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Cyberscience 2.0 oder 1.2? Das Web 2.0 und die Zukunft der Wissenschaft
Journal Article: ITA manu:scripts 11/2009;
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Cyberscience 2.0
oder 1.2?
Das Web 2.0 und die Wissenschaft
Michael Nentwich
INSTITUT FÜR TECHNIKFOLGEN-ABSCHÄTZUNG
Wien, 11/2009
ITA-09-02
ISSN 1681-9187
ep
ub
.o
ea
w
.ac
.at
/it
a/
ita
-m
an
us
cr
ip
t/i
ta
_0
9_
02
.p
df
manu:script
oder 1.2?
Das Web 2.0 und die Wissenschaft
Michael Nentwich
INSTITUT FÜR TECHNIKFOLGEN-ABSCHÄTZUNG
Wien, 11/2009
ITA-09-02
ISSN 1681-9187
ep
ub
.o
ea
w
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/it
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manu:script
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_________________________________________________________________________________________________________ manu:script (ITA-09-02)
http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-manuscript/ita_09_02.pdf
November/2009
(ITA-09-02)
Cyberscience 2.0 oder 1.2?
Das Web 2.0 und die Wissenschaft
Michael Nentwich
Keywords
Cyberscience, Web 2.0, social media, Twitter, Blogs, Wikipedia, Second Life,
social bookmarking, social tagging
Kurzfassung
Dieser Beitrag untersucht die Bedeutung des Web 2.0 für die Wissenschaft: Einleitend werden die
Begriffe Cyberscience sowie Web 2.0 beschrieben und zueinander in Beziehung gesetzt. Im Haupt-
teil werden typische Web 2.0-Dienste im Einsatz in der Wissenschaft untersucht: Soziale Netz-
werk-Dienste, virtuelle Welten, Wikipedia, (Micro-)Blogging sowie Social Tagging. Darauf auf-
bauend wird der Frage nachgegangen, wie funktional die Web 2.0-Dienste für die Forschungspra-
xis wären und welche potenziellen Folgen von deren hypothetischem, universellen Einsatz bislang
diskutiert werden. Der Beitrag kommt zu einer vorsichtigen, abwartenden Schlussfolgerung: An-
gesichts der Frühphase der Nutzung (viele Dienste sind weniger als drei Jahre im Einsatz und
wurden von den WissenschafterInnen kaum entdeckt) ist eine Potenzialabschätzung noch kaum
möglich. Freilich gibt es einige gewichtige Argumente, die sachlich gegen eine rapide Verbrei-
tung sprechen (Zeitmangel, fehlende Anreizsystem, mangelnde Nutzenerwartungen usw.). Während
erste Schritte auf dem Weg der Weiterentwicklung der Cyberscience bereits gesetzt worden
sind, erscheinen die möglichen Folgen für die Wissenschaft jedoch nicht wesentlich über das hi-
nauszugehen, was bereits vor dem „Hype“ des Web 2.0 absehbar war. Im Softwarejargon gespro-
chen, ist somit durch das Web 2.0 anstelle einer neuen „Release Cyberscience 2.0“ eher ein „Up-
date auf Cyberscience 1.2“ zu erwarten.
http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-manuscript/ita_09_02.pdf
November/2009
(ITA-09-02)
Cyberscience 2.0 oder 1.2?
Das Web 2.0 und die Wissenschaft
Michael Nentwich
Keywords
Cyberscience, Web 2.0, social media, Twitter, Blogs, Wikipedia, Second Life,
social bookmarking, social tagging
Kurzfassung
Dieser Beitrag untersucht die Bedeutung des Web 2.0 für die Wissenschaft: Einleitend werden die
Begriffe Cyberscience sowie Web 2.0 beschrieben und zueinander in Beziehung gesetzt. Im Haupt-
teil werden typische Web 2.0-Dienste im Einsatz in der Wissenschaft untersucht: Soziale Netz-
werk-Dienste, virtuelle Welten, Wikipedia, (Micro-)Blogging sowie Social Tagging. Darauf auf-
bauend wird der Frage nachgegangen, wie funktional die Web 2.0-Dienste für die Forschungspra-
xis wären und welche potenziellen Folgen von deren hypothetischem, universellen Einsatz bislang
diskutiert werden. Der Beitrag kommt zu einer vorsichtigen, abwartenden Schlussfolgerung: An-
gesichts der Frühphase der Nutzung (viele Dienste sind weniger als drei Jahre im Einsatz und
wurden von den WissenschafterInnen kaum entdeckt) ist eine Potenzialabschätzung noch kaum
möglich. Freilich gibt es einige gewichtige Argumente, die sachlich gegen eine rapide Verbrei-
tung sprechen (Zeitmangel, fehlende Anreizsystem, mangelnde Nutzenerwartungen usw.). Während
erste Schritte auf dem Weg der Weiterentwicklung der Cyberscience bereits gesetzt worden
sind, erscheinen die möglichen Folgen für die Wissenschaft jedoch nicht wesentlich über das hi-
nauszugehen, was bereits vor dem „Hype“ des Web 2.0 absehbar war. Im Softwarejargon gespro-
chen, ist somit durch das Web 2.0 anstelle einer neuen „Release Cyberscience 2.0“ eher ein „Up-
date auf Cyberscience 1.2“ zu erwarten.
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2 ______________________________________________________________________ Michael Nentwich
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
Inhalt
1 Die Ausgangspunkte ................................................................................................................................ 3
1.1 Cyberscience: Wissenschaft im Internetzeitalter ................................................................................ 3
1.2 Web 2.0: Die sogenannte „soziale“ Wende des Internet .................................................................... 4
2 Auf dem Weg zur Cyberscience 2.0? .................................................................................................... 7
2.1 Was bietet das Web 2.0 der Wissenschaft? ........................................................................................ 7
2.2 Das Web 2.0 in der wissenschaftlichen Praxis: Ausgewählte Beispiele............................................. 7
2.2.1 Soziale Netzwerke für WissenschafterInnen................................................................................ 8
2.2.2 Virtuelle Welten als Ort der Wissenschaft? ................................................................................. 9
2.2.3 Wikis und Online-Enzyklopädien .............................................................................................. 10
2.2.4 Blogs: Individueller Exhibitionismus oder Zukunftsmedium der Wissenschaft?..................... 11
2.2.5 Microblogging als neuer Kommunikationskanal der Wissenschaft? ........................................ 13
2.2.6 Tagging-Plattformen: Die Zukunft des Teilens von Informationen in der
Wissenschaft?.............................................................................................................................. 16
2.3 Annäherung an eine Potenzialabschätzung ...................................................................................... 17
2.3.1 Wie funktional ist das Web 2.0 für die Wissenschaften?........................................................... 17
2.3.2 Cyberscience 2.0 oder 1.2? Zu den möglichen Folgen des Web 2.0 für die
Wissenschaft ............................................................................................................................... 21
3 Ausblick ................................................................................................................................................... 25
Abkürzungen........................................................................................................................................... 26
Literatur ................................................................................................................................................... 27
Dieses Manuskript basiert auf der Keynote mit gleichem Titel, die der Autor auf der Meilenstein-
tagung des Forschungsverbundes „Interactive Science“ zum Thema „Kommunikationsformate und
ihre Dynamik in der digitalen Wissenschaftskommunikation“ in Rauischholzhausen (Deutschland)
am 9. September 2009 gehalten wurde.
Der Autor dankt der Volkswagen-Stiftung für finanzielle Unterstützung sowie Georg Aichholzer,
Knud Böhle, Thomas Gloning, Axel Kittenberger, Constanze Scherz, Jan Schmirmund, Stefan Strauß
und Helge Torgersen für ihr Feedback zu früheren Fassungen dieses Artikels.
IMPRESSUM
Medieninhaber:
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Juristische Person öffentlichen Rechts (BGBl 569/1921 idF BGBl I 130/2003)
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, A-1010 Wien
Herausgeber:
Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA)
Strohgasse 45/5, A-1030 Wien
http://www.oeaw.ac.at/ita
Die ITA-manu:scripts erscheinen unregelmäßig und dienen der Veröffentlichung
von Arbeitspapieren und Vorträgen von Institutsangehörigen und Gästen.
Die manu:scripts werden ausschließlich über das Internetportal „epub.oeaw“
der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt:
http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-manuscript
ITA-manuscript Nr.: ITA-09-02 (November/2009)
ISSN-online: 1818-6556
http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-manuscript/ita_09_02.pdf
©2009 ITA – Alle Rechte vorbehalten
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
Inhalt
1 Die Ausgangspunkte ................................................................................................................................ 3
1.1 Cyberscience: Wissenschaft im Internetzeitalter ................................................................................ 3
1.2 Web 2.0: Die sogenannte „soziale“ Wende des Internet .................................................................... 4
2 Auf dem Weg zur Cyberscience 2.0? .................................................................................................... 7
2.1 Was bietet das Web 2.0 der Wissenschaft? ........................................................................................ 7
2.2 Das Web 2.0 in der wissenschaftlichen Praxis: Ausgewählte Beispiele............................................. 7
2.2.1 Soziale Netzwerke für WissenschafterInnen................................................................................ 8
2.2.2 Virtuelle Welten als Ort der Wissenschaft? ................................................................................. 9
2.2.3 Wikis und Online-Enzyklopädien .............................................................................................. 10
2.2.4 Blogs: Individueller Exhibitionismus oder Zukunftsmedium der Wissenschaft?..................... 11
2.2.5 Microblogging als neuer Kommunikationskanal der Wissenschaft? ........................................ 13
2.2.6 Tagging-Plattformen: Die Zukunft des Teilens von Informationen in der
Wissenschaft?.............................................................................................................................. 16
2.3 Annäherung an eine Potenzialabschätzung ...................................................................................... 17
2.3.1 Wie funktional ist das Web 2.0 für die Wissenschaften?........................................................... 17
2.3.2 Cyberscience 2.0 oder 1.2? Zu den möglichen Folgen des Web 2.0 für die
Wissenschaft ............................................................................................................................... 21
3 Ausblick ................................................................................................................................................... 25
Abkürzungen........................................................................................................................................... 26
Literatur ................................................................................................................................................... 27
Dieses Manuskript basiert auf der Keynote mit gleichem Titel, die der Autor auf der Meilenstein-
tagung des Forschungsverbundes „Interactive Science“ zum Thema „Kommunikationsformate und
ihre Dynamik in der digitalen Wissenschaftskommunikation“ in Rauischholzhausen (Deutschland)
am 9. September 2009 gehalten wurde.
Der Autor dankt der Volkswagen-Stiftung für finanzielle Unterstützung sowie Georg Aichholzer,
Knud Böhle, Thomas Gloning, Axel Kittenberger, Constanze Scherz, Jan Schmirmund, Stefan Strauß
und Helge Torgersen für ihr Feedback zu früheren Fassungen dieses Artikels.
IMPRESSUM
Medieninhaber:
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Juristische Person öffentlichen Rechts (BGBl 569/1921 idF BGBl I 130/2003)
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, A-1010 Wien
Herausgeber:
Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA)
Strohgasse 45/5, A-1030 Wien
http://www.oeaw.ac.at/ita
Die ITA-manu:scripts erscheinen unregelmäßig und dienen der Veröffentlichung
von Arbeitspapieren und Vorträgen von Institutsangehörigen und Gästen.
Die manu:scripts werden ausschließlich über das Internetportal „epub.oeaw“
der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt:
http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-manuscript
ITA-manuscript Nr.: ITA-09-02 (November/2009)
ISSN-online: 1818-6556
http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-manuscript/ita_09_02.pdf
©2009 ITA – Alle Rechte vorbehalten
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1 Die Ausgangspunkte
1.1 Cyberscience: Wissenschaft im Internetzeitalter
Der Begriff „Cyberscience“ wurde vor etwas mehr als zehn Jahren geprägt (Wouters 1996; Tha-
gard 1997), von diesem Autor ausgearbeitet und definiert als „die wissenschaftlichen Aktivitäten in
dem mit Hilfe von Computer und I&K-Technologien entstehenden Informations- und Kommuni-
kationsraum, in dem sich die WissenschafterInnen zunehmend von ihrem Schreibtisch aus bewe-
gen“ (Nentwich 1999). Die Studie „Cyberscience. Research in the Age of the Internet“ (Nentwich
2003) konnte facettenreich empirisch und analytisch nachweisen, dass (1) der Übergang von der
traditionellen zur Cyber-Wissenschaft das Potential hat, in allen Dimensionen wissenschaftlicher
Aktivität einschließlich des organisatorischen Rahmens Veränderungen hervorzubringen, und dass
es sich dabei (2) um qualitative Veränderungen in der Wissenschaft handelt. Der Schwerpunkt der
Analyse lag noch vor sechs Jahren auf dem Übergang zu einem elektronischen Publikationssystem
(E-Journals, Multimedia, Hypertext, Qualitätssicherung, digitale Bibliotheken) und auf Internet-
basierten Formen der Kommunikation und Kooperation (E-Mail, elektronische Konferenzen, Group-
ware, virtuelle Institute, Collaboratories). Doch schon damals war klar, dass es sich bei diesem
Forschungsgegenstand um ein „moving target“, also ein bewegliches Ziel handelt, verging und
vergeht doch kaum ein Tag, an dem nicht neue E-Journale, neue Cyber-Kooperationen, neue In-
ternetwerkzeuge und -dienste auftauchen, die zumindest das Potenzial haben, die Art und Weise zu
verändern, wie WissenschafterInnen arbeiten.
