Germanwings Unglück: ein Jahr danach

Hatte das Germanwings-Unglück langfristige Auswirkungen auf die Stigmatisierung psychischer Krankheiten in Deutschland?

In den Wochen nach dem Germanwings-Absturz wurde viel über die Rolle psychischer Krankheiten als Auslöser für ein solches Unglück diskutiert. Wir haben mit Georg Schomerus, Dozent für Psychiatrie an der Universität Greifswald, gesprochen, um herauszufinden, inwiefern solche Vorfälle die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten beeinflussen.

ResearchGate: Sie haben die Auswirkungen des Germanwings-Unglücks auf das Stigma psychischer Krankheiten untersucht. Was waren die Ergebnisse Ihrer Studie?

Georg Schomerus: Wir haben die Reaktionen auf eine fiktive Person untersucht, die an einer schweren psychischen Krankheit leidet. Nach dem Unglück hielten mehr Leute als vor dem Unglück die Person für unberechenbar, und etwas weniger Leute haben der Aussage zugestimmt, dass es vielen Menschen irgendwann einmal zumindest so ähnlich wie der Person gehen wird. Der wichtigste Befund war aber, dass sich die meisten Einschätzungen und Reaktionen überhaupt nicht verändert haben: Die Studienteilnehmer hatten z.B. nicht mehr Angst vor der Person und waren auch nicht skeptischer geworden, was den persönlichen Kontakt angeht.

RG: Inwiefern haben diese Ergebnisse Ihren Erwartungen entsprochen?

Schomerus: Wir hatten befürchtet, dass es ähnlich wie nach den Attentaten auf Schäuble und Lafontaine in den 1990er Jahren zu einem deutlichen Anstieg der Stigmatisierung kommen würde. Das hat sich zum Glück nicht bestätigt. Die Veränderungen waren zwar sichtbar, aber begrenzt. Offenbar lässt sich die Öffentlichkeit auf diesem Gebiet nicht mehr so schnell zu Verallgemeinerungen hinreißen wie noch vor 25 Jahren.

RG: Das Unglück ereignete sich vor genau einem Jahr. Glauben Sie, dass es einen langfristigen Effekt auf die Wahrnehmung von psychischen Erkrankungen hatte?

Schomerus: Medienberichte haben zwar einen erheblichen Einfluss auf die Einstellungen der Bevölkerung, aber Studien zeigen, dass einzelne Ereignisse nur kurzfristige Effekte zeigen. Einen langfristigen Effekt erwarte ich deshalb nicht.

RG: Welche andere Faktoren beeinflussen die Stigmatisierung psychischer Krankheiten?

Schomerus: Der wichtigste Faktor ist Erfahrung. Persönlicher Kontakt zu Menschen mit psychischen Erkrankungen führt zu deutlich geringerer Stigmatisierung. Wichtig sind aber auch unsere Vorstellungen von psychischen Krankheiten. Es hat sich gezeigt, dass eine einseitige Betonung der biologischen Ursachen von psychischen Krankheiten zu einer stärkeren Stigmatisierung führt, weil damit suggeriert wird, dass Betroffene sich grundsätzlich von Gesunden unterscheiden. Auf der anderen Seite wirkt es entstigmatisierend, wenn man darüber aufklärt, dass psychische Gesundheit und psychische Krankheit auf einem Kontinuum liegen.

RG: Wie sollte Ihrer Erfahrung nach die Presse über Ereignisse, die im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten stehen, berichten?

Schomerus: Skandalisierungen und Verallgemeinerungen sollten vermieden werden, weil damit alle Menschen mit psychischen Krankheiten als Gruppe diskriminiert werden. Wichtig sind Informationen über Hilfsangebote und Behandlungsmöglichkeiten. In vielen Presseberichten wird das inzwischen vorbildlich getan.

RG: Sie haben viel über die Stigmatisierung psychischer Krankheiten geforscht, wie können Ihrer Meinung nach die Auswirkungen des Stigmas am besten reduziert werden?

Schomerus: Wir müssen viel deutlicher machen, wie normal psychische Erkrankungen sind. Jeder kennt jemanden oder ist im Lauf seines Lebens einmal selber betroffen – wenn es üblicher wäre, auch über diese Erkrankungen offen zu sprechen, würden die Krankheiten viel von ihrem Schrecken verlieren. Ich habe sehr großen Respekt vor Leuten, die offen über ihre Erkrankung sprechen - ich glaube, keine mediale Anti-Stigma-Kampagne kann erreichen was solche Beispiele bewirken.

RG: Wie hat sich die Stigmatisierung in Deutschland in den letzten 20 Jahren entwickelt?

Schomerus: Da gibt es unterschiedliche Entwicklungen. Insgesamt haben sich die Einstellungen gegenüber Menschen mit Schizophrenie leider verschlechtert, die Leute sind heute weniger bereit mit einem Betroffenen in persönlichen Kontakt zu treten als vor 25 Jahren. Der Trend hat sich in den letzten Jahren allerdings abgeflacht und wir hoffen, dass es nun bald wieder bergauf geht. Bei der Depression zeigen sich nur geringe Veränderungen, aber hier ist positiv, dass die Finanzierung der Behandlung in der Öffentlichkeit inzwischen höhere Priorität genießt. Fast keine Veränderungen sehen wir bei der Alkoholabhängigkeit - ich glaube, auf diesem Gebiet müssen wir erst Überzeugungsarbeit leisten, dass die Ausgrenzung der Betroffenen ungerecht und vor allem auch kontraproduktiv ist.

RG: Haben Deutsche eine andere Einstellung zu psychischen Krankheiten als andere Nationen?

Schomerus: Nein, zumindest in den westlichen Industrienationen sind die Einstellungen insgesamt vergleichbar. Spannend ist der Vergleich mit anderen Kulturen – die Bedeutung von psychischer Krankheit ist stark kulturell geprägt und spiegelt häufig zentrale Werte einer Kultur. Bei vergleichenden Untersuchungen kann man also etwas über fremde und über die eigene Kultur lernen.

RG: Woran arbeiten Sie als nächstes?

Schomerus: Wir wollen uns näher mit dem Stigma von Suchterkrankungen beschäftigen. Und uns interessiert, warum es vielen Menschen schwerfällt, eigene Beschwerden als Anzeichen einer psychischen Krankheit zu deuten und Hilfe aufzusuchen – wir vermuten, dass auch da das Stigma im Weg steht.