Arbeitslosigkeit bei Informatikern: Reaktion des Arbeitsmarktes auf das Ende des IT-Booms.
-
Citations (0)
-
Cited In (0)
Page 1
Arbeitslosigkeit bei Informatikern
Reaktion des Arbeitsmarktes auf das Ende des IT-Booms
Werner Dostal
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
Arbeitsbereich Berufs- und Qualifikationsforschung
Regensburger Straße 104
90478 Nürnberg
werner.dostal@iab.de
Abstract: Die vielfältige Qualifikationsstruktur bei IT-Fachleuten macht es
schwer, die Situation der „echten“ Informatiker auf dem Arbeitsmarkt und ihre Be-
troffenheit durch Arbeitslosigkeit in den letzten zwei Jahren zu separieren. Auf der
Basis von Arbeitsmarktdaten und begründeten Schätzungen wird deutlich, dass
sich die Situation auch für die Informatiker wie für alle hochqualifizierten IT-
Fachleute zwar verschlechtert hat, aber immer noch günstig ist im Vergleich zu
IT-Fachleuten mit mittlerem oder ohne Berufsabschluss.
1 Einleitung
Die ungünstige wirtschaftliche Situation und das Ende der dot.com-Euphorie haben in
den letzten zwei Jahren im Arbeitsmarkt für IT-Fachleute tiefe Spuren hinerlassen. Ein
Teilarbeitsmarkt, der über Jahrzehnte Prosperität zeigte, scheint eingebrochen zu sein.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig, die aktuelle Situation ist undurchsich-
tig, die Aussichten unklar.
In dieser Untersuchung auf der Basis vorliegender Daten der Beschäftigten- und der
Arbeitsmarktstatistik soll die Frage beantwortet werden, ob und wie auch Informatiker
mit Hochschulabschluss (Fachhochschul- und universitärer Studienabschluss im Fach
Informatik und den benachbarten Fächern) von diesen Problemen auf dem Arbeitsmarkt
betroffen sind.
2 Existierende Klassifikationen und Datensammlungen
Wenn Arbeitsmärkte diskutiert werden, dann stehen meist aktuelle Aussagen von Ar-
beitsmarktakteuren im Vordergrund. Es sind Institutionen, die im Vermittlungsgeschäft
tätig sind und die, zur Objektivierung ihrer eigenen singulären Erfahrungen, zusätzlich
die Medien (Stellenangebote und Stellengesuche Zeitungen und zunehmend in Internet-
börsen) durchkämmen, um ihre Aussagen auf eine breitere Basis zu stellen.
11
Page 2
Die Abgrenzung des relevanten beruflich definierten Ausschnitts erfolgt meist über
offene Klassifikationssysteme, in denen vor allem die in der Anzeige aufscheinende
Berufsbezeichnung berücksichtigt wird, in Problemfällen bei unklaren Angaben weitere
Textelemente der jeweiligen Anzeige. So lässt sich die Entscheidung, ob es sich im
jeweiligen Fall um eine IT-Fachkraft handelt, meist gut begründen.
„Amtliche“ Daten beruhen ebenfalls auf der Zuweisung von Personen und Arbeitsplät-
zen zu klassifikatorisch beschriebenen Einheiten. Für die berufliche Zuweisung gilt
weiterhin die Berufsklassifikation des statistischen Bundesamtes, die seit 1992 nicht
mehr fortgeschrieben wurde. Dies ist insbesondere für die IT-Berufe problematisch, da
hier immer wieder neue Berufsbezeichnungen auftauchen, deren Zuordnung nicht immer
einfach ist. Insbesondere die Ausweitung der relevanten Berufsgruppe auf die Multime-
diaberufe hat hier zu viel Unklarheit und Zuordnungsproblemen geführt.