2003 steckte das sogenannte Web 2.0 (siehe dazu unten 1.2) noch in den Kinderschuhen, während
es heute allgegenwärtig ist: Hunderttausende weltweit, darunter auch viele WissenschafterInnen,
sind Teil des mit enormen Raten wachsenden „sozialen Netzes“ geworden, das die neuen Dienste
fördern. In Ansätzen waren Phänomene, die man heute unter „Web 2.0“ subsumieren würde, be-
reits früher sichtbar: Einige wissenschaftliche Zeitschriften experimentierten mit offenen Begut-
achtungsverfahren, dem sogenannten „open peer commentary“ oder „open peer review“ (Pöschl
2004; 2007; 2009; Nentwich 2003, S. 371ff.; 2005; Nentwich/König 2009). Weiters wurde disku-
tiert, wie das in den Wissenschaften kumulierte Wissen in neuartigen Hyper-Wissensbasen gespei-
chert werden könnte, die kollaborativ gepflegt werden würden (Nentwich 2003, S. 270ff.). Aus-
führlich thematisiert wurde bereits damals das Phänomen, dass die LeserInnen zugleich in gewis-
sem Ausmaß auch zu AutorInnen werden, zu sogenannten „Wreadern“, mit der damit verbundenen
Konsequenz eines Anstiegs von Multi-Ko-Autorschaften bzw. eines Verschwindens der Zuorden-
barkeit von Autorschaft überhaupt (a.a.O., S. 293ff.). Dass die neuen Medien das Potenzial haben,
gleichsam neue Fenster in den Elfenbeinturm einzuschneiden und damit zur Auflösung der bis da-
hin strikten Grenzziehung zwischen wissenschaftsinterner und -externer Kommunikation beizutra-
gen (a.a.O., S. 458f.), war ebenfalls bereits erkennbar.
Diese damals weitgehend spekulativen Entwicklungen haben mit dem Aufkommen der Web 2.0-
Dienste entschieden an Dynamik gewonnen. Es bietet sich daher an zu fragen, welches (neue) Po-
tenzial und welchen (spezifischen) Einfluss die neuen Web 2.0-Dienste auf die Wissenschaft ha-
ben werden. Während in einem von der VW-Stiftung aktuell geförderten Projektverbund dafür der
Begriff „Interactive Science“ gewählt wurde1, läge es nahe, analog den Begriff „Cyberscience 2.0“
für die vom Web 2.0 beeinflusste Wissenschaft zu verwenden, ähnlich wie in Hinblick auf die po-
tenziellen Veränderungen im wissenschaftlichen Qualitätssicherungssystem der Begriff „Peer Re-
1 Siehe www.oeaw.ac.at/ita/interactive bzw. www.wissenschaftskommunikation.info.
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1 Die Ausgangspunkte
1.1 Cyberscience: Wissenschaft im Internetzeitalter
Der Begriff „Cyberscience“ wurde vor etwas mehr als zehn Jahren geprägt (Wouters 1996; Tha-
gard 1997), von diesem Autor ausgearbeitet und definiert als „die wissenschaftlichen Aktivitäten in
dem mit Hilfe von Computer und I&K-Technologien entstehenden Informations- und Kommuni-
kationsraum, in dem sich die WissenschafterInnen zunehmend von ihrem Schreibtisch aus bewe-
gen“ (Nentwich 1999). Die Studie „Cyberscience. Research in the Age of the Internet“ (Nentwich
2003) konnte facettenreich empirisch und analytisch nachweisen, dass (1) der Übergang von der
traditionellen zur Cyber-Wissenschaft das Potential hat, in allen Dimensionen wissenschaftlicher
Aktivität einschließlich des organisatorischen Rahmens Veränderungen hervorzubringen, und dass
es sich dabei (2) um qualitative Veränderungen in der Wissenschaft handelt. Der Schwerpunkt der
Analyse lag noch vor sechs Jahren auf dem Übergang zu einem elektronischen Publikationssystem
(E-Journals, Multimedia, Hypertext, Qualitätssicherung, digitale Bibliotheken) und auf Internet-
basierten Formen der Kommunikation und Kooperation (E-Mail, elektronische Konferenzen, Group-
ware, virtuelle Institute, Collaboratories). Doch schon damals war klar, dass es sich bei diesem
Forschungsgegenstand um ein „moving target“, also ein bewegliches Ziel handelt, verging und
vergeht doch kaum ein Tag, an dem nicht neue E-Journale, neue Cyber-Kooperationen, neue In-
ternetwerkzeuge und -dienste auftauchen, die zumindest das Potenzial haben, die Art und Weise zu
verändern, wie WissenschafterInnen arbeiten.
2003 steckte das sogenannte Web 2.0 (siehe dazu unten 1.2) noch in den Kinderschuhen, während
es heute allgegenwärtig ist: Hunderttausende weltweit, darunter auch viele WissenschafterInnen,
sind Teil des mit enormen Raten wachsenden „sozialen Netzes“ geworden, das die neuen Dienste
fördern. In Ansätzen waren Phänomene, die man heute unter „Web 2.0“ subsumieren würde, be-
reits früher sichtbar: Einige wissenschaftliche Zeitschriften experimentierten mit offenen Begut-
achtungsverfahren, dem sogenannten „open peer commentary“ oder „open peer review“ (Pöschl
2004; 2007; 2009; Nentwich 2003, S. 371ff.; 2005; Nentwich/König 2009). Weiters wurde disku-
tiert, wie das in den Wissenschaften kumulierte Wissen in neuartigen Hyper-Wissensbasen gespei-
chert werden könnte, die kollaborativ gepflegt werden würden (Nentwich 2003, S. 270ff.). Aus-
führlich thematisiert wurde bereits damals das Phänomen, dass die LeserInnen zugleich in gewis-
sem Ausmaß auch zu AutorInnen werden, zu sogenannten „Wreadern“, mit der damit verbundenen
Konsequenz eines Anstiegs von Multi-Ko-Autorschaften bzw. eines Verschwindens der Zuorden-
barkeit von Autorschaft überhaupt (a.a.O., S. 293ff.). Dass die neuen Medien das Potenzial haben,
gleichsam neue Fenster in den Elfenbeinturm einzuschneiden und damit zur Auflösung der bis da-
hin strikten Grenzziehung zwischen wissenschaftsinterner und -externer Kommunikation beizutra-
gen (a.a.O., S. 458f.), war ebenfalls bereits erkennbar.
Diese damals weitgehend spekulativen Entwicklungen haben mit dem Aufkommen der Web 2.0-
Dienste entschieden an Dynamik gewonnen. Es bietet sich daher an zu fragen, welches (neue) Po-
tenzial und welchen (spezifischen) Einfluss die neuen Web 2.0-Dienste auf die Wissenschaft ha-
ben werden. Während in einem von der VW-Stiftung aktuell geförderten Projektverbund dafür der
Begriff „Interactive Science“ gewählt wurde1, läge es nahe, analog den Begriff „Cyberscience 2.0“
für die vom Web 2.0 beeinflusste Wissenschaft zu verwenden, ähnlich wie in Hinblick auf die po-
tenziellen Veränderungen im wissenschaftlichen Qualitätssicherungssystem der Begriff „Peer Re-
1 Siehe www.oeaw.ac.at/ita/interactive bzw. www.wissenschaftskommunikation.info.
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view 2.0“ angezeigt scheint (Nentwich/König 2009). Vor einem ähnlichen Hintergrund erfolgte
auch die Begriffsbildung „Scholarship 2.0“, der für neue wissenschaftliche Publikationsformen ge-
prägt wurde,2 sowie „Science 2.0“ – ein Begriff, der nach der Wahrnehmung dieses Autors biswei-
len nur als Gegenbegriff zu „Science 1.0“, also der traditionellen Wissenschaft verwendet wird und
damit eher dem Terminus „Cyberscience (1.0)“ entspricht; freilich taucht der Ausdruck „Science
2.0“ auch im Zusammenhang mit dem Dienst ResearchGATE (siehe 2.2.1) auf, der explizit das
Modell der neuen sozialen Netzwerke des Web 2.0 auf den Aufbau einer wissenschaftlichen Com-
munity anwendet; Waldrop (2008) hingegen spricht von Science 2.0 explizit im Zusammenhang
mit Web 2.0 und definiert folgendermaßen: „Science 2.0 generally refers to new practices of scien-
tists who post raw experimental results, nascent theories, claims of discovery and draft papers on
the Web for others to see and comment on“. Der parallele Begriff „Wissenschaft 2.0“ wird ähnlich
gebraucht (z. B. von Bry/Herwig 2009). Auch unter den Stichworten „Bibliothek 2.0“ (vgl. Da-
nowski/Heller 2006) oder „Library 2.0“ (Casey/Savastinuk 2006) wird die Zukunft der (digitalen)
Bibliothek in Hinblick auf Web 2.0-Applikationen diskutiert. Schließlich findet sich bisweilen der
Ausdruck „Publication 2.0“ (etwa in einer „Group“ bei ResearchGATE), womit wahlweise das
wissenschaftliche Publizieren mit Open Peer Review oder mit Open Access gemeint ist.
Angesichts der oben referierten Beobachtungen, die bereits vor dem Aufkommen des sogenannten
Web 2.0 gemacht werden konnten, ist diese Begriffsbildung freilich keineswegs zwingend – ähn-
lich wie Tim Berners-Lee den Begriff „Web 2.0“ kritisiert, weil auch dem ursprüngliche „Web (1.0)“
dasselbe Netzwerkverständnis zugrunde lag (Berners-Lee 2006). Ob das Label „Cyberscience 2.0“
tatsächlich angemessen erscheint, weil qualitativ neue Aspekte hinzukommen, und damit die be-
griffliche Abgrenzung – und modische, aus der Softwareentwicklung entlehnte Begriffsbildung –
gerechtfertigt ist, wird sich im Laufe der Untersuchung zeigen (siehe Abschnitt 2.3.2).
1.2 Web 2.0: Die sogenannte „soziale“ Wende des Internet
Der Begriff „Web 2.0“ dürfte Ende 2003 in einem IT-Manager-Magazin geprägt worden sein
(Knorr 2003). Ursprünglich ging es eigentlich um ein neues Softwaremodell („web services“ und
„outsourcing“) und davon abgeleitet um ein ökonomisches Modell, das darauf basiert, dass die
Software nicht mehr aufwändig in geschlossenen Nutzergruppen getestet wird, bevor sie veröffent-
licht wird, sondern quasi ständig im „Beta-Stadium“ verbleibt und durch aktive NutzerInnen und
deren Feedback laufend verbessert wird, wobei täglich neue Versionen keine Seltenheit sind (siehe
etwa O’Reilly 2005). Einige wesentliche Charakteristika dieser als neue Phase des Internets ge-
hypten Innovationen und Dienstebündel – deshalb die aus dem Softwarejargon stammende Num-
merierung mit der Dezimalzahl 2.0 für eine neue, wesentlich veränderte Version – sind insbeson-
dere aus technischer Sicht: Das Web wird als „Plattform“ (und nicht mehr bloß als großer Daten-
speicher) verstanden: Nicht mehr nur die Inhalte, teilweise auch die Software selbst liegt aus Nut-
zersicht nicht mehr auf dem lokalen Rechner, womit das Ziel des ortsunabhängigen, interaktiven
Zugriffs verwirklicht wird. Durch die neue Softwarearchitektur wird es ermöglicht, in bislang nie
dagewesenem Ausmaß nicht nur Inhalte von verschiedenen Punkten des Netzes zu kombinieren,
sondern darüber hinaus auch Software(-module). Software und/oder Inhalte verschmelzen in ge-
wisser Weise und werden zu sogenannten „Mash-ups“ rekombiniert, also Internetseiten, bei denen
die verschiedenen Teile (Graphiken, Texte, Datenbankinhalte, Software, interaktive Elemente etc.)
aus unterschiedlichen Quellen stammen.
2 scholarship20.blogspot.com.
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
view 2.0“ angezeigt scheint (Nentwich/König 2009). Vor einem ähnlichen Hintergrund erfolgte
auch die Begriffsbildung „Scholarship 2.0“, der für neue wissenschaftliche Publikationsformen ge-
prägt wurde,2 sowie „Science 2.0“ – ein Begriff, der nach der Wahrnehmung dieses Autors biswei-
len nur als Gegenbegriff zu „Science 1.0“, also der traditionellen Wissenschaft verwendet wird und
damit eher dem Terminus „Cyberscience (1.0)“ entspricht; freilich taucht der Ausdruck „Science
2.0“ auch im Zusammenhang mit dem Dienst ResearchGATE (siehe 2.2.1) auf, der explizit das
Modell der neuen sozialen Netzwerke des Web 2.0 auf den Aufbau einer wissenschaftlichen Com-
munity anwendet; Waldrop (2008) hingegen spricht von Science 2.0 explizit im Zusammenhang
mit Web 2.0 und definiert folgendermaßen: „Science 2.0 generally refers to new practices of scien-
tists who post raw experimental results, nascent theories, claims of discovery and draft papers on
the Web for others to see and comment on“. Der parallele Begriff „Wissenschaft 2.0“ wird ähnlich
gebraucht (z. B. von Bry/Herwig 2009). Auch unter den Stichworten „Bibliothek 2.0“ (vgl. Da-
nowski/Heller 2006) oder „Library 2.0“ (Casey/Savastinuk 2006) wird die Zukunft der (digitalen)
Bibliothek in Hinblick auf Web 2.0-Applikationen diskutiert. Schließlich findet sich bisweilen der
Ausdruck „Publication 2.0“ (etwa in einer „Group“ bei ResearchGATE), womit wahlweise das
wissenschaftliche Publizieren mit Open Peer Review oder mit Open Access gemeint ist.
