Muss Deutschland besser für Flüchtlinge sorgen?

Verbesserter Zugang zu Gesundheitsversorgung würde Kosten senken und Flüchtlingen helfen, sagt ein Experte.

 

David Ingleby vom Centre for Social Science and Global Health an der Universität Amsterdam sieht die Politik in der Verantwortung. Wir sprechen mit ihm über seine jüngste Studie.

RG: Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, um die Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge zu verbessern?

David Ingleby: Meine Sorge ist die restriktive Gesetzeslage. Asylbewerber und Sans-Papiers haben kein Recht auf eine angemessene Gesundheitsversorgung. Das ist ein grundlegendes Problem, das schwerer zu lösen ist als die praktische und finanzielle Umsetzung einer angemessenen Versorgung.

Zunächst müssen die Regelungen aufgehoben werden, die beschränken welche medizinischen Behandlungen in den ersten 15 Monaten nach der Zuwanderung durchgeführt werden dürfen. Diese Beschränkungen wurden im Jahr 1993 in der Hoffnung eingeführt, Asylbewerber davon abzuhalten, nach Deutschland zu kommen. Während dieser ersten 15 Monate haben Asylbewerber nur im Fall von akuter Krankheit oder Schmerzen Anrecht auf medizinische oder zahnmedizinische Versorgung. Abgesehen davon sind Impfungen und die medizinische Betreuung schwangerer Frauen erlaubt. Chronische Krankheiten, wie zum Beispiel erhöhter Blutdruck oder Diabetes und psychische Leiden werden nur in besonders akuten Fällen behandelt, und dann auch nur nach gesonderter Zulassung durch die Behörden.

Diesen einfachen und frühen Zugang zu medizinischer Behandlung zu verweigern vernachlässigt nicht nur das Recht auf Gesundheit sondern erhöht auch die Kosten: eine neue Studie hat ergeben, dass seit Einführung dieser Regelung die Kosten für die Gesundheitsversorgung eines Asylbewerbers um 376 Euro im Jahr gestiegen sind. Es sollte auch klar sein, dass diese Regelung niemanden davon abhalten wird, in Deutschland Asyl zu ersuchen.

Das Problem ist für Sans-Papiers noch größer. Sie unterliegen derselben Regelung wie Asylbewerber. Hinzu kommt bei ihnen die Angst, denunziert zu werden wenn sie Gesundheitsleistungen in Deutschland in Anspruch nehmen.

RG: Haben andere europäische Länder die Gesundheitsversorgung von Asylbewerbern besser geregelt?

Ingleby: Ja, Frankreich. Hier haben alle Migranten, auch Asylbewerber und Sans-Papiers, dasselbe Recht auf Gesundheitsversorgung wie französische Staatsangehöriget. Sans-Papiers an die Behörden zu verraten ist verboten. Auch in der Türkei haben Menschen, die vor dem Krieg in Syrien fliehen, volles Anrecht auf eine Gesundheitsversorgung, obwohl das Land viel ärmer ist als Deutschland.

RG: Wie schätzen sie die Gesundheit der Flüchtlinge in Europa im allgemeinen ein? Was sind die am meisten verbreiteten gesundheitlichen Probleme?

Ingleby: Wie die Weltgesundheitsorganisation betont sind alle Menschen durch eine Reihe von gesundheitlichen Problemen gefährdet, die stark von dem Geschlecht, Alter und sozialem Status abhängig sind. Das ist auch bei den Flüchtlingen so. Dazu können bei Menschen die vor Gewalt fliehen auch andere physische und psychische Traumata kommen, was allerdings nicht heißt, dass alle Menschen die Elend und Leid erlebt haben auch unter einem psychischen Trauma leiden. Infektionskrankheiten, soweit sie bei den aktuell Zugezogenen vorkommen, sind meist das Ergebnis schlechter Lebensbedingungen.

RG: Was sollte getan werden um den Weg der Flüchtlinge durch Europa sicherer zu machen?

Ingleby: Das größte Problem scheint politisch zu sein. Die Krise hat ein schockierendes Unvermögen der Regierungen ans Licht gebracht über ihre eigenen, kurzfristigen Interessen hinwegzusehen und langfristige Lösungen anzustreben, die allen zu Gute kommen - auch den Flüchtlingen. Es sollte nicht nötig sein, wochenlang durch Berge und matschig Felder zu wandern, wenn das Ticket für denselben Weg bei einer Budget-Airline unter hundert Euro kostet. In der Annahme dass es weiterhin nötig sein wird, hat die Europäische Kommission nun Projekte gestartet um nötige Gesundheitsversorgung entlang des Wegs zu leisten und Gesundheitsrisiken zu verringern.

RG: Welche anderen Herausforderungen abgesehen von der Gesundheitsversorgung sehen Sie?

Ingleby: Die Gesundheitsversorgung ist nur ein Aspekt einer gigantischen Herausforderung, die die “Flüchtlingskrise” nach Europa gebracht hat. Es gibt Anzeichen, dass auch das Bildungssystem keine adäquate Antwort auf die jetzige Situation hat. Wir hätten aus den 1990ern lernen müssen, dass eine erfolgreiche Integration von den Kindern abhängt. Die Kinder müssen ins Bildungssystem integriert werden - unabhängig vom Aufenthaltsstatus ihrer Eltern - um sie für den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Wenn wir ihnen die Bildung verweigern in der Hoffnung andere vom Kommen abzuhalten, schneiden wir uns ins eigene Fleisch.