Deshalb bietet die Bundesanstalt für Arbeit im BerufeNET (www.arbeitsamt.de) eine
ständig fortgeschriebene Berufeliste an, die als Basis für die Zuweisung verwendet wer-
den sollte. Die Mitarbeiter in den Arbeitsämtern nutzen diese Liste bei der Klassifizie-
rung der Arbeitslosen nach dem angestrebten Zielberuf. Die berufliche Zuweisung der
Erwerbstätigen in der Beschäftigtenstatistik erfolgt durch die Arbeitgeber. Ob dabei
immer die neuesten Informationen des BerufeNET verwendet werden, ist bisher nicht
nachgeprüft worden. Es ist also nicht immer eindeutig erkennbar, welche Qualität diese
Zuweisung zum IT-Beruf hat. Unter dieser Hypothek stehen alle Analysen über beruf-
lich eingegrenzte Teilarbeitsmärkte. Dies gilt auch für die folgende quantitative Analyse.
Es werden lediglich die Personen berücksichtigt, die klassifikatorisch der Berufsord-
nung 774 „Datenverarbeitungsfachleute“ zugewiesen sind. Es ließen sich auch breitere
Definitionen verwenden [LS02], diese sind aber wegen der Überdeckung mit anderen
Berufsfeldern oft nicht genügend trennscharf.
Als Zeitraum für die folgenden Betrachtungen werden die letzten drei Jahre berücksich-
tigt. Aufgrund der Datenlage liegen für detailliertere Analysen für die Beschäftigung
lediglich die Daten für Juni 2000 und 2002, für die Arbeitslosigkeit jeweils Monatsdaten
vor.
3 IT-Fachleute
Die Gruppe der IT-Fachleute ist nicht nach Ebene und Fachrichtung der Erstausbildung
eindeutig definierbar. Basis für die Auswahl sind die „Angaben zur Tätigkeit“, die der
Arbeitgeber der Rentenversicherung meldet. Für die Arbeitslosen werden bei der Ar-
beitslosmeldung im Arbeitsamt eine Vielzahl von Informationen erfasst, neben der Be-
rufszuweisung und der Qualifikationsebene auch die berufliche Fachrichtung der höchs-
ten vorliegenden abgeschlossenen Berufsausbildung.
Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – und nur über diese liegen aktuelle
Daten vor – hat sich wegen gravierender Beschäftigungsprobleme in den beiden Jahren
von 2000 bis 2002 insgesamt um knapp 1 Prozent verringert (Tabelle 1). Bei den IT-
12
Page 3
Berufen zeigte sich allerdings ein erfreulicher Zuwachs um knapp 14 %, insgesamt um
57.600 Personen. Zugleich hatte in diesem Zeitraum die Arbeitslosigkeit der IT-
Fachleute bereits um etwa 30.000 Personen zugenommen. Es ist durchaus möglich, dass
seit Mitte 2002 – seitdem stieg die Arbeitslosigkeit in dieser Berufsgruppe noch um
16.100 Personen – dieser Zuwachs bei der Beschäftigung zum Stillstand gekommen ist
und möglicherweise ein Rückgang eingetreten ist. Darüber liegen aber derzeit keine
belastbaren Daten vor.
Neben diesen erfassten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten dürften zusätzlich
etwa 70.000 IT-Fachleute als Selbständige und Beamte tätig sein (Schätzung auf der
Basis des Mikrozensus 2000). Leider sind Daten für diese Statusgruppe für den hier
betrachteten Zeitraum derzeit noch nicht zugänglich, so dass keine Aussage über Zu-
oder Abnahme dieser Gruppen möglich ist.
Tabelle 1: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in IT-Berufen 2000 und 2002
2000 2002
_____________________________________________________________________________
Beschäftigung insgesamt 27.825.600 27.571.200 - 254.400
IT-Fachleute insgesamt 416.700 474.300 + 57.600
West 378.500 430.400 + 51.900
Ost 38.200 43.900 + 5.700
IT-Fachleute
mit Hochschulabschluss 145.000 157.200 + 12.200
_____________________________________________________________________________
Personen
Datenquelle: Beschäftigenstatistik, jeweils Ende Juni 2000 und 2002
Die Arbeitslosigkeit bei IT-Fachleuten hat sich von Herbst 2000 bis Ende Mai 2003 von
20.000 Personen auf etwa 60.000 Personen verdreifacht (Abbildung 1). Die Zugänge in
die Arbeitslosigkeit liegen vor allem im Januar und im Juli höher, was auf Kündigungen
zur Mitte und zum Ende des Jahres zurückzuführen ist. Daneben zeigen sich kleinere
Wellen zu den Quartalen Ende März (April) und Ende September (Oktober). Dies deutet
darauf hin, dass es sich um Arbeitslosigkeit vor allem aus der Beschäftigung und nicht
aus dem Übergang aus dem Ausbildungsbereich handelt.