Angesichts der oben referierten Beobachtungen, die bereits vor dem Aufkommen des sogenannten
Web 2.0 gemacht werden konnten, ist diese Begriffsbildung freilich keineswegs zwingend – ähn-
lich wie Tim Berners-Lee den Begriff „Web 2.0“ kritisiert, weil auch dem ursprüngliche „Web (1.0)“
dasselbe Netzwerkverständnis zugrunde lag (Berners-Lee 2006). Ob das Label „Cyberscience 2.0“
tatsächlich angemessen erscheint, weil qualitativ neue Aspekte hinzukommen, und damit die be-
griffliche Abgrenzung – und modische, aus der Softwareentwicklung entlehnte Begriffsbildung –
gerechtfertigt ist, wird sich im Laufe der Untersuchung zeigen (siehe Abschnitt 2.3.2).
1.2 Web 2.0: Die sogenannte „soziale“ Wende des Internet
Der Begriff „Web 2.0“ dürfte Ende 2003 in einem IT-Manager-Magazin geprägt worden sein
(Knorr 2003). Ursprünglich ging es eigentlich um ein neues Softwaremodell („web services“ und
„outsourcing“) und davon abgeleitet um ein ökonomisches Modell, das darauf basiert, dass die
Software nicht mehr aufwändig in geschlossenen Nutzergruppen getestet wird, bevor sie veröffent-
licht wird, sondern quasi ständig im „Beta-Stadium“ verbleibt und durch aktive NutzerInnen und
deren Feedback laufend verbessert wird, wobei täglich neue Versionen keine Seltenheit sind (siehe
etwa O’Reilly 2005). Einige wesentliche Charakteristika dieser als neue Phase des Internets ge-
hypten Innovationen und Dienstebündel – deshalb die aus dem Softwarejargon stammende Num-
merierung mit der Dezimalzahl 2.0 für eine neue, wesentlich veränderte Version – sind insbeson-
dere aus technischer Sicht: Das Web wird als „Plattform“ (und nicht mehr bloß als großer Daten-
speicher) verstanden: Nicht mehr nur die Inhalte, teilweise auch die Software selbst liegt aus Nut-
zersicht nicht mehr auf dem lokalen Rechner, womit das Ziel des ortsunabhängigen, interaktiven
Zugriffs verwirklicht wird. Durch die neue Softwarearchitektur wird es ermöglicht, in bislang nie
dagewesenem Ausmaß nicht nur Inhalte von verschiedenen Punkten des Netzes zu kombinieren,
sondern darüber hinaus auch Software(-module). Software und/oder Inhalte verschmelzen in ge-
wisser Weise und werden zu sogenannten „Mash-ups“ rekombiniert, also Internetseiten, bei denen
die verschiedenen Teile (Graphiken, Texte, Datenbankinhalte, Software, interaktive Elemente etc.)
aus unterschiedlichen Quellen stammen.
2 scholarship20.blogspot.com.
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Die im hiesigen Zusammenhang wesentlichste Charakteristik betrifft die „Architektur des Mitma-
chens“. Damit ist gemeint, dass sowohl auf der technischen Seite des Programmierens als auch auf
der Seite der NutzerInnen dezentral beigetragen wird – Bruns (2008) spricht hier von „Produsage“.
Im Zusammenhang mit dem Erstellen neuer Softwaremodule im Web 2.0 spricht man vom „Crowd-
sourcing“ (oder Schwarmauslagerung), bei dem die Entwicklungsarbeit auf unentgeltlich arbeiten-
de Freizeit-ProgrammiererInnen im Internet ausgelagert wird.3 Doch auch die solcherart entstan-
denen Produkte sind darauf angelegt, dass nicht zentral gewartete Inhalte zur Verfügung gestellt
werden, sondern auch die Inhalte von den NutzerInnen selbst geschaffen und weiterentwickelt
werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von „user generated content“. Statt die Angebote
nur passiv zu konsumieren, profitieren die Web 2.0-Angebote davon, dass die NutzerInnen die be-
reit gestellten Tools (inter-)aktiv nutzen und selbst mitgestalten. Was dabei entsteht, ist in her-
kömmlichen Urheberrechtsbegriffen schwer fassbar, daher geht diese Entwicklung einher mit der
„Open-Content“-Bewegung, die diese Wieder- und Nachnutzung und das freie Kombinieren un-
terstützt. Auch im wissenschaftlichen Bereich hat sich dazu „Science Commons“ als Teil von
„Creative Commons“ etabliert (Wilbanks 2005).
Ein paar Beispiele für typische Web 2.0-Anwendungen: Auf speziellen Plattformen entstehen neu-
artige soziale Netzwerke, die niemand quasi top-down initiiert, verwaltet und „zusammenhält“,
sondern die bottom-up mehr oder weniger spontan entstehen. InternetnutzerInnen, die gemeinsame
Interessen teilen, erhalten auf besonders einfache Weise die Möglichkeit, sich selbst im Netz dar-
zustellen und mit anderen zu vernetzen (siehe Abschnitt 2.2.1). Ebenfalls Teil des Web 2.0 sind
jene Applikationen, die es den NutzerInnen ermöglichen, selbst und unkompliziert zum/zur Au-
tor/in zu werden, also insbesondere die sogenannten Web-Tagebücher („Weblogs“ oder kurz
„Blogs“; siehe Abschnitt 2.2.4), Microblogging-Dienste, also Dienste zum Versenden von kurzen,
tagebucheintragsähnlichen Meldungen (siehe Abschnitt 2.2.5), und alle Formen von Wikis, also
kollaborative und im Gegensatz zu den früheren Groupware-Anwendungen öffentliche Schreib-
umgebungen. Das bekannteste Beispiel ist Wikipedia, eine weltweit durch potenziell alle Nutze-
rInnen erstellte freie Enzyklopädie (siehe Abschnitt 2.2.3). Ebenfalls dem Teilen von Wissen, aber
ohne selbst primäre Inhalte zu erstellen, dient eine weitere Gruppe typischer Web 2.0-Anwendun-
gen, nämlich die thematische Sammlung von Links zu Webseiten und Online-Publikationen durch
„social bookmarking“ (siehe Abschnitt 2.2.5). Dadurch entstehen die sogenannten „Folksonomien“,
die im neuen Netz die herkömmlichen, zentral kontrollierten und von SpezialistInnen gewarteten
Taxonomien ersetzen bzw. ergänzen.4 Jedenfalls dann, wenn sie nicht von professionellen Me-
dienunternehmen angeboten werden, werden zum Web 2.0 auch Podcasts gezählt, also über das
Internet angebotene Serien von Audio- oder Videodateien. Ein weiterer Bereich des Web 2.0 sind
virtuelle Welten (siehe Abschnitt 2.2.2), die ebenfalls durch ihre NutzerInnen und deren Online-
verhalten gestaltet und geprägt werden.
3 Bry und Herwig (2009, 31) verwenden den Begriff des „Crowdsourcing“ (in Hinblick auf das Konzept der
„Open Innovation“) auch für die Auslagerung von „Forschungsarbeit an eine große, kaum definierte Masse“.
4 Durch freies Verschlagworten („collaborative tagging“ oder „social tagging“) werden Webinhalten Deskrip-
toren ohne Regeln von den NutzerInnen zugeordnet und anderen zugänglich gemacht; durch die Menge
und Gewichtung auf Basis der Häufigkeit der vergebenen Begriffe werden die „getaggten“ Elemente (z. B.
Webseiten oder Publikationen) umfassend, wenngleich „unprofessionell“ erschlossen (vgl. Bruns 2008).
_________________________________________________________________________________________________________ manu:script (ITA-09-02)
Die im hiesigen Zusammenhang wesentlichste Charakteristik betrifft die „Architektur des Mitma-
chens“. Damit ist gemeint, dass sowohl auf der technischen Seite des Programmierens als auch auf
der Seite der NutzerInnen dezentral beigetragen wird – Bruns (2008) spricht hier von „Produsage“.
Im Zusammenhang mit dem Erstellen neuer Softwaremodule im Web 2.0 spricht man vom „Crowd-
sourcing“ (oder Schwarmauslagerung), bei dem die Entwicklungsarbeit auf unentgeltlich arbeiten-
de Freizeit-ProgrammiererInnen im Internet ausgelagert wird.3 Doch auch die solcherart entstan-
denen Produkte sind darauf angelegt, dass nicht zentral gewartete Inhalte zur Verfügung gestellt
werden, sondern auch die Inhalte von den NutzerInnen selbst geschaffen und weiterentwickelt
werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von „user generated content“. Statt die Angebote
nur passiv zu konsumieren, profitieren die Web 2.0-Angebote davon, dass die NutzerInnen die be-
reit gestellten Tools (inter-)aktiv nutzen und selbst mitgestalten. Was dabei entsteht, ist in her-
kömmlichen Urheberrechtsbegriffen schwer fassbar, daher geht diese Entwicklung einher mit der
„Open-Content“-Bewegung, die diese Wieder- und Nachnutzung und das freie Kombinieren un-
terstützt. Auch im wissenschaftlichen Bereich hat sich dazu „Science Commons“ als Teil von
„Creative Commons“ etabliert (Wilbanks 2005).
Ein paar Beispiele für typische Web 2.0-Anwendungen: Auf speziellen Plattformen entstehen neu-
artige soziale Netzwerke, die niemand quasi top-down initiiert, verwaltet und „zusammenhält“,
sondern die bottom-up mehr oder weniger spontan entstehen. InternetnutzerInnen, die gemeinsame
Interessen teilen, erhalten auf besonders einfache Weise die Möglichkeit, sich selbst im Netz dar-
zustellen und mit anderen zu vernetzen (siehe Abschnitt 2.2.1). Ebenfalls Teil des Web 2.0 sind
jene Applikationen, die es den NutzerInnen ermöglichen, selbst und unkompliziert zum/zur Au-
tor/in zu werden, also insbesondere die sogenannten Web-Tagebücher („Weblogs“ oder kurz
„Blogs“; siehe Abschnitt 2.2.4), Microblogging-Dienste, also Dienste zum Versenden von kurzen,
tagebucheintragsähnlichen Meldungen (siehe Abschnitt 2.2.5), und alle Formen von Wikis, also
kollaborative und im Gegensatz zu den früheren Groupware-Anwendungen öffentliche Schreib-
umgebungen. Das bekannteste Beispiel ist Wikipedia, eine weltweit durch potenziell alle Nutze-
rInnen erstellte freie Enzyklopädie (siehe Abschnitt 2.2.3). Ebenfalls dem Teilen von Wissen, aber
ohne selbst primäre Inhalte zu erstellen, dient eine weitere Gruppe typischer Web 2.0-Anwendun-
gen, nämlich die thematische Sammlung von Links zu Webseiten und Online-Publikationen durch
„social bookmarking“ (siehe Abschnitt 2.2.5). Dadurch entstehen die sogenannten „Folksonomien“,
die im neuen Netz die herkömmlichen, zentral kontrollierten und von SpezialistInnen gewarteten
Taxonomien ersetzen bzw. ergänzen.4 Jedenfalls dann, wenn sie nicht von professionellen Me-
dienunternehmen angeboten werden, werden zum Web 2.0 auch Podcasts gezählt, also über das
Internet angebotene Serien von Audio- oder Videodateien. Ein weiterer Bereich des Web 2.0 sind
virtuelle Welten (siehe Abschnitt 2.2.2), die ebenfalls durch ihre NutzerInnen und deren Online-
verhalten gestaltet und geprägt werden.
3 Bry und Herwig (2009, 31) verwenden den Begriff des „Crowdsourcing“ (in Hinblick auf das Konzept der
„Open Innovation“) auch für die Auslagerung von „Forschungsarbeit an eine große, kaum definierte Masse“.
4 Durch freies Verschlagworten („collaborative tagging“ oder „social tagging“) werden Webinhalten Deskrip-
toren ohne Regeln von den NutzerInnen zugeordnet und anderen zugänglich gemacht; durch die Menge
und Gewichtung auf Basis der Häufigkeit der vergebenen Begriffe werden die „getaggten“ Elemente (z. B.
Webseiten oder Publikationen) umfassend, wenngleich „unprofessionell“ erschlossen (vgl. Bruns 2008).
