AfD, Aufstieg einer Protestpartei?

Die Alternative für Deutschland war der große Gewinner bei den Landtagswahlen. Aber wer sind die AfD Wähler und was bedeuten die Wahlergebnisse für Deutschland?

Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, erzählt wie die AfD mit ihrer rechtspopulistischen Position so viele Stimmen gewonnen hat.

ResearchGate: Wir haben vergangenes Jahr mit Ihnen über den Aufstieg der AfD gesprochen. Können Sie uns bitte ein Update zu der heutigen politischen Situation in Deutschland nach den Landtagswahlen am Sonntag geben?

Lewandowsky: Es hat sich erneut gezeigt, dass unsere klassischen Koalitionsformate – also Rot-Grün und Schwarz-Gelb – zurzeit nicht mehr tragen. Die Wähler werden agiler und sind bereit auch andere Parteien zu wählen, sodass diese klassischen Lagerkonstellationen nicht mehr funktionieren. Die AfD konnte Wählerzuwachs sowohl von Seiten der Nichtwähler als auch, mit Ausnahme der Grünen, von fast allen anderen Parteien verzeichnen. Das spricht für die AfD als eine momentan relativ erfolgreiche Protestpartei.

Aber wie sieht es auf der parteipolitischen Ebene aus? Wenn man in die Medien schaut, dann konkurrieren zwei Deutungen miteinander. Die eine lautet: Merkel hat die Wahl verloren. Die andere heißt: Merkel hat die Wahl gewonnen. Bizarr daran ist: diejenigen Parteien, die die Wahl gewonnen haben, abgesehen von der AfD, sind die, die Merkel unterstützt haben, aber dazu gehört nicht die CDU. Das heißt, im Grunde genommen haben wir jetzt eine Situation in der wir nicht wissen, ob die Kanzlerin gestärkt oder nicht gestärkt daraus hervorgeht. Parteipolitisch ist sie geschwächt. Politik-inhaltlich ist sie womöglich gestärkt.

RG: Waren diese Ergebnisse überraschend?

Lewandowsky: Nein. Das war abzusehen. Die Umfragen für die AfD waren stabil hoch. Interessanterweise ist in allen Bundesländern die Wahlbeteiligung gestiegen. Das bedeutet: das vor der Wahl kolportierte Argument, dass wer nicht wählen geht, die Rechten stärkt, hat sich als falsch erwiesen. Die AfD hat vor allem Nichtwähler mobilisiert. Wir sehen hier also ein bemerkenswertes demokratiepolitisches Problem, nämlich: Ist es uns lieber, wenn die Wahlbeteiligung gering ist und dafür keine rechtspopulistischen Parteien ins Parlament kommen? Oder wollen wir eine hohe Wahlbeteiligung, die sich zugunsten rechtspopulistischer Parteien auswirkt?

RG: Wer hat die AfD gewählt und warum haben so viele für die Partei gestimmt?

Lewandowsky: Die sozioökonomischen Daten zeigen, dass die AfD-Wähler im Schnitt mittleren Alters sind, sie sind zum größten Teil männlich, und sind in der Tendenz eher Geringverdiener. Allerdings dehnt die AfD ihre Wählerklientel bis weit in die Mittelschicht hinein aus.

RG: Warum wählen Frauen nicht für die AfD?

Lewandowsky: Rechtspopulistische Parteien sind als Organisationen und von ihrer Wählerbasis her meist männlich geprägt. Das liegt beispielsweise im Fall der AfD unter anderem daran, dass die Partei ein sehr klassisches Familienbild vertritt. Sie propagiert die kinderreiche "Normalfamilie" mit einer klaren Rollenverteilung, in der Frauen zuvorderst als Mütter funktionieren. Das ist heutzutage für einen Großteil der Frauen kein attraktives Politikangebot.

RG: Wie wird sich Ihrer Meinung nach die AfD in Zukunft weiterentwickeln?

Lewandowsky: Es kommt vor allem darauf an, wie stark das Thema Flüchtlingskrise bestehen bleibt. Die AfD ist die einzige Partei, die ein substanziell anderes Politikangebot in diesem Themenfeld formuliert. Aber die AfD muss auch schauen, nicht eine „single-issue-party“ zu bleiben. Sie muss in der Lage sein, sich in weiteren Themen zu etablieren. Die Frage ist, ob sie jenseits von Protestthemen überhaupt überzeugen kann. Wenn diese Themen wegbrechen, indem die Flüchtlingskrise geregelt wird, dann könnte es durchaus sein, dass die AfD auf mittlere Sicht ein Problem bekommt.

RG: Was bedeuten die Wahlergebnisse für Angela Merkel und die CDU?

Lewandowsky: Angela Merkel hat an mehreren Stellen deutlich gemacht, dass sie ihrer Politik treu bleiben wird. Ich kann mir vorstellen, das wird so bleiben. Merkel hat sich so weit aus dem Fenster gelehnt, sie kann nicht mehr zurück.

RG: Haben sich bestimmte Parteien besonders stark gegen die AfD gestellt?

Lewandowsky: Im Grunde genommen haben sich alle Parteien gegen die AfD gestellt. Die AfD wird als krasser Außenseiter behandelt. Es gab eine SPD-Kampagne mit dem Titel „Meine Stimme für Vernunft“. Auch die Union hat sich gegen die Konkurrenz im rechten Lager gestellt. Aber naturgemäß grenzen sich die linken Parteien – SPD, die Grünen, die Partei der Linken – aufgrund ihrer antifaschistischen Tradition besonders stark von Rechtspopulisten ab.