Die Altersstruktur der Arbeitslosigkeit hat sich in dieser Zeit massiv verändert (Abbil-
dung 2): Gab es im Jahr 2000 eine ausgeprägte Altersarbeitslosigkeit beginnend im Alter
von 55 Jahren, so hat sich die Arbeitslosigkeit dieser Altersgruppe in diesen zwei Jahren
eher verringert, stattdessen ist die Arbeitslosigkeit vor allem der IT-Fachleute im „bes-
ten“ Alter erheblich gestiegen. Die höchste Arbeitslosigkeit zeigt sich nun im Alter von
35 Jahren. Möglicherweise ist dies ein Indiz für Arbeitslosigkeit aufgrund von Firmen-
zusammenbrüchen, in denen alle Mitarbeiter, unabhängig von ihrem Alter, in die Ar-
beitslosigkeit fallen.
Veränderung
- 0,9 %
+ 13,8 %
+ 13,7 %
+ 14,9 %
+ 8,4 %
13
Page 4
Ein weiterer interessanter Aspekt stellt die regionale Verteilung der IT-Fachleute dar
(Tabelle 2): In Deutschland gibt es knapp 200 Arbeitsämter. Aber allein in zehn (gro-
ßen) Arbeitsamtsbezirken sind bereits 43 % aller IT-Fachleute beschäftigt. Die Arbeits-
losenquoten in diesen für die IT wichtigen Zentren liegen – mit Ausnahme von Berlin –
deutlich niedriger als im Durchschnitt. In den neuen Bundesländern gibt es derartige
Zentren nicht. Dresden als wichtiger IT-Standort liegt erst an Stelle 22 und zeigt eine
überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit. Seine Bedeutung hat in den letzten Jahren sogar
abgenommen, denn 1999 lag Dresden noch an 18. Stelle. Die höheren Frauenanteile in
Berlin und Dresden haben wohl ihren Ursprung in der DDR-Vergangenheit. Sie nehmen
aber weiter ab.
Abbildung 1: Arbeitslose IT-Fachleute 2000 - 2002
0
10000
20000
30000
40000
50000
60000
70000
Personen
200020012002 2003
Bestand
Zugang
Abgang
A
14
Page 5
Tabelle 2: Beschäftigungszentren für Computerfachleute 2002
Rang Ort Beschäftigte
______________________________________________________________________________
1 München 42.800
2 Frankfurt/M 28.700
3 Hamburg 25.100
4 Berlin 24.500
5 Stuttgart 17.800
6 Düsseldorf 16.000
7 Nürnberg 14.400
8 Köln 13.400
9 Hannover 10.900
10 Darmstadt 10.000
.22 Dresden 5.000
Deutschland 474.300
Datenquellen: Beschäftigtenstatistik und Arbeitslosenstatistik 2002
4 IT-Fachleute mit Hochschulabschluss
Für die Frage nach dem Arbeitsmarkt für Informatiker sind natürlich die Hochqualifi-
zierten besonders relevant. Bei dieser Abgrenzung werden nur jene Personen berück-
sichtigt, die einerseits ein Fachhochschul- oder universitäres Studium erfolgreich abge-
Anteil Frauenanteil Alo-Quote
9,0 %
6,1 %
5,3 %
5,2 %
3,8 %
3,4 %
3,0 %
2,8 %
2,3 %
2,1 %
20 %
19 %
19 %
25 %
19 %
18 %
17 %
19 %
19 %
20 %
5,2 %
4,4 %
6,1 %
12,7 %
3,8 %
4,8 %
4,1 %
6,9 %
5,5 %
6,3 %
1,0 % 29 % 11,3 %
100,0 % 20 % 9,4 %
Abbildung 2: Arbeitslose IT-Fachkräfte
0
500
1000
1500
2000
2500
25303540 4550 5560
Alter
Personen
2000
2002
15