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6 ______________________________________________________________________ Michael Nentwich
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass das sogenannte Web 2.0 vor allem auf je-
nen, schon im frühen Internet angelegten Elementen aufbaut, die Interaktivität und das gemeinsa-
me Produzieren von Inhalten fördern. Während das frühe Internet – mit gewissen Ausnahmen wie
etwa den Diskussionslisten – weitgehend ein Top-Down-Medium war, in dem etablierte bzw. sich
neu etablierende, aber relativ wenige Anbieter Content bereitstellten (klassische „one-to-many“-
Kommunikation), liegt der Schwerpunkt der Entwicklung jetzt darauf, dass zusätzlich zu weiterhin
bestehenden klassischen Kommunikationsformen praktisch jede/r zum Anbieter werden kann
(„many-to-many“-Kommunikation) und dadurch der Content in gewisser Weise „vergemeinschaf-
tet“ wird. Vor allem durch die mittlerweile stark gestiegene Bandbreite der durchschnittlichen In-
ternetverbindung sind vielen neuartigen Diensten erst nutzbar geworden und konnten damit gesell-
schaftlich relevant werden. Gemeinsam mit der Entstehung der neuen sozialen Netzwerke und On-
line-Communities rechtfertigt dieses Phänomen das Schlagwort von der „sozialen Wende“ des In-
ternet.
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass das sogenannte Web 2.0 vor allem auf je-
nen, schon im frühen Internet angelegten Elementen aufbaut, die Interaktivität und das gemeinsa-
me Produzieren von Inhalten fördern. Während das frühe Internet – mit gewissen Ausnahmen wie
etwa den Diskussionslisten – weitgehend ein Top-Down-Medium war, in dem etablierte bzw. sich
neu etablierende, aber relativ wenige Anbieter Content bereitstellten (klassische „one-to-many“-
Kommunikation), liegt der Schwerpunkt der Entwicklung jetzt darauf, dass zusätzlich zu weiterhin
bestehenden klassischen Kommunikationsformen praktisch jede/r zum Anbieter werden kann
(„many-to-many“-Kommunikation) und dadurch der Content in gewisser Weise „vergemeinschaf-
tet“ wird. Vor allem durch die mittlerweile stark gestiegene Bandbreite der durchschnittlichen In-
ternetverbindung sind vielen neuartigen Diensten erst nutzbar geworden und konnten damit gesell-
schaftlich relevant werden. Gemeinsam mit der Entstehung der neuen sozialen Netzwerke und On-
line-Communities rechtfertigt dieses Phänomen das Schlagwort von der „sozialen Wende“ des In-
ternet.
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Cyberscience 2.0 oder 1.2? ________________________________________________________________ 7
_________________________________________________________________________________________________________ manu:script (ITA-09-02)
2 Auf dem Weg zur Cyberscience 2.0?
2.1 Was bietet das Web 2.0 der Wissenschaft?
Wie schon einleitend angedeutet, gab es bereits in der vorigen Phase des Internet Ansätze zu sozia-
len Netzwerkdiensten, die erahnen ließen, das im Internet auch das Potenzial zu einer Neugestal-
tung oder Anpassung der kommunikativen und kollaborativen Beziehungen innerhalb der Wissen-
schaft steckt. Blickt man auf die oben in Abschnitt 1.2 kurz beschriebenen neuen Phänomene, die
unter dem Kürzel Web 2.0 zusammengefasst werden, so wird schnell klar, dass die durch E-Mail,
Diskussionslisten, Videokonferenzen, Groupware usw. angelegten Veränderungen, die uns zum
Befund der Cyberscience veranlassten, verstärkt werden bzw. diesen erst zum nachhaltigen Erfolg
verhelfen könnten.
Gerade der Aufbau kollaborativer Wissensressourcen (oder das netzbasierte kooperative Schrei-
ben5) haben ganz offensichtlich großes Anwendungspotenzial in den Wissenschaften, was auch das
prinzipiell große Interesse der WissenschafterInnen daran unterstreicht. Virtuelle Welten könnten
die bislang vornehmlich textbasierte Distanzkommunikation in der Wissenschaft bereichern und
vielleicht sogar den Durchbruch bei der Abhaltung elektronischer Konferenzen darstellen. Gleich-
zeitig entstehen völlig neue Mikro-Publikationsformen, deren Auswirkungen auf die formelle und
informelle Kommunikation unter WissenschafterInnen noch wenig untersucht sind. Schließlich er-
scheinen jene Tools, die das Teilen von Informationen erleichtern, auch für das Unternehmen Wis-
senschaft interessant, da es im Ganzen wie auch innerhalb von Arbeitsgruppen auf Kooperation
und das Zurverfügungstellen von Informations- und Wissensbausteinen angewiesen ist.
In der Folge werden einige dieser neuen Anwendungen einer näheren, wenngleich noch sehr vor-
läufigen Analyse unterzogen. Schließlich gilt auch für die Fortentwicklung von Cyberscience, was
schon zuvor gegolten hat: Wir haben es mit einem sehr beweglichen Untersuchungsobjekt zu tun,
denn die Anwendungen, wie auch die alltäglichen Praxen verändern sich laufend.
2.2 Das Web 2.0 in der wissenschaftlichen Praxis:
Ausgewählte Beispiele
Die folgende Darstellung von wissenschaftsspezifischen Web 2.0-Diensten kann angesichts der
Breite und Dynamik des Angebots nur einige Beispiele benennen. Die Identifikation der in Frage
kommenden Dienste erfolgte durch eine Internet- und Literaturrecherche sowie durch Einbezie-
hung von Web 2.0-ExpertInnen im Rahmen des Projekts „Interactive Science“. Leitend für die
Auswahl in diesem Artikel war neben den aktuellen Nutzungszahlen in der Wissenschaft und einer
gewissen Vertrautheit des Autors vor allem das Vorhandensein von ersten Untersuchungen zu die-
sen Diensten, was deren potenzielle Bedeutung für die wissenschaftliche Praxis anbelangt. Wäh-
rend das erste Beispiel die Kernidee der sozialen Netzwerke direkt auf die Population der Wissen-
schafterInnen zu übertragen und weiterzuentwickeln versucht (2.2.1), geht es in den folgenden
Abschnitten zum einen um Dienste, die die Kooperation unter ForscherInnen, sei es in einer virtu-
5 Wie z. B. in dem noch für 2009 angekündigten Google Wave (wave.google.com); einen ersten Überblick
aus Sicht der potenziellen Nutzung durch die Wissenschaft gab Puschmann (2009).
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2 Auf dem Weg zur Cyberscience 2.0?
2.1 Was bietet das Web 2.0 der Wissenschaft?
Wie schon einleitend angedeutet, gab es bereits in der vorigen Phase des Internet Ansätze zu sozia-
len Netzwerkdiensten, die erahnen ließen, das im Internet auch das Potenzial zu einer Neugestal-
tung oder Anpassung der kommunikativen und kollaborativen Beziehungen innerhalb der Wissen-
schaft steckt. Blickt man auf die oben in Abschnitt 1.2 kurz beschriebenen neuen Phänomene, die
unter dem Kürzel Web 2.0 zusammengefasst werden, so wird schnell klar, dass die durch E-Mail,
Diskussionslisten, Videokonferenzen, Groupware usw. angelegten Veränderungen, die uns zum
Befund der Cyberscience veranlassten, verstärkt werden bzw. diesen erst zum nachhaltigen Erfolg
verhelfen könnten.
Gerade der Aufbau kollaborativer Wissensressourcen (oder das netzbasierte kooperative Schrei-
ben5) haben ganz offensichtlich großes Anwendungspotenzial in den Wissenschaften, was auch das
prinzipiell große Interesse der WissenschafterInnen daran unterstreicht. Virtuelle Welten könnten
die bislang vornehmlich textbasierte Distanzkommunikation in der Wissenschaft bereichern und
vielleicht sogar den Durchbruch bei der Abhaltung elektronischer Konferenzen darstellen. Gleich-
zeitig entstehen völlig neue Mikro-Publikationsformen, deren Auswirkungen auf die formelle und
informelle Kommunikation unter WissenschafterInnen noch wenig untersucht sind. Schließlich er-
scheinen jene Tools, die das Teilen von Informationen erleichtern, auch für das Unternehmen Wis-
senschaft interessant, da es im Ganzen wie auch innerhalb von Arbeitsgruppen auf Kooperation
und das Zurverfügungstellen von Informations- und Wissensbausteinen angewiesen ist.
In der Folge werden einige dieser neuen Anwendungen einer näheren, wenngleich noch sehr vor-
läufigen Analyse unterzogen. Schließlich gilt auch für die Fortentwicklung von Cyberscience, was
schon zuvor gegolten hat: Wir haben es mit einem sehr beweglichen Untersuchungsobjekt zu tun,
denn die Anwendungen, wie auch die alltäglichen Praxen verändern sich laufend.
2.2 Das Web 2.0 in der wissenschaftlichen Praxis:
Ausgewählte Beispiele
Die folgende Darstellung von wissenschaftsspezifischen Web 2.0-Diensten kann angesichts der
Breite und Dynamik des Angebots nur einige Beispiele benennen. Die Identifikation der in Frage
kommenden Dienste erfolgte durch eine Internet- und Literaturrecherche sowie durch Einbezie-
hung von Web 2.0-ExpertInnen im Rahmen des Projekts „Interactive Science“. Leitend für die
Auswahl in diesem Artikel war neben den aktuellen Nutzungszahlen in der Wissenschaft und einer
gewissen Vertrautheit des Autors vor allem das Vorhandensein von ersten Untersuchungen zu die-
sen Diensten, was deren potenzielle Bedeutung für die wissenschaftliche Praxis anbelangt. Wäh-
rend das erste Beispiel die Kernidee der sozialen Netzwerke direkt auf die Population der Wissen-
schafterInnen zu übertragen und weiterzuentwickeln versucht (2.2.1), geht es in den folgenden
Abschnitten zum einen um Dienste, die die Kooperation unter ForscherInnen, sei es in einer virtu-
5 Wie z. B. in dem noch für 2009 angekündigten Google Wave (wave.google.com); einen ersten Überblick
aus Sicht der potenziellen Nutzung durch die Wissenschaft gab Puschmann (2009).
Page 10
8 ______________________________________________________________________ Michael Nentwich
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
ellen Welt (2.2.2) oder beim Aufbau eines Wissensspeichers (2.2.3), sei es beim Teilen von Infor-
mationen (microblogging, 2.2.5 und social tagging, 2.2.5) unterstützen, zum anderen um Web 2.0-
spezifische neue Publikationsformen (Blogs, 2.2.4).6
2.2.1 Soziale Netzwerke für WissenschafterInnen
Es lag auf der Hand zu versuchen, das Modell der neuen sozialen Netzwerke des Web 2.0 – wie
das bekannte, hauptsächlich für private Interessen genutzte Facebook oder die auf Geschäftskon-
takte spezialisierte Xing oder LinkedIn7 – auf den Aufbau einer wissenschaftlichen Community an-
zuwenden. Mittlerweile gibt es bereits mehrere solcher Versuche: Nature Networks, angeboten
vom gleichnamigen Verlag, in dem unter anderem Blogs, Jobs und themenspezifische Foren ange-
boten werden; Academia.edu, das ursprünglich vor allem ein weltweites Verzeichnis von Universi-
täten und Forschungseinrichtungen samt ForscherInnen aufbauen wollte, mittlerweile aber auch
Facebook-ähnliche Dienste anbietet (und offenbar technisch direkt mit Facebook kooperiert); Sci-
Link; Mendeley und Labmeeting, die sich auf den Austausch von wissenschaftlichen Artikeln kon-
zentrieren; die viel kleineren Research Cooperative und ScholarZ.net8; sowie, vermutlich derzeit
am schnellsten wachsend, ResearchGATE9. Bei all diesen Diensten handelt es sich im Kern um ein
„Adressbuch {bei dem} die eingetragenen Personen ihre Kontaktdaten selbst pflegen“ (Bry/Herwig
2009, 30) und welches durch zahlreiche Zusatzdienste ergänzt wird. Dies soll anhand eines Bei-
spiels näher dargestellt werden.
Schon nach etwas mehr als einem Jahr (Gründung im Mai 2008) zählt ResearchGATE beachtliche
150.000 Mitglieder, wobei ca. 30 % aktiv sein dürften (laut Interview mit einem der Gründer, zi-
tiert in Hofmayer/Wieselberg 2009). Mitglieder des Netzwerks beschreiben sich mit ihrem Profil,
in dem sie zwar ähnlich wie bei vergleichbaren Netzwerken auch private Interessen und derglei-
chen bekannt geben können, der Schwerpunkt liegt aber auf forschungsrelevanten Daten, von der
Zuordnung zu wissenschaftlichen Disziplinen, über die Bekanntgabe von Forschungsschwerpunk-
ten bis zu Listen von eigenen Projekten und Publikationen. Die Mitglieder werden auch aufgefor-
dert, Bibliographien (etwa EndNote-Dateien) hoch zu laden, um sie mit anderen zu teilen. Die Li-
teraturzitate können durch die UserInnen auch (auf einer fünfteiligen Skala) bewertet werden. Re-
searchGATE schlägt den WissenschafterInnen auf Basis ihres Profils (sog. „semantisches Mat-
ching“) bei jedem Einstieg auf der Website, aber auch beim Suchen und Browsen relevante neue
Literatur, interessante potenzielle Kontakte usw. vor. Über Einladungen an andere TeilnehmerIn-
nen von ResearchGATE (sowie an Noch-Nicht-TeilnehmerInnen außerhalb) kann man sich ein
persönliches Netzwerk aus „Kontakten“ aufbauen; das so entstehende Netzwerk lässt sich über eine
interaktive Graphik visualisieren. Innerhalb des Netzwerks kann man auf unterschiedliche Arten
kommunizieren, sowohl über direkte (Web-)Mails als auch über Foren von sogenannten „Grup-
pen“. Das sind thematisch orientierte Zusammenschlüsse von WissenschafterInnen, die dem Aus-
6 Bry und Herwig (2009) nennen neben den hier auch untersuchten Gruppen (Wikis, Blogs, soziale Netz-
werkdienste, Tagging-Plattformen) weiters „Online-Märkte“ („Forschungs- und Entwicklungsmärkte wie
Eureka oder InnoCentive“), die hier nicht weiter untersucht werden.
