Erwerbsunfähigkeit und die Alterssicherung sind. Ihnen kommt gerade am Ende des Erwerbslebens eine wichtige Bedeutung zu. Dieser Beitrag bewertet qualitativ den Einfluss der sozialen Sicherungssysteme auf die Erfassung des Erwerbsstatus am Beispiel von vier Ländern: Deutschland, Österreich, Schweden, Niederlande. Es wird untersucht, welche Elemente der sozialen Sicherungssysteme die Erfassung der Beschäftigten und damit die Beschäftigungsquote der Älteren tendenziell erhöhen oder reduzieren und so der Vergleichbarkeit der Daten und den darauf basierenden Beschäftigungszielen Grenzen setzen. In der Literatur wurde bislang wenig Augenmerk auf die Erfassung der Beschäftigten in der Europäischen Arbeitskräfteerhebung vor dem Hintergrund unterschiedlicher sozialer Sicherungssysteme gelegt. Der vorliegende Beitrag soll diese Lücke schließen.
 
Top-cited authors
Ulrich Mückenberger
  • Universität Bremen
Heinz Rothgang
  • Universität Bremen
Simone Leiber
  • University of Duisburg-Essen
Ulrich Mückenberger
  • Universität Bremen
Christopher Osiander
  • Institute for Employment Research