7 Facebook (www.facebook.com); Xing (www.xing.com); LinkedIn (www.linkedin.com).
8 Nature Networks (network.nature.com); Academia.edu (www.academia.edu); SciLink (www.scilink.com);
Mendeley (www.mendeley.com); Labmeeting (www.labmeeting.com);
Research Cooperative (cooperative.ning.com); ScholarZ.net (scholarz.net).
9 www.researchgate.net. Erst kürzlich wurde bekannt, dass in den USA mit viel öffentlichem Geld (über 12
Mill. US$) ein weiterer „Facebook-artiger“ Service für WissenschafterInnen durch die University of Florida,
die Cornell University und andere aufgebaut werden soll, siehe
www.networkworld.com/news/2009/102009-facebook-scientists-funding.html.
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
ellen Welt (2.2.2) oder beim Aufbau eines Wissensspeichers (2.2.3), sei es beim Teilen von Infor-
mationen (microblogging, 2.2.5 und social tagging, 2.2.5) unterstützen, zum anderen um Web 2.0-
spezifische neue Publikationsformen (Blogs, 2.2.4).6
2.2.1 Soziale Netzwerke für WissenschafterInnen
Es lag auf der Hand zu versuchen, das Modell der neuen sozialen Netzwerke des Web 2.0 – wie
das bekannte, hauptsächlich für private Interessen genutzte Facebook oder die auf Geschäftskon-
takte spezialisierte Xing oder LinkedIn7 – auf den Aufbau einer wissenschaftlichen Community an-
zuwenden. Mittlerweile gibt es bereits mehrere solcher Versuche: Nature Networks, angeboten
vom gleichnamigen Verlag, in dem unter anderem Blogs, Jobs und themenspezifische Foren ange-
boten werden; Academia.edu, das ursprünglich vor allem ein weltweites Verzeichnis von Universi-
täten und Forschungseinrichtungen samt ForscherInnen aufbauen wollte, mittlerweile aber auch
Facebook-ähnliche Dienste anbietet (und offenbar technisch direkt mit Facebook kooperiert); Sci-
Link; Mendeley und Labmeeting, die sich auf den Austausch von wissenschaftlichen Artikeln kon-
zentrieren; die viel kleineren Research Cooperative und ScholarZ.net8; sowie, vermutlich derzeit
am schnellsten wachsend, ResearchGATE9. Bei all diesen Diensten handelt es sich im Kern um ein
„Adressbuch {bei dem} die eingetragenen Personen ihre Kontaktdaten selbst pflegen“ (Bry/Herwig
2009, 30) und welches durch zahlreiche Zusatzdienste ergänzt wird. Dies soll anhand eines Bei-
spiels näher dargestellt werden.
Schon nach etwas mehr als einem Jahr (Gründung im Mai 2008) zählt ResearchGATE beachtliche
150.000 Mitglieder, wobei ca. 30 % aktiv sein dürften (laut Interview mit einem der Gründer, zi-
tiert in Hofmayer/Wieselberg 2009). Mitglieder des Netzwerks beschreiben sich mit ihrem Profil,
in dem sie zwar ähnlich wie bei vergleichbaren Netzwerken auch private Interessen und derglei-
chen bekannt geben können, der Schwerpunkt liegt aber auf forschungsrelevanten Daten, von der
Zuordnung zu wissenschaftlichen Disziplinen, über die Bekanntgabe von Forschungsschwerpunk-
ten bis zu Listen von eigenen Projekten und Publikationen. Die Mitglieder werden auch aufgefor-
dert, Bibliographien (etwa EndNote-Dateien) hoch zu laden, um sie mit anderen zu teilen. Die Li-
teraturzitate können durch die UserInnen auch (auf einer fünfteiligen Skala) bewertet werden. Re-
searchGATE schlägt den WissenschafterInnen auf Basis ihres Profils (sog. „semantisches Mat-
ching“) bei jedem Einstieg auf der Website, aber auch beim Suchen und Browsen relevante neue
Literatur, interessante potenzielle Kontakte usw. vor. Über Einladungen an andere TeilnehmerIn-
nen von ResearchGATE (sowie an Noch-Nicht-TeilnehmerInnen außerhalb) kann man sich ein
persönliches Netzwerk aus „Kontakten“ aufbauen; das so entstehende Netzwerk lässt sich über eine
interaktive Graphik visualisieren. Innerhalb des Netzwerks kann man auf unterschiedliche Arten
kommunizieren, sowohl über direkte (Web-)Mails als auch über Foren von sogenannten „Grup-
pen“. Das sind thematisch orientierte Zusammenschlüsse von WissenschafterInnen, die dem Aus-
6 Bry und Herwig (2009) nennen neben den hier auch untersuchten Gruppen (Wikis, Blogs, soziale Netz-
werkdienste, Tagging-Plattformen) weiters „Online-Märkte“ („Forschungs- und Entwicklungsmärkte wie
Eureka oder InnoCentive“), die hier nicht weiter untersucht werden.
7 Facebook (www.facebook.com); Xing (www.xing.com); LinkedIn (www.linkedin.com).
8 Nature Networks (network.nature.com); Academia.edu (www.academia.edu); SciLink (www.scilink.com);
Mendeley (www.mendeley.com); Labmeeting (www.labmeeting.com);
Research Cooperative (cooperative.ning.com); ScholarZ.net (scholarz.net).
9 www.researchgate.net. Erst kürzlich wurde bekannt, dass in den USA mit viel öffentlichem Geld (über 12
Mill. US$) ein weiterer „Facebook-artiger“ Service für WissenschafterInnen durch die University of Florida,
die Cornell University und andere aufgebaut werden soll, siehe
www.networkworld.com/news/2009/102009-facebook-scientists-funding.html.
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Cyberscience 2.0 oder 1.2? ________________________________________________________________ 9
_________________________________________________________________________________________________________ manu:script (ITA-09-02)
tausch von Quellen über ein gemeinsames Dateiarchiv und von einschlägigen Terminen über eine
Kalenderfunktion, der gegenseitigen Hilfestellung, der Diskussion von Sachfragen, gemeinsamen
Abstimmungen, aber auch dem Aufbau einer gemeinsamen Dokumentensammlung gewidmet sein
können. Zusätzlich bietet ResearchGATE eine Metasuche in einigen Datenbanken mit Forschungs-
literatur (wie z. B. PubMed oder RePEc) an. Eine Jobbörse – mit der ResearchGATE langfristig
verdienen will – rundet das Angebot derzeit ab (Crotty 2008 geht davon aus, dass dies der am meis-
ten erfolgversprechende Dienst sein wird). Geplant ist mittelfristig der Ausbau dieser Angebote in
verschiedene Richtungen, wie etwa einer kollaborativen Textverarbeitung für die Gruppen oder
einen Microblogging-Dienst (vgl. Abschnitt 2.2.5).
Aus einer Umfrage der Gründer von ResearchGATE (zitiert in Hofmayer/Wieselberg 2009) geht
hervor, dass je ein Drittel der UserInnen die Plattform dazu nutzen, neue ForschungspartnerInnen
und Informationen zu finden, etwas 15 % nutzen die Plattform, um mit KollegInnen in Verbindung
zu treten, 12 % zur konkreten Zusammenarbeit. Ob und inwieweit ein solches Netzwerk gewinn-
bringend und effizient in der täglichen wissenschaftlichen Arbeit eingesetzt werden kann, muss an
dieser Stelle offen bleiben, da die versprochenen Netzwerkeffekte offensichtlich erst nach einiger
Zeit (und nicht nach wenigen Testtagen) auftreten können. Eine vertiefende Untersuchung steht
noch aus, müsste berücksichtigen, dass sich dieser Dienst (ebenso wie die Konkurrenten) laufend
weiterentwickelt, und wäre abgesehen von quantitativen Analysen des Nutzungsverhaltens am
besten durch begleitende, ethnographische Beobachtung zu realisieren.
2.2.2 Virtuelle Welten als Ort der Wissenschaft?
Second Life10 ist eine virtuelle 3D-Welt der US-amerikanischen Firma Linden Lab, in der man sich
seit 2003 online mittels einer digitalen Figur („Avatar“) bewegen kann. Dabei kann man mit ande-
ren TeilnehmerInnen kommunizieren (v. a. im Chatmodus), mit Objekten interagieren und diese
selbst erstellen. Etwa 1,2 Millionen Accounts waren beispielsweise im August und September 2008
online (siehe König/Nentwich 2008).
Second Life ist für die Wissenschaft auf verschiedene Weisen relevant. Zum einen bietet es neue
performative Möglichkeiten zur Präsentation und Repräsentation, etwa zur Veranschaulichung
wissenschaftlicher Erkenntnisse für Laien in Form virtueller Museen. Second Life dient auch als
Plattform für wissenschaftliche Einrichtungen: Zahlreiche Hochschulen, darunter auch die bekann-
testen US-amerikanischen Universitäten, haben einen virtuellen Campus eingerichtet. Auch neue
Methoden für die universitäre Lehre werden erprobt, wobei die experimentellen Lehrveranstaltun-
gen unter den AnwenderInnen intensiv diskutiert und ihr Potenzial für die Lehre erörtert werden
(z. B. Boulos et al. 2007; Molka-Danielsen/Deutschmann 2009). Ebenso finden immer wieder wis-
senschaftliche Konferenzen oder Vortragsveranstaltungen statt (ein Erfahrungsbericht findet sich
in König/Nentwich 2008, 9ff.). Die virtuelle Umgebung von Second Life lässt sich somit als inter-
aktives Medium zur Zusammenarbeit einsetzen, vom Projekttreffen bis zur gemeinsamen Arbeit
an 3D-Objekten, ohne physikalisch an einen Ort gebunden zu sein. Eine solche Funktion wünscht
man sich etwa in der Architektur (Rosenman et al. 2007) und auch für andere Disziplinen (z. B.
Archäologie) ergeben sich hier möglicherweise interessante Anwendungsmöglichkeiten; allerdings
wird die bisherige Software zur Visualisierung noch bemängelt. Second Life wurde schließlich
auch selbst zum Gegenstand vor allem sozialwissenschaftlicher Forschung, die zu großen Teilen in
Second Life selbst durchgeführt wird (Befragungen, Marktforschung, aber auch Grundlagenfor-
schung zu virtuellen Welten).
10 secondlife.com; ein bislang weniger bekanntes Konkurrenzunternehmen ist Twinity (www.twinity.com).
_________________________________________________________________________________________________________ manu:script (ITA-09-02)
tausch von Quellen über ein gemeinsames Dateiarchiv und von einschlägigen Terminen über eine
Kalenderfunktion, der gegenseitigen Hilfestellung, der Diskussion von Sachfragen, gemeinsamen
Abstimmungen, aber auch dem Aufbau einer gemeinsamen Dokumentensammlung gewidmet sein
können. Zusätzlich bietet ResearchGATE eine Metasuche in einigen Datenbanken mit Forschungs-
literatur (wie z. B. PubMed oder RePEc) an. Eine Jobbörse – mit der ResearchGATE langfristig
verdienen will – rundet das Angebot derzeit ab (Crotty 2008 geht davon aus, dass dies der am meis-
ten erfolgversprechende Dienst sein wird). Geplant ist mittelfristig der Ausbau dieser Angebote in
verschiedene Richtungen, wie etwa einer kollaborativen Textverarbeitung für die Gruppen oder
einen Microblogging-Dienst (vgl. Abschnitt 2.2.5).
Aus einer Umfrage der Gründer von ResearchGATE (zitiert in Hofmayer/Wieselberg 2009) geht
hervor, dass je ein Drittel der UserInnen die Plattform dazu nutzen, neue ForschungspartnerInnen
und Informationen zu finden, etwas 15 % nutzen die Plattform, um mit KollegInnen in Verbindung
zu treten, 12 % zur konkreten Zusammenarbeit. Ob und inwieweit ein solches Netzwerk gewinn-
bringend und effizient in der täglichen wissenschaftlichen Arbeit eingesetzt werden kann, muss an
dieser Stelle offen bleiben, da die versprochenen Netzwerkeffekte offensichtlich erst nach einiger
Zeit (und nicht nach wenigen Testtagen) auftreten können. Eine vertiefende Untersuchung steht
noch aus, müsste berücksichtigen, dass sich dieser Dienst (ebenso wie die Konkurrenten) laufend
weiterentwickelt, und wäre abgesehen von quantitativen Analysen des Nutzungsverhaltens am
besten durch begleitende, ethnographische Beobachtung zu realisieren.
2.2.2 Virtuelle Welten als Ort der Wissenschaft?
Second Life10 ist eine virtuelle 3D-Welt der US-amerikanischen Firma Linden Lab, in der man sich
seit 2003 online mittels einer digitalen Figur („Avatar“) bewegen kann. Dabei kann man mit ande-
ren TeilnehmerInnen kommunizieren (v. a. im Chatmodus), mit Objekten interagieren und diese
selbst erstellen. Etwa 1,2 Millionen Accounts waren beispielsweise im August und September 2008
online (siehe König/Nentwich 2008).
Second Life ist für die Wissenschaft auf verschiedene Weisen relevant. Zum einen bietet es neue
performative Möglichkeiten zur Präsentation und Repräsentation, etwa zur Veranschaulichung
wissenschaftlicher Erkenntnisse für Laien in Form virtueller Museen. Second Life dient auch als
Plattform für wissenschaftliche Einrichtungen: Zahlreiche Hochschulen, darunter auch die bekann-
testen US-amerikanischen Universitäten, haben einen virtuellen Campus eingerichtet. Auch neue
Methoden für die universitäre Lehre werden erprobt, wobei die experimentellen Lehrveranstaltun-
gen unter den AnwenderInnen intensiv diskutiert und ihr Potenzial für die Lehre erörtert werden
(z. B. Boulos et al. 2007; Molka-Danielsen/Deutschmann 2009). Ebenso finden immer wieder wis-
senschaftliche Konferenzen oder Vortragsveranstaltungen statt (ein Erfahrungsbericht findet sich
in König/Nentwich 2008, 9ff.). Die virtuelle Umgebung von Second Life lässt sich somit als inter-
aktives Medium zur Zusammenarbeit einsetzen, vom Projekttreffen bis zur gemeinsamen Arbeit
an 3D-Objekten, ohne physikalisch an einen Ort gebunden zu sein. Eine solche Funktion wünscht
man sich etwa in der Architektur (Rosenman et al. 2007) und auch für andere Disziplinen (z. B.
Archäologie) ergeben sich hier möglicherweise interessante Anwendungsmöglichkeiten; allerdings
wird die bisherige Software zur Visualisierung noch bemängelt. Second Life wurde schließlich
auch selbst zum Gegenstand vor allem sozialwissenschaftlicher Forschung, die zu großen Teilen in
Second Life selbst durchgeführt wird (Befragungen, Marktforschung, aber auch Grundlagenfor-
schung zu virtuellen Welten).
10 secondlife.com; ein bislang weniger bekanntes Konkurrenzunternehmen ist Twinity (www.twinity.com).
Page 12
10 _____________________________________________________________________ Michael Nentwich
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
Eine vorläufige Bewertung des Potenzials von Second Life für die Wissenschaft (König/Nentwich
2008, 15ff.) kommt zu dem Ergebnis, dass es eine Kluft zwischen den oftmals euphorisch-euphe-
mistischen Darstellungen zu Second Life und den realen Erlebnissen gibt. Diese begründet sich
u. a. durch die häufig auftretenden technischen Mängel, die vermutlich lösbar sind, durch indivi-
duelle Schwierigkeiten bei der Handhabung des Programms, aber auch durch den oft zweifelhaften
Nutzen mancher konkreter Anwendungen, wie etwa der „begehbaren“ virtuellen Bibliothek. Zu-
dem hat Wissenschaftskommunikation in Second Life bislang oft experimentellen Charakter, deren
Nützlichkeit je nach Anwendungsbereich variiert. Für virtuelle Treffen oder Konferenzen besteht
offenbar ein gewisses Potenzial, wobei es außerhalb von virtuellen Welten mit Avataren ernst zu
nehmende Konkurrenz in Form von spezialisierten Konferenzplattformen im Internet gibt, die es
mit wesentlich geringerem Aufwand ermöglichen, effiziente elektronische Treffen sogar mit Real-
bild-Videokanal abzuhalten. Die Zukunft der Wissenschaft in einer virtuellen Welt scheint somit
heute genauso ungewiss wie jene der Plattform insgesamt.11 Dennoch erscheint es ratsam, eventu-
elle Weiterentwicklungen und Konkurrenzentwicklungen im Auge zu behalten.
2.2.3 Wikis und Online-Enzyklopädien
Wikis sind als Kollaborationstool auch in der Wissenschaft schon länger ein Begriff: Texte werden
auf einer bedienerfreundlichen Webplattform gemeinsam von mehreren AutorInnen bearbeitet,
wobei zwar in Hinblick auf das Layout weniger Optionen als bei einer lokalen Textbearbeitungs-
software zur Verfügung steht, jedoch die gemeinsame Textproduktion optimal unterstützt wird.12
Ausgehend vom Forschungsbereich der synthetischen Biologie wird seit 2005 am MIT das Projekt
OpenWetWare13 betrieben, in dem unter anderem bisher „tacit knowledge“ explizit gemacht wird,
also zum Beispiel Tricks und Tipps bei der Anwendung bestimmter Methoden, aber mittlerweile
auch Forschungen koordiniert werden (Waldrop 2008; Bry/Herwig 2009).
Wikipedia, die freie Internet-Enzyklopädie, basiert (ebenso wie die anderen Projekte der Wikime-
dia Foundation, z. B. Wikiversity und Wikibooks) auf dem Wiki-Prinzip (Leuf/Cunningham 2001)
und hat es als weltweite Unternehmung zur Reife gebracht, insbesondere in Hinblick auf die Ad-
ministration und Qualitätskontrolle bei einer riesigen Anzahl an KoautorInnen. In gewisser Weise
ist Wikipedia seit 2001 zum Flaggschiff der gemeinschaftlichen, weltweiten Koproduktion eines
Wissensspeichers geworden, an der auch professionelle WissenschafterInnen teilnehmen.
Wikipedia enthält umfangreiche wissenschaftliche Inhalte, die freilich einem, dem traditionellen
Wissenschaftssystem bislang weitgehend fremden Qualitätssicherungsverfahren unterzogen wur-
den. Ein komplexes Kontroll- und Bewertungssystem funktioniert im Hintergrund, das auf ver-
schiedenen Funktionen, Rollen, Kriterien und Verfahren fußt. Auch die zufälligen NutzerInnen, in
erster Linie aber lang gediente Freiwillige beschäftigen sich ständig mit der Suche nach Fehlern
und Verbesserungen. Somit ist der Bestand von Inhalten, die im Prinzip jederzeit gelöscht (aber
auch wiederhergestellt werden können) an diverse Kriterien gebunden. Wikipedia bietet viele Mög-
lichkeiten der Kollaboration, allen voran die kollaborative Textproduktion in Form enzyklopädi-
scher Artikel. Auch die zugehörigen Diskussionsseiten, die einen Austausch und eine Aushand-
lung über die Inhalte ermöglichen, sind Teil dieser Kooperationsplattform.14 Für spezielle The-
11 Unter dem Titel „Second Life lebt munter weiter“ berichtete Spiegel Online am 19.10.09, dass es „ein pro-
fitables Unternehmen mit vielen Nutzern“ sei (www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,655952,00.html).
12 Es gibt zahlreiche, zum Teil kostenlose Wiki-Plattformen, beispielsweise mediawiki.org oder tikiwiki.org.
13 openwetware.org.
14 Eine spannende Fallstudie zu den Aushandlungsprozessen in Wikipedia-Foren ist die Arbeit von König
(2009b).
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
Eine vorläufige Bewertung des Potenzials von Second Life für die Wissenschaft (König/Nentwich
2008, 15ff.) kommt zu dem Ergebnis, dass es eine Kluft zwischen den oftmals euphorisch-euphe-
mistischen Darstellungen zu Second Life und den realen Erlebnissen gibt. Diese begründet sich
u. a. durch die häufig auftretenden technischen Mängel, die vermutlich lösbar sind, durch indivi-
duelle Schwierigkeiten bei der Handhabung des Programms, aber auch durch den oft zweifelhaften
Nutzen mancher konkreter Anwendungen, wie etwa der „begehbaren“ virtuellen Bibliothek. Zu-
dem hat Wissenschaftskommunikation in Second Life bislang oft experimentellen Charakter, deren
Nützlichkeit je nach Anwendungsbereich variiert. Für virtuelle Treffen oder Konferenzen besteht
offenbar ein gewisses Potenzial, wobei es außerhalb von virtuellen Welten mit Avataren ernst zu
nehmende Konkurrenz in Form von spezialisierten Konferenzplattformen im Internet gibt, die es
mit wesentlich geringerem Aufwand ermöglichen, effiziente elektronische Treffen sogar mit Real-
bild-Videokanal abzuhalten. Die Zukunft der Wissenschaft in einer virtuellen Welt scheint somit
heute genauso ungewiss wie jene der Plattform insgesamt.11 Dennoch erscheint es ratsam, eventu-
elle Weiterentwicklungen und Konkurrenzentwicklungen im Auge zu behalten.
2.2.3 Wikis und Online-Enzyklopädien
Wikis sind als Kollaborationstool auch in der Wissenschaft schon länger ein Begriff: Texte werden
auf einer bedienerfreundlichen Webplattform gemeinsam von mehreren AutorInnen bearbeitet,
wobei zwar in Hinblick auf das Layout weniger Optionen als bei einer lokalen Textbearbeitungs-
software zur Verfügung steht, jedoch die gemeinsame Textproduktion optimal unterstützt wird.12
Ausgehend vom Forschungsbereich der synthetischen Biologie wird seit 2005 am MIT das Projekt
OpenWetWare13 betrieben, in dem unter anderem bisher „tacit knowledge“ explizit gemacht wird,
also zum Beispiel Tricks und Tipps bei der Anwendung bestimmter Methoden, aber mittlerweile
auch Forschungen koordiniert werden (Waldrop 2008; Bry/Herwig 2009).
Wikipedia, die freie Internet-Enzyklopädie, basiert (ebenso wie die anderen Projekte der Wikime-
dia Foundation, z. B. Wikiversity und Wikibooks) auf dem Wiki-Prinzip (Leuf/Cunningham 2001)
und hat es als weltweite Unternehmung zur Reife gebracht, insbesondere in Hinblick auf die Ad-
ministration und Qualitätskontrolle bei einer riesigen Anzahl an KoautorInnen. In gewisser Weise
ist Wikipedia seit 2001 zum Flaggschiff der gemeinschaftlichen, weltweiten Koproduktion eines
Wissensspeichers geworden, an der auch professionelle WissenschafterInnen teilnehmen.
Wikipedia enthält umfangreiche wissenschaftliche Inhalte, die freilich einem, dem traditionellen
Wissenschaftssystem bislang weitgehend fremden Qualitätssicherungsverfahren unterzogen wur-
den. Ein komplexes Kontroll- und Bewertungssystem funktioniert im Hintergrund, das auf ver-
schiedenen Funktionen, Rollen, Kriterien und Verfahren fußt. Auch die zufälligen NutzerInnen, in
erster Linie aber lang gediente Freiwillige beschäftigen sich ständig mit der Suche nach Fehlern
und Verbesserungen. Somit ist der Bestand von Inhalten, die im Prinzip jederzeit gelöscht (aber
auch wiederhergestellt werden können) an diverse Kriterien gebunden. Wikipedia bietet viele Mög-
lichkeiten der Kollaboration, allen voran die kollaborative Textproduktion in Form enzyklopädi-
scher Artikel. Auch die zugehörigen Diskussionsseiten, die einen Austausch und eine Aushand-
lung über die Inhalte ermöglichen, sind Teil dieser Kooperationsplattform.14 Für spezielle The-
11 Unter dem Titel „Second Life lebt munter weiter“ berichtete Spiegel Online am 19.10.09, dass es „ein pro-
fitables Unternehmen mit vielen Nutzern“ sei (www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,655952,00.html).
12 Es gibt zahlreiche, zum Teil kostenlose Wiki-Plattformen, beispielsweise mediawiki.org oder tikiwiki.org.
13 openwetware.org.
14 Eine spannende Fallstudie zu den Aushandlungsprozessen in Wikipedia-Foren ist die Arbeit von König
(2009b).
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Cyberscience 2.0 oder 1.2? _______________________________________________________________ 11
_________________________________________________________________________________________________________ manu:script (ITA-09-02)
men, wie eben auch der Wissenschaft, gibt es zahlreiche so genannte WikiProjekte15, also themen-
bezogene Initiativen zum Ausbau und zur Verbesserung von Artikeln eines Themenkomplexes in-
nerhalb von Wikipedia. In ähnlicher Form bieten die sogenannten Redaktionen einen virtuellen
Raum zum kollaborativen Arbeiten. In WikiProjekten und Redaktionen findet die inhaltliche Ar-
beit in Form von themenspezifischer Kommunikation, Quellensammlung und Zusammenfassung
statt. Zwar zählt es zu den Grundprinzipien, dass Wikipedia kein Platz für „original research“ ist,
allerdings lässt sich diese Grenzziehung nicht immer sauber durchhalten; somit birgt die Online-
Enzyklopädie auch das Potenzial für eine Kanonisierung von Wissen in bestimmten Bereichen.
Eine Untersuchung der Wikimedia-Projekte in Hinblick auf deren wissenschaftliches Potenzial
(König/Nentwich 2009), kommt zur Einschätzung, dass Wikipedia einerseits über große öffentli-
che und wachsende akademische Relevanz verfügt und andererseits in vielen Wissensgebieten von
wissenschaftlicher Expertise abhängig ist, um qualitativ befriedigend zu sein. Zusammengenom-
men führt dies zu einer Art „Zwangsehe“ zwischen Wissenschaft und Wikipedia. Von Seiten der
Wissenschaft besteht allerdings ein gewisses Misstrauen in den ungewohnten Redaktions- und
Qualitätssicherungsprozesses und damit in die Vertrauenswürdigkeit der Inhalte, zählen doch zu
den AutorInnen sowohl SchülerInnen als auch ProfessorInnen. Zugleich ist das Prinzip der prak-
tisch anonymisierten Autorschaft eher unattraktiv für Beiträge professioneller WissenschafterIn-
nen.
2.2.4 Blogs: Individueller Exhibitionismus
oder Zukunftsmedium der Wissenschaft?
Das Führen von Online- oder Web-Tagebüchern („Weblogs“, kurz „Blogs“) ist eine sich seit Mitte
der 1990er Jahre zunächst langsam, seit ca. 2000 rasch verbreitende neue Publikationsform im
World Wide Web – Bucher (2009, 148) nennt sie „konversationelle Hypertexte“. Der Einsatzbe-
reich reicht von Blogs, die semi-privaten Tagebuch-Charakter aufweisen, über journalistische Blogs
(Stichwort: Graswurzel-Journalismus) und thematisch fokussierte Kommentare zum Weltgesche-
hen, bis zu PolitikerInnen- und Unternehmensblogs als neuem Medium der externen Kommunika-
tion bzw. des Marketing. Blogs können von Individuen, Institutionen, aber auch von (kleinen)
Gruppen gemeinsam betreiben werden. Weblogs basieren in der Regel auf sehr einfach zu benüt-
zenden Content-Management-Systemen16, die einfaches Verlinken mit anderen Webressourcen,
insbesondere auch anderen Blogs (über sogenannte „Permalinks“, also individuelle Adressen) er-
möglichen. Viele Blogs sehen darüber hinaus vor, dass LeserInnen Kommentare hinterlassen kön-
nen, was bisweilen zu langen Diskussionssträngen zu einzelnen Blogbeiträgen führt. Durch die
Verlinkung von Blogs, deren AutorInnen und KommentatorInnen entsteht die sogenannte „Blog-
gosphäre“.
Auch viele WissenschafterInnen bloggen,17 wobei diese ihre Rolle als BloggerInnen auch inner-
halb und außerhalb ihrer Blogs reflektieren18, es dürfte jedoch noch relativ wenig wissenschaftliche
15 de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt.
16 wordpress.org hat sich zum Quasistandard entwickelt.
17 Einen guten ersten Überblick geben dazu beispielsweise www.wissenschafts-cafe.net, www.scilogs.de und
www.scienceblogs.de.
18 Siehe etwa das Manifest der „Hard Bloggin’ Scientists“ www.hardbloggingscientists.de, siehe auch den
Originaltext hier: digiom.wordpress.com/2008/05/26/hard-bloggin-scientists-das-manifest.
_________________________________________________________________________________________________________ manu:script (ITA-09-02)
men, wie eben auch der Wissenschaft, gibt es zahlreiche so genannte WikiProjekte15, also themen-
bezogene Initiativen zum Ausbau und zur Verbesserung von Artikeln eines Themenkomplexes in-
nerhalb von Wikipedia. In ähnlicher Form bieten die sogenannten Redaktionen einen virtuellen
Raum zum kollaborativen Arbeiten. In WikiProjekten und Redaktionen findet die inhaltliche Ar-
beit in Form von themenspezifischer Kommunikation, Quellensammlung und Zusammenfassung
statt. Zwar zählt es zu den Grundprinzipien, dass Wikipedia kein Platz für „original research“ ist,
allerdings lässt sich diese Grenzziehung nicht immer sauber durchhalten; somit birgt die Online-
Enzyklopädie auch das Potenzial für eine Kanonisierung von Wissen in bestimmten Bereichen.
Eine Untersuchung der Wikimedia-Projekte in Hinblick auf deren wissenschaftliches Potenzial
(König/Nentwich 2009), kommt zur Einschätzung, dass Wikipedia einerseits über große öffentli-
che und wachsende akademische Relevanz verfügt und andererseits in vielen Wissensgebieten von
wissenschaftlicher Expertise abhängig ist, um qualitativ befriedigend zu sein. Zusammengenom-
men führt dies zu einer Art „Zwangsehe“ zwischen Wissenschaft und Wikipedia. Von Seiten der
Wissenschaft besteht allerdings ein gewisses Misstrauen in den ungewohnten Redaktions- und
Qualitätssicherungsprozesses und damit in die Vertrauenswürdigkeit der Inhalte, zählen doch zu
den AutorInnen sowohl SchülerInnen als auch ProfessorInnen. Zugleich ist das Prinzip der prak-
tisch anonymisierten Autorschaft eher unattraktiv für Beiträge professioneller WissenschafterIn-
nen.
2.2.4 Blogs: Individueller Exhibitionismus
oder Zukunftsmedium der Wissenschaft?
Das Führen von Online- oder Web-Tagebüchern („Weblogs“, kurz „Blogs“) ist eine sich seit Mitte
der 1990er Jahre zunächst langsam, seit ca. 2000 rasch verbreitende neue Publikationsform im
World Wide Web – Bucher (2009, 148) nennt sie „konversationelle Hypertexte“. Der Einsatzbe-
reich reicht von Blogs, die semi-privaten Tagebuch-Charakter aufweisen, über journalistische Blogs
(Stichwort: Graswurzel-Journalismus) und thematisch fokussierte Kommentare zum Weltgesche-
hen, bis zu PolitikerInnen- und Unternehmensblogs als neuem Medium der externen Kommunika-
tion bzw. des Marketing. Blogs können von Individuen, Institutionen, aber auch von (kleinen)
Gruppen gemeinsam betreiben werden. Weblogs basieren in der Regel auf sehr einfach zu benüt-
zenden Content-Management-Systemen16, die einfaches Verlinken mit anderen Webressourcen,
insbesondere auch anderen Blogs (über sogenannte „Permalinks“, also individuelle Adressen) er-
möglichen. Viele Blogs sehen darüber hinaus vor, dass LeserInnen Kommentare hinterlassen kön-
nen, was bisweilen zu langen Diskussionssträngen zu einzelnen Blogbeiträgen führt. Durch die
Verlinkung von Blogs, deren AutorInnen und KommentatorInnen entsteht die sogenannte „Blog-
gosphäre“.
Auch viele WissenschafterInnen bloggen,17 wobei diese ihre Rolle als BloggerInnen auch inner-
halb und außerhalb ihrer Blogs reflektieren18, es dürfte jedoch noch relativ wenig wissenschaftliche
15 de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt.
16 wordpress.org hat sich zum Quasistandard entwickelt.
17 Einen guten ersten Überblick geben dazu beispielsweise www.wissenschafts-cafe.net, www.scilogs.de und
www.scienceblogs.de.
18 Siehe etwa das Manifest der „Hard Bloggin’ Scientists“ www.hardbloggingscientists.de, siehe auch den
Originaltext hier: digiom.wordpress.com/2008/05/26/hard-bloggin-scientists-das-manifest.
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12 _____________________________________________________________________ Michael Nentwich
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
Analysen zum Blogging in der Wissenschaft geben.19 Folgende Funktionen bzw. Formen von Blog-
ging durch WissenschafterInnen können empirisch gefunden werden (wobei in der Praxis viele
Mischformen vorkommen):
1. Blogs können der öffentlichen Kommentierung des wissenschaftlichen (disziplinären) oder uni-
versitären Geschehens gewidmet sein.20 Damit stellen sie, ähnlich wie Blogs von Graswurzel-
JournalistInnen, eine Art kritische, wissenschaftsinterne Öffentlichkeit her, die mitunter Miss-
stände aufdeckt („whistle blowing“).
2. Kommentare zu Blogeinträgen können die Funktion eines Diskussionsforums erfüllen. Damit
dienen Blogs gleichsam als (semi-öffentliches) Labor für wissenschaftliche Hypothesen. Da
Blogbeiträge einen sog. Permalink samt Zeitstempel besitzen, kann ein Blog auch zur Dokumen-
tation des wissenschaftlichen Prozesses bis hin zum Nachweis der Urheberschaft für bestimmte
Ideen dienen.21 Insbesondere verstreute Forschungsgruppen könnten davon profitieren.22
3. Durch öffentliche Blogs entstehen neue „Fenster im Elfenbeinturm“, sie sind also ein Beitrag zur
externen Wissenschaftskommunikation, wenn sie Erkenntnisse einer breiteren (Internet-)Öffent-
lichkeit vorstellen. Sie könnten auch explizit als Medium zur Förderung von „public understan-
ding of science“ verwendet werden. Dies gilt gleichermaßen für ForscherInnen wie auch für
wissenschaftliche Institutionen. Der Linguist Stefanowitsch (2009) nennt seinen eigenen Blog
„populärwissenschaftlich“ und beschreibt die Inhalte als „wissenschaftsinspirierte Alltagsbeo-
bachtungen“.
4. Blogeinträge können weiters als neuartige (Vorab-)Publikationsform interpretiert werden, bei
der zwar nur relativ kurze Beiträge die Regel sind, die aber dem wissenschaftlich-diskursiven
Charakter mancher Fachdisziplinen entgegenkommen. Über die Kommentarfunktion sind diese
Publikationen quasi mit einem Open-Peer-Review-Verfahren zur Qualitätssicherung ausgestattet.
5. Im Zeitalter der zunehmenden Bedeutung von Online-Recherchen können Blogs auch als In-
formationssammeltool für verstreute Infos auf diversen Web 2.0-Plattformen fungieren. In For-
schungsgruppen könnte dies als Gemeinschaftsblog23 realisiert werden und bietet damit eine
weitere mögliche Plattform für Zusammenarbeit.
6. Ein Blog kann auch eine Art „Learning Journal“ sein, das ein/e einzelne/n Forscher/in etwa
über die Dauer der Dissertation „begleitet“, d. h. als Forum für die niederschwellige Veröffent-
lichung bzw. Diskussion von Zwischenergebnissen dienen, „Aha-Erlebnisse“ festhält und als
Tagebuch den Entstehungsprozess des Projekts (der Dissertation) dokumentiert. Manche expe-
rimentieren auch damit, ihr Labor(tage)buch offen zu führen (diskutiert in Waldrop 2008, wobei
das nicht nur in Form eines Blogs, sondern auch als Wiki realisiert wird).24
7. Weiters stellen Blogs eine attraktive Möglichkeit zur persönlichen Etablierung in der innerwis-
senschaftlichen und externen Öffentlichkeit dar. Insbesondere NachwuchswissenschafterInnen
haben damit eine Chance, auf sich aufmerksam zu machen, gelesen und zur Kenntnis genom-
men zu werden. Blogs sind aufgrund ihres dynamischen Charakters und der Möglichkeit, sich
19 Vgl. Stefanowitsch (2009); im Projektverbund „Interactive Science“/Teilprojekt 1 (siehe FN 1) entsteht in
Gießen ein Beitrag dazu. Erste Ergebnisse wurden bereits vorgestellt (Schmirmund 2009b).
20 Ein Beispiel dafür ist der Gemeinschaftsblog „quatsch“ des Wiener Philosophieprofessors H. Hrachovec
und anderer, phaidon.philo.at/qu.
21 Waldrop (2008) weist freilich zu Recht darauf hin, dass ein Blog- oder Wikieintrag in einem Patentantrag
freilich (noch) kaum Beweiskraft haben würde.
22 Die Mitglieder des Forschungsverbund „Interactive Science“ (siehe FN 1) betreiben beispielsweise eine
Reihe von Blogs, darunter auch zu einzelnen Teilprojekten, siehe www.wissenschaftskommunikation.info
sowie www.wissenslogs.de/wblogs/blog/interactive-science.
23 Z. B. blog-de.scholarz.net/der-blog.
24 Ein Beispiel findet sich hier: www.scienceblogs.de/labortagebuch.
manu:script (ITA-09-02) __________________________________________________________________________________________________________
Analysen zum Blogging in der Wissenschaft geben.19 Folgende Funktionen bzw. Formen von Blog-
ging durch WissenschafterInnen können empirisch gefunden werden (wobei in der Praxis viele
Mischformen vorkommen):
1. Blogs können der öffentlichen Kommentierung des wissenschaftlichen (disziplinären) oder uni-
versitären Geschehens gewidmet sein.20 Damit stellen sie, ähnlich wie Blogs von Graswurzel-
JournalistInnen, eine Art kritische, wissenschaftsinterne Öffentlichkeit her, die mitunter Miss-
stände aufdeckt („whistle blowing“).
2. Kommentare zu Blogeinträgen können die Funktion eines Diskussionsforums erfüllen. Damit
dienen Blogs gleichsam als (semi-öffentliches) Labor für wissenschaftliche Hypothesen. Da
Blogbeiträge einen sog. Permalink samt Zeitstempel besitzen, kann ein Blog auch zur Dokumen-
tation des wissenschaftlichen Prozesses bis hin zum Nachweis der Urheberschaft für bestimmte
Ideen dienen.21 Insbesondere verstreute Forschungsgruppen könnten davon profitieren.22
3. Durch öffentliche Blogs entstehen neue „Fenster im Elfenbeinturm“, sie sind also ein Beitrag zur
externen Wissenschaftskommunikation, wenn sie Erkenntnisse einer breiteren (Internet-)Öffent-
lichkeit vorstellen. Sie könnten auch explizit als Medium zur Förderung von „public understan-
ding of science“ verwendet werden. Dies gilt gleichermaßen für ForscherInnen wie auch für
wissenschaftliche Institutionen. Der Linguist Stefanowitsch (2009) nennt seinen eigenen Blog
„populärwissenschaftlich“ und beschreibt die Inhalte als „wissenschaftsinspirierte Alltagsbeo-
bachtungen“.
4. Blogeinträge können weiters als neuartige (Vorab-)Publikationsform interpretiert werden, bei
der zwar nur relativ kurze Beiträge die Regel sind, die aber dem wissenschaftlich-diskursiven
Charakter mancher Fachdisziplinen entgegenkommen. Über die Kommentarfunktion sind diese
Publikationen quasi mit einem Open-Peer-Review-Verfahren zur Qualitätssicherung ausgestattet.
5. Im Zeitalter der zunehmenden Bedeutung von Online-Recherchen können Blogs auch als In-
formationssammeltool für verstreute Infos auf diversen Web 2.0-Plattformen fungieren. In For-
schungsgruppen könnte dies als Gemeinschaftsblog23 realisiert werden und bietet damit eine
weitere mögliche Plattform für Zusammenarbeit.
6. Ein Blog kann auch eine Art „Learning Journal“ sein, das ein/e einzelne/n Forscher/in etwa
über die Dauer der Dissertation „begleitet“, d. h. als Forum für die niederschwellige Veröffent-
lichung bzw. Diskussion von Zwischenergebnissen dienen, „Aha-Erlebnisse“ festhält und als
Tagebuch den Entstehungsprozess des Projekts (der Dissertation) dokumentiert. Manche expe-
rimentieren auch damit, ihr Labor(tage)buch offen zu führen (diskutiert in Waldrop 2008, wobei
das nicht nur in Form eines Blogs, sondern auch als Wiki realisiert wird).24
7. Weiters stellen Blogs eine attraktive Möglichkeit zur persönlichen Etablierung in der innerwis-
senschaftlichen und externen Öffentlichkeit dar. Insbesondere NachwuchswissenschafterInnen
haben damit eine Chance, auf sich aufmerksam zu machen, gelesen und zur Kenntnis genom-
men zu werden. Blogs sind aufgrund ihres dynamischen Charakters und der Möglichkeit, sich
19 Vgl. Stefanowitsch (2009); im Projektverbund „Interactive Science“/Teilprojekt 1 (siehe FN 1) entsteht in
Gießen ein Beitrag dazu. Erste Ergebnisse wurden bereits vorgestellt (Schmirmund 2009b).
20 Ein Beispiel dafür ist der Gemeinschaftsblog „quatsch“ des Wiener Philosophieprofessors H. Hrachovec
und anderer, phaidon.philo.at/qu.
21 Waldrop (2008) weist freilich zu Recht darauf hin, dass ein Blog- oder Wikieintrag in einem Patentantrag
freilich (noch) kaum Beweiskraft haben würde.
22 Die Mitglieder des Forschungsverbund „Interactive Science“ (siehe FN 1) betreiben beispielsweise eine
Reihe von Blogs, darunter auch zu einzelnen Teilprojekten, siehe www.wissenschaftskommunikation.info
sowie www.wissenslogs.de/wblogs/blog/interactive-science.
23 Z. B. blog-de.scholarz.net/der-blog.
24 Ein Beispiel findet sich hier: www.scienceblogs.de/labortagebuch.
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Cyberscience 2.0 oder 1.2? _______________________________________________________________ 13
_________________________________________________________________________________________________________ manu:script (ITA-09-02)
selbst auch aktuell-inhaltlich darzustellen, viel attraktiver als die frühen, statischen persönlichen
„Homepages“ (Visitenkarten im Netz); sie dienen gleichsam als persönliches Aushängeschild.
Gerade in Zeiten zunehmender Konkurrenz um (adäquat bezahlte) wissenschaftliche Jobs könn-
te diese Form der Selbstvermarktung auch zur Notwendigkeit werden. Zugleich stellen sie auch
eine Herausforderung im Sinne des Online-Reputationsmanagments dar, denn „das Web vergisst
(fast) nichts“.
8. Schließlich gibt es auch Tagebücher im engeren Sinne von WissenschafterInnen, die eher als
Privatleute ohne direkten Bezug zur Wissenschaft bloggen. Allerdings lassen Blogs (und die
Neuen Sozialen Medien im Allgemeinen) die Trennung Beruf vs. Privat zunehmend verschwim-
men.
Zusammenfassend (und vorläufig) lässt sich somit festhalten, dass Blogs durchaus das Potenzial
haben, eine Rolle in der zukünftigen Wissenschaftskommunikation, extern wie intern, zu spielen.
Eine Spur Exhibitionismus, wie in der Überschrift angedeutet, ist zweifellos von Nöten, um sich
über Blogs selbst darzustellen, wobei dies auch viele unter Pseudonymen tun. Es könnte aber sein,
dass aktive Teilnahme am wissenschaftlichen Diskurs in Form von kurzen Internetpublikationen
und Kommentaren (Skywriting im Sinne von Harnad 1990) bald zum sozial erwünschten und ho-
norierten wissenschaftlichen Alltag gehört.
2.2.5 Microblogging als neuer
Kommunikationskanal der Wissenschaft?
Unter Microblogging werden Soziale-Netzwerk-Dienste zusammengefasst, die es den Teilnehme-
rInnen ermöglichen, Kurznachrichten in Echtzeit, d. h. mit nur minimaler Zeitverzögerung, über
das Internet an Interessierte zu verschicken. Der Inhalt der Nachrichten reicht von sogenannten
Statusmeldungen („Wo bin ich?“, „Was tue ich?“), über Hinweise auf andere Internetquellen
(„Kennen Sie schon…?) bis zu Kommentaren zum Geschehen auf der Welt, in der eigenen Um-
welt, der Politik usw. Die Abfolge der Meldungen wird chronologisch in einem Blog, also einer
Art Online-Tagebuch dargestellt. Während es mehrere derartige Dienste gibt25, die teilweise auch
in umfassenderen Plattformen integriert sind, etwa auf Facebook oder Academia.edu (siehe oben
Abschnitt 2.2.1), ist der 2006 online gegangene Spezialdienst Twitter26 wohl das bekannteste Bei-
spiel. Hier ist die Nachrichtenlänge der sogenannten „Tweets“ auf 140 Zeichen beschränkt, was
teilweise zu einer Kürzelsprache27, teilweise aber auch zu einer extremen Kondensierung der mit-
geteilten Gedanken führt (während das Aufteilen auf mehrere Tweets eher unüblich ist). Meldun-
gen erreichen, je nach persönlichen Einstellungen, entweder nur jene anderen Twitter-NutzerIn-
nen, denen man es gestattet hat, oder aber, was der häufigere Fall ist, alle, die Interesse haben, ei-
nem zu „folgen“. Man kann entweder der „public timeline“ folgen, d. h. alle von Twitter-Nutze-
rInnen weltweit verschickten „Tweets“ lesen, oder, was die Regel ist, einer ausgewählten Gruppe,
die man gleichsam abonniert. Weiters ist es möglich nach bestimmten, von den Twitter-Auto-
rInnen explizit ausgezeichneten Stichworten, den sogenannten „hashtags“, zu suchen und damit
thematisch gruppierte Meldungen zu lesen. Der Lese- und Schreibzugriff auf Twitter erfolgt nach
Einrichtung eines persönlichen Accounts (der durchaus auch ein Pseudonym sein kann) über ein
Webinterface, es gibt aber auch für mobile Geräte (Telefon, PDA) Applikationen, die es ermögli-
25 Z. B. identi.ca; www.jaiku.com; www.yammer.com; www.plurk.com.
26 twitter.com.
27 So gibt es etwa eine Reihe von Diensten, um die oft langen URLs auf wenige Zeichen zu kürzen, damit sie
im Rahmen der 140 Zeichen noch kommentiert werden können, z. B. snurl.com.
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selbst auch aktuell-inhaltlich darzustellen, viel attraktiver als die frühen, statischen persönlichen
„Homepages“ (Visitenkarten im Netz); sie dienen gleichsam als persönliches Aushängeschild.
Gerade in Zeiten zunehmender Konkurrenz um (adäquat bezahlte) wissenschaftliche Jobs könn-
te diese Form der Selbstvermarktung auch zur Notwendigkeit werden. Zugleich stellen sie auch
eine Herausforderung im Sinne des Online-Reputationsmanagments dar, denn „das Web vergisst
(fast) nichts“.
8. Schließlich gibt es auch Tagebücher im engeren Sinne von WissenschafterInnen, die eher als
Privatleute ohne direkten Bezug zur Wissenschaft bloggen. Allerdings lassen Blogs (und die
Neuen Sozialen Medien im Allgemeinen) die Trennung Beruf vs. Privat zunehmend verschwim-
men.
Zusammenfassend (und vorläufig) lässt sich somit festhalten, dass Blogs durchaus das Potenzial
haben, eine Rolle in der zukünftigen Wissenschaftskommunikation, extern wie intern, zu spielen.
Eine Spur Exhibitionismus, wie in der Überschrift angedeutet, ist zweifellos von Nöten, um sich
über Blogs selbst darzustellen, wobei dies auch viele unter Pseudonymen tun. Es könnte aber sein,
dass aktive Teilnahme am wissenschaftlichen Diskurs in Form von kurzen Internetpublikationen
und Kommentaren (Skywriting im Sinne von Harnad 1990) bald zum sozial erwünschten und ho-
norierten wissenschaftlichen Alltag gehört.
2.2.5 Microblogging als neuer
Kommunikationskanal der Wissenschaft?
Unter Microblogging werden Soziale-Netzwerk-Dienste zusammengefasst, die es den Teilnehme-
rInnen ermöglichen, Kurznachrichten in Echtzeit, d. h. mit nur minimaler Zeitverzögerung, über
das Internet an Interessierte zu verschicken. Der Inhalt der Nachrichten reicht von sogenannten
Statusmeldungen („Wo bin ich?“, „Was tue ich?“), über Hinweise auf andere Internetquellen
(„Kennen Sie schon…?) bis zu Kommentaren zum Geschehen auf der Welt, in der eigenen Um-
welt, der Politik usw. Die Abfolge der Meldungen wird chronologisch in einem Blog, also einer
Art Online-Tagebuch dargestellt. Während es mehrere derartige Dienste gibt25, die teilweise auch
in umfassenderen Plattformen integriert sind, etwa auf Facebook oder Academia.edu (siehe oben
Abschnitt 2.2.1), ist der 2006 online gegangene Spezialdienst Twitter26 wohl das bekannteste Bei-
spiel. Hier ist die Nachrichtenlänge der sogenannten „Tweets“ auf 140 Zeichen beschränkt, was
teilweise zu einer Kürzelsprache27, teilweise aber auch zu einer extremen Kondensierung der mit-
geteilten Gedanken führt (während das Aufteilen auf mehrere Tweets eher unüblich ist). Meldun-
gen erreichen, je nach persönlichen Einstellungen, entweder nur jene anderen Twitter-NutzerIn-
nen, denen man es gestattet hat, oder aber, was der häufigere Fall ist, alle, die Interesse haben, ei-
nem zu „folgen“. Man kann entweder der „public timeline“ folgen, d. h. alle von Twitter-Nutze-
rInnen weltweit verschickten „Tweets“ lesen, oder, was die Regel ist, einer ausgewählten Gruppe,
die man gleichsam abonniert. Weiters ist es möglich nach bestimmten, von den Twitter-Auto-
rInnen explizit ausgezeichneten Stichworten, den sogenannten „hashtags“, zu suchen und damit
thematisch gruppierte Meldungen zu lesen. Der Lese- und Schreibzugriff auf Twitter erfolgt nach
Einrichtung eines persönlichen Accounts (der durchaus auch ein Pseudonym sein kann) über ein
Webinterface, es gibt aber auch für mobile Geräte (Telefon, PDA) Applikationen, die es ermögli-
25 Z. B. identi.ca; www.jaiku.com; www.yammer.com; www.plurk.com.
26 twitter.com.
27 So gibt es etwa eine Reihe von Diensten, um die oft langen URLs auf wenige Zeichen zu kürzen, damit sie
im Rahmen der 140 Zeichen noch kommentiert werden können, z. B. snurl.com.
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437.51 KB · Uploaded Jan 26, 2012 by Michael Nentwich

